Ein später Gast

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Das Leben ist eine höchst komplexe Angelegenheit. Oft sind es die kleinen Dinge, welche es vermögen, große Schatten auf eine noch ungewisse Zukunft zu werfen. Scheinbar unbedeutende Ereignisse sind dazu imstande, das eigene Leben gehörig durcheinander zu bringen und auch andere in einen Wirbel der Ereignisse zu verstricken. Dies lernte ich an jenem Herbsttag des Jahres 1807, dessen Ereignisse seit nunmehr fünfzig Jahren in den tiefsten Winkeln meines Geistes ruhten. Doch nun, da ich alt und schwach dem Ende meines Lebens entgegen sehe, scheint der rechte Moment gekommen, diese Geschichte nieder zu schreiben, auf dass sie Euch zur Belehrung dienen möge.

Von grauen Wolken schwer war das Firmament und der Zorn eines aufkommenden Sturms trieb Händler und Reisende in den sicheren Schoß des Wirtshauses „Goldene Heimat“. Zu jener Zeit ging ich bei Oleg, dem Herrn des Hauses, in die Lehre und war trotz der täglichen Plackerei frohen Muts, da ich meiner Arbeit trotz ihrer scheinbaren Simplizität eine große Bedeutung beizumessen wusste. Wann immer ein Gast vor dem Zorn Mutter Naturs Schutz in unserem Hause suchte, sich am Feuer des Ofens wärmte und wehmütigen Blicks ob des Namens seiner Herberge die Sorgen des Tages mit einem vollen Humpen hinunter zu spülen vermochte, da wurde ich in meiner Ansicht bestätigt. Doch wenngleich mein Geist willig und eifrig der Arbeit zugetan war, so war das Fleisch doch schwach und mein Ungeschick ließ mich so manchen zerbrochenen Krug mit dem Zorn des Wirts büßen. Auch an jenem Tag wusste mich mangelnde Konzentration wieder, in ernste Schwierigkeiten hineinzureißen.
Das Haus war an jenem Tag nur schlecht besucht, da die Bewohner des Dorfes Darkunsgrad es auf Grund des Wetters vorzogen, sich in in ihren eigenen vier Wänden zu verkriechen. So belebten lediglich einige Händler und unsere zwei Stammgäste das Haus. Letztere waren Dimitri und Sviatoslav, zwei seltsame Käuze aus Darkunsgrad, welche einstmals als Schmiede tätig waren und nun ihren Lebensabend mit zu viel Bier und derben Späßen zu genießen wussten. Oft musste ich als Ziel ihrer Scherze dienen, denn als unbedarfter, junger Mensch scheint es naturgegeben, den Spott der Alten anzuziehen.
Gerade war ich im Begriff zwei Krüge mit frischem, schäumendem Bier zu füllen, da sprachen mich die beiden an; fragten, wie denn das Befinden der Frau Wirtin sei. Als ich dies vernahm, bemächtigte sich eine tiefe Verwirrung meines Geistes. So war ich bereits seit drei Monaten im Dienste des Wirts, doch hatte ich niemals eine Dame des Hauses gesehen. Da mir jedoch bereits der Ruf anhaftete, ausgesprochen unaufmerksam zu sein, wollte ich mir nicht die Blöße geben, nicht die Frau des Wirts zu kennen. So gut es mir möglich war, versuchte ich meine Verwirrung hinter einer Fassade der Souveränität zu verbergen, hob in einer raschen Handbewegung den Finger ermahnend in die Luft und bemerkte, dass ich selbst dafür Sorge trüge, dass Frau Wirtin munter und wohlauf wäre. Da begannen die Alten herzhaft zu lachen. Ob aufgrund meiner schlecht verschleierten Lüge oder aufgrund der Tatsache, dass ich im Zuge meiner belehrenden Handbewegung einen bereits gefüllten Krug recht vehement umstieß und dessen Inhalt über die gesamte Theke zu verteilte, weiß ich auch am heutigen Tage nicht recht. Schnell wurde jedoch das Lachen der Alten vom zornerfüllten Gezeter des Meisters übertönt, welcher weit wütender als bisher meine Unfähigkeit beklagte. Erst da bemerkte ich, dass ich nicht nur das kostbare Nass vergossen, sondern auch einige Papiere in einer Flut aus Bier und Schaum aufgeweicht hatte, welche der Meister für einen kurzen Moment auf der Theke abgelegt hatte, um sie anschließend sicher zu verwahren. In diesem Augenblick war ich überzeugt, dass mein Missgeschick das Fass der meisterlichen Geduld zum Überlaufen bringen würde. Doch entgegen meiner Erwartung unterbrach der Meister den Schwall des Zorns, schüttelte den Kopf und seufzte. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei jenen ertrunkenen Papieren um Reinschriften der Finanzen des Hauses handelte. Da jedoch die handschriftlichen Notizen noch vorhanden waren, forderte mein Missgeschick lediglich einige Fleißarbeit und nicht, wie es bei zerbrochenen Krügen üblich war, einen finanziellen Aufwand. Aus

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diesem Grund forderte der Wirt, ich möge die Aufzeichnungen in dieser Nacht erneut ins Reine schreiben, wenn das Haus geschlossen wäre. Jedoch musste ich es hier erledigen, denn ihm war nicht daran gelegen, dass ich die wichtigen Notizen außerhalb des Hauses verlieren könnte. Sollte diese Aufgabe erledigt sein, so wollte er einmal Nachsicht mit mir haben. Zwar wusste mich die Aussicht auf eine lange Nacht der Arbeit kaum zu erquicken, doch zog ich sie einer Entfernung meiner Person aus dem Hause vor.
Nach der Ermahnung des Meisters machte ich mich daran, die Misere auf der Theke zu beseitigen. Die beiden Alten, welche bislang gespannt gelauscht hatten, hoben nun an zu sprechen und amüsierten sich über meine Aussage zur Frau des Meisters. So würde es sie doch sehr verwundern, wenn sie wohlauf sei, denn es war weithin bekannt, dass sie bereits seit fünf Jahren nicht mehr auf Erden weilte. Sie sprachen davon, wie die Frau des Wirts von Räubern entführt und zur Erlangung eines Lösegelds gefangen gehalten wurde. Ich war verwundert, warum solch schändliche Tat einen einfachen Wirt treffen sollte, der ja doch kaum über Reichtümer verfügen könne. Da erzählten sie mir von den einstigen Ereignissen. Dimitri bemerkte, der Wirt sei in jungen Tagen ein Abenteurer gewesen und habe auf seinen Reisen ein hübsches Sümmchen erworben. Sviatoslav fiel seinem Freund jedoch ins Wort und merkte an, dass in Wirklichkeit die Familie der Ehefrau recht wohlhabend war und man wollte von jenen eine Zahlung erzwingen. Da lachte Dimitri. Oleg war zwar ein guter Wirt, erklärte er, doch ihm fiel nicht einmal ein kleiner Teil des angeblichen Reichtums zu, wie es bei einer Hochzeit gemeinhin Brauch war. Auch war die Familie der Braut recht erbost ob der Liebe ihrer Tochter zu jenem armen Burschen. Doch dies hielt die beiden nicht von der Eheschließung ab. Da beugte sich Sviatoslav leicht über die Theke und bemerkte flüsternd, dass mancher auch behaupte, Wirt Oleg sei einstmals ein Söldner gewesen, der seinen Teil in blutigen Scharmützeln verdient habe. Und Dimitri ergänzte, dass Oleg für einen Wirt recht wehrhaft war. Nachdenklich nickten sich die Alten zu, während ich mit erstaunter Miene nun schon seit einiger Zeit den gleichen Punkt zu wischte. Doch die Neugier hatte mich gepackt und so forderte ich weitere Aufklärung.
So berichteten sie weiter, dass die Frau unabhängig von genauen Gründen entführt ward und man eine große Summer für ihre Befreiung verlangte. Aus Angst um die Geraubte folgte man der Aufforderung und ließ den Schurken das Gold zukommen. Doch die Frau tauchte nicht auf. Und so entsandte man die Wächter, welche die Umgebung durchkämmten. Oleg, welcher nicht imstande war, untätig daheim zu verweilen, schloss sich den Suchenden an. Und an jenem schicksalhaften Tag war sogar er es, welcher einen der Schurken als erster entdeckte. Man fand ihn, wie er den Entführer seines Weibes übel zurichtete. Die Augen hatte er dem Mordbuben ausgestochen, die Zunge herausgerissen. Da jedoch das Faustrecht bei uns nicht erlaubt ist, riss man ihn von seinem Opfer los, dass dem Tod näher als dem Leben war. Man flickte den Gesellen wieder zusammen, nur um ihn letztlich nach geltendem Recht hinzurichten.
Ich war doch sehr verwundert, wie ein einzelner zur Ausführung einer solchen Tat imstande war. Da erklärten sie, dass dieser Umstand auch die Wächter verwirrte. Im Lager des Schurken fand man jedoch die verschwundene Habe der Ehefrau, wenngleich man ihre Leiche und das gezahlte Gold nie entdeckte. Der Gefangene war in seinem Zustand nicht mehr fähig, Auskunft zu geben und so nahm man an, dass die Komplizen rechtzeitig geflohen seien. Zumindest habe es später nie wieder einen solchen Vorfall gegeben. Am unheimlichsten war jedoch der Umstand, dass der Schurke einer der unseren war. Ja, er soll sogar ein regelmäßiger Gast des Hauses gewesen sein. Da schüttelten die beiden den Kopf, doch mir lief ein kalter Schauer den Rücken herunter. Als der Wirt uns bemerkte, beschwerte er sich, ich solle mich der Arbeit widmen, statt Schwänken der Jugend zu lauschen.

Der Tag verstrich und die Dämmerung veranlasste unsere Gäste sich eine Herberge zu suchen, denn unser Haus wusste nur Getränke auszuschenken und einsetzender Regen verkündete einen nahenden Sturm. Letztlich erhoben sich auch die beiden Alten und waren im Begriff zu gehen. Da wandten sie sich noch einmal mir zu und scherzten, ich solle vorsichtig sein, wenn ich mich des

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Nachts der Arbeit widmete, denn die Frau des Wirts solle wohl noch immer hier umgehen. Anfangs hielt ich diese Warnung lediglich für eine weitere ihrer Possen, doch die Dunkelheit brachte die Welt in beunruhigender Geschwindigkeit in ihren Besitz und ehe ich mich versah, war ich die einzige lebende Seele im Haus. Der Meister lebte aufgrund baulicher Eigenheiten des Hauses im Dorf und für gewöhnlich war es nicht notwendig, dass zu später Stunde jemand zugegen war. In dieser Nacht jedoch, welche mich dazu verdammte, mich in einsamen Stunden einer mühseligen Tätigkeit zu widmen, da wusste mich der Umstand, dass niemand im Hause residierte, durchaus zu stören. Da das Arbeitszimmer des Meisters für mich ungeschickte Person Tabu war und mir das Lager zu beengt schien, beschloss ich, die Theke für meine Arbeit zu nutzen. Nachdem ich die im zunehmenden Regen untergehende Dunkelheit durch das Schließen der Vorhänge aus dem Blick verbannt hatte, verteilte ich die benötigten Papiere auf meiner hölzernen Unterlage und machte mich im flackernden Schein der Kerzen an die Arbeit.
Entgegen aller Erwartungen kam ich zu Beginn recht schnell mit den Abschriften voran. Doch mit jeder Zeile, welche der Feder entglitt, schien der nächtliche Sturm an Gewalt zuzunehmen. Das zunächst kaum zu vernehmende Rauschen des Windes wich einem monotonen Tosen und leise zitternd stimmten allmählich auch die Fenster des Hauses in die nächtliche Symphonie mit ein. Ich war mir durchaus darüber im Klaren, dass der Sturm kaum imstande sein würde, dem Haus Schaden zuzufügen, doch in Anbetracht meiner Situation trug die zürnende Natur durchaus nicht zu meinem Wohlbefinden bei. Auf der Suche nach etwas Ablenkung holte ich mir zunächst einen Krug Wasser und widmete mich mit gesammelten Gedanken wieder meiner Tätigkeit.
Einige Stunden waren bereits vergangen und mir wurde bewusst, dass redliche Menschen zu dieser Stunde längst schlafen sollten. Diese unwillkürliche Erkenntnis brachte meine Geisteswelt jedoch in einige Aufruhr. Musste ich doch an die Worte denken, welche die hinaustretenden Alten an mich gerichtet hatten. Wenngleich ich nicht wirklich mit einem übernatürlichen Gast rechnete, so entwickelte der Gedanke an die finstere Nacht jenseits der Vorhänge und jene Dinge, welche zu dieser Zeit dort umgehen mochten, ein beständiges Eigenleben. Durch die schlecht abgedichteten Fenster begann nun der Wind zu pfeifen, welcher die Vorhänge in einige Unruhe zu bringen wusste. Ich bemühte mich darum, meine Aufmerksamkeit auf die vor mir ausgebreiteten Papiere zu richten, doch mit jeder verstrichenen Minute entglitt mir die Selbstbeherrschung in immer stärkerem Maße, bis plötzlich in meinem Geist nur das schreckliche Abbild der grausam dahin geschlachteten Frau des Wirtes verblieb. Wenngleich ich diese nie kennenlernte und somit auch über ihre Erscheinung durchaus nichts wissen konnte, so besaß der grausige Schatten in meinem Geist doch genug Schrecken, um mich in helle Aufregung zu versetzen. Der bloße Gedanke daran, wie sich diese Kreatur der Unterwelt unbemerkt an mich heranschleichen mochte, sorgte dafür, dass ich nun, unfähig, mich meiner Arbeit zu widmen, konstant die wogenden Vorhänge fokussierte. Hinter dem tanzenden Stoff erschien von Zeit zu Zeit die Dunkelheit des Fensters und ich war mir ausgesprochen sicher, dass mich, für mich unsichtbar, etwas von dort beobachtete. Ein kalter Schauer rann durch meinen Körper und immer neue Schrecken durchfluteten das Reich meiner Gedanken.
An dieser Stelle wurde mir bewusst, dass ich nicht zum Vergnügen die Nacht an diesem Ort verbrachte und dass der Meister meine Hirngespinste wohl kaum als Begründung für die nicht getane Arbeit gelten lassen würde. So griff ich zu meinem bereits geleerten Krug und füllte es ihn einem starken Wurzelbier, von dem ich sogleich einen kräftigen Schluck meine Kehle hinab spülte. Die Wärme, welche sogleich durch meinen Körper rann, schenkte mir ein wohliges Gefühl der Geborgenheit und neue Zuversicht erfüllte meinen Geist. Auch der tanzende Bote nächtlicher Kreaturen war nun wieder der einfache Vorhang, welcher sanft hin und her schwang.
Die Feder glitt schnell über das Papier, während ich mich von Zeit zu Zeit, zur Bekräftigung meiner Gesinnung, meines Getränkes bediente. Allein, der stete Zuspruch zum ungewohnten Alkohol führte letztlich dazu, dass ich mich zwar geistig dazu bereit fand, meiner Arbeit nachzugehen, mein Körper jedoch in gleichem Maße vor der Arbeit zurückzuweichen schien. Aufgrund der

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erforderlichen Präzision im Führen meines Schreibwerkzeugs, fand der schnelle Fluss der Arbeit so ein jähes Ende und nur mit Mühe war ich noch fähig Zeile um Zeile gerade und leserlich zu Papier zu bringen. Zumindest vermochte die Furcht mich vorerst nicht zu ergreifen.
Dies änderte sich jedoch, als sich in das Prasseln des Regens und das Wehen des Sturms noch ein seltsames Geräusch mischte. Ohne es zunächst bewusst zu bemerken vernahm ich ein leises Klopfen, dass es in seiner gleichmäßigen Penetranz aber doch letztlich vermochte, meine volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit jedem leisen Schlag, dessen Quelle sich mir zunächst nicht erschließen wollte, wich die von mir mühsam zusammengehaltene Konzentration. Letztlich sorgte der in meinem Körper nun weiträumig wirkende Alkohol dafür, dass ich die Feder vorerst zur Seite stellte und mit meinem angetrunkenen Mut den Ursprung der rhythmischen Störung zu suchen begann. Ich erhob mich und wanderte durch den spärlich beleuchteten Schankraum des Hauses, deutlich das leise Klopfen vernehmend. Schnell wurde mir jedoch klar, dass es nicht in diesem Raum seinen Ursprung hatte. Um meine Suche fortsetzen zu können, entzündete ich eine weitere Kerze und begab mich mit meiner nur mäßig Licht spendenden Gehilfin in das Lager des Hauses.
Ich empfand diesen Raum mit seinen aufgereihten Fässern und Kisten bereits am Tag als wenig erquicklichen Ort, doch in jener Nacht, da ich es kaum vermochte, die Dunkelheit in der Tiefe des Raumes zu vertreiben, wusste jener Raum eine ganz neue Qualität des Unbehagens in mir zu erzeugen. Die flackernde Flamme meiner Kerze war nicht nur kaum imstande mir den Weg zu erhellen, sie gab den vom reichhaltigen Interieur geworfenen Schatten auch ein beunruhigendes Eigenleben.
Der menschliche Geist hat die unangenehme Eigenschaft, dass er im Zustand des Unwohlseins dazu neigt, sich zu verselbstständigen und so vermögen auch rationale Naturen in den rechten Umständen ein nervliches Wrack zu werden. Der Alkohol, welcher mir zunächst Wärme und Zuversicht zu spenden wusste, sorgte nun dafür, dass meine Gedanken wieder zur grausam zugerichteten Gattin des Meisters zurückkehrten, welche noch an diesem Ort ihr Unwesen treiben sollte. Schweiß begann über mein Gesicht zu rinnen, während ich eilig die Kerze erst in die eine, dann in die andere Ecke schwenkte, in der Hoffnung, jenen Wesen, welche dort lauerten, schnell genug ausmachen zu können, um davon zu eilen. Meine Gedanken waren in jenem Moment ein grausiges Theater des Schreckens, in welchem ich bereits all jene makaberen Dinge visualisierte, welche geschehen mochten, wenn sich im Schein der Kerze tatsächlich die faulige Gestalt der Ermordeten zeigen würde. Das Klopfen hatte ich zwar immer noch vernommen, doch die Lust an der Erkundung seines Ursprungs war mir schnell abhanden gekommen und so trat ich, weiter die Kerze hin und her schwenkend, den Rückzug in den Schankraum an. Schritt um Schritt tastete ich mich voran, als ich neben einem unter dem Wind zitternden Fenster innehielt, da mir plötzlich bewusste wurde, dass das Klopfen an dieser Stelle ausgesprochen gut zu vernehmen war. Den Kopf zu drehen wagte ich nicht, doch ein spezielles Fass, dessen filigrane Aufschrift mir schon oft ins Auge fiel, ließ mich erkennen, dass ich direkt neben dem Fenster stehen musste. Und tatsächlich schien das Klopfen, welches sich gleichmäßig mit jedem Schlag in mein Innerstes hämmerte, direkt hier seinen Ursprung zu haben. Wie versteinert harrte ich aus, gleich einem Schurken, der auf frischer Tat ertappt nicht ein noch aus wusste. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Kopf zu drehen, um der Quelle des nervtötenden Geräusches zu begegnen. Doch ich war mir sicher, dass die vor dem Fenster lauernde Kreatur nur darauf wartete, um über den vor Schreck Gelähmten herzufallen. So tippte sie weiter mit ihrer krallenbewehrten Hand gegen das Glas und wartete auf den rechten Moment. Der Gedanke an die vor dem Fenster lauernde Kreatur ließ einen eisigen Schauer durch meinen Körper rinnen. Während sich eine fürchterliche Gänsehaut meines Körpers bemächtigte, sinnierte ich, welche Option mir in Anbetracht meiner aussichtslosen Situation noch blieb. So beschloss ich, das zu tun womit mein Peiniger nicht rechnen würde und mich in einer schnellen Bewegung dem Anblick desselben zu stellen, in der Hoffnung, dass die damit verbundene Verwirrung mir eine Gelegenheit zur Flucht verschaffen mochte. So sammelte ich all meinen Wagemut und zählte langsam von drei herunter.

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Mit einer schnellen Bewegung drehte ich mich zum Fenster, die Kerze auf selbiges gerichtet, um die Lauernde zu blenden. Panisch suchten meine Augen die Finsternis jenseits der Fensterscheibe ab, doch sie konnten nicht mehr erkennen, als den beständig gegen das Haus prasselnden Regen. Den Ursprung des Klopfens jedoch konnte ich nicht erkennen, wenngleich er sich nahe des Fensters befinden musste. Erst jetzt erinnerte ich mich an jenen alten Baum, welchen der Meister schon lange fällen wollte, da seine knorrigen Äste dem Haus bedenklich nah gekommen waren. Die Erkenntnis über meine Torheit sorgte für eine gewisse Beruhigung und ich atmete tief durch. Noch einmal versicherte ich mich der Erkenntnis, dass die Geschichte der Alten nur eine Posse war. Kein Geist würde mich in jener Nacht heimsuchen. Vermutlich war die ganze Geschichte der ermordeten Liebsten nur ein weiterer Scherz auf meine Kosten.
Als ich gerade im Begriff war, wieder in den Schankraum zurückzukehren, wurde mein neu gefasster Mut jedoch auf eine harte Probe gestellt. Denn kaum hatte ich mich vom Fenster abgewandt, da erfasste eine besonders starke Böe das ächzende Fenster, dessen geschundene Riegel aufsprangen und mir einen der Flügel derart hart in das Gesicht schlugen, dass ich benommen zu Boden ging. Der Windstoß hatte die Kerze zum Erlöschen gebracht und so bemerkte ich in der mich umgebenden Dunkelheit zunächst nicht, dass ich für einige Minuten das Bewusstsein verloren hatte. Erst der durch das Fenster drückende Regen, welcher langsam meine Kleidung durchnässte, ließ mich wieder erwachen. Zunächst war ich verwirrt über meinen Aufenthalt auf dem nassen Boden, doch dann erinnerte ich mich an meine Begegnung mit dem Fenster und zog mich langsam an einer Kiste empor. Da noch immer der Sturm seinen Weg in den Raum fand und ich mir ausmalen konnte, wie erbost der Meister über etwaiges Chaos im Lager sein würde, tastete ich so gut es mir möglich war, nach den Flügeln des Fensters und verschloss selbiges in einer durch häufige Anwendung erlernten Bewegung, welche keiner Sicht bedurfte. Nachdem ich diese Aufgabe erledigt hatte, beschloss ich, zurück in den Schankraum zu kehren. Da meine Lichtquelle erloschen war, musste ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten durch den Raum tasten, bis letztlich ein erster Lichtschein meines Ziels einige Orientierung bot. Es dauerte einige Minuten, doch ich erreichte wieder die Theke, auf der die Papiere auf mich warteten. Mit zitternder Hand griff ich nach meinem Glas und benetzte meine trockene Kehle, während ich mich mental versicherte, dass es der Wind war, welcher das Fenster aufgestoßen hatte, und nicht ein doch im Dunkeln lauernder Unhold, welcher sich während meiner Bewusstlosigkeit Zutritt zum Haus verschaffte.
Wie viel Zeit bereits vergangen war, konnte ich nicht sagen. Die herab gebrannte Kerze ließ mich jedoch vermuten, dass schon einige Stunden ins Land gegangen waren. Ich schätzte die Zeit etwa auf Mitternacht, konnte sie mangels einer Uhr jedoch nicht genau beziffern. Als der Schmerz in meinem Kopf nachgelassen hatte, wollte ich mich wieder meinen Abschriften widmen und war gerade im Begriff nach der Feder zu greifen, als mich ein lautes Klopfen aufschrecken ließ. Zunächst dachte ich, dass es wieder der Baum war, welcher im Wind gegen das Haus schlug und so wollte ich nicht weiter darüber nachdenken. Doch erneut klopfte es, diesmal laut und deutlich und mir wurde bewusst, dass es von der Eingangstür kommen musste, welche ich zu früherer Stunde verriegelt hatte. Ich war verwirrt, warum jemand zu jener späten Stunde seinen Weg hier her finden sollte. Im Dorf war weithin bekannt, dass wir am Abend die Tore schlossen. Der Besucher ließ sich jedoch durch meine fehlende Reaktion nicht beirren und klopfte erneut gegen die Eingangstür. Da ich von Spuk und nächtlichen Gestalten bereits genug hatte, ging ich davon aus, dass es sich entweder um einen Banditen auf der Suche nach leichter Beute handelte oder um einen Fremden, welcher auf der Suche nach einer Zuflucht vor dem Sturm das Licht im Haus erblickt hatte. Da es in der Gegend für einen Banditen jedoch kaum etwas zu erbeuten gab, tendierte ich zur letzten Option und beschloss, zumindest nachzusehen, wer um Einlass bat.
Verunsichert, ob ich meinen Entschluss bereuen würde, nahm ich eine meiner Kerzen und schritt hinüber zur Tür. Vorsichtig öffnete ich selbige und blickte zunächst durch einen schmalen Spalt. Vor dem Haus wartete ein Mann, gekleidet in einen einfachen Ledermantel, das Gesicht von einem weiten, breitkrempigen Hut bedeckt. Ich begrüßte den Fremden und merkte an, dass unser Haus

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bereits geschlossen habe. Die Herberge sei nicht weit entfernt. Doch der Fremde schien von meinen Worten ungerührt. Nur ein einziges Wort drang mit tiefer, rasselnder Stimme über seine Lippen: „Bier …“ Gerade noch konnte ich erkennen, dass sein Mund sich zu einem Lächeln verzog, als der Sturm meine Kerze zum Erlöschen brachte. Da der Fremde keine Anstalten machte, sich zu entfernen, mir tatsächlich der Sinn nach etwas Gesellschaft stand und ich noch immer einen geschundenen Reisenden in ihm vermutete, beschloss ich, ihm Einlass zu gewähren. Vorsichtig öffnete ich die Tür ein weiteres Stück, gerade genug, damit er hinein schlüpfen konnte, damit der Sturm meine Papiere nicht im ganzen Raum verteilte. Ich bemerkte, dass ich wohl einmal in Anbetracht des Wetters eine Ausnahme machen könne. Doch der Fremde rührte sich nicht und stand weiter lächelnd vor der Tür. Da ich mich nun doch etwas um die Papiere sorgte, welche bereits anfingen im Wind zu zittern, bat ich ihn, davon ausgehend, er habe mich nicht recht verstanden, noch einmal explizit in das Haus. Ohne ein Wort trat der Fremde in die schummrige Stube und begab sich zielstrebig zum Tisch in der hintersten Ecke des Raumes. Während ich die Tür erneut verschloss und verriegelte, versuchte ich einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen, um zu erkennen, ob es jemand aus dem Dorf sein mochte, welcher mir einen Streich zu spielen wünschte. Doch ich konnte nicht mehr erkennen, als den Mund, welcher unablässig im angestammten Lächeln verharrte. Entgegen aller Konventionen war ihm auch nicht daran gelegen, seinen Mantel oder seinen Hut abzulegen. In voller Montur setzte er sich auf die an der Wand befindliche Bank und wandte mir seinen Kopf zu. Dieses eigentümliche Verhalten veranlasste mich zu der Vermutung, es mochte sich wohl doch um einen gesuchten Schurken handeln, welcher aufgrund rechtlicher Verfolgung die eigene Identität zu schützen suchte. So schritt ich zur Theke und fragte in die Ecke, was er zu trinken wünsche. Erneut drang das tiefe und raue „Bier“ über seine Lippen. Auf die Frage, welche Sorte er wünsche, schwieg der Fremde jedoch. Da merkte ich an, dass die Benennung der Sorte aufgrund unterschiedlicher Preise für mich wichtig sei, doch er schwieg weiterhin. Seine rechte Hand glitt in das Innere des Mantels und ich fürchtete, er würde nun einen Dolch ziehen um mich zu bedrohen. Stattdessen kam jedoch ein offensichtlich prall gefüllter Geldbeutel zum Vorschein, welchen er unter lautem Klimpern auf den Tisch fallen ließ, wodurch einige Münzen daraus hervor auf die Tischplatte sprangen. In der düsteren Ecke konnte ich ihn kaum erkennen, doch es schien, seine Lippen hatten sich in diesem Augenblick noch weiter nach oben gezogen. Doch da erkannte ich es endlich. Der Fremde musste ein Edelmann sein, welcher sich unentdeckt durch das Land bewegte. Dies würde seinen Wohlstand erklären und dem Adel war bekanntermaßen allerlei exzentrisches Verhalten eigen. So füllte ich einen Krug mit dem Besten, was das Haus zu bieten hatte und trug selbigen hinüber zum Tisch meines späten Gastes. Ich merkte an, dass ich hoffte, dass Kulmbader würde ihm hoffentlich schmecken. Da sprach der Fremde nur ein tiefes und langes „Ja“ und schwieg erneut. Ich jedoch kehrte zurück zur Theke und widmete mich wieder meiner Arbeit, nebenbei meinen Gast beobachtend. Ich wollte nicht unhöflich sein und so versuchte ich von Zeit zu Zeit das Wort an ihn zu richten. Auf meine Fragen nach Wetter, Herkunft oder dem Wunsch nach mehr Licht erhielt ich jedoch nicht mehr als Antwort, als das bekannte „Ja“ oder ein stilles Kopfschütteln. Es schien offensichtlich, dass der Fremde keine Unterhaltung zu führen wünschte. Zufrieden saß er in der Ecke und nahm von Zeit zu Zeit einen kräftigen Zug aus dem schweren Krug.
Mit der Arbeit kam ich nun weit schneller voran. Die Gegenwart des Fremden löste in mir allerdings recht zwiespältige Gefühle aus. Der Umstand, dass ich nun nicht mehr mit mir und meinen Gedanken allein der stürmischen Nacht begegnen musste, erfüllte mich mit einer Form innerer Entspannung. Doch gleichzeitig durchfuhr mich jedes mal ein kalter Schauer, wenn ich zu seinem Tisch hinüber blickte. Wenngleich sein Gesicht beständig hinter dem weiten Hut verborgen blieb, so fühlte ich mich doch von der seltsamen Gestalt beobachtet. Ja, fast schien es mir, als würden mich seine Augen durch das Leder des Huts hindurch durchbohren. Ich schrieb diese absonderliche Verstimmung jedoch der generellen Atmosphäre dieser unheimlichen Nacht zu und versuchte selbige mit einem Gespräch zu vertreiben. Der Fremde, soviel war mir klar, war kein

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Freund vieler Worte. Doch der stets in meine Richtung gewandte Kopf, ließ vermuten, dass er durchaus ein gewisses Interesse an mir zeigte. So begann ich von den Ereignissen des Tages und meinen nächtlichen Abenteuern zu berichten. Der Fremde bestellte ein weiteres Bier und trank es in altbekannter Weise. Trotz eines Mangels an Worten schien er jedoch aufmerksam zu lauschen und von Zeit zu Zeit begann er sogar herzhaft zu lachen. So blieb mein zwiespältiger Eindruck von ihm erhalten. Auf der einen Seite umgab ihn eine befremdliche, düstere Aura. Zugleich hatte ich jedoch das Gefühl, dass er mir keinen Schaden zufügen würde. Ich berichtete ihm von allerlei Anekdoten meiner Arbeit im Haus und kam letztlich zum Abschluss meiner Abschriften.
Es musste bereits weit nach Mitternacht gewesen sein und der Sturm tobte noch immer. Aus diesem Grund brachte ich es nicht übers Herz, meinen ungewöhnlichen Gast hinaus in die Nacht zu schicken, wenngleich sich zunehmend die Müdigkeit meiner bemächtigte.
Also räumte ich die Papiere beiseite und bemühte mich, den Kopf auf die Hand gestützt durch weitere Erzählungen dem nahenden Schlaf zu entgehen. Zeigte der Fremde doch noch nicht einmal leichte Anzeichen von Müdigkeit. Doch letztlich konnte ich mich Vater Schlafs Einfluss nicht mehr erwehren und die Augen schlossen sich in Gänze. Entgegen jeglicher Alltagserfahrung blieb mir das letzte Bild, welches sich meinem Auge vor dem Eintritt in die Welt des Schlafes bot, im Gedächtnis. Es war der Fremde, welcher mit dem tief ins Gesicht gezogenen Hut zu mir herüber lächelte.
Als ich erwachte, brach bereits das helle Tageslicht durch die Spalten der Vorhänge. Froh darüber, sowohl die Nacht überstanden als auch meine Arbeit zufriedenstellend erledigt zu haben, erhob ich mich und begann die Vorhänge zu öffnen. Wenngleich der Himmel noch immer wolkenschwer war, so hatte der Sturm doch ein Ende gefunden. Indes erinnerte ich mich des Gastes und seines unerwarteten Erscheinens inmitten einer finsteren Wand aus Regen. Mir wurde bewusst, dass er noch nicht gezahlt hatte und so eilte ich hinüber zu jenem Tisch in der dunklen Ecke, aus der ich beobachtet wurde. Von dem Fremden gab es keine Spur, doch zu meinem Erstaunen befanden sich auf dem Tisch drei goldene Münzen, welche, scheinbar entgegen aller physikalischen Gesetze, hochkant zu einem kleinen Turm aufgestapelt auf mich zu warten schienen. Zufrieden über den Umstand, dass der Fremde für seine Getränke großzügig gezahlt hatte, war ich im Begriff nach dem Münzturm zu greifen. Die Goldstücke jedoch entzogen sich meinem Zugriff und sprangen vom Tisch auf die Dielen des Holzbodens, wo sie zunächst einen Augenblick herum rollten, um letztlich in einer schmalen Spalte meinem Blick zu entschwinden. Mich verwunderte dabei der Umstand, dass es mir nicht möglich war, die Münzen in ihrem Versteck auszumachen, obwohl die Zwischenräume zwischen den Brettern nicht sonderlich viel Platz bieten konnten. Bei genauerer Untersuchung musste ich feststellen, dass sich just an jener Position ein Hohlraum unter dem Schankraumboden befand. Erpicht darauf, die Münzen zu bergen, zog ich an einigen der Dielen und tatsächlich ließen sich einige von ihnen herauslösen, obwohl sie so befestigt waren, dass kein Wackeln das Versteck verriet. Die Münzen fand ich auf einem Bett aus Erde vor, von dem ich sie emsig aufklaubte. Da schien es mir, ich spürte in dem dunklen Winkel etwas, was in seiner harten und länglichen Struktur definitiv kein Goldstück sein konnte.
So scharrte ich etwas von der Erde beiseite und erschrak fürchterlich, als ich erkennen musste, dass es ein knöcherner Finger war, welcher einsam aus dem Erdreich emporragte. Voller Panik sprang ich auf und davon und verbreitete im Dorf, so schnell es mir möglich war, die Kunde meiner grausigen Entdeckung.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen, werter Leser, unnötige Details ersparen. Es stellte sich jedoch heraus, dass sich in jenem Erdversteck die verschollenen Überreste der ermordeten Frau des Meisters befanden. Eine Untersuchung förderte zutage, dass der Meister selbst in ihre Entführung involviert war, was ihm letztlich die gerechte Strafe am Galgen einbrachte. Das Lösegeld blieb auch weiterhin verschollen. Als ich, gefragt nach dem Umstand der Entdeckung, von meinem nächtlichen Gast sprach, wollte mir allerdings niemand glauben. So fand man trotz des aufgeweichten Bodens keinerlei Fußspuren vor dem Haus oder auf dem Holzboden. In Anbetracht des Durcheinanders an

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jenem Morgen verwunderte es mich jedoch nicht, dass zwischen all den Stiefelabdrücken keine Spuren des Fremden mehr auszumachen waren.
Da der Meister nun nicht mehr zugegen war, fand meine Lehre so ein unerwartetes Ende. Unfähig noch länger innerhalb jener morbiden Behausung zu verweilen, beschloss ich, mein Glück an einem anderen Ort zu suchen. Das Gold des Fremden sollte mir dabei gute Dienste leisten. Und nun, am Ende eines langen Weges angelangt, sitze ich hier und schreibe diese Worte als Meister der Elmgrader Händlergilde. Wie ich letztlich zu diesem Titel gelangte? Das ist eine gänzlich andere Geschichte.

So bleibt mir nur anzumerken, dass ich in jener Nacht zweierlei Dinge lernen durfte. Zum einen, dass ein Unrecht sich nicht auf ewig vertuschen lässt. Zum anderen erkannte ich, wie töricht doch meine Furcht vor geisterhaften Besuchern war. Denn dergleichen, da werden Sie mir sicher zustimmen, gehört in das Reich von Mythen und Legenden.

PS: Hüten Sie sich, einen Krug umzustoßen. Es könnte zu unerwarteten Ereignissen führen.

Iwan Petrowitsch im Jahre 1857