Regen – Das Ding in der Tiefe

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gefallene Stadt Schwarzberg, 17.06.1806

Werter Professor van Helstein,

wie Sie es mir aufgetragen haben, habe ich meine Augen bezüglich aller Zeugnisse schriftlicher Art offen gehalten, die Kunde von bereits bekannten oder auch unbekannten Spezies dieser Welt geben. In Folge der Plünderungen der feindlichen Stadt Schwarzberg war es mir möglich, eine kleine Sammlung entsprechender Schriftstücke zu retten. Sie waren Teil einer privaten Bibliothek die einige sehr seltene Werke enthielt. Der Bezug zur Vergangenheit ist in diesem Kontext leider notwendig, denn dieser Pöbel von der Armee hat mit seiner destruktiven Vorliebe für Feuer einen Großteil derselben für immer vernichtet. Die geretteten Bände enthalten einige ausgesprochen interessante Ausführungen die Ihre Arbeit sicherlich unterstützen können. Ich muss jedoch bemerken, dass es sich zumeist nur um Details handelt. Erwarten Sie diesbezüglich keine zu großen Schätze. Zwischen den Bänden fand sich jedoch ein außerordentlich obskures Schriftstück, welches ich nur durch Zufall aufgefunden habe. Es handelt sich um eine Art Erzählung, vermutlich mit biografischem Bezug. Der Umstand, dass der Beginn der ersten Seite, nur die Fortsetzung eines Satzes enthält und der Text auf der letzten Seite unerwartet inmitten eines Satzes endet, lässt mich vermuten, dass es sich nur um einen Teil eines größeren Werkes handelt. Möglicherweise handelt es sich um eine Biographie. Es kann natürlich auch reine Fiktion sein. Um dies zu beurteilen, sind vermutlich weitere Forschungen notwendig. Die betreffenden Seiten verbargen sich in einem unbeschriebenen Umschlag inmitten einer Ausgabe von Kesselbachs „Wesenheiten unserer Welt“. Dies kann natürlich reiner Zufall sein, doch man muss in Anbetracht der mäßigen Quellenlage allem eine gewisse Beachtung schenken.

Da mir bewusst ist, dass die Lieferung der Kriegsbeute sich wohl noch einige Zeit hinziehen wird, entsende ich Ihnen anbei bereits meinen seltsamen Fund. Ich hoffe er wirkt auf Sie verständlicher als auf mich.

Ich werde mich weiterhin bemühen relevante Schriftstücke für Ihre Arbeit zu erbeuten.

gez. Ihr loyaler Mitarbeiter,

Samuel Edelbrandt

… hatte mich in eine Provinzstadt nördlich von Liberheim beordert. Man trug mir auf eines unserer Kontore zu prüfen, dem man nachsagte, es würde die Abrechnungen in nicht unbeträchtlicher Weise manipulieren. Mir war in diesem Zusammenhang natürlich durchaus bewusst, dass man ein reichumspannendes Handelshaus nur mit genügender Strenge führen kann. Dennoch war meine Laune in Anbetracht der Reise in die düsterste Provinz doch in beachtlichem Maße getrübt. Ich war schon immer ein Stadtmensch und mir war bewusst, das es dort im Nordwesten des Landes recht anders zugehen würde, als in meiner angestammten Heimat Brennbach. Der geneigte Leser wird sich an dieser Stelle sicher fragen, warum man einen einfachen Sekretär vom Süden in eine solch entfernte Region entsenden würde. Die Pflicht, die den Genießer bindet, nötigt mich dazu, Details im Dunkel der Geschichte verschwinden zu lassen. Es sei jedoch gesagt, dass ich mich der jüngsten Tochter von Eldermann Marius Fruger mehr genähert hatte, als gut für jemanden in meiner Stellung war.

Gegen Ende des Sommers 1724, genauer gegen Ende des sechsten Monats, begann ich meine Reise nach Nordwesten, die sich als schwerwiegender entpuppen sollte, als ich bis dahin erwartet hatte.

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Mit der Kutsche und jenen Utensilien im Gepäck, die für die Reise notwendig waren, begab ich mich auf den Weg zu meinem Ziel. Mein Gefährt gehörte dem Handelshaus und man hatte es mir lediglich zugesprochen, da meine Position den Eldermann dazu nötigte. Zunächst atmete ich auf in Anbetracht der Tatsache, dass ich einer tiefgreifenden Strafe doch entronnen zu sein schien. Doch bereits nach einer Tagesreise holte mich Frugers Zorn wieder ein, als wir die gut gepflasterte Hauptstraße verließen und aufgrund einer beachtlichen Zeitersparnis der großen Küstenstraße folgten, welche die Städte Silvas und Liberheim verbindet. Zwar ist die Straße selbst eine beachtliche Abkürzung, denn man muss nicht erst nach Norden reisen um dann in Dunkelmoor auf die Hauptstraße nach Westen zu wechseln. Doch nichts in der Welt hat ausschließlich Vorteile und so war die Küstenstraße zwar prinzipiell leicht befahrbar, dabei jedoch so unsagbar holprig, dass ich mir nicht selten wünschte, Fräulein Sophia nie kennen gelernt zu haben. Ich muss gestehen, dass mir nach scheinbar endlosen Stunden des Durchschüttelns auch das Gefühl für die Zeit abhanden kam. Doch nach einigen Tagesreisen erreichten wir endlich Liberheim, das Juwel des Nordwestens, wenngleich man gestehen muss, dass diese Handelsstadt wenig Konkurrenz in der Gegend gehabt hätte. Ich war jedoch heilfroh, als sich die Kutsche wieder ohne stetes Zittern und Springen fortbewegen konnte. Wir übernachteten in der örtlichen Niederlassung des Hauses. Während des Abendessens erwähnte mein Kutscher beiläufig, dass er sich sehr darüber ärgere, dass man uns genau diese Kutsche zugeteilt hatte, die aufgrund ihrer miserablen Qualität längst gegen ein neues Exemplar ausgetauscht werden sollte. Mir war in diesem Zusammenhang durchaus bewusst, wem wir diese Entscheidung zu verdanken hatten.

Zu früher Stunde machten wir uns wieder auf den Weg und als ich die letzten Häuser der Stadt an meinem Fenster vorbeiziehen sah, war mir bewusst, dass von nun an nur noch tiefste Provinz auf mich warten sollte. Der Herbst hatte indes Einzug gehalten und begrub die Welt unter einem grau-melancholischen Schleier. Lediglich die langsam bunt werdenden Wälder die im Eiltempo an meinem Auge vorbei zogen, boten noch ein wenig optischen Reiz. Die Stimmung der Landschaft begann im Verlaufe der Zeit Einfluss auf mein Gemüt zu haben und nur der Umstand, dass es mir an Alternativen mangelte, führte dazu, dass ich sie unablässig betrachtete. Doch viel zu bieten hatte sie nicht. Zunächst blickte ich zum rechten Kutschenfenster hinaus und das östlich gelegene Inland erstreckte sich vor mir. Doch lediglich einige Höhenzüge und viele Wälder boten meinem gelangweilten Gemüt Unterhaltung. Von Zeit zu Zeit erspähte ich zwischen den Bäumen ein Gebäude. Mal war es etwas, dass einer kleinen Burg ähnelte, mal ein alter Wachturm. Doch zumeist handelte es sich nur um vereinzelte Hütten jener verschrobenen Provinzler, die es nicht fertig brachten, ihr schnödes Leben in der Einsamkeit gegen die Vorzüge der Stadt einzutauschen. Kurzzeitig hoffte ich, auf der anderen Seite der Kutsche etwas interessanteres erspähen zu können. Schnell ward ich jedoch enttäuscht, als ich den leichten Vorhang zur Seite zog und nichts als Wald neben der Straße zu entdecken war. So begab ich mich wieder auf meine alte Position und starrte ins Nichts.

Nach etwa einer Tagesreise begann es fürchterlich zu regnen und die schweren Güsse des Firmaments bildeten einen wässrigen Schleier, der mir auch diese kleine Unterhaltung versagte. Zunächst maß ich dem Regen keine größere Bedeutung zu, doch mir schien, dass die Kutsche zunehmend unruhiger fuhr. Als ich mich beim Kutscher erkundigte, was denn vor sich ginge, bemerkte dieser, dass die Straße, die in dieser Region nicht gepflastert war, durch den Regen aufgeweicht sei und nun allerlei Steine, die zuvor verborgen waren, aus dem schlammigen Untergrund hervor traten. Wieder und wieder versetzte es der Kutsche einen mehr oder weniger leichten Schlag und mich beschlich eine gewisse Unruhe, da ich fürchtete, dieses klappernde Holzgestell würde die Strapazen der Reise nicht mehr lange mitmachen.

Um der Unruhe zu entrinnen, suchte ich nach einer Zerstreuung und kramte ein kleines Büchlein hervor, welches Fräulein Sophia mir bei einem abendlichen Beisammensein zueignete. Ich hatte ihm bisher wenig Beachtung geschenkt, fand den Augenblick jedoch passend und beschloss mich endlich einmal der Lektüre des Buches hinzugeben. Es befand sich in einem kindlichen hellblauen

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Einband auf dem in weißen Lettern das Wort „Regen“ geschrieben stand. Der Titel wirkte auf mich in jener Situation wie ein Scherz überirdischer Mächte. Doch da ich den metaphysischen Spielereien der Priester und Zaubermeister nie wirklich zugetan war, verwarf ich diesen Gedanken mit einem leichten Lächeln.

Um mir einen gewissen Einblick in das Buch zu verschaffen, blätterte ich ein wenig darin herum und musste bemerken, dass es sich statt um eine zusammenhängende Erzählung um einen Gedichtband handelte. Die Lyrik war vermutlich das einzige, was mich noch mehr langweilte als jede Religion, doch war mein Plan nicht, mich einer erquicklichen Betätigung hinzugeben, als lediglich etwas Ablenkung zu finden. So schlug ich die erste Seite auf und versuchte im Licht der wild herum schwingenden Laterne etwas zu lesen. Dies sollte sich jedoch als äußerst kompliziertes Unterfangen entpuppen, da neben meiner Lichtquelle auch das Buch in meiner Hand in Bewegung war. Fast schien es, als würden die Worte versuchen meinem Blick zu entrinnen. Ich bemühte mich dennoch das Buch nicht aus Frustration bezüglich des Wackelns wieder schnell in meinem Gepäck verschwinden zu lassen. Doch mein Unterfangen fand ein unsanftes Ende, als ein gewaltiger Schlag die Kutsche erschütterte und dafür sorgte, dass es mich fast von meinem Sitz hob. Das Buch jedoch flog in hohem Bogen in einen Winkel unter der gegenüberliegenden Sitzbank. Ich muss jedoch gestehen, dass meine Gedanken in diesem Moment nicht bei dem kleinen blauen Band waren. Vielmehr interessierte mich, wie man es sicher verstehen kann, was uns denn da so fürchterlich getroffen hatte.

Ich beugte mich leicht aus dem Fenster an der Seite um nach dem Kutscher zu rufen und mich zu erkundigen, was da eben geschehen war und warum wir nicht mehr fuhren. Dieser befand sich neben der Kutsche und prüfte die vordere Achse unseres Gefährts. Nach einem kurzen Moment, wandte er sich zu mir und bemerkte, dass wir wohl über einen großen Stein oder eine freigelegte Baumwurzel gefahren sein müssen. Die vordere Achse sei beschädigt und würde wohl sehr bald brechen. Mir war in diesem Augenblick klar, dass wir nicht einfach an jenem Ort verharren konnten, in der Hoffnung, dass irgendwann Hilfe erscheinen würde. Ich sagte ihm, dass er vorsichtig weiterfahren solle, bis wir eine Siedlung oder etwas ähnliches finden. Dort würden wir erst einmal rasten und nach einer Möglichkeit zur Reparatur suchen. Der Kutscher nickte nur leicht und klettere wieder auf seinen Sitz. So setzten wir unsere Reise fort, wenngleich in einem äußerst gemächlichen Tempo.

Der Anblick des Kutschers hatte mich erheitert, denn ich war froh, dass es mir vergönnt war, in der trockenen Kutsche zu sitzen. Sein simples Ledercape schützte ihn wohl nur bedingt vor dem strömenden Regen, welcher nicht abklingen wollte. Nach einigen Minuten erinnerte ich mich wieder an das Büchlein, welches meinem Griff entfleuchte und ich begann es unter der Sitzbank zu suchen. Nach einigem Herumwühlen auf dem staubigen Boden konnte ich es dann finden und setzte mich zufrieden, da ich nun wieder etwas Unterhaltung hatte, auf meinen Platz. Doch kaum, dass ich die erste Seite aufgeschlagen hatte, hörte ich den Kutscher von vorn rufen. Er sagte, dass wohl ein Gasthaus in der Nähe sein müsse, denn an einer Abzweigung befindet sich ein Schild. Ich wollte mir selbst ein Bild von der Sache machen und beugte mich wieder leicht aus dem Fenster. Tatsächlich führte einige Meter vor uns eine Seitenstraße nach rechts tiefer in den Wald. Daneben befand sich ein äußerst ramponiertes Holzschild mit der Aufschrift „Gasthaus Silberforst“. Ich rief dem Kutscher zu, er soll auf die Seitenstraße fahren, denn das Gasthaus sei wohl die nächstgelegene Möglichkeit zum Auffinden menschlicher Zivilisation. Die Kutscher fuhr langsam weiter und wir bogen auf die Seitenstraße ab, doch plötzlich knackte es fürchterlich und ein Stoß beförderte mich nach vorn auf den Boden. Kurzzeitig war ich benommen, doch die Schräglage des Gefährts, die mir das Aufstehen erschwerte, verriet mir, dass etwas Unvorteilhaftes vorgefallen war. Dann öffnete sich die Tür und der Kutscher stand vor mir. Er bemerkte, dass die vordere Achse gebrochen sei und man wohl zu Fuß weitergehen müsse. Ich sah den strömenden Regen und mein Bedürfnis meine trockene Kutsche zu verlassen war ausgesprochen gering. Dann sagte er, dass man das Gasthaus bereits sehen könne und der Weg somit nicht sonderlich weit sei. Angestrengt versuchte ich in der

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Ferne etwas zu erkennen, doch die himmlischen Fluten schränkten die Sicht ein. Doch nach einigem Aufwand von Konzentration war es auch mir möglich, dass Gebäude am Ende der Straße zu erkennen. Die Aussicht vollkommen durchnässt zu werden empfand ich als wenig erfreulich, doch war die Aussicht, in einer fahruntauglichen Kutsche irgendwo im Nirgendwo zu stehen auch nicht viel besser. Also steckte ich das Büchlein in mein Handgepäck und gab dem Kutscher, welcher die Pferde zu beruhigen schien, mit einem Nicken zu verstehen, dass wir nun aufbrechen können. Dieser verschwand noch einmal kurz und holte von seinem Sitz ein braunes Lederlaken. Er reichte es mir und sofort fuhr mir ein muffiger Geruch in die Nase. Da ich jedoch wenig Interesse daran hatte, nass zu werden, nahm ich den angebotenen Regenschutz an, schnappte mir mein Handgepäck und eilte mit meinem Gefährten über die schlammige Straße Richtung Gasthaus. Das Vorankommen war aufgrund des aufgeweichten Untergrundes schwierig und nicht selten stand ich kurz davor, zu Boden zu stürzen. Glücklicherweise blieb mir der intensive Körperkontakt mit dem Schlamm erspart. Der Regen prasselte auf uns nieder und es schien fast, als wollte der Weg kein Ende nehmen. Ich blickte nur zum Boden, denn der Blick nach vorn deprimierte mich. Dieses elende Haus wollte einfach nicht näher kommen. Nach einigen Metern drang ein Rauschen an mein Ohr, welches mit jedem Schritt lauter zu werden schien. Mein Vermutung war, dass sich in der Nähe wohl ein Fluss befand und schnell sollte dies sich als richtig erweisen. Unweit von unserem Ziel entfernt erreichten wir eine simple Holzbrücke, welche über jenen Fluss führte, der schon von Weitem zu hören war. Ich stoppte vor der Brücke, was meinen Gefährten dazu veranlasste, mich verwundert anzuschauen. Der Fluss war nicht unbedingt sonderlich breit, doch durch die Regenmaßen war er zu einem rauschenden Strom angeschwollen, dessen Wasser bereits bedenklich über den Brückenrand zu gelangen schien. Es war nicht schwierig über die Brücke zu gehen. Doch allein der Umstand, dass zwischen der hölzernen Fläche und dem Fluss kein wirklicher Abstand mehr zu erkennen war, beunruhigte mich. Der Kutscher bat mich, doch weiter zu gehen; die Brücke würde schon halten. Dann eilte er weiter und zwang mich, da ich nicht allein im Regen verweilen wollte, ihm zu folgen. Kaum hatte ich einen Fuß auf das hölzerne Bauwerk gesetzt, spürte ich unter meinen Füßen die Konstruktion leicht vibrieren. Meine Schritte wurden schneller und wir erreichten das Gebäude wider Erwarten ohne im Fluss zu verschwinden.

Als ich bemerkte, dass wir unser Ziel erreicht hatten, hob ich meinen Blick und erkannte, warum das Haus nicht näher kommen wollte. Das Gebäude war wesentlich größer, als man es aus der Entfernung erkennen konnte. Vom Stil her entsprach es einem alten Herrenhaus und vermutlich wurde erst später ein Gasthaus aus dem Anwesen gemacht. Doch in jenem Augenblick wollte ich nur noch meine Füße auf trockenen Boden setzen und so betraten wir das Gebäude durch das zentral gelegene Portal. Hinter diesem fanden wir uns in einer kleinen Eingangshalle wieder, die nur durch einen alten Kerzenleuchter spärlich erhellt wurde. Auf der linken und der Rechten Seite führte jeweils eine Treppe nach oben zu einer Empore mit einer Tür auf jeder Seite. Auf der linken Seite befand sich ein kleiner runder Holztisch mit einem alten Sofa und zwei Stühlen. Zunächst wunderte ich mich über eine Unregelmäßigkeit im Muster des Sofastoffs, doch dann bemerkte ich, dass sich dort etwas befand. Ich ging vorsichtig einen Schritt näher, wobei einige große Tropfen von meinem Lederschutz herunter tropften und ein leises „Klack“ erschallen ließen. Das ermunterte jenen Schläfer auf dem Sofa zu erwachen wodurch ich nun erkennen konnte, dass es sich hier um eine schwarze Katze handelte. Langsam erhob sich das Tier, streckte sich und setzt sich aufrecht hin, um zu sehen, wer denn da gestört hatte. Ich erinnere mich noch genau, dass dieses Katzentier mich von da an mit einem unheimlich durchdringenden Blick anstarrte. Seine grünen, funkelnden Augen waren ausgesprochen beunruhigend.

Der Kutscher jedoch hatte sich bereits zum auf der rechten Seite befindlichen Tresen begeben und drückte auf die dort bereit stehende Klingel. Ich begab mich zu ihm und stellte fest, dass sich hier mehr Staub gesammelt hatte, als es in Gasthäusern sonst üblich war. Zunächst schien niemand der Klingel Beachtung zu schenken und so warteten wir, während diese Katze unablässig vom Sofa herüber starrte. Doch nach einem weiteren nun energischeren Klingeln hallte eine Stimme aus einer

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hinter der Theke befindlichen offen stehenden Tür. Eine sanfte Frauenstimme bemerkte, dass sie gleich erscheinen werde, wir sollten uns nur noch einen Augenblick gedulden. Nach wenigen Minuten erschien tatsächlich jemand.

Eine junge Frau in einfachster Kleidung trat aus der offenen Tür heraus, legte ihre Schürze ab und fragte, wie sie uns helfen könne. Wir erläuterten unsere Lage und mieteten zwei Zimmer an. Dann rief die junge Frau, welche sich als Gundelind Silberforst vorstellte, und deren Vater das Gasthaus gehörte, einen Dienstburschen herbei. Der Kutscher wollte die Pferde nicht einfach im Regen stehen lassen und so begab er sich mit dem Knaben zurück zur Kutsche um die sicherlich irritierten Tiere in den zum Gasthaus gehörenden Stall zu bringen. Ich war in diesem Augenblick heilfroh, dass nicht mir das Los zufiel, wieder hinaus in den Regen zu müssen. Fräulein Gundelind war indessen so freundlich mich zu meinem Zimmer zu begleiten. Sie entnahm einem Fach unter dem Tresen einen kleinen Schlüssel und bemerkte freundlich, dass ich ihr doch folgen solle. Dann folgte ich ihr unauffällig die Treppen hinauf, welche in den rechten Teil des Hauses führten.

Während wir durch den Flur schritten, der nur durch ein am Ende liegendes Fenster erhellt wurde, konnte ich nicht umhin meine Gastgeberin etwas genauer zu mustern. Zunächst hoffte ich, durch Zufall womöglich eine interessante neue Bekanntschaft gemacht zu haben. Doch meinem Blick bot sich keine Stelle ihres Körpers der zum Verweilen eingeladen hätte. Sie war von schlanker Gestalt, arm an Kurven, wie sie den Reiz des Weiblichen ausmachen, und hatte ihr leicht strohiges braunes Haar zu einem Zopf geflochten. Ihr Kleid war auch deutlich als dem Zweck, nicht der Ästhetik, unterworfen zu erkennen.

Am Ende des Ganges erreichten wir endlich das gesuchte Zimmer. Vorsichtig öffnete sie die Tür und ließ mich mit einem leichten Lächeln eintreten. Ihr Blick war wenig beeindruckend. Graue Augen ohne Tiefe schauten mich an, welche eingebettet waren in das durch schwere Arbeit gezeichnete Gesicht einer naiven Bauerntochter.

Ich trat in das Zimmer, welches durchaus stilvoll eingerichtet war und dessen Komfort meinen Ansprüchen während meines kurzen Aufenthalts hier sicher genügen würde. Fräulein Gundelind legte den Schlüssel auf einen kleinen auf der Fensterseite, gegenüber der Tür befindlichen Tisch und entfernte sich dann mit der Bemerkung, dass noch einiges an Arbeit auf sie warte. Nachdem ich das Klacken der Tür hinter mir vernahm ließ ich meine Tasche auf das Bett fallen und setzte mich erst einmal auf jenen alten Polsterstuhl, der mich müden Reisenden neben dem Tisch erwartete. Mein Blick schweifte über den hinter dem Haus befindlichen Wald und ich musste feststellen, dass die Aussicht eher mäßiger Natur war. In Anbetracht des Regens war die Sicht jedoch ohnehin eingeschränkt und der Ausblick, der sich mir darbot, war zu verschmerzen. Dann erinnerte ich mich des Büchleins und beschloss, dass der Augenblick nun geeignet war, mich ein wenig der Lyrik hinzugeben. Ich ging zurück zum Bett und suchte in meiner Tasche danach, fand es jedoch nicht sofort. Es schien bei unserer eiligen Flucht vor Wind und Wetter unter die anderen Sachen gerutscht zu sein und so zog ich es vor, mich ein wenig im Haus umzusehen.

Ich begab mich wieder in den Flur und schritt langsam zurück Richtung Eingangshalle. Nebenher betrachtete ich die zwischen den Zimmertüren aufgehängten Gemälde. Sie waren von hoher künstlerischer Qualität, doch ihr Anblick war der Seele eines Reisenden nur wenig Balsam. Allen Bildern war gemeinsam, dass ihr Motiv entweder das Haus oder aber die nähere Umgebung zu sein schien. Und alle Bilder strahlten eine Melancholie aus, wie sie die Flamme des Lebens in meiner Brust merklich zu ersticken schien. Eigentümlicherweise schienen die Bilder auch nach einer bestimmten Reihenfolge geordnet zu sein. So zeigten die Bilder am Ende des Ganges alle die Welt des Frühlings und gingen dann über in Sommerdarstellungen. Da mir jedoch bereits der morbide Charakter der lebensfreundlichen Jahreszeiten ein Graus war, war ich durchaus froh, nicht noch Herbst und Winter betrachten zu müssen, welche sich vermutlich im gegenüberliegenden Hausflügel befanden. Nachdem ich die Bilder zu Genüge geprüft hatte, trat ich wieder hinunter in die Eingangshalle. Als ich gerade im Begriff war, die letzten der Stufen hinter mich zu bringen, öffnete sich die Eingangstür und mein Kutscher sowie der Dienstbote traten gänzlich vom

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Regenwasser durchtränkt in die Halle. Dem Kater, welcher noch immer auf dem Sofa verharrte, war diese Ansammlung an Wasser jedoch unheimlich und so entschwand er geschmeidigen Schritts in einer offenen Tür, die sich gegenüber dem Eingangsportal befand. Der Kutscher trat zu mir herüber und bemerkte, dass die Pferde nun sicher im Stall des Hauses untergebracht waren. Ich überlegte, wie wir denn weiter vorgehen sollten. Die Kutsche war beschädigt und es schien keine Möglichkeit der Reparatur vor Ort zu geben. So beschlossen wir nach kurzer Beratung, dass er sich am nächsten Tag per Pferd auf den Weg in das nächstgelegene Dorf machen würde. Laut Fräulein Gundelind sollte dieses den Namen Endheim tragen und bereits ein Vorort unseres eigentlichen Reiseziels, der Stadt Graufels, sein.

Mir erschloss sich in jenem Moment, dass ich wohl dazu genötigt sein würde, noch einige weitere Tage in diesem schlichten Etablissement zu verbringen. Wenngleich diese Erkenntnis kaum imstande war, meine Laune zu heben, beschloss ich doch, mich nach bestem Gewissen hier einzurichten. Da mir nicht daran gelegen war, mehr Zeit als nötig in meinem Zimmer zu verbringen, begab ich mich in jenen Raum, in welchen das Katzentier bei unserer Ankunft entschwunden war und der meine Aufmerksamkeit durch einige deutlich vernehmbare Stimmen auf sich gezogen hatte. Als ich durch die offen stehende Doppeltür schritt offenbarte sich mir ein schlichter Salon, welcher von einem zentral platzierten Esstisch dominiert wurde, dessen Größe darauf schließen ließ, dass die Gäste gemeinhin gemeinsam zu speisen pflegten. Ich war kein großer Freund des Gedankens, meine Speisen mit Unbekannten einnehmen zu müssen. In Anbetracht meiner trostlosen Lage sollten die Tischgespräche jedoch eine willkommene Abwechslung darstellen. Zu meiner Linken hatte sich eine kleine Gesellschaft aus zwei Damen und einem Herren auf einem Sofa zusammengefunden, während ein weiterer vor ihnen stehender Herr Geschichten zum Besten gab, über die die Sitzenden herzhaft zu lachen schienen. Zu meiner Rechten bemerkte ich einen älteren Herren, welcher in einem schweren Sessel Platz genommen hatte und beim genüsslichen Rauchen seiner Pfeife den Blick durch den Raum schweifen ließ. Zu seiner Linken befand sich ein kleiner Ofen der dem Raum eine angenehme Temperatur zu verschaffen wusste. Zur Rechten des Herren befand sich ein altes Regal in dem einige Bücher und allerlei Tand angehäuft waren. Man schien meine Person beim hereintreten nicht zu bemerken und so ließ ich den Blick weiter schweifen, um letztlich eine weitere Person hinter dem Regal zu erkennen. Ein junger Mann mit einer ausgesprochen sorgenvollen Miene saß dort auf einem Stuhl in jenem schmalen Winkel, der zwischen dem Möbelstück und der Wand noch Platz bot. Von dort starrte er gedankenversunken aus einem von schweren Vorhängen gesäumten Fenster. Als mein Kutscher, welcher sich nun etwas abgetrocknet hatte, hereintrat, um mir davon zu berichten, dass die Pferde versorgt seien und dass er sein Zimmer für die Nacht bezogen hätte, galt die Aufmerksamkeit der Personen im Raum letztlich doch uns Neuankömmlingen. Der Kutscher entfernte sich nach dieser Auskunft wieder. Die Strapazen der Reise hatten ihm wohl zugesetzt und mir war nicht daran gelegen, ihn weiterhin auf Trab zu halten. Der nächste Tag würde ihm bereits genug abverlangen. Als mein Blick wieder in den Raum kehrte, bemerkte ich den älteren Herren, welcher einen tiefen Zug aus seiner Pfeife tat und mir zunickte. Ich tat es ihm gleich und wollte mich der Gruppe auf dem Sofa zuwenden, da bemerkte ich, dass auch der seltsame Knabe am Fenster zu mir herüber schaute. Als sich unsere Blicke jedoch begegneten, wandte er sich schnell wieder dem Regen jenseits des Fensters zu. So schritt ich denn hinüber zum Sofa, um mich mit den dort befindlichen Gästen vertraut zu machen. Der stehende Herr hielt in seiner Rede inne und man begrüßte mich freundlich. Bei den Gästen handelte es sich um ein frisch angetrautes Ehepaar mit Namen Rosa und Paul Jorgenson, welches nach der Hochzeit bei den Eltern in Liberheim nun auf der Reise zum Hof der Jorgensons in Graufels war, eine Francesca Toriello, welche mit ihrem Vater, Carlos, dem Herrn mit der Pfeife, auf Reisen war, und einen Herrn Bartholomäus von Ehrenbrandt, welcher sich selbst als Baron auf Abenteuerreise auswies. Der Name des Sonderlings am Fenster jedoch war keinem hier bekannt und er schien auch wenig Interesse daran zu haben, sich selbst vorzustellen. Sein sonderliches Verhalten wollte auch mich nicht so recht bewegen, mich selbst vorzustellen. Es würde schon der

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rechte Augenblick dafür kommen, wenn dergleichen einmal notwendig sein würde.

Ich kann nicht umhin zu bemerken, dass ich mich mit den anwesenden Gästen recht gut zu verstehen wusste. Auch wenn sie stellenweise recht einfachen Gemüts zu sein schienen, so wussten unseren Plaudereien doch zu unterhalten und speziell der Herr Baron konnte uns mit allerlei absurden Geschichten und Anekdoten bei Laune zu halten.

So verging der Tag recht schnell und Dunkelheit brach über den verregneten Wald herein. Zum gemeinsamen Abendessen kehrte mein Kutscher in den Salon zurück und wir speisten gemeinsam. Dabei stellte sich heraus, dass wir die einzigen Gäste waren, wenngleich das Anwesen wohl über das Doppelte hätte beherbergen können. Fräulein Gundelind und der Knabe brachten die Speisen herein und wenn die Herberge auch nicht unbedingt die komfortabelste war, so empfand ich unsere Mahlzeit doch als recht erquicklich und ich konnte ihr einen gewissen hausmännischen Charme nicht absprechen. Es schien allen zu munden, allein der seltsame Knabe vom Fenster rührte nur widerwillig in der Suppe herum und vermied es auch sonst, außer einigen Happen Brot nichts zu verzehren. Verwundert über dieses Verhalten sprach ich ihn in freundlichem Ton an, warum er denn nicht wenigstens einmal von den exquisiten Speisen kosten wollte. Zunächst schwieg er und musterte mich nur aus den Augenwinkeln mit einem sichtlich nervösen Blick. Doch als Fräulein Gundelind hereintrat und ihm einen skeptischen Blick zuwarf, begann er mit leiser Stimme anzumerken, dass er unter eine Verstimmung des Magens leide, die es ihm unmöglich machte, in angemessener Weise zu essen. Er schien ein wenig zu schwitzen und die Blässe seines Gesichts ließen mich lediglich anmerken, dass ich ihm eine rasche Genesung wünsche. Der Baron scherzte indes, dass derlei Leute wohl niemals ganz genesen würden und dass dieser Umstand für die anderen Menschen eher von Vorteil wäre. Während des Essens plauderte man und mein Kutscher, dessen Namen Reinhardt ich nur vernahm, da Frau Jorgenson ihn nach demselben fragte, berichtete auf die Frage nach unserer Herkunft von dem Missgeschick, welches uns widerfuhr. Der Baron lachte herzhaft über diesen Umstand und merkte an, dass diesen Straße schon so mancher Kutsche Ende bedeutete und erläuterte in diesem Kontext, wie viel freier man doch sei, wenn man allein auf die Kraft seines treuen Rosses vertraute. Dabei merkte er an, dass er es nicht lange an einem Ort aushalte und sich aus jenem Grund auch am nächsten Tag sogleich auf die Reise machen werde. Reinhardt schien es sichtlich unangenehm zu sein, bei Tisch ein Gespräch mit anderen zu führen und so ergriff ich bei passender Gelegenheit das Wort und berichtete von einigem Klatsch aus dem Süden. Das Reden wusste meine Kehle jedoch recht schnell auszutrocknen. Auf meine Anfrage hin servierte Fräulein Gundelind uns einen exquisiten Wein, welcher mir aus Brennbach bekannt war. Dabei wunderte es mich doch sehr, dass ein solch schlichter Gasthof eine Tröpfchen dieser Qualität und diesen Preises von so weit her erwarb. Fräulein Gundelind versuchte mit einem verschmitzten Lächeln eine Bemerkung darüber zu machen, dass man nicht die Geheimnisse der eigenen Händler preisgeben werde. Allein mir schien, dass ihr dies doch sehr misslang, was zur Folge hatte, dass ihr Versuch städtischen Charm zu beweisen doch in erster Linie einem Banditen glich, welcher vor lokalen Gendarmen seine dubiosen Geschäfte zu überspielen versuchte. Da ich jedoch dem Ansatz folgte, man müsse jede Gelegenheit nutzen, die sich einem bietet, wollte ich nicht weiter nachbohren und erfreute mich am Geschmack des heimatlichen Tropfens. Reinhardt entschwand recht schnell in seiner Unterkunft, was in Anbetracht der Reise am nächsten Tag nur sinnvoll erschien. Wir plauderten noch ein wenig nach dem Essen und nach und nach entschwanden die Gäste in ihre Zimmer. Dabei bemerkte ich, dass der seltsame Junge keine Anstalten machte, sich irgendwie in unser Gespräch einzubinden. Seine Aufmerksamkeit schien allein dem Regen zu gelten und nur wenn sich jemand daran machte, sich zu seinem Zimmer zu begeben, warf er dem Entschwindenden einen sorgenvollen Blick nach. So verging der Abend, bis nur noch wir zwei im Zimmer saßen. Ich leerte mein Glas und fühlte mich von einer tiefen Müdigkeit ergriffen, welche mich verwunderte, da es noch nicht einmal Mitternacht geschlagen hatte. Ich schob diesen Umstand auf die Strapazen der Reise und erhob mich, um mich in mein Zimmer zu begeben. Beim Verlassen des Raumes wünschte ich dem Sonderling, der mich mit seiner sorgenvollen Miene anschaute, eine

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gute Nacht und entfernte mich.

Im ganzen Haus herrschte tiefe Stille und lediglich das Knarren einiger Bretter unter meinen Füßen hallte durch den Flur. In meinem Zimmer angekommen musste ich feststellen, dass sich die Müdigkeit bereits sichtlich verstärkt hatte und so wusste ich mich nur noch zu meinem Bett zu schleppen, auf welchem ich sogleich einschlief, ohne mich vorher entkleiden zu können.

Am nächsten Morgen erwachte ich nach einer Nacht tiefen Schlafes und bemerkte neben dem Umstand eines durch unvorteilhaft gewählte Lage schmerzenden Nackens ein generelles Unwohlsein meiner Person. Ich erhob mich, richtete meine Erscheinung und blickte hinaus in den endlosen Regen, welcher zwar etwas schwächer geworden war aber dennoch kein Ende finden wollte. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass mein gestriger Exkurs durch die nassen Gefilde wohl meiner Gesundheit einen gewissen Schaden versetzt hatte, der schon bald zu einer Erkältung führen würde. Meine Kehle war fürchterlich trocken und so begab ich mich direkt hinab zu jenem Raum hinter der Empfangstheke, welchen ich für eine Küche hielt. Dort traf ich Fräulein Gundelind, die das Frühstück bereitete. Ich bat um etwas Wasser um meine trockene Kehle anzufeuchten. Daraufhin blickte Gundelind zu einer Kanne, welche direkt neben ihr stand und musterte diese mit einem eigentümlichen Blick. Als ich mich kurz räusperte, um zu prüfen, ob sie meinen Wunsch denn vernommen hatte, schaute sie mich überrascht an. Plötzlich schlich der Knabe direkt an meiner Seite in die Küche, was mich doch sehr erschrak, da ich seine Schritte nicht vernommen hatte. Fräulein Gundelind wies ihn sofort an, mir eine Karaffe mit Wasser zu bringen. Ich möge doch bereits im Salon Platz nehmen. Dies tat ich auch sogleich und begegnete der gleichen Konstellation wie am Vortag. Allein der Baron war, wie angekündigt, bereits verschwunden. Ich gesellte mich zu den Jorgensons und Fräulein Toriello, die bereits über den frühen Aufbruch des Barons tuschelten. Man scherzte, er wollte einigen Fragen entgehen, denn am Vorabend hatte er sich in einige Widersprüchlichkeiten verwickelt, welche er im Rausch des Weines zu überspielen versuchte und deren Aufdeckung er im Kontext eines nüchternen Geistes er fürchtete. Wohl sei er auch kein echter Baron, zumindest hatte keiner von uns je etwas von ihm gehört. Dann trat der Knabe mit dem georderten Wasser herein und schenkte mir schweigend und mit gleichgültigem Blick ein Glas ein. Ich dankte ihm und wollte mich erkundigen, ob Reinhardt mein Kutscher bereits aufgebrochen sei, doch der Junge schien meine Worte nicht weiter zu vernehmen und entfernte sich schweigend. Meine Gesprächspartner hatten diese seltsame Wendung beobachtet und wunderten sich sehr. Auch sie konnten mir keine Auskunft geben. Als ich gerade im Begriff war, selbst nach ihm zu sehen, trat Fräulein Gundelind mit dem Frühstück herein. Auf meine Nachfrage versicherte sie mir, er sei zu früher Stunde aufgebrochen, um schnellstmöglich wieder hier sein zu können.

Wir speisten ausgiebig und ließen es uns auch den restlichen Morgen gutgehen. Der seltsame Jüngling saß noch immer am Fenster und beobachtete die Regentropfen bei ihrem Sturz zu Mutter Erde. Mit der Zeit gewöhnte man sich jedoch an diesen Anblick und so fiel er allmählich nicht mehr ins Auge, gleich einem Möbelstück, welches einstmals dort platziert nie einen anderen Platz seine Heimat nennen konnte. Man schwatzte recht viel über dies und jenes und so erfuhr ich von den Jorgensons und dem Leben als Gutsherren sowie den Toriellos, welche es mit dem Verkauf von feinen Stoffen zu einem bescheidenen Reichtum gebracht hatten. In Anbetracht der finanziellen Lage meiner Gesprächspartner erkundigte ich mich nach deren Reise und dem Umstand ihres Aufenthalts in dieser bescheidenen Herberge. Die Jorgensons erklärten, sie seien mit den Straßen der Gegen vertraut und waren aus diesem Grund zu Pferd gereist. Das Gepäck sollte per Kutsche eine andere Route nehmen. Da ihnen die lange Reise der Kutsche jedoch ein Verdruss war, reisten sie mit leichtem Gepäck voraus. Der Regen hätte sie jedoch überrascht und nachdem sie recht durchnässt waren, beschlossen sie zunächst in diesem Gasthaus zu rasten. Man würde noch immer einige Tage schneller sein, als die Kutsche. Fräulein Francesca erklärte, sie wären mit der Kutsche gereist. Ihr Vater sei das Führen dieses Gefährts noch aus jungen Jahren gewohnt und der Stolz des alten Herren sorgte dafür, dass er auch in jenem Alter noch immer selbst die Zügel in die Hand nahm. Einen Schaden konnten sie dank der Erfahrung des alten Carlos vermeiden, doch der Vater

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sei auch nicht mehr der Jüngste und habe sich mit der Reise wohl etwas übernommen, weshalb man hier einkehrte um sich ein wenig zu erholen. Es schien, ich sei der Einzige, welcher ohne seinen Wunsch an diesem Ort verweilte und der Gedanke an meine zukünftige Tätigkeit in Graufels ließ meine Laune recht schnell in den tiefsten Orkus stürzen.

In Anbetracht meiner Laune und meiner angeschlagenen Gesundheit zog ich es nach einem schmackhaften Mittagsmahl vor, mich ein wenig in mein Zimmer zurückzuziehen. Als ich gerade im Begriff war den Salon zu verlassen kreuzte jedoch den schwarze Kater meinen Weg, welchen ich in meiner Geistesabwesenheit übersehen hatte. Ich berührte ihn mit dem rechten Bein, erschrak über das unerwartete Hindernis und stürzte in den Flur. Der Aufprall war zwar schmerzhaft, doch blieben mir mögliche Verletzungen erspart. Ich drehte mich um und setzte mich aufrecht hin, um zu sehen, über was ich da gestolpert war. Da bemerkte ich den Kater, der in der offenen Tür stand und mich mit einem seinen grünen Augen fixierte, während sein Schwanz schnell hin und her peitschte. Als ich die Ursache meines Sturzes entdeckt hatte, fluchte ich innerlich über das elende Katzentier und in meinem Zorn hatte ich das Gefühl, der Kater hatte mich vorsätzlich stürzen lassen wollen. Die Gesellschaft im Saal jedoch pflegte über mein Missgeschick nur zu lachen, indes Fräulein Gundelind schnell herbei eilte, um mir, den Kater rügend, aufzuhelfen. Ich klopfte den Staub von meiner Kleidung und entschwand ohne ein weiteres Wort in mein Zimmer.

Zunächst ruhte ich ein wenig und es schien der zusätzliche Schlaf hatte meinem Körper einen Teil seiner Kraft zurückgegeben. Als ich erwachte beschloss ich jedoch noch ein wenig in meinem Zimmer zu bleiben und die Ruhe zu genießen. Meine werten Mitgäste sollte ich ohnehin spätestens am Abend wieder zu sehen bekommen. Da mir jedoch das leise Rauschen des Regens als Unterhaltung nicht genügen wollte, erinnerte ich mich des Buches und nahm es erneut zur Hand, um ein wenig darin zu lesen. So blätterte ich denn hin und her und verbrachte wohl eine Stunde mit dem Studium des Buches, ohne mich jedoch ernsthaft mit einem einzigen darin enthaltenen Werk beschäftigen zu wollen. Über die schreiberischen Qualitäten vermochte ich in dieser Situation herzlich wenig zu vermelden, allein im Allgemeinen fehlte es der Sammlung am rechten Witz, denn kaum einer der Autoren vermochte es, über das Motiv des Regens als Sinnbild der Melancholie hinaus zu reichen. So legte ich das Büchlein mit einem Seufzer der Enttäuschung beiseite und beschloss, mich ein wenig in dieser rustikalen Lokalität umzusehen. Im Flur angekommen stand mir der Sinn danach, einmal die Qualität der einzelnen Zimmer zu überprüfen und so zu erkennen, inwieweit Unterschiede auszumachen seien. Zu meiner Verwunderung waren jedoch alle Zimmer von welchen mir bekannt war, dass niemand in ihnen nächtigte verschlossen. Fast konnte man meinen, man wollte irgendwelche Habseligkeiten aus Furcht vor einem möglichen Diebstahl wegsperren. In Anbetracht des generellen Zustandes des Hauses schien mir dies jedoch eher unwahrscheinlich und ich ging in gegenteiliger Weise davon aus, dass man wohl lediglich nicht alle Zimmer reinigte und diese Vorgehensweise vor den Gästen zu verbergen suchte. Den Gang teilte ich mit den Jorgensons, wohingegen die Toriellos und der eigentümliche Fremde im gegenüberliegenden Teil des Hauses residierten. Mir war jedoch nicht daran gelegen die Privatsphäre der frisch Angetrauten zu stören und entsprechend verzichtete ich auf eine eingehende Inspektion ihrer zwei Zimmer – es war im Haus nämlich nicht erlaubt gemeinsam ein Zimmer zu bewohnen. Ich beschloss meine Inspektion im Erdgeschoss fortzusetzen, denn der gegenüberliegende Teil des Hauses würde meinem Auge wohl kaum einen interessanteren Eindruck bieten als dieser, wenngleich ich mich schon fragte, ob die eigentümliche Abstimmung der Bilder dort eine Fortsetzung finden würde.

Leise stieg ich die Treppe nach unten und vernahm das altbekannte Lachen der Gesellschaft aus dem Salon. Diesmal wollte ich mich jedoch nicht sofort zu ihnen begeben und so trat ich möglichst unauffällig in den Gang, in welchem die Küche lag. Aus dieser konnte ich keine Geräusche vernehmen und so ging ich davon aus, dass Fräulein Gundelind wohl andernorts beschäftigt sei. Auf diese Weise konnte ich meine Neugier stillen und die Räume jenes Ganges prüfen, obwohl ich nicht recht wusste, was ich eigentlich zu finden hoffte. In seiner Grundstruktur ähnelte der Flur jenem in

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der oberen Etage und auch die einzelnen Räume, welche sich allesamt als Lager für Nahrungsmittel und alte Möbel herausstellten, ähnelten den Gästezimmern, was mich zu der Vermutung brachte, dass dieses alte Haus wohl in seiner ursprünglichen Gestaltung einem klassischen Wohnhaus entsprach. Dabei erinnerte ich mich der Aussage von Fräulein Gundelind, dass das Haus eigentlich ihrem Vater gehöre. Dieser hatte sich jedoch bislang noch nicht vor den Gästen gezeigt, was für den Besitzer einer Herberge nun doch ein eher ungewöhnliches Verhalten war. Langsamen Schrittes kehrte ich zur Küche zurück und wollte mir aus selbiger etwas Wasser holen, denn mein Hals begann erneut zu kratzen. Die Küche selbst war zwar ähnlich simpel, wie auch das restliche Haus, dabei aber aufgeräumt und sauber. Schnell bemerkte ich eine Karaffe mit Wasser, welche ich sogleich für mich in Anspruch nahm. Doch mir fehlte ein Glas und da Fräulein Gundelind nicht zugegen war, erdreistete ich mich dazu, selbst nach einem solchen zu suchen. Ich durchsuchte einige Fächer, fand jedoch nicht das Ersehnte. Da bemerkte ich einen hohen zweitürigen Holzschrank, welchen ich als ideale Herberge für Gläser ansah. Zielsicher ging ich auf diesen zu, als ich etwas in meinem Augenwinkel bemerkte, was mich zutiefst erschrak. Der Dienstbote, der sonst schweigender Weise bei der Bedienung der Gäste half, saß still und regungslos auf einem Holzstuhl in der Ecke. Ich entschuldigte mich zunächst für mein Eindringen, doch der Knabe zeigte keine Regung und blickte scheinbar durch mich hindurch. Verwundert durch dieses absonderliche Verhalten näherte ich mich ihm und schwenkte meine rechte Hand vor seinem Gesicht, um zu prüfen, ob er denn bei Sinnen sei. Durch die gleichmäßige Bewegung des Brustkorbes war klar ersichtlich, dass der Junge am Leben war und doch schien er mich in keinster Weise wahrzunehmen. Dieser Umstand war für mich ausgesprochen seltsam, doch dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch daran, dass er wohl unter einer Erkrankung des Geistes leide. So wandte ich mich wieder dem Schrank zu, auf der Suche nach einem Glas. Zu meiner weiteren Verwunderung musste ich jedoch bemerken, dass er verschlossen war. Ich fragte mich, was es wohl darin zu verwahren gab, wurde jedoch abrupt durch die Stimme Fräulein Gundelinds in meinem Gedankengang unterbrochen. Sie fragte, was ich denn in der Küche suchen würde und ich bemerkte, dass ich erneut auf der Suche nach einem Glas Wasser hier her gekommen sei. Sie musterte mich erst etwas argwöhnisch, bat mich dann jedoch darum, in den Salon zurückzukehren. Der Knabe würde mir das gewünschte Getränk schon bringen.

So ging ich hinüber und war gerade im Begriff den Salon zu betreten, als der Kater an mir vorbei in das Zimmer schoss und es sich direkt auf dem Sofa neben Fräulein Toriello bequem machte. Es schien Methode hinter dem Verhalten des Vierbeiners zu liegen, denn nun war kein Platz auf dem Sofa mehr frei. Francesca fragte mich, ob ich mich denn zu ihnen gesellen wollte, doch ich winkte ab und ließ dem Kater seinen kleinen Sieg. Der Knabe trat wortlos in das Zimmer und brachte mir mein Getränk, welches ich am Tisch sitzend zu mir nahm, um meinen schmerzenden Hals zu beruhigen. Mir stand der Sinn nicht mehr nach reden und so verbrachte ich den restlichen Nachmittag damit, in einem Buch, welches ich zufällig aus dem Regal zog, zu lesen. Es handelte sich um eine Abhandlung über die Region, ihre Landschaft, Städte und Bewohner. Mir schien, dies würde mir bei meiner anstehenden Aufgabe von Nutzen sein und ehe ich mich versah, war auch schon der Abend über uns hereingebrochen.

Man versammelte sich bei Tisch und Fräulein Gundelind brachte uns Brot und allerlei schmackhafte Beläge für selbiges. Ihr folgte der Knabe mit einem gut gefüllten Suppentopf, der bereits ein ausgesprochen reizvolles Aroma verbreitete. Alle schienen sich auf die Mahlzeit zu freuen, allein unser seltsamer Freund vom Fenster musterte Gundelind und den Knaben mit einem seltsamen Blick. Dieses ungewöhnliche Verhalten fand auch während der Mahlzeit kein Ende, denn er war stets darin bestrebt Fräulein Gundelind mit einem scheuen Blick zu beobachten. Wann immer ihr Blick auf ihn gerichtet war, gab er vor etwas von der Suppe zu essen, doch der Umstand, dass sich sein Teller nicht leeren wollte, machte den Betrug recht schnell offensichtlich. Als ich zu genüge Gegessen hatte, verlangte ich erneut nach einer Flasche Wein, von der ich mir Betäubung für mein allgemeines Unwohlsein erhoffte. Fräulein Gundelind hatte gerade den Raum verlassen, da erhob

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sich der Sonderling und goss den Inhalt seines Tellers in einen Blumentopf, welcher auf einem kleinen Schränkchen vor dem Fenster stand. Ganz selbstverständlich setzte er sich erneut auf seinen Platz und ließ nur einen flüchtigen Blick über die Gesellschaft zu meiner Rechten schweifen, die sich doch sehr über dieses Verhalten wunderte. Herr Toriello, der in seinen jungen Jahren ein einfaches Leben führen musste, schien über dieses Verhalten jedoch ausgesprochen erbost zu sein und beschwerte sich lautstark darüber, dass man solchen Menschen schon etwas zu essen gebe und diese es nicht einmal zu würdigen wüssten. Es sei besser, wenn man anders mit ihnen umgehen würde. Ich verstand den Kontext hier nicht recht und ging lediglich davon aus, dass es sich um eine Klage über das Verhalten eines verzogenen Neureichen handelte. Den Knaben schien das jedoch nicht weiter zu berühren und nach dem Essen begab er sich wieder zurück in seine Ecke. Dabei bemerkte ich jedoch, dass er zu humpeln schien und mir wurde rechte schnell klar, dass er diesen Platz am Esstisch wohl vor allem wählte, da die Tischecke seinem angestammten Platz am nächsten war. Der restliche Abend entsprach weitestgehend jenem des Vortags, allein die Späße des so genannten Barons fehlten uns. Meine Erkältung hatte mich jedoch stärker geschwächt als erwartet und so beschloss ich beim Auftreten einer tiefen Müdigkeit an diesem Abend als Erster in mein Zimmer zurückzukehren. Der Kater bemerkte dies und wollte noch eine letzte Posse an diesem Tag mit mir treiben. So schlich er mir bis zu meinem Zimmer hinterher und stetig erwartete ich, dass er mich durch eine unbedarfte Bewegung erneut zu Fall bringen würde. Glücklicherweise blieb mir dergleichen erspart, doch an der Zimmertür angekommen schien das Katzentier ein seltsames Bedürfnis danach zu haben, in mein Zimmer zu schleichen. Ich vermochte es, den Kater mit meinem Fuß auf beherzte Weise beiseite zu schieben, so dass ich in aller Ruhe nächtigen konnte. Lediglich einige empörte Maunzer von draußen begleiteten mich in das Land der Träume.

Ich erwachte nach einer geruhsamen Nacht, musste jedoch bemerken, dass der Wein meinem Befinden nicht wirklich zuträglich gewesen war. So beschloss ich, den Tag im Bett zu verbringen. Anstandshalber wollte ich mich jedoch einmal nach unten begeben um allen über mein Befinden Auskunft zu geben und etwas Wasser für mein Zimmer zu ordern. Als ich im Begriff war, die Treppe herabzusteigen, begrüßte mich auch schon Fräulein Gundelind, die sich über mein Befinden erkundigte. Ich erklärte ihr, dass ich mich außerstande sehe, heute unter den anderen zu weilen und bat um etwas Wasser für mein Zimmer. Sie nickte und ich trat in den Salon um alle zu begrüßen. Zu meinem Erstaunen war unsere Runde jedoch erneut geschrumpft, denn die Toriellos hatten sich wohl zu früher Stunde bereits wieder auf die Reise begeben. Ich blickte aus dem Fenster und bemerkte, dass es immer noch regnete. Während Frau Jorgenson über die schnelle Erholung von Herrn Toriello scherzte, wunderte ich mich doch sehr über diesen Umstand. Für tiefgreifende Gedankenspiele war mein Geist jedoch zu benebelt und so erklärte ich den verbleibenden Mitgästen, dass ich auf meinem Zimmer bleiben werde. Die Jorgensons wünschten mir eine schnelle Genesung, indes der Knabe in der Ecke mir nur einen nachdenklichen Blick zuwarf. Nachdem ich diese Auskunft überbracht hatte, kehrte ich in mein Zimmer zurück, dessen Tür ich geöffnet vorfand. Auf einem Tisch standen eine gefüllte Karaffe mit Wasser und ein Glas. Doch noch jemand hatte sich Zutritt zu diesem Raum verschafft. Der schwarze Kater lag langgestreckt auf meinem Bett und warf mir nur einen kurzen Blick mit halb geschlossenen Augen zu. Mir stand in diesem Moment nicht der Sinn danach, mich noch damit abzumühen, den Kater aus dem Zimmer zu entfernen und so legte ich mich wieder in mein Bett, während der Kater zu meiner Rechten zusammengerollt vor sich hin döste.

Der Tag verging recht belanglos und mehr als ein stetes Herumwälzen, was den Pelzigen neben mir nicht zu stören schien, brachte ich nicht zustande. Für eine weitere Lektüre des Gedichtbandes fehlte mir die Konzentration und so bestand meine einzige Interaktion mit dem Buch aus dem Anstarren des hellblauen Einbandes auf dem Schränkchen neben meinem Bett. Erst gegen Abend kehrten meine Kräfte langsam zurück. Da ich jedoch aufgrund fehlender körperlicher Betätigung nicht hungrig war und ich mir ohnehin nicht sicher war, ob ich das Abendessen nicht schon längst verpasst hatte, beschloss ich weiterhin in meinem Zimmer zu bleiben. Doch kaum dass ich diesen

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Gedanken beendet hatte, klopfte es an meiner Tür und Fräulein Gundelind trat herein. Der Kater schien nur auf so eine Gelegenheit gewartet zu haben und machte sich bereit, aus dem Zimmer zu entschwinden. Gundelind fragte mich indessen, ob ich denn nicht am Abendessen teilnehmen wolle. Ich verneinte dies zunächst und bat lediglich um frisches Wasser. Doch dies schien ihr zu missfallen und nachdem sie dem Jungen durch den Flur zurief, für das gewünschte Getränk zu sorgen, drang sie auf mich ein, doch etwas zu Essen, da mein Körper sonst nicht wieder zu Kräften kommen würde. Es würde ja ein Teller der Suppe genügen. Ich war von ihrer Besorgnis erstaunt und fast ein wenig gerührt, lehnte jedoch dankend ab. Diese Antwort hatte ihr offensichtlich missfallen, doch dann trat gerade der Junge in das Zimmer. Der Kater hatte die nun wieder offen stehende Tür bemerkt und eilte zwischen den Beinen des Jungen hindurch nach draußen. Dieser stolperte jedoch und ließ die Karaffe in Richtung der Hausherrin fallen, die vor Schreck einen bemerkenswerten Sprung von der Tür weg vollführte. Die Karaffe zerbrach scheppernd auf dem Boden und Fräulein Gundelind war außer sich vor Zorn. Sie umschritt die Pfütze in einem großen Boden und verpasst dem Jungen eine schallende Ohrfeige. Mir schien dies eine ziemliche Überreaktion für eine einfache Karaffe zu sein, aber einfache Leute mussten ihre Besitztümer wohl etwas genauer zusammenhalten. Sie wies den Jungen an die Unordnung aufzuräumen und dann neues Wasser zu holen. Dann marschierte sie zornig davon um die anderen Gäste zu versorgen. Der Junge tat indes wie ihm geheißen und als er gerade im Begriff war das Wasser hereinzutragen schoss der Kater wieder in das Zimmer und hätte so fast erneut für ein Unglück gesorgt. Schweigend stellte er das Getränk auf den Tisch und schloss die Tür. Im Licht der kleinen Öllampe auf meinem Nachttisch konnte ich den Umstand für den spontanen Ausflug des Tieres erkennen. So sprang der Kater erneut in selbstverständlicher Weise auf mein Bett, setzte sich aufrecht hin und gab mir durch emsiges Ablecken seines Schnäuzchens zu verstehen, dass er es wohl vorgezogen hatte, zu Abend zu essen.

Ich strich dem Vierbeiner ein paar mal über das Köpfchen und versuchte dann wieder zu ruhen. Erneut erfasste mich eine Müdigkeit, diesmal jedoch nicht in einer solch plötzlichen und intensiven Weise wie an den Vortagen, sondern eher schleichend, wie ich es sonst wahrzunehmen pflegte.

Während ich langsam eindöste, dachte ich daran, ob Reinhardt wohl bald zurückkehren würde. Auch machte ich mir Gedanken über den fragwürdigen Gesellen in der Ecke und die überhasteten Abreisen meiner werten Mitgäste. Ich war mir nicht sicher, ob etwas in diesem Haus nicht mit rechten Dingen zuging oder ob mein Aufenthalt in dieser Trübsinnigen Umgebung einfach für eine solche Verwirrung meiner Gedanken sorgte. Am nächsten Tag wollte ich einige Nachforschungen anstellen, doch zunächst galt es zu ruhen und Kräfte zu sammeln.

Ich schlief einige Stunden bis mich mitten in der Nacht Geräusche aus dem Flur aufweckten. Verwundert setzte ich mich aufrecht hin und begann zu lauschen. Ich vernahm, wie jemand an eine der Türen im Flur klopfte und sprach. Nach genauerem Hinhören erkannte ich die Stimme von Herrn Jorgenson, welcher nach seiner Frau zu rufen schien. Mein Gedanke war, dass sich die beiden wohl im Verlaufe des Tages gestritten hatten – dergleichen kommt unter frisch Vermählten ja durchaus vor – und nun wollte er sie, nach einer langen Zeit der Einsicht um Verzeihung bitten. Aus diesem Grund legte ich mich wieder hin und wollte weiter schlafen. Der Kater hatte jedoch ebenfalls die Geräusche vernommen, sprang vom Bett und setzte sich wild schwänzelnd vor die Zimmertür. Ich war gerade im Begriff wieder einzuschlafen, als ich die Schritte einer weiteren Person im Flur vernahm, mit der Herr Jorgenson sich zu unterhalten schien. Auch dies schien mir nicht weiter von Bedeutung, bis dessen Rede vollkommen abrupt endete, gefolgt von einem dumpfen Schlag. In Erinnerung an meinen Freiflug, den mit der Pelzige verpasst hatte, war mir recht schnell klar, dass jemand gestürzt sein musste und so wollte ich schnell zu Hilfe eilen. Doch als ich im Begriff war, mich der Zimmertür zu nähern, wandte sich der Kater mir zu und fing mit einer bedrohlichen Pose an mich anzuknurren. Ich näherte mich lediglich einen Schritt, da fauchte mich das schwarze Tier auf eine solch unheimliche Weise an, dass mir Angst und Bange wurde. Da ich wenig Interesse hatte, mich von dem Vierbeiner zerkratzen zu lassen, begab ich mich wieder in mein Bett. Der Kater schien sogleich ruhiger zu werden und rollte sich vor der Tür zusammen. Ich

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jedoch schlief recht schnell wieder ein und sollte auch nicht mehr in dieser Nacht gestört werden.

Am nächsten Tag erwachte ich frisch gestärkt und begab mich wie Tags zuvor nach unten. Kaum hatte ich die Zimmertür geöffnet, schoss der Kater hinaus und mit gehobenem Schwanz die Treppen hinab, um sich seine morgendliche Mahlzeit zu holen. Ich jedoch trat in den Salon, in welchem ich lediglich den seltsamen Knaben in der Ecke vorfinden konnte. In Anbetracht der Ereignisse der letzten Nacht war ich zutiefst beunruhigt und erkundigte mich bei Fräulein Gundelind nach dem Befinden der Jorgensons. Diese schaute mich mit einem betroffenen Gesichtsausdruck an und bemerkte, dass sie auch nicht genau wisse, wo diese sich aufhalten. Sie vermutete, dass die beiden spontan abgereist waren, denn ihre Pferde seien verschwunden. Am Morgen habe sie lediglich die ausstehende Bezahlung der beiden auf der Empfangstheke entdeckt. Ihr Gesichtsausdruck wurde indes ängstlicher und sie fügte hinzu, dass die beiden jedoch den Großteil ihrer Habseligkeiten hier gelassen hätten. Ich versuchte sie zu beruhigen und erklärte, dass es sich wohl nur um die spontanen Einfälle frisch Verliebter handle. Sie bemerkte, dass ich hoffentlich Recht behalten würde. Allein sie fürchtete, dass die überhastete Abreise vielleicht etwas mit dem Streit zwischen Herrn Jorgenson und Herrn Brimwald, dies war nämlich der Name des Sonderlings in der Ecke, zu tun hatte. Von einem Streit hatte ich natürlich aufgrund meiner Abwesenheit nichts bemerkt, doch beunruhigten mich die Vorgänge in diesem Haus zutiefst. Ich beschloss einen neuen Sitzplatz am Salontisch einzunehmen und wählte die gegenüberliegende Ecke von Herrn Brimwald. Ob ich dies aus einer gewissen Furcht heraus tat oder um ihn besser zu beobachten vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Vermutlich spielte beides eine Rolle. Beim Frühstück musterte ich ihn unauffällig, doch sein Verhalten schien sich nicht wirklich geändert zu haben. Die Abwesenheit der Jorgensons berührte ihn so wenig, wie die Abreise der Gäste zuvor. Lediglich einmal, als der Knabe den Salon betrat um den Tisch abzuräumen, schien Brimwald den Jungen mit einem finsteren Lächeln anzuschauen. Doch dies war nur von kurzer Dauer und nach dem Essen zog er es vor, wieder schweigend in seiner Ecke zu sitzen und den Regentropfen zuzuschauen.

Mich umfing jedoch eine eindringliche Nervosität und so war ich unfähig einfach nur da zu sitzen. Den ganzen Tag ging ich auf und ab, versuchte mich mit Lesen abzulenken und spielte sogar ein wenig mit dem Kater. Doch nichts wollte mich wirklich beruhigen. Das Haus war mir unheimlich geworden und so zog ich es vor, statt im Salon auf dem Sofa gegenüber der Empfangstheke zu sitzen, auch wenn dies bedeutete, auf den wärmenden Ofen zu verzichten. Regelmäßig schaute ich aus dem Fenster Richtung der Brücke, in der Hoffnung, mein Kutscher würde endlich mit Unterstützung zurückkehren. So zog sich der Tag hin, bis zu jenem verhängnisvollen Moment am Abend, an dem ein fürchterliches Krachen von außerhalb die Ruhe des Hauses durchbrach. Zunächst herrschte Verwirrung, da weder Fräulein Gundelind noch meine Person wussten, was geschehen war. Doch schnell stellte sich heraus, dass der Fluss, der unter den Regenmassen zum reißenden Strom geworden war, die alte Brücke einfach mit sich fortgerissen hatte. Panisch stürmte ich nach draußen, um zu sehen, was von dem Holzkonstrukt noch übrig geblieben war, doch ich musste erkennen, dass der einzige Weg, um hier wegzukommen, gänzlich zerstört war. Dies wirkte auf mich wie ein Scherz höherer Mächte, über welche sonst ich zu Lachen pflegte. Fräulein Gundelind versuchte nun mich zu beruhigen und erklärte, dies sei nicht so schlimm, denn wenn der Regen wieder nachgelassen hätte, wäre es ein Leichtes, mit ein wenig Muskelkraft eine neue Brücke zu errichten. Dies beunruhigte mich jedoch nur noch mehr, musste ich nun wirklich hier warten, bis das Schicksal seinen Lauf nahm. Der Appetit war mir vergangen und so beschloss ich, mich mit einer Flasche Wein in mein Zimmer zurückzuziehen. Der Kater folgte mir, wie er es bereits den ganzen Tag, mit Ausnahme meines kurzen Exkurses nach draußen, tat. In meinem Zimmer angekommen machte es sich der Vierbeiner sofort auf dem Bett bequem. Ich hingegen wollte jedoch ungebetene Gäste fern halt und schob eine der Kommoden vor die nach innen öffnende Zimmertür. Während ich meinen Wein genoss, der mich nur wenig zu trösten vermochte, kam es mir in den Sinn, dass zumindest unerwartete Abreisen nun nicht mehr stattfinden konnten.

Am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Bett, die geleerte Flasche noch immer in Händen

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haltend. Es schien ich hatte mich doch ein wenig überschätzt und so für eine möglicherweise gefährliche Betäubung meiner Person gesorgt. Hätte sich jemand des Nachts Zutritt zu meinem Zimmer verschafft, so hätte ich dies nicht mitbekommen. Doch weder Tür noch Kommode schienen bewegt worden zu sein und so räumte ich den Weg frei, um im Haus nach dem Rechten zu sehen. Langsam ging ich hinunter in die Eingangshalle, während der Kater mir unablässig folgte. Ich konnte jedoch nichts vernehmen. Stille herrschte und zwar eine jener Art, die auf die menschliche Natur eine höchst beunruhigende Wirkung entfaltete. Zunächst trat ich in den Salon, in dem ich Brimwald an seinem angestammten Platz vorfand. Wie eh und je starrte er aus dem Fenster hinaus, doch etwas war anders. Für gewöhnlich prüfte er am Morgen mit einem verstohlenen Blick, wer in den Salon trat. Wenn er dies auch so gut wie möglich zu verheimlichen suchte, so waren mir diese Blicke aus seinen Augenwinkeln doch aufgefallen. Doch an jenem Morgen saß er einfach regungslos auf seinem Stuhl. Ich begrüßte ihn und als er erneut keine Regung zeigte, näherte ich mich ihm. Seine Brust bewegte sich, also lebte er noch und doch schien er meine Anwesenheit gar nicht zu bemerken. Ich näherte mich und sprach ihn erneut an, doch keine Reaktion. Als mir dieses Verhalten zu viel wurde, packte ich ihn an den Schultern und schrie ihn an, doch endlich etwas zu sagen. Doch sein Blick war vollkommen leer und schien mich, obwohl ich direkt vor ihm stand, nicht zu treffen. Jetzt war mir klar, dass in diesem Haus wirklich etwas nicht mit rechten Dingen zuging und so schlich ich zur Küche, um zu sehen, ob ich Fräulein Gundelind oder den Dienstboten finden konnte. Die Küche jedoch war leer und auch in den anderen Räumen des Flurs konnte ich niemanden auffinden. Schnell kam mir in den Sinn, dass Brimwald statt der von mir vermuteten Täterrolle wohl doch nur jene eines weiteren Opfers inne hatte. Ratlos stand ich in der Eingangshalle und ich wäre am liebsten sofort aus dem Haus gestürmt, wenn nicht der Kater plötzlich begonnen hätte, an der Tür zur linken Erdgeschosshälfte des Hauses zu kratzen. Der Vierbeiner schien ein Gespür für die Dinge zu haben, die hier vor sich gingen und so beschloss ich in jenem Flur nach Antworten zu suchen. Die Tür war jedoch verschlossen und mir mangelte es an einer feinen Nadel, mit der ich das Schloss hätte öffnen können. Diese Fertigkeit hatte mir schon den Zutritt zum Gemach so mancher Dame verschafft, die von einem übervorsichtigen Vater oder einem eifersüchtigen Ehemann vor mir verborgen werden sollte. Dass ich jedoch einmal in solch einer Situation darauf zurückgreifen musste, hatte ich nicht vorhergesehen.

Da ich die Tür nicht zu öffnen wusste, beschloss ich mich erst einmal im Obergeschoss umzusehen. Dem Kater strich ich über den Kopf und gab ihm zu verstehen, dass ich mir den Flur jenseits dieser Tür erst später ansehen könne. Ich stieg die Treppen hinauf und trat in den Flur und konnte schnell erkennen, dass dieser Gang jenem der zu meinem Zimmer führte weitestgehend ähnelte. Tatsächlich wurde die Reihe der Bilder in diesem Gang fortgesetzt und wie zu erwarten war, strahlten die winterlichen Gemälde eine fast unerträgliche Morbidität aus. Da mir in dieser Situation jedoch nicht der Sinn nach Kunst stand, machte ich mich daran die Türen zu überprüfen. Doch waren sie bis auf eine Ausnahme allesamt verschlossen. Diese eine Tür am Anfang des Ganges führte mich in ein sauberes und aufgeräumtes Zimmer, dass in Bezug auf das Mobiliar dem meinem entsprach. Die ausprägte Ordnung des Raumes verleitete mich zu der Annahme, dass dieses Zimmer nicht wirklich genutzt wurde. Beim näheren Prüfen des Raumes fielen mir jedoch drei Dinge ins Auge, welche doch als Spur eines hier hausenden Gastes angesehen werden konnten. Neben der Tür befand sich ein kleiner Tisch mit einem Sessel, an den ein metallener Gehstock lehnte. Auf dem Tisch lag ein einfaches Büchlein mit den Buchstaben „E“ und „B“ auf dem Einband, welches sofort mein Interesse weckte. Ich blätterte ein wenig darin herum und stellte schnell fest, dass es sich um eine Art Tagebuch handelte. Der Inhalt war zu Beginn recht unzusammenhängend und ließ mehr auf ein Notizbuch schließen. Doch die letzten Einträge, welche ich finden konnte, waren alle säuberlich mit einem Datum versehen. Als ich gerade im Begriff war, den ersten Eintrag aufzuschlagen, der sich auf das Leben in diesem Etablissement bezog, schlich mein vierbeiniger Begleiter in das Zimmer und nahm auf einem kleinen Teppich platz, welcher vor der Tür lag. Erst jetzt bemerkte ich, dass dieser vollkommen schief vor der Tür lag und es wirkte, als sei er unabsichtlicher Weise zur Tür hin

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verschoben. Da ich von dem Teppich allein jedoch auf nichts schließen konnte, wandte ich mich erneut dem Buch zu. Schnell erkannte ich, dass dieses Buch Herrn Brimwald gehörte, der der Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie war. Er war ursprünglich mit seinen Eltern angereist, welche aus Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand die lange Reise pausierten. Weitere Recherche brachte mich zu der Annahme, dass Brimwald seit seiner Kindheit unter einer körperlichen Erkrankung litt, die ihm unter anderem das Laufen erschwerte. Dies erklärte auch den Gehstock, welcher vermutlich auch im Salon bereits zu sehen war und den ich in meinem mangelnden Interesse gar nicht wahrgenommen hatte. Die Eltern waren in Eile und wollten lediglich eine Nacht hier verbringen. Da ihr Sohn in Anbetracht des fürchterlichen Wetters, dass sich ausgesprochen negativ auf seine Gesundheit auswirkte, unfähig war, weiter mit ihnen zu reisen, sollte er zunächst für ein wenig mehr Zeit in der Herberge verbleiben, bis man ihm später eine Kutsche und einen Medikus schicken konnte. Die Eltern seien am nächsten Morgen bereits abgereist, bevor er erwacht war.

Dies Erklärung brachte Licht in die undurchsichtige Person des Herrn Brimwald und erklärte auch seine kränkliche Erscheinung. Allein diese Umstände konnten noch nicht seine eigentümlichen Verhaltensweisen erläutern und so las ich weiter. Seine Berichte waren jedoch in stichpunkthafter Weise verfasst und so erschlossen sich dem Uneingeweihten lediglich Bruchstücke. Er schien einige Tage vor mir angekommen zu sein, eine Kutsche für ihn kam jedoch nie an. Dann berichtete er darüber, dass im Haus etwas vor sich ginge und dass er auf keinen Fall diese elende Suppe essen durfte. Er schien Gundelind und ihrem Dienstboten zu misstrauen und seine Aufzeichnungen wurden von Tag zu Tag kryptischer. In der Nacht schlief er nicht, sondern hielt Wache an seiner Zimmertür. Dabei konnte er deutlich Geräusche im Flur vernehmen, doch er wagte es nie nachzusehen. Wann immer jedoch derlei geschah, war am nächsten Morgen jemand abgereist. Mir wurde aus seinen Notizen nicht genau ersichtlich, was mit den Gästen geschehen war, doch es schien, dass Brimwald nicht von deren Abreise ausging. Er wusste, dass man ihn nicht holen würde und so plante er, bei erster Gelegenheit selbst etwas zu unternehmen.

Sein letzter Eintrag bestand jedoch nur aus dem Satz „Es ist getan!“ und einem großen Blutfleck auf der Seite. Ein kaltes Grausen erfasste mich und der Gedanke noch länger in diesem Haus zu verweilen schien mir fast unerträglich. Mir war jedoch vollkommen klar, dass die abgelegene Lage des Hauses und die zerstörte Brücke mein Schicksal besiegelten. Mein einziger Fluchtweg führte direkt durch die Wälder und würde Tage in Anspruch nehmen. Bei Nacht durch das Unterholz zu streifen entsprach für einen unbewaffneten Mann jedoch einem Todesurteil und so musste ich ausharren. Um meine Nerven zu beruhigen nahm ich den Gehstock Brimwalds an mich, welcher mit seinem Gewicht eine vortreffliche Schlagwaffe darstellte. Mit meiner neue Waffe trat ich hinüber zum Fenster, um das Wetter zu überprüfen, denn mir war ein seltsames Klappern aufgefallen. Wie sich herausstellte hatte sich die Wetterlage wieder deutlich verschlechtert und ein Sturm drückte gegen die alten Fenster des Hauses, die dem Wind nur schwerlich standhalten konnten. Die brausende Naturgewalt schien das Fanal zum Finale meines Lebens darzustellen und ich war nicht bereit mich kampflos zu ergeben. Ich erinnerte mich wieder an die Tür im Erdgeschoss und dass ich etwas brauchte, um ihr Schloss zu öffnen. Da ich ein mögliches Werkzeug in der Küche vermutete, begab ich mich sogleich zu dieser hinunter.

Dort angekommen bemerkte ich, wie mir der Kater inbrünstig um die Beine schlich und mir war schnell klar, dass er wohl auf einen Leckerbissen hoffte. Wenngleich die Situation ernst war, wollte ich den Vierbeiner jedoch nicht leiden lassen und so stellt ich ihm einen Teller mit einigen Wurstresten auf den Küchenboden. Anschließend durchwühlte ich die Schubladen der Schränke, fand in selbigen allerdings nichts Ungewöhnliches vor. Ich hatte die Suche schon fast aufgegeben, da fielen mir zwei metallene Nadeln auf, welche für gewöhnlich zum Zusammenhalten spezieller Fleischgerichte verwendet wurden. Ich nahm sie aus dem Fach, bog sie ein wenig zurecht und war recht zufrieden mit meinem Türöffner, den ich auch sogleich an dem seltsamen verschlossenen Schrank ausprobieren wollte. Es dauerte einen Moment, denn mit einem solchen Werkzeug hatte ich

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noch nicht gearbeitet, doch letztlich konnte das Schloss meinen überlegenen Fertigkeiten nicht widerstehen. In dem nun geöffneten Schrank fand ich Flaschen mit einer seltsamen gelblichen Flüssigkeit vor, deren Erscheinung mir bekannt vorkam. Ich nahm eine der Flaschen aus dem Schrank und öffnete sie. Ein ausgesprochen penetranter Geruch drang in meine Nase und erinnerte mich nun gänzlich daran, was ich vor mir hatte. Es handelte sich um ein leicht herzustellendes Schlafmittel, dass lediglich aus Kräutern bestand und keine bleibenden Schäden hinterließ. Ich hatte mich dieses Gebräus schon das ein oder andere Mal bedienen müssen und wusste entsprechend von dem großen Nachteil den es mit sich brachte. Aufgrund seines aufdringlichen Geruches und seines starken Eigengeschmacks konnte man es nur in wenige Speisen mischen, in welchen man es durch geschicktes Nachwürzen tarnen konnte. Mir war recht schnell klar, dass ich hier den Grund in Händen hielt, warum Brimwald es tunlichst vermied von der Suppe zu essen. Dass er jedoch am Abend auch andere Speisen mied, ließ mich zu dem Schluss kommen, dass er wohl wusste, dass sich etwas in den Speisen befand, doch nicht in welcher genau. Zu Studienzwecken hatte ich das Gebräu selbst einmal eingenommen und musste feststellen, dass ich es, trotz seiner harmlosen Natur nicht vertrug. Bereits geringe Mengen sorgten für ausgeprägte Symptome, welche man für eine Erkältung halten konnte.

Der Umstand, dass ich nun durch eines der Mittel, welche ich für gewöhnlich selbst zu nutzen pflegte, ausgetrickst wurde, machte mich ausgesprochen ärgerlich und in mir keimte das Bedürfnis auf, dieser Diebesbande mit eigenen Händen das Handwerk zu legen. Der Umstand meine freiwilligen Aufenthaltes hier wurde zu meiner persönlichen Suche nach Rache, auf dass jene, die hier am Werke waren, nicht noch weitere Reisende überfallen würden. Mit meinem neuen Werkzeug ging ich hinüber zu der verschlossenen Tür und überließ den Kater seinem Mahl. Das Öffnen des Türschlosses stellte sich als einfach heraus und ehe ich mich versah, fand ich mich im dahinter liegenden Flur wieder. Das am Ende liegende Fenster war mit einem Vorhang verschlossen und so drang nur wenig Licht herein. Auch lag in der Luft ein ausgesprochen seltsamer Geruch der eine Mischung aus Moder, Eisen und einer mir unbekannten süßlichen Note darstellte. Mit dem Gehstock in Händen schlich ich vorsichtig voran und untersuchte die Zimmer, welche im Gegensatz zum Rest des Hauses nicht verschlossen waren. Allerdings waren diese nicht mehr als Lagerräume in denen sich allerhand Möbel, Koffer, Kleidung und Zierobjekte befanden. Hier wurden wohl die Habseligkeiten der Gäste verwahrt und der Umstand, dass mehrere Räume in Gänze ausgefüllt waren, ließ den Schluss zu, dass diese Bande schon seit längerem am Werk war. Ich wunderte mich zunächst über den Umstand, dass man derlei jedoch lagerte und nicht verkaufte, schob dies jedoch auf den mangelnden Wert und die abgelegene Lage des Hauses. Als ich die Türen zur Linken des Ganges überprüft hatte und lediglich Lagerräume vorfand, widmete ich mich der gegenüberliegenden Seite und bemerkte, dass eine der Türen nicht verschlossen, sondern lediglich angelehnt war. Der Eisenanteil des Geruches in der Luft schien stärker zu werden, als ich mich der Tür näherte. Vorsichtig öffnete ich und prüfte ob sich jemand im Zimmer befand, doch es war keine Menschenseele zu erkennen. Das Fenster war ebenfalls verhangen und im Zwielicht fiel mir das Sehen schwer. So zog ich die Vorhänge zur Seite, woraufhin mir das eindringende Licht des stürmischen Tages den Blick auf ein Zimmer bot, dass über und über mit Blut besudelt war. Wände und Boden waren mit braunroten Flecken bedeckt, doch das meiste fand sich auf dem Bett. Wer auch immer hier geschlafen hatte, fand wohl im Traum ein grausiges Ende. Jenseits der Blutes fiel mir jedoch auf, dass der Raum außer den Möbeln keinen Inhalt aufwies. Kein Bild schmückte die Wände, kein Tand befand sich in den Regalen und auch die Fächer der Schränke waren leer. Dies schien mir doch ausgesprochen ungewöhnlich zu sein und bei meinen weiteren Untersuchungen fand ich eine große Schere unter dem Bett. Ich zog das metallene Werkzeug hervor und bemerkte, dass ihre Vorderseite in Gänze in rotbraune Farbe gehüllt war. Als mir bewusst wurde, wofür die Schere verwendet wurde, warf ich sie erschrocken davon und sie landete polternd in einer Ecke. Mir kam wieder der letzte Eintrag des Tagebuches in den Sinn und mir erschloss sich, dass, was immer Brimwald wohl getan hatte, hier vonstatten ging. Da es in diesem Raum jedoch nichts mehr

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zu finden gab, wollte ich mich dem nächsten Raum zuwenden. Beim Verlassen des Zimmers tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass das stattgefundene Massaker womöglich seine Berechtigung hatte und öffnete den Nachbarraum.

Dort hatte man schon eher das Gefühl, dass er bewohnt wurde. In den Regalen befanden sich allerlei Bücher, die sich jedoch als belanglose Romane herausstellten. Bemerkenswerterweise befand sich unter ihnen sogar ein Exemplar des hellblauen Gedichtbandes, dessen seltsamer Titel meine ganze Reise zu überschatten schien. Vor dem Fenster befand sich ein kleiner Schreibtisch, auf dem neben einigen gewöhnlichen Utensilien ein Handspiegel und eine Bürste hervorstachen. Wie es schien, wurde dieser Raum von Fräulein Gundelind bewohnt. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich jedoch, dass fast alle Objekte in diesem Raum eine dicke Staubschicht überzog. Der Griff des Spiegel und die Bürste zeigten nicht das auffällige Grau und auch die Fläche des Schreibtisches zeugte von Gebrauch. Ich durchsuchte die Fächer des Möbelstücks, in der Hoffnung etwas zu finden, was mir eine nähere Einsicht in die lokalen Vorkommnisse gewähren würde, ging jedoch zunächst leer aus. Dann fand ich jedoch neben dem Tisch ein kleines Buch, was wohl zu Boden gefallen war. Schnell hob ich es auf und prüfte seinen Inhalt und wie mein erster Fund entpuppte es sich als Tagebuch. Ich nahm es an mich und gedachte erst in einer sichereren Umgebung einen Blick in sein Inneres zu wagen. Ich kehrte in den Flur zurück und wandte mich den nächsten Türen zu. Als ich im Begriff war die Tür des Nachbarraumes zu öffnen,ergriff mich ein kaltes Grausen. Mir standen die Haare zu Berge und ich war unfähig die Tür zu öffnen. Überrascht über meine plötzliche Panik beschloss ich mich zunächst der nächsten und letzten Tür des Flures zu widmen. Hinter dieser fand sich ein weiterer Lagerraum, welcher jedoch auch als solcher gebaut wurde und in dem eine Treppe hinunter in einen Keller zu führen schien. Nur durch ein kleines Fenster drang Licht in den Raum und es fiel mir schwer, Genaueres zu erkennen. In den Regalen fanden sich große Gläser, von denen einige gefüllt, doch die meisten leer waren. Allesamt waren sie jedoch mit einer dicken Staubschicht bedeckt, welche sich im ganzen Raum fand. Lediglich ein schmaler Pfade, welcher zur Kellertreppe führte, gab mir Grund zu der Annahme, dass in regelmäßiger Weise jemand diesen Raum durchquerte. Verwirrend war jedoch die durchgehende Natur des Pfades, der keine einzelnen Schritte erkennen ließ. Unsicherheit ergriff mich und doch wusste ich, dass der Keller mir essentielle Informationen bieten würde. So trat ich vorsichtig die Stufen hinab und musste feststellen, dass der widerlich süßliche Geruch stärker zu werden schien, als ich die Stufen hinab schritt. Das Licht des Fenster vermochte mir kaum den Weg zu erhellen und aufgrund einer fehlenden Lichtquelle konnte ich nur schwach die Umrisse der schweren Kellertür ausmachen. Es schien, als befinde sich etwas auf dem Boden vor der Tür, dass aus dem Keller selbst zu kommen schien. Allein ich war unfähig Genaueres zu erkennen und der stetig stärker werdende Geruch bewegte mich zur Umkehr, bevor ich mich übergeben musste. Mir stand der Sinn nach frischer Luft und ich wollte in die Eingangshalle zurückkehren, doch da vernahm ich das Geräusch einer nahen Tür, die sich öffnete und dann wieder schloss. Ich zitterte am ganzen Leib, als sich mir erkannte, dass es sich um die Tür des Nachbarraumes handelte, welche mir eine Gänsehaut bereitet hatte. Ich erstarrte um nur keine Geräusche zu verursachen, die mich verraten hätten. Dann vernahm ich Schritte, die sich zu entfernen schienen und mit allem Mut den ich aufbringen konnte, wagte ich einen Blick hinaus in den Flur. Tatsächlich konnte ich sehen, wie jemand von der Haupthalle in den Salon verschwand. Meine Waffe fest umschlungen schlich ich den Flur hinunter um zu prüfen, um wen es sich handelte. Vorsichtig spähte ich in den Salon und erkannte Fräulein Gundelind, welche auf den apathischen Brimwald zuging und davon sprach, dass ihr Vater sein Verhalten missbilligte. Sie bemerkte mich nicht, doch da trat der Kater in die Türschwelle und begann fürchterlich zu fauchen. Gundelind hörte dies und wandte sich zu mir herum. Zunächst begrüßte sie mich in freundlichem Tonfall und Schritt dann, sich nach meinem Befinden erkundigend auf mich zu. Die Situation wirkte auf mich absurd, denn sie schien sich nicht anders zu verhalten als sonst. Doch je näher sie kam, umso mehr fauchte der Kater und ich war mir sicher, er würde sie gleich anspringen. Als ich sie jedoch genauer besah, durchfuhr mich ein

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fürchterlicher Schreck und ich musste von der Tür zurückweichen. In ihrem Hals stecke etwas, dass ich für einen Federhalter hielt und welcher sie scheinbar nicht zu stören schien. Als sie meinen Blick bemerkte, verharrte sie und wandte sich zur Seite. Es schien, sie hatte den Federhalter zuvor nicht bemerkt, und so zog sie ihn jetzt vollkommen unbeeindruckt aus ihrem Fleisch. Die Wunde blutete jedoch nicht. Stattdessen quoll ein fleischiger Schleim aus ihrem Hals, als sie ihre Arme nach vorn gestreckt auf mich zu stürmte. Der Kater suchte schnell das Weite und stürmte die Treppe hinauf. Für meine Flucht war es jedoch bereits zu spät, denn Gundelind war nur noch wenige Schritte von mir entfernt. Als sie mich fast erreicht hatte schwang ich in wilder Panik den Gehstock in ihre Richtung und traf wider erwarten mit einem heftigen Schlag ihren Kopf. Entgegen der üblichen Natur eines menschliche Kopfes bot dieser jedoch keinen wirklichen Widerstand und so riss das kalte Metall die linke Hälfte ihres Gesichtes davon, während unaussprechliche Dinge, welche nicht in einen menschlichen Körper gehörten, durch die ganze Halle spritzten. Dies allein brachte mich an den Rand des Wahnsinns, doch ich musste mitansehen, wie dieses Ding, denn mit einem menschlichen Namen wollte ich es nicht mehr benennen, durch diesen Treffer lediglich kurz benommen zurück taumelte, sich sammelte und dann wieder auf mich losgehen wollte. Dabei starrte es mich mit dem verbliebenen Auge an und fast hätte ich das Bewusstsein verloren. Instinktiv schwang ich den Stock horizontal vor mir und traf erneut das Haupt des Monsters, welches durch die Wucht nun endgültig nachgab und sich im ganzen Raum verteilte. Die Kreatur verharrte kurz und erst dachte ich, dass hätte noch immer nicht genügt. Doch da stürzte der leblose Körper zu Boden. Während aus dem Hals des Ungeheuers ein widerlicher Schleim drang, kam ich nicht umhin aus der Eingangstür nach draußen zu stürzen und mich inmitten des Sturmes heftigst zu übergeben. Es dauerte einen Moment bis ich mich sammeln konnte, doch schnell wurde mir klar, dass ich mich zurück ins Haus begeben musste, wenn mich nicht der Sturm wegwehen sollte. Nach einem kurzen Augenblick bemerkte ich jedoch, dass das, was ich anfänglich für eine ausgewachsene Pfütze hielt, in Wirklich ein Teil des Flusses war, der unter den Regenmassen nun langsam über das Ufer zu dringen begann. Die ungünstige Lage des Hauses sollte schon bald dafür sorgen, dass das Erdgeschoss unter Wasser stand.

Ich zog mich wieder in das Innere zurück und ging schnell in mein Zimmer. Dabei vermied ich es nach Möglichkeit den toten Körper zu betrachten, welcher mitten in der Eingangshalle lag. In meinem Zimmer wartete der Kater fröhlich schnurrend auf meinem Bett. Ich war dem Vierbeiner zunächst böse, da er mein Versteck verraten hatte. Doch ich vermutete keine böse Absicht dahinter und beschloss so, ihm zu verzeihen. Zunächst platzierte ich die Kommode wieder vor der Tür, denn ich wusste nicht, ob dieses Haus nicht noch andere Überraschungen für mich parat halten sollte. Anschließend wechselte ich meine Kleidung und trocknete mich ab. Ich erinnerte mich des Buches aus Gundelinds Zimmer und stellte fest, dass es glücklicherweise keine ernsten Schäden durch den Regen erlitten hatte. Da mir das Zimmer vorerst sicher erschien und ich mich auch sonst wieder beruhigt hatte, beschloss ich ein wenig in dem Buch zu lesen.

Gundelind hatte es schon seit Jahren geführt und berichtete von dem Leben in dem Gasthof ihres Vaters. Sie schrieb vom Tod der Mutter und wie sie fortan mit aushelfen musste. Oft war die Rede vom Fluss, der bei ausgiebigem Regen über die Ufer drang und die Brücke die mehrfach wieder aufgebaut werden musste. Der Vater wollte das Haus wohl schon lange verlassen und mit seiner Tochter fortgehen, doch die finanzielle Lage der Familie machte dieses Unterfangen unmöglich.

Ich blätterte weiter und suchte nach einige aktuelleren Berichten. Gundelind schrieb über die schlechte Qualität des Kellers, der durch den nahen Fluss auch bei einem niedrigen Wasserstand immer ausgesprochen feucht war. Da sie nicht fortgehen konnten, nutzte der Vater die letzten Ersparnisse und ließ den Keller ausbessern. Dabei stießen die Handwerke auf einen schmalen Ausläufer eines Höhlensystems, den sie für die Feuchtigkeit verantwortlich machten. Sie erklärten dies mit einem merkwürdigen Pilzbefall, den man in dem Gewölbe vorfinden konnte. Der Vater merkte dazu an, dass die Höhle im Gegenteil sogar ausgesprochen trocken sei, doch die Handwerker interessierte das nicht weiter. Sie versiegelten den Keller und tatsächlich war er fortan

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trocken. Zunächst war man mit der Arbeit der Handwerker sehr zufrieden, doch schon bald ärgerten sie sich darüber, dass sie ihre Arbeit doch nicht richtig gemacht hatten, denn der Keller wurde von einem schleimigen Pilzbewuchs befallen, den der Vater in harter Arbeit regelmäßig entfernen musste. Dies kostete ihn zusätzliche Kraft neben der Arbeit im Gasthaus und so wurde er zunehmend schwächer und erkrankte letztlich schwer. Gundelind pflegte den bettlägerigen Vater lange Zeit und begann selbst die Geschäfte des Hauses zu übernehmen.

Normalerweise hätte ich solchen Ausführungen wohl keine Beachtung geschenkt, doch in Anbetracht der Dinge, die ich gesehen hatte, schienen sie mir bedeutsam zu sein. Die folgende Einträge behandelten lediglich den weiteren Arbeitsalltag und Kommentare über die Gäste. Dabei war jedoch auffällig, dass sich ihre Schrift zunehmend veränderte und sich von einer filigran geschwungenen Damenschrift zu einem seltsam schiefen und kantigen Gekrakel entwickelte. Der letzte noch lesbare Eintrag behandelte eine jungen Familie, deren Sohn Gundelind sehr in ihr Herz geschlossen hatte. Alle folgenden Seite waren für mich nicht mehr zu entziffern und schienen in einer gänzlich anderen Sprach geschrieben worden zu sein.

Nachdenklich legte ich das Buch beiseite und versuchte mir einen Reim auf die Ereignisse hier zu machen. Einige spontane Assoziationen schossen durch meinen Geist, doch aufgrund ihrer Abscheulichkeit war ich nicht bereit, diese als Erklärungen zu akzeptieren. Mein Blick schweifte zum Fenster hinüber, hinter dem noch immer der Sturm tobte. Ich beschloss das Haus zu verlassen, wenn der Sturm sich gelegt hatte. Bis dahin sollte ich es dort wohl noch aushalten. Wenn auch der Weg durch den Wald gefährlich war, so würde sich sicher irgendwo eine Gelegenheit zur Überquerung des Flusses bieten. Und selbst wenn dem nicht so wäre, klang diese Option immer noch reizvoller als in diesem Schreckenshaus zugrunde zu gehen. Ich wollte mich in meinem Zimmer für die restliche Zeit verbarrikadieren und zu diesem Zweck wagte ich mich erneut hinaus in den Flur um aus der Küche alles an Nahrungsmitteln zu holen, was ich finden konnte. Vorräte waren reichlich vorhanden und so würden der Pelzige und ich zumindest nicht verhungern.

So quartierte ich mich wieder in meinem Zimmer ein und versuchte das Beste aus der Situation zu machen. Zumindest war ich nicht allein.

Wir harrten mehrere Tage in unserem Versteck aus. Dabei wurde das Geräusch des Sturmes nur von einigem Scheppern durchdrungen, von dem ich annahm, dass der Wind Teile des Hauses beschädigt hatte. Ich dachte wieder daran, was genau in diesem Haus vorgefallen war und vor allem, was mit den Gästen geschehen ist. Um ihre Besitztümer schien es nicht wirklich zu gehen, wenngleich Händler mit einer Kutschenpanne eine ausgesprochen simple Erklärung für die reichhaltigen Nahrungsvorräte darstellten. Da durchfuhr mich der Gedanke, dass es möglicherweise doch noch einige wertvolle Dinge in den Lagern zu finden gäbe, welche ich aufgrund meiner voreiligen Schlüsse nur halbherzig durchsucht hatte. So nahm ich erneut Brimwalds Gehstock zur Hand, der mir bereits gute Dienste geleistet hatte und öffnete die Tür. Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich auch an den armen Kerl, den ich erst verdächtigt hatte und der dann regungslos im Salon saß. Ich beschloss zunächst nach ihm zu sehen, doch in der Eingangshalle traf mich der Schreck. Von dem leblosen Körper das Monsters breitete sich eine seltsame, fleischige Struktur auf dem Boden der Halle aus. Ich war zunächst misstrauisch und schleuderte eine Vase in die Masse. Doch das Gefäß zerbrach ohne für eine Regung zu sorgen. Mir war zwar nicht bekannt, was da wuchs, doch es schien ungefährlich zu sein und so ging ich nach unten und trat in den Salon, in welchen bereits ein langer Ausläufer gewachsen war. Auf dem Stuhl saß noch immer Brimwald, doch er regte sich nicht mehr. Als ich näher an ihn heranging, erkannte ich, dass er nicht mehr am Leben war. Wenn er mir auch anfangs unheimlich war, so hatte er doch indirekt mein Leben gerettet. Anschließend begab ich mich erneut in den Flur des Schreckens, in dem sich die seltsame Struktur auch schon an Boden und Wänden ausgebreitet hatte. Der erster Lagerraum war jedoch noch verschont geblieben und so durchsuchte ich diesen. Tatsächlich fand ich einige Geldbörsen mit einem nicht unansehnlichen Inhalt. Ich raffte alles Geld an mich, von dem ich dachte, dass ich es tragen könnte und wollte mich wieder in mein Zimmer zurückziehen. Doch da drang ein seltsames Geräusch an mein Ohr. Es war

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ausgesprochen leise und so dauerte es einen Moment, bis ich erkannte, von wo es kam. Es ähnelte einer Stimme, war aber doch irgendwie verzerrt und gurgelnd. Als ich erkannte, dass es aus Richtung der unheimlichen Tür zu kommen schien, entschwand ich so schnell ich konnte in mein Zimmer.

Einen weiteren Tag musste ich ausharren, bis der Sturm in der Nacht tatsächlich nachließ. Am darauf folgenden Morgen raffte ich das Notwendige zusammen: etwas Kleidung, das Geld und Proviant. Daneben nahm ich noch die Tagebücher und den hellblauen Gedichtband, der mich an bessere Zeiten erinnerte, an mich und begab mich mit dem Gehstock in die Eingangshalle. Die organische Struktur hatte sich fast im ganzen Raum ausgebreitet und ich wollte das Haus nur noch verlassen. Der Kater, der mir gefolgt war, sprang auf die Theke, denn auch ihm schien der Bewuchs unheimlich zu sein. Da ich der Nahrung in meinem Zimmer bereits größtenteils aufgebraucht hatte, stellte ich die Tasche mit meinen Habseligkeiten neben den Kater und ging noch einmal in die Küche, um die letzten Vorräte zu ergattern. Einige Würste konnte ich tatsächlich noch finden und so kehrte ich in die Halle zurück, um sie zu verstauen. Dabei begann der Kater neben mir fürchterlich zu fauchen und ich fuhr verwundert herum, nur um dem Schrecken ins Auge zu sehen, welcher da aus dem Salon geschlurft kam. Es war Brimwald oder zumindest das, was von ihm übrig war. Das seltsame Gewebe hatte ihn in großen Teilen überwucherte und scheinbar auch durchdrungen. Unbeholfen näherte sich mir die Kreatur und ich griff nach meinem Gehstock um ihm den letzten Frieden zu verschaffen. Doch in der Panik entglitt mir der Stock und rollte hinter die Theke. Ich versuchte noch nach ihm zu greifen, doch vergebens. Die Kreatur hatte sich indessen genähert und starrte mich aus toten Augen an. Ich wollte mich gerade umwenden, um zur Tür hinauszustürmen, da beschleunigte das Ungetüm und packte mich an den Schultern. Es kostete mich alle Kraft um mich gegen das Ding zu erwehren, doch letztlich konnte ich mich losreißen und den Angreifer davonschleudern, der daraufhin krachend durch die Eingangstür schepperte. Schnell erholte sich das Wesen jedoch und wollte erneut auf mich losgehen, da griff ich in meiner Panik nach etwas, dass ich in meiner Manteltasche verwahrt hatte und warf es nach ihm. Im Flug erkannte ich noch den Gedichtband, bevor er das Monster am Kopf traf und es so dazu bewog einen Schritt zurück zu tun. Dabei trat es jedoch in das Wasser des Flusses, welcher über die Ufer getreten noch immer fast bis zum Haus reichte. Zu meinem Erstaunen hatte das Wasser jedoch einen ausgesprochen unerwarteten Effekt auf die Kreatur. Das Wasser um das Bein begann fürchterlich zu zischen und zu brodeln und das Fleisch löst sich auf. Seiner Stütze beraubt stürzte die Kreatur nun ganz in das knöchelhohe Nass. Es schrie und wälzte sich umher und fast konnte man meinen, es würde verbrennen. Letztlich blieb nur ein lebloser Rest zurück, der wohl einst Brimwald gewesen war.

Ich ging erneut herein und wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht. Der Kater saß wartend auf der Theke und maunzte vorwurfsvoll. Mir war recht schnell klar, was er mir damit sagen wollte und so öffnete ich die Tasche, packte die Würste in meinen Mantel und ließ den Kater hereinklettern. So verließ ich das Haus und durfte mitansehen, wie sich zum ersten mal seit vielen Tagen die Sonne am Himmel zeigte. Zwar dachte ich nicht wirklich daran, dass ich noch ein Pferd vorfinden würde, doch riskierte ich einen Blick in den Stall. Dieser war allerdings leer.

Ich war wohl etwa einhundert Meter vom Haus entfernt, da hielt ich noch einmal inne und blickte zurück. Vor mir lag das Haus des Schreckens, was mich fast das Leben gekostet hatte. Nun musste ich es nur noch schaffen, lebendig die nächste Stadt zu erreichen. Als ich dann endlich im Begriff war, zu gehen, hörte ich vom Haus her jedoch ein Geräusch, ein lautes Krachen, dass jenem der Bestie, die durch die Tür flog, nicht unähnlich war. Panik ergriff mich und so rannte ich davon, solange es meine Ausdauer hergab.

An dieser Stelle dachte ich, ich hätte das Schlimmste schon überstanden doch…

abgeschlossen im Juni 2013