Der Quell des Lebens

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1. Aufbruch nach Pangra

Kaum hätte er sich ausmalen können, dass die verschlungenen Pfade des Lebens ihn einmal an einen solch befremdlichen Ort führen würden. Johannes Bernbach, seines Zeichens Administrator des Hauses Schwarzherz, blickte an jenem Tag des Jahres 1810 gedankenverloren hinaus auf die See. Eilends verlud das Gefolge des Grafen die notwendigen Habseligkeiten für die Reise in jenen unbekannten, grünen Kontinent mit Booten an Land.

Die Heimat war fern und nur weiter Ozean erfüllte den Blick des Verwalters, dessen aktuelle Aufgabe eigentlich darin bestand, mit Hilfe seiner Aufzeichnungen die Vollzähligkeit der Ausrüstung zu überprüfen. Still ruhten Stift und Liste in seinen Händen, während er zu verarbeiten suchte, dass er die Heimat wohl für lange Zeit nicht wieder sehen würde. Was wohl seine Liebste Griselda und sein Sohn Hano gerade taten? Ob sie an ihn dachten? Doch es half nichts. Hatte er doch nach des Grafen Rückkehr auf seinen Familiensitz geschworen, dem Haus Schwarzherz für alle Zeiten zu dienen, auch wenn die äußeren Umstände wenig erquicklich waren. Und nun, da diese Reise die letzte Möglichkeit zur Rettung seines Herrn sein mochte, konnte er nicht mehr von seinem Eid zurückweichen.

Seufzend wandte er den Blick wieder auf die emsig schuftenden Vasallen, prüfte die Ladung und hakte die einzelnen Punkte auf seiner Liste ab. Die Menge an Ausrüstung die man mit sich führte war beeindruckend. War Graf Schwarzherz doch bestrebt selbst an dieser Expedition teilzunehmen, was die Unterhaltung eines entsprechend großen Gefolges an Trägern, Arbeitern und Soldaten erforderte, wollte man die Sicherheit des Herrn und seines Gefolges gewährleisten.

Noch einmal prüfte der Administrator seine Liste und er kam zu dem Schluss dass die Ausrüstung vollständig war und man nun selbst an Land gehen sollte. Die Liste verstauend harrte Bernbach dem Erscheinen des Grafen und seines Gefolges, damit man endlich das Beiboot betreten konnte. Darüber nachdenkend, ob diese Reise wohl gut verlaufen würde, blickte er hinüber zu den sich unweit der Küste erstreckenden Urwäldern, welche dieses befremdliche Land wohl in Gänze zu bedecken schienen. Einen Moment erinnerte er sich an seine Heimat, welche ja ebenfalls von tiefen, undurchdringlichen Wäldern dominiert wurde. Doch allein die flirrende Hitze und die ihm unbekannten Pflanzen machten schnell klar, dass man hier weit von Thoras heimatlichen Gefilden entfernt war.

Endlich öffnete sich die Kabine und der Graf trat zögerlich, gestützt auf seinen Spazierstock, ins Freie.

Auf der Reise hatte Bernbach bereits bemerkt, dass der Zustand seines Herrn sich sichtlich verschlechtert hatte. Verbrachte er doch den Großteil der Zeit in seiner Kabine, kaum fähig das Bett zu verlassen. Doch wenngleich man ihn kaum zu Gesicht bekam, machte sein allgegenwärtiges Husten deutlich, dass er litt. Nur einmal hatte der Verwalter seinen ihn zu Gesicht bekommen, als er unfähig, des Nachts Ruhe zu finden, hinaus auf das Deck trat.

Da bemerkte er in einem dunklen Winkel eine Gestalt. Er war nicht fähig Details zu erkennen, doch ein plötzlicher Hustenanfall machte schnell deutlich, wer sich dort an die frische Luft gewagt hatte. Natürlich hatte er Graf Schwarzherz schon hundertmal persönlich gesehen, doch in den letzten Monaten machte er sich rar und verhielt sich überaus sonderbar. Eine tiefgreifende Ruhelosigkeit schien sich seiner bemächtigt zu haben und die Frustration ob der Unfähigkeit, jene mysteriösen, selbst gesteckten Ziele zu erreichen entlud sich als Wutanfälle gegenüber der gesamten Dienerschaft.

Nur Fräulein Marie vermochte es, den Grafen wieder etwas zu beruhigen. Sie, welche einst nach der unerwarteten Rückkehr des Grafen nach Liberheim bei ihm war und seitdem nie von seiner Seite wich. Vor zwei Jahren hatte er sie sogar adeln lassen, woraufhin sie fortan als Marie von Liberheim

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bekannt war. Jenes ungewöhnliche Verhältnis zwischen den beiden hatte Bernbach jedoch nie verstanden und so war er sich auch heute noch unschlüssig, ob der Graf in ihr eine Geliebte, eine Schwester oder eine Tochter sah.

Ähnlich verhielt es sich mit den seltsamen Verhaltensweisen des Grafen, welche er seit seiner Rückkehr vermehrt an den Tag legte. Zunächst hegte er den Verdacht, der Graf möge, entgegen seiner eigenen Versicherung, wohl doch verrückt sein. Hatte man ihn doch in eine Anstalt einweisen lassen. Doch der Verwalter kannte die Machenschaften von Thoras Regenten und nur die wenigsten hochrangigen Personen, welche ihr Ende in einer so genannten Nervenheilanstalt fanden, waren auch wirklich verrückt. Sein Glauben an diese politische Begründung schwankte in den letzten Jahren. In jener Nacht jedoch, da er seinen Herren allein und schwach in der Dunkelheit stehen sah, wusste er, dass all jene zornerfüllten Tiraden und Gewaltausbrüche wohl lediglich das Ergebnis der lange vorhergehenden Erkenntnis ob seines nahenden Todes waren.

Lange hielt er es in jener Nacht nicht an Deck aus, denn die Luft war kühl und die Müdigkeit forderte letztlich ihren Tribut. Als er jedoch im Begriff war, wieder in sein Bett zurückzukehren, bemerkte er eine Bewegung in der dunklen Ecke. Der Graf musste seine Schritte gehört haben und wandte sich zu ihm um. Schrecken durchfuhr ihn, als er sah, wie sich vom dunklen Gesicht der Gestalt zwei deutlich leuchtende, violette Ringe abzeichneten.

Die ungewöhnlichen Augen des Grafen waren zwar weithin bekannt und vermutlich im gesamten Kaiserreich einzigartig. Leuchten war jedoch eine Eigenschaft, welche er bislang nicht an ihnen erkennen konnte.

Am nächsten Morgen dachte er noch einmal über das Gesehene nach, kam jedoch zu dem Schluss, dass sein übermüdetes Gemüt ihm einen Streich gespielt haben musste.

Und da stand er nun vor ihm, totenbleich, verschwitzt, das lange Haar nur notdürftige von einem Band zusammengehalten, gekleidet in eine schlichte Expeditionsuniform, wie man sie häufig bei Forschern und Abenteurern sah. Lediglich die auf den Dschungel gerichteten Augen des Grafen standen in starkem Kontrast zu seiner restlichen desolaten Erscheinung. Zielgerichtet und erfüllt mit einem fast unheimlichen Kampfeswillen fixierten sie jenen noch unentdeckten Ort, welchen er hier zu finden hoffte.

Ein erneuter Hustenanfall ergriff Schwarzherz, welcher eilends ein dunkles Taschentuch aus seiner Tasche zog, um den Mund zu bedecken. Da eilte Fräulein Marie aus dem Inneren des Schiffes herbei, ihren Grafen zu stützen.

Bernbach war es nicht gewohnt, sie in einem solchen Aufzug zu sehen. In der Residenz schmückten sie weite Kleider. Das lange, wellige, rostrote Haar im Winde wehend stand sie oft im weiten Garten des Anwesens und musterte mit ihren strahlend blauen Augen die Blumen. Nun jedoch hatte sie ihr Haar zu einem Zopf geflochten und trug eine ärmliche braune Expeditionsuniform. In Anbetracht der anstehenden Strapazen war diese Wahl der Kleidung natürlich angemessen, doch so recht konnte er sich an diesen neuen Anblick nicht gewöhnen.

Ihr folgte der alte Doktor Hans Berger, eine medizinische Koryphäe aus Brennbach. Schon seit über einem Jahr behandelte er den Grafen, sah sich jedoch außerstande, die Ursache seiner merkwürdigen Krankheit zu erkennen. Die Symptome behandelnd, lebte er im Schwarzherz-Anwesen und es schien, dass ihn eher die medizinische Faszination an jenem abstrusen Fall in Liberheim hielt, denn der Wunsch, wirklich zu helfen.

Seinen Patienten musternd strich er über seinen weißen, kurzen Vollbart. Doch als dieser es endlich vermochte, den Husten zu unterdrücken, schien der Arzt zufrieden, rückte die Brille zurecht und wühlte in der Tasche seiner Uniform nach einem Tuch, um sich den Schweiß von seinem haarlosen Schädel zu wischen.

Das Ende der Reihe bildete M’Bosi, der schwarzhäutige, nur in einen einfach Lendenschurz gekleidete Hüne, welchen der Graf auf einer seiner Reisen rettete und der seither zu dessen Gefolge zählte. Bernbach war jene Gestalt schon immer unheimlich gewesen. Sah er doch so fremdartig aus

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ohne jegliche Körperbehaarung und bedeckt von hellen Mustern, welche in starkem Kontrast zur fast schwarzen Haut standen und deren Herkunft er beileibe nicht zu benennen wusste. Knapp zwei Meter maß jener Mann und rank und schlank blickte er mit vollkommen weißen Augen bar jener erkennbaren Pupillen auf die Menschen herab. Oh, jene Augen machten den Verwalter fast wahnsinnig und so vermied er es stets, dem Fremden in die selbigen zu blicken.

Wenngleich er überzeugt war, dass es sich bei ihm keineswegs um einen normalen Menschen handeln konnte, schien der Graf ihm zu vertrauen. Auch ließ er sich bislang nichts zu Schaden kommen.

Wenn der Anblick des Riesen ihn wieder einmal beunruhigte, verschnaufte er meist und dachte daran, dass auf der Welt ja viele verschiedene Arten von Menschen lebten. Seien es die riesigen Ogrischen, die listigen Sanuri oder eben jener schweigsame Geselle – letztlich waren sie ja doch alle Menschen wie er und mit vielen dieser Andersartigen hatte er auch viele Jahre gut zusammengearbeitet. Wer wusste schon, welch fremde Völker in den Weiten unentdeckter Länder noch lebten? Lediglich die Kesvan Daikshu, die Schwarzorks, welche an den Küsten des fernen Ita lebten, hatte er nie als gleichwertig akzeptieren können.

Die Ladung war an Land geschafft worden und Bernbach setzte mit dem Grafen und seinen Begleitern zum Festland über. In der Ferne erhoben sich die dichten Urwälder, das grelle Licht dieses sonnigen Tags fast gänzlich verschlingend. Würden sie ihr Ziel, jenen sagenumwobenen Ort finden, nach dem es dem Grafen so gelüstete?

Viel wusste der Administrator nicht vom Ziel dieser Reise. War dies für die Erfüllung seiner Pflichten auch nicht vonnöten. Doch als er einmal ein Gespräch zwischen seinem Herrn und M’Bosi belauschte, erfuhr er, dass jener Ort, von dem in vielen Legenden als Quell des Lebens die Rede war, von M’Bosis Volk, den Zuul, nur Sh’n’gha genannt wurde.

Der Graf schien vollkommen aufgeregt über den Umstand, dass die Existenz dieses Ortes von seinem geretteten Schützling bestätigt wurde und er war erpicht, schnellstmöglich eine Reise dorthin anzutreten. Der sonst so wortkarge M’Bosi war jedoch äußerst bestrebt, den Grafen von dieser Unternehmung abzuhalten, da sein Volk davon überzeugt war, es handle sich um einen verfluchten Ort. Letztlich beugte er sich jedoch dem Willen des Grafen unter der Voraussetzung, dass die Schuld, welche die Rettung seines Lebens auf ihn geladen hatte, beglichen sei, würde er Schwarzherz dorthin führen. Der Graf willigte ein und nur wenige Wochen später fand sich Johannes Bernbach auf der Lavinia wieder, mit voller Fahrt Richtung jener fernen Länder des Südens, welche M’Bosi als Pangra bezeichnete.

2. Die grüne Hölle

Zwei Tage waren bereits vergangen, seit die Expedition die Küste verlassen hatte. Der zurückgelegte Weg wäre unter anderen Umständen beachtlich gewesen, doch die scheinbar undurchdringliche Vegetation forderte ihren Tribut. Bemühten sich die Soldaten auch, das dichte Gestrüpp im Unterholz nach bestem Gewissen niederzumähen, war der Boden doch dermaßen uneben und weich, dass dem Tross kaum ein Vorankommen möglich war. Tiere hatte man nicht hier her gebracht, warnte M’Bosi doch vor dem Klima des Landes, das Maultiere und Pferde doch innerhalb weniger Tage ermüden würde. So war es an starken Männern und Frauen, Güter zu tragen und einfache Wagen durch dieses fremde Land zu ziehen.

Johannes Bernbach schleppte sich wacker durch die freigelegten Pfade. Trotz der Plackerei und dem beschwerlichen Klima, welches mit Hitze und dicker, feuchter Luft das Atmen erschwerte, empfand er eine gewisse Faszination für diese Reise. Musste er doch an seine Vorfahren denken, die Gothora, welche nach dem Verlassen der fruchtbaren Ebenen ihrer Heimat jenseits des Grenzwallgebirges die ebenfalls undurchdringlichen Wälder des Westens vorfanden. Zumindest mussten die Ahnen sich nicht mit diesen Temperaturen auseinandersetzen.

Kurz hielt er inne, während sich zu seiner Seite der Tross weiter voran schob. Mit dem ohnehin

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durchnässten Ärmel seines Hemdes den Schweiß von der Stirn zu wischen versuchend, verschnaufte der Verwalter kurz und ließ den Blick durch die befremdliche Wildnis wandern. Dabei erkannte er, dass dieses Land auch seine Schönheit besaß. War die Umgebung jenseits des grünen Dickichts doch von einer Unzahl bunter Blüten in den verschiedensten Farben und Formen geschmückt. Und wäre es nicht an ihm gewesen, zu Fuß dieses Land zu durchqueren, so hätte er sich sicher auch an Pangras Flora erfreuen können. Lediglich die Stille, welche in diesen Wäldern herrschte, verunsicherte ihn zusehends.

Trotz seiner Furcht vor dem dunklen Hünen, suchte Bernbach sein Unbehagen zu überwinden, trat an diesen heran und fragte ihn, warum man in diesen Gefilden keine Tiere hörte oder sah.

„Dies ist kein Land für Tiere.“, sprach M’Bosi mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, den Blick weiterhin konzentriert auf den Weg vor ihm gerichtet.

Verunsichert ob dieser kryptischen Antwort hakte Bernbach nach und fragte, wie dies zu verstehen sei.

M’Bosi schwieg zunächst und dachte kurz nach. Dann hob er an zu sprechen: „In euren Landen, da lebt etwas im Wald – Tiere, Monster und Menschen. Doch in unseren Landen, in Pangra, da lebt der Wald. Und er duldet keine Bewohner.“

Diese Antwort hatte nicht den gewünschten Effekt auf Bernbach, war er doch jetzt noch wesentlich beunruhigter als zuvor. Ein Land ohne Tiere konnte er sich gar nicht recht vorstellen. Doch wovon lebte das Volk der Zuul, wenn es keine Tiere gab? Bernbach fragte erneut nach. Da lachte M’Bosi und sprach: „Tiere gibt es wohl in unseren Landen, jedoch nicht in den Tiefen dieser Wälder. Sie leben weiter im Landesinneren, wo auch wir Zuul unsere Heimat haben. Hier lebt die Natur von den Wesen, welche sich in den grünen Dickicht wagen. Doch in meiner Heimat, da leben wir von der Natur.“

Bernbach seufzte, war jedoch erfreut, dass jenseits dieses Urwaldes der Weg einfacher werden würde und suchte seinen wiedergefundenen Optimismus mit seinem Lehrer zu teilen. Doch dieser lachte erneut und erklärte: „Einfacher wird die Reise wohl nicht. Warten jenseits des grünen Ozeans zwar Stege und Inseln auf die Reisenden, doch sind sie Heimat abscheulicher Kreaturen. Der Ort, den ihr sucht, ist Heimat der Kruk. Das Land der Zuul jedoch, dass Menschen eine sichere Heimat bietet, liegt jenseits der Wälder.“

Es war offensichtlich, dass trotz aller Hoffnungen in diesen Landen kein Trost zu finden war und so kehrte der Verwalter wieder zurück in die Reihe der Karawane, schweigend, nur das dumpfe Geräusch von Schritten in weicher Erde und das Hacken der Schwerter im undurchdringlichen Grün vernehmend.

Er ließ sich in der Reihe zurückfallen und begann vom Ende, bei den ersten Soldaten der Ehrengarde beginnend, den Blick über die Vasallen des Grafen schweifen zu lassen, während er sich nach vorn arbeitete. Wenngleich die Reise bereits ihre Spuren in den Gesichtern der Männer und Frauen hinterließ, so stellte Bernbach doch zufrieden fest, dass man noch vollzählig war und keine Ausrüstung abhanden gekommen war.

Endlich hatte er die vorderen Ränge des stetig voranschreitenden Trosses erreicht, in denen sich das enge Gefolge des Grafen aufhielt. Der Doktor und Marie hatten sichtliche Probleme im weichen Untergrund voran zu kommen und bedurften der helfenden Hände einiger Soldaten. Lediglich M’Bosi ging unbeirrten Schrittes in das grüne Zwielicht.

Da bemerkte der Administrator, dass er den Grafen nicht entdecken konnte. Da keine Panik in den eigenen Reihen ausgebrochen war, welche einem Verschwinden des Regenten folgen würde, musste er noch in der Nähe sein.

An vorderster Front mähte die Ehrengarde des Grafen das scheinbar endlose Grün des Dschungels nieder, um dem Tross einen Weg zu bereiten. Doch da erklang das alte Husten, welches seinen Ursprung scheinbar noch vor der Reihe der Soldaten hatte. Und tatsächlich konnte er nun den Grafen im finsteren Dickicht ausmachen, welcher trotz seines desolaten Zustandes auf seinen

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Gehstock gestützt in das Unterholz preschte. In Sorge über seinen Herren eilte der Verwalter in die vorderen Reihen und an den Schnittern vorbei. Allein der Weg nach vorn bereitete ihm trotz des frei geschlagenen Weges sichtliche Probleme. Umso erstaunter war er ob des Vorankommens des Grafen.

Blätter blockierten seinen Weg und mit jedem Schritt schlug ihm das feine Gehölz niedriger Pflanzen ins Gesicht. Doch endlich hatte er den Grafen erreicht und hob an zu sprechen, um diesen zu einer Rückkehr in den Tross zu bewegen. Doch Schwarzherz schien die Worte seines Administrators gar nicht zu vernehmen. Wie besessen kämpfte er sich durch das Blattwerk und fast konnte man meinen, er würde mit dem Wald selbst ringen, um jenen verheißungsvollen Ort zu erreichen. Erst jetzt erkannte Bernbach die Kratzer und blutigen Striemen, welche das rücksichtslose Voranschreiten auf die Haut des Grafen zeichnete.

Weiter versuchte er seinen Herren zur Mäßigung zu bewegen, doch dieser wandte ihm lediglich einmal das Gesicht zu, um sich sogleich wieder durch das Unterholz zu schleppen. Das Funkeln in den Augen des Grafen ließ Bernbach erschauern. Strahlte es doch eine eigentümliche Besessenheit aus, welche ihn erneut an der geistigen Gesundheit seines Herrn zweifeln ließen.

Ein Schrei und aufkeimende Aufruhr ließen Bernbach herumfahren. Etwas war in den Reihen des Trosses geschehen. Schnell eilte er zurück zu den anderen und bemerkte, dass alle Augen auf eine eigentümliche Pflanze im Unterholz zur Linken des Zuges gerichtet waren. Dieses seltsame Gewächs zeichnete sich neben einem ungewöhnlich verschlungenen Wuchs vor allem durch ein paar bemerkenswert spitze Blätter aus, welche man für gewaltige Dornen halten konnte.

Dann sah er, dass zu Füßen der Pflanze etwas auf dem Boden lag. Entsetzten Blicks erkannte er einen Soldaten, welcher sich vor Schmerzen krümmte. Der Verwalter eilte zum Ort des Geschehens und musste endlich mit Schrecken den Grund für das Leiden des Soldaten erkennen. Hatte sich doch eines jener gewaltigen Dornenblätter durch den Leib des nur leicht gepanzerten Kämpfers gebohrt, der nun bestrebt war, sich mit dem letzten Lebensfunken von seinem Angreifer zu befreien. Andere Soldaten waren mit gezückten Waffen herbei geeilt und bestrebt, ihrem Kameraden zu helfen. Doch M’Bosi hielt sie mit einer einfachen Geste zurück.

Der Durchbohrte hatte sich indessen etwas aufgerappelt und schleppte sich ächzend und schwer atmend auf allen Vieren von der Pflanze weg. Doch kaum dass er einen Meter seines Weges zurückgelegt hatte, schnellte eine Ranke unbekannten Ursprunges aus dem dichten Gehölz hervor und packte ihn an seinem linken Bein. Verzweifelt versuchte das Opfer sich am Boden fest zu krallen, doch seine Hände fanden im weichen Boden keinen Halt. Langsam zog ihn die Rank in Richtung Unterholz. Mit aller Kraft stemmte sich der Soldat gegen seinen Angreifer, doch die Verletzung forderte ihren Tribut und der Dorn in seinem Körper riss ein tiefes Loch in sein Fleisch. Ein Schwall roten Blutes ergoss sich auf die Wurzeln des Waldes.

Da geschah etwas Seltsames mit Grün, welches bislang stoisch und schweigend den Weg des Zuges blockierte. Ja, es schien Leben in die Pflanzen zu dringen und allerorts begannen die Blätter und Zweige des Unterholzes sanft hin und her zu wiegen, als würde ein leichter Windhauch über das Land fegen. Allein, es war gänzlich windstill.

Der Soldat hatte indessen eine große Baumwurzel greifen können und sich dem Griff seines Angreifers entgegen stellen können. Die Ranke zog weiter an seinem Bein, doch sie war nicht imstande ihn von der Wurzel zu lösen. Da erschlaffte sie kurz und fast schien es, der Kampf wäre tatsächlich gewonnen. Doch da schnellte in fast gespenstischer Geschwindigkeit ein ganzer Schwall von Ranken aus dem Gestrüpp, ergriff den Gepeinigten und riss ihn in einem gewaltigen Ruck, welcher deutlich hörbar seinen Arm brach, von seinem Hort der Sicherheit los. Panisch schreiend zerrten die grünen Angreifer ihr Opfer tiefer in das Unterholz.

Nur schwer war der Umriss des schreienden Soldaten noch im Zwielicht zu erkennen, wie er von den Ranken in die Luft gehoben wurde. Dann jedoch erklang ein fürchterlicher, fleischiger Klang und Bernbach musste mit ansehen, wie die Ranken den Körper ihres Opfers in einem gewaltigen

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Kraftakt auseinanderrissen und so dessen panische Schreie zum Schweigen brachten.

Angst und Schrecken breiteten sich in den Reihen des Trosses aus und einer der Soldaten begann panisch zu den anderen zu sprechen: „Diese Reise ist Wahnsinn! Der Graf wird uns mit seinen Hirngespinsten noch alle umbringen! Gehen wir zurück zum Schiff und retten unsere Leben, solange es noch möglich ist!“

Die Mitglieder des Gefolges begannen einander unsichere Blicke zuzuwerfen und lauter werdendes Gemurmel machte sich breit. Einer der Träger konnte die sich in ihm aufgebaute Anspannung nicht mehr bändigen und sprang wie von Sinnen in das Unterholz. Die anderen Mitglieder des Trosses waren verunsichert und viele wandten unentschlossen den Blick erst nach vorn und dann zurück auf den frei geschlagenen Weg.

Erst jetzt bemerkte Bernbach den Grafen, welcher sich vollkommen lautlos neben ihn gestellt hatte und der mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt die Szenerie betrachtete. In Anbetracht der Umstände wirkte er äußerlich ruhig, doch sein starrer Blick wusste den Verwalter zutiefst zu beunruhigen.

„Los, schließt euch mir an! Ich enthebe diesen Wahnsinnigen seines Postens und führe uns zurück in die Heimat!“, gellte die Stimme des Aufrührers durch den Dschungel. Da drang Leben in den Grafen. Er schritt hinterrücks auf den panischen Soldaten zu, holte mit seinem metallenen Gehstock aus und ließ diesen unter Aufbietung all seiner Kräfte auf den Kopf seines Zieles hernieder fahren. Das noch sprechende Haupt des Soldaten zerbarst unter dem gewaltigen Schlag des Grafen, als sei es ein rohes Ei und in einem widerlichen Spektakel verteilten sich dessen Blut und Gehirn in der näheren Umgebung.

Niemand war fähig zu reagieren. Mit aufgerissenen Augen und Mündern standen die Mitglieder des Trosses da und starrten ihren Herrn, welcher seine Waffe aus dem Körper seines Opfers zu befreien suchte, an.

Endlich konnte er seinen Stock lösen und fürchterlich keuchend stürzte er auf sein Gesäß. Die zerschmetterte Leiche fiel leblos zu Boden und während das Blut aus der offenen Wunde quoll, bemerkte Bernbach, wie sich eine ganzer Schwarm feiner Ranke durch seine Füße bewegte. Jedoch hatten sie nicht ihn im Visier. Vielmehr krochen sie aus allen Richtungen auf den leblosen Körper zu und zerrten diesen und seine Überreste in das Unterholz. Es schien fast so, als würden die feinen grünen Pflanzenstränge das Blut des Toten regelrecht vom Boden lecken. Ja, eine Ranke machte sich sogar am Stock des Grafen zu schaffen und schmiegte sich fast liebevoll um die blutigen Segmente der metallenen Gehhilfe.

Nur wenige Minuten dauerte das seltsame Spektakel und so schnell wie die Ranken erschienen waren, so verschwanden sie auch wieder, von des Grafen Opfer nicht mal eine winzige Spur hinterlassend.

Schwarzherz hatte sich indes wieder gesammelt und unter der Hilfe seines Arztes aufrappeln können. Gesenkten Blickes hob er an zu sprechen: „Wessen Gemüt nicht gewillt ist, sich den Befehlen seines Herrn zu unterwerfen, dem sei versichert, dass es ihm frei steht, jenen Pfad zu verlassen, welcher der meinige ist. Allein…“, und da hob er die Hand, woraufhin die Ehrengarde am Ende des Trosses die Waffen erhob und den Rückweg blockierte. „Mein Weg führt sowohl voran, als auch zurück. Wer es wünscht, mich zu verlassen, der ist auch von mir verlassen und mein Pfad steht ihm nicht mehr offen. Soll er doch seinen eigenen Weg in den Weiten dieses verfluchten Landes finden.“

Blicke wurden einander zugeworfen, Murmeln ging durch die Reihen. Da packte einer der Träger wieder seine Last und schritt unbeirrt voran. Ihm taten es weitere Träger gleich und schließlich begann der Tross sich wieder wie zuvor durch den Dschungel zu graben. Man kehrte in die Formation zurück, die Ehrengarde am Ende senkte die Waffen und jene an der Front schlugen den Weg frei. Der Graf jedoch, schritt hinüber zu Marie, die diesem sogleich in die Arme fiel. Vorsichtig strich er ihr mit der Rechten über den Kopf und suchte sie zu beruhigen. Bernbach jedoch trat zurück in den Tross und prüfte, ob alles mit rechten Dingen zuging.

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Zunächst zutiefst ob der letzten Ereignisse erschüttert, erfüllte ihn nun nur noch Resignation. Es gab nur einen Weg und dieser führte voran. Würde der Graf sein Ziel nicht erreichen, so würden sie alle ihr Ende in dieser grünen Hölle finden.

3. Der Pfad der Verheißung

Die Tage vergingen. Wie viele es eigentlich waren hatte Bernbach längst vergessen, hatte die feuchte Luft doch innerhalb kürzester Zeit seine Unterlagen vernichtet. Bei Tag schritt man voran und in der Nacht, welche den Dschungel in absolute Finsternis hüllte, ruhte man, da selbst ohne die Sonne am Himmel die Temperaturen nicht fallen wollten. Wenngleich der Marsch eine fürchterliche Plackerei war, so kam es doch zu keinen weiteren Todesfällen. War M’Bosi doch imstande, den Tross sicheren Fußes durch das Dickicht zu führen.

Graf Schwarzherz eilte zunächst in seinem alten Wahnsinn dem Tross voraus, doch nach wenigen Tagen ließen seine Kräfte merklich nach, so dass es ihm offensichtlich schwer fiel, überhaupt noch einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Indessen bemächtigte sich ein Fieber mehrerer Mitglieder des Zuges, dessen Ursprung Doktor Berger nicht zu benennen wusste. M’Bosi merkte hierzu nur an, dass das Land selbst erkrankt sei und dessen giftige Dämpfe jene verseuchte, die nicht über genügend körperliche Kräfte verfügten.

Bernbach ließ den Blick gedankenverloren durch des Grün schweifen. Gewaltige Bäume, Farne, Büsche und exotische Blüten füllten das Zwielichtpanorama. Doch nachdem er gesehen hatte, was dieser Wald anzurichten imstande war, konnte er keine Schönheit mehr in diesem fremden Land erkennen.

Ächzen und Stöhnen erfüllten die Stille des Dschungels, ihren Ursprung im Fieber und tiefster körperlicher Erschöpfung habend. Ab und an wurde die Klangkulisse auch durch das nun stetig stärker werdende Husten des Grafen unterbrochen, dessen Erscheinung dem Verwalter auch ohne medizinische Kenntnisse deutlich machte, dass es schlecht um seinen Herrn bestellt war.

Im verwirrenden Schattenspiel der Landschaft, bemerkte der Verwalter aber nun Unregelmäßigkeiten. Seltsame Objekte ragten aus dem dichten Gesträuch hervor, doch konnte er nicht recht erkennen, worum es sich dabei handelte. Da er ohnehin in den vordersten Rängen des Zuges schritt, wollte er die Gelegenheit nutzen und M’Bosi zu jenen kuriosen Formationen befragen.

Dieser lief nahe der Ehrengarde, welche den Weg frei schlug und gab dieser Befehle, wenn es galt, den Kurs zu ändern. Doch schon seit einigen Stunden führte der Weg strikt geradeaus.

Um seine aufkeimende Neugier zu befriedigen, sprach er den Hünen auf die seltsame Natur der Landschaft an. Dieser ließ den Blick nicht von dem Dschungel vor sich weichen und sprach: „Was du siehst, sind die ersten Zeugnisse jenes Ortes, den euer Meister finden will. Es sind Bruchstücke, versunkene Fragmente eines gewaltigen Ganzen, was längst von den Fluten der Zeit hätte verschlungen werden müssen.“

Wie zuvor warf die Antwort des Führers nur noch mehr Fragen auf und Bernbach wünschte eine bessere Erklärung zu hören. M’Bosi schwieg kurz und wenngleich seine Miene keine Regung zeigte, so schien er nachzudenken. Nach einigen Augenblicken bemühte er sich jedoch um eine bessere Erklärung.

„Es sind… Ruinen. Segmente eine verlorenen Stadt, errichtet vor Äonen von einem Volk dessen Name vergessen war, lange bevor unsere Vorfahren auf dem Rund dieser Welt wandelten. Verflucht ist dieser Ort und Menschen tun gut daran, sich ihm nicht zu nähern.“

Bernbach dachte über die Worte des Hünen nach, doch Unruhe machte sich unter der Ehrengarde der Front breit und zog die Aufmerksamkeit des Administrators auf sich. Er eilte nach vorn, um den Quell der Verwirrung zu erkennen und sprach die Soldaten darauf an. Da wandte sich ihm einer derselben zu und bemerkte: „Seht! Dort vorn ist etwas. Es scheint, der Wald würde sein Ende finden.“

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Bernbach bemühte sich, etwas zu erkennen, doch der Blick ward ihm durch die Strapazen der Reise getrübt. Dann jedoch wollten seine Augen jenen Punkt in der Ferne fokussieren, auf den ihn der Soldat so aufgeregt hinwies. Tatsächlich schien sich die Landschaft dort zu ändern. Wurde das Zwielicht dort doch tatsächlich vom hellen Licht der Sonne vertrieben. Da erschien M’Bosi an der Seite des Verwalters und befahl: „Weiter! Dort vorn wird unsere Reise einfacher. Wir nähern uns dem Ort, denn euer Herr so sehr begehrt.“

Da hoben die Soldaten erneut ihre Schwerter und mähten sich durch das Unterholz. Und tatsächlich endete der Dschungel vollkommen abrupt und gab den Blick frei auf einen gewaltigen, frei befestigten Platz, der wohl einige hundert Meter in der Breite maß und dessen Ende Bernbach nicht auszumachen imstande war. Überhaupt wich die Freude über das Verlassen des Dschungels schnell der Ernüchterung, als das grelle Sonnenlicht die Augen der Menschen, welche so lange in den Schatten der fremden Riesenbäume wandelten, fast zum Erblinden brachte.

Da es offensichtlich war, dass der Tross sich erst an das wiedergewonnene Licht gewöhnen musste, schlug man auf der freien Fläche das Lager auf. Langsam erholten sich die Augen des Verwalters und Stück für Stück konnte er mehr von seiner Umgebung erkennen. Erst jetzt war er imstande, das Ausmaß jenes befremdlichen Ortes wirklich zu erfassen und die ungewohnte Weite nötigte ihn dazu, sich erst einmal zu setzen. Wie klein und unbedeutend das Lager auf dieser großen Fläche doch wirkte.

Er erkannte, dass der Dschungel genau genommen nicht in Gänze sein Ende gefunden hatte. Ragten zur Linken und Rechten jenes Platzes doch weiterhin die gewaltigen Bäume dieses Urwalds empor. Doch exakt an den Kanten des Platzes wollten keine Pflanzen mehr wachsen. Es war offensichtlich, dass dieses Gebiet von den einstigen Bewohnern in den Dschungel gebaut wurde. Allein die Abwesenheit von Häusern oder Ruinen auf dem sonst so makellosen dunkelgrau schimmernden Boden verwirrte ihn.

Während der Rest des Zuges ruhte, wühlte der Verwalter ein Fernglas aus einer der Taschen und prüfte die Umgebung mit seiner erweiterten Sicht.

Nun erkannte er, warum keine Ruinen diesen Platz säumten. Befanden sich doch Bauwerke zu den Seiten des Platzes kaum sichtbar im Dickicht des Waldes. Als er den Blick in die Ferne richtete und bemerkte, dass er trotz des Fernglases kein Ende entdecken konnte, kam Bernbach zu dem Schluss, dass dies wohl weniger ein Platz als vielmehr eine Straße mit immensen Ausmaßen war. Und ganz klein, in großer Entfernung konnte er ein seltsames Gebilde wahrnehmen, dessen genaue Natur sich ihm aufgrund der flimmernden Luft jedoch entzog.

Der Verwalter legte das Fernglas beiseite, wischte den Schweiß von seiner Stirn und blickt zu jenem dunklen Fleck am Horizont. In diesem Moment erfüllte ihn die Ahnung, dass jener unbestimmte Ort das Ziel der Reise sein würde.

Trotz der ungewöhnlichen Umstände war Bernbach dennoch bestrebt, die ihm zugewiesenen Aufgaben nach bestem Gewissen zu versehen und so machte er sich mit neu gewonnenen Kräften daran, das Lager zu inspizieren.

Schnell erkannte er, dass der Tross wesentlich stärker unter der Reise gelitten hatte, als es zunächst den Anschein hatte. Wohl die Hälfte der Männer und Frauen war dem fürchterlichen Dschungelfieber anheim gefallen und ein Drittel des Trosses war kaum imstande, die Reise fortzusetzen. Auch waren die Vorräte an Nahrung und Wasser trotz strengster Rationierung schon stark angeschlagen und würden nur noch eine Woche reichen, wenn man keinen Nachschub finden konnte. Hinzu kam der stetig fortschreitende Verfall des Grafen.

Als Bernbach gerade am Zelt seines Herrn vorbei schritt, stürmt dieser, von einem fürchterlichen Hustenanfall erfasst, nach draußen und an den Rand des Lagers, wo er wild in sein Taschentuch bellend auf die Knie sank. Der Verwalter eilte sogleich zu ihm, in der Hoffnung, helfen zu können. Doch Schwarzherz bedeutete ihm mit dem ausgestreckten rechten Arm, Abstand zu wahren.

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Das gellende Husten des Grafen wurde stärker und kulminierte in einem Anfall des Erbrechens, welcher ihn auf alle Vier sinken ließ. Keine Zurückhaltung mehr wahren könnend, eilte Bernbach dem Leidenden zur Seite, griff diesem unter die Arme und half ihm erneut auf die Beine. Schnell waren zwei Soldaten der Ehrengarde zur Stelle, welche den Grafen wieder zurück in sein Zelt führten.

Bernbach blickte sorgenvoll zu Boden und sah des Grafen Taschentuch. Mit einem schnellen Griff klaubte er es vom Grund und wunderte sich über dessen seltsam, klebrige Konsistenz. Als er sich seine Finger genauer besah, erkannte er, dass diese in Gänze rot gefärbt waren. War doch das Taschentuch selbst in Blut getränkt und auch die Stelle des Erbrechens zeigte nach eingehender Prüfung ausschließlich das dunkle Rot, welches in der Hitze bereits zu gerinnen begann.

Er entsorgte das offensichtlich unbrauchbar gewordene Taschentuch und blickte nachdenklich zu jenem Zelt, in dem der Graf verschwunden war. Es war eine Sache, vom Leid eines anderen zu wissen, doch eine gänzlich andere, so direkt mit diesem konfrontiert zu werden.

Sein erster Impuls bestand darin, das Blut von seinen Händen zu waschen. Doch Wasser war rar und so wischte er sich den Lebenssaft nur notdürftig an der eigenen Kleidung ab und beließ es dabei.

4. Geheimnisse

Verwundert ob des Aufenthaltsorts Doktor Bergers ließ Bernbach den Blick über die Umgebung schweifen. Fiel diesem doch eigentlich die Aufgabe zu, die Gesundheit des Grafen zu überwachen. Zunächst prüfte er unauffällig das Zelt des Grafen, in dem dieser sichtlich benommen auf seiner Liege saß und gen Boden blickte. Der Arzt war jedoch nicht zu sehen. Vermutlich hielt er sich in seinem eigenen Zelt auf und so beschloss der Verwalter, Berger über Schwarzherz‘ plötzlichen Anfall in Kenntnis zu setzen.

Vor seinem Ziel angekommen, rief er nach dem Doktor und bat um Einlass, doch dieser reagierte nicht auf ihn. Zunächst hob er vorsichtig die Eingangsplane, fürchtete er doch, Berger würde schlafen. Doch das Zelt war leer. Auf einem einfachen Tisch hatte der Arzt eine Vielzahl von Zetteln und Büchern verteilt, deren Inhalt sich dem Verwalter aber nicht erschloss. Skizzen der menschlichen Anatomie und Begriffe, welche er noch nie zuvor gehört hatte, breiteten sich vor ihm aus, wenngleich die schwüle Luft den Unterlagen sichtlich zugesetzt hatte. In Ermangelung medizinischer Kenntnisse ließ er schnell wieder von der Habe des Doktors ab und setzte seine Suche im Lager fort.

Als er gerade das Zelt verlassen hatte und die Plane hinter sich herabfallen ließ, stürmte eine überaus eilige Person in ihn hinein, welche durch den Zusammenstoß eine säuberlich verschnürte Schachtel zu Boden fallen ließ. Als er den Rempler betrachtete, erkannte er Marie, die ihn erschrocken anschaute.

„Bitte verzeiht, Herr Bernbach. In meiner Eile achtete ich nicht auf den Weg.“, bat die junge Frau um Verzeihung.

Bernbach winkte jedoch ab und gab zur Antwort, er habe ja selbst nicht auf den Weg geachtet. Schnell beugte er sich hinab, ergriff die große, flache Schachtel und reichte sie ihrer Besitzerin. Diese drückte das Behältnis an ihre Brust und ergänzte, ohne dass Bernbach gefragt hätte: „Es handelt sich nur um ein paar persönliche Habseligkeiten, derer ich auf dieser Reise wohl bedürfen werde. Doch ich muss mich verabschieden, ich ertrage diese Hitze nicht recht.“

Bernbach nickte und schon war die Vertraute des Grafen entschwunden. Der Verwalter setzte seine Suche nach Doktor Berger jedoch fort. Zunächst schien er gänzlich verschwunden, doch dann endlich fand er ihn, gut verborgen zwischen einigen Kisten der Lagersektion an einem kleinen Feuer hockend. Unbemerkt näherte er sich langsam, da der Arzt eifrig in einem kleinen Büchlein umher blätterte.

„So ein Elend! Man kann es kaum noch lesen! Wie soll ich denn damit arbeiten?“

Wütend hielt der Mediziner die Seiten des Buchs in die Nähe des Feuers, prüfte dann die Qualität

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des Papiers und hielt es erneut ans Feuer.

Er wollte den Doktor nicht stören, da jedoch der Graf einer medizinischen Begutachtung bedurfte, machte Bernbach sich nun bemerkbar. Überaus erbost klappte Berger sein Buch zu und ließ es in eine Tasche seiner Uniform gleiten.

„Was ist denn nun schon wieder?“, keifte der Arzt.

Bernbach entschuldigte sich für seine Störung und erklärte, dass er sich um den Grafen sorgte. Da schnaufte Berger resignierend und gab zur Antwort: „Nun, meine Bemühungen meine Aufzeichnungen zu retten trugen ohnehin keine Früchte. Ich werde nach Graf Schwarzherz sehen. Seid bitte so gut und löscht das Feuer für mich.“

Der Arzt entschwand behänden Schrittes und Bernbach machte sich daran, die Flammen zu ersticken. Er bemerkte, einen herumliegenden Brennbacher-Sofort-Zünder, ein kleines Gerät, dass aus einem Feuerstein und einem Metallstück bestand, welche durch Betätigung eines Abzugs aufeinander geschlagen wurden und deren so entstandener Funkenflug Feuer auch ohne großen Aufwand entzünden konnten. Dann erkannte er jedoch einige Krüge mit Öl, welche unweit des Feuers lagerten. Die letzte Glut austretend ärgerte sich Bernbach über die Achtlosigkeit des Arztes. Hätte doch ein kleiner Funke genügt, das Lager in Brand zu setzen.

Seinen Rundgang beendet habend, kam Bernbach zu dem Schluss, dass das Lager entsprechend der äußeren Umstände in einem akzeptablen Zustand sei und beschloss, sich nun seinem eigenen Zelt zuzuwenden, um sich einige Stunden dem süßen Schlummer hinzugeben.

Man kampierte bis zum Einbruch der Nacht, da nun des Tags die unbarmherzig brennende Sonne das Vorankommen fast unmöglich machte. Als der Feuerball am wolkenlosen Himmel hinter den Riesenbäumen des Waldes zu verschwinden im Begriff war und das einstige Blau einem feurigen Orange weichen musste, kehrte Leben in die Zelte des Lagers und man machte sich daran, alles für die Weiterreise zu verstauen.

Hierbei wurde das Ausmaß des grassierenden Fiebers ersichtlich und viele der Vasallen waren nicht imstande, sich von ihrem Ruheplatz zu erheben. Im Delirium gefangen wälzten sie sich wimmernd auf ihren Liegen umher und es war offensichtlich, dass der Tross seine Reise nicht fortsetzen konnte.

Bernbach betrachtete das Elend, dachte einen Moment nach und und wandte sich dem Zelt des Grafen zu, um seinen Herrn über den Zustand des Gefolges zu unterrichten. Zu dessen Verwunderung stand dieser jedoch bereits auf dem Platz und bedeutete den Truppen, das Lager abzubrechen. Der Verwalter protestierte und wollte wissen, wie man die Erkrankten transportieren solle.

Schwarzherz, welcher seine Augen schon wieder auf den voraus liegenden Weg gerichtete hatte, warf nur einen beiläufigen Blick über seine Schulter, winkte mit der Linken ab und sprach: „Lasst sie zurück.“

Da erschien das enge Gefolge des Grafen in der Abenddämmerung. M’Bosi trat an diesen heran und begann in seiner altbewährten ruhigen Weise zu sprechen: „Für mich ist es unwichtig, wie du mit den Deinen verfährst. Doch wisse, dass dies das Land der Kruk ist und jene, welche du hier zurück lässt, wohl kaum den nächsten Morgen erleben werden.“

Der Graf jedoch schwieg.

Nun eilte auch Marie zu ihm, ergriff seine linke Hand und flehte: „Ihr könnt sie doch nicht hier zurücklassen! Sind sie nicht Eure treuen Vasallen, welche Euch tapfer bis hier begleitet haben? Ihre Leben liegen in Eurer Hand! Ihr müsst sie mitnehmen.“

Doch Schwarzherz löste nur seine Hand aus dem Griff der jungen Frau und starrte weiterhin schweigend in die Ferne. Bernbach betrachtete das Schauspiel, erkannte erneut jenes fanatische Glitzern in des Grafen Augen und ihm war klar, dass dieser seine Entscheidung getroffen hatte und es vergebens war, weitere Worte auf dieses Thema zu verschwenden.

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So geschah es und das Lager wurde abgebrochen. Zwar waren die Truppen nicht mit dieser Vorgehensweise einverstanden, doch niemand war mehr dazu bereit, sich gegen den Grafen und seine Ehrengarde zu stellen. Man verstaute alle Habseligkeiten und ließ die Kranken auf dem blanken Boden zurück. Jene, die zwar am Fieber litten, jedoch noch so bei Sinnen waren, dass sie mitbekamen, was vor sich ging, bemühten sich, sich zu erheben und dem losziehenden Tross zu folgen. Nach wenigen Schritten jedoch stürzten sie zu Boden, denn aus ihren geschundenen Körpern war die Kraft gewichen.

Bernbach musste mit ansehen, wie die Verzweifelten flehend ihre Arme dem davonziehenden Tross entgegen reckten. Der Graf jedoch würdigte sie keines Blickes und führte auf seinen Gehstock gestützt den Zug an.

Der Verwalter spürte, dass sich etwas verändert hatte. Doch konnte er nicht benennen, was es war. Nachdenklich ließ er den Blick über die Schatten des Dschungels streifen und fast schien es ihm, als würde sich im Dunkel des Unterholzes etwas bewegen. Darum hielt er kurz inne und bemühte sich seinen Blick zu schärfen. Grüne Punkte schienen überall im Gesträuch aufzublitzen, doch wusste er nicht, ob diese wirklich dort waren oder ihm sein erschöpfter Geist nur einen Streich spielte. Die Karawane hatte sich indes jedoch schon einige Meter entfernt und da ihm nicht daran gelegen war, sich aus der Sicherheit der Gruppe zu lösen, eilte er schnell zurück zu den Seinen.

Die Nacht war schnell hereingebrochen und so setzte man den Weg im Schein der Laternen fort. In die Finsternis schreitend wurde Bernbach von einem tiefen Gefühl der Beunruhigung ergriffen. Reichte der Lichtschein doch nur weniger Meter weit und war kaum imstande, die abstrusen Ausmaße jener bemerkenswert gut erhaltenen Straße zu erhellen. Es schien, als gäbe es nur die Karawane, denn zu allen Seiten erstreckte sich durch den abwesenden Mond absolute Schwärze. Fast physisch mutete diese Finsternis an, bereit die armen Reisenden, welche sich in dieses fremde Land gewagt hatten, zu verschlingen.

Verunsichert trat Bernbach näher an einen der Wagen heran, in der Hoffnung, die daran befestigte Laterne würde ihn vor der Finsternis bewahren.

5. Ein schwarzes Herz

Trotz der anfänglichen Irritation ob der Nächte, welche von absoluter Finsternis und Stille erfüllt waren, kam der Zug jenseits des endlosen Grüns auf jener uralten Straße wunderbar voran. Lediglich die Befestigung der Zelte machte auf dem fremdartigen Untergrund einige Probleme.

Man hatte in drei Tagen wohl ein Vielfaches dessen zurückgelegt, was man insgesamt im dichten Unterholz hinter sich brachte. Und doch schien es, dass man nicht voran kam.

Jener seltsam dunkle Fleck, welcher sich am vermeintlichen Ende des Pfades befand, wurde zwar durchaus mit der Zeit größer, doch bei Weitem nicht in dem Maße, wie man es bei einem Bauwerk erwarten würde.

Wenn am Abend die Sonne rechts der Straße unterging und der dunkle Umriss in der Ferne von der Nacht verschlungen wurde, hoffte Bernbach, dass die Morgensonne des nächsten Tages, die sich zur Linken erhob, einen weit größeren Umriss freigeben würde. Doch seine Hoffnung wurde stets enttäuscht. Wuchs der Punkt am Horizont doch in solch geringem Maße, dass der Verwalter stellenweise das Gefühl hatte, die Nacht würden den Zug in eine andere Welt ziehen und erst beim Anbruch des neuen Tages wieder dort zurücklassen, wo sie ihn zuvor verschlungen hatte.

Lediglich die absonderlichen Gebäude, welche sich zu den Seiten der Straße im Dschungel erhoben wurden zahlreicher. Es reizte ihn, sich jene Bauwerke, welche ihre eigentümlichen Formen unter dem Blätterdach der gewaltigen Bäume des Waldes verbargen, näher anzusehen. Doch war er durch die vorherigen Ereignisse vorsichtig geworden und zog es vor, sich im Schutz des Trosses aufzuhalten.

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Fasziniert musterte er von seinem Lager aus die obskuren Formen, welche mit jedem Tag der Reise stärker aus dem Unterholz hervor stachen. Die fast hypnotische Wirkung jener fremdartigen Gebilde wusste ihn trefflich von seinen Sorgen abzulenken. War der Zustand des Trosses doch überaus bedenklich. Die Hälfte der einst über hundert Menschen hatte man bereits verloren und der Graf ließ weiterhin all jene zurück, welche nicht mehr aus eigener Kraft zu Weiterreise befähigt waren.

Schwarzherz selbst ging ebenfalls deutlich sichtbar seinem Ende entgegen und wurde nach mehrmaligem Zusammenbrechen dazu genötigt, auf einem der Wagen mitzureisen.

Trotz der Härte seines Herrn führte die beständige Ausdünnung des Gefolges jedoch auch dazu, dass die spärlichen Vorräte für die Überlebenden ausreichten und man die Reise fortsetzen konnte. Es war jedoch offensichtlich, dass diese, unabhängig von der Anzahl der Überlebenden, nicht mehr für eine Rückreise reichen würden.

Bernbach dachte zwar darüber nach, ergab sich aber endgültig dem Fatalismus, der sich seiner bemächtigt hatte. Konnte er doch ohnehin nichts unternehmen, nicht gegen die Reise an sich, nicht gegen die Gefahren des Dschungels, die schwindenden Vorräte oder den Wahnsinn seines Herrn.

Seit dem Verlassen des Dschungels waren zwei Wochen vergangen, als die Monotonie der Reise von einem unerwarteten Ereignis unterbrochen wurde. Des Nachts, als man wie zuvor in der Dunkelheit weiterreiste, brach unvermittelt die Achse jenes Wagens, auf dem man den Grafen nun zu betten pflegte, da er kaum noch dazu imstande war, selbst zu gehen. Da das Gefährt für die Reise essentiell war und die Reparatur an sich keine große Schwierigkeit darstellte, beschloss man, zunächst ein temporäres Lager aufzuschlagen und später weiter zu reisen.

Der Graf schien dies zwar nicht gut zu heißen, doch wehrte er sich auch nicht gegen dieses Vorgehen. Bernbach hatte eine generelle Veränderung am Wesen des Regenten festgestellt. Kaum noch imstande, selbst zu gehen, saß er oft auf der Ladefläche des Wagens und starrte mit leeren Augen hinaus in die Welt. Fort war die Besessenheit, welche Bernbach in seinem Blick ausgemacht hatte.

Jene, die nichts zu tun hatten, nutzten die Gelegenheit, um weiter Kräfte zu sammeln und die zuständigen Männer bemühten sich, den Wagen zeitnah wieder fahrtüchtig zu machen. Die Pause nutzend schritt der Verwalter durch die Reihen des Zuges und musste feststellen, dass nur noch dreißig Mitglieder übrig waren. Das einst grassierende Fieber hatte jedoch schon seit einigen Tagen niemanden mehr befallen und zumindest diese Krise schien überwunden.

M’Bosi stand etwas Abseits des Zuges und starrte konzentriert hinaus in die Finsternis. Keine Regung zeigend, konnte man ihn für eine Statue halten. Doch dann wandte er sich unvermittelt dem Verwalter zu.

„Sie sind nah.“, sprach der Hüne mit sanfter Stimme.

Bernbach war verwirrt. Wen meinte der Zuul damit. Dieser richtete den Blick wieder in die Ferne und erklärte: „Meine Brüder und Schwestern. Sie sind gekommen, um mich in die Heimat zu führen. Das heißt, die Zeit des Abschieds ist nahe.“

Der Verwalter schwieg zunächst und schaute gleich M’Bosi in die Dunkelheit, in Richtung jenes Punktes, welcher wohl das Ziel der Reise sein sollte. Dann fragte er nach, ob der Tigermann sie nicht bis dort begleiten würde.

„Nein, das Ziel eurer Reise liegt am Ende dieser Straße. Doch es ist ein verfluchter Ort, den die Zuul nicht betreten. Meine Schuldigkeit habe ich getan. Ihr braucht mich nicht mehr.“

Dies gesagt habend, kehrte M’Bosi in das Lager zurück. Bernbach jedoch verweilte am Rand des Lagers und harrte des Abschlusses der Reparatur.

„Herr Bernbach! Herr Bernbach!“

Maries aufgeregte Stimme erklang hinter dem Verwalter. Schnell wandte er sich um und erblickte

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das von Tränen erfüllte Gesicht der jungen Frau, welche den Gehstock des Grafen fest umklammert hielt. Auf die Frage, was denn geschehen war, begann sie in hastigen Worten zu antworten.

„Magnus! Magnus ist fort! Ich habe ihn schon im ganzen Lager gesucht, doch ich kann ihn nicht finden! Vorhin ruhte er in seinem Zelt, doch plötzlich war er fort.“

Bernbach beruhigte die aufgelöste Marie, so gut es ihm möglich war und schickte sie zurück in ihr Zelt. Anschließend schnappte er sich eine der Laternen und begab sich zum Zelt des Grafen. Tatsächlich fand er dieses leer vor und zunächst war er ratlos, wie er seinen Herrn in dieser Finsternis finden sollte. Dann jedoch bemerkte er am Boden einige altbekannte, rote Flecken, welche nach draußen führten. Der Graf hatte vermutlich einen Hustenanfall erlitten und floh wie zuvor dem Lager.

Die Blutspuren auf dem dunklen Boden zu erkennen war schwer, aber durchaus möglich und so schritt Bernbach konzentriert in die Dunkelheit der Nacht. Er konnte der Spur ein ganzes Stück folgen.

Das Lager war wohl schon an die hundert Meter entfernt. Doch da fand die Orientierungshilfe des Verwalters ein jähes Ende. Nachdenklich schwenkte er die Laterne erst zur Linken, dann zur Rechten, in der Hoffnung den Grafen erkennen zu können. Doch nur die undurchdringliche Schwärze umgab ihn. Da er jedoch nicht bereit war, die Suche aufzugeben, schritt er weiter voran. Bedächtig, auf jeden Laut in der Nacht acht gebend. Und dann endlich vernahm er etwas, das ihm neue Hoffnung schenkte. Ein leises Wimmern erschallte einige Meter zu seiner Linken.

Vorsichtig näherte er sich der Quelle des Geräuschs, da leuchteten im Dunkel plötzlich zwei violette Ringe auf. Nun wusste Bernbach, dass er den Grafen gefunden hatte. Als er sich ihm näherte, erschrak er jedoch. Hatte er doch nicht mit diesem Anblick gerechnet. Auf dem Boden kauerte der Regent von Liberheim, weinend, das Gesicht mit einem Gemisch aus Tränen und Blut bedeckt. Die Hände, welche ebenfalls gänzlich in das Rot des Lebens getaucht waren, starrte er mit einem Blick tiefster Verzweiflung an.

Der einst so stolze Graf kauerte vor ihm und weinte wie ein kleines Kind. Er schien nicht einmal wirklich auf Bernbachs Gegenwart zu reagieren. Dieser half seinem zitternden Herrn vom Boden auf und führte ihn zurück zu seinem Zelt, wobei er es vermied, die Mitglieder des Trosses zu alarmieren. Der Anblick des gänzlich aufgelösten Grafen würde wohl den letzten Rest der Moral zerstören. Im Zelt angekommen, bemühte er sich, so gut es ging, das Gesicht seines Herrn zu säubern. Dieser ließ die Behandlung teilnahmslos über sich ergehen, legte sich dann zur Ruhe und schlief aufgrund der körperlichen Erschöpfung schnell ein.

Einen Moment verweilte er noch und betrachtete Schwarzherz, der ihm nun tatsächlich Leid tat. Es musste schrecklich sein, den eigenen Zerfall so mit ansehen zu müssen. Wenn ihn der Tod ereilen würde, so dachte er, sollte es schnell vonstatten gehen.

6. Die unmögliche Stadt

Bernbachs Plan ging auf und außer Marie hatte kein Mitglied des Trosses die Exkursion des Grafen bemerkt. Auch blieb der jungen Frau sein elender Anblick glücklicherweise erspart.

Da vom Morgengrauen noch kein Zeichen zu sehen war, brach man das Lager ab und beschloss, die restlichen Stunden der Nacht für die Weiterreise zu nutzen.

Ereignislos rannen die Stunden dahin und die sich am Horizont erhebende Morgensonne nötigte die Reisenden dazu, wieder Halt zu machen. Man schlug das Lager auf und verbarg sich vor den heißen Strahlen des am blauen Firmament allein herrschenden Feuerballs.

Erschöpft machte es sich Bernbach auf einer der Kisten bequem, um selbst im Zustand der Erholung noch den Zug im Auge behalten zu können. Er starrte hinauf zur Decke des Pavillons, unter dem er sich verbarg, doch war er unfähig Ruhe zu finden. Eine seltsame Verstimmung hatte sich seiner bemächtigt und so zog er es vor, durch die offenen Wände seines Zufluchtsorts die

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Umgebung zu prüfen.

Erst jetzt merkte er, wie sehr sich die Umgebung verändert hatte. Zwar ragten zu den Seiten des weiten Pfades noch immer einige Bäume empor, doch wurde die Szenerie nun deutlich von bizarren Bauten bestimmt. In scheinbar unmöglichen Formen und Winkeln ragten sie auf den Flanken der Straße empor, errichtet aus einem blaugrünen Material, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Zunächst hielt Bernbach es für eine Art Stein, doch der die Gebäude umgebende Glanz, welcher trotz der unzähligen sich an den Mauern und Türmen empor rankenden Pflanzen deutlich zu sehen war und der Umstand, dass sie keine offensichtlichen Schäden besaßen, ließen den Verwalter schnell von dieser Vermutung abkommen.

Er fixierte eine der Bauten und versuchte abzuschätzen, wie hoch wohl die Türme des Gebildes waren. Neben den Bäumen des Urwalds wirkten sie zwar durchaus groß. Als er jedoch die Umgebung in korrekte Korrelationen zueinander setzte und bedachte, wie breit diese Straße und wie riesig die Bäume dieses Kontinents waren, erschauderte er bei dem Gedanken, wie hoch jene bizarren Gebäude wirklich sein mussten. Und es schien, das die Gebilde an den Rändern der Straße zahlreicher und höher wurden, je näher man jenem seltsamen Fleck am Horizont kam.

Das ferne Objekt betrachtend, stellte Bernbach fest, dass es merklich an Größe gewonnen hatte. Doch noch immer schien es endlos weit entfernt zu sein und er fragte sich, ob man je das Ziel erreichen würde.

So seufzte er, drehte den Kopf wieder zur rechten Seite des Weges und versuchte Details an einem der Bauwerke zu erkennen. Tatsächlich befanden sich diverse dunkle Flecken an den Mauern, welche er als Fenster interpretierte, die jedoch zu weit entfernt waren, um ihre tatsächliche Natur zu erkennen. Am Boden des Komplexes erkannte er eine besonders große Öffnung, welche zunächst auf eine Art Hof führte, welcher jenseits eines zu ihr führenden Pfades von den Pflanzen des Dschungels überwuchert war. Schnell wurde Bernbach klar, dass dies wohl eine Tür sein musste, wenngleich ihn die restlichen Ausformungen des umliegenden Gebäudes mehr und mehr verwirrten, je länger er dessen Form zu begreifen suchte.

Die Fixierung auf einen markanten Punkt, wie der Tür, ermöglichte es ihm, das Gebäude zumindest ansatzweise zu betrachten. Doch sobald der Blick von seinem Ruhepunkt wich, verlor er sich sofort in den wirren Winkeln und Windungen, welche so eigentlich nicht existieren dürften.

Bernbachs Kopf begann zu schmerzen und so gab er es auf, die Ruine näher zu analysieren. Ja, er war sich nicht einmal mehr sicher, ob jenes Gebäude tatsächlich dem verwirrenden Bild entsprach, welches sich ihm bot, oder ob sein ermüdeter Geist, unfähig, weitere Eindrücke korrekt zu erfassen, ihm einen Streich spielte.

Den Plan des Schlafes verwerfend und in der Hoffnung, die korrekte Funktionsweise seines Geistes prüfen zu können, erhob er sich von seinem Lager und machte einen Rundgang durch die Zelte, wobei er schnell erkannte, dass dieser Ort nicht nur auf ihn einen solch nachhaltigen Eindruck machte. Fahl und müde waren die Gesichter der Männer und Frauen, welche sich vor der unbarmherzigen Sonne verbargen. Einige ruhten, doch die meisten schienen damit beschäftigt zu sein, diesen sonderbaren Ort zu ergründen. Allerorts vernahm man Tuscheln und blickte in Augen, welche in einem scheinbaren Anfall des Wahnsinns in die Ferne blickten.

Bernbach schloss, dass der Anblick der Ruinen nicht förderlich für die geistige Gesundheit der ohnehin schon geschwächten Truppe war und befahl, die Seiten aller Zelte zu schließen. Alle Mitglieder des Zuges sollten sich ausruhen und die Zelte nicht vor der Abenddämmerung verlassen. Der Plan der Verwalters trug schnell Früchte. Fokussiert machte man sich an die neu betraute Aufgabe und dachte gar nicht mehr an die bizarren Bauwerke.

Zufrieden setzte er seinen Rundgang durch das Lager fort. Am Zelt des Grafen hielt er kurz inne, war sich jedoch unschlüssig, ob er hineinblicken sollte. Hatte er zuvor noch das altbekannte, klägliche Husten vernommen, war es nun still und ihm war nicht daran gelegen, seinen Herrn unnötigerweise aufzuwecken. Doch bevor er eine Entscheidung getroffen hatte, öffnete sich das

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Zelt und Doktor Berger trat hinaus in das brennende Sonnenlicht.

„Ah, guten Tag Herr…“, sprach der Arzt, zögerte dann jedoch und nestelte in einer Tasche seiner Uniform herum. Daraus zog er ein Taschentuch, mit dem er den Schweiß von seiner Stirn zu wischen suchte und sprach weiter.

„Herr Bernbach, wenn ich mich recht erinnere. Als ob das Alter meinen Geist nicht schon zu Genüge in Beschlag nehmen würde, tut diese Reise…“, er deutete mit einer beiläufigen Geste auf die Ruinen, „… ihr Übriges, mein Gedächtnis zusehends zu durchlöchern. Doch was machen Sie eigentlich hier draußen und warum sind die Zelte geschlossen. Wenn ich mich recht entsinne, sollten die Seitenwände geöffnet bleiben, um Angreifer erkennen zu können.“

Bernbach lauschte dem Arzt, dessen Sprachstil ihn sofort als Bürger Brennbachs entlarvte. Dort pflegten die hohen Herren der Akademie dem so genannten „archaischen“ Thora-Dialekt einen moderneren Sprachduktus entgegen zu stellen.

Schnaufend steckte Berger das Tuch zurück in seine zerknitterte Uniform. Der Verwalter nickte und erklärte ihm dann, dass er sich Sorgen ob der mentalen Kräfte der Truppe machte und diese Maßnahme der Erholung dienen sollte. Auch sei man bislang ja keinem Feind begegnet.

Nickend gab Berger zur Antwort: „Eine gute Überlegung. Diese Reise scheint gleichermaßen gefährlich für den Körper wie für den Geist zu sein. Und ich bezweifle, dass sie zu dem erwünschten Ergebnis führen wird. Mir scheint, in diesem Fall hat mein akademischer Eifer mir endgültig das Genick gebrochen. Ich hätte mich nie dieser Reise anschließen dürfen.“

Frustriert ließ Berger den Blick in die Ferne schweifen. Bernbach sorgte sich jedoch um den Zustand des Grafen und erkundigte sich nach dessen Befindlichkeit. Da wandte der Arzt ihm erneut den Blick zu und antwortete in einem kühlen Tonfall: „Er atmet noch, doch im Endeffekt ist er längst tot. Welche bizarre Erkrankung ihn auch immer befallen hat. All meine Studien führten zu keinem Ergebnis. Meine wertvolle Lebenszeit ist unwiederbringlich verloren. Und im Endeffekt kann ich ihm nicht helfen… und diese Reise auch nicht.“

Mit diesen Worten winkte der Doktor ab und verschwand in den Reihen der aufgebauten Zelte.

Die Hitze des Tages war jenseits der schützenden Zelte unerträglich und so zog Bernbach es vor, sich wieder seinem Schlafplatz zuzuwenden. Müde schritt er durch die Reihen der Stoffbehausungen und er konnte den ersehnten Ruheort schon sehen, da erblickte er M’Bosi, welcher wie zuvor am Rand des Lagers in die Ferne starrte und unbeeindruckt von der Hitze auf die Seinen zu harren schien.

Zögernd dreht sich Bernbach zu ihm um, griff dann jedoch nach der Plane seines Zeltes und war gerade darin verschwunden, als ihn ein ungekanntes Gefühl ergriff; die Gewissheit, von etwas unglaublich großem erfasst zu werden. Ja, es schien ihm, der Boden würde vibrieren und doch verrieten ihm seine Augen, dass sich nichts in irgendeiner Weise bewegte. Die Habseligkeiten im Inneren des Zeltes ruhten, wie sie es sollten und dennoch verstärkte sich das Gefühl der bebenden Erde. Der Verwalter blickte an sich selbst hinab, vermutete er doch kurz, es handle sich um die körperliche Erschöpfung, welche in diesem Moment der Stille ihren Tribut forderte. Doch er stand fest und seine Beine zitternden in keinster Weise.

Das nicht zu benennende Beben verstärkte sich und wurde plötzlich begleitet, von einer unsagbar tiefen und donnernden Stimme, welche aus fernen Winkeln der Welt ein einziges Wort guttural und unsagbar langsam erklingen ließ.

„Schwaaaaarrrrzzzzheeerrrrzzzz…“

Mit beiden Händen griff Bernbach nach seinem Kopf, schien es ihm doch, die unirdische Stimme würde ihn andernfalls mit sich reißen. Mit jedem Buchstaben schien die Welt mehr zu beben. Doch nach der Nennung des Namens seines Herrn schwieg die Stimme wieder und das vermeintliche Beben ebbte ab.

Äußerst erschüttert ob dieser unerfreulichen Erfahrung stürzte er ins Freie und erblickte sogleich das Chaos, dass in den Reihen der Männer und Frauen ausgebrochen war. Einige lagen auf dem

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heißen Boden und waren gerade im Begriff, sich wieder aufzurappeln, andere krallten sich in solcher Weise in die zarte Haut ihres Kopfes, dass diese von blutigen Striemen verziert wurde. Drei der Träger konnte er gerade noch panisch schreiend in das Dickicht das Dschungels rennen sehen. Schnell machte er sich daran, zu prüfen, ob jemand seiner Hilfe bedurfte. Die meisten hatten sich jedoch wieder gesammelt und den Entflohenen war ohnehin nicht mehr zu helfen.

Doktor Berger war bereits im Begriff, die Verwundeten zu versorgen und so setzte er seinen Weg durch das Lager fort. Am Zelt des Grafen, erblickte er Marie, welche schluchzend aber ansonsten unbehelligt in den Armen Schwarzherz‘ lag. Dieser blickte zielgerichtete die Straße hinab. Im Gegensatz zum Rest der Truppe, schien er von der Stimme weniger erschüttert als eher fasziniert zu sein.

Bernbach setzte seinen Rundgang durch das Lager fort.

7. Die Kruk

Etwas abseits erblickte er einige Soldaten der Ehrengarde, welche gemeinsam mit dem stoisch dreinblickenden M’Bosi einen Körper umringten. Beim Näherkommen erkannte er das Unheil, lag dort doch einer der Soldaten, der sich offenbar in sein eigenes Schwert gestürzt hatte. M’Bosi erblickte den Verwalter und bemerkte emotionslos: „Wie ich es euch berichtet habe. Der Ort, den ihr sucht, ist verflucht. Wenn euch euer Leben lieb ist, so dreht um und kehrt zurück in eure Heimat. Vielleicht erreicht ihr noch euer Schiff… sofern es noch da ist.“

Bestürzt über die Worte des Hünen schien jeder Wille zum Weitergehen aus den Augen der Soldaten gewichen. Dann blickten sie jedoch hinüber zu ihrem Herrn und anschließend zu jenem Punkt, an dem die drei Wahnsinnigen zuvor im Unterholz verschwanden, schüttelten resigniert den Kopf und machten sich daran, den Toten im Dschungel zu entsorgen. Bernbach rief ihnen nach, wo sie den Toten denn hinbringen wollten, er habe ja ein Begräbnis verdient. Da wandte sich eine Gardistin der Ehrengarde zu ihm um und sprach kraftlos: „Welchen Sinn sollte das noch haben? Wir sind dem Grafen in die Hölle gefolgt und letztlich werden wir alle hier krepieren.“

Anschließend zerrten sie die Leiche weiter Richtung Dschungel. Bernbach blickte bestürzt auf die Blutspur, welche sie hinter sich herzogen. Dann erklärte er in ruhigem Tonfall, dass diese Erfahrung zwar durchaus unangenehm gewesen sei, man das Ereignis jedoch vorerst überstanden zu haben schien.

M’Bosi schnaufte nur verächtlich und sprach sodann: „Ich bezweifle, dass dies schon alles war. Wenngleich der Ruf dem Grafen galt, sind wir doch nicht die einzigen, die ihn hörten.“

Verwundert wollte Bernbach das Wort an M’Bosi richten, doch die Soldaten, welche ihren toten Kameraden zurückließen und nun panisch zurück zum Lager stürmten, unterbrachen den Gedankengang des Verwalters.

„Da sind sie ja schon. Es hat sie aufgescheucht.“, bemerkte M’Bosi beiläufig.

Bernbach ließ den Blick irritiert über die Landschaft schweifen und erkannte, wie sich eine Vielzahl humanoider Gestalten aus eben jener Öffnung des bizarren Bauwerks ergoss, welche er zuvor als Tor einordnete. Ihre Zahl war kaum auszumachen, doch schienen sie zunächst winzig zu sein. Schnell näherte sich die Horde, gleich der Flut, welche eilends dem Strand entgegen strebend unvorsichtige Wanderer mit sich fortzureißen pflegte. Doch mit jedem Meter der Distanz, welche sie verringerten, wurden die Gestalten größer und schauriger. Immer mehr strömten herbei und auch von der anderen Seite wurde die Gemeinschaft belagert. Es dauert nur weniger Minuten, da war das Lager in Gänze umstellt von hunderten keifender und wütend kreischender Kreaturen, welche nur von einer unsichtbaren Barriere davon abgehalten wurden, die verstörten Reisenden wie eine Flutwelle hinwegzufegen.

Bernbach war entsetzt, ob der grotesken Erscheinung jener Kreaturen. Sie erinnerten ihn an Menschen, gingen aufrecht und bedienten sich ihrer Hände als Werkzeuge. Doch ein schrecklicher Scherz der Natur schien sie in diese braunbehaarten Monstren verwandelt zu haben. Ihre Gesichter

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erinnerten ihn jedoch eher an Tiere. In ihren kurzen Schnauzen bleckten sie spitze Zähne, die an Dolche erinnerten. Die platten Nassen schnüffelten nach Beute und mit ihren funkelnden vollkommen grünen Augen fixierten sie die Gruppe. Was Bernbach an diesen Kreaturen jedoch am meisten erschrak war weniger ihr abstoßendes animalisches Äußeres, sondern vielmehr der verschlagen menschliche Blick, der ihnen eigen war.

Sie eilten hin und wieder her, sprangen böse auf und ab und warfen mit Stöcken, doch etwas schien sie auf Distanz zu halten. Zornig kratzten einige Exemplare, die auf dem Boden kauerten, mit ihren verdreckten Krallen über den Untergrund. Indessen hatten die Soldaten sich bewaffnet und zu beiden Seiten des Lagers eine defensive Position eingenommen. Zu Bernbachs Seite harrten die Armbrustschützen auf einen Befehl zum Losschlagen, doch keiner wusste so Recht, wie zu verfahren war und vom Grafen, welchen er nicht sehen konnte, kam kein Wort.

Die Monstren wagten sich noch immer nicht näher an das Lager, waren aber sichtlich erbost und machten sich nun über den verstorbenen Soldaten her, welchen die Flüchtenden zuvor zurückließen. Es war ein grausiger Anblick als sie den toten Körper in rasender Wut auseinanderrissen, so dass das Blut weithin sichtbar durch die Luft geschleudert wurde.

Bernbach fragte M’Bosi in einem Anfall der Fassungslosigkeit, was diese Geschöpfe waren und vor allem, was sie von ihnen wollten.

M’Bosi verschränkte die Arme vor seinem Körper und fixierte die geifernden Massen.

„Dies sind die Kruk. Die verdammten Nachfahren jener, welche diesen Ort einst ihre Heimat nannten. Der Ruf hat sie geweckt und nun hat der Hunger sie zu uns geführt.“

Erst jetzt erkannte Bernbach, wie sich die Kreaturen, welche ihren Zorn zuvor am toten Fleisch des Soldaten freien Lauf gelassen hatten, nun an eben diesem gütlich taten.

Unfähig dieses Spektakel des Grauens weiter mit anzusehen, bellte Bernbach den Befehl zum Feuern den Truppen entgegen. Die Schützen betätigten den Abzug und Bolzen zischten durch die Luft geradewegs in die Reihen der Kruk, von denen eine Hand voll durchbohrt zu Boden ging. Wenngleich die Schüsse glücklich trafen, so zeigte sich der Pulk der Aggressoren doch wenig von diesem Angriff beeindruckt. Neugierig untersuchten die Wesen die zusammengesackten Körper ihrer Artgenossen, begann dann jedoch aufgeregt zu kreischen und die Toten gleich dem geschändeten Soldatenleib zu zerreißen. Es war offensichtlich, dass diese Bestien in Bezug auf ihr Futter nicht wählerisch waren und da die Bolzen wohl kaum für den ganzen Schwarm der haarigen Ungetüme reichen würden, war sich Bernbach sicher, das an diesem Punkt sein Leben sein Ende finden würde.

Die Soldaten bemühten sich einen schützenden Kreis um das Lager zu errichten, doch wagten es nicht, sich den Kreaturen soweit zu nähern, dass sie mit ihren Schwertern angreifen konnten. Lediglich die Schützen ließen Salve um Salve in die braune Masse sausen. Allein, es schien, dass für jede getötete Kreatur zwei neue nachrückten.

Nach etwa einer Stunde waren die Bolzen verschossen und die Schwertkämpfer durch die brennende Hitze in solcher Weise ausgelaugt, dass sie es kaum noch vermochten, sich auf den Beinen zu halten. Der Ring um das Lager hatte sich durch den Wahnsinn der Kruk in ein Schlachtfest verwandelt, in dem Körperteile und Eingeweide der getöteten Kreaturen von ihren Artgenossen auf dem Boden verstreut und gierig aufgefressen wurden.

Bernbach, der sich erschöpft neben eines der Zelte gesetzt hatte, bemerkte, dass nun das Leben in M’Bosi, welcher bislang unbeeindruckt und stoisch in die Reihen der Kruk blickte, zurückzukehren schien. Er wandte den Kopf zur Seite, die Straße entlang, denn in den hinteren Reihen der Bestien schien Unruhe auszubrechen. Mehr und mehr der Kreaturen stoben auseinander und bildeten einen Korridor, welcher sich langsam auf das Lager zubewegte. Als der Pfad durch den haarigen Pulk das Lager erreicht hatte, sah Bernbach den Grund für die Panik unter den Monstren. Standen dort doch zwei Männer und eine Frau, welche er aufgrund ihrer dunklen Haut und den weißen Zeichnungen

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auf ihren Körpern als die Gefährten M’Bosis erkannte. Schweigend traten die Drei in das Lager und bildeten gemeinsam mit dem Führer des Grafen einen Kreis um das selbige.

Aufrecht standen sie da und hoben die Hände gen Himmel. Der Verwalter wusste in keinster Weise, was vor sich ging. Doch die Erschöpfung tat ihr Übriges, so dass es ihn auch kaum kümmerte. Stille kehrte in die zuvor wild schreienden und keifenden Kruk, denen das böse Funkeln aus den Augen zu weichen schien. Nur wenige Minuten hielt jedoch das Schweigen an, da packte die Kreaturen ohne ersichtlichen Grund das blanke Entsetzen und eine der Bestien nach der anderen entflohen panisch der Szenerie.

Nur eines der Wesen, dessen Körperbau besonders muskulös war, widersetzte sich den fliehenden Kameraden. Sein Gesicht und sein Leib waren durch mehrere Narben fürchterlich verunstaltet und das linke Auge fehlte ganz. Verächtlich blickt die Kreatur erst zu M’Bosi und dann zu Bernbach hinüber, schritt dann zu dem Fleischhaufen, der einst ein Mensch gewesen war und zerrte etwas heraus. Anschließend schleuderte er es mit einem eigentümlichen Blick der Genugtuung zu dem matten Verwalter hinüber. Während der Schatten durch die Luft sauste, schnaufte die Bestie, drehte sich dann um und folgte ihren Kameraden. Das Geschoss flog indessen weiter und Bernbach war klar, dass es ihn genau treffen würde, doch er war unfähig, zu flüchten.

Da erwischte es ihn und das seltsame Ding landete genau in seinem Schoß. Zunächst wussten seine müden Augen mit dem runden, zerfetzten Ding nichts anzufangen, doch dann kroch er in Panik zurück gegen die Wand des Zelts, als er bemerkte, dass ihn die leeren Höhlen eines angefressenen, menschlichen Kopfes anstarrten. Panisch schlug er nach diesem, bis er endlich davon kullerte. Er atmete tiefe durch und musste sich erst einmal von diesem Schock erholen.

Während der Verwalter direkt an Ort und Stelle ein wenig auf dem Boden ruhte, bemühte man sich wieder Ordnung in das Lager zu bringen. Leise hörte Bernbach noch die Stimmen in seiner Nähe, doch dann sandte ihn die körperliche Erschöpfung in das Reich der Träume.

8. Das Ende des Weges

Nur langsam war Bernbach imstande, das Reich des Schlafes hinter sich zu lassen. Die Augen aufschlagend bemerkte er, dass er sich nicht mehr im Freien sondern in einem der Zelte befand. Man musste ihn hier her getragen haben. Allein, wie viel Zeit war vergangen? Vorsichtig rappelte er sich auf, klopfte den Staub aus seiner Kleidung und trat aus dem Zelt. Der Himmel war in ein leuchtendes Orange getaucht und das brennende Licht der Sonne war gewichen. Er hatte wohl den ganzen Tag verschlafen.

Erschrocken wurde ihm bewusst, was zuvor geschehen war und so machte er sich schnell daran, nach dem Grafen und seinem engen Gefolge zu sehen. Doch seine Suche nahm ein jähes Ende, als er eine Ansammlung von Menschen hinter dem Lager bemerkte. Ein ungewöhnlicher würziger Geruch lag in der Luft und kratzte bei jedem Atemzug in seinem Rachen. Vorsichtig schritt er durch die Menschen und erblickte etwas Abseits von diesen M’Bosi und die Fremden. Sie umschritten den Grafen, welcher bewusstlos auf einer Liege zwischen ihnen lag. In den Händen trugen sie eigentümliche Figuren und glimmende Pflanzenbüschel und während sie Schwarzherz umkreisten, sangen sie ein Lied, dessen Worte Bernbach nicht verstand.

Nach Antworten suchend blickte er sich um und bemerkte Doktor Berger und Marie, welche etwas Abseits der Versammlung das seltsame Schauspiel betrachteten. Er ging hinüber zu ihnen, grüßte freundlich und erkundigte sich nach dem eigentümlichen Ereignis. Marie lächelte dem Verwalter freundlich zu und begann zu erklären: „Diese Fremden sind Mitglieder vom Stamm M’Bosis. Sie haben uns aufgesucht, um ihn mit sich in die Heimat zu nehmen. Nachdem sie jedoch den bedauernswerten Zustand von Magnus… ich meine des Grafen erkannten, welcher während der Belagerung durch diese furchtbaren Bestien ohnmächtig wurde, beschlossen sie, uns einen letzten Gefallen tun zu wollen und bereiteten dieses Ritual vor, dass…“

„Pah!“, rief der Doktor in verächtlichem Tonfall aus, während er den Tanz der Fremden mit

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abschätzigen Blicken bedachte. Die junge Frau warf ihm einen bösen Blick zu und wandte sich dann erneut mit freundlicher Miene an den Verwalter.

„Wenngleich ich nicht genau verstehe, was sie in diesem Ritual tun, so haben sie uns doch erklärt, es sei in ihrem Volk sehr verbreitet und diene dazu, schwer erkrankten Menschen bei ihrer Genesung zu helfen.“

Da hob der Doktor belehrend den Zeigefinger und ergänzte ungefragter weise: „Heilung! Lächerlich! Als ob das Theater dieser Wilden irgendetwas bringen würde. Erst schlagen sie die Kreaturen aus dem Wald in die Flucht, ohne auch nur ein Wort zu verlieren und nun versuchen sie uns mit verbrannten Kräutern und Singsang zu beeindrucken. Mich würde es nicht wundern, wenn sie die Biester selbst herbeigerufen hätten.“

Erbost winkte der Doktor ab. Bernbach jedoch verstand noch immer nicht so recht, was sie genau erreichen wollten und fragte nach, ob die Fremden erklärten, wie dies vonstatten gehen sollte.

„Nun“, begann Marie zu sprechen und sich an die Worte der Fremden zu erinnern, „die Erklärung als solche kann ich nicht genau wiedergeben. Doch wollte man es vereinfacht darstellen, so geht es wohl darum, die Seele eines Kranken enger an seinen Körper zu binden, um ihm zusätzliche Zeit zur Genesung zu verschaffen. Wie das jedoch genau funktionieren sollte, kann ich Euch leider auch nicht erklären. Doch ich hoffe, es wird helfen…“

Maries trauriger Blick richtete sich auf den regungslosen Grafen. Nachdenklich verschränkte der Verwalter seine Arme und beschloss, zunächst abzuwarten. Im Moment konnte er ohnehin nichts tun.

Eine weitere Stunde zog ins Land, bis das Ritual der Zuul ihr Ende fand. Der Graf wurde zurück in sein Zelt gebracht und die Fremden verstauten die Ritualutensilien in ihren umgehängten Taschen. Bedächtigen Schrittes ging Bernbach zu M’Bosi, um sich bei diesem nach dem Ritual zu erkundigen. Dieser drehte sich um und sprach: „Die Anrufung als solche wurde nach alten Gebräuchen durchgeführt. Ich weiß jedoch nicht, ob sie eine Wirkung erzielen wird, da euer Graf den Punkt, an dem wir für gewöhnlich zu diesem Mittel greifen, schon lange überschritten hat.“

Der Hüne betrachtete einen Moment eine der Holzfiguren, die er in der Rechten hielt und ergänzte: „Diesen Gefallen war ich Schwarzherz schuldig. Doch nun ist es an der Zeit, dass wir uns verabschieden.“

Vorsichtig verstaute er die Figur, welche Bernbach an eine von Tentakeln behangene, humanoide Gestalt erinnerte.

„Folgt der Straße und ihr findet, was ihr sucht. Ich wünsche euch viel Erfolg.“

Mit diesen Worten wandte sich M’Bosi an seine Begleiter, man nickte einander zu und die Zuul entschwanden ohne ein weiteres Wort zu sagen oder sich umzudrehen in der Finsternis der Nacht.

Der Verwalter wusste, dass es keinen Sinn machte, die Zuul zum Bleiben zu überreden und so widmete er sich erneut den ihm zugetragenen Pflichten. Er gab den Befehl das Lager abzubrechen und den Zug wieder in Bewegung zu setzen.

Mit dem noch immer bewusstlosen Grafen auf einem der Wagen schritt der Tross durch die Nacht. Nun, da sie gesehen hatten, welche Schrecken dieses Land für sie auf Lager hielt, empfanden die Männer und Frauen die Nacht als besonders bedrückend. Würden die Kruk sie jetzt überfallen, so hätten sie wohl keine Aussicht auf einen Sieg. Doch die Bestien zeigten sich nicht.

Drei weitere Tage zogen ins Land, in denen sich die Karawane durch die zahlreicher gewordenen Ruinen schob. Die Zahl der Pflanzen nahm in beträchtlichem Maße ab und die Umgebung wurde nun fast ausschließlich von den wirren Bauwerken aus einer anderen Zeit dominiert. Die wenigen Pflanzen jedoch, die man noch sah, waren tot und ihre hölzernen Überreste gaben der Landschaft ein gespenstisches Antlitz.

Den größten Eindruck machte jedoch das Bauwerk, welche sich plötzlich am vermeintlichen Ende

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der Straße in der Ferne erhob. Das obskure Ding, welches der Verwalter bislang so fasziniert am Horizont betrachtete hatte, schien mitnichten der ersehnte Zielpunkt zu sein. Hatte sich dessen Größe doch in altbekannter Manier nur unwesentlich geändert. Doch das Erscheinen des neuen Bauwerks am Beginn des ersten Tages, hatte der Reisegemeinschaft neuen Mut gemacht. Auch hatte seine Größe in der Dämmerung jedes neuen Tages beachtlich zugenommen und die Umrisse in der Ferne begannen allmählich hinter den Mauern des neuen Bauwerks zu verschwinden.

Die Dämmerung des vierten Tages brach an und das Ende der Straße war bereits in greifbarer Nähe. Erpicht darauf, noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen, investierten alle Mitglieder des Zuges noch einmal ihre letzten Kräfte.

Mit jedem Meter schien sich das Bauwerk mehr und mehr aus dem Boden zu erheben, bis man endlich eine gewaltige Mauer erreichte, an der die eigentliche Straße ihr Ende fand. Ein weiter Torbogen gab den Weg in einen Innenhof frei, dessen weiterer Pfad von einer Vielzahl aufrechter Objekte gesäumt war, die wohl so etwas wie Säulen darstellen sollten.

Zunächst fasziniert von dem fremdartigen Ort, ließ Bernbach den Blick schweifen, doch das Wirrwarr aus bizarren Mauersegmenten, Säulen, dünnen und dicken Stangen und Türmen führten dazu, dass ihm schon nach wenigen Minuten fürchterlich schwindelig wurde. Schnell bemerkte er, dass es ihm nicht allein so erging und dass die Mitglieder des Trosses begannen, verwirrt hin und her zu stolpern und die Wagen in Schlangenlinien zu führen. Um überhaupt noch voran zu kommen, befahl der Verwalter allen, sie mögen sich nur am direkten Vordermann orientieren. Er jedoch ging voran, um den Zug in seiner Gesamtheit zu führen. Um nicht selbst verloren zu gehen, nutzte er einen monumentalen Tunnel, auf den sie zuschritten, als Fixpunkt seines Blickes, dessen inhärente Finsternis seinen überreizten Augen etwas Ruhe bot.

Zunächst schritt der Zug vorsichtig voran, doch mit der Zeit bemerkte man seltsam vertraute Geräusche, welche sich von hinten näherten. Erst herrschte Verwirrung ob des aufkeimenden Lärms, wagte es doch niemand, sich umzuwenden. Doch schnell wurde klar, dass man das Kreischen und Heulen der Kruk hörte, die ihnen offensichtlich folgten. Einen Kampf würden sie nicht gewinnen können und so schrie Bernbach den Tross an, mit voller Geschwindigkeit in den Tunnel zu stürmen. Ohne sich umzuwenden rannte man in die Ungewissheit der Dunkelheit. Doch zwei Arbeiter, welche den Wagen mit dem Grafen zogen, ertrugen die Klangkakophonie hinter sich nicht mehr und wandten sich den Verfolgern zu. Als ihr Blick auf die Bauten traf, erfasste sie jedoch ein fürchterlicher Schwindel und sie stürzten zu Boden. Der Wagen setzte unsanft auf und schleuderte den Grafen umher, der durch diese Behandlung tatsächlich wieder erwachte.

Als Bernbach das Scheppern hinter sich vernahm, hielt er an, prüfte was vor sich ging. Als er die orientierungslos umher kriechenden Arbeiter und den verwirrten Grafen erblickte, ergriff ihn ein Impuls zu handeln. So schnell er es vermochte, eilte er zu dem stehenden Wagen, während die Bestien sich wie eine gewaltige Flutwelle näherten. Sie hatten schon die Außenmauer erreicht, als Bernbach endlich den verdutzten Grafen zu greifen bekam und mit diesem zurück zum Tunnel stürmte. Mehr stolpernd als laufend bemühte sich Schwarzherz unter dem schützenden Griff des Verwalters voran zu kommen. Doch sein Körper war zu einer solchen Anstrengung nicht mehr fähig. Das Kreischen kam näher und ohne groß darüber nachzudenken, packte Bernbach seinen Herrn und warf ihn sich über die Schulter.

Die Schreie der Männer hinter ihm machten dem Verwalter deutlich, dass die Kruk den Wagen erreicht hatten und nur noch wenige Meter zwischen ihm und der keifenden Horde standen. Mit knapper Mühe erreichte er den Tunnel und die Finsternis begann ihn zu verschlingen. Die Kruk jedoch schienen von der Dunkelheit wenig beeindruckt zu sein und kamen stetig näher.

Nur wenig Licht drang noch vom Eingang in das Innere des Tunnels und Bernbach musste erkennen, wie ihm langsam die Sicht genommen wurde. Panisch eilte er weiter, so schnell ihm dies mit seinem Ballast möglich war und er hoffte, dass der Weg nicht einige unvorhergesehene Hindernisse für ihn bereit hielt.

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Sein Gedankengang wurde jedoch jäh unterbrochen, als er spürte, wie etwas nach seinem Bein griff und ihn umriss. Bernbach und Schwarzherz gingen unsanft zu Boden. Während der Graf kraftlos auf der Erde verharrte, wandte sich der Verwalter blitzschnell um und trat nach seinem Angreifer. Sein Stiefel hämmerte gegen das deformierte Gesicht eines Kruk, welcher diese Behandlung nicht sonderlich schätzte und nun auf den Leib des verzweifelt Kämpfenden sprang.

In einem Anfall des Zorns schrie ihn die Kreatur an und ihr ekelhaft, fauliger Atmen erfüllte die Luft.

Mit bloßen Händen schlug Bernbach nun auf den Körper des Monsters ein, doch seine Schläge prallten an den Muskeln der Kreatur einfach ab. Langsam beugte sie sich zu ihm herunter und im Zwielicht erkannte er nun das vernarbte Antlitz des entstellten Kruk, der ihn ihm Lager zu verhöhnen suchte. Während das grün funkelnde Auge der Kreatur ihn fixierte, kehrte die Erinnerung an den zerfetzten Soldaten, dessen Namen er nicht einmal kannte, wieder zu ihm zurück und mit einem wütenden Faustschlag bohrte er seine Hand in das Gesicht des Angreifers. Dies verärgerte das Monster aber nur noch mehr und wild fauchend schlug es nach dem Körper ihres Opfers. Die Krallen der Bestie rissen tiefe Wunden in das Fleisch des Verwalters.

Bernbach war sich sicher, dass nun sein Ende gekommen war, als der Boden zu beben begann. Er hatte dies schon einmal erlebt. Das Beben wurde stärker und eine gutturale Stimme begann zu sprechen.

„Schwaaarrrzzzhhheeerrrzzz…“

Der Kruk ließ plötzlich ab von seiner Beute und rollte sich wild kreischend über den Boden.

Die Stimme dröhnte auch in seinem Kopf, doch Bernbachs Wunsch zu Überleben war so ausgeprägt, dass er sich langsam aufrappelte und den Grafen zu suchen begann. Die Kruk hatten indes die Verfolgung aufgegeben. Einige wanden sich mit schmerzerfüllten Gesichtern auf dem Boden, andere flüchteten panisch zurück in die Ruinen der Stadt. Auch die vernarbte Kreatur erhob sich langsam vom Boden und flüchtete in die Weiten jenseits der Mauer.

Die Stimme verstummte wieder, das Beben ebbte ab. Ohne sich weiter um seine Wunden zu kümmern, ergriff Bernbach den Grafen und machte sich auf den Weg zurück zum Tross.

Nach einigen Metern des Weges, verschlang ihn die Finsternis komplett und nur das Keuchen des Grafen begleitete ihn noch.

Er erinnerte sich an die Nächte der langen Reise, das Gefühl der Isolierung auf diesem fremden Kontinent und wie es ihm stets schien, das Ziel würde sich nicht nähern und die Reise wohl endlos sein. Doch nun hatte er sein Ziel hoffentlich erreicht. Zumindest hatte die Straße ihr Ende gefunden und so gab es ohnehin keine weiteren Handlungsalternativen mehr.

Schritt für Schritt tasteten die beiden sich voran. Indes begannen die Wunden in Bernbachs Brustkorb zunehmend zu schmerzen. Erst leicht, doch stetig stärker werdend, bis sein Geist drohte, vom brennenden Schmerz übermannt zu werden. Doch er musste sich zusammenreißen. So kurz vor dem Ziel durfte er nicht mehr scheitern. Er war der Administrator und damit für den Ablauf der Reise verantwortlich, solange der Graf die Führung nicht übernehmen konnte.

Trotz der ihn umgebenden Dunkelheit begannen farbige Punkte um ihn her zu huschen. Der Schmerz vernebelte ihm zusehends die Sinne. Ja, fast schien es ihm, als würde er ein Licht am Ende des Tunnels sehen, welches sich beständig näherte.

Doch nein, es war keine Täuschung. Einige der Männer waren mit Laternen zurückkehrt, um nach ihnen zu suchen. Mit letzter Kraft forderte er den Erkundungstrupp auf, Bericht zu erstatten. Während zwei Arbeiter den Grafen griffen, half ihm der Laternenträger und sprach: „Wir durchquerten den Tunnel ohne Verluste. Aber wir haben da etwas gefunden. Wir wissen nicht wirklich, was wir davon halten sollen. Schaut es Euch besser selbst an.“

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9. Sh’n’gha

Der Marsch zum Rest des Zuges dauerte nur einige Minuten, doch Bernbach, dessen geschundener Leib nur noch wenig Kraft in sich trug, kam er wie eine Ewigkeit vor. Den Tunnel hinter sich lassend trat man in eine große, finstere Leere. Das Licht der Laternen wand sich geheimnisvoll an den Mauern zur Seite des Eingangs, verlor sich jedoch schon nach einigen Metern in der Finsternis an diesem weitläufigen Ort.

Als man den Tross erreichte, war man gerade dabei, ein notdürftiges Lager aufzuschlagen. Der Boden in diesem Bauwerk macht die gewöhnlichem Methoden zur Errichtung eines Zeltes jedoch unbrauchbar. Da man aber wohl ein Dach über sich hatte und ohnehin kein Sonnenlicht an diesen Ort drang, beschloss man trotz des Unbehagens, dass von der Stille und Finsternis ausging, das Lager offen aufzuschlagen. Doktor Berger machte sich sofort daran, die Wunden Bernbachs zu versorgen.

Graf Schwarz, der kaum noch mit eigener Kraft stehen konnte, stützte sich auf seinen Gehstock und verlangte nach Informationen. Da erschien aus der Finsternis ein kleiner Soldatentrupp, welcher die Umgebung erkundet hatte. Schnell humpelt der Graf zu ihnen hinüber und fragte aufgeregt:„Wurde etwas gefunden? Ist der Lebensquell hier?“

Verzweifelt ging sein Blick durch die Reihen der Späher. Doch niemand wagte zu antworten. Betroffen und unsicher blickte man einander an, bis eine Soldatin vortrat und erklärte: „Wir haben in Eurer Abwesenheit das Gebiet erkundet. Es handelt sich offenbar um einen Raum, wenn auch von beachtlichen Ausmaßen. Die Wände sind mit seltsamen Linien und Zeichnungen überzogen, ähnlich wie ein Großteil des Bodens. Und außerdem wissen wir absolut nicht, woraus das hier überhaupt gebaut sein soll.“

Darauf stampfte sie leicht auf den Boden. Die Miene des Grafen verfinsterte sich jedoch ob dieser belanglosen Ausführungen und aus Furcht, er würde wieder seinem Zorn freien Lauf lassen, beschloss die Erklärende, schnell zum Wesentlichen zu kommen.

„Nun, im Zentrum des Raumes haben wird tatsächlich etwas gefunden. Wir wussten allerdings nicht, was wir davon halten sollen.“

Berger, der mit dem Bandagieren Bernbachs fertig war, spitzte plötzlich die Ohren und lauschte höchst interessiert.

„Da ist ein… Loch… oder… wir dachten erst, es sei ein Loch, da wir beim hinein blicken nur Schwärze sahen. Dann haben wir uns aber weiter umgesehen und etwas gefunden, was an Kanäle und Zuflüsse erinnerte, von denen scheinbar etwas in dieses Loch lief… Vermutlich ist es es eher so etwas wie ein Becken… Aber das schwarze Zeug darin, ist sicher kein Lebensquell.“

Ohne es zu merken, verriet die Soldatin durch ihren plötzlich abschweifenden Blick, dass die Erinnerung sie beunruhigte. Der Graf jedoch war aufgeregt und verlangte, zu diesem Becken gebracht zu werden.

Die Soldaten wollten ihren Herrn gerade in die Finsternis führen, da trat Doktor Berger, welcher den Ausführungen aufmerksam zugehört hatte, vor und sprach hastig: „Ich werde sie begleiten, werter Herr Graf. Die Wissenschaft verlangt, dass ich der Welt von diesem Ort berichte!“

Schnell griff er sich den Arm des Grafen, um diesen zu stützen. Bernbach, der sich mit seinen versorgten Wunden und unter dem Einfluss der ihm eingeflößten Substanzen des Arztes nun wieder besser fühlte, schloss sich der Gruppe an.

Die Halle musste riesig sein, denn wie sehr der Verwalter seine Laterne auch nach links oder rechts schwenkte, das Licht vermochte keine Wand zu treffen. Ja nicht einmal die Decke konnte er sehen. Lediglich die bizarren Muster auf dem Boden, boten dem Auge ein wenig Abwechslung in dieser trostlosen Leere.

Interessiert versuchte er etwas darin zu erkennen, doch wollte es ihm nicht einmal gelingen einzelnen Strukturen längere Zeit mit dem Auge zu folgen. Begann er, einer der simpleren Formen

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zu folgen, welche scheinbar gerade auf dem Boden verlief, so musste er nach einigen Metern feststellen, dass er begann, sich von der Gruppe zu entfernen. Als einer der Soldaten ihn darauf ansprach, hob er kurz den Blick und war über seine eigene Position zutiefst erstaunt. Den Blick dann wieder zur Erde richtend, war das Muster jedoch verschwunden und erst bei der Rückkehr zur Gruppe konnte er es wieder entdecken.

Sein Herz begann wild zu schlagen, als er feststellte, dass das Muster nun wieder vermeintlich kerzengerade war und er sich entsprechend dessen Spur nie von der Gruppe hätte entfernen dürfen. Ein Soldat, der Bernbachs verwirrten Blick bemerkte, trat an dessen Seite und bemerkte beunruhigt: „Ihr versucht, den Mustern zu folgen, oder? Das mit denen etwas nicht stimmt, ist uns auch schon aufgefallen. Aber wartet erst mal, was Euch da vorne am Becken erwartet. Dagegen sind die Zeichnungen am Boden noch harmlos.“

Der verängstigte Blick des Soldaten wusste Bernbach nur wenig zu beruhigen und er beschloss, sich lieber auf den voraus liegenden Weg zu konzentrieren. Die Minuten vergingen, während man nur begleitet vom hallenden Klang der Schritte auf dem festen Boden und dem Keuchen des entkräfteten Grafen durch die Finsternis schritt. Erst jetzt spürte der Verwalter, dass die Temperaturen in dieser Halle ausgesprochen niedrig waren und fröstelnd zog er die Laterne näher zum Körper.

Der erklärende Soldat drehte sich wieder zu ihm um und scherzte: „Da hat sich unser Herr wirklich einen tollen Ort ausgesucht. Finster, verwirrend und unglaublich kalt.“

Daraufhin holte er tief Luft und atmete aus. Erstaunt betrachtete Bernbach den sichtbaren Atem des Soldaten. Je weiter man ging, desto kälter schien es zu werden.

Dann stoppte der Führer, hob seine Laterne und bemerkte erschaudernd: „Dort vorn ist es.“

In der Ferne konnte man tatsächlich eine Kante ausmachen. Aufgeregt löste sich Schwarzherz aus dem Griff des Arztes und eilte mehr stolpernd denn gehend auf das Becken zu. Der Führer eilte ihm so schnell es ging nach, doch es war schon zu spät und nur wenige Meter vor seinem Ziel stürzte der Graf zu Boden. Doktor Berger schien dessen Unglück jedoch wenig zu kümmern. Bedächtig schritt er auf die Kante des Beckens zu und ließ die Umgebung auf sich wirken.

Nun erkannte Bernbach auch, warum die Soldaten erst dachten, es handle sich um ein Loch. Während diese sich um ihren Herrn kümmerten, eilte der Verwalter dem Arzt nach. Dieser stand, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen da und schaute geistesabwesend in die Ferne. Derweil versuchte Bernbach die Umgebung zu erfassen.

Eine Kante erstreckte sich vor ihm, welche sich zu beiden Seiten in der Finsternis verlor. Jenseits dieser lag eine gewaltige Schwärze, welche man auf den ersten Blick tatsächlich für einen Abgrund halten konnte. Doch als er die Laterne nach unten richtete, erkannte er am Rand der Kante, dass es sich tatsächlich um eine schwarze Substanz handelte, welche jegliches Licht verschlingend gänzlich regungslos die tiefere Ebene ausfüllte.

Der Graf reckte die Hand mit einem Blick tiefster Verzweiflung Richtung Becken, war jedoch außerstande, sich zu erheben. Doktor Berger aber würdigte ihn keines Blickes. Vorsichtig ging er auf die Knie, hob die Hände gen Decke und rief triumphierend: „Endlich habe ich dich gefunden! Sh’n’gha!“

Das seltsame Wort hallte durch den scheinbar endlosen Raum und die bizarre Art, wie der Doktor es zu artikulieren wusste, erschütterte Bernbach. Unfähig zu reagieren, beobachtete er erschrocken das Treiben des Arztes. Dieser knöpfte das Hemd seiner Uniform auf und entkleidete seinen Oberkörper. Die Haut seines Körpers war zerschunden, übersät mit Narben und obskuren Zeichnungen, über deren Ursprung der Verwalter keine Vermutung anzustellen wagte.

Bedächtig zog der vermeintliche Arzt ein Fläschchen, gefüllt mit einer durchsichtigen Substanz, sowie ein einfaches Operationsmesser aus der abgelegten Uniform.

Er harrte einen Moment schweigend, schien sich auf etwas zu konzentrieren. Dann nahm er das Fläschchen, entfernte den Deckel und leerte es in einem Zug. Schweigend ließ er die Substanz auf sich einwirken, während der Graf mit letzter Kraft auf das Becken zu zu kriechen begann.

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Ruhig griff er nun nach dem Messer, wiegte es kurz in seiner Hand hin und her, scheinbar unsicher, ob er es benutzen sollte. Bernbach wollte ihn gerade noch aufhalten, doch es war zu spät.

Berger hatte sich mit schnellen Schnitten die Pulsadern seiner Handgelenke geöffnet und das Messer, schon nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, in den schwarzen Pfuhl geworfen, wo es ohne auch nur die kleinste Welle zu verursachen, sofort versank. Während das Blut aus den frischen Wunden hervorschoss, senkte er in fast feierlicher Haltung die Arme und tauchte diese so tief es ihm möglich war in die Flüssigkeit. Zufrieden blickte er hinab, doch von einem Moment auf den nächsten verzerrte sich seine Miene zu einer entsetzten Fratze. Panisch mühte er sich, die Arme aus der Flüssigkeit zu befreien, doch es wollte ihm nicht gelingen. Hysterisch brüllte er: „Nein, nein, nein, nein! Das darf nicht sein! Es musste funktionieren!“

Während der Arzt verzweifelt um sein Leben kämpfte, musste Bernbach mit ansehen, wie sich der Körper Bergers zu verändern begann. Die Haut begann einzufallen, die Knochen hervorzutreten. Man konnte meinen, er würde in extremer Geschwindigkeit austrocknen. Die Haare fielen ihm aus, Hautfetzen lösten sich. Als der noch lebendige Berger hilfesuchend den Kopf zu ihm dreht, blickte er in die eingefallenen Höhlen eines von dünner Pergamenthaut bespannten Schädels.

Endlich hatte der Kampf ein Ende und der ausgedörrte Leib Bergers fiel zu Boden, woraufhin der Kopf sich durch den Aufprall vom Rumpf löste und in das Becken fiel. Von dort starrte er langsam versinkend zum entsetzten Bernbach hinüber, der sich darum bemühte, mit seinen Ärmeln den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen.

Der Graf, der dem morbiden Spektakel beiwohnen musste, hatte in seinem Kriechen innegehalten. Als der leblose Leib Bergers zusammensackte, schien auch ihn die letzte Kraft zu verlassen und sein Kopf sank regungslos zu Boden. Erschrocken stürzten die Soldaten zu Schwarzherz‘ Körper und prüften, ob dieser noch lebte. Zufrieden stellten sie fest, dass er noch atmete und brachten den bewusstlosen Regenten zurück in das Lager.

Bernbach musste sich jedoch nach diesem Schauspiel erst einmal setzen.Während sich die Soldaten langsam entfernten, konnte er sich langsam wieder beruhigen. Wofür dieser Ort auch einst erbaut worden war, es handelte sich offensichtlich nicht um einen Lebensquell. Da ihm jedoch noch nicht daran gelegen war, wieder in das Lager zurückzukehren, erhob er sich, nahm die Laterne in die Hand und folgte der Kante des Beckens.

Zunächst fiel ihm neben dem wirren Muster des Bodens nichts bemerkenswertes auf. Nachdem er aber einige Minuten gegangen war, erreichte er die Ecke des Beckens und versuchte sich die ganze Größe dieser Halle vorzustellen. So hatte er doch weniger ein einfaches Becken als vielmehr einen See vor sich. Die Neugier packte ihn und er begann nun die Seite des Gewässers entlang zu gehen, immer darauf bedacht, nicht aus Versehen hinein zu stolpern. Da erreichte er jene ungewöhnlichen Konstruktionen, von denen die Soldaten zuvor sprachen.

Auf den ersten Blick sah er breite Säulen und diverse in der Luft befindliche Rampen, Rohre und offene Zuflüsse von denen schwarze Stangen hinab in den See zu führen schienen. Irritiert ging Bernbach näher an die Gebilde heran, welche sich bis weit in die Finsternis jenseits seines Kopfes erstreckten. Er musterte die seltsamen Stangen und wollte wissen, warum diese sich an den Zuflüssen befanden. Und endlich erhielt er eine Antwort auf seine Frage, als er einen seitlichen Zufluss erreichte, welcher auf dem Boden befestigt war, so dass er einen Blick hinein werfen konnte. Es handelte sich nicht um Stangen, sondern um die schwarze Flüssigkeit, welche sich vollkommen gleichmäßig aus den vielen Zuflüssen ergoss, so dass sie aus der Distanz wie feste Körper wirkte.

Die Eigenschaften des schwarzen Zeugs verwirrten ihn. Hatte das Messer zwar keine Wellen geschlagen, versank es doch, als hätte man es in normalem Wasser versenkt. Der Schädel jedoch schien besonders langsam zu versinken. Auch floss die Substanz viel zu gleichmäßig und er war sich langsam nicht mehr sicher, ob er wirklich ergründen wollte, worum es sich hierbei handelte.

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Dann betrachtete er einige der von oben herab hängenden Zuflüsse und er wollte diesen ein Stück folgen, um zu sehen, wohin sie führten. In einem flachen Winkel strebten sie der vermeintlichen Decke entgegen und es verwunderte ihn schon gar nicht mehr, dass er keine Aufhängung für selbige erkennen konnte. Nach einer Weile, in der er konsequent den Zufluss im Auge hatte, bemerkte er, dass mit diesem etwas nicht stimmte. Hatte dieser doch plötzlich den Winkel verändert und führte nach unten, anstatt nach oben. Erstaunt stellte Bernbach beim zurück blicken fest, dass die Bahn nun in ihrer vollen Länge hinter seiner Position nach oben zu laufen schien, als hätte sie dies die ganze Zeit getan und als sei es das Normalste der Welt. Die kuriosen Eigenschaften dieses Ortes schreckten den Verwalter nun nicht mehr und so setzte er, von seiner aufkeimenden Faszination angestachelt, seinen Weg fort.

Er erreichte ein Segment des Raumes, in dem sich mehrere Bahnen in vollkommen wirren Winkeln umeinander wanden und bemühte sich, mit seinen Augen einer einzelnen Bahn zu folgen, welche sich erst hin und dann her wand nur um hinter einer anderen zu verschwinden und anstatt über dieser wieder zu erscheinen, plötzlich unter dieser weiter führte. Überhaupt machten die Bahnen von seiner Position aus keinen Sinn. Entweder bedienten die Erbauer sich einer ausgeklügelten optischen Täuschung oder hier war etwas ungeheuerliches am Werk.

Anschließend trat er zu einem besonders breiten Zufluss hinüber und er wollte prüfen, ob sich die Flüssigkeit tatsächlich bewegte. So zog er sein altes Taschentuch hervor und warf es in jenen sich scheinbar regungslos nach unten ergießenden Zufluss. Zu seiner Verwunderung sank das Tuch jedoch nicht nach unten, sondern trieb langsam und sanft nach oben.

Damit hatte Bernbach dann jedoch genug von diesem verhexten Ort und er fragte sich, wer oder was diese absurden Gebilde konstruiert hatte. Nachdenklich schritt er zu einer der Säulen, befühlte das sich auf ihr hinauf schlängelnde Relief. Konnte er diesem zunächst noch folgen, so schien es ihm bereits nach wenigen Zentimetern, dass das Gesehene und das Gefühlte nicht mehr übereinstimmten. Er fühlte, wie er seinen Arm geradeaus streckte, sah ihn jedoch weiter oben. Weiter und weiter glitt er über das kalte Relief und auch die aufkeimende Taubheit in seiner Hand konnte ihn nicht aufhalten.

Runde um Runde schritt er um die Säule. Wo seine Hand tatsächlich auf dem kalten Zylinder lag, konnte er nicht mehr benennen und er schien sich gänzlich in der fremdartigen Erfahrung zu verlieren. Er fühlte, wie er eins mit diesem Ort zu werden schien. Die Luft um ihn herum wurde wärmer und ein Gefühl der Geborgenheit stellte sich in ihm ein.

Doch gleich einer gewaltigen Flutwelle wurde sein Geist plötzlich von einer zutiefst erschütternden Ahnung hinweggefegt. Es schien ihm, er würde sich an etwas erinnern. An etwas, was vor seinem Leben lag, vor dem Kaiserreich, ja noch vor den Menschen überhaupt. Eine Erinnerung scheinbar älter als die Zeit selbst erfasste ihn und er spürte, wie er sich in einem endlosen Kosmos als kleines Staubkorn gänzlich zu verlor. Umfangen von dem Gefühl, als winziges Wesen etwas unvorstellbar Großem gegenüber zu stehen, schien er zunehmend von einer überirdischen Kraft übermannt zu werden. Unsagbar klein war er im Angesicht dieser überbordenden Erfahrung, die ihn zusehends zu erdrücken drohte.

Erschrocken zog er die Hand von der Säule zurück und augenblicklich erlosch das fremdartige Gefühl. Doch die Leere blieb. Langsam schritt Bernbach zur Kante des finsteren Sees hinüber und starrte auf die glatte, vollkommen schwarze Oberfläche.

Es war alles bedeutungslos: Diese Reise, all die Toten und das Leid. Ja, sein ganzes bisheriges Leben schien ihm im Kontext der gefühlten unsäglichen Leere vollkommen bedeutungslos. Doch er musste nicht länger damit Kämpfen.

Ein einfacher Schritt würde alles beenden…

Langsam rückte Bernbach näher an die Kante heran, fixierte den See mit einem glasigen Blick.

Nur ein Schritt…

Vorsichtig hob er das rechte Bein, wollte den letzten Schritt seines Lebens gehen, doch dann hallten

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Schritte durch die Dunkelheit. Ein Licht näherte sich in der Ferne und die Stimme eines Mannes erklang: „Bernbach? Seid Ihr hier? Hallo?“

Der Verwalter trat von der Kante zurück und hinter einer der Säulen hervor, woraufhin er einen der Soldaten erblickte, welcher eine Laterne mit sich führte. Dieser kniff kurz die Augen zusammen, hob die Lichtquelle und eilte dann freudigen Schrittes zu ihm.

„Da seid Ihr ja. Ihr wart vorhin plötzlich verschwunden und wir fürchteten schon, Euch sei etwas geschehen. Ihr müsst mit zurück ins Lager kommen. Der Graf ist bewusstlos und keiner weiß so Recht, wie wir weiter verfahren sollen.“

Bernbach blickte noch einmal kurz zum See hinüber, sammelte sich dann jedoch und erklärte dem Soldaten, dass er den Raum erkundet habe und dass dieser Ort definitiv nicht für Menschen geeignet sei. Es wäre besser, wenn man hier nicht zu lange verweilte.

10. Ein letzter Weg

Eine düstere Stimmung hatte sich über das Lager gelegt. Betroffene Blicke wurden ausgetauscht und Resignation lag in der Luft. Es schien, man wartete, auf das Unausweichliche, was nun am Ende des Pfades auf sie wartete.

„Er liegt hier drüben.“, sprach das Soldat, mit der Laterne auf ein von gestapelten Kisten gesäumtes Areal verweisend.

„Wir haben uns bemüht ihm einen einfachen Sichtschutz zu bauen. Das ist sicher nicht optimal aber immer noch besser als in dieser endlosen Dunkelheit zu liegen.“

Bernbach schritt durch die Reihen der Männer und Frauen des Zugs. Keines Blickes wurde er gewürdigt, waren doch alle Augen auf jenen verborgenen Punkt gerichtet. Vorsichtig bog er um die Kisten herum und erblickte den Grafen, welcher regungslos aber noch schwach atmend auf einer Liege ruhte. Zu seiner Seite kniete gesenkten Blickes Marie, sanft seine Rechte mit ihren Händen umschließend.

Als der Verwalter sich zögerlich näherte hob sie den Kopf, fixierte ihn wortlos mit verweinten Augen. Leise schritt er hinüber zu seinem Regenten und kniete sich auf den Boden.

„Was sollen wir tun?“, schluchzte Marie kaum hörbar.

Doch Bernbach wusste es nicht. Nachdenklich strich er mit der Hand über sein Gesicht und schüttelte dann resignierend den Kopf. Er gab Marie zur Antwort, dass man lediglich abwarten könne.

Unter des Verwalters Worte mischte sich plötzlich ein leises flüstern.

„Ich will nicht sterben… Nein…“

Die Blicke richteten sich auf das totenbleiche Gesicht des Grafen, deren in tiefe Schatten gehüllte Augen sich langsam ein Stück zu öffnen begannen. Müde ließ er den Blick erst zu Marie wandern, legte seine linke Hand auf die ihren und bemerkte ruhig: „Marie… Du bist noch hier… wie schön…“

Die junge Frau wurde von ihren Gefühlen übermannt. Die Tränen rannen über ihr verzweifeltes Gesicht, doch sie bemühte sich um ein Lächeln, nickte und legte ihren Kopf auf Schwarzherz‘ Hand. Dieser lächelte leicht, wandte dann den Kopf zur anderen Seite und erblickte seinen Administrator. Das wahnsinnige Funkeln war aus seinen Augen gewichen, nur schwach war die violette Farbe noch zu sehen.

„Ihr seid der Verwalter… habt mich vor den Kruk gerettet… mein Leben bewahrt… Und doch erinnere ich mich nicht einmal an Euren Namen…“

„Johannes Bernbach, mein Herr.“, gab der Verwalter mit fester Stimme zur Antwort.

Schwarzherz ließ den Blick nachdenklich durch die Luft wandern und fixierte wieder den Verwalter.

„Ja, ich erinnere mich… Wie geht es Eurer Frau und Eurem Sohn?“

Des Grafen Blick begann wieder abzuschweifen, langsam schlossen sich seine Augen, während er leise zu sich selbst sprach.

„Johannes Bernbach…“

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Der Verwalter sah, dass er im Moment nichts tun konnte und setzte sich auf den Boden, sich gegen die Wand aus Kisten lehnend. Da zog ein brennender Schmerz durch seinen Brustkorb. Die Zähne zusammenkneifend musste er feststellen, dass das Tonikum des Arztes wohl seine Wirkung verlor. Er bemühte sich ein wenig Ruhe zu finden und schloss die Augen.

Tiefen Schlaf vermochte er nicht zu finden, doch von Zeit zu Zeit dämmerte er hinüber in das Reich der Träume. Wenn er zwischenzeitlich wieder erwachte, vernahm er das Wimmern Maries und das Flüstern des Grafen, der im Delirium nun schon nicht mehr auf sein Umfeld reagierte.

„Nicht sterben… nicht sterben… nicht sterben…“

Die Worte begleiteten Bernbach wieder hinüber in das Reich der Träume.

„Herr Bernbach, wacht auf! Schnell!“

Maries aufgeregte Stimme riss den Verwalter aus seinen Träumen. Verwirrt öffnete er die Augen und erblickte die junge Frau, die, die Hand des Grafen fest umschlossen zu ihm herüber schaute. Schwarzherz wurde von einem fürchterlichen Hustenanfall erfasst und gurgelnd sprühte ihm das Blut aus Mund und Nase, lief sogar aus Ohren und Augen. Panisch sprang Bernbach hinüber zur Liege und versuchte den Oberkörper Schwarzherz‘ anzuheben, damit dieser wieder Luft bekam. Doch der gebeutelte Graf war unfähig sich in irgendeiner Weise aufrecht zu halten. Während mehr und mehr des roten Safts aus dem gebrochenen Körper quoll, fixierte Schwarzherz den Verwalter mit einem Blick unbeschreiblicher Angst.

Einzelne Worte waren im fürchterlichen Husten des Grafen noch zu vernehmen.

„…will… nicht… sterben…“

Doch das Blut verschloss ihm zusehends die Atemwege und die Stimme erstarb in einem unverständlichen Gurgeln. Der Rest des Trosses wurde durch den Lärm aufgescheucht und versammelte sich nun um den Ruhebereich des Grafen, mit verzweifelten Blicken den Kampf ihres Regenten betrachtend.

Das Bett war bereits in Gänze in tiefes rot getaucht und eine Pfütze begann sich auf dem Boden auszubreiten. Da bäumte sich der wahnsinnig hustende Graf noch einmal auf, packte die Hand Bernbachs und drückte sie mit fast unmenschlicher Kraft zusammen. Hilfesuchend starrte er ihn an, doch wie sollte der Verwalter ihm nur helfen? Er ergriff nun auch mit der anderen Hand die zusammengeballte Faust des Grafen.

Ein letztes gewaltiges Husten brachte einen breiten Schwall Blutes hervor. Dann bemerkte Bernbach, wie die Hand des Grafen ihre Umklammerung löste. Leblos stürzte sein Körper auf die Liege nieder, die leeren Augen in die Finsternis über ihm gerichtet.

Marie stieß einen Schrei des Entsetzens aus, packte die Schultern des Grafen und schüttelte ihn mit aller Kraft durch, doch der Körper zeigte keine Regung.

„Erwache Magnus! Du darfst nicht gehen! Lass mich nicht allein!“

Wütend trommelte sie mit ihren Fäusten auf den blutgetränkten Brustkorb Schwarzherz‘. Doch der Verwalter ergriff ihre Hände und bedeutete ihr, dass es keinen Sinn machte. Mit tränenüberlaufenen Augen blickte sie noch einmal hinab zu dem Grafen und kroch plötzlich zurück, bis eine Kiste in ihrem Rücken ihren Weg stoppte. Lautstark weinend kauerte sie sich auf dem Erdboden zusammen.

Bernbach erhob sich und bemerkte erst jetzt, dass auch seine Kleidung in das Blut des Grafen getränkt war. Die ausufernde Pfütze zu Füßen der Liege legte nahe, dass in diesem leblosen Körper kein einziger Blutstropfen mehr ruhen konnte.

Durch die Lache stapfend verließ er den Ort des Geschehens, während die Blicke der Vasallen auf ihm ruhten. Er brauchte einen Moment um sich zu sammeln, holte tief und langsam Luft.

Nun da ihr Herr tot war, wie sollten sie da weiter machen?

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11. Flucht von Pangra

Der Zug war wieder reisefertig und der Moment der Heimreise rückte näher. Nur eine Sache blieb dem Liberheimer Tross zu tun. Da der Transport des Grafen zurück in die Heimat nicht möglich war, beschloss man ihn hier, an dem Ort, den er mit aller Kraft zu erreichen suchte, zur Ruhe zu betten.

Zwar vermochte man den Körper des Grafen vom Blut zu reinigen, doch die Uniform war ruiniert. Als darüber beraten wurde, wie ihr Herr zu bestatten sei, meldete sich unvermittelt Marie zu Wort, öffnete jene ominöse Schachtel, welche Bernbach schon zuvor als Zentrum ihres Interesses erkannt hatte und gab den Blick auf die schwarze Paradeuniform des Grafen frei.

Es schien, sie war sich schon die ganze Zeit über den Ausgang dieser Reise im Klaren und hatte entsprechend Vorbereitungen getroffen. Und dennoch folgte sie ihm in dieses fremde Land.

Man machte sich daran, den Grafen in seine Uniform zu kleiden, ihm die dunkelviolette Schärpe des Hauses Schwarzherz umzulegen, rückte alles zurecht, kämmte ihm noch einmal das Haar und zog ihm sogar seine zur Schärpe passenden Handschuhe an. Zu guter Letzt platzierten sie ihn auf der Liege, deren Beine zuvor entfernt wurden und schoben diese an den Rand des schwarzen Sees.

Da ruhte er nun, mit geschlossenen Augen und auf dem Körper gefalteten Händen, als würde er nur schlafen, an diesem Ort der Finsternis. Einige Kerzen welche man noch in den Vorräten finden konnte, wurden aufgestellt und man versammelte sich in einem Halbkreis um die letzte Ruhestadt des Grafen.

Erschöpft wischte Bernbach den Schweiß von seiner Stirn. Ihm war fürchterlich heiß, was ihn insofern irritierte, als ihm doch zuvor an diesem Ort so kalt gewesen war. Ja, er konnte sogar den Atem der umstehenden in der Luft wabern sehen, als er den Blick durch die Reihen schweifen ließ. Erst jetzt bemerkte er, dass er Marie gar nicht entdecken konnte. Ohne sie konnte man Schwarzherz wohl kaum verabschieden.

Doch da erklang ihre sanfte Stimme aus der Dunkelheit.

„Einen Moment noch. Ich hatte etwas vergessen.“

Das rote, wellige Haar erschien zwischen einigen Vasallen und schnell eilte sie hinüber zum Körper des Grafen. In ihrer Hand trug sie den schweren Gehstock des Grafen, den sie nun vorsichtig in dessen Hände legte. Würde er nicht liegen, könnte man nun meinen, er wäre auf einem seiner Spaziergänge wieder gänzlich in seine Gedanken versunken.

Ihr Gesicht zeigte keine Trauer mehr, vielmehr beugte sie sich noch einmal innig lächelnd zum Gesicht Schwarzherz‘ hinab und strich ihm mit einer sanften Geste über die blasse Haut. Dann trat sie einige Schritte zurück und nickte Bernbach zu.

Gemeinsam stimmten sie ein altes Begräbnislied Thoras an, dessen Benutzung im Kaiserreich schon lange nicht mehr üblich war. Die Worte waren längst verloren gegangen, doch an die Melodie erinnerte man sich noch sehr genau. So summten sie die Hymne des neuen Aufbruchs, welche zunächst ruhig und melancholisch begann, dann jedoch immer kraftvoller und lebensbejahender wurde.

Im alten Thora diente die Beerdigung eines Verstorbenen nicht dem Beklagen des Toten. Vielmehr übergab jener, der auf die andere Seite getreten war, den Lebenden diese Welt. Man erinnerte sich daran, wie kostbar das eigene Dasein war und feierte das Leben. Die Kirche des Lichts hatte diesen Ritus lange zu unterdrücken versucht, doch wenn auch vieles vergessen wurde, so vermochte sie es nicht ganz, die Erinnerung auszulöschen.

Als das Lied seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann man die Liege über die Kante zu schieben, welche nachgab und in den schwarzen Pfuhl stürzte. Dort ruhte sie kurioserweise noch einen Moment, bevor sie langsam ohne auch nur ansatzweise in eine Richtung zu kippen unterzugehen begann.

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Es war vollbracht. Magnus Schwarzherz wurde in die andere Welt entsandt. Doch nun wartete der schwierige Teil auf die Überlebenden, welche entschlossen waren, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Man ließ allen unnötigen Ballast zurück und machte sich mit den nötigsten Utensilien wieder auf den Weg zurück zum Schiff. Dass die Vorräte wohl niemals ausreichen würden, sofern alle überlebten, war offensichtlich. Doch niemand wagte diesen Gedanken auszusprechen. Wie der Hinweg gezeigt hatte, waren Verluste unvermeidlich, aber man dachte nur an die süße Umarmung der Heimat. Erfüllt von einem letzten Rest der Entschlossenheit, setzten sich die Überlebenden des Trosses in Bewegung und verließen jene Halle der Dunkelheit.

Die Tage zogen ins Land und der Zug war fähig ohne besondere Ereignisse das erste Segment der Reise zurück zu legen. Allein Bernbach fühlte sich zusehends elend. Die Wunde brannte unter ihrem Verband und der Schädel brummte ihm. Doch er konnte nicht aufgeben. Es war nun an ihm, diese Menschen sicher nach Hause zu führen.

Das Zentrum der Ruinen hatte man bereits hinter sich gebracht und die Flanken der Straße wurden wieder zunehmend vom Grün des Dschungels gesäumt. Freuen über das schnelle Vorankommen konnte Bernbach sich aber nicht. Hatte er doch schon seit einigen Tagen das Gefühl, dass sie aus den Ruinen beobachtet wurden. Von Zeit zu Zeit schien es ihm, als würde er Schatten durch das Gehölz huschen sehen. Doch wenn er jemanden darauf hinwies, erntete er stets irritierte Blicke und man sagte ihm, er solle sich ein wenig hinlegen.

Tatsächlich verschlechterte sich sein Zustand zusehends und sein Leib wurde abwechselnd von unsagbarer Kälte und enormer Hitze geplagt, indes er die Wunde unter dem durchnässten Verband schon gar nicht mehr spüren konnte. Der stechende Geruch, der von ihr ausging, war ihm jedoch ein ausreichendes Zeichen.

Hoffnungen wieder die Heimat zu sehen, machte er sich schon nicht mehr, doch wollte er die letzten Mitglieder des Gefolges noch so weit führen, wie es ihm möglich war. Glücklicherweise breitete sich das Fieber ungewöhnlich langsam in ihm aus. In anderen Fällen waren die Patienten schon nach wenigen Tagen verstorben. Es schien, der Doktor habe ihm vor seinem Ableben noch einen wichtigen Dienst erwiesen.

Ein neuer Tag brach an und wie zuvor errichtete man ein notdürftiges Lager. Man hatte nur wenige Zelte mitgenommen, unter denen sich die Mitglieder des Trosses eng aneinander gedrängt vor der Sonne zu schützen versuchten. Bernbach pflegte jedoch unter einem der abgestellten Wagen zu ruhen, da er seine Mitstreiter weder mit seiner Wunde belästigen noch mit seinem Dahinsiechen beunruhigen wollte. Wenngleich dieser Ruheort wenig komfortabel war, so erfüllte er doch seinen Zweck.

Bemüht etwas Ruhe zu finden, schloss er seine vom Fieber mitgenommenen Augen und dachte an seine Frau und seinen Sohn, welche von nun an ohne ihn auskommen mussten. Seine zunächst unschuldigen Gedanken schlugen jedoch langsam und kaum bemerkt um in einen bizarren Fiebertraum, als Bernbach langsam zu schlafen begann. Wirre Bilder flimmerten vor seinen Augen: der Dschungel, die Ruinen, der schwarze See, der Graf und all das Blut… und plötzlich erschienen die fürchterlichen Kruk und der Vernarbte, welche wild kreischend um ihn herum zu tanzen schienen.

„Die Kruk! Die Kruk greifen an!“

Das wilde Geschrei des Wachpostens ließ den Verwalter schlagartig in die diesseitigen Sphären zurückkehren und auffahren, woraufhin er sich jedoch nur den Kopf anschlug und benommen, wieder zu Boden ging. Die Sonne verschwand bereits am fernen Horizont.

Er bemerkte das Chaos im Lager; die wild umher springenden Menschen, welche von den Bestien dieses Kontinents umgerissen wurden; die Soldaten, welche sich bemühten, den Kreaturen mit ihren Schwertern Herr zu werden. Doch der kleine Truppe konnte sich kaum gegen die Überzahl der aus

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dem Dschungel stürmenden Monster erwehren. Bernbach war bestrebt, hinaus zu eilen, um den Seinen zu helfen, allein ein letzter Funke der Logik hielt ihn zurück. Würde er in seinem Zustand doch ohnehin nichts ausrichten können.

Da man ihn noch nicht bemerkt hatte, bemühte er sich, all seine verbleibenden Geisteskräfte zusammen zu nehmen und einen Plan zum Gegenschlag zu ersinnen. Seine fiebrigen Augen schweiften über die Umgebung, suchten nach etwas von Nutzen. Kochutensilien, Nahrungsvorräte… und ein Krug mit Öl.

Vorsichtig kroch er auf das verheißungsvolle Behältnis zu, riss den Deckel herunter und rutschte, beim Versuch den Krug zu fassen ab, so dass dieser umgestoßen seinen Inhalt über den Boden ergoss. Bernbachs Plan, einen Sprengsatz zu basteln war gescheitert, doch womöglich würde auch einfaches Feuer reichen. Während mehr und mehr Mitglieder des Trosses von den wilden Bestien zerfetzt wurden, wühlte er in einem Stapel von Kochbedarf herum, in der Hoffnung, etwas zur Entfachung eines Feuers zu finden. Doch er konnte nichts finden. Er erinnert sich der Brennbacher-Sofort-Zünder, die der Tross in seinem Lager haben musste, fand jedoch keinen davon in diesem Stapel.

Da setzt er alles auf eine Karte, griff sich eines der Küchenmesser und einen herumliegenden Stein und mühte sich lautstark damit ab, einen Funken durch aufeinander schlagen der beiden zu erzeugen. Dies zog jedoch die Aufmerksamkeit der Kruk auf sich, die nun den schützenden Wagen zur Seite stießen und im Begriff waren, den Verwalter zu ergreifen.

Erschrocken ließ er den Blick nach oben fahren, schlug jedoch noch einmal die beiden Objekte aufeinander, woraufhin sich der ersehnte Funke löste, auf den Rand der Öllache traf und die vergossene Substanz in Brand setzte. Entsetzt rissen die zuvor nach zornentbrannten Kreaturen ihre grünen Augen auf und sprangen davon.

Die Biester fürchteten tatsächlich das Feuer, doch es war offensichtlich, dass man mit den lodernden Flammen nur Zeit kaufen konnte, harrten die haarigen Ungeheuer doch in einiger Entfernung aus, bildeten sogar einen geschlossenen Ring um das Lager, so dass Flucht keine Option mehr war.

Endlich konnte sich Bernbach aufrichten und die Lage überblicken. Ein Bild des Grauens offenbarte sich ihm. Fast alle Mitglieder des Trosses waren tot, der Boden von unzähligen zerrissenen Leichen übersät. Eine Soldatin der Ehrengarde, harrte noch aus und richtete ihr Schwert bedrohlich in Richtung der lauernden Kreaturen. Derweil war ein überlebender Träger darum bemüht, jemanden unter einigen toten Leibern hervor zu ziehen. Bernbach eilte ihm zu Hilfe und erkannte unter den Toten das Gesicht Maries, die sich nun langsam aus ihrer misslichen Lage zu befreien wusste. Suchend überflog Bernbach das kleine Lager, in der Hoffnung, noch einen Überlebenden zu entdecken, doch schnell wurde klar, dass nur sie vier noch übrig waren.

„Ihr solltet näher zum Feuer kommen. Ich glaube nicht, dass die Biester sich noch lange zum Narren halten lassen.“, bemerkte die Gardistin trocken.

Tatsächlich machte sich unter den Kruk auf der vom Feuer abgewandten Seite Unruhe breit. Da ergriff der stämmige, glatzköpfige Träger den letzten der Ölkrüge und zog einen weiten Kreis um die kleine Gruppe, welchen er mit einem entfachten Scheit in Flammen setzte. Ohne ein Wort zu verlieren setzt er sich auf den Boden und harrte stoisch der Dinge, die noch kommen sollten. Die Gardistin steckte das Schwert weg, nahm den Helm vom Kopf und entblößte ihr kurz geschorenes braunes Haar. Sie betrachtete die Kruk, welche nun wieder auf Abstand gegangen waren, zuckte mit den Schultern und begann in einer nahen Kiste herum zu wühlen.

Bernbach fühlte sich trotz des Feuerringes sichtlich unwohl und beschloss, sich lieber eine eigene Waffe zu organisieren. Den Toten würde ihre Habe sicher nicht fehlen und so ergriff er sich die Klinge eines zerfetzten Gardisten. Als er mit seiner Beute zu den anderen zurückkehrte, hatten diese auf dem Boden schon eine Runde gebildet. Der Verwalter gesellte sich zu ihnen.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Monstren uns verschlingen werden. Auf was warten wir

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denn an diesem Ort? Mir scheint, die Aussicht auf Hilfe ist uns nicht gegeben.“

Marie ließ resigniert den Kopf sinken.

Die Soldatin löste den Korken von einer Flasche, welche sie aus der Kiste gefischt hatte und bemerkte fast belustigt.

„Es ist ja nicht so, als hätten wir Alternativen. Aber wenn es Euch hier nicht gefällt, könnt Ihr ja gern gehen.“

Der stämmige Träger nickte zustimmend und gab lediglich ein kurzes „hmm“ von sich. Nachdem sie sich einen tiefen Schluck aus der Flasche gegönnt hatte, bemerkte die Gardistin: „Wir haben jetzt erst einmal eine ganze Weile Ruhe vor den Biestern. Das Öl ist schließlich das gute Zeug aus Ita, Kalafin. Das brennt Tage, wenn man es nicht erstickt oder Wasser darüber schüttet. Und ich glaube nicht, dass die Biester schlau genug sind, einen Wassereimer zu holen.“

Sie drehte den Korken der Flaschen ein paar mal zwischen ihren Fingern hin und her und warf ihn schließlich in hohem Bogen durch den Flammenring und einem der Kruk ins Gesicht, dem diese Behandlung offensichtlich missfiel.

„Wenn ich bedenke, wie viel von dem Zeug hier auf dem Boden ist, verhungern wir vermutlich, bevor uns diese Viecher kriegen.“

Die Gardistin gönnte sich einen weiteren Schluck aus der Flasche, während der Träger ihr mit einem erneuten „hmm“ zustimmte. Das Schwert an seiner Seite, legte sich Bernbach rücklings auf den Boden, bemüht, noch ein wenig für einen etwaigen Ernstfall zu verschnaufen.

Nachdenklich betrachtete die Soldatin die neben ihr sitzende Marie und fragte: „Seid Ihr nicht das Liebchen vom Grafen gewesen?“

Marie hob den Kopf und schaute die Frau mit den markanten Gesichtszügen böse an. Diese verdrehte die Augen und ergänzte: „Hey, ich wollte Euch nicht beleidigen… Wie auch immer, ich denke Ihr habt das nötiger.“

Auffordernd hielt sie Marie die Flasche vor das Gesicht, doch diese winkte ab. Da zuckte die Gardistin mit den Schultern und reichte die Flasche dem auf der anderen Seite sitzenden Träger, der die Flasche mit einem erneuten „hmm“ ergriff und einen tiefen Schluck aus dieser nahm. Anschließend reichte er das Getränk hinüber zu Bernbach, welcher jedoch nicht bemerkte, dass man man etwas von ihm wollte. Darum tippte er den Verwalter mit dem Boden des Behältnisses an, worauf Bernbach die Augen aufschlug.

Zunächst war er unsicher, ob ihm der Alkohol guttun würde. Er ließ den Blick über die draußen lauernden Kruk schweifen und erblickte sehr zu seinem Entsetzen, den Vernarbten, der abwartend vor seinen Kameraden auf und ab schritt. Zornig ergriff er die Flasche, stürzte den verbleibenden Rest des Weins seine Kehle hinab und warf, so gut ihm das noch möglich war, die Flasche nach seinem Nemesis. Dieser wusste mit der nahenden Flasche nichts anzufangen und machte keine Anstalten ihr auszuweichen, woraufhin diese mit einem lauten Knall in seinem Gesicht zerbarst. Blut begann aus den Schnitten im Gesicht des Biests zu rinnen und es stürzte wütend auf die kleine Gruppe zu. Doch als es geistesabwesend das Feuer berührte, verbrannte es sich die Finger. Zornig sprang der Kruk wieder einige Meter zurück und kreischte böse. Der Träger gab lediglich ein zufriedenes „hmm“ von sich, während die Gardistin, schon sichtlich angeheitert, loslachte.

Bernbach merkte jedoch wie der Alkohol in seinem fiebrigen Körper seine Wirkung entfaltete und zog es vor, sich wieder hinzulegen.

Während das Feuer die Umgebung in seinen wabernden Schein tauchte, blickte Marie gedankenverloren hinauf zum Firmament und betrachtete die Sterne, die schweigend ihre Bahnen am Nachthimmel zogen. Bernbach bemühte sich, am finsteren Nachthimmel irgendetwas zu erkennen, doch es wollte ihm nicht mehr gelingen. Seine Augen waren trocken und schmerzten, versagten in seinem glühenden Schädel langsam ihren Dienst.

Eine unsagbare Müdigkeit erfasste ihn und er wollte nur noch schlafen.

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12. Von den Göttern verlassen

Allmählich begann sein Geist abzudriften, in eine Sphäre jenseits des Wachseins und jenseits des Traums. Der Schein der Flammen vermischte sich mit den tanzenden Schatten der Umgebung. Grüne Augen umringten ihn, tanzten umher, während die Gardistin lachte. Er sah Pflanzen, dichten Dschungel. Ranken packten seinen Leib, waren im Begriff ihn zu zerreißen. Doch dann zerfloss das Grün des Dschungels in ein undurchdringliches Schwarz, in dem er langsam versank. Graf Schwarz schwebte nachdenklich über dem endlosen, schwarzen Meer und Bernbach streckte ihm verzweifelt den Arm entgegen, doch konnte er ihn nicht erreichen. Doktor Berger erschien und stieß den Grafen zur Seite, der daraufhin im Ozean der Nacht versank. Plötzlich erhoben sich von allen Seiten Kruk aus der Flüssigkeit, die sich langsam näherten. Doch als sie ihn fast erreicht hatten, erbebte das Meer und eine gewaltige Welle fegte die Kreaturen hinweg. In ihrem Zentrum erhob sich das verdrehte Antlitz des Grafen.

„Hey, aufwachen! Wacht doch endlich auf!“

Bernbachs Geist begann sich zu sammeln, wieder in die Realität hinüber zu gleiten. Seine Kleidung war durchnässt, die Glieder schmerzten ihm. Vorsichtig schlug er die Augen auf und erkannte das verschwommene Gesicht der Gardistin, welche ihn ordentlich durchschüttelte.

„Endlich seid Ihr wach. Wir bekommen ein ernsthaftes Problem.“, sprach sie und wies mit der Hand gen Himmel.

Es war dem Verwalter nicht möglich, Details zu erkennen. Das Firmament stellte sich ihm als einzige trübe Fläche da. Allein die Farbe verwunderte ihn. Wurde die sonst vorherrschende blaue Farbe des Tages doch von einem dunklen Grau verdrängt.

Der Träger gab ein nachdenkliches „hmm“ von sich, während Marie wie gebannt nach oben starrte.

„Die ganze Zeit mussten wir uns durch die brennende Sonne kämpfen und nun, wo uns das trockene Wetter zugute käme, zieht ein Sturm auf. Und da soll mir einer nochmal sagen, die Götter, heißen sie Vortex, Ilindura oder Hans Schmalspur, würden über uns wachen.“

Zornig biss die Gardistin die Zähne zusammen, während sie die finstere Sturmfront betrachtete, welche langsam heran zog. Wenn er auch die Wolken nicht mehr erkennen konnte, so spürte Bernbach doch den aufkommenden Wind auf seiner verschwitzten Haut. Er hatte schon fast vergessen, wie sich Wind anfühlte.

Langsam begannen sich die Pflanzen in den Ruinen in den aufkommenden Windböen zu bewegen. Die Flammen auf den Öllachen tanzten umher, ließen sich durch den neuen Luftstrom jedoch nicht beeindrucken. Indessen lauerten ringsumher noch immer die Kruk, welche regelrecht auf den nahenden Sturm zu warten schienen. Man konnte meinen, sie wussten, was geschehen würde.

Der Vernarbte hatte sich nahe der brennenden Barriere auf den Boden gesetzt und fokussierte durch die Flammen hindurch seine Beute.

Unaufhörlich stürmte die graue Wand weiter über den Himmel und benetzte die Erde mit ersten Tropfen warmen Regens. Noch verdampfte das Nass in den umher gepeitschten Flammen, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis das flüssige Element die Oberhand gewinnen würde. Die Gardistin erhob sich und zog ihr Schwert, sich auf den wohl letzten Kampf ihres Lebens vorbereitend. Der Träger suchte derweil zwei weitere Klingen in den Überresten des Trosses und forderte mit einer vehementen Geste Marie dazu auf, eine von diesen an sich zu nehmen. Zögerlich ergriff die jungen Frau die schwere Waffe, kaum imstande, sie korrekt zu führen.

Langsam erhob sich nun auch Bernbach vom Boden, sich dabei auf das zuvor geplünderte Schwert stützend.

Der Wind wurde zusehends stärker, wirbelte das lange Haar Maries wild umher, während der stärker werdende Regen die Flammen hinab zu drücken begann. Nur schmählich flackerte die einst so stolze Barriere noch, doch den Kruk war auch dieser kümmerliche Rest nicht geheuer und sie

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schritten aufgeregt vor den Überlebenden auf und ab. Den Vernarbten wusste das letzte Glimmen jedoch nicht mehr zu schrecken und er sprang mit einem flinken Satz in den letzten Zufluchtsort der Menschen.

Der Träger gab ein ernstes „hmm“ von sich und ließ einen gewaltigen Hieb auf den Kruk hernieder fahren. Dieser wich dem Schlag jedoch mit einer schnellen Bewegung aus. Die Klinge raste gen Boden und zerbarst unter der ungeheuren Wucht des Angriffs.

Die Gardistin wollte die Gelegenheit nutzen und die Kreatur zu töten, während sie abgelenkt war. Mit einem flinken Hieb suchte sie den Feind niederzustrecken. Doch wenn das Schwert auch sein Ziel fand, so konnte es sich nur geringfügig in das Fleisch des Monsters graben. Zornig ob der zugefügten Wunde kreischte die Kreatur fürchterlich und schlug wild um sich. Der Träger wurde durch einen der Hiebe zu Boden geworfen, während die Gardistin, unfähig, ihre Klinge wieder aus dem Körper des Monsters zu befreien, von ihrer Waffe abließ und ein Stück zurück sprang.

Der Vernarbte beruhigte sich, betrachtete dass in seiner Seite steckende Schwert und zog es in einem schnell Ruck aus seinem Körper. Wenn die Wunde auch blutete, so hatte sie kaum das Fleisch des Biests verletzt. Mit einem abfälligen Grunzen schleuderte der Kruk das Schwert davon. Diese Zurschaustellung seiner Kraft schüchterte Marie so sehr ein, dass ihren regennassen Händen die Klinge entglitt.

Bernbach konnte nur noch die dunklen Umrisse seines Feindes erkennen. Doch das war ihm genug. Den Griff um das Schwert festigend stürmte er in wilder Raserei auf den Kruk zu und ließ Hieb um Hieb auf die Kreatur niederfahren. Die Gardistin, welche bemerkte, dass der Verwalter kaum imstande war, noch zu zielen, legte ihren Arm um Marie und zog diese ein Stück vom Ort des Gefechts zurück. Am Himmel übernahmen Blitz und Donner das Regiment.

Im Versuch sich zu schützen, blockte der Vernarbte die Angriffe des Menschen mit seinen Armen, wobei jeder Hieb Fetzen aus Fell und Fleisch aus seinem Körper rissen. Doch Bernbach spürte, wie sein Körper langsam seinen Dienst versagte, wurde stetig langsamer und war letztlich kaum noch fähig, das Schwert zu heben. Darauf hatte der Kruk gewartet. Mit einem gewaltigen Hieb seines blutigen Arms fegte er den Verwalte weg, der krachend zu Boden ging. Benommen versuchte er sich aufzurichten, doch dies wollte ihm nicht mehr gelingen.

Der Regen ergoss sich nun wie aus Eimern und Sturmböen peitschten in sein Gesicht. Stillschweigend waren die Flammen des Ringes erloschen und die Kruk bewegten sich, noch unsicher, ob das Hindernis nun auch gänzlich verschwunden war, langsam auf die Menschen zu.

Nun war alles aus. Die Götter hatten bewiesen, dass ihnen das Leben der Sterblichen nichts bedeutete.

Triumphierend schritt der Kruk auf den am Boden liegenden Verwalter zu, um zu beenden, was er begonnen hatte. Er hob seine Klaue, war gerade im Begriff zuzuschlagen, da begannen seine Kameraden aufgeregt zu kreischen und ängstlich zurück zu weichen. Der Vernarbte ließ, irritiert ob dieses Durcheinanders, von seinem Opfer ab und drehte sich um.

Bernbach bemühte sich, den Grund für das allgemeine Chaos zu erkennen. Erschrocken wich der sonst so ruhige Träger einige Schritte zurück, die Gardistin hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund.

„Das kann nicht sein…“, rief Marie aus und versteckte sich Schutz suchend hinter dem Rücken der Soldatin.

Bernbachs Blick wanderte, konnte kaum etwas erkennen. Doch dann, im grellen Licht eines über den Himmel zischenden Blitzes konnte er die Umrisse der Gestalt erkennen, welche ruhigen Schrittes auf den Vernarbten zuschritt. Schwarz war sie, mit weißen Flächen, wo Kopf und Hände sein mussten und sie schien etwas in ihrer Rechten zu führen. War es ein Stock? Bernbach erkannte es nicht.

Während die gewöhnlichen Kruk panisch das Weite suchten, ließ der Vernarbte sich von dem

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unerwünschten Gast nicht beeindrucken, kreischte böse und hieb mit einem gewaltigen Schlag nach der Gestalt. Diese wurde offensichtlich getroffen und stürzte zu Boden. Doch als wäre nichts gewesen, erhob sie sich wieder und stand erneut vor der Bestie. Was auch immer sie mit ansehen mussten, es veranlasste die drei Stehenden zu kompletter Aufregung.

Doch Bernbach hatte immer noch damit zu kämpfen, seine fürchterlich schmerzenden Glieder irgendwie vom Boden zu heben.

Der Kruk ließ einen weiteren Schlag auf seinen Gegner fahren, doch auch dieser vermochte es nicht, die Gestalt zu verletzen. Diese schien des Spiels nun müßig zu sein, bewegte sich in einer schnellen Bewegung auf den Vernarbten zu und ergriff diesen mit bloßen Händen.

Das Monster heulte laut und Bernbach konnte erkennen, wie dessen Umrisse zunehmend dünner wurden, bis das Klagen der Kreatur verstummte und die vermeintlichen Reste des Kruk zerbrochen zu Boden fielen.

Vorsichtig schien die Gestalt etwas violettes aus ihren Taschen zu ziehen, faltete es auf und zog es über ihre Hände. Dann stand sie da, gestützt auf ihren Stock und betrachtete die Überlebenden. Marie, welche erst von Angst geschüttelt ausharrte, wimmerte nun wie ein kleines Kind, löste sich von der verdutzten Gardistin und eilte hinüber zu der Gestalt, diese mit ihren Armen inniglich umschlingend. Der Fremde legte ihr kurz den Arm auf den Rücken, schob sie dann jedoch sanft beiseite und trat hinüber zu Bernbach, welcher es fast geschafft hatte sich aufzurichten, nun aber wieder kraftlos zusammensackte.

Langsam beugte sich die Gestalt hinunter zu dem Verwalter, der außer einfachen Schattierungen nichts mehr zu erkennen imstande war. Er war so unsagbar müde.

„Es ist gut, Administrator. Ihr habt Euch Euren Pflichten in trefflicher Weise zu stellen vermocht.“

Fast schien es Bernbach, er würde die Stimme des Grafen hören. Sein Kopf brummte fürchterlich.

Sich erneut gesammelt habend, räusperte sich die Gardistin und bemerkte trocken:

„Schön und gut, dass Ihr wieder da seid. Wie wir aber von diesem verfluchten Ort ohne Ausrüstung wegkommen, wissen wir trotzdem nicht.“

„Wegkommen… zurück zum Schiff… zurück…“, wollte Bernbach aussprechen, doch über die sich bewegenden Lippen drang kein Laut.

„Wir kennen einen Weg.“, sprach die Gestalt mit ruhiger Stimme und legte ihre Hand sanft auf die Brust des Verwalters.

„Ihr braucht Euch nicht mehr sorgen. Wir sind zurückgekehrt und werden die Reise in diese fernen Sphären nun zu einem Ende bringen. Ihr jedoch, der Ihr uns immer treu zu Seite standet, habt weit mehr getan, als wir Euch je vergelten könnten. Wir entlassen Euch aus Eurem Dienst. Nun schlaft…“

Der kühlende Regen auf seiner Haut fühlte sich gut an. Langsam wich der Schmerz aus Bernbachs Körper. Er wollte nur noch schlafen.

Langsam glitt er hinüber in das Reich der Träume.

Ein letztes Mal schlossen sich die Augen des Johannes Bernbach, seines Zeichens Administrator des Hauses Schwarzherz.

abgeschlossen im Juli 2016