Smaragdnachtmahr

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„Sie sehen, meine Damen und Herren, dass jener vermeintliche Geisterkönig Naimash letztlich nur das Ergebnis einer kollektiven Psychose ist. Es handelt sich hierbei offensichtlich um einen Versuch der menschlichen Psyche, das Ungewöhnliche und Erschreckende in einen Rahmen zu bannen, welcher auch ohne tiefgreifende Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten der Natur Sinn und Ordnung in die eigene Lebensumwelt zu bringen vermag.“

Konrad Kruspe blickte zufrieden in die Reihen des gut gefüllten Auditoriums. Es war wieder jene Zeit des Jahres, am Ende des Herbstes, da der sich ankündigende Smaragdmond die Menschen mit Faszination und Schrecken erfüllte. Eine Vorlesung zum Brauchtum und den kulturellen Ursprüngen der Smaragdnacht zu halten, bedeutete gut gefüllte Vorlesungssäle und diese waren das erklärte Ziel des eitlen Dozenten der Brennbacher Akademie der Wissenschaften. Sich eines weiteren Sieges über den Aberglauben des gemeinen Volkes sicher seiend strich er sich über den spitzen Kinnbart und blickte gedankenverloren in den grauen Tag, welcher sich jenseits der großen Auditoriumsfenster über die Welt gelegt hatte. Indes wurde der Saal erfüllt vom Flüstern der Menschen, deren Angst von den Ausführungen des Gelehrten noch immer nicht so recht beseitigt wurde.

„Und nun…“, hob er erneut an zu sprechen, den Blick wieder in diffuser Weise über die Zuhörerschaft gleiten lassend, „…stehe ich dem interessierten Publikum natürlich für Fragen zur Verfügung.“

Das Flüstern wurde lauter und erfüllte den Saal nun mit einem deutlich zu vernehmenden und doch heterogen unverständlichen Murmeln. Da erhob sich ein wohlbeleibter Mann auf der linken Flanke und sprach: „Ihnen ist sicher der alte Brauch bekannt, am Tage des Smaragdmondes Kerzen auf den Friedhöfen aufzustellen um den Verstorbenen zu gedenken. Handelt es sich dabei, Ihrer Meinung nach, um einen Ritus, welcher in direktem Zusammenhang mit dem eigentlichen Ereignis steht oder ergab sich hierbei lediglich im Laufe der Zeit eine zufällige Überlagerung?“

Ohne den Fragenden eines Blickes zu würdigen schloss der Professor die Augen und bemerkte trocken: „Wie Sie alle wissen, hält sich auch in unseren modernen Zeiten noch immer hartnäckig der Aberglaube, dass Lichter den Seelen der Toten ein einfacheres Hinübertreten in das Jenseits ermöglichen. Es ist hierbei recht einfach ersichtlich, dass ein mit diesem Glauben verbundener, möglicherweise zeitlich nicht einmal fest datierter Ritus im Laufe der Jahrhunderte auf die Smaragdnacht fiel, da, wie der Volksmund vielerorts bekundet, in jener Nacht und den fünf ihr vorangehenden Tagen allerlei übernatürliche Wesenheit umgehen würden, was auch die Seelen der Verstorbenen einbezieht. Dahingehend ist ein eigentliches Trauerritual im Laufe der Zeit offensichtlich auch zu einem Mittel zur Überwindung der Furcht vor unverständlichen Naturereignissen geworden.“

Erneut ging ein Murmeln durch den Saal. Hier und da war zu vernehmen, wie der eine oder andere über Begegnungen mit übernatürlichen Wesen zu berichten wusste, welche ihm von Bekannten oder fernen Verwandten zugetragen wurden. Kruspe erkannte, dass ihm die Aufmerksamkeit des Publikums entglitt und beschloss, ohnehin am Ende seiner Ausführungen angekommen, die Vorlesung zu schließen. Ein letztes Mal hob er an zu sprechen und bemerkte: „Werte Damen und Herren, Sie sehen, die so genannte Smaragdnacht und die mit ihr verbundenen Riten sind nicht mehr als Aberglaube, befeuert von jenen, welche sich an den Sorgen des einfachen Volkes zu bereichern wünschen. Jegliche empirischen Beweise sprechen gegen die Existenz übernatürlicher Begebenheiten. Mir lauerte zumindest in den langen Jahren meines Lebens noch kein Buhmann in finsteren Ecken auf.“

Ein entspanntes Lachen ging durch den Saal und Kruspe war gerade im Begriff seine Unterlagen in seine Tasche zu befördern, da trat eine eigentümlich gekleidete Gestalt, welche sich in einem dunklen Winkel des Saales verborgen hielt, hervor. Zunächst beachtete der Dozent den Mann, welcher sich unter einem langen Ledermantel und einem breiten Krempenhut verbarg, nicht weiter,

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doch dieser richtete grimmig das Wort an ihn.

„Werter Herr Scholar, es ist offensichtlich, dass du in keinster Weise weißt, wovon du hier sprichst.“

Da wanderten die Augen des Gelehrten durch den Saal, den Schuldigen zu finden, der in ihn in einfältiger Weise zu beleidigen suchte. Gerade hatte er den Fremden, welcher langsamen Schrittes den Gang zwischen den Sitzreihen nach vorne trat bemerkt, als dieser weiter sprach. „Es ist ja auch kein Wunder, dass ihr hier gleich der Made im Speck vor euch hin vegetieren könnt. Die Hexenjäger und Exorzisten haben alle Hände voll zu tun, die Realität dort draußen von euch Schnöseln fernzuhalten.“ Der Fremde verschränkte die Arme und ließ den Blick abwertend über die verunsicherten Zuhörer wandern.

Dem Scholaren war schnell klar, um was für ein Person es sich dort handelte. Mit gehobener Augenbraue und ruhigem Ton bemerkte er: „Mir scheint, heutzutage ist man nicht einmal in diesen ehrwürdigen Hallen vor derlei Hausierern und Scharlatanen gefeit. Sie sind hier gänzlich falsch Herr Hexenjäger. Sollten Sie nicht einem verwitweten Mütterchen in einem der umliegenden Dörfer etwas Räucherwerk verkaufen?“

Die Menge amüsierte sich über die Bemerkung des Scholaren, doch der Hexenjäger blieb unbeeindruckt. „Ihr in euren Elfenbeintürmen habt die Verbindung zum Leben verloren. Während draußen die Menschen in Furcht leben müssen, sitzt ihr euch hier die Ärsche wund und diskutiert über die Existenz von Dingen, die für die einfachen Menschen bitterer Ernst sind. Versteckt hinter Siegeln und Schutzzaubern debattiert ihr, ob der Himmel nun hellblau oder dunkelblau ist und lacht noch über jene, die euch euer Leben ermöglichen.“ Im Zorn spuckte der Hexenjäger verächtlich auf den hölzernen Boden des Saales.

Kruspe wurde indes die Frechheit des Fremden zu viel und lautstark wies er die Wachen an, jenen Störenfried, der sich nicht zu benehmen wusste, aus dem Saal zu entfernen. Dieser schnaufte noch einmal in verächtlicher Weise und stampfte zurück zum Ausgang des Saals, wo eine ebenfalls ungewöhnlich gekleidete Frau bereits auf ihn wartete. Kurz warfen sie einander Worte zu, zu leise jedoch, als dass der Scholar sie vernehmen konnte, und traten aus dem Saal. Lächelnd konnte Konrad Kruspe seine Vorlesung schließen.

Der Tag strebte seinem Ende entgegen, als Kruspe auf dem Weg in die heimische Gemütlichkeit auf dem Friedhof Brennbachs Halt machte. Deplatziert wirkte dieser von Mauern umschlossene Ort der Ruhe, an dem die Natur einen letzten Halt in diesem Moloch aus Stein, Metall und Rauch gefunden hatte. Das Gewirr aus Wegen, welches an alten Weiden vorbei zwischen Grabsteinen und Krypten hindurch führte war trotz der späten Stunde in warmes Licht getaucht durch unzählige Kerzen, welche die Menschen den Toten zu Ehren aufgestellt hatten. Doch wenn der Friedhof auch des Tags von besorgter Bürger Scharen angefüllt war, so verwiesen nun nur noch die flackernden Lichter auf die einstige Anwesenheit der Gäste. Der Gelehrte wusste, dass zu dieser späten Stunde niemand mehr freiwillig an diesem Ort umher zu wandeln wagte und schritt, zufrieden ob der ihn umgebenden Ruhe, zielstrebig durch die Nekropole.

Kreuz und Quer führte ihn sein Weg, bis er in einem abgelegenen Winkel, von Bäumen und Sträuchern umsäumt ein einzelnes Grab erreichte. Behütet von der Statue einer jungen Frau harrte, bar jeden Schmuckes, die Ruhestätte auf einen Besucher, welcher sie in diesem düsteren Eckchen zu finden vermochte. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hielt Kruspe hier inne, betrachtete das verwitterte Grab mit nachdenklicher jedoch nicht betrübter Miene. Gänzlich ungerührt begann er mit dem Totenbett zu sprechen: „Sie an, ein weiteres Jahr ist vergangen und wieder begegnen wir uns hier. Was nutzen den Toten Monumente? Verzweifelt klammern wir uns an Vergangenes.“

Der Blick des Dozenten glitt über die umliegenden von Lichtern gesäumten Gräber. Die letzten Strahlen der Sonne entschwanden am fernen Horizont und der Friedhof glitt hinüber in eine mystische Stimmung, genährt von warmen Flämmchen und tanzenden Schatten. Doch Kruspe langweilte die menschenleere Totenstadt. Erneut galt sein Blick dem nun im Dunkel versunkenen, einsamen Grab. Mit fester Stimme hob er an zu sprechen:

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„Aus dem Staub sind wir geboren und in den Staub kehren wir zurück. Nicht mehr. Was liegt an einem Menschenleben in jenem toten Kosmos? Vergebens sind des Herzens Illusionen.“

Ein kalter Hauch strich über den Friedhof und fröstelnd vergrub Kruspe den Kopf im weiten Kragen seines Mantels. Es war Zeit zu gehen, denn bald würde der Wächter die Tore verschließen. Kehrtmachend glitt sein Blick unbewusst noch einmal über die erhellten Gräberreihen, von denen her einige undeutliche zu erkennende Gestalten aus den Schatten heraus das Treiben des Scholaren zu beäugen schienen.

„Jene sind aber auf die letzte Minute erschienen“, dachte er für sich und ging eilenden Schritts Richtung Ausgang. Dort erwartet ihn bereits der Wächter, welcher im Begriff war, die schweren Eisentore zu schließen.

„Ah, da ist ja der Herr Dozent. Nun da Sie hier sind, kann ich endlich schließen.“

Beide traten hinaus, da bemerkte Kruspe: „Warten Sie. Ein paar Bummelanten waren noch auf dem Gelände.“

Der Wächter lachte und drückte das schwere Tor zu. Den Schlüssel im Schloss umdrehend erwiderte er: „Sie sind mir ja einer. Ich stehe schon seit Stunden hier und glauben Sie mir, Sie waren nun wirklich der letzte Besucher. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, doch so leicht lasse ich mich nicht foppen.“

Kruspe dachte daran, dass es wohl nur die tanzenden Schatten waren, welche er gesehen hatte. Das menschliche Auge war einfach nicht für ein solches Zwielicht geschaffen. So verabschiedete man sich und ging auf unterschiedlichem Wege nach Haus. Die Straßen waren fast ausgestorben. Nur hier und da eilten einige Kostümierte im Licht der Laternen umher. Verächtlich dachte der Gelehrte über jenen wieder modern gewordenen Brauch, sich in der Smaragdnacht in kostümierter Weise zum fröhlichen Beisammensein einzufinden, in der Hoffnung die vermeintlichen Schrecken jener Nacht mit Jux und Tollerei überwinden und die umgehenden Kreaturen an der Nase herumführen zu können. Am Himmel war der Mond indes bereits daran, sich langsam über die Dächer der Häuser zu erheben. Noch entsandte er das altbekannte silberne Licht zur Erde, doch schon bald würde die eigentliche Smaragdnacht anbrechen und der Mond in einem kränklich grünen Schleier versinken.

Da die kühle Nachtluft ihm zunehmend in die Glieder stieg, beschleunigte Kruspe seine Schritte, wohl wissend, dass er bald die Heimstatt erreichen würde. Hier und da bemerkte er in der Peripherie seines Blickfelds einige seltsame Gestalten, welche mit fahlen Gesichtern aus den düsteren Winkeln verworrener Seitengassen die Straße betrachteten. Er hatte bereits gehört, dass manch kriminelles Subjekt die Wirren dieser Nacht ausnutzte, um maskiert die redlichen Bürger um ihre Habe zu erleichtern. Ob es sich bei jenen in den Gassen nun um derlei Abschaum der Gesellschaft handelte oder lediglich um einige Feiernde, die sich einen Scherz mit ihren Mitbürgern erlaubten, wollte er an dieser Stelle gar nicht erst herausfinden und so war er stets bestrebt, gut sichtbar im Licht der Laternen zu gehen.

Während die Dunkelheit die einfachen Passanten verscheuchte, schien sie Regimenter der Stadtwache und allerlei umher eilende obskur gekleidete Gestalten auf den Plan zu rufen, welche der Gelehrte schnell als Hexenjäger und Exorzisten zu identifizieren wusste. Die frische Nachtluft wurde indes erdrückt vom schweren Geruch verbrannter Kräuter. Hier und da hörte man undeutliche Rezitationen von alten Gebeten und geheimen Bannsprüchen. Erst jetzt bemerkte er, dass trotz der scheinbar ausgelassenen Stimmung doch allerlei obskure Zeichen, Siegel und Glücksbringer die Türen der Häuser schmückten, hinter denen sich die Bürger in Sicherheit wiegend ihren Festivitäten hingaben.

„Alberner Mummenschanz…“, dachte Kruspe beim Anblick des absonderlichen Treibens und setzte seinen Weg fort.

Bevor der Mond im Zenit zu stehen begann, erreichte Konrad Kruspe das heimische Anwesen. Finster war es im Haus, denn Romuald, der Diener, welcher seit Jahren für den Gelehrten arbeitete, war aufgrund eines plötzlichen Todesfalls in seiner Familie in seine alte Heimat gereist.

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Während der Scholar die Lampe im Flur des Hauses entzündete und den Mantel an die Garderobe hing, wurde ihm plötzlich die ungewöhnliche Stimmung bewusst, welche im Haus Fuß gefasst hatte. Für gewöhnlich war in jenen Nächten die Luft vom Geruch verbrannter Kräuter erfüllt und der Hausherr war kaum imstande, sich durch das Gebäude zu bewegen, ohne an jeder Ecke über Siegel, Bannkreise und Schutzsymbole zu stolpern. Romuald war ein abergläubischer Mann und die nahende Smaragdnacht wusste ihn in jedem Jahr aufs Neue in helle Aufregung zu versetzen. Wenngleich Kruspe das Treiben seines Dieners stets mit skeptischer Ablehnung betrachtete, war er doch bereit über solcherlei Possen hinwegzusehen, da Romuald seinen Dienst ansonsten doch immer gewissenhaft zu versehen wusste. Auch arbeitete der Alte bereits im Haus, als es noch den Eltern gehörte und Konrad als kleiner Junge durch die Gänge tobte. Schon damals ging er zur Smaragdnacht seinen absonderlichen Verhaltensweisen nach, welche ihm jedoch mit einem Lächeln von den Eltern nachgesehen wurden.

Nachdenklich schlich der Gelehrte in das Wohnzimmer, sich über den Aberglauben seines abwesenden Dieners amüsierend. So viele Smaragdnächte hatte er schon miterlebt und nie hatte er auch nur im Ansatz etwas ungewöhnliches gesehen oder gehört. Glücklich über die Stille, die in diesem Jahr im Haus herrschte, entzündete Kruspe den Kamin und nahm in seinem alten, schweren Sessel Platz, um endlich durch die wärmenden Flammen den Frost aus seinen Gliedern zu verbannen. Unfähig sich tiefgreifenden Gedanken zu widmen, wanderte Kruspes Blick durch das Wohnzimmer. Die Schatten des Interieurs wandten sich im Licht des Feuers und es verbreitete sich im trauten Heim des Gelehrten eine Stimmung, wie er sie bereits auf dem von Kerzen erhellten Friedhof erlebte. Noch einmal gedachte er der Schauergeschichten, welche man mit dieser Nacht verband, dabei unsicher die finsteren Ecken des Zimmers prüfend. Doch schnell wusste er sich wieder zu fassen und all jene Erzählungen als Aberglauben zu erkennen.

Dann jedoch blieb sein wandernder Blick an jenem kleinen Tisch hängen, der fast vergessen neben einem Fenster des Raumes stand. Zwar konnte er im Dunkel kaum etwas erkennen, doch war dies auch nicht nötig. Stand auf dem Tisch doch das Bild von Elise, seiner Frau, welche sich vor Jahren, als Konrad gerade an die Akademie berufen wurde, das Leben genommen hatte. Einst prangte das Bild auf dem Sims des Kamins und Kruspe blickte in jeder freien Minute mit tränenschwerem Auge hinauf zu der blonden, jungen Schönheit, deren sanfte Stimme nie mehr in jenen Räumen hallen würde. Doch lange ist dies her und all die zärtlichen Gedanken waren hinfort gespült vom beständigen Strom der Zeit. Heute gedachte er nur noch der schweren Zeit an der Akademie, als er die Tage gänzlich in der Akademie verbrachte und mit harter Arbeit die Anerkennung der Gelehrten zu erringen suchte. Die Strapazen der Forschung forderten bereits ihren Tribut und dann musste diese Egoistin ihn auch noch allein lassen.

Wahren die Erinnerungen auch fast alle verblasst, so spukte ein Gedanke jedoch noch immer in seinem Kopf umher. Jenes Geräusch, welches er vernahm, als er in das dunkle Schlafzimmer trat. Jenes Geräusch eines leblosen Körpers, welcher, angestoßen durch den Luftzug eines offenen Fensters, an einem Strick hin und her schwang. Verfolgt vom Geräusch des Strickes war Kruspe unfähig jenen Raum wieder zu betreten und so befand sich das Zimmer noch immer im gleichen Zustand wie einst, nun jedoch begraben von Staub und, so dachte der Gelehrte bis jetzt, vergessen für alle Zeiten.

Gerade war er im Begriff sich erneut zu fassen und die Gedanken auf wichtigere Dinge zu lenken, da drang das kränklich grüne Licht des Smaragdmondes durch die Fenster und erhellte die zuvor dunkle Ecke des Raumes, das Bildnis Elises mit einem solch befremdlichen Leben erfüllend, dass Kruspe sich erhob und die Vorhänge schloss. Erneut versank es in Finsternis und Vergessen, als der Gelehrte die Lampe nahm und hinaus in den Flur trat, auch die anderen Räume vor dem Licht des Mondes zu schützen. Nach Vollendung seines Rundganges durch das Haus kehrte Kruspe zufrieden zurück in das Wohnzimmer und hoffte, Romuald würde bald wieder da sein und dem Gelehrten das lästige Verschließen der Vorhänge ersparen.

Müde stellte er die Lampe auf den Beistelltisch und nahm wieder Platz im gemütlichen alten Sessel

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vor dem Kamin. Nun da das beunruhigende grüne Licht verbannt war, kehrte etwas Ruhe in die angespannte Psyche des Scholaren und die Strapazen eines langen Tages an der Akademie forderten ihren Tribut. Die Flammen des Kamins fixierend bemächtigte sich die Erschöpfung seines Körpers und kaum vermochte er es, seine Augen offen zu halten. Ein letztes Bild zeigte sich dem entschlummernden Gelehrten und in seiner geistigen Umnachtung schien es ihm fast, als würde das Bild Elises erneut auf dem Sims des Kamins neben der alten Uhr stehen. Doch er war nicht mehr fähig darüber nachzudenken und sank hinüber ins Reich der Träume.

Schnell und unbemerkt vergingen die Stunden und der Tag hatte sein Ende gefunden, als ein lautes Pochen Kruspe aus seinem wohlverdienten Schlummer auffahren ließ. Schlaftrunken schaute er sich im Zimmer um, da traf sein Blick wieder den Sims des Kamins mit der alten Uhr. Zufrieden stellte er fest, dass er sich das Bildnis Elises dort oben nur eingebildet hatte. Da erschallte erneut jenes laute Geräusche, welches er nun als Pochen an der Eingangstür zu erkennen wusste. Die Uhr zeigte an, dass es bereits Zwölf geschlagen hatte.

„Wer wünscht mich zu jener späten Stunde zu sprechen?“, dachte der Gelehrte und erhob sich aus dem Sessel. Gerade war er im Begriff die Lampe vom Beistelltisch zu greifen, da erschrak er fürchterlich, einige Schritte zurück taumelnd. Prangte doch neben der derselben das Bildnis Elises, als wäre dies sein angestammter Platz und nicht jene dunkle Ecke des Zimmers, in die er es einst verbannte. Kruspe versuchte zu verstehen, wie das Bild ohne seine Zutun die Position wechseln konnte, doch ein erneutes Hämmern an der Eingangstür unterbrach seine gedanklichen Eskapaden. Ein Gast, welcher zu solch später Stunde um Einlass bat, musste ein wichtiges Anliegen haben und so nahm er die Lampe an sich und trat hinaus in den Flur.

Erneut pochte es gegen die Tür und Kruspe war verunsichert, ob es wirklich weise wäre, zu öffnen. Konnte doch so mancher Unhold auf der anderen Seite warten. Andererseits konnte es sich in der Tat auch um einen Fall höchster Dringlichkeit handeln, der seiner Person bedurfte. Ja, vielleicht war es sogar Romuald, welcher früher als erwartet die Heimreise angetreten hatte.

Letztlich siegte die Neugier und Kruspe öffnete die Eingangstür einen Spalt, dabei zur Absicherung jedoch die Kette verschlossen lassend, welche ein gänzliches Öffnen der Tür verhinderte. Im grünen Zwielicht der Nacht harrte eine hagere Gestalt, gehüllt in einen schwarzen Mantel und auf dem Kopf etwas tragend, was einem viel zu hohen und in der Mitte eingeknickten Zylinder glich. In der linken Hand hielt sie eine große Ledertasche, die Rechte stützte sich auf etwas, was wohl ein krummer Spazierstock sein mochte.

Kruspe hatte Schwierigkeiten die Gestalt richtig zu erfassen, doch dann fasste er Mut und sprach: „Was wollen Sie? Warum wecken Sie mich zu dieser späten Stunde?“

Plötzlich trat die Gestalt in einer solch ruckhaften Bewegung auf die Tür zu, dass Kruspe vor Schreck von der Tür zurückwich. Da hielt der Fremde jedoch inne, klemmte den Spazierstock unter den Arm und zog mit einer tiefen Verbeugung den Hut vor dem Gelehrten.

„Verzeihen Sie.“, begann der Fremde mit einer tiefen, kratzigen Stimme zu sprechen. „Es bereitet mir größtes Unbehagen zu jener nachtschlafenden Zeit ihre wohlverdiente Ruhe zu stören, doch befinde ich mich in einer überaus misslichen Lage.“

Langsam erhob sich der Fremde wieder und setzte den geknickten Hut auf den Kopf. Kruspe dachte bei sich, dass es sich bei dem Fremden wohl nicht um einen Einbrecher handelte, pflegten diese sich doch nicht vorzustellen, doch so recht traute er dem Ganzen noch nicht. Vorsichtig trat er wieder zur Tür und blickte hinaus, wo er den Fremden im Schein seiner Lampe nun etwas besser erkennen konnte. Sein Gesicht war hager und blass, bespannt von einer schlaffen Haut. Er musste wohl schon recht alt sein, was auch seine Stimme nahelegte. Lange, dunkle und vermutlich seit einiger Zeit nicht gewaschene Haare umrahmten sein Gesicht. Die Augen jedoch lagen verborgen hinter einer Brille mit schwarzen Gläsern, durch die nicht ein einziger Lichtstrahl zu dringen vermochte.

Die zerlumpte Gestalt vor der Tür musternd kam dem Gelehrten plötzlich in den Sinn, wen er da vor sich hatte und erbost bellte er hinaus: „Hören Sie, ich habe kein Interesse an ihrem Aberglauben und Mummenschanz. Weder will ich Kräuter kaufen, noch Siegel an meinem Haus angebracht

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wissen. Gute Nacht, mein Herr!“

Gerade wollte er die Tür schließen, da klemmte der Fremde den Stock in den letzten Spalt und vereitelte so Kruspes Plan. Erneut begann er zu sprechen: „Mein Herr, mir scheint, hier liegt eine Verwechslung vor. Mir liegt kein Interesse an den von Ihnen genannten Dingen.“

Misstrauisch kniff Kruspe die Augen zusammen und forderte den Fremden auf, sich zu erklären.

„Nun“, begann dieser seine Ausführungen und streckte ihm mit seinen dürren Fingern eine kleine Karte entgegen, „meine Name ist Samuel Hainburgh, Forscher von Beruf. Das Anliegen, welches mich zu Ihnen führte ist so banal, wie es mir doch auf persönlicher Ebene auch wichtig ist, denn, sehen Sie, als ich mich gerade auf einem nächtlichen Spaziergang befand, den Smaragdmond zu bewundern, da ist mir doch Schleicher, mein nichtsnutziger Vierbeiner davongelaufen. Schon seit Stunden versuche ich ihn wiederzufinden, jedoch, wie Sie wohl bereits vermuten, ohne Erfolg. So verzweifelt bin ich mittlerweile, dass ich begann die Ruhe der Anwohner zu stören, wohl wissend, dass dergleichen weit von jeglichem gebührlichen Verhalten entfernt ist. Sie sehen also…“

Plötzlich hielt der Fremde inne und musterte Kruspe sehr genau, welcher gerade im Begriff war, die Karte zu begutachten. Dann begann er erneut zu sprechen:

„Sie sind nicht zufällig Konrad Kruspe, Dozent an der wissenschaftlichen Akademie von Brennbach?“

Kruspe runzelte nachdenklich die Stirn und ließ die Karte in eine Tasche seiner Hose gleiten.

„Und wenn dem so wäre?“

Der Fremde klemmte erneut den Stock unter den Arm und rückte die Brille zurecht.

„In dem Fall bedaure ich noch weit mehr, dass ich zu dieser Stunde ausgerechnet an jene Tür klopfen musste, den Schlaf eines genialen Wissenschaftlers unterbrechend. Ihre heutige Vorlesung war sehr erhellend. Wenngleich ich mich doch sehr über jenen Herren wundern musste, welcher sich am Ende noch in solch unpassender Weise aufspielen musste.“

Es dauerte einen Moment, doch dann gelang es Kruspe, die Anspielung des Fremden zu verstehen. Hatte er doch längst wieder den einfältigen Hexenjäger vergessen, den er des Saales verwies. Es schien, er war tatsächlich in seiner Vorlesung gewesen. Allein so ganz konnte er dem Fremden noch nicht trauen. So bemerkte er: „Sie müssen zugeben, dass es doch recht ungewöhnlich ist, zu dieser Stunde und in jener Nacht draußen umher zu wandern.“

Der Fremde lächelte und erwiderte: „Mitnichten! Gerade in jener Nacht muss man die Atmosphäre des grünen Mondes genießen. Sieht man dergleichen ja nur ein mal jährlich. Und ich muss gestehen, dass ich für gewöhnlich nicht die Möglichkeit habe, so frei umher zu wandern.“

Kruspe entspannte sich ein wenig und entgegnete: „Ja, dergleichen ist mir bekannt. Die Arbeit weiß einen wirklich zu fesseln. Doch fürchten Sie nicht, irgendwelchen unlauteren Gestalten zu begegnen?“

„Ach bitte. Die Wachen in dieser Stadt wissen die Schurken schon im Zaum zu halten und all die anderen Dinge, derer man in dieser Nacht angeblich begegnen können soll, sind, wie Sie ja trefflich auszuführen wussten, nur Aberglaube.“

Beim letzten Wort des Satzes schien der Fremde den Gelehrten besonders zu fixieren. Unsicher rang er mit sich, war der Fremde ihm doch nicht gänzlich geheuer. Zugleich schien von dieser etwas derangierten Gestalt aber keine ernste Gefahr auszugehen, denn was vermochte ein solch alter Mann schon anzurichten. Unvermittelt drang ein eigentümlicher Gedanke in Kruspes Geist. Wenn der Fremde in Gelehrter war, so konnte er womöglich einige interessante Dinge erzählen. Auch wollte er nicht wieder mit der Leere des Hauses allein gelassen werden.

So hob er an zu sprechen: „Mir scheint, ich habe mich in Ihnen getäuscht. In Anbetracht der ungewöhnlichen Umstände und des überaus kalten Wetters wäre es womöglich angebrachter, würden wir unsere Unterhaltung bei einer Tasse Tee fortführen.“

Vorsichtig öffnete er die Kette an der Tür und öffnete diese. Der Fremde lächelte freundlich, so gut ihm dies mit seiner desolaten Erscheinung möglich war, entblößte seine krummen, gelben Zähne und sagte: „Mein Herr, dies wäre mir sowohl eine große Ehre wie auch Freude.“

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Die Tür stand offen und Kruspe trat zu Seite, um dem Gast Einlass zu gewähren, doch dieser verharrte lächelnd vor der Türschwelle. Etwas irritiert kratze sich der Gelehrte am Kopf um dann mit einem Schwenk des rechten Armes den Fremden herein zu bitten. Erst jetzt trat die seltsame Gestalt, gestützt auf den krummen Gehstock, herein.

Den Gast in das Wohnzimmer an den wärmenden Kamin führend, bemerkte Kruspe, dass der Fremde ausgesprochen schief zu gehen schien und er kombinierte schnell, dass dieses körperliche Leiden wohl der Grund für die Benutzung der Gehhilfe war. Auch verströmte er einen eigentümlich muffigen Geruch, den Kruspe jedoch dem Mantel zuschrieb, welcher sich in einem recht lädierten Zustand befand.

Unwillig, sich zu viele Gedanken ob der absonderlichen Erscheinung seines Gastes zu machen, bedeutete er selbigem, vor dem Kamin Platz zu nehmen. Indes bereitete er in der Küche den Tee zu. Während das Wasser im Kessel langsam zu kochen begann erinnerte sich Kruspe an die Vorlesung und er versuchte angestrengt, sich erneut die Menge ins Gedächtnis zu rufen, welche ihm lauschte. Sein Gast wäre ihm zwischen den gewöhnlichen Bürgern sicher aufgefallen. Da er jedoch seinem Publikum für gewöhnlich keine große Aufmerksamkeit zu schenken pflegte, wollte ihm die Erinnerung an konkrete Zuhörer nicht gelingen. Lediglich der vorlaute Hexenjäger blieb ihm im Gedächtnis.

Der Tee war nun bereitet und so kehrte der Gelehrte in das Wohnzimmer zurück, wo sein Gast auf einem Stuhl vor dem Kamin saß und durch die nachtschwarzen Gläser seiner Brille in die Flammen starrte.

„Ich hoffe, das Warten langweilte Sie nicht allzu sehr.“, sprach Kruspe und platzierte das Kännchen und die Tassen auf dem Beistelltisch zwischen seinem Sessel und dem Stuhl des Gastes. Der Fremde wandte ihm den Kopf langsam zu und bemerkte: „Mitnichten. Die Flammen wussten meine müden Glieder mit ihrer Wärme erneut zu beleben.“

Der Gelehrte füllte die Tassen und setzte sich in seinen Sessel. „Sie sind also ebenfalls Forscher?“, fragte er seinen Gast, der indessen die Tasse mit seinen knochigen, dürren Fingern zum Mund führte. Verwundert sah Kruspe mit an, wie der Fremde genüsslich einen tiefen Schluck des Tees nahm, welcher eigentlich noch viel zu heiß sein musste. „Vorzüglich!“, sprach der Fremde und setzte die Tasse wieder ab. „Um ihre Frage zu beantworten: Ja, ich bin ebenfalls ein Forscher, wenngleich ich mich anderen Themenbereichen widme.“

Es schien, der Tee war doch bereits stärker abgekühlt, als er es zunächst vermutet hatte. „Welchem Bereich widmen Sie sich denn, wenn nicht kulturellen Belangen?“, sprach er und nahm ebenfalls einen tiefen Zug aus seiner Tasse, während er neugierig zu seinem Gast hinüber blickte, den Dampf des Getränks nicht beachtend.

„Des Menschen Geist und Emotion stehen gewissermaßen im Zentrum meines Interesses.“, entgegnete der Fremde und hob die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln. Währenddessen machte Kruspes Zunge die überaus unangenehme Bekanntschaft mit dem heißen Tee und fast wäre ihm die Tasse entglitten. Schnell stellte er das Getränk wieder ab, in der Hoffnung, durch wildes Atmen die taube Zunge etwas beruhigen zu können. Der Fremde beachtete Kruspes verzerrtes Gesicht gar nicht und blickte weiter in die Flammen.

Als der Gelehrte sich wieder gesammelt hatte, konnte er nicht umhin den Fremden zu mustern. Nun konnte er den seltsam krummen Stock, den er noch immer in seinen Händen hielt, auch besser erkennen und schnell fiel ihm der große, grüne Edelstein auf, der in den Kopf desselben eingelassen war und dessen wunderschöner Glanz in hartem Kontrast zur sonstigen Erscheinung der zerlumpten Gestalt stand.

Dann wandte er sich dem Gesicht des Fremden zu, in der Hoffnung, einen Blick auf dessen Augen erhaschen zu können. Doch die langen Haare verdeckten die Seiten der Sehhilfe und die Gläser waren scheinbar gänzlich lichtundurchlässig. Da fuhr ihm ein kalter Schauer den Rücken hinab. Denn wenngleich der Fremde seinen Blick auf die Flammen gerichtete hatte, schien es ihm doch, als würde er ihn die ganze Zeit durch die finsteren Gläser hindurch anstarren. Ein leichtes Zittern

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ging nun durch seine Hand und um sich zu beruhigen wandte er den Blick von der bleichen Gestalt ab und blickte nun ebenfalls in die beruhigenden Flammen.

Um die Unterhaltung am Laufen zu halten, wandte sich Kruspe nun dem entlaufenen Tier zu. Er räusperte sich, noch immer die schmerzende Zunge spürend und fragte nach: „Ihnen ist also Ihr Hund entlaufen. Können Sie ihn den beschreiben, für den Fall, dass ich ihm zu späterer Zeit noch begegne.“

Endlich wandte der Fremde Kruspe seinen Kopf zu, während das Lächeln durch einen ärgerlichen Gesichtsausdruck gewechselt wurde.

„Dieses närrische Tier. Da gibt man einmal nicht Acht und schon ist es auf und davon. Ich werde mir eine entsprechende Strafe für ihn ausdenken müssen.“

Er stampfte mit dem Stock auf den Boden und wandte sich dann mit entspannter Miene wieder den Flammen zu.

„Beschreiben soll ich ihn. Ach, was soll ich groß über ihn vermelden, meinen Schleicher. Vier Beine hat er, einen Kopf und einen Schwanz. Eigentlich ein recht gewöhnlicher Geselle. Sie werden ihn sicher schon erkennen, wenn Sie ihn sehen. Allein schon, da in dieser Gegend vermutlich nicht sonderlich viele herrenlose Tiere umher streifen.“

Kruspe nickte, war jedoch über diese überaus banale Umschreibung etwas verwundert. Erneut drehte sich der Gast um und ergänzte mit erhobenem Zeigefinger: „Eines kann ich Ihnen jedoch über ihn verraten. Mein Schleicher sieht ausgesprochen schlecht, dafür ist ihm ein überaus feines Gehör eigen.“

Da erblickte der Fremde das Bild Elises, welches noch immer auf dem Tisch stand.

„Wenn ich fragen darf, wer ist denn dieses schöne Wesen.“, fragte er, auf das Bild zeigend.

Unangenehm berührt erklärte der Gelehrte: „Es handelt sich hierbei um das Bildnis meiner verstorbenen Gattin Elise.“

Vorsichtig strich der Fremde mit einem seiner langen Fingernägel über Elises Gesicht.

„Ein Jammer.“, bemerkte er mit enttäuschter Stimme. „Doch ich bin mir sicher, das Fräulein hat an der Seite eines solch großen Wissenschaftlers ein erfülltes Leben gehabt.“

Kruspe schwieg, war es ihm doch zutiefst unangenehm, über die vergangenen Ereignisse nachzudenken. Der Fremde trank indes weiter seinen Tee.

„Wissen Sie“, sprach er weiter, „die eigentliche Frage lautet nicht, ob wir mit den Geistern der Vergangenheit abgeschlossen haben. Entscheidend für das Leben ist vielmehr, ob die Geister mit uns abgeschlossen haben.“

Verwundert drehte sich Kruspe zu seinem Gast. Er verstand in keinster Weise, was dieser ihm zu sagen versuchte. Da fiel ihm die Tasche in den Blick, welche der Fremde neben dem Stuhl auf den Boden gestellt hatte.

„Sagen Sie“, fragte er neugierig, „was befindet sich eigentlich in dieser Tasche, welche sie mit sich führen.

Dies erregte die Aufmerksamkeit des Fremden, so dass er sich seinem Gastgeber zuwandte. Mit einem Finger rückte er die Brille zurecht und fast schien es, als würde er ihn durch die Gläser fixieren.

„Der Inhalt dieser Tasche ist essentiell für meine Studien. Und die Dinge darin sind so mannigfaltig, dass man vielmehr fragen sollte, was sich nicht darin befindet.“

Mit diesen Worten war er gerade im Begriff zur Tasche zu greifen, sagend: „Wenn Sie wünschen, können Sie gern selbst einen Blick hinein werfen.“

Doch Kruspe durchströmte plötzlich eine vehemente Furcht und er entgegnete, bemüht darum, nicht ängstlich zu klingen: „Das Angebot ist sehr freundlich, doch wäre dergleichen sehr unhöflich. So muss ich ablehnen.“

Der Fremde ließ von der Tasche ab und fast schien er enttäuscht zu sein. Unvermittelt erklang ein dem Gelehrten wohlbekanntes Klingeln. Verwundert wandte er den Blick gen Kaminsims, nur um zu erkennen, dass die Uhr bereits die dritte Stunde des Tages verkündete. Kruspe war zutiefst

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verwundert, denn wenngleich bei einem Gespräch die Zeit schnell von dannen zu eilen weiß, so hatte er mit dem Fremden niemals eine solche Menge an Worten gewechselt, dass bereits drei Stunden vergangen sein konnten. Ungläubig musterte er die Uhr, doch es bestand kein Zweifel. Die dritte Stunde hatte geschlagen. Der Fremde bemerkte dies und sprach: „Ach, sehen Sie, es schlug bereits drei Uhr. Mir scheint, ich habe nun wirklich mehr als genug Ihrer wertvollen Zeit in Anspruch genommen. So will ich mich nun in Richtung heimatlicher Gefilde aufmachen. Die Zeit zu Ruhen nähert sich mit schnellem Schritt.“

Langsam erhob sich der Fremde, zupfte den Mantel zurecht und zog mit einer Verbeugung seinen Hut.

„Bemühen Sie sich nicht.“, sprach er weiter, „Ich finde selbst den Weg hinaus. Doch zunächst möchte ich Ihnen für Ihre Gastfreundschaft danken. Dergleichen findet man heutzutage nicht mehr oft.“

Während der Fremde gerade im Begriff war zu entschwinden, richtete Kruspe noch einmal das Wort an ihn.

„Bevor Sie gehen, sagen Sie, welcher Art ist jenes körperliche Leiden, welches Ihnen jenen schiefen Gang abverlangt?“

Abgewandt von seinem Gastgeber zog der Fremde die Brille vom Gesicht und hielt sie vor sich, um zu prüfen, ob die Gläser verunreinigt waren.

„Ach, wissen Sie.“, sagte er und zog ein Tuch aus der Tasche seines Mantels um die Gläser der Brille zu reinigen, „die menschliche Gestalt liegt mir einfach nicht in Gänze.“

Noch einmal hielt er die Brille vor das Gesicht, schien zufrieden mit dem Ergebnis und setzte sie wieder auf seine Nase. Kruspe war überaus irritiert über diese Antwort und ließ seinen Gast für einen Augenblick aus den Augen. Doch als er erneut das Wort an diesen richten wollte, war dieser samt Tasche und Stock bereits aus dem Raum entschwunden.

Erschrocken fuhr Kruspe aus dem Sessel auf und blickte sich im Wohnzimmer um. Doch keine Spur des Fremden war zu sehen. Erschöpft sackte der Gelehrte in seinem Sessel zusammen und blickte erneut zur Uhr, als ihm endlich gewahr wurde, welchen Streich ihm sein Geist gespielt hatte. Musste er doch eingeschlafen sein und von seinem obskuren Gast geträumt haben. Aus diesem Grund war auch unbemerkt so viel Zeit vergangen.

Das Bedürfnis des Gelehrten nach ungewöhnlichen Begebenheiten war für heute gestillt und so dachte er darüber nach, zu Bett zu gehen. Doch eine innere Unruhe, welche sich seiner bemächtigt hatte, verhinderte, dass er auch nur ein wenig schläfrig wurde. Das Licht des Mondes schien derweil noch stärker geworden zu sein und auch wenn dergleichen höchst unwissenschaftlich war, hatte Kruspe doch das seltsame Gefühl, als würde der grüne Schein von außen regelrecht gegen die Vorhänge drücken, bestrebt, den Raum mit seinem unnatürlichen Smaragdlicht zu fluten.

Um seine Gedanken zu beruhigen, beschloss der Scholar zunächst das Teegeschirr in die Küche zu bringen, wobei er sich über den Umstand wunderte, eine zweite unbenutzte Tasse auf dem Tablett zu sehen, und anschließend das Bild der Liebsten wieder in seinen dunklen Winkel zu verbannen. Das Feuer des Kamins war schon recht klein geworden, weshalb er einige Holzscheite nachlegte.

Da an Schlaf nicht mehr zu denken war, trat er hinüber zu dem alten Regal, welches die Werke seiner liebsten Autoren beherbergte, zog einen kleinen Gedichtband hervor und machte es sich wieder in seinem Sessel gemütlich.

Gänzlich in Gedanken versunken blätterte er durch das Buch, von Zeit zu Zeit eines der Gedichte lesend. Doch seine Konzentration wurde gestört, durch ein Geräusch, welches er zunächst kaum wahrzunehmen imstande war, dass nun jedoch so vehement durch die Nacht zu schallen begann, dass es ihm unmöglich wurde, es zu ignorieren. Die Augen des Gelehrten ließen ab von dem Gedichtband und wanderten nun suchend durch den Raum. Das Feuer im Kamin knisterte, die Uhr auf dem Sims tickte leise vor sich hin. Da ertönte erneut das Geräusch, was jetzt an ein Bellen erinnerte, wenngleich ein ausgesprochen klägliches. Und es wurde dem Gelehrten recht schnell klar,

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dass die Quelle desselben nicht im Haus zu finden war.

Nervös begann er auf der Armlehne des Sessels herum zu tippen, unsicher, ob es angeraten sei, dem Bellen nachzugehen. Immerhin handelte es sich ja lediglich um einen Hund. So beschloss er, den Unruhestifter zunächst zu ignorieren. Es dauerte jedoch nicht lange, da das Gejammer des Tieres ihm dermaßen auf die Nerven fiel, dass er das Buch zornig zusammenklappte und auf den Tisch schlug. So nahm er die Lampe an sich und trat vor die Tür des Hauses.

Schnell merkte Kruspe, dass die Lampe ihm jenseits der heimischen Mauern keinen großen Dienst leisten konnte. War die kleine Flamme doch in keinster Weise imstande, sich gegen das Licht des Mondes zu behaupten. Die Häuser der Nachbarschaft waren finster und fast schien es dem Gelehrten so, als sei er der letzte Mensch auf Erden. Fasziniert blickte er hinauf zum Smaragdmond, welcher in einer fast unwirklichen Stimmung als einziger Lichtpunkt über der Silhouette des Stadt thronte. Erneute erschallte in diesem Moment jedoch das Bellen und riss den Scholar aus seiner Beobachtung des Himmels. Es war nun deutlich zu vernehmen und musste seinen Ursprung im kleinen Garten neben dem Haus haben.

Vorsichtig bahnte Kruspe sich seinen Weg vorbei am großen Eisenzaun, welcher das Haus umschloss und betrat den Garten. Im Zwielicht des Mondes etwas Genaues zu erkennen erwies sich als ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Doch ein Rascheln und Knurren wies Kruspe den rechten Ort. In einer Hecke hatte sich tatsächlich ein kleiner Hund mit seinem überaus langen, zottigen Felle verfangen und versuchte nun mit seltsam behäbigen Bewegungen sich daraus zu befreien. Da es offensichtlich war, dass ihm dies nicht gelingen würde, machte sich der Gelehrte nun selbst daran, den Vierbeiner zu befreien. Das Unterfangen dauerte nur einen Augenblick und schon war das Tier von seinem Ungemach erlöst.

„Was stelle ich nun mit dir an?“, sagte er, sich nachdenklich mit der Hand über den Kinnbart streichend. Er nahm wieder die Lampe an sich und beschloss, den Hund zunächst bei sich aufzunehmen. Womöglich ließe sich der Besitzer am nächsten Tag ausfindig machen. So machte er sich wieder auf den Weg in das Haus, kurz pausierend um dem Tier zu bedeuten, es möge ihm folgen.

„Komm schon!“

Der Hund schien zu verstehen. Zumindest trottete er seinem Befreier ausgesprochen behäbig hinterher, ja, vielmehr schleppte er sich voran. Kruspe runzelte die Stirn und sprach zu sich selbst: „Dieser Geselle ist ja ein rechter Schleicher.“

Nach der Rückkehr in die heimischen vier Wände, beschloss Kruspe seinem neuen Gast zunächst etwas zu Fressen zu geben. Wirkte das Tier in seiner Art ja derart lethargisch, dass es wohl großen Hunger hatte. So versuchte er den Hund in die Küche des Haus zu locken. Dieser folgte mit langsamen, schleppenden Schritten.

Da er jedoch nicht die Geduld hatte, auf das Tier zu warten, machte sich der Scholar bereits daran, in der Küche nach etwas Essbarem zu suchen. Er durchsuchte zunächst einige Schränke, welche auch gut gefüllt waren, deren Inhalt jedoch nur schwerlich für einen Hund geeignet schienen. Da erinnerte er sich an einige Reste geräucherten Fleisches, welche noch im Wandschrank hängen mussten. Da auch ihm der Magen knurrte, hielt er selbiges in diesem Moment für die rechte Speise und öffnete die knarrende Tür des Schranks.

Zufrieden nahm er seinen Fund vom Haken und sog das Aroma das Fleisches in seine Nase. Schnell jedoch wunderte er sich, als der herzhaft rauchige Geruch des Fleisches sich mit einem unangenehm süßlichen Gestank vermischte. Irritiert blickte er sich um und bemerkte, dass der Hund neben dem Küchentisch saß und mit hängendem Kopf und leeren Augen in den Raum starrte. Kruspe bemühte sich, den Geruch mit seiner Hand davon zu fächeln, doch dieses Unterfangen war aussichtslos und ihm wurde bewusst, dass die Quelle des Geruches dort vor ihm auf dem Boden harrte. An der frischen Luft bemerkte er selbigen noch nicht, doch in diesen geschlossenen Räumen nahm er schnell überhand. So öffnete er ein Fenster, in der Hoffnung, die kühle Nachtluft würde dem fauligen Geruch Einhalt gebieten.

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Da ihm der Appetit vergangen war, schnitt er lediglich einige Scheiben für das Tier ab und legte sie auf den Küchenboden. Der Hund schleppte sich zu seiner Mahlzeit und schlang das Fleisch gierig herunter.

„Zumindest zu Essen versteht er noch.“, bemerkte Kruspe stoisch und kehrte dann in das Wohnzimmer zurück, wo er nun ebenfalls den Geruch durch ein Öffnen der Fenster zu bekämpfen suchte. Zwar vermochte es die kühle Nachtluft, das Atmen erträglicher zu machen, doch sorgte sie auch für einen unangenehmen Absturz der Temperaturen im Haus. Deshalb schob Kruspe nun den Sessel näher an das Feuer, auf dass die Flammen ihm genug Wärme spendeten. Vor dem Kamin kauernd zog er nun erneut das Buch hervor, in der Hoffnung sich wieder der Lyrik widmen zu können.

Der Hund hatte indes sein Mahl beendet und schleppte sich in das Wohnzimmer. Sehr zu Kruspes Verdruss beschloss er, sich nahe des Sessels auf den Boden zu legen und zu ruhen. Den Blick auf das Buch gerichtet konnte der Gelehrte das Tier zwar nicht sehen, wohl aber riechen und schon bereute er es, überhaupt auf die kläglichen Klänge aus dem Garten geachtet zu haben. Dennoch tat der Vierbeiner ihm Leid, musste er doch furchtbares durchlitten haben um in einen solchen Zustand zu geraten zu sein. Allein das Mitleid war nicht so groß, als das Kruspe seinen muffigen Gast gesäubert hätte. Lieber wollte er den Gestank und die Kälte ertragen.

Die Vorhänge begannen im aufkommenden Nachtwind umher zu flattern und dem Mondlicht einen Weg in das Zimmer zu bereiten. Dies jedoch war das finale Element, welches Kruspes Nerven in Unruhe zu bringen vermochte und er legte hochgradig unzufrieden das Buch beiseite. Im Herzen hegte er nur noch den einen Wunsch, diese elende Nacht mochte so schnell wie möglich ein Ende finden.

So harrte er in seinem Sessel, mit den Händen die Armlehnen fest umschließend, umgeben von Gestank und Kälte, vom Flattern der Vorhänge, dem grüne Lichtschein des Mondes und nur das Knistern des Feuers und das Pfeifen des Windes drangen an sein Ohr.

Die Zeit verrann und die Eintönigkeit externer Stimuli führten dazu, dass Ruhe in Kruspes Geist einkehrte und er langsam begann in das Reich der Träume hinüber zu treten. Wieder und wieder fielen ihm die Augen zu, bis er sich letztlich nicht mehr gegen Morpheus Umarmung wehren konnte. Finsternis umfing ihn und nur das Knistern des Feuers und das Pfeifen des Windes drangen an sein Ohr. Wenngleich sich der Klang des letzteren unmerklich verändert hatte. Stimmte in das altbekannte Pfeifen doch nun ein überaus sonderbares Geräusch mit ein, welches einer Mischung aus animalischem Fiepen und unwirklichem Singsang glich. Kurz und stoßweise erklang es, dabei stetig an Intensität zunehmend.

Auch der Hund musste das ungewöhnliche Geräusch vernommen haben, erhob er sich doch von seinem Ruheort und schleppte sich hinüber zu einem der Fenster, die Welt jenseits des Vorhangs mit einer unnatürlich tiefen und gutturalen Stimme anbellend.

Nur langsam wurde Kruspe des seltsamen Gebarens des lädierten Tieres gewahr. Die Augen langsam wieder öffnend kehrte er ins Diesseits zurück. Mit der Hand strich er über seine Stirn und es dauerte einen Augenblick, bis sein übermüdeter Geist wieder klar zu denken imstande war.

„Sei still!“, rief er dem Hund zu, welcher jedoch in keinster Weise auf ihn reagierte und weiter in die Nacht hinaus bellte.

Langsam erhob er sich aus seinem Sessel, um den Hund vom Fenster wegzuziehen, da erklang noch einmal das ungewöhnliche Geräusch, diesmal jedoch ausgesprochen klar zu vernehmen. Plötzlich sprang in gänzlich lautloser Weise eine vierbeinige Kreatur durch das Fenster und stürzte sich auf den zornigen Hund. Kruspe erschrak in solcher Weise, dass er rückwärts in seinen Sessel stolperte und mit diesem rücklings umstürzte.

Benommen erhob sich der Gelehrte, versuchend zu erfassen, was gerade geschehen war. Der eben noch wild bellende Hund war verstummt und Kruspe musste mitansehen, wie die finstere Kreatur, welche in sein Haus eindrang, den leblosen Körper des Tieres mit ihren Pranken zerriss. Er versuchte die Erscheinung des Dinges zu erfassen, doch schien sein Geist sich gegen die

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fremdartige Erscheinung zu wehren.

Was er sah, erinnerte ihn an die grotesk verdrehte Erscheinung eines Windhundes, jedoch weit größer und mit krallenbewehrten Pranken versehen. Der Körper schien haarlos und von dunkler Farbe zu sein. Schlangengleich peitschte das Wesen mit seinem langen, dünnen Schwanz durch die Luft. Doch dann bemerkte Kruspe, dass mit dem Kopf der Kreatur etwas nicht stimmte. Dann erkannte er es: Keine Augen, keine Ohren, ja nicht mal ein Maul war am Kopf dieses Dinges zu sehen, nur die dunkle Haut, die alles überzog. Entsetzt wich der Gelehrte einige Schritte zurück.

Da ließ die Kreatur von ihrer zerfetzten Beute ab und wandte sich Kruspe zu. Mit seltsam geschmeidigen Bewegungen schritt sie lautlos durch den Raum. Nur wenige Meter war sie noch von ihm entfernt, als sich plötzlich der Kopf des Monsters auf groteske Weise zu öffnen begann, gleich einer vierblättrigen Blume aus Fleisch, und den Blick auf einen von unzähligen, messerscharfen Zähnen gesäumten Schlund freigab. Aus selbigem erstreckten sich zwei lange, dünne Fühler, mit denen das Dinge die Luft vor sich zu untersuchen begann.

Und dann erklang erneut jenes obskure Fiepen, welches offensichtlich jener bizarren Bestie entstammte. Vor Furcht gelähmt stand Kruspe da und musste mitansehen, wie das Ding beständig näher kam. Die Fühler des Wesens tasteten weiter umher und fast hatten sie ihn erreicht, da erschallte aus jener blutigen Ecke, in welcher der Hund sein Ende fand, ein tiefes, gurgelndes Bellen. Die Kreatur fuhr herum und preschte auf die Überreste des Tieres los.

Unfähig zu erfassen, was gerade geschah, stand Kruspe da. Sein Geist schien langsam zu schmelzen. Doch mit einem letzten Rest mentaler Stärke sammelte er sich. Er musste sich verstecken, ansonsten würde es ihm ergehen wie dem Hund. Verschwitzt und zitternd bemühte er sich, möglichst lautlos aus dem Raum zu schleichen, doch jeder Schritt erforderte ein Übermaß an Konzentration. Letztlich gelang ihm doch die Flucht in den Flur und sein einziger Gedanke bestand darin, möglichst weit von dieser Kreatur fortzukommen. Während er hinter sich im Wohnzimmer eine Mischung aus dem Gesang des Wesens und einem gurgelnden Knurren vernahm, eilte er die Treppe hinauf in die obere Etage des Hauses. Das alte Holz der Stufen knarrte unter seinen Schritten deutlich hörbar und es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis das Monster hier war. Schnell floh er den Flur hinab und stürzte sich in das Zimmer am Ende des Ganges, ohne wirklich darüber nachzudenken, welches es war.

Finsternis herrschte dort und so stolperte der Scholar blind durch den Raum, mit den Händen die Umgebung ertastend. Er erfühlte Schänke und Kommoden, welche mit Laken bedeckt waren. Da wurde ihm bewusst, in welches Zimmer er hier geraten war. Handelte es sich doch um jenen verfluchten Ort, den er nicht mehr aufgesucht hatte, seit seine Frau sich hier das Leben nahm. Kraftlos sank Kruspe zusammen. Schwer atmete er, während das Herz so schnell schlug, dass man meinen konnte, es würde ihm jeden Augenblick aus der Brust springen. Mit aller Kraft versuchte er sich zu beruhigen und zu lauschen, ob er das Wesen jenseits seines Atmens hören konnte. Zunächst wollte ihm dies nicht gelingen, doch die Stille und Dunkelheit des Raumes schienen ihn zu beruhigen. Das Atmen wurde leiser und endlich konnte er auf die Geräusche im Haus achten. Und tatsächlich vernahm er den Singsang des Eindringlings, leise und beständig variierend. Die Kreatur musste suchend durch die Zimmer schleichen.

Verängstigt kauerte Kruspe sich zusammen.

„Schlimmer kann diese verfluchte Nacht nicht mehr werden.“, flüsterte er leise zu sich, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Das Fiepen des Wesens wanderte weiter durch das Haus, wurde mal lauter und mal leiser. Kruspes Herzschlag beruhigte sich etwas und sein Gehör wurde so wieder schärfer. Er gedachte jenes Tages, da er seine Liebste hier oben fand. Er gedachte jenes furchtbaren Anblicks, den ihr lebloser Körper bot. Und er gedachte jenes Geräusches, den das Seil erzeugte, als der Körper hin und her schwang. Hin und her. Hin und her. Hin und her.

Er erinnerte sich so genau an jenen grässlichen Klang, dass es ihm fast schien, als könnte er es just in diesem Moment auch hören. Panik erfasste ihn, als er erkannte, dass er es tatsächlich vernehmen konnte.

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„Das kann nicht sein! Ich bilde mir das nur ein!“, begann er vor sich hin zu brabbeln. Doch in seinen Ohren schwang das Seil beständig hin und her. Ein unkontrolliertes Zittern fuhr durch seinen Körper, schien die Quelle des furchtbaren Tons nur wenige Meter von ihm entfernt zu sein. Doch Kruspe nahm seine ganze Kraft zusammen und bemühte sich, sich zu sammeln. Dies konnte nur eine Einbildung sein. Das Ergebnis überreizter Nerven. Ja, vielleicht träumte er noch immer. In diesem Fall würde nur eines helfen. Er musste sich seiner Furcht stellen und zur Quelle des Geräuschs hinüber gehen. Wenn es eine Einbildung war, so würde er nichts vorfinden. Sollte er jedoch träumen, würde der Schreck ihn erwachen lassen.

So erhob er sich und versuchte sich seinen Weg durch den finsteren Raum zu bahnen. Alles wirkte surreal, fast wie ein Fiebertraum auf ihn. Da hörte er es genau, das Geräusch war nun direkt vor ihm und konnte nur noch unwesentlich von ihm entfernt sein. Doch dann verstummte das beständige Schwingen. Stattdessen erklang recht laut der Gesang der Kreatur, welche nun in der oberen Etage ihr Unwesen treiben musste. Kruspe wandte sich automatisch zur Tür um, wenngleich er sie nicht sehen konnte. Die Töne von draußen wurden lauter, das Wesen musste schon sehr dicht an der Tür sein, als er hinter sich einen dumpfen Schlag vernahm, als sei etwas schweres auf den Boden gestürzt. Unfähig zu jeder Bewegung stand er da, während ein leises Schleifen auf dem Boden ihm deutlich machte, dass Flucht nun höchst angeraten war. Allein wohin sollte er noch fliehen? War er doch bereits im hintersten, östlichen Zimmer des Hauses angelangt. Da hatte er einen Einfall.

Wenn er seine Position richtig einschätzte, musste sich unweit zu seiner Rechten das Fenster befinden. Und lieber wollte er einen Sturz riskieren, als sich den Schrecken in diesem Haus stellen zu müssen. Vorsichtig trat er zu jenem Ort hinüber an dem er das Fenster vermutete, während das Schleifen ihn beständig lauter werdend verfolgte. Da fühlte er vor sich den vertrauten Stoff der schweren Vorhänge. Panisch riss er selbige zur Seite und wurde geblendet vom grellgrünen Licht des am Horizont stehenden Mondes, der nun den Raum erhellte. Mit zitternden Händen bemühte er sich das Fenster zu öffnen, doch der Schließmechanismus schien nach so langer Zeit zu klemmen. Gänzlich ergriffen vom Entsetzen schlug er gegen das Fenster und riss am Verschluss herum, bis dieser sich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich löste.

Gerade war Kruspe im Begriff, sich lachend aus dem Fenster zu stürzen, als er ein fürchterliches Scheppern hinter sich vernahm, was nur die Kreatur sein konnte, welche durch den Lärm aufgeschreckt durch die Tür gebrochen war. Er griff nach dem Sims des Fensters und wollte hinaussteigen, doch etwas hielt sein rechtes Bein fest umschlungen. Ohne sich umzusehen, versuchte er sich zu befreien, doch bei jenem Versuch riss es ihn von den Beinen. Als er zu Boden stürzte konnte er gerade nach die Silhouette der Kreatur sehe, welche beim Versuch, sich auf ihn zu stürzen, ihr Ziel verfehlte und nun mit Schwung aus dem Fenster sprang. Kruspe schlug hart auf dem Boden auf, während von draußen ein lauter Knall und ein unwirkliches Heulen verkünden ließen, dass die Kreatur auf die spitzen Pfosten des Zaunes gestürzt sein musste. Benommen blickte er sich um, doch der Sturz forderte seinen Tribut und so konnte er seine Umgebung nur sehr undeutlich erkennen. Er erkannte eine menschliche, auf dem Boden liegende Gestalt, welche sich langsam auf ihn zu bewegte, noch immer sein Bein mit einer Hand umklammernd. Wenngleich der Schwindel ihn ergriffen hatte, so genügte seine Geistesgegenwart noch, um sich mit einem beherzten Tritt von dem Angreifer zu befreien. So schnell es ihm möglich war, kroch er davon, doch schnell endete die Flucht, als er eine Kommode im Rücken spürte. Kraftlos lag er da, während die Welt sich unscharf um ihn herum drehte. Die Gestalt kroch immer weiter auf ihn zu. Die Erschöpfung hatte ihn jedoch derart geschwächt, dass er nicht einmal mehr fähig war, Furcht zu empfinden.

Doch da veränderte sich etwas. Das grüne Licht wich einem warmen Orange, welches nun gleich einer feinen Welle durch das Zimmer strömte. Als die Kriechende vom Licht der ersten Sonnenstrahlen erfasst wurde, begann sie, vom Licht durchbohrt in unwirklichen Flammen zu vergehen. Dies war das letzte, was Kruspe sah, bevor die Welt um ihn herum in Finsternis versank.

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Das grelle Licht der Mittagssonne blendete Kruspe, als er auf dem Boden des einstigen Zimmers seiner Liebsten erwachte. Langsam erhob er sich und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Da erinnerte er sich an die vergangenen Ereignisse und stürzte hinüber zum offen stehenden Fenster, durch das eine kühle Brise wehte. Er schaute hinab zum Zaun, auf dem die Kreatur gelandet sein musste, doch keine Spur war von dem unwirklichen Ding zu sehen. Der Zaun harrte dort, wie er es immer tat, ohne jeglichen Schaden. Dann untersuchte er den Boden, wo die kriechende Gestalt ihm nachgestellt hatte. Doch auch hier war außer Kruspes eigenen Spuren im Staub nichts zu erkennen.

Dann erblickte er jedoch die Tür, welche aus den Angeln gelöst am Boden des Zimmers lag. Ungläubig stieg er über sie hinweg nach draußen in den Flur. Im Haus war es noch dunkel, da die Vorhänge die Sonne nach draußen verbannten.

„Dies war wohl alles nur ein Traum.“, dachte Kruspe, als er die Treppe hinab stieg und in die Küche trat. Dort öffnete er die Vorhänge und ließ das Licht das Tages herein. Anschließend eilte er zu einer Karaffe mit Wasser und schlang eilig das kühle Nass hinunter, ohne auch nur daran zu denken, es in einen Becher zu füllen.

„Ich muss schlafgewandelt sein.“, folgerte er nachdenklich, „In jenem Zustand neigen Menschen zu den absonderlichsten Verhaltensweisen.“

Sein Blick streifte das Teeservice als ein hartes Objekt in seiner Hosentasche seine Aufmerksamkeit erregte. Er zog es hervor und es entpuppte sich als kleine Karte auf der er den Namen „Samuel Hainburgh“ las. Dunkel erinnerte er sich an die absonderliche Gestalt, als er verwundert die Nase rümpfte.

„Was stinkt hier eigentlich so fürchterlich?“

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