Ein Herbstnachtstraum

1

Einleitung

(letzter Tag des Oktobers; Schreibstube bei Nacht; mit schweren, antiken Möbeln gefüllt; Türen zur Linken, Rechten und im Hintergrund; im Zentrum ein antiker Schreibtisch mit einer Öllampe, daran sitzend ein Schreiber)


Schreiber: So sitz‘ ich hier, umarmt von Nachtens dunklen Armen.
Und wieder fleh‘ ich Götter an, habt mit mir Erbarmen!
Ich strebe seit ich denken kann nach Erkenntnis und auch Wissen,
doch wenn Arbeit für gewöhnlich Lohne folgt, musst ich ihn schmerzlich missen.
Versuchte mich an manchem schon, doch nichts wollt‘ recht gelingen.
Es scheint, ich werd‘ mein restlich Leben mit der Such‘ verbringen…
Ich blicke dort aufs Pergament, mit Blut werd‘ ich’s beschreiben.
So dass von jener dunklen Nacht es soll Erinn’rung bleiben!
(holt ein Messer aus einer Schreibtischschublade hervor und schneidet sich damit die linke Handfläche auf)
Das Blut ist ein besond’rer Saft, so sprach man’s schon zu Fausten,
den einst in jener dunklen Nacht, des Teufels Recken frisch umsausten.
Wohlan, so tauch‘ ich ein die schwarze Feder in das nasse Purpurrot.
Nun muss der Strich mir gleich gelingen, ein falsches Wort und ich bin tot.
Ich zieh‘ den Kreis in einem Schwung, gleich jenem Drudenfuße
den emsig ich hinein gemalt, der schenkt mir neue Muße.
Die Zeichen schreib‘ ich ehrfurchtsvoll aus jenem Follianten ab,
den einst ich fand in Winternacht in jenem finst’ren alten Grab.
Wenngleich der Diebstahl mir bewusst, so wird’s dem Knochenmann wohl auch nicht fehlen.
Behandle ich’s doch sorgsam gar und würd‘ es nie verhehlen.
Nun denn, die Worte fehlen noch und mystische Gebärden,
ihr Fehlen würde sicherlich den Zauber mir verderben.
Nun denn…
(er rezitiert einen unverständlichen Text mit allerlei skurrilen Bewegungen)
Kein Wesen da, kein Leuchten hier?
Ein Fehlschlag ja so dünkt es mir!
Hab‘ ich doch alles frisch bedacht:
Das Bild, den Spruch und jene Nacht!
Sollt‘ etwas fehlen?!
(blättert emsig im Buch umher; dann niedergeschlagen)
Oh weh, es scheint ich ward genarrt wie’s oft ja schon geschehen.
Ich rezitier‘ nur Possen hier und kein Gott hört mein Flehen…
Was ist? Ich fühl‘ mich plötzlich müd‘ und müder…
Ist’s die Lebensmüdigkeit? So dämm’re ich sanft hinüber…
(auf dem Schreibtisch einschlafend)


(die Tür zur linken öffnet sich; es tritt ein ein Mann in edlen Stoff gewandet, mit langem schwarzen Haar, sein Gesicht bleich und eher feminin, seine Augen rot funkelnd; er geht in elegantem Schritt zum Schreiber und bleibt neben ihm stehen)
Wohlan, da bin ich nun dem Ruf gefolgt so schnell mir’s möglich war
und was sieht mein Auge nun, Beschwörers Geist er ist nicht klar.
(eine Flasche Absinth auf dem Tisch musternd)

2

Wer bin ich wohl, das fragt man sich und schwer ist’s zu umschreiben.
Ich frage mich auch momentan wo die and’ren bleiben.
Ich bin der Jüngste meiner Art und auch der Letztgebor’ne.
Mein Vater war ein Untier wohl, mit fürchterlichem Horne.
Doch liebe ich das Rohe nicht, es ist mir recht zuwider.
Der Kampf ist mir ja oft zuviel, er zieht in alle Glieder…
Ich lob‘ mir da Festivität und mit Weibern Tanz und Trunk,
ich liebe ja das Edle nur und gülden glänzend Prunk.
Ich bin der schönste gar in unser’m Land,
wohlan nennt mich Nehiliant!
(kichert und verschwindet durch die Tür zur Rechten)


(die Tür im Hintergrund öffnet sich; ein entstelltes unförmiges Wesen ist schemenhaft zu erkennen und spricht mit gurgelnder Stimme)
Da liegt er nieder.
Streckt die Glieder.
Kehrt er wieder?
Ich rieche Blut.
Das macht mir Mut!
Nun lauscht recht gut!
Ich bin der Zweite,
der unförmig breite.
Mein Geist zumeist in der Weite,
manchmal auch hier
und dort, wie ein Tier
läuft er herum im großen Revier!
Verrückt, nein nein!
Mein Geist ist nicht so klein
wie der eure, er ist rein
und groß und wunderlich,
entstellt und fürchterlich,
Udriel nennt man mich!
(die Tür schließt sich schweigend)


(die Tür zur Rechten öffnet sich; eine Gestalt in langer schwarzer Kapuzenrobe schwebt herein; das Gesicht ist verwest und eingefallen, in den dunklen Augenhöhlen leuchten rote Punkte; eine Stimme erschallt langsam und monoton ohne dass er seinen Mund bewegt)
Der Dritte ist erschienen…
Er will dem Meister dienen…
Er beachtet nicht mein Wesen…
Sollte er wohl lesen…
Nein, der Schlaf hält ihn gefangen…
in Ebenen in die wir nicht gelangen…
Doch lob‘ ich diesen ruhigen Körper den kein Leben zu durchdringen scheint…
Der Tod ist ein Akt der Gnade wohl, wer stirbt der wird beweint…
Doch nicht aus Leid, vielmehr aus Neid vergießen alle Tränen…
Die Toren wollen weiter leben und sich so dann grämen…
Im Tod nur kann doch Frieden herrschen, im Tod sind alle gleich…
der Bauer gleich dem König wohl, und gleich sind arm und reich…
Ich liebe nur die Toten…

3

Und meine Kinder, seine Boten…
Aus Tod quillt neues Leben…
Ich will es ihm vergeben…
Ich glaube bald ist jener wach…
meine Name sei für ihn Artach…
(entfernt sich durch die Tür zur Linken)


(die Tür im Hintergrund schwingt auf; eine finstre Gestalt in Stachel und klingenbewehrter Rüstung tritt mit wuchtigem Schritt herein; der Kopf ist unter einem Helm versteckt; er spricht mit unmenschlicher Stimme)


Erschienen
bin Ich, der erste, zu dienen meinem Meister.
Ich bin der Vierte und auch ein viel Gereister.
(den schlafenden Schreiber musternd)
Schlaf
umhüllt ihn ganz und gar.
Sieht wohl was kommen wird und früher war.
Zeit
ist noch, er soll nur ruh’n.
Schon bald gibt es genug zu tun.
Finsternis
umhüllt mein Wesen, Schatten trag‘ ich im Herzen.
Ich fühle keine Freude und fühle keine Schmerzen.
(er nimmt den Helm ab; sein Gesicht ähnelt dem des Ersten, wirkt jedoch männlicher)
Fürst
mein Titel, ich bin des Vaters rechte Hand.
Noctifer fürchtet man im ganzen Land!
(er entschwindet durch die hintere Tür)


(die linke Tür öffnet sich; ein Mann in einem langen Ledermantel mit einem breiten Krempenhut tritt herein; das Gesicht ist durch den Hut verdeckt)


Tritt ein, tritt ein, bring Glück herein.
So spricht man’s unter Menschen.
Und wo man unter Menschen ist, soll fremder Brauch der uns’re sein.


Schau an, da liegt er und ruht in seiner Mitte
während Nachtgespenster im Raume wandeln
und vernimmt doch keine Schritte.
(den Schreiber musternd)


Mir scheint von Dauer ist der Zustand noch
bis wach er uns erblicke,
dann spann ich mich vor Meisters Joch.


Doch warten ist noch angebracht
und warten leid‘ ich sehr,
ich zieh‘ hinaus in finst’re Nacht!

4

Wohlan, als fünfter erschien ich in dieser Welt.
Ignatius soll er mich nennen!
Der Name den ich selbst gewählt!
(entschwindet durch die rechte Tür)

(eine Stimme gleich säuselnd Engeln hallt leise durch den Raum)


Schaut ihr Wesen in der Nacht, wie er ruht gleich einem Kinde still.
So friedlich wirkt sein Wesen nun, das Wesen das mir einst gefiel.


(aus einer finsteren Ecke tritt ein junges Fräulein, mit schwarzem Haar von großer Schönheit, ein rotes Kleid tragend)


Ich bin es, erkennst du meinen Anblick wohl nicht mehr?
Ach nein, ich denk‘ dir ist der Kopf nur viel zu schwer
von vielen Gedanken die den Geist zerstreuen in die Ferne.
Erinnerst du dich noch, einst hatten wir uns gar zu gerne…
Das Schicksal hat uns zusammengebracht
durch Zufall jene stürmisch Schicksalsnacht.
So haben einst in liebender Umarmung uns’re Seelen zueinander gefunden,
doch Schicksal wollte es anders haben und hat uns nur recht kurz verbunden.
(sie streicht dem Schreiber sanft über das Haar; dieser wirkt Unruhig in seinem Schlaf)
Viel ist geschehen während Chronos Macht die Erinnerung stahl
und warf in des Styx finsteres tiefes gähnendes Tal…
Er scheint zu erwachen, doch der Zeitpunkt soll nicht dieser sein
an dem er mich erblicken sollte in dunkel flackernd Kerzenschein.
(sie eilt durch die hintere Tür, dabei eine andere herannahende Gestalt anrempelnd)




Weh‘ weh‘, was war das? Mein Fräulein, warum die Eile?
Ach je, nun ist sie fort, doch ich bin da und ich verweile.
(die Gestalt tritt herein; ähnelt stark dem Schreiber; trägt ein teures dunkles Adelsgewandt)
Schau an, da liegt er nun windend und harrend der Dinge die kommen sollen.
Ich glaube er ist verwundert, wenn seine Augen mich erst recht erblicken wollen.
Das Stehen ist mir gar nicht recht,
so schnapp‘ ich einen hölzern Knecht.
(nimmt einen Stuhl; setzt sich gegenüber dem langsam erwachenden Schreiber an den Schreibtisch)
Schreiber: Oh Weh, welch‘ finst’re Traumgespenster marterten mich in Morpheus Umarmung,
welche böser Mar suchte nach meines Lebens süßem Kelch und schickte schlechte Ahnung?
Mir scheint es war zu viel des Tranks, er streckte mich nieder
gleich einen besiegten Kämpfer des Geistes, ermattend meine Glieder.
Der Kopf er schmerzt, gleichwohl die Hand, die sinnlos ich verletzte
als in meinen Fantastereien die Struktur der Welt sich schon vernetzte.
Weh mir Tor der dachte, das Erkenntnis in finst’rer Magick läge…
Oh, was für Einsicht in die Existenz ich nicht alles gäbe!
Fremder: (leise zu sich)
Mir scheint er will erkennen und sieht nicht einmal was vor ihm sitzt.

5


Wahrlich von Torheit ist zu sprechen bei jenem der aus Wissensdurst die Hand geritzt.
(nun laut)
Nun denn mein werter Freund, mir scheint Begrüßung ist euch kein würdig Brauch.
Doch verstehe ich die Ermangelung leerer Worte gut und halt es bei dem Mangel auch.
Doch mir scheint, das zumindest ein wenig Beachtung ihr mir zuteil werden lassen könntet…
Schreiber: (verwirrt den Fremden erblickend)
Was war das, mir scheint fremde Stimme drang an mein Ohr!
Fremder: (zu sich)
Wohl eher die eig’ne werter Tor…
Schreiber: Mich wundert weiterhin,
wann ich stellte den Spiegel auf den Schreibtisch hin…
Fremder: Schau an, nun bin ich schon ein Spiegel für den Herrn,
statt dass Beachtung ich erhalte, nennt Spiegel man mich und hält mich von der Selben fern!
Blick an mein Antlitz und erkenne die Torheit deiner Sicht!
Wenngleich ich dir auf’s Haare gleiche, ein Spiegel bin ich nicht!
Schreiber: (verwirrt)
Wer seid denn ihr?!
Fremder: Bin du…
Schreiber: Seid ich?!
Fremder: So sei’s.
Schreiber: Wie wunderlich!
Fremder: Dem zumindest stimm‘ ich zu.
Schreiber: Welch Wesen seid ihr und wie kamt ihr hinein?
Alle Türen, alle Fenster müssten wohl verriegelt sein!
Fremder: Solch Kleinigkeit interessiert uns Wesen kaum,
wir wandeln fern von Zeit und Raum.
Schreiber: Was geschieht hier nur, welch seltsam Ereignis nimmt seinen Lauf?
Fremder: Beschworest uns ja selbst herauf.
Nun will ich ein wenig mehr erzählen
und euch nicht mehr mit Unwissenheit quälen.
(sich erhebend und mit wichtigen Gebärden auf und ab gehend)
Wir sind Geister, Äthers kleine Kinder, ungebunden an deinen Raum,
du magst unser Wesen ergründen zu suchen, gelingen wird es dir kaum.
Wir sind auf deinen Wunsch nun hier, zu folgen deinen illustren Wünschen und Befehlen.
Wenn du es wünscht, wollen wir wohl zündeln, morden und auch stehlen.
Doch sei dir eines stets bewusst, für uns’re Tat trägst du die Bürde,
dafür schenken wir dir des Herrschers hohe Würde.
Und sind wir hier ja nur Besuch…
Bei weiteren Fragen, wende dich an das Buch.
Schreiber: Nun denn, so scheint’s das letztlich der Spruch mir doch gelang!
Welche Pfade mir nun offen stehen! Doch, wo fange ich nur an?
Während meiner denkt, bis er einen Anfang kennt,
werter Geist sage mir, wie man dich nennt.
Fremder: Schau an, nun will er meinen Namen wissen.
Ich sage dir, meinen wahren Namen musst du missen.
Schreiber: Trägst wohl keinen Namen du fremdes Ätherwesen.
Doch Heimlichkeit in Namensdingen ist euch ewig schon eigen gewesen.
Fremder: Was? Was?! Natürlich trage ich einen Namen auch.
Denn alles was existieren mag, soll man benennen nach altem Brauch.
Doch allein euch mangelt es am Geiste ihn zu begreifen oder gar zu nennen.

6

Wenn Namen jedoch euch so wichtig scheinen, sollt ihr mich nun als Magnus kennen.
Schreiber: Brav gesprochen werter Magnus, ihr trafet gleich die wunde Stelle.
Der Geist, den ich so hoch einschätze, in meinem Besitze, ist wie’s mir scheint, nicht gar zu helle.
Will meinen Durst mit Wissen stillen und an Erfahrungsvöllereien mich gut laben.
Was es in dieser großen Welt zu wissen gibt… mein Geist, er muss es haben!
Magnus: Wenn dies ihr wünscht, so wollen wir es brav euch zeigen.
Des Meisters Wunscherfüllung ist uns eigen.
Doch hört, doch hört, was schallt da durch die Nacht?
(das Läuten der Kirchenglocke erschallt)
Eins…. Das Elementare, unendlich, untrennbar, endlos und klein.
Zwei… Die Dualität, geboren aus Gegensätzen, der Wandel, der Existenz Pole gar so rein.
Drei… Das Höchste,unumstößlich, Gott, Ordnung, der Existenz Wesen.
Vier… Die Welt, die natürlichen Elemente, die Dimensionen, Staub zu dem wir verwesen.
Fünf… Die Herrschaft, Licht oder Schatten, Diktatur des Geistes, Erschaffers Zahl.
Sechs… Die Gesamtheit, die wahren Elemente, die Geschichte der Götter, der heilige Gral.
Sieben… Das Leben, Gott und die Welt, Regentschaft des Wandels nach Gesetzen, die Norm.
Acht… Der Spiegel, Möglichkeiten, Chaos, zwei Welten, unterschiedlich bei gleicher Form.
Neun… Die Ewigkeit, das Übergöttliche, das in sich ruhende, Alpha und Omega., der Kreis.
Zehn… Der Kampf, Rivalität, Krieg, auf Gewalt ein Verweis.
Elf… Die unreine Zahl, Gott zwischen zwei Welten, Chaos und Ordnung, der neutrale Dritte.
Zwölf… Die perfekte Zahl, die göttliche Welt, die ewige Mitte!
Schnell! Schnell! Die Zeit ist da!
Wir müssen los, die Kutsch‘ ist nah!
(den Schreiber am Arm ziehend)
Schreiber: Was tut ihr nur, verrückter Hund!
Lasst ab von mir, mein Arm wird wund!
Was wollt ihr nur, was sprecht ihr von Kutsche und Zeit?!
Mir scheint ich bin noch nicht bereit!
Magnus: Eure Bereitschaft soll den großen Dingen, die Folgen werden, keinen Abbruch tun!
Schweigt und folgt! Es wird sich lohnen! Kommt ihr nun?
Schreiber: Jaja, ist gut! Nur lasst ab von mir!
Des Laufens bin ich selbst ja mächtig, lass mich doch nicht ziehen wie ein Maultier…
(die beiden verlassen den Raum durch die hintere Tür)

7

Akt I

(vor dem Haus, Schreiber und Magnus heraustretend, eine schwarze Kutsche scheint auf die beiden zu warten, Beleuchtung durch Laternen und Vollmond)


Magnus: Wie ich’s sprach, pünktlich auf die Minute wartet die Kutsche schon.
Drum sollten wir nun eilen. Jetzt noch Zeit zu verschwenden wäre Kutschers Hohn!
Schnell! Schnell! Steigt hinein!
Schreiber: Was wollt ihr nur? Was soll das sein?
Zuerst sprecht, wo ihr mich führet hin!
Magnus: Ich erkläre alles, wenn wir sitzen in der Kutsche drin.
Doch steigt ruhig ein, beachtet nicht die Kratzer und den Staub,
den finst’ren Kutscher, die knöchern Pferde, denn mit Verlaub,
uns Geistern ist eine Liebe zum Morbiden leider eigen.
Sie ward uns zur Schöpfung schon gegeben vom Herrn vor dem wir uns verneigen.
Doch mir scheint, Vertrauen könnt ihr mir doch schenken, oder nicht?
Suchtet in Gräbern schon nach Wissen, fragtet Teufel, hohnend dem jüngsten Gericht.
Drum glaub ich kaum, dass dies Gefährt euch’s fürchten lehrt.
Schreiber: Ich gebe zu, ihr liegt da gänzlich nicht verkehrt.
Nun denn, was soll’s? Ich beuge mich.
Und hoffe nun, ihr seid ehrlich…
(steigt in die Kutsche)
Magnus: (leise zu sich)
Ehrlich mögen wir schon sein. Allein ihr müsst uns fragen.
Das Gesetz befiehlt uns Wahrheit nur, nicht das alles wir euch vorher müssen sagen.
(steigt ein)


(in der Kutsche, die Fenster sind durch Vorhänge verdeckt, die Innenausstattung ist edel, die Sitze sind mit rotem Stoff bezogen, Schreiber und Magnus sitzen sich gegenüber, neben Magnus spendet eine kleine Öllampe etwas Licht)


Magnus: Herrlich, es geht los. Ich freue mich wie ein Kind!
Die Kutsche rollt los, geschwind geschwind
den Weg entlang über Stock und Stein,
sie hält nicht an, so soll es sein!
Schreiber: Ich will die Freud‘ euch nicht vergelten,
allein sie wundert mich. Wollte euch doch Geist noch schelten…
Magnus: Geist bin ich auch, doch was sagt das über’s Wesen aus?
Auch Geister können freudig sein, bei Dingen jenseits von Schreck und Graus.
Doch kann ich euch den Grund wohl sagen.
Seit der Alte das Buch mit ins Grabe nahm, konnte keiner mehr es wagen
uns Geister um Hilfe anzurufen, auf dass die Welt uns offen stehe.
Ich dacht‘ schon all die Jahre wohl: Wehe Wehe!
Was, wenn niemand das Buch je fände?
Schreiber: Doch nun seid ihr in dieser Welt, allein durch meine Hände.
Magnus: Und wollen euch d’rum dienen,
wollen emsig schuften, gleich kleinen Summsebienen.
Wollen tun was ihr begehrt, auf das die Welt vor euch erbebt,
wir kriechen doch vor euch im Staub, damit ihr uns das letzte gebt.
Schreiber: Das Letzte? Was soll das sein?

8

Magnus: Ach je verzeiht, der Fehler war mein,
hielt mich nicht an Chronologie,
erst ruft ihr doch die Geister, dann dienen sie.
(leise zu sich) Das war knapp, ich altes Plappermaul.
Er soll sich schön ergötzen und nicht denken, da wäre etwas faul…
(wieder laut) Doch zuerst, damit der Dienst auch recht gelingen will, müsst ihr uns sagen
welche Wünsche, Gedanken und Träume ihr habt und welche Ängste euch wohl plagen.
Schreiber: Der Wunsch ist einer, wird’s auf ewig sein,
ich will den rechten Pfad nur wissen, um ihn selbst zu finden, ist mein Geist zu klein…
Magnus: Der Wunsch klingt einfach und ist es nicht.
Im Dunkel des Menschenlebens sehnt ihr euch nach Wahrheits Licht.
Allein bedenkt, alles können wir euch schenken.
Sei’s Reichtum, Liebe oder Macht, wir würden’s nicht verdenken,
wenn euer Wunsch ein solcher wär.
Schreiber: Diese Dinge reizen mich schon lang‘ nicht mehr.
Der wahre Weg ist alles was ich ersehne in meinem kleinen Leben.
Magnus: Wohlan, wenn ihr dies wünscht, wir wollen’s euch schon geben.
Allein, so sprecht, mein werter Meister, was war des Wunsches erster Keim?
Schreiber: Ihr sehnt euch nach Geschichten? Wohlan, so soll es sein…


Ich wandelt ja mein Leben lang auf unserm schönen Erdenball
der reizt mich mit Pluralität und Wissen wirklich überall.
So sog ich’s auf, so gut es ging und erfuhr des Geistes stetes Streben.
Doch letztlich, was mich stets berührte, wollte Mutter Natur mir nicht mehr geben.
Das „Wie?“ war schnell mir schon bekannt, man liest es vielerorts ja schon.
Allein die Beantwortung des „Warum?“ war mehr denn Wissen letztlich Hohn.
Mal liegt der Urgrund hier, mal liegt er dort…
Mal ist die Welt nur Schein, mal ist sie ein realer Ort…
Mal geht’s um’s Handeln, mal geht’s um’s passiv sein…
Mal liegt das Wissen im Geiste, mal kann’s nur in der Natur sein…
Mal soll man blicken zum Himmel hinauf auf Knien kriechend sklav’scher Weise…
Mal gilt der Blick allein des Lebens Lauf, aufrecht begehend die eigene Reise…
Mal trötet es hier, mal posaunt es dort…
Die Welt ist ein verwirrend Ort…
So erreicht ich letztlich jenen Punkt, da gewöhnlich‘ Pfade mir nicht mehr helfen wollen.
Ich strebe letztes Wissen an bei dessen Erforschung des Kosmos Geister helfen sollen.
Magnus: Brav gesprochen. Des Geistes Grenze scheint euch Gram.
Allein, wenn ich schaue das Menschenvolk, in Geistesdingen meist recht lahm,
doch auf eine eig’ne Weise Glück erfindend in ihrem kleinen Leben,
warum ist nicht das einfach Glück das Urziel in eurem Streben…?
Schreiber: Und wieder ein „Warum?“ das ungelöst, erscheint um mich zu schmerzen…
Magnus: Verzeiht oh Herr, euer inn’rer Schmerz liegt mir fern dem Herzen
(wenngleich ich solchem ja entbehre…),
doch um zu Helfen bedarf es Auskunft über eures Herzens Schwere.
Und wenn die Antwort nicht gleich zur Hand, so übt euch im Beschreiben.
Die Reise dauert weiter an und ich will gern als Zuhörer hier verbleiben.
Schreiber: Beschreiben sagt ihr? Nun, ich will’s versuchen
zurückblickend erkennen den Grund von Leid und Fluchen…
(nachdenklich, betroffen nach unten schauend)
Ich sehe die Menschen… Ich sehe sie an…

9

Doch scheint’s mir oft, ich blick hindurch, nichts was man erkennen kann.
Sind wie Glas… und halten kein Licht…
In sie einzublicken reizt mich nicht.
Sie sind matt und ohne Glanz…
All das Funkeln und Glitzern nur Mummenschanz…
Will Diamanten blicken, doch ich sehe nur Glas aus Dumpfheit geblasen…
Ich sehe sie rennen… stolpern… zersplittern… Ich sehe sie grasen
wie Vieh, gleich wenn der von ihnen gepries’ne Gott ein Hirte sei…
Verweilend auf der ird’schen Weide ist ihnen alles einerlei
solang sie nur zu fressen haben und schlachten selbst sich letztlich…
Man könnte es ein Kunststück nennen, wär’s nur nicht so entsetzlich…
Ich bin so umgeben stetig vom Menschenvolk und letztlich doch allein…
Mir kommt’s so vor, als wär’n sie Geister und wollten nicht lebendig sein…
So lebt man hin, im Schatten den sie nicht sehen…
Sonn‘ und Mond, wechseln stetig ab, und keiner hört mein Flehen..
Das Leben leer, so sehnt‘ nach Tod sich meine Seele manche Zeit…
Und doch hält mich was an’s Leben, zu sterben bin ich nicht bereit.
Im Tod allein liegt noch kein Sinn, kann sinnlos auch nicht scheiden…
So halte ich es, seit Jahren schon, geneigt dem Buch das Volk zu meiden.
Magnus: Euer Wort ist der Finsternis meines Wissens wahrlich strahlend‘ Fackelschein.
Nun blicke ich den Weg der folget und euer Wunsch ist nun auch mein.
Allein, ich sehe mich genötigt zunächst ein Problem zu nennen
das der Geister Aufgabe erschweret, ihr solltet es kennen.
Ich bin mir bewusst, dass der rechte Pfad an sich ist euer Begehr,
doch sind wir Geister nur und menschliches Folgern fällt uns schwer.
Drum haben wir einen einfachen Plan nur ersonnen:
Wir zeigen euch mehrere Wege und Leben und Wonnen
aus denen ihr dann letztlich wählt
den Pfad der Glück verheißt und nicht mehr quält.
Schreiber: Mit diesem Wege kann ich leben.
Wenn ihr es schafft und macht mein Herz erbeben
dann seid ihr aus meinem Willen schon befreit.
Magnus: (leise zu sich)
So haltet ab sofort nur stetig eure Seel‘ bereit…
Schreiber: Doch sprecht, Herr Magnus, ist die Reise denn gänzlich noch lang?
Magnus: Mein Herr, die Ankunft ist nah, d’rum seid nicht bang.
Wie mir’s scheint, sind wir bereits näher als gedacht.
Doch um Einsicht zu nehmen, sei der Vorhang aufgemacht…
(den Vorhang des Fensters zurückziehend)
Schreiber: (verwundert hinausschauend)
Was ist das? Welche befremdlich Land erblicken meine Augen?
Magnus: Das einz’ge Land, welches kann für Geister taugen!
Traute Heimat, nun bist du wieder mein!
Ich kehr‘ in des Vaters dunkles Reich wieder ein!
Schreiber: Ich bin überrascht, dass euch die Ankunft ist solch eine Freud‘.
Wenn ihr noch lange mit mir reist, ich denk‘ ihr verwundert mich erneut.
(die Gegend musternd)
Oh seht, wie blutig rot der Mond prangt am kahlen Firmament
als wär‘ er selbst ein Schlachtfeld und der Kampf geht vehement.
In mystisch Violett getaucht der Himmel durch den Ersten.

10

Die Farbe ist von solcher Pracht, dass mir das Auge will zerbersten!
Und in der Ferne sieht man sie, die hohen Berge gleich einer undurchdringlich‘ Grenze
aufragend zum Himmel, von Wolken umspielt und rot erhellt durch den Mond in Gänze.
Sie schirmen in einem kolossalen Rund dem steinern‘ Wächter gleich,
dabei stetig einschüchternd präsent, dies ferne Geisterreich.
Doch selbst, wenn man sie überwinden würde,
so bliebe eine weit’re Hürde.
So ist dies weite Land von befremdlich glitzernd Wäldern bedeckt
die in ihrer seltsam schimmernden Erscheinung meinen Forschergeist geweckt.
Oh sprecht, werter Magnus, welcher Art die Wälder sind,
die ich dort unten, jenseits der Klippe, im Tale find‘?
Magnus: Ihr habt ein gutes Auge, wahrlich.
Die letzten die ich hier her führte, ignorierten die Bäume beharrlich
obwohl sie direkt in ihrer Nähe verweilten…
Es waren die Blinden, die Übereilten…
Nichts haben sie verstanden, selbst wenn man’s ihnen im Buch gezeigt…
Keine Melodie erkannt, selbst wenn Sinfonien wurden vorgegeigt…
Doch mir kann’s ja eigentlich einerlei sein,
die Meister sie luden uns schließlich ja ein
in diese Welt zurückzukehren
wo wir des Vaters Andenken ewig schon ehren.
Doch um eure Frage zu beantworten:
Das Glitzern, dass man kann verorten
dort unten in jenem Wald sind die einz’gen Bäume in diesem Reich,
der Stamm von granit’ner Härte, das Blatt dem Rubine gleich.
Wollt‘ man den Namen in eurer Denkweis‘ kennen,
man sollte sie wohl „Fehltritt“ nennen…
Schreiber: Fehltritt? Welch skurriler Name dies ist.
Wie habe ich solcherlei Neues vermisst!
Mich durchströmt bereits jene Euphorie von früh’ren Tagen
da mich die Jugend durchfloss und keine Zweifel plagten!
So bin ich nun bereit eure Vorschläg‘ zu sehen
für ein richtiges Leben, um aufrecht zu stehen
und nicht mehr im Staub, der mich blendet, zu kriechen!
Denn das ist kein Leben, es ist siechen…
Magnus: Der Drang zur Aktion, der euch nun eigen
ist wahrlich ein Segen für den kommenden Reigen,
denn wir Geister können euch nur die Pfade weisen.
Doch letztlich muss der Meister wählen und den Pfad allein bereisen…
Schreiber: Das Land, welches sich vor mir erstreckt
gibt viel dem Auge preis, doch ein Ziel ist nicht entdeckt.
Magnus: Seht nur genau hin, es liegt direkt vor uns…
Schreiber: Was sprecht ihr? Bin ich denn blind?
Bin ich noch immer das einfält’ge Kind
das nicht einmal die Bedrohung erkennen mag,
selbst wenn sie direkt ins Gesicht ihm blickt am hellichten Tag.
(angestrengt die Umgebung musternd)
Doch, was ist das..? Die Straße, welche scheint, die einz’ge zu sein,
sie fährt herab weit vor uns, scheinbar mittig ins Gebirg‘ hinein…
Magnus: Ja, die einz’ge ist es wohl, mehr braucht’s auch nicht.

11

(leise zu sich)
Auf einer Spur, da fährt man ein, doch Rückkehr gibt es nicht…
(wieder laut) Doch schaut genauer hin wo die Straß‘ ihr Ende findet.
Schreiber: Was ist dies Ungetüm, das Erd‘ und Himmel bindet,
langsam erscheinend in der gebirgschen Umarmung…?
Es scheint, als würd‘ ein Zauberwesen den mag’schen Schleier fallen lassen
und sich in seinem dunklen Glanz, aufrecht von Stolz, dort zeigen den Massen.
Es zeichnen sich ab, vier elegante Türme das Firmament begrüßend im Mondenschein,
kaum reflektierend die entsandte rot leuchtende Pracht die strahlt auf sie ein.
Und mittig den Vieren erhebt sich gestufter Weise ein Bau von erhabener Erscheinung
gleich einem heil’gen Göttertempel, wie er in alten Ländern fordert ehrfürcht’ge Verneigung.
Und sind Wächterquartett und Herr doch bereits reich an schierer Größe,
so sind sie auf einem dunklen Gebild‘ errichtet, welches Menschenbau gibt reine Blöße…
Werter Magnus, so sagt mir wohl an
wie man dies gewaltige Gebilde bezeichnen kann.
Ist’s Gebäude, ist’s Stadt oder doch eine Feste…?
Magnus: Für jenes Ding ist ein jeder Name der beste,
denn bedenkt, im Geisterreich herrschen Geisterregeln, fern der menschlich‘ Logik.
Euer simples Verständnis von Raum und Zeit grenzt ohnehin bereits an Komik.
Wenn wir erst hineingetreten werdet ihr verstehen
und was ich nicht beschreiben kann ja selbst dann sehen.
Doch da ich Wissensdurst in eurem Aug‘ erspähe
und in Anbetracht der Umstände auch verstehe,
so will ich denn kurz beschreiben
das Wesen das der Heimat eigen.
Der große Block, der ist die Basis und unser Heim gleich einer Stadt.
Der Türme Vier, gleich dem Prinzip wie’s auch wohl eure Erde hat.
Ein jeder der selben ist eigen
einem der Vier, die die Pfade euch zeigen.
Und im Zentrum erhebend, ist die Quelle uns’res Seins,
die Treppe zum Vater gleicht einem Tempel für unsereins.
Schreiber: So brennt erneut eine Frage in meinem Geist.
Bisher da ging ich immer aus, dass Geister sind verwaist.
Drum frag‘ ich mich in meinem Wissensstreben
wie kann es einen Vater für Geister geben?
Magnus: Seht die Sache ein wenig abstrakt, dann stört sie euch nicht.
Doch wenn der Zeitpunkt gekommen, blickt ihr ihm selbst ins Gesicht.
Schon bald, werdet ihr Antworten finden,
doch zuvor wollen wir uns durch die Geisterstadt winden
die wir wohl schon bald erreicht haben
und dann könnt ihr euch am neuen laben.
Seht schon fahren wir endlich ein
durch das goldene Tor in die Heimat hinein.
Schreiber: Schatten legt sich behutsam gleich einem Schleier
über unsere Köpfe nieder, gleich der Nächte ew’ge Leier.
Doch schon seh‘ ich von vorn ein Licht erstrahlend
in unwirklichem Farbenmeer dem Auge prahlend,
dass mich’s zieht wie von Geisterhand schon an
und doch spür‘ ich ein Grausen und kalter Hauch dringt leicht heran.
Magnus: Beruhigt euch nur, euch geschieht schon nichts.

12

Das ihr solcherlei empfindet aufgrund des Lichts
und seiner Pracht kann ich fast ja schon verstehen.
Es ist das Licht des Geisterreichs und letztlich mit ihm wehen
die Zauberwinde uns’rer Zunft, die euer Aug‘ mit Farbe blenden.
Doch weiß ich Rat und lass‘ es nicht dabei bewenden,
so schaut mich nur recht deutlich an
damit die Hilf‘ gelingen kann.
(der Schreiber schaut zu Magnus; dieser zieht ein Beutelchen hervor, öffnet es und streut dem Schreiber etwas in die Augen; Schreiber wütet aufgeregt umher)
Schreiber: Was tut ihr nur, verrückter Hund!?
Nun bin ich blind, das Auge wund!
Ihr seid mir ja ein hilfreich Knecht,
der tut die Aufgab‘ reichlich schlecht!
Magnus: Beruhigt euch nur und öffnet die Augen.
Ich will euch schon als Hilfe taugen.
Ihr seid nicht blind, nur anders die Sicht.
Die blendenden Farben, ihr seht sie jetzt nicht.
Schreiber: (die Augen öffnend)
Wahrlich, wie klar erscheint mir nun die Welt,
dass sie dem menschlich Aug‘ gefällt!
Doch sprecht, dass mir es eingebleut,
welch‘ Pulver ihr mir eingestreut.
Magnus: Es war nur ein Hauch von Ignoranz
der verschleiert die Wahrheit dem Menschen schon ganz.
Doch genug von derlei, denn wir sind bereits da
und der erste der Führer er ist bereits nah…


(Magnus und der Schreiber steigen aus der Kutsche)