Der Knochensauger

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Das Leben der Brüder Holsted war einfach. Als fahrende Händler zogen sie Tag für Tag durch die weiten Ebenen des shaserianischen Kernlandes und versorgten die Bauern in ihren kleinen Dörfern mit all jenen Gütern des Alltags, derer sie bedurften, welche aber nur von fernen Nachbarn produziert wurden. Wenn auch die Weite des Landes dem Reisenden ein eigentümliches Gefühl von Freiheit suggerierte, so war diese romantische Idee doch weit entfernt vom Leben des einfachen Landvolkes. Kaum vermochte dieses es Freunde und Verwandte jenseits großer Feiertage aufzusuchen, denn die Arbeit auf Feldern und Weiden wusste die wertvolle Zeit des Lebens gänzlich auszufüllen. Umso mehr freute man sich, wenn einmal die Brüder Holsted eintrafen, die Kunde von den Nachbarn brachten und gegen kleinere Gebühr auch ab und an eine persönliche Nachricht zuzustellen bereit waren.

Die Brüder jedoch genossen ihr freies Leben, wenn es auch ein einfaches war, denn der Verdienst war kaum der Rede wert. Die Einkünfte führten jedoch häufig zu Konflikten zwischen den beiden Händlern, welche unterschiedlicher kaum sein konnten. Der stämmige Alver war ein freigiebiger Mensch, der den Bedürftigen half, wo immer es nötig schien. Dies beinhaltete auch des Öfteren den Bauern einen Kredit auf ihre Einkäufe zu gewähren, wenn die Ernte wieder einmal schlecht ausfiel und die Einkünfte schmal waren. Dies grämte seinen Bruder Hansen ungemein, denn er war ein Knauser und Geizhals, der noch eher einen anderen verhungern ließ, als einen Teil seines Verdienstes abzutreten. Da jedoch Alver seinen Bruder mit vierundzwanzig Jahren bereits zwei Lebensjahre voraus hatte und entsprechend das letzte Wort in allen Belangen hatte, blieb Hansen nicht viel mehr übrig, als wieder und wieder unwillig in seinen Bart zu Grummeln, wenn der Bruder etwas verschenkte.

Als die Sonne hoch am Himmel stand erreichte das ungleiche Paar das östliche Dorf Grimmwald, welches bislang den Endpunkt ihrer Handelsroute darstellte. Jenseits des Dorfes lag der dichte Dämmerforst, den die Kaufleute für gewöhnlich mieden, denn im Unterholz lauerten Banditen, die schon so manchen Händler um Gut, Geld und Leben brachten.

Als die Kutsche die weiten Felder passierte, die schon früh vom Nahen der Siedlung kündeten, waren sie jedoch verwundert, denn kein Bauer war zwischen den Ähren zu sehen. Etwas Besonderes musste im Dorf vor sich gehen und als die Kutsche polternd auf den zentralen Dorfplatz rollte, wurden die Händler auch schon des Umstandes für die Abwesenheit der Dörfler zuvor gewahr. Alle waren um die Kapelle der Ilindura versammelt und schienen auf etwas zu warten. Da öffnete sich die Tür des heiligen Hauses und vier kräftige Männer trugen einen schweren Sarg aus dem Gebäude. Ihnen folgten einige Frauen und Männer, welche nun gemeinsam, das Totenbett voran, die Straße hinab schritten, dabei die umstehenden Dörfler gleich einem Schneeball am Bergeshang anziehend, welche den Zug der Trauernden mit jedem Meter anwachsen ließen.

Die Brüder wussten, dass sie an diesem Tag wohl kein Geschäft mehr machen würden und so kehrten sie in den lokalen Gasthof ein, als der Wirt von der Beerdigung zurückgekehrt war. Bei der abendlichen Speise erfuhren sie auch den Grund für den aktuellen Todesfall. So war ein einfacher Händler durch glückliche Ereignisse und gute Geschäfte in der Stadt Owerheym jenseits des Dämmerforsts zu einem bescheidenen Wohlstand gelangt. Der Händler war ein guter Mann und wusste sein Geld mit den Freunden im Dorf zu teilen. Dem Metzger jedoch, der nicht zu diesen Freunden zählte, missfiel das Glück des Händlers, denn er war ein armer Mann, der bekannt dafür war, einem jeden auch noch die kleinste Freude zu neiden. Eines Tages hatte der Neid wohl so stark in ihm gewütet, dass er etwas gegen den verhassten Glückspilz tun musste. Und so nahm er sein Beil und erschlug den Unglückseligen in einer dunklen Nacht. Dabei machte er keine Anstalten seine Spuren zu verwischen, ja er legte nicht einmal Hand an das Geld seines Opfers. Am nächsten Tag hatte man ihn schnell überwältigt und eingesperrt und man wollte ihn den nächsten vorbeiziehenden Soldaten übergeben.

Diese Vorgehensweise war in den kleinen Dörfern Shaserias normal, denn ein Gefängnis und lokale

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Wachen hatten nur die Städte. Durch die ländlichen Gegenden zogen Trupps von kaiserlichen Soldaten, welche sich der gefangenen Übeltäter annahmen. Kam es einmal zu offenen Streitereien, welche einer externen Schlichtung bedurften, dann wurde ein kaiserlicher Marschall gerufen, ein reisender Richter, dem es oblag Recht zu sprechen und vor Ort die Urteile zu vollziehen.

Alver schüttelte nach den Ausführungen des Wirts nur den Kopf und klagte darüber, wie Menschen nur einander derlei antun konnten. Hansen jedoch hatte das Ende des Berichts gar nicht mehr vernommen, denn die Idee einer Ausweitung der geschäftlichen Einkünfte ließ seine Gedanken bereits in ferne Sphären entgleiten und so wollten sich diese auch nicht beruhigen, als der Bruder schon zu schlafen pflegte. Hansen lag wach und überdachte die Geschäfte des Händlers und dass es ihnen wohl auch möglich sein würde, gutes Geld in Owerheym zu verdienen.

Am nächsten Morgen herrschte wieder Alltag in Grimmwald und es schien, als sei nie etwas Besonderes vorgefallen. Alver war erstaunt über diese Eigenheit der Dörfler, bemerkte dann jedoch, dass ein Leben auf dem Land gar nicht anders vonstatten gehen konnte. Die Natur ruhte schließlich auch nicht. So brachten die Brüder ihre Waren unter das Volk, welches schon freudig auf die Händler gewartet hatte. Hansen jedoch, noch immer umfangen vom Traum des großen Geldes, sprach zu später Stunde seinen Bruder an und teilte ihm seine verwegenen Pläne mit. Statt, wie gewohnt, wieder kehrt zu machen, sollten sie einfach weiter in die Stadt ziehen, in der, so malte er es sich aus, großer Andrang nach den Erzeugnissen des Landes herrschte. Alver jedoch war skeptisch und konnte diese riskante Idee nicht gutheißen. Da klagte Hansen, es sei doch sehr eigensinnig, wenn man den armen Städtern die Qualität ländlicher Güter vorenthalten würde, nur weil der Weg einige Gefahren bergen könnte. Dies jedoch traf Alver und so fragte er einen der Bauern, wann die nächste Patrouille der Armee zu erwarten sei. Dieser bemerkte, dass sie wohl am nächsten Tag aus Richtung Owerheym eintreffen müssten. Da schlug er seinem Bruder vor, die Soldaten über die Beschaffenheit des Pfades zu befragen und sofern diese Entwarnung gaben, wäre er mit einer Erweiterung der Handelsroute einverstanden. Hansen schlug sofort ein, denn wenngleich nicht einmal wirklich sicher war, ob die Informanten wirklich am nächsten Tag eintreffen würden, wähnte er sich als Sieger und rieb sich beim Gedanken an die reichen Gewinne seine dürren Hände.

Der nächste Tag brach an und tatsächlich erschienen die kaiserlichen Soldaten am späten Morgen. Sogleich eilten die Brüder zu ihnen und befragten sie nach der Lage auf dem Pfad nach Owerheym. Die Soldaten meldeten, dass es auf ihrer Reise keine besonderen Vorkommnisse gab. Auch habe man schon lange keine Banditen mehr im Dämmerforst gesehen. Der Hauptmann der Wachen lachte und erklärte, dass sich die Mordbuben schon vor langer Zeit eine andere Heimstatt gesucht haben, denn auf dieser Straße gab es nicht mehr viel zu holen. Als er dies gehört hatte, klatschte Hansen freudig in die Hände und erklärte Alver, dass die Straße ja sicher sei. Und wenn schon keine Banditen auf sie lauerten, so würde wohl auch keine Konkurrenz auf dieser Handelsroute warten. Der Tag indes war fortgeschritten und so sollten sie sogleich aufbrechen, denn der Dämmerforst war groß und eine weite Reise lag vor ihnen. Alver war sich unsicher, ob er diesen Plan seines Bruders gutheißen sollte, doch er hatte dem Bruder zugesagt, dass man aufbrechen werde, wenn der Weg sicher sei. Er wollte Wort halten und dachte daran, dass womöglich wirklich etwas Gutes aus den neuen Pfaden erwachsen könnte.

So beluden die Brüder ihren Wagen und machten sich auf den Weg auf ungewisse Pfade. Die grelle Mittagssonne stand hoch am Himmel und tauchte die umliegenden Felder in in helles Licht. Fast konnte der Reisende meinen, er würde einem wackeren Seemann gleich ein Meer aus reinem Gold befahren. Während Alver die Idylle genoss und vor Freude ein Liedlein anstimmte, sinnierte Hansen schon längst über die Preise, welche man für die Waren verlangen könne. Doch nach kurzer Zeit fanden die weiten Felder bereits ihr Ende und der Dämmerforst erhob sich vor den Händlern, gleich einem braun-grünen Wall, der unheilverkündend dem Reisenden zur Umkehr riet. Die einfache Landstraße führte mitten in das finstere Gehölz, dass den Großteil des Tageslichtes verschluckte, wodurch es fast schien, als würde der Wald die Straße und alle Reisenden auf ihr

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verschlingen.

Holpernd rollte die Kutsche über den einfachen Weg, denn einige Steine zierten den Pfad. Wenngleich Alver sich bemühte, den Hindernissen auszuweichen, so wollte es ihm doch nicht recht gelingen und in einer unsanften Regelmäßigkeit wusste ein deutlicher Schlag die beiden Brüder zu erschüttern. Während sie stetig tiefer in das Gehölz drangen, beschlich Hansen zunehmend ein Gefühl der Beklemmung. Der düstere Forst, dessen Farbpalette durch die kaum noch wahrzunehmende Sonne lediglich aus schwer zu unterscheidenden Grautönen bestand, beschwerte auch Alvers Gemüt und so fand das fröhliche Lied, welches er dem hellen Tag gewidmet hatte, schnell ein Ende. Da er die Unruhe des Bruders jedoch deutlich bemerkte, ließ er sich seine Verstimmung nicht anmerken und versuchte Hansens Gedanken auf die guten Geschäfte in Owerheym zu lenken. Doch dieser Plan wollte nicht recht gelingen – war sein Innerstes doch zu aufgewühlt um sich der kühlen Logik zu widmen, welche das merkantile Gewerbe erforderte. Die Einsicht, dass dies wohl das erste Mal war, dass ihn der Gedanke an klingende Münzen nicht zu beruhigen wusste, hatte eher noch den gegenteiligen Effekt dessen, was die brüderlichen Anstrengungen zu erreichen suchten. Die Reise würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen und der Gedanke daran, noch zu nächtlicher Stunde diesen finsteren Ort bereisen zu müssen, wusste das Herz der Brüder zu beschweren.

Als jedoch einige Zeit vergangen und wider Hansens Erwartungen nichts geschehen war, wusste ein wenig Ruhe das Gemüt des gewitzten Händlers zu erhellen. Den Blick nach oben gerichtet, erkannte er anhand des schwach durch die Baumkronen dringenden Lichtes, dass wohl der Mittag hinter ihnen lag und die Sonne sich nun daran machte, stetig dem Horizont entgegen zu sinken. Doch, so war er nun gänzlich überzeugt, es werde schon nichts geschehen. Banditen gab es hier nicht mehr und was sonst sollte man in den Wäldern des Kaiserreichs fürchten? Um sich die Langeweile zu vertreiben und den eigenen Mut zu kräftigen, hob er nun an dem Bruder zu berichten, welche faszinierende Effekte die traurige Umgebung auf des menschliche Gemüt habe und wie, ohne dass es einen Grund dafür gäbe, ein einfacher Wald ein solches Gefühl der Bedrohung im Herzen eines Händlers auszulösen vermochte. Alver konnte den hochtrabenden Ausführungen des Bruders kaum folgen, bemerkte jedoch dessen gesteigerte Laune und so nickte er stets, wenn der Bruder mit erhobenem Finger einen weiteren Satz beendete. Doch irgendwann fanden die Ausführungen Hansens ihr Ende und man kehrte zurück in den Zustand des Ausharrens und Schweigens, der ihre Herzen erst so sehr beschwert hatte.

Die Monotonie der Fahrt fand ein unverhofftes Ende, als Alver in einiger Entfernung eine Gestalt am Rand der Straße auszumachen schien. Hansen, dessen Augen auf große Distanzen nicht recht ihren Dienst taten, konnte die Sichtung des Bruders zunächst nicht nachvollziehen. Er bemerkte, dass es doch sehr unwahrscheinlich sei, dass jemand zu Fuß einen solchen Ort bereiste. Doch als die Kutsche sich holpernder Weise voran bewegte, bemerkte Alver erneut, dass jemand dort am Rande der Straße zu laufen schien. Die ferne Gestalt war indes nah genug, so dass auch er erkennen konnte, dass der Fremde, gehüllt in eine einfache Robe, in gleicher Richtung wie sie am Rande der Straße entlang wanderte. Alver besah sich die Gestalt genauer und erkannte einen großen Ast, welchen der Wanderer als Stütze für seine beschwerliche Reise zu nutzen schien. Daraufhin beschloss er, man sollte den Fremden doch mitnehmen. Platz habe man genug und zu Fuß würde er wohl noch lange bis zum nächsten Ort brauchen. Hansen grauste vor dem Gedanken einen Fremden an solch einem Ort als Reisegast gewinnen zu müssen und so protestierte er. Der Fremde habe sich diese Reise selbst aufgebürdet und außerdem sei ja nicht gewiss, dass sich unter der Robe nicht irgendein Schurke verbarg, welcher nur auf zwei einfältige Händler an jenem düsteren Ort wartete. Alver jedoch lachte nur über Hansens plötzlich zurückgekehrte Furcht und verwies ihn auf die so wortgewandt vorgebrachte Rede und dass wohl kein Bandit, der etwas auf sich hielte, hier jemandem auflauern würde. Hansen konnte sich mit dem Gedanken an einen Mitreisenden dennoch nicht anfreunden. Da jedoch der Bruder die Zügel in der Hand hielt, blieb ihm nicht mehr übrig, als seinem Protest durch grimmige Miene Ausdruck zu verleihen. Indes hatte man den Fremden, der

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mühsam seines Weges ging, eingeholt und Alver rief ihm zu, ob er denn ein Stück des Wegs mit ihnen Reisen wollte. Die Gestalt schien erst verwirrt, wandte sich dann jedoch der Kutsche zu und ließ so erkennen, dass sich unter der braunen Robe ein weißhaariger Greis mit einem buschigen Bart verbarg. Der Alte nickte zu Hansens Verdruss freudig und stieg vorsichtig zu den Brüdern auf den Kutschbock hinauf.

Während der weiteren Fahrt erklärte der Wanderer, dass er die Freundlichkeit der Brüder gar nicht so lang in Anspruch nehmen müsste, denn er sei nicht auf dem Weg nach Owerheym, wie Alver zunächst annahm, sondern seine Hütte im Wald sei das das Ziel seiner Reise. Alver war verwundert, wie jemand allein in einem dunklen Wald leben konnte und Hansen wurde der Alte zunehmend unheimlich. Jemand, welcher sich eine solche Heimat wählte, konnte nur finstere Dinge im Schilde führen oder war einfach auf der Flucht. Der Alte jedoch begann, als er die Reaktionen der Brüder bemerkte, die Wahl seiner Heimat zu erklären. So habe er einst in Shasa gelebt und hatte als Geldverleiher und Händler ein gutes Auskommen gehabt. Ein großes Haus, eine schöne Frau und drei Kinder nannte er sein eigen. Und wenngleich es gut um ihn und seine Familie bestellt war, suchte er doch weiterhin mehr und mehr Reichtum zu gewinnen. Hansen lauschte nun aufmerksamer, hatte er doch das Wort Geld vernommen. Doch der Alte machte ein trauriges Gesicht und bemerkte, wie all sein Streben doch vergebens war. Hatte er doch vielen in seiner Gewinnsucht nur Leid gebracht und irgendwann wandte sich das Glück gegen ihn, als ein durch ihn in den Bankrott getriebener Händler eines Nachts mit einigen Mordbuben sein Haus überfiel, alle Schätze mit sich nahm und Frau und Kinder als blutigen Nachricht dahingemetzelt zurückließ. Das gefiel Hansen gar nicht, wusste er wohl, dass diese Erzählung eine jener Predigten moralischer Natur werden würde, von denen er schon genug in seinem Leben ertragen musste. Indes blickt sich Alver verwundert um und fragte, ob denn die anderen auch dieses seltsame Geräusch vernommen hätten. Hansen verschränkte die Arme, entnervt in den Wald blickend und entgegnete, dass er außer dem Rumpeln der Kutsche und den Ausführungen des Alten nichts vernommen hatte. Der Alte hatte ebenfalls nichts gehört, wies jedoch darauf hin, dass seine Ohren nicht mehr die besten waren. Ihm entginge so manches, was nicht laut und klar geäußert wurde. Dies verwunderte Alver, denn das Geräusch, dass wie ein leises Atmen zu klingen schien, wirkte auf ihn doch sehr real.

Nachdem er einige Minuten schweigend seinen Erinnerungen nachgehangen hatte, seufzte der Alte lautstark und belehrte die Brüder, sie sollten doch immer darauf achten, wie sie ihr Leben begingen. Die Menschen seien zu vielen Grausamkeiten fähig. Aus diesem Grund hatte er einst auch die Sicherheit der Stadt hinter sich gelassen. Wenn das Leben im Wald auch einsam und dunkel war, so war er doch hier den Taten der meisten Menschen entronnen. Da bemerkte Hansen, dass es wohl kaum besser sei, von einem wilden Tier gefressen zu werden, als Leid durch andere Menschen zu erfahren. Betroffen nach vorn blickend erklärte der Alte, dass er in seinem langen Leben schon viele seltsame Dinge gesehen hatte. Und dabei musste er erkennen, dass es weniger die Taten der Menschen waren, welche einem Angst machen konnten, als vielmehr jene Dinge, die daraus erwachsen konnten. Hansen, der sich innerlich schon längst den Worten des Greises verschlossen hatte, versuchte gar nicht erst, eine abwertende Bemerkung über die kryptischen Hinweise desselben zu machen und blickte stoisch in das graue Gehölz, hoffend, dass man bald die Hütte des Wanderers erreichen würde.

Plötzlich wusste jedoch Alver die Stille mit einem lauten „Ha!“ zu beenden und die Mitfahrer auf diese Weise herzlich zu erschrecken. Triumphierend blickte er zu zur Seite und bemerkte, dass er doch recht gehabt habe. In der Stille sei das seltsame Geräusch deutlich zu vernehmen gewesen. Während der Alte darauf nur fragend den Kopf schüttelte, wandte Hansen den Kopf nach links und nach rechts, konnte jedoch nichts hören und stellte fest, dass dem Bruder einfach der Wald zu schaffen mache. Alver sank zutiefst erschüttert über seinen nur scheinbaren Sieg in die Sitzbank zurück. Dann erklärte er, dass ihm wohl die lange Fahrt nicht bekomme, er fühle sich auch recht müde. Der Alte nickte daraufhin und sagte, man sollte sich nicht übernehmen. Von Zeit zu Zeit sei eine Pause einfach unabdingbar.

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Die Kutsche holperte weiter die Straße entlang und da alles gesagt zu sein schien, schwieg man beharrlich. Hansen verwunderte jedoch die innere Anspannung des Bruders, der sonst ein solch ausgeglichener Mensch war. So wandte er von Zeit zu Zeit den Blick zu ihm und bemerkte am unruhigen Herumwandern seiner Augen, dass ihm eine zu lange Reise als Begründung seiner Einbildungen kaum Ruhe verschaffte. Seine Beobachtungen wurden jedoch jäh unterbrochen, als der Alte darauf hinwies, dass er nun sein Ziel erreicht habe. Die Kutsche stoppte und der Alte stieg hinab. Dann wies er auf einen kleinen Pfad, welcher von der Straße in den Wald führte, und erklärte, seine Hütte liege an dessen Ende. Er dankte den Brüdern für ihre Freundlichkeit und zog ein kleines Objekt aus seiner Robe, welches er Hansen überreichte. Anschließend zog er von dannen und Hansen besah sich das Geschenk des Fremden, welches sich als eine silberne Medaille entpuppte. Auf der glatten Oberfläche, in der sich das Gesicht des Händlers spiegelte, war ein Löwe geprägt, welchen in feinen Lettern ein Text umrandete, der besagte: „Meister der Gilde Konradt Arenius – Es fließe das Gold.“ Schnell wurde Hansen klar, was er da in Händen hielt und er wollte dem Fremden etwas nachrufen, doch der war schon längst nicht mehr zu sehen. War er wirklich der verfluchte Arenius, einstiger Meister der Händlergilde von Shasa? Doch Hansen konnte die Geschichten die er einst gehört hatte kaum glauben und so ging er davon aus, dass der Fremde wohl auf anderem Wege an diese Auszeichnung gekommen war. Dann grinste er diebisch und dachte an den hübschen Gewinn, den ihm der Verkauf der Medaille wohl einbringen würde, während er das Schmuckstück in seiner Tasche verschwinden ließ. Alver schien das Geschenk kaum zu interessieren. Er versuchte sich auf das Führen der Kutsche zu konzentrieren, was ihm aufgrund seiner inneren Unruhe zunehmend schwerer fiel.

Die Sonne war durch das Laub des Waldes indes schon nicht mehr auszumachen und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Nacht hereinbrach. So beschloss man kurz zu halten und die Laternen an den Seiten der Kutsche zu entzünden. Zwar war der Gedanke an eine nächtliche Weiterreise wenig erbaulich, doch übernachten konnten sie inmitten des Gehölzes nicht. Als Hansen in Gedanken die entzündete Laterne an der Kutsche befestigte, blickte Alver sich erneut um und fragte den Bruder, ob er denn nicht das seltsame Geräusch vernommen habe, welches in der Stille des Waldes doch deutlich zu vernehmen war. Hanse stieg genervt zurück auf den Kutschbock und fragte, was der Bruder denn gehört habe. Dieser entgegnete, dass Geräusch sei eigentümlich gewesen, erinnerte ihn jedoch an eine Art Atmen oder Röcheln. Dergleichen hatte Hansen jedoch nicht gehört und damit war die Sache für ihn auch schon geklärt. Die Kutsche holperte weiter die Straße entlang und er hoffte, man würde bald das Ziel erreichen.

Während die Zeit verging wurde Alver zunehmend nervöser. Zwar versuchte er, sich dies nicht anmerken zu lassen, doch der Bruder konnte deutlich sehen, wie seine Augen stetig suchender Weise hin und her wanderten. Als die Nacht hereingebrochen war und man schwach das Licht des Mondes durch die Baumkronen scheinen sah, erreichte das eigentümliche Verhalten Alvers einen Punkt, der auch Hansen zutiefst zu beunruhigen begann. Der Bruder machte sich nun keine Mühe mehr, seine Aufgewühltheit zu verbergen und blickte sich in regelmäßigen Abständen suchend um. Dabei wies er auf das seltsame Geräusch hin, dass der Bruder doch auch hören müsse und welches stetig lauter zu werden schien. Doch wenngleich die Beobachtung des Bruders ein inneres Grausen in ihm erzeugte, so konnte er doch das mysteriöse Geräusch nicht vernehmen.

Unvermittelt stoppte Alver plötzlich die Kutsche und forderte den Bruder mit aufgeregter Stimme auf, doch einmal hinten in der Kutsche nachzuschauen, ob sich ein Tier in der Ladung versteckt hatte, denn er war sich sicher, dass das eigentümliche Atmen direkt hinter ihm seinen Ursprung hatte. Hansen hatte zunächst kein Interesse daran, konnte er doch nichts hören. Als er jedoch in die Augen des Bruders schaute, welche ihn flehend anblickten, willigte er ein und sprang von seinem Platz um die Ladung zu untersuchen. Es behagte ihm gar nicht, hier mitten im Dunkel herumzustehen und so machte er sich schnell daran die Ladung einer groben Prüfung zu unterziehen. Es war jedoch schnell klar, dass sich kein Tier zwischen den Kisten versteckt hatte und so kehrte er auf seinen Platz zurück. Alver nahm das Ergebnis der Suche mit Resignation zur

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Kenntnis und schwieg fortan, damit der Bruder ihn nicht für gänzlich wahnsinnig hielt.

So fuhren die beiden weiter und Hansen begann sich infolge des brüderlichen Schweigens zu entspannen. Von Zeit zu Zeit blickte er zu Alver hinüber, um zu sehen, wie es denn um ihn bestellt sei. Und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Bruder ausgesprochen blass aussah. Dies sah er jedoch in dem ungünstigen Einfall des Laternenlichts begründet und dachte lediglich daran, in Owerheym selbst für einige Tage die Geschäfte zu tätigen, damit der Bruder sich vernünftig erholen konnte. Die lange Fahrt machte auch ihm zunehmend zu schaffen und so reckte und streckte er sich auf seinem Sitz und griff nach hinten um eine Flasche mit Wasser zu greifen, denn sein Mund war recht ausgetrocknet. So nahm er einen tiefen Schluck des erfrischenden Getränks und reichte die Flasche dem Bruder herüber, damit dieser auch einen kräftigen Zug tat. Dieser nahm die Flasche mit zitternder Hand und führte sie an seinen Mund, was ihm deutlich schwerzufallen schien. Hansen konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Bruder womöglich krank sei. So bot er ihm an, doch selbst einmal die Zügel zu übernehmen, damit er ein wenig schlafen konnte. Doch Alver reichte ihm nur zitternd die Flasche zurück und sprach mit leiser Stimme, es sei schon in Ordnung so. Er könne sich in Owerheym ausruhen. Hansen gefiel das gar nicht, doch er konnte dem Bruder kaum die Zügel einfach aus den Händen reißen. Er würde ihm dies auf ewig vorhalten. So beschloss er einfach weiter abzuwarten.

Die Kutsche begann stetig stärker zu holpern, denn Alver lenkte das Gefährt fast nicht mehr. Hansen bereute indes die Entscheidung, jene neue Handelsroute einzuschlagen und griff nach der Medaille in seiner Tasche, welche ihm in dieser Situation ein letzter Trost zu sein wusste. Im flackernden Laternenlicht neigte er das glänzende Schmuckstück hin und her um es recht betrachten zu können, doch in einem unvermittelten Moment schien es, als hätte er etwas Ungewöhnliches in der Reflexion der Medaille gesehen. Vor Schreck ließ er die Medaille sinken und wandte sich vorsichtig zur Seite, um nach seinem Bruder zu sehen. Doch der seltsame Schatten war verschwunden. Erneut fragte er den Bruder, ob er die Zügel übernehmen solle, doch dieser sprach mit einer leisen kaum hörbaren Stimme, es sei schon gut so. Die Augen wandte er nicht dem Bruder zu. Sie blickten glasiger Weise stur geradeaus. Hansen, der diesen Anblick nicht ertragen wollte, wandte sich wieder seiner Medaille zu und beschloss, dem Bruder schon bald die Zügel abzunehmen – ob er wolle oder nicht. So atmete er tief durch und hob erneut die übergroße, funkelnde Münze vor seine Augen, deren offensichtlicher Wert ihn zu beruhigen wusste. Doch der seltsame Umriss, den er gesehen hatte, ließ ihn nicht los. So kippte er die Münze langsam in Richtung des Bruders und der Atem stockte ihm, als er feststellen musste, dass der seltsame Umriss doch kein Produkt seiner Einbildungskraft war. Ohne Genaueres zu erkennen ließ er die Münze noch einmal nach unten sinken. Sein Herz schlug wie wild und doch konnte er nicht glauben, was er sah. Um endgültig Sicherheit zu erlangen hob er erneut langsam und zitternd die Medaille vor seine Augen und kippte sie so, dass der Bruder sich darin spiegelte. Allein, nicht nur den Bruder konnte er sehen. Der Atem stockte ihm und den Anblick nicht ertragend ließ er erneut seine Hand auf die Bank sinken. Er wagte nicht, den Blick zum Bruder zu wenden, schloss die Augen und fragte stammelnd, ob Alver noch immer das Geräusch hörte. Dieser erklärte ruhig und leise, dass er es wirklich noch höre, ohne Unterlass, und dass es dabei so laut sei, als würde ihm jemand seinen schweren Atem direkt in den Nacken blasen. Hansen war nicht fähig zu antworten und wenngleich er wusste, dass er es bereuen würde, so krallte er sich erneut an der Medaille fest und hob in einem Anfall des Wahnsinns, der den Gepeinigten dazu zwingt, die Quelle seines Leides genau zu begutachten, die Silbermünze erneut vor seine Augen.

Mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen sah er erneut die Gestalt, welche ihn in Panik versetzte. Ein nacktes, dürres Männlein, welches die Größe eines etwa zehnjährigen Kindes besaß, beugte sich aus der Kutsche hervor und umschlang den Bruder mit seinen langen dürren Ärmchen, an deren Ende drei lange,knochige mit Krallen bewehrte Finger sich in das Fleisch der brüderlichen Brust bohrten. Er konnte deutlich sehen, wie sich der graue Brustkorb der Gestalt, durch den jeden einzelne Rippe deutlich zu sehen war, unter dem schweren Atmen der Kreatur auf und ab bewegte. Das

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Scheußlichste jedoch war der Kopf, welcher auf der Schulter des Bruders ruhte. In seiner Form ähnelte er jenem einer Ratte, lang und spitz, und doch führte erst die groteske Kombination mit den entfernt menschlichen Zügen zu jenem abscheulichen Anblick. Auf seinem Haupt prangten wenige lange graue Haare, welche schlapp in des Gesicht des Wesens hingen. Aus dem Maul des Ungetüms ragten zwei lange, rattenartige Zähne, welche die Kreatur in die Schulter des Bruders bohrte. Hansen war im Begriff die Münze fallen zu lassen, doch er wusste sich noch knapp zusammenzureißen. Er musterte das Gesicht des Wesens und erblickte zwei gelbe Augen, in deren Mitte zwei leuchtend weiße Pupillen prangten. Der Blick des Wesens war starr nach vorn gerichtet und fast schien es, als würden seine voll Wahnsinn aufgerissenen Augen regelrecht zittern oder pulsieren, so dass sie mit jedem Augenblick aus dem Kopf zu springen drohten.

Mit zitternder Stimme wies Hansen den Bruder an, die Kutsche zu stoppen. Dieser ließ das Gefährt langsamer werden und fragte mit flüsternder Stimme, was denn los sei. Hansens Blick haftete noch immer auf der Reflexion der grotesken Erscheinung. Wie groß war sein Schrecken, als er mitansehen musste, dass die bislang starr nach vorn gerichteten Augen des Wesen sich langsam in seine Richtung zu bewegen begannen. Das alles war zu viel für den Händler und in einem Anfall des Wahnsinns wandte er sich dem Bruder zu, welcher bleich und kraftlos auf der Bank hing, und beförderte ihn mit einem schrillen Schrei von seinem Sitzplatz. Mit einem dumpfen Schlag traf der Körper des kräftigen Alver auf die steinige Straße. Während Hansen wie im Fieber nach den davongeflogenen Zügeln suchte, fragte der Bruder mit leiser, zitternder Stimme, was los sei und warum er ihn von der Kutsche stieß. Doch Hansen war unfähig, seine Worte zu verstehen. Endlich hatte er die Zügel in Händen und ließ die Pferde in vollem Galopp die Straße Richtung Owerheym entlang preschen. Der Kutsche versetzte es dabei so manchen schweren Schlag und die Hälfte der Ladung flog in hohem Bogen davon. Wenngleich die Kutsche letztlich kaum noch fahren konnte, so erreichte Hansen doch die Sicherheit der Stadt.

Die Stadtwache nahm sich sogleich dem stammelndem Irren an, welchen einige besorgte Bürger zu später Stunde bei ihr abgeliefert hatten. Dieser berichtete von seinem Bruder, welcher im Wald von einem Monstrum angefallen worden sei. Doch es war kaum etwas Sinnvolles von ihm zu erfahren. Am nächsten Tag entsandte man Reiter, denn einem möglichen Angriff auf einen Händler musste man auf den Grund gehen. Die Straße war gesäumt mit allerlei Dingen, welche bei der eiligen Flucht von der Kutsche gefallen waren. Allein den Bruder konnte man nicht ausfindig machen. Stattdessen fand man einen gänzlich ausgetrockneten Leichnam, dessen Knochen jedoch, beim Versuch ihn von der Straße zu räumen, direkt in tausend Teile zerbarsten.

Der Händler indes fand sein neues Heim in einer lokalen Nervenheilanstalt. Niemand schien ihn zu suchen oder zu vermissen und so geriet er in Vergessenheit. Doch noch Jahre später erinnerten sich die Ärzte an jenen seltsamen Mann, der stets mit ängstlichem Blick danach fragte, ob sie denn nicht das Röcheln hören könnten.