Vom Sein

1

Weiß war die Farbe, die die erste Impression in seinem leeren Selbst darstellte. Langsam erhob er sich aus der frostigen Umarmung des verschneiten Waldbodens. Sein Blick schweifte durch die Reihen der Bäume, deren kahle Kronen das silberne Licht des Vollmondes herab auf den reflektierenden Schnee scheinen lies. Wer er war oder wie er hier her gelangt war, hatte er vergessen, wie auch alles andere, was ihn als Person betraf. Eines wusste er jedoch… Er war tot. Bzw. sein Körper war dies, denn kein Blut rannte mehr durch seine Adern. Seine Haut war grau und rissig. Seine Kleider waren vermodert und zerfetzt. Er lag wohl schon eine Weile hier.

Unfähig etwas von der Welt zu wissen, begab er sich so auf seine Reise. Er musste gehen, denn etwas zog ihn voran. Seine leere Seele sehnte sich danach, wieder mit den Impressionen der Welt gefüllt zu werden. So blickte er emsig umher und sog alles in sich auf. Die dunkle Farbe der Stämme bei Nacht, die Struktur der Rinde, das Knarzen der Schritte im Schnee, das funkelnde Licht, den silbernen Mond… Alles war fremd für ihn und erquickte sein inneres Selbst, auf dass er nun mit beschwingterem Schritt seines Weges ging.

Nach einer Weile, er wusste nicht wann, da verließ er den Wald. Doch es mochten Stunden vergangen sein, denn am leeren Horizont, Bäume waren nur wenige in der verschneiten Ebene zu sehen, kündete der Ausbruch rotgoldenen Lichtes vom Anbruch eines neuen Tages. So wanderte er weiter durch die Ebene, unermüdlich jede Kleinigkeit zu entdecken, die die Welt ihm bieten konnte.

Nach einer Weile, da erreichte er einen Bauernhof auf dem allerlei Menschen geschäftig umher eilten. Sie riefen beständig einen Namen und suchten in allen Winkeln. Er versteckte sich hinter einer Wand und beobachtete die Menschen. Sie schienen recht verzweifelt und er wollte sehen, was denn los war. Da kam vom Felde her ein Kind gelaufen, schluchzend und jammernd, und warf sich einer Frau in die Arme, die es freudig in Schutz nahm und sogleich liebkoste und herzte. Sie sprach davon, dass sie das Kind schon lange suchten und sich Sorgen machten und hofften, dass ihm kein Unglück geschehen sei. Dann verschwanden alle erleichtert in einem großen Gebäude.

Da es nun nichts mehr zu sehen gab, beschloss er nun weiter zu ziehen und wanderte weiter über die Felder. Er wunderte sich über die vor kurzem erlebte Situation. Wenn einer verloren ging, dann suchte man ihn. Doch er lag scheinbar ewig im Wald. Hatte man ihn nicht gesucht?

Er ging weiter seines Weges und entdeckte ein einzelnes Haus. Neugierig schlich er heran und schaute durch Fenster. Er sah eine Frau, die in einem Bett lag und eine andere mit einem Kindlein im Arm, welche daneben stand. Die zweite fragte, wie das Kind denn heißen solle, denn es brauchen ja einen Namen. Die Frau im Bett antwortet darauf, es solle Arthur heißen. Dann schien die Frau mit dem Kind ihn jedoch gesehen zu haben und schritt zum Fenster. Schnell entschwand er

2

und eilte davon.

Er dachte nach. Einen Namen trug ein jeder. Doch er trug keinen. Zumindest erinnerte er sich nicht daran und wenn niemand sonst ihn kannte, so hatte er wohl letztlich keinen Namen mehr. Eine leichte Melancholie machte sich in ihm breit, doch er wollte mehr sehen und so setzte er seine Reise fort.

Nach einiger Zeit, da erreichte er ein Dorf. Er freute sich sehr über seinen Fund, denn hier würde er wohl einiges entdecken können. Er schlich durch die Schatten und beobachtete die Menschen. Vor einem Haus, da brannte ein Feuer an dem sich einige Menschen wärmten. Einer von ihnen wollte Holz ins Feuer legen, doch geriet seine Hand zu nah an die Flamme und er verbrannte sich die selbige. Er ärgerte sich über dies Missgeschick und kühlte die Hand im Schnee. Einer der anderen lachte und sprach: „Ärgere dich nicht. Wenn du den Schmerz noch fühlst, so weißt du, dass es dich noch gibt.“

Da wurde er nachdenklich und betrachtete seine Hände. Ein rostiger Nagel ragte aus einer Holzwand heraus und er schlug mit der flachen Hand darauf. Der Nagel bohrte sich in sein Fleisch, doch er spürte keinen Schmerz. Er versank in tiefe Verzweiflung, denn er hatte keinen Namen, keine Vergangenheit und keiner gedachte ihm. Nicht einmal den Schmerz konnte er fühlen.

Da begann er an seiner eigenen Existenz zu zweifeln und stürzte aus seinem Versteck hervor zu jenen am Feuer, winkend und rufend, auf dass man ihn sehen möge. Die Männer erschraken bei seinem Anblick und wurden zornig. Zwei stürmten auf ihn zu und packten ihn an den Armen. Sie zerrten ihn zum Feuer und warfen ihn in die Flammen. Schnell brannte sein Körper lichterloh, doch er war zufrieden, denn er wusste, dass es ihn gab und seine Existenz nicht nur ein Traum war.