Mondkind Nekahru

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In jener Zeit, da die Menschen sich noch nicht unter dem Banner des Kaiserreichs vereint hatten, begab es sich, dass die Bewohner von Donerhagg sich auf die Silbernächte vorbereiteten. Alljährlich beging man inmitten des Winters zu Ehren der weißen Mondgöttin Istara jene mehrtägige Festivität, an der man sich deren Segen durch Opfergaben und kollektive Gebete zu sichern suchte. Der Überlieferung nach würde der weiße Mond nur dann weiterhin am Himmel prangen, wenn man den Segen der Göttin zu erringen wusste. Beging man jedoch nicht die alten Riten und vergrämte die Göttin, so würde sie für ein ganzes Jahr vom Himmel schwinden und so Astarai, dem Herrn des roten Mondes, das Firmament zur Herrschaft überlassen, welcher sonst nur an wenigen Nächten sein blutiges Antlitz am Himmel zeigte.

Nur schwach war die Sonne an jenem kalten Wintermorgen am fernen Horizont auszumachen, als Nana, ein rothaariges Mädchen von vierzehn Jahren das Haus des Onkels verließ. Glück im Unglück bescherte ihr das Leben, denn als die Stürme des Herbstes die große Flut brachten und das Haus ihrer Kindheit, samt Mutter und Vater mit sich fort rissen, da wurde ihre Leben geschont. Der Vater hatte sie zu seinem Bruder Sante geschickt, dessen Tochter schwer erkrankt das Bett hüten musste. Als Heiler des Dorfes war es Naste ein Leichtes die rechte Medizin für das Mädchen zu bereiten, allein die Arbeit ließ nicht zu, dass er sie selbst überbrachte. An jenem unglückseligen Tag geschah es nun, dass Nana den Heimweg antrat, nur um den reißenden Fluss vorzufinden, wo Stunden zuvor das Haus der Eltern stand. Man trauerte lang um jene die der Fluss an jenem Tage dem Dorf entriss. Sante, dessen Kind schon bald wieder bei Kräften war, empfand es als letzte Pflicht dem Bruder gegenüber, Nana ein neues Heim auf seinem Hof zu bieten. Und das Leben hätte so einfach sein können, wäre da nicht Hylde gewesen, der heimische Drachen den Sante vor Jahren als seine Frau erwählte. Hylde liebte nur zwei Dinge im Leben: Sich und ihr jüngeres Selbst in Form ihrer Tochter Sina, welche sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit verhätschelte. Nana lebte als Dienstmagd im Haus, was Sante zwar nicht guthieß, jedoch auch nicht zu unterbinden wusste, da er ein Mensch ohne Rückgrat war und dem Wort seiner Frau zu jeder Zeit Gehorsam leistete.

Zu jener frühen Stunde war es Nanas Aufgabe in die Kälte hinaus zu treten und das Vieh im Stall zu versorgen. Wenngleich der Schlaf ihr noch in den Knochen steckte und die Arbeit in der frostigen Morgenluft beschwerlich war, widmete sie sich ihren Pflichten mit größter Sorgfalt. Nachdem sie die Versorgung der Tiere sichergestellt hatte, war Nana gerade im Begriff eilenden Schritts wieder in das Haus zu treten, doch ein ungewöhnlicher Besucher kreuzte ihren Weg und bewog sie einen Moment innezuhalten. Im Zwielicht des Morgens vermochte das Mädchen die vorbeihuschende Gestalt zunächst kaum zu erkennen, da ihre weiße Farbe mit dem umgebenden Schnee verschmolz. Doch als sie auf einem Holzfass, welches leer die Front des Hauses zierte, Platz nahm und sich den Schnee von den nassen Tatzen leckte, erkannte Nana in der Gestalt eine weiße Katze. Zunächst schien der Vierbeiner einer gewöhnlichen Natur zu sein und das Mädchen trat an das Fass heran um ihrem Besucher vorsichtig das Köpfchen zu tätscheln. Doch als die Sonne sich weit genug über den Horizont schob, damit ihr Licht das Tier berühren konnte, erkannte sie im schneeweißen Fell der Katze ein ungewöhnliches gold-schimmerndes Muster, welches in Kurven und Spiralen das ganze Kleid des Tieres überzog. Nana war zutiefst verwundert, denn eine solche Katze hatte sie zuvor noch nicht gesehen. Die Katze jedoch hatte ihre Pfoten zufriedenstellend gesäubert und schnurrte glücklich, als das Mädchen über ihr Fell strich. Wie Menschen es zu tun pflegen, begann Nana mit dem Tier zu sprechen und wollte wissen, woher es denn stammt und warum es ein solch ungewöhnliches Kleid trug. Die Katze schien ihr zu lauschen, spitzte die Ohren und fixierte das Mädchen mit ihren im Sonnenlicht schimmernden blauen Augen. Fast schien es als würde sie jeden Augenblick antworten und das Mädchen beugte sich etwas nach vorn um ihren Worten gut lauschen zu können. Doch lediglich ein euphorisches „Miau!“ ließ der Vierbeiner erschallen und Nana

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musste darüber herzlich lachen. Indes wartete man im Haus auf die Rückkehr Nanas und die erschallende Freude des Mädchen war Anlass genug, dass Hylde selbst die hölzerne Tür des Gebäudes aufschwang, um zu prüfen, wo der von ihr verhasste Taugenichts denn nur blieb. Der Blick der missgünstigen Frau traf zunächst Nana und sie schalt das Mädchen ob ihres pflichtvergessenen Müßiggangs. Wie oft zuvor begann sie nun der armen Nana vorzuwerfen, dass diese keine Dankbarkeit darüber zeigte, dass man sie im eigenen Hause aufgenommen hatte und statt den geringfügigen Pflichten nachzugehen nun mit jenem gelbäugigen Getier vor dem Haus herumschäkerte. Der Katze jedoch war die schrille Stimme der Frau zuwider und so sprang sie eilends davon, bevor Hyldes Predigt eine Ende fand. Nana jedoch bat um Verzeihung und trat zurück ins Haus, denn auch dort wartete die Arbeit auf sie.

Während die Stunden des Tages von körperlicher Arbeit hinfort geschwemmt wurden gedachte Nana der seltsamen Katze. Woher nur stammte jenes Tier, dessen Fell so ungewöhnlich gezeichnet war? Da erinnerte sie sich an eine Geschichte, welche ihr Vater ihr einstmals erzählte. Die Einzelheiten waren im Laufe der Jahre leider verblasst, doch schwang noch immer ein Name in den dunklen Winkeln ihrer Erinnerung: Nehkaru. Ein Kind Istaras sollte Nekahru sein, welches in Gestalt einer Katze durch die Welt wandelte. Einstmals war es Brauch, in der Zeit der Silbernächte eine Schale Milch vor das Haus zu stellen, um sich das Götterkind gewogen zu machen. Nekahru, so sprach man, sollte den Menschen Glück bringen. Im Verlauf der Zeit ging dieser Brauch jedoch verloren, denn Nekahru zeigte sich nicht und wenn denn eine Schale geleert wurde, bevor sie im eisigen Winterwetter erfror, so hatte sie höchstens der Nachbarsmieze das Bäuchlein gefüllt. Nana war sich jedoch sicher, dass das Erscheinen der mysteriösen Katze in der Zeit der Silbernächte kein Zufall sein konnte. Doch kaum war sie zu diesem Schluss gekommen, wurde sie unsanft aus ihren Träumereien gerissen, als ein anfliegender Holzscheit ihren Rücken traf. Es war Sina, welche wieder einmal darauf erpicht war, der ungeliebten Dienstmagd zu demonstrieren, wie wenig sie in diesem Hause galt. An diese Behandlung hatte sich Nana bereits gewöhnt und so schwieg sie, denn Hylde hätte sie nur ausgelacht. Sante indes wandte den Blick ab und weigerte sich, zu bemerken, was er ja doch nicht ändern konnte.

Zu später Stunde dann, als die Familie bereits das Bett aufgesucht hatte, blickte Nana aus dem Fenster, hoffend, dass ihr einstmals ein besseres Los zuteil werden würde. In der Ferne erblickte sie den in der Dämmerung verschwindenden, schneebedeckten Wald. Der Anblick war ihr wohl vertraut, allein es schien, als würden, nur für einen kurzen Augenblick, gelbe Punkte im düsteren Geäst funkeln. Doch Nana war kaum imstande das Phänomen genauer zu betrachten, da schwand es auch wieder. Der Tag hatte sein Ende gefunden, doch eine Sache wollte sie noch tun. Leise nahm sie ein Schälchen zur Hand, füllte es mit Milch und stellte es auf das leere Fass. Dann löschte sie die Lichter und ging zur Ofenbank, welche ihr als Schlafplatz zugewiesen wurde.

Ein neuer Tag brach an und mit ihm neue Pflichten. Als Nana des Morgens vor die Haustür trat, erschrak sie, denn die Nacht hatte viel Schnee gebracht und nun war es jenseits des häuslichen Vordaches kaum noch möglich voran zu kommen. Doch einen Weg durch das kalte Weiß zu bahnen sollte nicht ihre Aufgabe sei und so atmete sie auf, als sie vorsichtigen Schrittes die Tiere aufsuchte. Nach getaner Arbeit trat sie hinaus in den dämmernden Morgen und gedachte beim Blick zu jenem alten Fass vor dem Haus des Schälchens. Schnell eilte sie zu ihm hinüber und zu ihrem Erstaunen fand sie es leer. Lächelnd nahm sie es an sich und versteckte es unter ihrem Kleid, damit keiner bemerkte, was sie tat. Unbemerkt war jedoch Sante aus dem Haus getreten und begann den Schnee vor der Eingangstür beiseite zu schaffen, damit Frau und Tochter ins Dorf gehen konnten. Nana erschrak, wusste sie doch nicht, ob der Onkel das Schälchen gesehen hatte. Als dieser das Mädchen erblickte hielt er jedoch mit seiner Arbeit inne, lächelte und bemerkte, dass Nana wohl einen neuen Freund gefunden habe. Erst jetzt spürte sie, wie etwas Weiches schnurrend um ihre Beine strich.

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Die seltsame Katze war zurückgekehrt und es schien als wollte sie sich für die nächtliche Gabe bedanken. Der Onkel schenkte der Katze jedoch keine weitere Beachtung und machte sich wieder ächzend ans Werk. Nana wollte schnell wieder ins Haus zurückkehren, bevor Hylde ihren Unmut hinausschreien konnte und so strich sie dem Vierbeiner nur kurz über das Köpfchen. Doch zu spät. Die Haustür schwang auf und hinaus trat der häusliche Drache. Ihr Zorn galt jedoch Naste und so fuhr sie ihn an, warum die Arbeit denn so lange dauern würde. Sie müsse schon bald mit Sina den Schneider aufsuchen, denn das Fest der Silbernächte war nah und die Tochter brauchte noch das Kleid für den Tanz zu Ehren der Göttin. Als sie mit Naste fertig war, wollte sie wieder im Haus verschwinden, bemerkte dabei jedoch Nana und ihren pelzigen Besucher. Die Predigt sparte sie sich jedoch, stapfte zu dem Mädchen herüber und zerrte es am Arm Richtung Haus. Der Katze schien dies jedoch zu missfallen und so machte sie durch ein lautes Maunzen ihrem Unmut Luft. Da schnappt Hylde sich eine ausgediente metallene Laterne, welche neben der Haustür stand, und schleuderte sie auf die Katze, welche voll getroffen wurde. Als Nana von der Tante ins Haus gezerrt wurde, konnte sie nur noch erkennen, wie die Katze jammernd das Weite suchte.

Der Morgen war bereits vergangen, als Naste schnaufend in das Haus zurückkehrte. Er berichtete, dass der Weg nun frei war, doch Hylde winkte ab. Der Tochter war es heute viele zu kalt draußen und da das Kleid ohnehin nur abgeholt werden musste, sollte Nana diese Aufgabe übernehmen. Naste verzog das Gesicht und fast schien es, als wollte er etwas sagen, doch Hyldes giftiger Blick ließ allen Mut in ihm ersterben. So seufzte er nur und bemerkte, der Zimmermann solle einmal vorbeikommen, denn ihm mache der Zustand des Daches Sorgen. Besonders nun, da eine dicke Schneedecke darauf ruhte. Hylde winkte jedoch ab und bemerkte, der Taugenichts von Zimmermann werde keine Münze von ihr erhalten. Naste könne das auch allein erledigen.

So traten Nana und Naste wieder hinaus in die Kälte. Der Onkel tätschelte des Mädchens Kopf und bemerkte, dass ja zumindest der Weg nun nicht mehr so beschwerlich war. Dann verschwand er hinter dem Haus. Indes machte sich Nana auf den Weg, Hyldes Anweisung Folge zu leisten. Zwar wusste sich der Frost in das Gesicht des Mädchens zu schneiden, doch verglichen mit den sonstigen Aufgaben war dieser kleine Botengang eine regelrechte Erholung für sie. Auf dem Weg zum Schneider ließ sie ihren Gedanken freien Lauf, denn hier würde sich keiner daran stören. Sie dachte an die Legende von Nekahru und an die Katze. Kurz hielt sie inne und blickte in die Ferne. Wäre die Katze, so befremdlich sie auch aussah, ein Gott, dann könnte man sie wohl kaum mit einer Laterne in die Flucht schlagen. Sie seufzte und scharrte mit dem Fuß durch den Schnee als ihr bewusste wurde, wie töricht doch ihr Hoffnung war, ein Gott würde jemanden wie sie aufsuchen. Dann setzte sie ihren Weg fort. Der Schneider war erstaunt über Nanas Erscheinen. Hatte er doch mit Hylde und Sina gerechnet, denn es gab einige Stellen am Kleid, über deren rechtes Maß er sich nicht sicher war. So hatte die garstige Frau beim Vermessen der Tochter keine Ruhe gegeben und stets in Zweifel gezogen, was das Maß doch immer eindeutig zeigte. So weit trieb die Frau es, dass er sich am Ende selbst nicht mehr über die gemessenen Zahlen sicher war. Kopfschüttelnd überreichte er Nana das weiße Kleid und merkte an, dass man ihn bei Unstimmigkeiten noch einmal aufsuchen sollte. Schweigend kehrte er an seine Arbeit zurück und Nana strich vorsichtig über den feinen Stoff des sorgfältig gefalteten Kleids. Trüben Sinns machte sie sich auf den Heimweg.

Wieder daheim war Naste gerade daran, den Schnee vom Dach zu entfernen und Schadstellen so gut zu richten, wie er es vermochte. Doch er war kein Zimmermann und es war nur eine Frage der Zeit, bis das Flickwerk erneuert werden musste. Als Nana zurück ins Haus trat, war Hylde gerade im Begriff Nana für die unnötig vergeudete Zeit zu tadeln, doch der Anblick der Kleides schien sie gnädig zu stimmen und so bemerkte sie nur, Nana solle sich nun den üblichen Aufgabe widmen. Indes eilte sie zu ihrer Tochter, um den Neuerwerb zu präsentieren.

Langsam verging die Zeit unter der alltäglichen Plackerei. Während Nana sich um das Innere des Hauses kümmerte, widmete sich Naste dem Äußeren. Doch auch trübe Tage enden irgendwann und wie zuvor blickte Nana des Abends aus dem Fenster hinaus zum dämmrigen Wald. Und erneut

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blitzte im Zwielicht des Waldes ein Heer von gelben Punkten auf, nur kurz, doch schien es diesmal, dass zwei von ihnen größer waren. Nana jedoch war Müde und rieb sich gähnend die Augen. Als sie erneut hinsah, lag jedoch nur der düstere Wald vor ihr. Eine Sache blieb ihr jedoch auch an diesem Abend. Zaghaft nahm sie das Schälchen und füllte es mit Milch. Wenn sie auch wusste, dass kein Gott sie besuchen würde, so wollte sie ihrem pelzigen Besucher eine Freude machen und stellte erneut die kleine Gabe auf das Fass vor dem Haus. Dabei bemerkte sie, dass es begann zu schneien und sie war sich sicher, dass der nächsten Morgen genau so viel Arbeit bringen würde, wie der letzte. Im Schnee erkannte sie jedoch rote Pünktchen, wo die Katze am Morgen saß. So hoffte sie, dass es dem Vierbeiner gut ging und begab sich erschöpft zu Bett.

Der nächste Morgen brach an und Nana stapfte hinaus in den kalten Tag. Der neue Schnee konnte sie diesmal nicht erschrecken, doch ein Blick zum Hausdach zeigte ihr, dass wieder viel Arbeit auf den Onkel wartete. Diesmal wollte sie gleich nach dem Schälchen sehen, musste jedoch enttäuscht feststellen, dass es unbehelligt und durchgefroren dastand. Traurig widmete sie sich den Tieren. Als sie hinaustrat war der Onkel bereits damit beschäftigt, das Dach so gut es ging vom Schnee zu befreien. Die Arbeit dort oben im Dämmerlicht des Morgens war gefährlich und Nana war sich sicher, dass der Onkel wieder einmal das Opfer der Launen der Tante war. Manchmal schien es ihr, dass es dem Onkel noch schlimmer ging, als ihr und dann bedauerte sie ihn fast. Doch wäre es ihm ein Leichtes gewesen sich von Hyldes Joch zu befreien und so schüttelte sie nur den Kopf über jenen närrischen Mann. Als sie gerade im Begriff war, die Schale zu holen, bemerkte sie zu ihrer Freude einen pelzigen Gast, welcher klagend versuchte die Milch aus der Schale zu schlecken, dabei aber aufgrund deren frostiger Natur offensichtlich scheiterte. Die Katze in ihrem verzweifelten Ringen mit der Schale amüsierte das Mädchen und so ging sie zum Fass herüber, nahm den Vierbeiner auf ihren Arm und wusste ihn durch einige Streicheleinheiten zu trösten. Zufrieden schloss die Katze die Augen und legte schnurrend den Kopf auf den Arm des Mädchens. Im Haus begann es indes zu poltern und zu rufen und dabei lärmte es so sehr, dass selbst Naste verwundert über den Rand des Daches blickte. Da schwang unvermittelt die Haustür auf und Sina stürmte hinaus, dabei nach Nana rufend. Als sie sie erblickte, forderte sie Nana dazu auf, ihr beim Anprobieren des Kleides zu helfen. Dann bemerkte sie jedoch, dass das verdutzt dreinblickende Mädchen etwas auf dem Arm hielt. Ihr Blick traf erst die irritierte Katze, schwang dann hinüber zum Fass und erfasste das Schälchen. Sofort stürmte sie in das Haus und rief nach der Mutter, denn Nana habe ein Haustier. Nanas Herz begann zu rasen, denn sie wusste, dass dies nicht gut enden würde. Nicht lang dauerte es, da eilten Mutter und Tochter aus dem Haus und während Sina mit boshaftem Blick auf die verschreckte Nana zeigte, begann Hylde wie eine Furie herumzuschreien. Sie klagte das Mädchen an, die wertvolle Milch für solch ein pelziges Ungetüm zu vergeuden, statt sich tugendhaft ihren Arbeiten zu widmen. Nana konnte die Hand der Mutter kaum ausmachen, als sie schallend in ihr Gesicht klatschte und dem Mädchen einen Sturz zu Boden bescherte. Die Katze landete derweil elegant im Schnee und begann die fürchterliche Frau an zu fauchen. Hylde schrie jedoch weiter, dass Nana nun sehen werde, was sie von ihrem Ungehorsam habe. Erst jetzt bemerkte Nana den Sack, welchen die Tante in der anderen Hand hielt. Mit einem rabiaten Griff packte sie die Katze am Nacken, steckte sie in den Sack und schnürte ihn oben zu. Zornig forderte sie nun Naste auf, er solle endlich vom Dach steigen und das Vieh im Fluss ertränken. Naste blickte schweigend vom Dach, musterte erst den Sack und dann Nana, welche Hylde anflehte, doch die arme Katze zu verschonen. Doch er wollte sich dem Wort seiner Frau nicht widersetzen und so stieg er hinab, nahm den Sack an sich und schritt in Richtung des Flusses. Hylde schien damit bereits zufrieden zu sein und da die Kälte ihr Unbehagen bereitete, kehrte sie ins Haus zurück. Sina jedoch lachte diebisch, als Nana weinend dem Vater nacheilte.

Nana zog den Onkel am Ärmel und bettelte darum, er solle die Katze doch einfach laufen lassen. Es würde ja keiner erfahren. Doch Naste blieb stumm und schien sie ignorieren. Nach einigen Minuten des Jammerns und Klagens erreichte beide den Fluss, welcher vom vielen Schnee recht

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angeschwollen war. Kurz hielt der Mann inne und betrachtete den zappelnden Sack. Nana hoffte, er hätte sie erhört, doch da musste sie mit ansehe, wie er den Sack in die kalten Fluten schleuderte und, ohne eine Miene zu verziehen, wieder in Richtung des Hauses schritt. Schluchzend stürzte Nana in den Schnee, als sie sah, wie der Sack in den reißenden Fluten verschwand.

Sie weinte bitterlich um den verlorenen Freund, doch dann, so schnell wie sie gekommen waren versiegten die Tränen der Trauer. Sie erhob sich und blickte leeren Blicks in das eisige Nass, während in ihr die Erkenntnis reifte, dass dies nun einmal der Lauf der Welt war und dass vom Leben weder Glück noch Gerechtigkeit zu erwarten waren. Schweigend kehrte sie zum Haus zurück. Sina stand indes der Sinn schon wieder nach etwas Anderem. Sie wolle der Kleid erst am nächsten Tag anziehen, wenn ihre Haare gerichtet seien. Dann, beim abendlichen Fest würde sie die Schönste unter den Mondmaiden sein.

Der Tag verstrich und ohne eine Regung des Gemüts widmete sich Nana ihren Aufgaben. Des Abends, als alle zu Bett gegangen waren, da nahm sie einen Stuhl und stellte ihn an das kleine Fenster, setzte sich auf ihn und stützte die Hände auf die Fensterbank. Sie blickte hinaus zum Wald, der, wie stets zuvor, von der Finsternis der Nacht verschlungen wurde. Ihr Kopf war schwer, denn die Ereignisse des Tages hatten sie erschöpft. So legte sie den Kopf auf ihren Arm und unmerklich begann sie ins Reich der Träume hinüber zu dämmern. Doch kurz bevor ihre Augen sich schlossen, da schien es, als würde ein Heer von roten Punkten im Wald aufblitzen.

Der Tag des Festes war angebrochen und Hylde und Sina waren in heller Aufregung. Nana jedoch, berührte dieses Ereignis nicht und sie gedachte nur der Arbeiten, welche sie auch an diesem Tag verrichten musste. Sie kümmerte sich um die Tiere und warf bei der Rückkehr ins Haus einen flüchtigen Blick auf das Fass, welches einsam und verlassen vor dem Haus stand. Die Götter schienen es indes mit den Menschen nicht gut zu meinen, denn in der Nacht hatte es erneut geschneit und Naste zeigte sich zutiefst besorgt über den Zustand des Daches. Hylde wies ihn jedoch an, zunächst einen Weg zu schaffen, damit man am Abend zum Festplatz gehen konnte. Im Verlauf des Morgens war es nun an Nana, Sina beim Herrichten für das Fest zu helfen. Zunächst galt es, dass Kleid anzuziehen, doch schnell wurde klar, dass selbiges an einigen Stellen nicht recht passend wollte. Hylde war außer sich und stampfte auf den Boden, während sie die Unfähigkeit des Schneiders verfluchte, welcher es nicht einmal vermochte, richtig Maß zu nehmen. Sina war über die Mängel des Kleides zutiefst betrübt und jammerte, dass sie so doch nicht als Mondmaid tanzen könne. Hylde schloss ihr Kind sanft in die Arme und tröstete sie. Das Kleid ließe man noch ändern. Der Blick der Tante glitt zu Nana und sie war im Begriff sie zum Schneider zu schicken. Dann bemerkte sie jedoch, dass das Mädchen beim flechten der Zöpfe helfen müsse. So war es an Naste, welcher gerade einen schmalen Weg durch den tiefen Schnee geschaffen hatte, das Kleid und die Anweisungen zur Änderung zum Schneider zu bringen. Naste protestierte zunächst, da er sich erst um das Dach kümmern müsse, doch Hylde fiel ihm ins Wort. Das Dach sei auch morgen noch da, das Fest jedoch beging man nur einmal im Jahr. So verstummte Naste und zog von dannen. Nana widmete sich derweil den Zöpfen und dem Haarschmuck Sinas, welche in freudiger Erwartung ein Lied zum besten gab.

Später als erwartet kehrte Naste zurück und Hylde moserte, er habe wohl der ganzen Umschneiderei beiwohnen müssen. Doch das Kleid war keineswegs fertig. Im Dorf herrschte aufgrund des Schnees reges Chaos und wenn das Fest gelingen sollte, dann müsse er nach einer kleinen Stärkung auch wieder zu den anderen zurückkehren und den Festplatz räumen. Als Hylde hörte, dass der Auftritt Sinas in Gefahr war, schmiegte sie sich zahm an ihren Mann und erklärte, er müsse den anderen schnell zu Hilfe eilen. Nana jedoch ließ das alles kalt und ungerührt versuchte sie die geflochtenen Zöpfe in die traditionellen Formen zu bringen.

Der Tag war bereits im Begriff zu schwinden, als Naste aus dem Dorf zurückkehrte. Hylde war in blanker Aufregung. Musste sie doch noch sich und den Ehemann herrichten. Und das Kleid musste auch noch geholt werden. Während sie chaotisch durch das Haus eilte, wies sie Nana an, schnell

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zum Schneider zu gehen und das Kleid zu holen. Es müsse ja endlich fertig sein. So trat Nana hinaus in den dämmernden Tag, der sein feuriges Abendrot über das winterliche Dorf warf. Die Tante mahnte zwar zur Eile, doch Nana fiel es schwer durch den tiefen Schnee zu stapfen.

Erschöpft erreichte sie letztlich den Schneider, als die Sonne nur noch schwach über den Horizont blickte. Überall herrschte emsiges Treiben und Menschen in festlichen Kleidern versuchten sich ihren Weg durch den Schnee zu bahnen. Der Schneider hatte seine Arbeit tatsächlich beendet und drückte Nana das Kleid eilig in die Hand, denn auch er wollte sich auf den Weg zum Fest machen. Sanft strich das Mädchen über den weichen Stoff des Kleids und gedachte dabei des verlorenen Freundes und unmerklich rann ein kleines Tränlein über ihre Wangen. Sie blickte zum Horizont und wusste, dass sie schnell nach Haus eilen musste, sonst würde die Tante außer sich sein. Doch plötzlich drang ein vertrautes Geräusch an ihr Ohr: „Miau!“ Zunächst konnte sie im Zwielicht des Abends die Quelle des Rufes nicht ausmachen, doch dann funkelten sie zwei blaue Augen aus der Fensterbank eines Hauses an, deren Besitzer ihr nur zu vertraut war. Schnellte eilte Nana hinüber zu dem Vierbeiner und strich ihm über das Köpfchen. Sie wusste nicht, wie die Katze sich aus dem Sack befreit haben konnte und doch war sie sich sicher, dass es ihr kleiner weiß-goldener Besucher war. Doch die Zeit verran schnell und sie wollte wieder nach Hause eilen. Da protestierte die Katze jedoch mit einem lauten: „Miau!“, sprang auf den vom Schnee befreiten Boden und strich dem Mädchen mit einer so extremen Vehemenz durch die Beine, dass es ihr nicht möglich war auch nur einen Schritt zu tun, ohne zu stürzen. Da hielt sie noch einmal Inne und liebkoste den zur ihr zurückgekehrten Freund. Im Dorf war es indes ruhiger geworden, denn die meisten waren schon am Festplatz, dessen Lärm Nana in der Ferne erschallen hörte. Sie kraulte ihren vierbeinigen Freund und erfreute sich der ausgelassenen Musik, da vernahm sie ein ungewöhnliches Geräusch, welches aus der Richtung des heimatlichen Hofes zu kommen schien. Zwar konnte sie es nicht genau erkennen, doch schien es ein dumpfer Knall zu sein. Das Mädchen erschrak fürchterlich und beschloss schnellstens zurück zu eilen. Da die Katze sie jedoch nicht ohne weiteres ziehen ließ, kam sie zu dem Entschluss sich den Vierbeiner einfach zu schnappen und mitzunehmen. Während das Mädchen sich mit Katze und Kleid beladen den Weg durch den Schnee bahnte, genoss der pelzige Passagier den luxuriösen Transport und die gute Aussicht.

Die Sonne war bereits nicht mehr zu sehen, als Nana endlich im letzten Tageslicht den Hof erreichte. Doch als sie sich verwundert umschaute, weil kein Licht zu sehen war, musste sie erkennen, dass sie umsonst geeilt war. Das Haus war nicht mehr und nur Trümmer schauten vereinzelt aus dem tiefen Schnee hervor. Sie verharrte einen Augenblick und betrachtete das Unglück mit ungerührter Miene. Erst als die schnurrende Katze in ihrem Arm mit einem nachdrücklichen Kopfstupser ihre Aufmerksamkeit zu erringen versuchte, kehrte Leben in das Mädchen zurück.

So kehrte Nana zurück in das Dorf und beging mit den Dörflern das große Fest. Man wunderte sich zwar über die Abwesenheit von Hylde, Sina und Naste, doch keiner vermisste sie. Erst am nächsten Tag fand man den zerstörten Hof vor, in dessen Trümmern die drei ein eisiges Grab gefunden hatten. Der Zimmermann war sich sicher, dass das Dach unter der Last des Schnees eingebrochen war. Jedoch beharrte er vehement darauf, in der Nähe des Hofes etwas gesehen zu haben, was dem Abdruck einer großen Pfote glich. Die Dörfler amüsierten sich über jene Geschichte, konnte der Zimmermann ja doch keinen Beweis dafür erbringen, da der neue Schnee den Hof unter einer weißen Decke begraben hatte.

Nana fand indes ein neues Heim bei der Familie des Schneiders, dem das tüchtige Mädchen schon immer leidgetan hatte. Allein die Katze entschwand so spurlos, wie sie einstmals erschien.