Sh’rakta’a (Die Kinder der Leere)

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Vor kurzer Zeit fielen mir bei meinen Nachforschungen bezüglich der verborgenen Kulte einige interessante Schriftstücke in die Hände. Durch Zufall gelangte ich an selbige und fast hätte ich sie achtlos beiseite geschoben. Doch eine absonderliche Eingebung bewegte mich dazu, jene alte Schachtel aus dem Regal des Archives hervor zu holen. Sie war recht verstaubt und ich sah danach aus, als hätte man mich gepudert. Auf der Vorderseite stand nur ein mir unbekannter Name: Ibrahim Rosenkreuz. In der Kiste befanden sich mehrere Briefe von eben jener Person an einen gewissen Jarislaw Tscherdizko. Auch einige Berichte und Notizen konnte ich entdecken. An sich ein unspektakulärer Fund, wie man meinen könnte, jedoch offenbarten jene Briefe wirklich ungeheuerliche Dinge, von denen ich hier, so sinngetreu wie mir dies möglich ist, berichten will.

Jener Ibrahim, ich will die Namen der Einfachheit halber kurz halten und dies soll nicht Zeichen mangelnden Respekts sein, war Beamter in einer kleinen Provinzstadt Shaserias, genannt Utren. Ihm fiel es zu die örtliche Ordnung zu überwachen und so führte er genaustens Register über die Einwohner. Scheinbar waren ihm auch die örtlichen Streitkräfte zugeteilt. Nun denn, zumindest schien er bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr in eben jener Stadt gelebt zu haben, welche auch sein Geburtsort war. Und mitnichten wollte er den Ort, den seine Familie schon seit Generationen Heimat nannte, ohne guten Grund verlassen. Doch wie es scheint, ereigneten sich im Zeitraum des Sommers 1806 bis zum Herbst 1807 solch absonderliche Ereignisse, dass er sich dazu veranlasst fühlte, seinen Beruf nieder zu legen und die Stadt für immer zu verlassen. Die ganze Angelegenheit beginnt, als ein gewisser Edelmann namens Silenius Sinister Prudence eine am Stadtrand gelegene

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Villa erwirbt, welche nach dem Dahinscheiden des letzten Vertreters einer ansässigen alten Familie, ihr Name war Bequest, leer stand. Es war schon recht verwunderlich, dass ein Edelmann aus Shasa-Stadt seinen Wohnort in die tiefste Provinz verlagerte. Umso seltsamer war jedoch die Wahl seines neuen Hauses, denn es stand auch eine weit prächtigere Villa im Zentrum der Stadt leer, deren letzter Bewohner nach Tempruss ausgewandert war. Der Fremde bestand jedoch auf den Erwerb der alten bereits vom Zahn der Zeit geschundenen Bequest-Villa und begründete diese Wahl damit, dass er sich im Gedränge der Stadt so furchtbar gehetzt fühle. Auch sei er ja nach Utren gekommen, um dem Stress der Großstadt zu entfliehen. Ibrahim war dies wohl letztlich einerlei und er schreibt, dass es ja eigentlich ein Glücksfall war, dass jener Neuling dieses alte Haus erworben hatte. Denn die Aussichten auf einen Verkauf waren im Hinblick auf den Zustand des Hauses nicht besonders gut. Er berichtet weiter, dass sich der Fremde gut in das recht beschauliche Leben in der Stadt einfügte. So habe man ihn des öfteren auf Spaziergängen sehen können und er grüßte, wann immer man ihm begegnete. Auch schienen die Damen des Ortes Gefallen an ihm gefunden zu haben. So war er wohl erst an die dreißig Jahre alt, seine Kleidung aus edlen Stoffen und auch sein gesamter Bau recht wohl geformt. In einem Brief berichtet Ibrahim, dass er das Gesicht des Fremden recht eigentümlich fand, denn seine Erscheinung passte kaum zu den anderen Menschen in der Stadt. Er schreibt von dunklem, mittellangem, leicht welligem Haar, einer eigentümlichen Bartkombination aus Schnurrbart und behaarter Kinnpartie sowie eindringlichen braunen Augen. Doch er bemerkt auch, dass trotz all der Höflichkeit die Silenius seinem Gegenüber entgegen brachte, er immer ein seltsames Gefühl hatte, wenn er in seine Augen schaute. Fast meinte er, der Neuling führe etwas im Schilde. Wenn er seiner Frau davon berichtete, bemerkte diese wohl nur, dies hänge wohl mit seinem Aussehen zusammen, dass eher den Menschen des Westens ähnelte und welches in der Stadt nicht zu finden war. Und so gab er sich erst einmal damit zufrieden, dass seine mangelnde Weltkenntnis der Grund für sein Misstrauen war. Nach etwa zwei Wochen erschien Silenius recht unvermittelt in seinem Büro und wollte einige Dinge betreffs Lieferungen regeln. Auf die Frage, worum es denn genau ginge, antwortete dieser nur, er sei ein Händler der Bücher kauft und verkauft und so werden wohl demnächst einige Lieferungen eben solcher auf seinem Grundstück eintreffen. Die notwendigen Papiere für das Handelsregister würde er entsprechend einreichen, denn er kenne jene Problematik bereits aus der Hauptstadt. Ibrahim war zunächst verwundert darüber, dass der Fremde sich trotz seine Wunsches nach Erholung nun doch Ware hier her liefern ließ, doch es war wohl nie seine Art sich in Privatangelegenheiten einzumischen und so zeichnete er nur die nötigen Papiere ab und ließ Prudence gewähren. Und wie angekündigt hielt bereits kurze Zeit später in regelmäßigen Abständen eine Kutsche, die mit allerlei Kisten beladen waren, vor der alten Villa Bequest. Zwei bullige Gestalten mit grimmigen Gesichtern wurden gesehen, die die Kisten hinein

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trugen und dann wieder wortlos verschwanden. Sie schienen direkt im Dienste Prudence‘ gestanden zu haben, denn die Leute haben immer wieder die gleichen Arbeiter gesehen. Mit der Zeit begannen Gerüchte in Umlauf zu kommen, denn stetig erreichten neue Kisten die Villa, jedoch sah man nie etwas wieder aus dem Haus herauskommen. Um die Einwohner zu beruhigen beschloss Ibrahim nun, sich selbst einmal die ganze Angelegenheit zu beschauen und so machte er einen Spaziergang zum Stadtrand. Wie geplant traf eine neue Lieferung ein und die beiden bulligen Träger waren gerade damit beschäftigt, eine Kiste ins Haus zu transportieren. Silenius stand neben der Kutsche und prüfte, ob die Arbeiter auch sorgsam genug mit seinen Waren umgingen, als Ibrahim ihn begrüßte. Silenius war wohl erst etwas verwundert, zeigte jedoch, nachdem er seinen Gast erkannt hatte, die übliche Freundlichkeit. Auch lud er ihn ein, ihm bei einer Tasse Tee Gesellschaft zu leisten, wenn die letzte Kiste abgeladen sei. Ibrahim schaute auf die Ladefläche der einfachen Transportkutsche und bemerkte, dass noch eine lange eckige Kiste darin war. Er beschreibt sie als rechteckig und von solcher Größe, dass ein erwachsener Mann wohl darin liegen könnte. Auf die Frage, was denn in diesen untypischen Kisten sei, bemerkte Prudence nur, dass es, wie er angemeldet hatte, Bücher seien. Jene Kiste sei noch verschlossen, doch er würde ihm im Haus die Ware gern zeigen. Die beiden Arbeiter kamen nun wieder nach draußen, verschwitzt und schnaubend, denn es war ein warmer Sommertag. Ohne die beiden Herren neben der Kutsche zu beachten, kletterten sie auf die Ladefläche, nahmen die Kiste und trugen sie herein. Prudence winkte Ibrahim nun und bat ihn, ihm ins Haus zu folgen. Im Inneren wies er eine Bedienstete an, den Tee vorzubereiten. Der Beamte hatte in diesem Augenblick das erste mal bemerkt, dass außer Prudence noch andere Menschen im Haus lebten. Er war wohl recht verwundert aufgrund dieses Umstandes, denn es schien nie zuvor jemand von ihnen angereist zu sein. Um die Zeit bis zum Tee zu überbrücken, zeigte Silenius seinem Gast nun die alte Bibliothek, in der auch die Holzkisten von der Kutsche standen. Einige waren geöffnet und Ibrahim konnte so durchaus erkennen, dass sich Bücher darin befinden. Lediglich die Titel waren ihm unbekannt. Als er durch einige Exemplare blätterte, stellte er jedoch fest, dass es lediglich schlecht geschriebene Romane waren. Es schien schon sehr fragwürdig, wie sein Gastgeber damit zu Wohlstand gelangen konnte. Dann fiel ihm jedoch eine Abseits platzierte Kiste auf, die mit einem Zeichen versehen war. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich selbiges als eine Art schwarzer Kreis mit einem innen liegenden Zackenmuster. Er versuchte einen Blick in die Kiste zu werfen, doch sein Gastgeber hielt ihn mit der Bemerkung davon ab, es seien nur ein paar Bücher zur Erforschung alter Kulturen darin. Dies sei Fachliteratur, mit der er gutes Geld verdiene, die er jedoch selbst aufgrund ihrer theoretischen Komplexität nicht verstünde. Schnell führte er Ibrahim nun in einen nebenan gelegenen Salon. Das Dienstmädchen servierte den Tee und entfernte sich schweigend. Es schien grotesk, mit welcher

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Höflichkeit der Hausherr seinen Gast überschüttete, wohingegen er die Magd keines Blickes würdigte. Man unterhielt sich über dies und jenes, allgemeine Belanglosigkeiten, deren Nennung eine reine Zeitverschwendung wäre. Zu gegebener Zeit verabschiedete sich der Beamte wieder und ging mit einem absonderlichen Gefühl im Magen wieder nach Hause. Die ganze Zeit schien über dem Haus eine gewisse Dunkelheit oder Beklemmung zu liegen, welche man jedoch nicht genau benennen konnte. Auch befand Ibrahim das Verhalten seines Gastgebers als seltsam und gekünstelt. Es wirkte, als sei im Haus nichts gemacht worden. Der Staub sammelte sich in vielen Ecken. Lediglich die Bibliothek und der Salon schienen geputzt worden zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Ibrahim Rosenkreuz jedoch noch nicht, was für Abscheulichkeiten sich seinem Auge offenbaren sollten. Noch war in seinen Augen alles ein obskurer Spleen eines reichen Großstädters.

Einige Wochen zogen ins Land, ohne das der Beamte den seltsamen Herrn am Stadtrand Beachtung geschenkt hätte. Er gab fristgerecht seine Papiere ab und verhielt sich auch ansonsten unauffällig. Dann jedoch im Frühjahr 1807 begab sich ein erstes absonderliches Ereignis. Eine Frau wurde tot in den Wäldern nahe Silenius‘ Villa entdeckt. Die Städter wussten nicht um wen es sich handelt. Auch wurde niemand vermisst. So begab sich Ibrahim selbst zum örtlichen Medikus, der die Tote in einem Seitenraum seiner Praxis auf einem Tisch zur Untersuchung aufgebahrt hatte. Der Beamte war zutiefst erschrocken, als er in der fahlen Gestalt die Dienstmagd, die am Tage seines ersten Besuches bei Silenius den Tee servierte, erkannte. Sie trug noch immer ihre schwarze Dienstkleidung sowie eine weiße Schürze und ihre Haube. Es schien ihm, als habe sie den gleichen Gesichtsausdruck, wie damals. Eine absonderliche Leere lag in ihrem Blick. Als er den Medikus darauf hinwies, bemerkte der, dass es für einen Toten nicht ungewöhnlich sei, dass die Lebenden seinen Blick als Leere empfinden. Ein kalter Schauer lief Ibrahim den Rücken hinab, denn er wusste, dass sie auch zu Lebzeiten schon den starren Blick des Todes auf ihrem Antlitz trug. Umgehend stattete er Prudence einen Besuche ab, um ihn über die Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Der entgegnete, seine alte Dienstmagd sei vor geraumer Zeit verschwunden. Er habe nach ihr Suchen lassen, doch sie blieb verschollen. Rosenkreuz bemerkte schnell, dass Prudence keine Hilfe in diesem Fall war und entfernte sich wieder. Er hatte jedoch die neue Magd gesehen und auch ihr Blick schien gänzlich frei von jeder Emotion. Der Arzt hatte indessen seine Untersuchungen beendet und kam zu dem Schluss, dass sie wohl verhungert oder verdurstet sei. Einen Hinweis auf einen Mord gäbe es nicht. Ibrahim postierte einige Wochen lang Wachen in der Nähe von Prudence‘ Haus, doch keinerlei Besonderheiten waren erkennbar. Lediglich die Kisten trafen in regelmäßigen Abständen ein. Und genauso kam nie eine solche wieder heraus. Da in der Stadt zur Zeit einige diebische Unholde ihr Unwesen trieben, zog Rosenkreuz die Wachen jedoch bald wieder ab. Prudence war nichts nachzuweisen und so endete die Angelegenheit in einem Schrank des

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Rathauses. Die nächsten Wochen zogen ins Land ohne besondere Vorkommnisse. Lediglich die Frau des Arztes litt plötzlich an einer absonderlichen Krankheit, durch die sie zusehends in einer tiefen Lethargie versank. Ihr Mann konnte jedoch nicht feststellen, was es genau war. Nach etwa zwei Wochen verstarb sie. Es schien, dass Silenius sich endgültig in das Bild der Stadt eingefügt hatte, als er gegen Anfang des Sommers wieder seiner exzentrischen Seite nachging. So empfing er in seiner Villa allerlei mehr oder weniger seltsame Gestalten, die wohl Adel aus anderen Gegenden waren. Spaziergänger berichteten davon, dass zu nächtlicher Stunde das Haus hell erleuchtet war und deutlich der Lärm eines Festes zu vernehmen war. Tagsüber waren die Fremden meist in der Stadt unterwegs und sorgten für eine beachtliche Irritation bei der örtlichen Bevölkerung. Rosenkreuz berichtet von absonderlichen Kleidern und Kostümen, von histerischem Lachen und allerlei seltsamem Verhalten. Sie schienen jedoch keinen Schaden anzurichten und zahlten gut. So hatten sich die Bürger schon nach kurzer Zeit an sie gewöhnt. Ibrahim war jedoch über die Dauer ihres Aufenthaltes verwundert, denn sie verweilten zwei Wochen in Silenius‘ Villa. Als sie die Stadt wieder verlassen hatten, kehrte erneut die altbekannte Ruhe ein. Wenige Tage später jedoch wurden einige neue Fälle der seltsamen Apathie gemeldet, der auch des Medikus‘ Frau zum Opfer fiel. Man sah die Kranken ab und an durch die Stadt wandern, ziellos und mit leerem Blick. Unterhielt man sich mit ihnen, so waren sie mit den Gedanken schnell nicht mehr bei der Sache und man musste sie erst wieder an das Thema erinnern. Zusehends verfielen sie, denn sie waren aus unbekannten Gründen nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen. Fast schien es, als würden sie ihres Verstandes beraubt. Der Doktor suchte besessen nach einer Ursache, doch er musste hilflos mit ansehen, wie ein Stadtbewohner nach dem anderen verhungerte oder verdurstete. So gab er letztlich den Kampf auf und zog sich gänzlich in das private Leben zurück, mit der Begründung, gegen dunkle Mächte, die die Menschen geißeln, könne er nichts tun. Rosenkreuz war mit der Lage sichtlich überfordert und ihm wäre wohl die ganze Stadt weggestorben, hätte nicht ein seltsamer Zufall ihn auf eine neue Spur gebracht. Der Sommer ging dem Ende entgegen und der Herbst verkündete sein Nahen durch häufige Schauer, da erschien ein fremdes Paar in der Stadt. Rosenkreuz bemerkte durch Zufall, als er gerade einige Totenscheine abzeichnete, wie eine dunkle Kutsche am Rathaus vorbeifuhr. Die Stadt war zu dieser Zeit bereits annähernd menschenleer, da die Bürger sich aus Angst vor einer Ansteckung mit der Krankheit nun zumeist daheim verkrochen. Er blickte gerade aus dem Fenster, als er das Vehikel durch den strömenden Regen fahren sah. Die Fahrtrichtung machte ihm schnell klar, wen die Fremden denn besuchen wollten. Um seiner Vermutung nachzugehen, begab er sich am Abend nach getaner Arbeit einmal wieder zu Prudence‘ Villa. Es dämmerte bereits und er beschleunigte seine Schritte, da der Himmel noch immer schwer von Wolken war und er ein minimales Bedürfnis, nass zu werden, hatte. Und tatsächlich war das

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erste, was seine Augen ihm nach der letzten Kurve vor seinem Ziel zeigten, die fremde Kutsche vom Nachmittag. Rosenkreuz hatte seine Verdächtigung gegenüber Prudence nie gänzlich abgelegt und so beschloss er nun einmal einen heimlichen Blick in das Haus zu werfen. Es war nicht schwer, zum Haus zu gelangen, denn Silenius hatte keine Wachleute und auch das Eisentor war nie verschlossen. So erreichte Ibrahim die Mauer des Gebäudes recht schnell und spähte, so unauffällig es ihm nur möglich war, durch ein erleuchtetes Fenster. Der Salon befand sich dahinter. In selbigem unterhielt sich gerade der Gastgeber mit seinen beiden Besuchern. Zunächst fiel Ibrahims Blick auf ein junges Mädchen mit wallendem roten Haar, welches ein edles weißes Kleid mit hellblauen Verzierungen trug. Sie schien recht heiter über etwas zu berichten, jedoch konnte er durch das geschlossene Fenster nichts verstehen. Etwas abseits saß in einem Sessel der andere Besucher. Ein ernst drein blickender junger Mann mit auffälligen violetten Augen. Seiner Kleidung nach war er wohl ein Adliger, doch seine düstere Robe stand gänzlich im Gegensatz zu dem Kleid des Mädchens. Rosenkreuz schien zu spüren, dass bald etwas wichtiges geschehen würde, und so verharrte er möglichst regungslos an seinem Posten, in der Hoffnung, dass man ihn nicht sehen würde. Nach etwa einer halben Stunde begann die Dame zu gähnen, woraufhin der Gastgeber sie aus dem Raum führte. Der Herr im Sessel hob nur andeutungsweise seine Hand zum Abschied und starrte dann wieder abwesend in den Raum. Nach einigen Minuten kehrte Prudence wieder zurück, doch nun galt die Aufmerksamkeit des Besuchers ganz ihm. Jener erhob sich und ging zu seinem Gastgeber hinüber. Sie besprachen etwas und der Fremde zog einen Vertrag aus einer Manteltasche hervor. Zornig begann er auf etwas zu zeigen, was Ibrahim für eine Unterschrift hielt. Silenius argumentierte eine Weile, dann jedoch verließ er kurzzeitig den Raum und kehrte mit einem absonderlichen grünen Würfel zurück. Mit wenig Begeisterung übergab er selbigen dem Fremden, welcher ihn in die Luft hob und ihn näher zu betrachten schien. Dabei funkelte der Würfel in einer solch absonderlichen Weise, dass Ibrahim darauf schloss, dass er unabhängig von seiner Farbe wohl aus Metall sein musste. Der Fremde dreht den Würfel hin, dann wieder her. Doch plötzlich verharrte er in einer besonderen Pose. Ibrahim war über den abrupten Stopp verwundert, doch der Fremde sprang auf einmal herum und zeigte auf ihn. Rosenkreuz eilte, so schnell ihn seine Beine trugen davon und nach Hause. Er hoffte, dass Silenius nicht bemerkt hatte, wer denn genau vor dem Fenster stand. Der Fremde kannte ihn ja ohnehin nicht. Sein Herz raste, als er endlich die heimische Haustür verschloss. Seiner Familie berichtete er von einem abendlichen Spaziergang. Er wollte sie nicht mit seinen Vermutungen und seinem Erlebnis beunruhigen. Die Zeit zu Handeln sah er nun jedoch gekommen.

Ibrahim hatte zehn Männer der Stadtwache angewiesen, sich nach Einbruch der Dunkelheit mit ihm auf dem Marktplatz zu versammeln. Am Nachmittag hatte sich die Kutsche wieder aus der Stadt

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entfernt und so wollte er nun zuschlagen und herausfinden, was Prudence eigentlich in seiner Villa trieb. Die Soldaten waren voll gerüstet mit leichter Rüstung, Schwert und Schild, um auch in den widrigsten Situationen, die diese Nacht bringen könnte, bestehen zu können. Noch einmal ließ Ibrahim den Blick über den Marktplatz schweifen und gab dann den Befehl zum Abmarsch. Stille herrschte auf den Straßen, niemand wagte sich mehr nach draußen. Es machten seit kurzem Gerüchte von Teufeln, die des Nachts durch die Stadt schlichen, die Runde. Nur das Scheppern der Rüstungen hallte durch die Straßen. Die Männer erreichten die letzte Kurve vor Prudence Residenz. Ab hier erhellten keine Laternen mehr ihren Weg und so nutzten sie nun einige mitgebrachte Fackeln, allen voran Ibrahim Rosenkreuz. Der Zug war schon von Weitem zu sehen, doch dies war Ibrahim egal. Prudence wusste wohl ohnehin bereits, dass sie kommen würden. An ihrem Ziel angekommen, bemerkten sie noch nichts Verdächtiges. Das Licht im Salon war erhellt, es herrschte jedoch Stille. Zwei der Soldaten rammten die verschlossene Eingangstür auf und verteilten sich auf die angrenzenden Räume. Jedoch war von Prudence keine Spur zu entdecken. Lediglich eine noch warme Tasse Tee und flackerndes Feuer im Kamin des Salons bewiesen, dass er vor kurzem noch zugegen war. Ibrahim beschloss nun einmal eine der seltsamen Kisten, welche mit jenem kreisförmigen Zeichen versehen waren, aufzubrechen. Einer der Soldaten musste ihm helfen, den vernagelten Deckel zu entfernen. Doch welch Schreck durchfuhr ihn, als er erkennen musste, dass in dieser Kiste keine Bücher waren, sondern die Leiche eines jungen Mannes. Sie schien noch nicht allzu alt zu sein, da die Verwesung kaum eingesetzt hatte. Nun hatte er endlich seinen Beweis und wies die Männer an, das ganze Haus zu durchsuchen. Wohl eine viertel Stunde jagten die Männer durch das Gebäude, doch es war einfach kein Anhaltspunkt zu finden. Die Suche wurde jedoch jäh unterbrochen, als einer der Männer, welcher gerade die Küche durchsuchte, einen furchtbaren Schmerzensschrei ertönen ließ. Die anderen eilten gleich zu Hilfe. Als Ibrahim die Küche erreichte, fand er den Soldaten blutüberströmt am Boden liegen. In seinem ungeschützten Genick steckte ein Messer. Dann endlich bemerkte er die Dienstmagd, die mit leerer Miene und einem anderen Messer in der Hand auf ihn zu schritt. Die Soldaten wussten zunächst nicht, was sie tun sollten, doch Rosenkreuz war sich im Klaren, dass in diesem Haus unheilige Dinge vor sich gingen und befahl die Frau auszuschalten. Einer der Kämpfer stellte sich ihr sogleich und streckte sie mit einem beherzten Streich nieder. Ein kalter Schauer lief allen über den Rücken, als sie ohne einen Laut blutend zu Boden sank und starb. Doch schnell herrschte wieder Chaos, denn andere Bedienstete erschienen plötzlich mit allerlei spitzen Gegenständen bewaffnet und attackierten die Eindringlinge. Sie alle verhielten sich so leblos wie die Dienstmagd und so kannten die Soldaten keine Skrupel, sie einen nach dem anderen nieder zu machen. Jedoch bemerkten sie nach ihrem Sieg, dass einer von ihnen fehlte. Lediglich ein Hilferuf aus einem benachbarten Raum wies auf sein Verbleiben hin. Die

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Gruppe stürmte zum Ausgangspunkt des Rufs in das Schlafzimmer. Der verlorene Kamerad war nicht mehr zu finden, jedoch sein Schwert lag auf dem Boden. Einer der Soldaten bemerkte, dass das Bett scheinbar schräg stand, was es zuvor noch nicht tat. Ibrahim hatte eine Eingebung und ließ das Bett sogleich weg schieben. Und tatsächlich befand sich darunter ein Loch im Boden. Eine steinerne Treppe führte unter die Villa. Nun war allen klar, wo ihr Kamerad und Silenius wohl waren und so stiegen sie hinab, mit einem unguten Gefühl im Magen. Am Ende der Treppe erwartete sie ein undurchsichtiges und dunkles Gewirr aus engen Gängen. Die Gruppe irrte einige Zeit umher, fand sich letztlich jedoch am Ausgangspunkt wieder. Die Gänge dienten vermutlich der Verwirrung von Eindringlingen und waren somit zum Großteil ins Leere gebaut. So beschloss Ibrahim, dass er die Gruppe aufteilte. Vier Soldaten folgten ihm. Die anderen vier nahmen einen anderen Gang. Es schien, Ibrahims Gruppe hatte den richtigen Weg gefunden, denn sie erreichten nach einigem herumirren einen hohen Raum voller Bücherregale und seltsamer Gerätschaften die am ehesten noch jenen ähnelten, wie sie der Medikus in seiner Praxis verwahrte. Eine auf einem Schreibtisch befindliche Öllampe spendete etwas Licht. Doch es blieb den Männer keine Zeit sich umzusehen, denn sogleich erschienen einige der geisterhaften Diener und attackierten sie mit Schaufeln, Spitzhacken und anderem Gerät. Die Angreifer kämpften wie Wilde, ließen jedoch keinen Laut dabei erklingen, verzogen nicht einmal eine Miene. Die Soldaten wurden nacheinander von den scheinbar geistlosen Angreifern getötet und Ibrahim musste die Flucht nach vorn antreten. Die Arbeiter folgten ihm jedoch nicht. Er stürmten durch einen lange nur von wenigen Fackeln erhellten Gang und erreichte eine schwere Holztür an dessen Ende. Vorsichtig schob er sie auf und spähte nach dem dahinter liegenden Raum. Eine weitere Öllampe auf einem Tisch spendete Licht. Dann hörte er leise zwei Stimmen. Er öffnete die Tür ein weiteres Stück und erblickte nun Prudence, welcher neben dem an einen Stuhl gefesselten Soldaten stand. Er schien irgendetwas zu jenem zu sagen, jedoch konnte Ibrahim nichts genaues verstehen. Der Soldaten versuchte zu schreien, doch sein Mund war mit einem Knebel verschlossen. Silenius ging nun zu einem Regal herüber, in dem eine Vielzahl kleiner Fläschchen stand. Ihr Inhalt schien schwarz zu sein, was es jedoch genau war, konnte Rosenkreuz noch nicht ausmachen.

Ich muss den Leser darauf hinweisen, dass ab diesem Punkt die Schilderungen Rosenkreuz‘ absolut verwirrend und schemenhaft werden. Es war mir bisher noch nicht möglich, den Sinn des ganzen genau zu erfassen. Ich will jedoch versuchen, die Punkte, welche wesentlich scheinen, wiederzugeben und ihnen als Leser die absonderlichen Wiederholungen von Flüchen auf die Welt, die ab hier folgen, ersparen.

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Silenius nahm nun wohl eines der Fäschchen und ging hinüber zu dem Soldaten. Er murmelte einige unverständliche Worte, unter denen mehrfach etwas erklang, das man am ehesten als „Sh’rakta’a“ wiedergeben würde. (Dieses Wort fällt ab diesem Punkt des öfteren in den Aufzeichnungen, wenngleich sich mir nicht genau erschließt, worum es sich dabei handelt.) Als Silenius seine Beschwörung, oder was es auch war, beendet hatte, öffnete er das Fläschchen und entfernte den Knebel des Soldaten. Das Opfer auf dem Stuhl wehrte sich mit Leibeskräften, konnte jedoch nichts gegen sein Schicksal unternehmen. Prudence ließ ihn das gläserne Behältnis austrinken, woraufhin der Soldat in eine tiefe Ohnmacht fiel. Ibrahim wusste, dass er etwas unternehmen musste. Jetzt erst bemerkte er, dass neben der Öllampe einige chirurgische Werkzeuge lagen. Er wartete, bis Silenius sich einem Regal zuwandte und schlich nun in den Raum und zum Tisch hinüber. Dort schnappte er sich ein Messer und wollte Prudence attackieren. Dieser bemerkte jedoch den Schatten des Eindringlings und drehte sich schnell wieder um. Langsam schritt er auf Ibrahim zu und entblößte nun ein Detail, dass erst im direkten Licht der Lampe zu erkennen war. Seine Augen waren vollkommen schwarz und leer und ergaben gemeinsam mit seinem diabolischen Lachen das perfekte Bild einer Teufelsfratze. Ibrahim berichtet nun, dass Silenius ihn wohl erst einmal verspottet habe. Er wollte ihn überwältigen, doch Ibrahim konnte sich endlich aufraffen und stieß einmal unbeholfen aber kraftvoll nach seinem Nemesis. Dieser wankte getroffen zurück und flüsterte dem Soldaten etwas ins Ohr. Dann riss er das Messer aus seiner Brust und befreite ihn. Anschließend flüchtete er durch eine andere Tür. Ibrahim musste sich erst sammeln. Er wollte prüfen, was mit dem Soldaten war, doch er wagte nicht, sich ihm zu nähern. Eine instinktive Furcht hielt ihn fern. Dann plötzlich erhob sich der eben nach schlafende und blickte mit geistloser Miene zu Rosenkreuz hinüber. Dieser wusste nun, was mit den anderen Bediensteten geschehen war. Der Soldat stürmte auf ihn los und knapp konnte er den Händen seines Angreifers entkommen. Dieser stolperte und krachte durch den Tisch. Die Lampe ging zu Bruch und setzte den Angreifer in Brand, doch es schien ihn nicht weiter zu stören. Ibrahim stand gerade neben einem der Regale und nahm eines der Fläschchen heraus. Selbst aus der Nähe konnte er nicht erkennen, was sich darin befand. Es schien weder flüssig noch fest zu sein. (Er schreibt, dass die reine Finsternis in den Fläschchen sei, was auch immer dies heißen mag.) Der Angreifer erhob sich nun jedoch wieder und so schleuderte er im Affekt das Fläschchen auf selbigen. Das Geschoss traf und ging zu Bruch, woraufhin der Oberkörper des Soldaten zu implodieren schien. Auch schreibt er weiter, dass ein kurzer aber starker Sog ihn angezogen habe. Der Anblick des Toten muss wohl furchtbar gewesen sein und so flüchtete er durch die Tür, durch die zuvor Silenius entschwand. Er fand sich in einem gewaltigen Felsendom wieder. Die gewölbte Decke war mit allerlei Reliefs unbekannten Stils überzogen. Einige Kerzenleuchter bildeten die Begrenzung eines Weges, der in das Zentrum des

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sonst vollkommen finsteren Doms führte. Nach einigen Metern bemerkte er den sich langsam voran schleppenden Silenius, welcher in einem Kreis, den die Leuchter hier bildeten, stehen blieb. Dieser wandte sich ihm nun zu und lachte. Er verhöhnte Ibrahim erneut. Er könne nichts tun, denn das Kommen seines Meisters sei eine Notwendigkeit. Auch wenn er nicht mehr auf Erden wandle, so würden doch andere sein Werk vollenden. Dann hob er die Arme in einem letzten Kraftakt zur Decke und schrie wie von Sinnen absonderliche Beschwörung gen Decke. Als das letzte Wort über seine Lippen gedrungen war, stürmte er wie besessen in die Finsternis. Ohne zunächst ersichtlichen Grund wurde sein Leib auf einmal zerrissen und in die Finsternis gesogen. Dann jedoch muss Ibrahim den Grund hierfür erblickt haben.

Die nun folgenden Sätze ergaben für mich keinen wirklichen Sinn. Er schreibt von einem gewaltigen schwarzen Loch, welches Silenius verschluckt habe und welches selbst das Licht der Kerzen zu fressen schien. Dann folgen nur noch wirre Flüche und mehrfach das Wort „Sh’rakta’a“. Seine Berichte enden damit, dass er davon berichtet, wie er die Gewölbe und die Villa in Brand setzte und mit seiner Familie umgehend in eine andere Stadt zog. Jahre später schrieb er einen Abschiedsbrief in dem er bemerkt, dass die Welt voll von „ihnen“ sei und alles keinen Sinn mache. Einer beigelegten Todesurkunde nach hatte er sich kurz darauf am Strang das Leben genommen.