Entflammt

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1. Glimmen

Ich erinnere mich. Es war in einer eisigen Nacht eines vergangenen Winters, als ich ihn zum ersten Mal erblickte – funkelnd, fremdartig, verheißungsvoll und schrecklich.

Dabei zeichnete sich der scheidende Tag vornehmlich durch seine Belanglosigkeit aus. Mehr vegetierend denn lebend musste ich mit ansehen, wie die Zeit mir aus den Händen rann, unfähig sie zu halten oder in produktive Bahnen zu lenken. So diente mir der Computer erneut als letzter Zufluchtsort und Freudenquell.

Die Leere, die sich zunehmend meines Geistes bemächtigte und mir vorgaukelte, als isoliertes Wesen in ein Vakuum eingeschlossen zu sein, erreichte ein Maß, an dem ich gänzlich den Halt in der physischen Welt zu verlieren schien.

Wohl wissend, dass ich mich als menschliche Entität an meinem Schreibtisch in einem möblierten Zimmer befand, fühlte ich zugleich keinerlei Verbindung mehr zur eigentlich so vertrauten Umwelt. Dunkelheit schien mich zu umfangen, während der Monitor emsig sein grelles Licht auf die Tischplatte ergoss.

Verwundert sinnierte ich darüber, ob dies das nahende Ende war und wenn ja, wann alles vorbei sein würde. Früher hätte ich in Anbetracht eines solchen Gedankens wohl Furcht empfunden, doch war ich dazu gar nicht mehr in der Lage.

In der Gewissheit, dass keine Hoffnung mehr existierte und das Dasein nicht mehr als eine beständige Spirale hinab in den Malstrom darstellte, wanderte mein Blick, den blendenden Bildschirm des Computers verlassend zu dem dahinter befindlichen Fenster, das den Blick auf die Finsternis des nächtlichen Himmels freigab.

Verloren ertrank ich in der Umarmung der Dunkelheit, nur den einen letzten Wunsch im Herzen tragend, der imstande war, die Fesseln, die langsam das Leben aus meinem Herzen pressten, zum Zerbersten zu bringen – Veränderung.

Damals konnte ich noch keinen Bezug zu den folgenden Ereignissen herstellen und hielt alles für einen einzigen großen Zufall. Doch es war jener Moment, als ich ihn dort droben im schwarzen Firmament erblickte – den Stern. Ich war durchaus daran gewöhnt einige besonders helle Exemplare von meinem Fenster aus sehen zu können, befand sich doch keine Straßenlampe vor meinem Haus. Doch die üblichen Verdächtigen, welche jede Nacht ihre Bahnen dort droben zogen, waren bereits aus meinem Blickfeld entschwunden. Auch kündigte sich der Fremdling nicht an, stieg nicht, sank nicht – prangte dort oben, inmitten meines Sichtfelds, als sei er schon immer dort gewesen und als wäre ihm nicht daran gelegen, sich je wieder zu entfernen. Doch es war nicht nur sein unerwartetes Erscheinen oder seine Helligkeit, die mich in seinen Bann zu ziehen wussten. Es war seine Farbe – Violett.

Mir war durchaus bewusst, dass Sterne für gewöhnlich nicht in solch intensiven Farben unseren Himmel zierten und so versuchte ich meine Gedanken zu sammeln und zu ergründen, um was für ein Phänomen es sich handelte. Dies jedoch wollte mir zunächst kaum gelingen. Ich blickte hinauf und die seltsame Erscheinung verhexte mich.

Ein seltsames Gefühl durchfuhr mich, eine Unruhe, die ich so schon lang nicht mehr gespürt hatte. Es war Sehnsucht und eine eigentümliche Eingebung verstanden zu werden. Doch da war noch etwas. Eine Art unterschwelliger Nervosität, welche mich zum Rückzug mahnte. Wollte man sich der Terminologie der Ästhetik bedienen, so muss ich dieses eigentümliche Gefühl wohl unter dem Begriff der Erhabenheit zusammenfassen. Wusste der Stern mich doch gleichermaßen zu faszinieren und anzuziehen, wie er mich ängstigte und zur Flucht ermahnte.

Dann endlich jedoch gelang es mir, den Blick von der Himmelserscheinung zu lösen. Der

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Wissensdurst ward in mir geweckt und emsig haute ich in die Tasten, herauszufinden, ob die Weiten des Internets es vermochten, mir Auskunft über dieses eigentümliche Spektakel zu geben. Doch so sehr ich mich auch abmühte, finden konnte ich nichts. Was auch immer dort droben meine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte außer mir noch keiner gesehen.

Erst jetzt wurde mir bewusst, was für einen fürchterlich trockenen Mund ich hatte. Fast schien es, ich hätte seit vielen Stunden nichts mehr getrunken. Und tatsächlich verriet mir der Blick auf die Uhr, dass seit dem Moment des ersten Erblickens des astralen Besuchers schon Stunden vergangen waren. Stunden, deren Verrinnen ich noch weniger bemerkte, als ich dessen gemeinhin gewöhnt war. Beunruhigt beschloss ich, mich von meinem Sitzplatz zurückzuziehen und meine Gedanken durch den Konsum bedeutungsloser Banalitäten im Fernsehen zu sammeln.

2. Schwelen

Der Fernseher erhellte seinen Bildschirm, während der Computer den seinen in umgekehrter Weise abschaltete. Während mir von der einen Seite des Zimmers ein wundervoll einlullender Schwall aus Floskeln und leeren Worthülsen entgegen brandete, quittierte der Rechner durch das Abschalten seines Lüfters den Dienst für den Tag.

Durstig eilte ich in die Küche, schlang gierig ein Glas Wasser hinunter und schloss die Rollos, auf dass mich das seltsame Licht nicht noch mehr in Aufregung versetzte. Anschließend nahm ich in meinem Sessel Platz und verschaffte meinem aufgewühlten Geist ein wenig Ruhe.

Es war durchaus nicht das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, dem Wahnsinn anheim zu fallen, doch nie zuvor hatte sich etwas so physisch manifestiert. Waren es doch sonst eher seltsame Gedankengänge und verquere Perspektiven, die mich plagten, und keine so real wirkenden Lichter am Nachthimmel.

Doch mir war nicht daran gelegen weiter darüber nachzudenken. Müde beschloss ich den Tag offiziell zu beenden und zu Bett zu gehen. Am nächsten Morgen, wenn die Sonne wieder am Himmel zu sehen war, würde schon wieder alles beim Alten sein – unabhängig davon, ob dies gut oder schlecht war.

So schaltete ich den Fernseher ab, putzte die Zähne und begab mich in mein Bett, die letzten Lichter löschend und die Brille beiseite legend. Zunächst wusste ich die weiche Decke und das Kissen, in die ich mich einrollte, zu genießen und langsam einzuschlafen. Doch ich lag unbequem, drehte mich und öffnete unbewusst die Augen. Da erkannte ich, trotz meiner beschränkten Sehkraft, dass das Zimmer nicht in jener Weise abgedunkelt war, wie es der Uhrzeit eigentlich angemessen gewesen wäre.

Durch einen kleinen Spalt in einem der Rollos schien ein fahles violettes Licht und breitete sich in einer scheinbar seltsamen Form an der gegenüberliegenden Wand aus. Dies machte mir noch einmal deutlich, dass ich mir die seltsame Erscheinung mitnichten eingebildet hatte, obwohl ich mich vornehmlich darüber ärgerte, dass es dem Unruhestifter doch gelang, sein befremdliches Licht durch jenen kleinen Spalt des Rollos zu zwängen.

Entschlossen, dem Licht nicht noch mehr unnötige Beachtung zu schenken, schloss ich die Augen, mein Heil im Land der Träume suchend. Doch die Reise in die geistigen Sphären wollte mir nicht gelingen. Zu sehr kreisten meine Gedanken um den Stern. Einige Zeit wälzte ich mich umher, dabei tunlichst die Augen geschlossen haltend, doch irgendwann gab ich auf.

Als ich erneut die Augen öffnete, erkannte ich, dass das Licht des Sterns noch immer die gleiche Stelle beschien. Ein Blick zu meinem Wecker machte schnell deutlich, dass ich einige Zeit mit dem ergebnislosen Herumrollen verbracht hatte und das Licht eigentlich hätte weiterwandern müssen. Doch dem Stern schienen diese einfachen Gesetze unseres Universums herzlich egal zu sein. Genervt beschloss ich, mich zu erheben und zu prüfen, ob ich denn nicht irgendwie diesen elenden Schlitz verschließen konnte.

Ich schnappte mir die Brille, warf die Decke zur Seite und nestelte so lange an dem Sichtschutz

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herum, bis ich letztlich die Lamellen in einer solchen Weise verbogen hatte, dass ich befürchtete, das Rollo beschädigt zu haben. Um wieder den ursprünglichen Zustand herzustellen, zog ich das ganze Rollo nach oben und stellte zufrieden fest, dass es nicht beschädigt war. Allein etwas hatte sich plötzlich im Zimmer geändert. Das Licht traf nun ungehindert auf die hinter mir liegende Wand und ich drehte mich zu ihr um, ohne jedoch wirklich zu wissen, warum.

Von seiner Farbe abgesehen, stimmte mit diesem Lichtschein offensichtlich noch etwas nicht. Eine seltsame Unregelmäßigkeit hatte meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Neugierig ging ich hinüber zur Wand und erkundete das Muster. Doch aus der Nähe war es kaum zu erkennen. Lediglich aus der Distanz war ich fähig es zu sehen, da die subtile Abweichung das Gesamtbild des Lichtscheins störte.

In Anbetracht der Tatsache, dass ich ohnehin nicht imstande war, den Lichtschein aus meinem Zimmer zu verbannen, kehrte ich zurück in mein Bett, schmiegte meinen Kopf in mein flauschiges Kissen und beobachtete das Licht, dabei die Struktur zu ergründen suchend. Ironischerweise führte diese fokussierte Tätigkeit letztlich dazu, dass ich endlich doch einschlief. Erst als die Sonne hoch am Himmel stand und keine Spur von dem Licht mehr zu sehen war, erwachte ich.

3. Entfachen

Die Belanglosigkeit des Tages schien mich wieder eingeholt zu haben, doch etwas war anders. Als ich mich gerade für meinen täglichen Spaziergang einzukleiden pflegte, erfasste mich eine tiefgreifende Abscheu das Haus zu verlassen. Woher diese kam, wusste ich wirklich nicht zu benennen. Da ich jedoch unfähig war, mich ihrer Dominanz zu widersetzen, verbrachte ich den Tag durchgehend in meiner Wohnung.

Belanglos plätscherte er dahin, während ich mit Internetexkursen und Videospielen die Leere meines Daseins aufzufüllen suchte. Dann endlich brach die Nacht herein und ich muss gestehen, dass ich tatsächlich darauf gewartet hatte. Lauernd harrte ich an meinem alten Posten, dem Schreibtisch, hörte Musik und beobachtete den Himmel. Doch es schien, das Licht wollte sich nicht zeigen. Nur die altbekannten Wanderer schlichen auf ihren Pfaden dahin. Ich vermutete, das Licht war wohl doch nur Teil eines wundersamen Traums gewesen und die Müdigkeit bemächtigte sich meiner Person.

So beschloss ich den Computer auszuschalten und in altbekannter Weise noch ein wenig dem Fernsehen zu frönen. Doch gerade als ich den Blick von der Herunterfahr-Meldung auf dem Bildschirm hob, sah ich ihn in altbekannter Pracht dort droben auf mich hinab scheinen. Doch nein, er war nicht ganz derselbe. Schien er doch heute noch heller, als in der letzten Nacht und das Gefühlschaos, dass sich meiner beim Anblick seines violetten Lichts bemächtigte, war noch süßer und schrecklicher als zuvor. Dort hinauf zu starren schien zugleich die beste und die schrecklichste Tätigkeit zu sein, zu der ich in diesem Augenblick befähigt war. Und zunächst war es mir wieder nicht möglich, meinen Blick von diesem fernen Ding zu lösen. Doch der Rest meines Körpers schien losgelöst noch zu funktionieren, wenn auch mein Kopf seinen eigenen Plänen zu folgte. So tastete ich nach der Kante des Schreibtischs und schlug in bestimmter Weise meine Hand gegen diese. Schmerz erfüllte meinen Geist und verbannte die Faszination für das Licht in einen fernen Winkel meines Verstandes.

Zwar dauerte es einige Minuten, bis der Schmerz aus meiner Hand entschwunden und ich nicht mehr erbost ob dieser dümmlichen Idee war, doch ich hatte mich zumindest wieder unter Kontrolle. Mir war bewusst, dass der direkte Anblick des Sterns diesen Effekt auf mich hatte und so achtete ich tunlichst darauf, nicht mehr hinauf zu blicken. Stattdessen nahm ich in meinem Sessel Platz und beobachtete das Licht, dass wieder gegen die gegenüberliegende Wand schien. Aus der Distanz konnte ich erneut die diffuse Struktur sehen. Ja, sie war etwas deutlicher zu erkennen, doch wenn ich mich näherte, verschwand sie wieder aus meinem Blick.

Mir schien, die einzige Möglichkeit sich diesem seltsamen Phänomen zu nähern, war einer

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rationalen Natur und so machte ich mich daran, meine Beobachtungen festzuhalten. Mehr schlecht als recht wusste ich das Muster an der Wand mit einem Bleistift auf Papier zu bannen. Meine nicht-existenten künstlerischen Fertigkeiten waren hierbei ein weiteres Hemmnis. Doch irgendwann gelang es mir, das Gesehene zumindest im Ansatz festzuhalten.

Die Nacht rann dahin und irgendwann bemächtigte sich der Schlaf meiner Wenigkeit.

4. Züngeln

Mit einem schmerzenden Nacken erwachte ich am nächsten Tag, erkennend, dass ich in meinem Sessel genächtigt hatte. Doch der Schmerz verging und ich blickte zufrieden auf meine Zeichnung der letzten Nacht.

Leider dauerte es nicht lang, bis ich erkannte, dass nicht nur die Nacht eine Wiederholung darstellte, sondern auch der Tag. Erneut sah ich mich gänzlich unfähig, die Wohnung zu verlassen. Doch an diesem Punkte sorgte mich dies noch nicht. Zu sehr war mir daran gelegen, das Geheimnis des Lichts zu ergründen.

So ließ ich erneut den Tag dahin plätschern und harrte auf meinen fernen Besucher. Da mich die Strapazen der Nacht jedoch ermüdet hatten und ich verhindern wollte, den Stern direkt anzublicken, beschloss ich, in meinem Bett zu wachen. Konnte ich das Erscheinen des seltsamen Himmelskörpers ja doch nicht voraussehen oder beeinflussen. So döste ich ein wenig und als ich zu später Stunde erwachte, zeigte sich erneut das violette Licht. Emsig machte ich mich daran, die Struktur nach bestem Vermögen zu zeichnen.

So trieb ich über mehrere Tage und Nächte das immer gleiche Spiel und zeichnete die sich unmerklich verändernde diffuse Struktur. Die nächtliche Wache störte mich kaum, wohl aber der Umstand, dass sich meine Nahrungsvorräte langsam leerten, ich jedoch noch immer außerstande war, die Wohnung zu verlassen.

Fest entschlossen, das Nötige einzukaufen, kleidete ich mich an, ging zur Wohnungstür und wollte nach der Klinke greifen. Doch da verließ mich jegliche Kontrolle meines Körpers. Erst als ich versuchte, mich wieder vom Ausgang abzuwenden, war ich wieder Herr meiner selbst.

Nach etwa einer Woche hatte ich aufgegeben und zehrte von den Dingen, die ich noch finden konnte. Trockenes Knäckebrot und Instantsuppen hielten mich am Leben, während ich weiter meiner künstlerischen Ader frönte.

Nach etwa zwei Wochen jedoch – zumindest glaube ich, dass es zwei Wochen waren, hatte ich doch mein Zeitgefühl verloren – zog ich des Tags mein Buch zur Seite und blätterte durch meine Aufzeichnungen. Zwar war ich noch immer nicht fähig, auf einem der Bilder wirklich etwas zu erkennen, doch als ich schnell durch die Seiten blätterte, wurde mir eine Bewegung in der Struktur bewusst. Das diffuse Dinge nahm zunehmend Form an.

In der Hoffnung zu erkennen, was sich dort bildete, versuchte ich die Veränderung der Struktur logisch fortzusetzen. Drei oder vier weitere Zeichnungen musste ich anfertigen, bis mir endlich bewusste wurde, dass die diffuse Struktur zunehmend einen menschlichen Umriss bildete.

Erschrocken warf ich das Buch zur Seite und versuchte rasenden Herzens den Gedanken daran zu verdrängen. Doch es wollte mir nicht gelingen. Panisch schritt ich in der Wohnung auf und ab, wohl wissend, dass mein isoliertes Leben endgültig in meinen Wahnsinn gemündet hatte.

Ich musste Kontakt zur Außenwelt herstellen, eine menschliche Stimme hören. So ging ich zum Telefon, wählte wahllos Nummern, doch niemand reagierte, obwohl das Telefon zu funktionieren schien. Dann eilte ich zum Computer, versuchte Freunde zu erreichen, doch erneut reagierte niemand auf meine Nachrichten, obgleich Computer und Internetverbindung offensichtlich zu funktionieren schienen.

Ich musste aus der Wohnung entkommen, denn entweder ich war verrückt geworden und bedurfte ernsthafter Hilfe oder jedoch es bildete sich da wirklich etwas an der Wand und mir war durchaus nicht daran gelegen, herauszufinden, was es war. Doch die Wohnungstür stellte erneut ein

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unüberwindliches Hindernis für mich dar. Ich war unfähig die Klinke zu berühren oder gegen die Tür zu schlagen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ja, ich konnte mich nicht einmal dagegen werfen. Dann dämmerte es mir – ich musste die Wohnung nicht notwendig verlassen, sondern lediglich jemanden dazu bringen, die Tür zu öffnen. So suchte ich ein Feuerzeug und meine Fußbank und brachte auf künstlichem Wege den Feuermelder in meinem Zimmer dazu, wild Alarm zu schlagen. Halb taub aber zufrieden ließ ich mich in meinen Sessel fallen und versuchte den Lärm mit meinen Händen aus meinen Ohren zu verbannen.

5. Brennen

Der Feuermelder jaulte wohl mehrere Stunden, bis er plötzlich ausfiel. Vermutlich war die Batterie nach dieser Dauerbelastung erschöpft. Aufmerksamkeit hatte er aber offensichtlich keine erregt.

Da die Sonne langsam im Untergehen begriffen war, wurde ich zunehmend panisch, denn es würde nur noch wenige Stunden dauern, bis der Unheilsbringer wieder das Regiment am Himmelszelt übernehmen würde. Fest entschlossen diese Wohnung auf irgendeinem Weg zu verlassen, trat ich zum Fenster, um mich nach draußen zu stürzen. Doch ich konnte nicht. Wie in einem Alptraum war ich unfähig, das Fenster zu öffnen oder zu zerschlagen. Draußen jedoch gingen die Menschen in altbekannter Weise auf und ab und kümmerten sich nicht um die wahnsinnig schreiende Kreatur, die über ihnen verzweifelt aus dem Fenster starrte.

Der Mensch ist in Notsituationen zu bemerkenswerten Leistungen imstande und kann ungeahnte Kräfte aufbringen. Doch setzt dies voraus, dass er noch Herr seines Körpers und seines Verstandes ist. Tatsächlich hatte ich an diesem Punkt jedoch die Gewissheit erlangt, dass ich meinem Schicksal nicht entrinnen konnte. So gab ich auf und ließ die Zeit verrinnen.

Vor mich hin vegetierend und zunehmend in einen verwahrlosten Zustand abdriftend, harrte ich der Dinge, die mein Leben zu beeinflussen begehrten.

Nacht um Nacht kehrte der Stern zurück und warf sein Licht an die Wand. Tatsächlich entsprachen meine Berechnungen der Realität und die diffuse Form nahm zunehmend den Umriss eines Menschen an. Dann jedoch änderte sich das Verhalten des Lichts. Die Form änderte sich nun nicht mehr. Vielmehr wurde der Umriss zunehmend schärfer, bis er nach wenigen Tagen so deutlich in dem violetten Licht zu erkennen war, als würde ein realer Mensch seinen Schatten gegen die Wand werfen. Furchtsam krallte ich mich in meinen Sessel, dabei beständig die Gestalt an der Wand fixierend.

Aus meiner jetzigen Perspektive bin ich mir nicht mehr sicher, ob es das Ergebnis meiner gänzlich derangierten Psyche war oder ob es der Wahrheit entsprach, doch ich war mir extrem sicher, dass die Figur an meiner Wand mich beobachtete. Jede Nacht erschien sie wieder in ihrer altbekannten Form, lauernd, wachend. Doch nichts geschah.

Das Datum war mir längst entfallen. Zwar wäre es ein leichtes gewesen, es über den Computer zu prüfen, doch es kümmerte mich nicht mehr. Halb wach und halb schlafend wankte ich durch meine Wohnung, nur die einfachsten Bedürfnisse befriedigend, die das Überleben erforderte. Stellenweise dachte ich darüber nach, auch dies einzustellen. Regelmäßig öffnete ich die Schublade mit den Messern, darüber nachsinnend, ob ich es nicht endlich beenden sollte. Doch trotz meiner Lage sah ich mich dazu außerstande. Die Unfähigkeit mich zu entleiben war jedoch nicht der gleichen Natur, wie der Bann, der mich in diesen vier Wänden hielt – sie hatte ihren Ursprung in mir selbst.

Da wurde mir bewusst, dass ich mich durchaus noch an mein Leben krallte und dass ich mitnichten dazu bereit war, mich auf diese Weise der Verwesung zu übereignen. Wenn eine finstere Macht meinen Untergang plante, so wollte ich mich ihr aufrecht stellen. Und wenn ich wirklich nur wahnsinnig war, so würde ich aus eigener Kraft wieder die Herrschaft über meinen Geist erringen. Entschlossen richtete ich meine Erscheinung her, duschte, wusch die Haare, rasierte mich und kleidete mich in meine offizielle Garderobe.

Und dann wartete ich auf den Einbruch der Nacht…

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Diesmal hatte ich den Blick nicht auf die Wand gerichtet, interessierte mich die Gestalt auf der billigen Tapete doch nicht mehr. Mein Blick ruhte ruhig aber bestimmt auf der Schwärze des Nachthimmels.

Die Stunden vergingen und dann sah ich ihn, langsam in der Finsternis erscheinend, zunächst nur ein kleines Funkeln, doch stets heller und größer werdend. Wahrlich, kaum bin ich imstande, das Spektakel zu beschreiben, was ich in dieser Nacht beobachtete. Allein, der Stern musste in all jenen Nächten, in denen ich ihn keines Blickes gewürdigt hatte, stetig heller geworden sein und nun konnte ich in kürzester Zeit die Evolution dieses wundersamen Lichtbringers bewundern, wie er wuchs und erblühte… gleich einer violetten, brennenden, geheimnisvollen Blume, die letztlich den ganzen Nachthimmel für sich beanspruchte, sich sanft wiegend und tanzend vor meinen Augen bewegte.

Natürlich hatte der Anblick des Wundersamen auch diesmal wieder einen gehörigen Effekt auf mich. Es war die gleiche Mischung aus Anziehung und Abstoßung wie zuvor die meinen Körper durchströmte, doch diesmal in einer wahnwitzigen Intensität, die ich mit Worten in keinster Weise zu beschreiben weiß. Das Licht schien mir in jenem Moment die süßeste aller Verheißungen, die perfekte Form und das goldene Schicksal. Und Zugleich war es ein lodernder Feuerball, eine reißende Bestie und ein gähnender Abgrund. Von tiefem Schrecken durchzogen sehnte ich doch nicht mehr herbei, als mich glücklich und lachend in das offene Maul dieses himmlischen Leviathans zu werfen.

Unmerklich rückte ich näher an das Fenster, berührte zitternd das Glas, begann leicht darüber zu streichen, immer vehementer werdend, bis ich wie ein wildes Tier, unfähig mich zu kontrollieren, an der Fensterscheibe kratze und scharrte.

Oh, himmlisches Feuer… Die Erinnerung allein genügt um mich zu benebeln. Doch bitte verzeih, werter Leser. Das eigentlich Bemerkenswerte, es war noch gar nicht geschehen.

6. Lodern

Ich mühte mich also in meinem Wahnsinn der Wohnung zu entrinnen, zugleich unfähig, dies auszuführen, da erklang eine Stimme zu meiner Linken.

„Mensch…“

Erschrocken wurde ich mir wieder meiner selbst bewusst, erkannte was ich tat und wandte mich der Quelle des ungekannten Lauts zu. Da stand er plötzlich, inmitten des Raums – der Schatten, der mich all die Nächte belauert hatte. Er war noch immer platt wie zuvor, ein einfaches Schattenbild, doch als er auf mich zu schritt, erkannte ich, dass er sich inmitten der Zimmers befand.

„Mensch… endlich… verstehst du… endlich öffnetest du… deinen Geist…“

Die Stimme des Schattens sprach langsam und hallend aber dennoch bestimmt und klang grundsätzlich menschlich. Und doch schien sie aus einer unendlichen Ferne zu mir herüber zu hallen, obwohl mir der Redner gegenüber stand.

Ich war ob dieser Begegnung zwar verwundert, seltsamerweise fürchtete ich mich jedoch nicht mehr. So fragte ich den Schatten, wer er sei und woher er kommt.

„Ich hörte… schmeckte… sah dich… Ein Licht in der Finsternis…“, sprach der Schatten mühsam und ergänzte: „Ich trage… keinen Namen…. meine Heimat… existiert nicht….“

Wie du dir sicher denken kannst, werter Leser, verwirrten mich die Ausführungen des Schattens ungemein. Doch eine seltsame Faszination erfasste mich und so wollte ich wissen, was er von mir wollte.

„Ich muss dir berichten… von meiner Welt…“

Die Stimme schien ihren Hall zu verlieren, wurde zunehmend klarer.

Ich erklärte, dass ich das nicht verstand. Wie sollte er mir von einer Welt berichten, die nicht existierte?

„Sie existiert… noch nicht. Sie schwebt… in der Leere… doch sie muss hinaus… ins Dasein

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dringen…“

Da fragte ich, warum er zu mir gekommen war. Mangelte es der Welt doch durchaus nicht an Menschen. Da versuchte der Schatten sich zu erklären. Seine Stimme hatte indes seinen Hall verloren.

„Du warst fähig zu hören. Zu sehen. Du ließest mich hinein. Die meisten sind taub. Sind blind. Verschlossen. Ja, da waren auch andere, wenige, die hörten, die sahen. Aber andere. Nicht mich. Sie waren nicht die rechten… für mich. Sie werden andere rufen. Doch du… du riefst mich… bist für mich… bist für… uns…“

Der verheißungsvolle Klang des Schattens wollte mir nicht so recht gefallen. In Anbetracht der Gesamtsituation war der verbale Subtext aber weniger der Fokus meines Interesses. Tatsächlich fühlte ich, wie meine geistigen Kräfte nun vollends zu mir zurückgekehrt waren und so war mir daran gelegen, mehr über meinen Besucher zu erfahren. Allein schon, weil er keine Anstalten machte, sich so ohne weiteres zu entfernen. Nachdenklich blickte ich aus dem Fenster, hinauf zu dem Spektakel am Himmel, die rechten Worte suchend, mit denen ich dem Besucher mehr als nur kryptische Botschaften entlocken konnte. Da fragte der Schatten plötzlich:

„Willst du brennen?“

Ich verstand noch immer nicht und erklärte, dass mir durchaus nicht daran gelegen war, mein Leben in einem Feuer zu beenden. Zunächst schwieg der Schatten, wanderte einige Schritte hin und her, wandte sich dem Stern zu und sprach erneut. Er schien bemüht, die rechten Worte zu finden.

„Kein Feuer… Brennen… Die anderen… sie waren stumpf… konnten nicht brennen… Doch du… du kannst brennen….“

Und da trat der Schatten auf mich zu und legte seine Hand auf meine Brust. Wenn es auch meinem Auge schwer fiel, die zweidimensionale Gestalt so recht zu erfassen, so fühlte ich doch die Hand eines Menschen sanft auf meinem Körper ruhend. Ruhig sprach er weiter.

„In deinem Herzen tanzt das Chaos… bist unvollständig… so viele Möglichkeiten…“

Da wandte er sich wieder dem Stern zu, hob die Arme in die Luft und rief:

„Frohlocke! Tanze! Sei Chaos! Und brenne!“

Diese Unterhaltung führte nicht so recht weiter und den Kopf schüttelnd, bemerkte ich, dass ich nicht brennen möchte, da ich kein Holzscheit sei. Dies jedoch erregte die Aufmerksamkeit des Schattens, der nun um mich herum schlich, mir die Hände von hinten auf die Schultern legte und eine Eingebung zu haben schien.

Mit einem lauten „Ahhhhhhh….“ hob er erneut an zu sprechen und flüsterte mir in mein Ohr.

„Brennen… ja… aber… kein Holz… Holz brennt nicht…. Holz verbrennt… Sei kein Holz… Brenne… sei… die… Flamme!“

Mit einer schnellen Bewegung sauste er plötzlich um mich herum und ich wusste gar nicht wie mir geschah, als er in Sekundenschnelle vor mir stand, meinen Kopf in seine Hände legte und mich anstarrte. Und ja, nun war dies keine Einbildung mehr, hatte die Gestalt doch plötzlich Augen, die mich aus der Finsternis seines Körpers violett anleuchteten.

„Willst du ein Gott sein?“

Diese Frage überrumpelte mich nun doch und ich fragte eher scherzhaft nach, ob er mich zum Gott über die Welt machen könnte.

„Nein“, sprach der Schatten, „nicht dieser Welt… aber meiner…“

Dem Besucher schien dieses Angebot durchaus ernst zu sein, hielt er mich doch noch immer mit seinem Blick fixiert. Da mir bewusst war, dass ich wohl gerade im Begriff war, einen Handel mit dem Teufel oder etwas ähnlichem einzugehen, wollte ich zunächst wissen, welche Bedingungen daran geknüpft waren. Da lachte der Schatten, löste den Griff um meinen Kopf und tippte mir auf die Brust.

„Dein Leben!“, sprach er mit amüsierter Bestimmtheit.

Erschrocken entgegnete ich, dass ich nicht bereit war, zu sterben und mein Leben notfalls auch verteidigen würde. Ich sinnierte schon darüber, wie ich meinen Gast bekämpfen könnte, doch dieser

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erklärte nur weiter:
„Kein Tod. Nein. Es fordert dein Leben… dein altes Leben… verbrenne das Alte… und brenne als das Neue! Doch entscheide klug. Es gibt keinen Weg zurück…“

An diesem Punkt war ich mir unsicher, so unsicher wie noch nie zuvor in meinem Leben. Die Ausführungen des Schattens waren gar zu abstrakt. Und doch war der Gedanke des Neuen so unsagbar verlockend. Fühlte ich mich doch zum ersten Mal seit ach so langer Zeit lebendig, während ich zuvor halb tot mein Dasein fristete.

Ich sprach eher zu mir selbst als zu dem Schatten, als ich fragte, wie es wohl sein würde. Doch mein Besucher drehte sich zum Fenster und zeigte in Richtung des tanzenden Sterns.

„So…“, sprach er langsam und ich blickte erneut hinauf zu dem sich windenden Licht.

Und er strahlte, tanzte, frohlockte. Doch ihn umgab noch immer der Schrecken, das Maul des Abgrunds, bereit mich zu verschlingen. Und da erkannte ich etwas, was mir zuvor nicht gewahr geworden war. Die Einsamkeit, die ihn umgab, wie er in der eigenen lodernden Perfektion brannte.

Fragend blickt ich zu dem Schatten hinüber und wortlos nickte er mir zu. Einen letzten Augenblick verharrte ich, doch dann war ich bereit, eine Entscheidung zu treffen.

Ich fixierte den Schatten und deutete zum Fenster.

„Lass mich brennen! Lass mich lodern! Durch die Leere tanzen in einsamer Perfektion! Was muss ich tun?“

Der Schatten hob an zu sprechen:

„Gebäre… Schreibe!“

Da zeigte er auf meinen Computer. Ich fragte ihn, was ich schreiben solle und er erklärte:

„Ich berichte. Und du schreibst. Gebärst. Erschaffst. Gibst mir eine Heimat. Einen Namen. Und nun…“

Plötzlich hob er seine Arme, schoss auf mich zu und durch mich durch. Ich weiß selbst nicht so recht, was in diesem Moment genau geschah. Doch plötzlich hörte ich das vertraute Klingeln des Telefons. Der Raum war lichtdurchflutet und die Sonne stand hoch am Himmel. Keine Spur von meinem Stern oder dem Schatten.

Nachdem ich mich gefangen hatte und wieder meinen Alltagsgeschäften widmete, erkannte ich, dass das Datum noch immer das jenes Tages war, an dem ich den Stern zum ersten Mal erblickte. Zunächst schien es mir, ich hätte lediglich einen überaus langen Traum gehabt. Doch ich fühlte mich anders, erweitert. Als hätte man mir die Augen geöffnet. Ja, und dann sah ich ihn – den Stern – wie er diffus im Licht der Sonne funkelte, die Welt erhellte und mich Dinge sehen ließ, die ich zuvor nicht bemerkte… aber auch Dinge überstrahlte, die mir einst teuer waren.

Die Welt, sie war… ist… heller, schöner… aber auch einsamer. Nur die Stimme des Schattens leistet mir seit jeher Gesellschaft. Sie erzählt mir und ich lausche, binde seine Erzählungen in Worte und verbreite sie.

Doch nun sitze ich hier und schreibe meine Geschichte nieder, poste sie in diesem Blog. Ich weiß nicht recht warum, handelt sie doch nur von mir und nicht von ihm. Doch er bestand darauf. Magst du, werter Leser, daraus folgern, was dir beliebt.

Hach, die Nacht ist schön. Der Stern… mein Stern, er funkelt – fremdartig, verheißungsvoll und schrecklich.