Die Mär vom grünen Schrecken

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Befragung des Insassen Adelbert Steinhauer zu den Ereignissen anno 1807 betreffs des Verbleibs des Schiffes „Anastasia“

Was sprichst du? Die Geschichte vom grünen Schrecken willst du hören? Oh, wie könnte ich jene Nacht vergessen vor zwanzig Jahren…

Es begab sich wohl zur Herbstzeit, ich erinnere mich dessen aufgrund der bunten Bäume am Hafen von Brennbach, da plante ich eine Reise zur Insel Atalante. Mein Herr vom Brennbacher Museum schickte mich zur dortigen Hauptstadt Hoiko um ein bei Ausgrabungen entdecktes Artefakt zu holen. Es war kühl an jenem Morgen als ich das Schiff betrat. Ein stolzes Zweimastschiff war es, welches einem Brennbacher Händler gehörte. Er verdiente gutes Geld damit, Bedarfsgüter zur Insel zu transportieren, denn die Insel bot kaum Ressourcen und das Leben dort war hart. Man hatte sich dort nur niedergelassen um die Ruinen zu erforschen. Alte Bauwerke deren Erbauer unbekannt waren und… Oh, bitte verzeih. Ich schweife ab… Du wolltest ja vom grünen Schrecken hören.

Nun denn, ich überspringe einmal den Anfang, denn die ersten zwei Tage und Nächte verliefen recht belanglos. Auf dem Schiff waren außer mir nur noch zwei weitere Reisende. Der eine war ein junger Mann, seiner Kleidung nach wohl ein Adeliger. Er war recht seltsam, sprach nie ein Wort. Immer nur stand er da, starrte hinaus aufs Meer und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. Auch war er sehr bleich und man konnte denken er sei schwer krank. Mehrfach fragt ich ihn, ob es ihm denn gut ginge. Doch er antwortete mir nie. Am Anfang drehte er sich noch zur Seite und schaute mich mit einem Blick an, der mir kalte Schauer den Rücken hinab laufen ließ. Oh, seine Augen waren unheimlich, denn sie funkelten violett. Ich glaube, der war mit Dingen im Bunde, mit denen wir Menschen uns nicht beschäftigen sollten. Nun ja, später ignorierte er mich komplett, tat so, als wäre ich gar nicht da. Auch sah ich ihn nie zu Bett gehen oder essen. Es war wirklich unheimlich… Die zweite Person jedoch war ganz sein Gegenteil, wenngleich sie seine Begleitung zu sein schien. Es war ein junges Mädchen mit wallendem roten Haar. Sie war wirklich schön anzuschauen und immer gut gelaunt. Immer trug sie so ein schönes weißes Kleid. Auch versuchte sie meine Bedenken zu zerstreuen, wenn ihr Begleiter mich wieder einmal ignorierte. Sie sagte dann immer, er sei viel beschäftigt und die Umstände seines Lebens machten ihm schwer zu schaffen. Auch lief sie viel auf dem Schiff umher und erkundete neugierig alle Winkel, prüfte die Arbeit der Seeleute. Von Zeit zu Zeit, da ging sie dann wieder zu ihm und schmiegte sich an seinen Arm, wobei er weiterhin keine Regung zeigte.

Auf dem Schiff, da ging alles seinen Gang. Die Matrosen waren tüchtige Leute und der Kapitän ein guter Mann. Man sah ihnen jedoch allen an, dass sie schon schwere Zeiten durchlebt hatten, denn ein jeder wirkte älter, als er wohl wirklich war. Ich sprach nur selten mit ihnen, doch ein junger Matrose, der wohl neu angeheuert hatte, bemerkte, dass der Kapitän wohl erst an die vierzig Lenze zählte, doch er sah wohl dreißig Jahre älter aus. Tief waren die Falten, die sich in sein Gesicht gruben. Auf dem linken Auge war er blind, man sah dies, da es trübe war, und eine lange Narbe zog sich von der Stirn über jenes Auge zum Mund. Sein Haar war weiß wie Schnee, wie auch sein voller Bart. Oh, ich sage dir, so sieht kein stattlicher Herr von vierzig Lenzen aus, nein nein…

Nun denn, es war wohl der vierte Tag der Reise, der Himmel war schwer von dunklen grauen Wolken und der Wind frischte auf, da war der Kapitän voller Sorge. Oft stand er auf Deck und prüfte den Horizont mit seinem Fernglas, dann ging er wieder in seine Kabine, blickte auf Kompass und Karte und schüttelte dann bedenklich den Kopf. Ich dachte mir bereits, dass wohl etwas nicht in Ordnung war, doch ahnte ich ja noch nicht, was uns erwarten sollte. Als er wieder einmal auf Deck war, da schlich ich mich in seine Kabine und schaute selbst. Oh, wie verwundert war ich doch, als ich sah, dass sich die Nadel des Kompasses, statt brav nach Norden zu zeigen, wie im Wahnsinn beständig im Kreise drehte. Der Schreck raubte meinem Gesicht wohl die ganze Farbe, denn einer

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der Matrosen erkundigte sich kurz darauf nach meinem Befinden. Ich versuchte mich mit Gedankenspielen zu trösten… Vielleicht war ja der Kompass beschädigt oder wir überquerten eine Passage absonderlichen Magnetismus. Doch war ich mir über die Dummheit jener Gedanken direkt im Klaren, denn kein Kapitän würde einen beschädigten Kompass mit auf Reisen nehmen… Und was sollte im Meer die Nadel drehen lassen? Ich konnte nichts essen, zu sehr schlug mir die Sorge auf den Magen. So stand ich auf Deck, einige Meter neben dem Adeligen und tat es ihm gleich, indem ich hinaus aufs Meer blickte. Ich konnte jedoch nicht anders als ab und an zu ihm hinüber zu schauen, was ihm jedoch egal zu sein schien. Als der Tag dem Ende entgegen ging, es war wohl Zeit für das Abendessen, da passierte etwas seltsames. Gerade schaute ich wieder hinüber zu jener starrenden Gestalt, da kehrte plötzlich Leben in selbige. Es schien fast so, als hätte er etwas erspäht, denn mit weit aufgerissen Augen schaute er nun hin und her, krallte sich an die Reling und atmete schwer. Dann, für einen kurzen Moment hielt er inne, erstarrte förmlich zu Eis. Ich blickte nun auch zum Horizont, um sehen, was denn los sei. Doch mein Auge erblickte absolut nichts. Nur das Meer und die grauen Wolken boten sich dem Betrachter dar. Wieder schaute ich zu ihm herüber, da löste sich die Spannung auf und er verschränkte die Arme, blickte wieder aufs Meer, als sei nichts gewesen. Dann erhob sich der Wind, eisig kalt, dass sich mir die Haare am ganzen Leib aufstellten. Langsam wurde es dunkel, die Wellen wurden höher, so dass das Schiff nun merklich unter der Gewalt des Meeres zu schaukeln begann. Der Umstand, dass ich kaum etwas gegessen hatte, und der Seegang nun merklich unruhig wurde, führten dazu, dass ich mich recht unwohl fühlte. Zunächst wollte ich in meine Kabine gehen, doch schien es mir, dass ich es kaum bis dort schaffen würde. Da erspähte ich ein Beiboot, welches mit einer Plane abgedeckt war. Ich hielt es für ein herrliches Ruhelager, schleppte mich dorthin und kletterte unter die Plane. Ich schlief kurz darauf ein, zumindest gehe ich davon aus… Nun denn, als ich wieder bei Kräften war und heraus blickte, da war bereits die Dunkelheit über uns hereingebrochen. Ich kletterte also aus dem Boot, noch etwas müde, und streckte mich. Schnell fiel mir auf, dass der Adelige verschwunden war. Nur die Matrosen waren noch geschäftig auf Deck, denn es schien, dass ein Sturm aufziehen würde. Der Kapitän stand auf Deck und blickte hinaus auf die See. Ich ging zu ihm und fragte, was denn los sei. Er bemerkte nur, dass ein großes Unheil sich nähern würde. Ich solle auf der Hut sein und mich gut verstecken, wenn mir mein Leben lieb sei. Seine Worte trafen mich bis aufs Mark, hoffte ich doch, dass wir heil unser Ziel erreichen würden. Ich wandte mich so herum und wollte, ohne eigentlich genau zu wissen, wo ich denn Schutz suchen sollte, unter Deck gehen. Da bemerkte ich, dass der Kapitän sagte: „Oh nein… Da sind sie schon.“ So hielt ich in der Flucht inne und schaute hinaus auf die finstere See. Gerade begann es zu regnen, da erspähte ich ein grünes Licht, welches stetig größer wurde. Als es näher kam, konnte man seine Umrisse erkennen und es entpuppte sich als gewaltiges Schiff… Zumindest konnte man das meinen. Ich bekam es jedoch mit der Angst zu tun und wählte das nächstgelegene Versteck, dass sich mir bot: Das Beiboot. Schnell kletterte ich wieder hinein und verbarg mich unter der Plane. Es war recht finster in meiner Umgebung und so hoffte ich, dass man mich nicht entdecken würde. Die Neugier in mir war jedoch stark und so spähte ich vorsichtig, welch garstig grünes Schiff sich näherte. Größer und größer wurde es, als sich die Distanz zwischen uns verringerte. Den Anblick könnte ich wohl nie vergessen…

Im Groben war es schon ein Schiff, jedoch aus purem Metall. Kein Eckchen Holz erblickte ich. Auch hatte es weder Masten und Segel noch Ruder, welche es antreiben konnten. Dafür erhob sich auf Deck ein zylindrisches Gebilde, mit allerlei Öffnungen aus denen unablässig geisterhafte, grüne Flammen heraus quollen. Mehr war jedoch auf dem Deck nicht zu erkennen, denn jenes Ungetüm überragte unser Schiff um ein vielfaches. Als ich es musterte bemerkte ich, dass an der Vorderseite eine gewaltige Fratze eine Art Tor zum Schiffsinneren bildete. Doch alles was im Inneren zu erblicken war, waren undurchdringliche grüne Flammen. Als es sich näherte hörte ich plötzlich ein leise Wimmern, welches beständig an Lautstärke zunahm, je näher uns das Eisenschiff kam. Oh wie erschrak ich, als ich erkennen musste, dass der Rumpf mit Stacheln und Ketten übersät war… an denen Menschen hingen… Sie schienen noch zu leben, denn sie bewegten die Arme und Beine und

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versuchten sich zu befreien. Doch keinem gelang es. Allein dies war noch nicht alles. Ich bemerkte ein seltsames Vorkommnis. So schien sich der Schiffsrumpf hinter einem der Stachel plötzlich zu öffnen, woraufhin sich der Dorn in das Schiff bewegte und der Rumpf sich wieder schloss. Ich will gar nicht wissen, was mit dem armen Teufel im Inneren geschah… Das Schiff rückte indes beständig weiter auf uns zu, vom tosenden Meer vollkommen unbeeindruckt. Ich fürchtete schon, es würde uns in tausend Teile rammen, da hielt es wohl fünfzig Meter entfernt plötzlich an. Zunächst geschah nichts, doch dann bewegte sich ein Steg aus dem Maul der Bugfratze zu unserem Deck herüber, krachte scheppernd durch unseren Rumpf und hielt uns so fest an jenem Ungetüm verankert. Ich wunderte mich, was es wohl damit auf sich hat. Doch zeigte sich mir schnell der eigentliche Zweck des Ganzen. So erschien aus dem flammenden Inneren des Schiffes eine Gestalt, welche langsam zu unserem Schiff herüber schritt. Ein Riese war jener, der wohl an die dreieinhalb Meter an Höhe maß. Er trug einen langen Umhang, unter dem er seinen Körper verbarg. Auf seinem Haupt prangte ein blauer Dreispitz. Aus der Entfernung konnte man ihn für einen Kapitän halten, doch als er näher kam, erkannte man schnell, dass dies kein Mensch war. Seine Haut war grau. In eingefallenen Augenhöhlen brannten zwei grüne Flammen, wo der Mund sein sollte klaffte nur ein rundes Loch, welches von allen Seiten mit metallenen Zähnen, die eher Nägeln glichen, besetzt war. Andere Merkmale wies das Haupt nicht auf. Seine Schritte waren beschwingt, auch wenn sein Äußeres dies nicht vermuten ließ. Als der Fremde sich näherte, prüfte ich, wie es denn um die Besatzung stand. Der Kapitän stand unweit des Stegs und wartete wohl auf den Riesen. Die Matrosen schienen alle ihre Posten verlassen zu haben und standen nun auf Deck, Äxte und Säbel in den Händen. Sie wirkten nervös, aber nicht panisch. Fast konnte man meinen, dass sie alle wussten, was da gerade geschah. Ich vermied es meine Position zu verraten und schaute was folgen sollte. Endlich erreichte der Riese das Schiff und lief durch unsere Reling, als sei sie nicht vorhanden. Vor dem Kapitän blieb er plötzlich stehen und schaut zu ihm herab. Dieser wandte sich dem Fremden zu und sprach:

„Was wollt ihr hier? Die Opfer wurden dargebracht und der Handel wieder erfüllt. Ihr habt kein Recht unseren Weg zu kreuzen.“ Der Fremde antwortete darauf, ohne dass sich sein… Mund dabei bewegte. Seine Stimme klang menschlich, wie die eines alten Mannes. Er sagte: „Der Handel ist hiermit beendet. Man hat uns ein besseres Angebot gemacht.“ Daraufhin lachte er hämisch. Mit jedem Wort quoll Rauch aus seinem Maul. Die Matrosen waren nun sichtlich verwirrt. Einige rannten unter Deck, andere hoben ihre Waffen. Doch der Kapitän fragte: „Wie hoch ist das neue Angebot? Wir werden es überbieten.“ Der Riese lachte daraufhin wieder, sein ganzer Körper erbebte dabei, und bemerkte dann: „Eine Schiffsladung Menschenmaterial…“ Schnell entgegnete der Kapitän: „Wir liefern euch beim nächsten Mal zwei!“ Doch der Fremde hatte seinen Satz noch nicht beendet. „… und der Würfel.“ Verwunderung und Entsetzen ging durch die Matrosen. Mir war bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass das alles ein schlimmes Ende nehmen würde, hoffte jedoch, mich durch mein Versteck retten zu können. „Das kann nicht sein!“, brüllte der Kapitän. Doch plötzlich ertönte seitlich von mir eine unbekannte Stimme. „Es ist jedoch so. Hier ist der Würfel.“ Der Adelige, der nie ein Wort sprach, erschien plötzlich und ging zu dem Riesen hinüber. In seiner Hand hielt er einen seltsamen grünen Würfel der mit allerlei Verzierungen versehen war. Er glänzte im Licht der Fackeln und schien metallisch zu sein. Der Riese betrachtete den Würfel und schien dann zu nicken. Danach wandte er sich wieder dem Kapitän zu. „Ihr könnt Wählen: Werdet Teil meiner Besatzung oder findet euer Ende in unserer Flamme.“ Der Kapitän zog sein Schwert und brüllte den Riesen an. „Niemals werden wir eure Lakaien, Teufel der See.“ Dann stach er in den Leib des Riesen… doch dieser blieb völlig unbeeindruckt und beugte sich zum Gesicht des Kapitäns herunter. Er sagte: „Die Wahl ist getroffen.“ Dann erhob er sich wieder und zog das Schwert aus seinem Leib. Sein Arm war lang, dünn und sehnig. Seine Hand schien eher eine metallene Prothese oder so etwas zu sein. Einer der Matrosen sprang plötzlich zwischen den anderen hervor. Ich erkannte jenen Neuling in ihm, der mir vom Kapitän berichtet hatte. Er bat den Fremden um Gnade und wollte seiner Mannschaft beitreten. Der Fremde packte ihn jedoch am Kopf und hob ihn auf

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Augenhöhe. Dann sprach er: „Die Besatzung hat immer dem Befehl des Kapitäns zu folgen. Alles andere ist Meuterei. Und ich nehme keine Meuterer auf…“ Daraufhin zerdrückte er dem Jungen einfach den Kopf und ließ ihn fallen. Es war wirklich ein furchtbarer Anblick… Die auf Deck befindlichen Matrosen machten sich nun bereit zum Kampf. Ein furchtbarer Laut drang dann plötzlich aus dem Maul des Riesen. Erst wunderte ich mich, was das sollte. Doch kurz darauf bemerkte ich Bewegung am Metallschiff. Eine große Zahl von Gestalten, man konnte nicht viel mehr erkennen, traten aus dem Maul des Schiffes hervor oder hangelte sich an der Außenwand zum Steg. Der Adelige sprach noch mit dem Riesen, doch ich konnte ihre Worte nicht verstehen. Dann ging er unter Deck, während der Riese zu warten schien. Die Gestalten kamen schnell näher und die Furcht zwang mich dazu, mich zu verstecken. Ich hörte Schritte, die lauter wurden. Dann das Gebrüll der Matrosen, Schwerterklirren und Schreie… Sie waren furchtbar… Ich wollte in diesem Augenblick gar nicht wissen, was dort draußen geschah, doch ein einfacher Kampf war das nicht… Die Schreie waren qualvoll… Auf einmal krachte etwas gegen mein Versteck. Ich fürchtete schon, man hätte mich entdeckt. Ich konnte mich nicht bewegen und zitterte wie Espenlaub… Doch es wurde mit der Zeit ruhiger. Ich vernahm einzelne Schritte… Langsam wanderten sie an mir vorbei. Ich dachte, dass man mich früher oder später finden würde und beschloss zu versuchen irgendwie vom Boot zu flüchten. In Anbetracht des Sturmes war das Wahnsinn, aber immer noch besser als dort zu verweilen. Als ich nur noch Geräusche vernahm, die von unter Deck zu kommen schienen, hob ich langsam die Plane… und ich musste das Ausmaß des Grauens erkennen. Überall lagen die toten Leiber der Matrosen… zerstückelt und zerhackt. Stellenweise konnte man nicht mehr erkennen, woher ein Brocken Fleisch eigentlich stammte. Es sah aus wie auf einer Schlachtbank… Direkt vor meinem Boot lag einer der Körper… Er muss dagegen geschleudert worden sein. Es waren auch nur noch die Beine daran. Es schien, als hätte man ihm Kopf und Arme abgerissen…. Ich spähte nach Feinden, da sah ich den Riesen und den Adeligen. Sie liefen über den Steg und waren fast am Eisenschiff. Auch trug der Graf das Mädchen in seinen Armen… Ich hoffe er hat ihr nichts angetan. Gerade wollte ich mich erheben, als eines dieser… Dinger auftauchte. Ich glaube es kam vom Eisenschiff. Es hatte Arme, Beine und einen Körper, war jedoch weit davon entfernt ein Mensch zu sein. Zwar lief es aufrecht, war auch bekleidet wie ein Seemann, doch auf seinen Schultern saß anstatt eines Kopfes ein fleischiger pulsierender Wulst aus dem oben ein kleiner Tentakel oder so etwas heraus schaute. Als es sich einmal nach vorn beugte, sah ich, dass jener wohl eine Zunge war, denn er ragte aus einem Maul, in dem sich scheinbar endlose Reihen von spitzen Zähne befanden. Das Ding suchte mit den Händen am Boden herum… Scheinbar konnte es nichts sehen… naja, es hatte zumindest keine Augen. Es fand letztlich ein Schwert und hob es auf. Anschließend begann es ein wenig mit selbigem durch die Luft zu schwingen, als wollte dieses Ding prüfen, wie gut es in der Hand liegt. Dann erschien ein anderer jener Meeresteufel. Auch er wirkte wie das pervertierte Abbild eines Matrosen. Aus seinem ganzen Leib ragten lange Nägel und seinem Kopf fehlte der Unterkiefer, so dass man direkt in seinen Rachen schauen konnte. Was dann folgte, war jedoch sehr seltsam. Der Kieferlose begann zu gestikulieren, sprach jedoch kein Wort. Der andere drehte sich zu ihm und tat es ihm gleich. Es sah fast so aus, als hätte sie sich unterhalten, allein man konnte nichts hören. Ich glaube sie stritten um das Schwert. Der Kieferlose wollte es wohl haben und der andere gab es nicht heraus. Nach einer Weile gab der Kieferlose auf und suchte auf dem blutverschmierten Deck selbst nach etwas. Er hob dann einen Kopf auf und prüfte ihn. Ich wunderte mich sehr darüber. Der Kopf trug ein umgebundenes Tuch, welches er nun abnahm und betrachtete. Dann band er es sich um, gleich Banditen, die ihren Mund verstecken wollen. Nun sah er eigentlich gar nicht mehr so unheimlich aus… von den Nägeln abgesehen… Es schien als wäre er zufrieden und so verschwand er wieder. Der Schwertschwinger befestigte seine Beute an seinem Gürtel und folgte. Ich hörte noch immer Kampfgeräusche von unter Deck und wollte die Situation ausnutzen. Als die Luft also endlich rein war schlich ich aus meinem Versteck und versuchte das Boot los zu machen. Es war schwer die nasse Befestigung zu lösen. Zumal ich vor Aufregung kaum meine Hände steuern konnte. Doch endlich gelang es und ich wollte einsteigen. Doch da traf eine

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große Welle unser Schiff und ich stolperte in das Rettungsboot und zog es mit in die Tiefe… Dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich erwachte lag ich im Boot am Strand von Atalante… Ich war schwach und schleppte mich am Strand entlang, in der Hoffnung endlich jemanden zu treffen. Letztlich traf ich auf einen Fischer, der mich nach Hoiko brachte…

Endlose Male versuchte ich den Soldaten, die wissen wollten, was geschah, zu erklären, was sich in jener Nacht ereignete, doch sie glaubten mir nicht. Sie meinten das seien Einbildungen gewesen… Ich hätte zu viel Meerwasser geschluckt und ähnliches… Als ich versuchte den Menschen auf der Straße davon zu erzählen, warf man mich in diese Anstalt hier… Jede Nacht suchen mich die Bilder seitdem heim! Die Schreie der Matrosen! Der unheimliche Kapitän… und der Adelige… Ich sehe sie beide vor mir, wie sie lachen über mein Elend… Und niemand glaubt mir… Alle sagen ich sei ein verrückter Narr… Aber… Aber du… Du glaubst mir doch…oder?