Ignatius 0 – Was im Dunkeln lag

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Ein sonniger Tag erwacht in der Festungsstadt Grenada. Langsam schiebt sich die Sonne über den Horizont und taucht die ersten Hausdächer und die Türme in ihren gelben Schein, so dass man fast meinen könnte, sie wären aus Gold. Doch ein Großteil der Stadt liegt noch im wohligen Schatten der Stadtmauer. Die ersten Menschen verlassen ihre Häuser, um ihren Geschäften nach zu gehen. Die Soldaten der Nachtwache wechseln mit der Morgenwache. Leben kehrt in die eben noch ruhende Stadt ein. Wenngleich der Tag noch jung ist, erfüllt bereits eine angenehme Wärme die Luft, denn es ist Sommer und die Wälder die sich in einiger Entfernung um die Stadt erstrecken wiegen ihre grünen Blätter in der Morgenbrise sanft hin und her. Doch unsere Aufmerksamkeit soll einem jungen Mann im achtundzwanzigsten Lenz seines Lebens gelten. Sein Name ist Ignatz Speetz, doch von seinen Freunden wird er meist Ignatius gerufen, denn seine Persönlichkeit entspricht wahrhaft einem feurigen Menschen. Sein Vater ist Waffenschmied und auch er lernt eben jenes Gewerbe. Doch ist er kein wirklich erfolgreicher Schmied trotz der Jahre des Lernens, denn seine Aufmerksamkeit gilt mehr der Damenwelt, als dem glühenden Metall. Gerade tritt er aus dem Haus, in dem er mit seinen Eltern lebt. Ein gutbürgerliches Haus mit einem weißen Anstrich und einem fein gearbeiteten Fachwerk ist es. Eigentlich sehr teuer, doch sein Vater verdient gut an der Waffenherstellung für das Militär. Ignatz befindet sich gerade auf dem Weg zum Markt wo er noch einige Kartoffeln für das Mittagessen kaufen soll. Es ist ein arbeitsfreier Tag und so wird er von den Eltern mit allerlei anderen Aufgaben beladen, denn sein Vater predigt ihm täglich, dass Müßiggang schlecht für das eigene Wohl ist.

So zieht er denn zum Markt in feinem Stoff, wenngleich untypisch für einen Schmied, doch anziehend für die Damenwelt. Sein braunes mittellanges Haar weht in der warmen Morgenbrise. Er wandelt durch die Seitenstraßen, um den Weg zum Markt kurz zu halten. Selbst die Gassen sind in Grenada gepflegt und Wachen patrouillieren überall, denn man weiß nie, welch tückische Pläne die dunklen Fürsten des Westens wieder aushecken. Schon nach knapp zehn Minuten erreicht Ignatz den Marktplatz auf der Ost-West-Hauptstraße der Stadt. Hier bieten allerlei Händler aus Grenada und auch von weiter her ihre Waren feil. Ignatz zieht es zu einem Stand, an dem die Tochter eines Bauern aus der Umgebung die Erzeugnisse des väterlichen Hofes verkauft. Wenngleich sein Vater ihm immer predigt, er solle beim alten Arne die Kartoffeln kaufen, so zieht es ihn doch immer wieder zu dem Stand der schönen Irma.

Freudig begrüßt er die Bauerntochter mit einer Verbeugung und den Worten:

“Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich, werte Irma, wenngleich er doch die Schönheit eures Antlitzes nicht zu übertreffen vermag.”

Das Mädchen fühlt sich zwar sichtlich geschmeichelt, doch weiß sie nicht so recht, was ihm an ihr gefällt. Ihr Kleid ist ja doch aus einfachen braunen Stoffen und sie hat nicht das Geld um sich zurecht zu machen, wie die Damen der Stadt. Und so wird sie nur rot und stammelt:

“Hallo werter Ignatz….”

Dieser jedoch entgegnet mit einem leicht beleidigten Blick, dass er diesen Namen furchtbar findet und sie ihn doch Ignatius nennen soll, so wie es all seine Freunde zu tun pflegen. Seine Ausführungen über das Wetter und die Tatsache, dass er ja heute nicht arbeiten müsse und somit Zeit hätte, stoßen bei der jungen Bäuerin nicht wirklich auf große Freude und sie entgegnet nur schüchtern, dass sie auf dem Hofe wieder helfen müsse, wenn sie später wieder heimkehrt. Leicht gekränkt kauft er einen Sack Kartoffeln und macht sich mit eben jenem wieder auf den Weg nach Hause. Dies Unterfangen ist jedoch nicht so einfach, wie man es

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sehen mag, denn ihm liegt viel daran, dass sein guter Zwirn nicht durch die Kartoffeln schmutzig wird und so trägt er den Sack so weit wie möglich vor sich her. Zwei seiner Freunde sehen das Schauspiel und eilen gleich zu ihm. Nicht jedoch um ihm zu helfen, nein, vielmehr um ihn ein wenig damit aufzuziehen, dass Irma ihn wieder abblitzen ließ und der Vater sich sicher wieder einmal über seine falsch gesetzten Prinzipien aufregen würde. Doch haben sie noch ein anderes Anliegen und so beginnt der eine mit den kurzen schwarzen Haaren, der auf den Name Ren hört zu sprechen.

“Ignatz, du weißt ja, mein Vater besitzt einige Häuser hier und gestern erst hat er eines verkauft an eine Familie die just hier her zog.”

Ignatz jedoch, der den Kartoffelsack vor sich gestellt hat, bemerkt kaum interessiert:

Na und? Was habe ich damit zu tun?”

Da beginnt der zweite mit den kurzen blonden Haaren zu sprechen, der auf den Namen Nero hört, zu sprechen:

“Du lässt einen ja nie aussprechen. Los Ren, erzähl es ihm.”

“Nun Ignatz…”

“Bitte… Ich hasse diesen Namen….”, wendet Ignatz sofort ein.

“Gut, Ignatius eben. Der Vater scheint ein Totengräber zu sein, die Familie wirkt auf mich generell recht düster, aber sie scheinen entgegen ihres Aussehens nett zu sein. Doch das was wirklich wesentlich an der ganzen Sache ist, ist die Tatsache, dass er eine Tochter hat. Ich konnte sie nur kurz sehen, aber was ich sah, raubte mir den Atem. Wunderschöne, lange, schwarze Haare, eine engelsgleiche schlanke Gestalt und braune Augen die funkelten, als hätte Ilindura selbst ihr zwei Edelsteine in die Augenhöhlen gesetzt. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist ihr Name Nila.”

Nun ist Ignatz Interesse geweckt und er hakt nach.

“Soso, und wo genau wohnen unsere neuen Mitbürger. Man muss sich ja einmal bekannt machen. Man ist ja freundlich und es mangelt den Meisten hier ja an der gebotenen Höflichkeit, einen Zugezogenen richtig zu begrüßen.”

Da lacht Nero nur und entgegnet:

“Jaja, red‘ du nur, wir kennen dich wohl besser als du dich selbst kennst. Doch wir wollen am heutigen Nachmittag die Dame des Hauses einmal begrüßen. Du kannst uns gerne begleiten.”

Freudig antwortet Ignatz, dass er sie gerne begleiten will, doch nun müsse er sich verabschieden, denn er hat noch einiges vor sich. Mürrisch schaut er auf den Kartoffelsack hebt ihn mit beiden Armen an und schleppt ihn weiter Richtung Elternhaus.

Die Tür des elterlichen Hauses öffnet sich und der erschöpfte Ignatz tritt, den Kartoffelsack noch immer vor sich her tragend, in den Flur. Dort erwartet ihn schon der Vater, welcher ihn erst einmal mustert und aus seiner Kleidung sogleich wieder schließt, dass Ignatz bei der jungen Bäuerin eingekauft hat und somit nur wieder unnötig Geld verschwendet hat. Doch schnell beendet er seine Beschwerde mit einem Seufzen und der Bemerkung, dass aus Ignatz wohl nie ein vernünftiger Bürger werden wird. Dann verschwindet er durch eine Tür in das Wohnzimmer. Ignatz jedoch berühren die Worte seines Vater nicht. Sie taten es schon zu Beginn nicht und sie werden ihn auch nie beeinflussen können. Wenn er ihm denn nichts recht machen kann, so solle er doch seine Geschäfte selbst erledigen. Mit störrischem Blick tritt Ignatz durch die Tür zu seiner Rechten in die Küche. Dort packt er den Kartoffelsack schweigend neben den Herd, an dem seine Mutter gerade das Mittagessen vorbereitet. Sie mustert ihren Sohn kurz und erkennt an seinem Blick, dass der Vater ihn wohl wieder gemaßregelt hat. Doch sie schweigt und widmet sich wieder dem Mittag.

Ignatz selbst tritt wieder aus der Küche hinaus, geht durch den Flur in das Treppenhaus auf der linken Seite des Hauses und hinauf in sein Zimmer. Eilig schließt er die Tür hinter sich,

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als würde man ihn verfolgen, doch alles, was er auszusperren versucht, ist sein Vater und seine Launen. Dies ist sein Reich und hier soll ihn niemand finden. Nachdenklich wirft er sich auf sein Bett und denkt daran, wie wohl diese Nila aussehen mag… Doch schnell holen ihn wieder die Gedanken an seinen Vater und die dauernden Konflikte mit eben diesem ein. Er wälzt sich im Bett herum und fällt schließlich in einen tiefen Schlaf, denn der Kartoffelsack war wohl zu viel für ihn…

Langsam erwacht Ignatz wieder, verwirrt darüber, wo er denn sei. Hurtig schnellt er nach oben und erblickt die von draußen hereinscheinende Sonne. Es muss schon später Nachmittag sein, denn die Sonne steht tief und die ersten Häuser Grenadas sind wieder in die Schatten der Festungsmauern gehüllt. Er öffnet langsam das Fenster um etwas frische Luft zu spüren. Ein warme Brise fährt ihm in das Gesicht. Auf der Straße wandeln noch viele Menschen umher, die meisten wohl sind auf dem Weg zurück nach Hause. Da erblickt er Nero und Ren herbei eilen. Als sie Ignatz erblicken bleiben sie stehen und rufen ihm zu:

“Hey, wir haben schon gewartet! Los beeil‘ dich, wir wollen Nila besuchen!”

Kaum hat er diese Worte vernommen, erinnert er sich wieder an die Worte, die am Morgen über das schöne zugezogene Mädchen verloren wurden, und das man sie am Nachmittag besuchen wollte. Schnell schließt er das Fenster und eilt hinaus zu seinen Freunden. Die Mutter sieht ihn nur schnell im Hausflur an sich vorbeieilen und schüttelt den Kopf.

“Da bin ich!”, sind die einzigen Worte, die Ignatz für seine Freunde übrig hat. Doch sind sie auch nicht an großen Reden interessiert, sondern vielmehr an der schönen Nila.

So wandeln die drei die Straße hinab, da beginnt Ren zu sprechen:

“Ich sage euch, ihr werdet sicher nicht enttäuscht sein. Sah ich doch selbst zuvor kein Fräulein von solcher Anmut.”

“Das will ich auch hoffen Ren.”, entgegnet Ignatz.

“Das Haus ist es!”, sagt Ren plötzlich und deutet seinen Begleitern zu stoppen, “In diesem Haus lebt die schöne Nila! Wenngleich der Ort selbst etwas unheimlich ist.”

Kaum hat er diese gesagt, blicken alle nach links und betrachten die Mauern des Friedhofs welcher zur Kathedrale gehört. Ren spricht weiter:

“Doch was soll’s, so hat denn ihr Vater einen kurzen Weg zur Arbeit.”

“Aber düster ist es hier wirklich.”, entgegnet Nero.

“Ja, das ist wohl war, mir scheint es ist das einzige Haus der Stadt, was nie von der Sonne getroffen wird, denn es liegt direkt an der Mauer der Stadt.”

Doch plötzlich kehrt schweigen ein… Nach einigen Minuten erhebt Nero wieder da Wort.

“Und nun? Ich meine, was sollen wir tun? Wir können ja nicht einfach klopfen… Oder?”

Ohne Reaktion stehen die beiden anderen da und starren unschlüssig das Haus an. Wollen sie doch einerseits die schöne Nila sehen, andererseits, wagen sie es jedoch nicht, sie aus dem Haus zu locken. Ein erneutes Schweigen kehrt ein und die drei starren weiter. Doch es scheint ihre Gedanken wurden erhört und im Obergeschoss, des etwas mitgenommenen Hauses, öffnet sich ein Fenster. Ein junges Mädchen mit langem, lockigem, tiefschwarzem Haar schaut hinaus. Die warme Brise weht durch ihr Haar und es umspielt sanft ihr blasses und zerbrechlich wirkendes Gesicht. Fast wirkt sie wie eine Puppe, die der beste Puppenmacher aus Porzellan schuf. Das Antlitz scheint weiß wie Schnee und ihre Augen gleichen zwei dunkelbraunen Edelsteinen. Ihre Lippen zart und rot, bilden einen Kontrast zu ihrem sonst farblosen Antlitz.

“Das ist sie…”, spricht Ren leise.

Doch Ignatz vernimmt seine Worte schon nicht mehr, denn er ist verzaubert von der Gestalt, die da oben am Fenster steht. Fasziniert starrt er hinauf, unfähig auf seine Umwelt zu reagieren. Doch dann hört er eine Stimme aus dem Haus kommen. Das Mädchen dreht sich

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herum, antwortet, dass sie gleich komme und schließt dann wieder das Fenster. Auch wenn es nur leise war, so konnte Ignatz doch die engelsgleiche Stimme Nilas hören. Da haut ihm Ren leicht in die Seite, um seine Aufmerksamkeit wieder der Realität zu zu führen.

“Ha, Ignatz, so habe ich dich ja noch nie erlebt. Kein dummer Spruch, nur Schweigen.”

Nero entgegnet noch lachend:

“Ja, das kann einem schon fast Angst machen. Hahaha!”

“Nun gut werte Freunde”, spricht Ren, “Ich muss mich nun auf den Weg nach Hause machen, denn die Eltern warten schon auf mich.”

“Ja, ich auch, auf bald werte Freunde.”, entgegnet Nero und die beiden lassen einen verwirrten Ignatz zurück, der erst jetzt zu begreifen scheint, wo er denn eigentlich ist und was er da tut. Langsam macht er sich mit behäbigem Schritt wieder auf den Weg nach Hause. Eigentlich würde er lieber noch vor dem Haus verweilen, in der Hoffnung, dass sie noch einmal ihr schönes Antlitz zeigen möge. Doch sein Magen ist leer, hatte er doch das Mittagessen verpasst und somit noch nichts vernünftiges gegessen. Und so treibt ihn der Hunger nach Hause.

Daheim erwartet man ihn schon. Die Abendtafel ist gedeckt und wortlos setzt sich Ignatz zu seinen Eltern an den alten Holztisch in der Küche. Mit leerem Blick starrt er auf seinen Teller. Und so schweigen sich alle an. So ist es üblich, denn diese Familie war nie Freund vieler Worte. Doch Ignatz soll es Recht sein, so bleiben ihm die Beschwerden des Vaters erspart. Nach dem Essen begibt er sich sogleich zu Bett. Ungewöhnlich für ihn, pflegt er doch sonst Nachts noch durch die Stadt zu geistern.

Mit offenen Augen liegt er in seinem Bett und starrt in das Dunkel vor seinem Gesicht, in dem seine Gedanken einem Theater gleich ihren Unfug treiben. Die eine und andere Spinnerei geht ihm durch den Kopf, doch immer ist ihr Bild vor seinen Augen, als wäre es durch eine unheimliche Macht in seine Augen gebrannt worden. Doch etwas ist anders. Stellte er doch immer den Damen nach, doch diesmal… Diesmal ist es anders, diesmal wurde er in den Bann einer Frau geschlagen, diesmal ist er das Opfer. Doch irgendwann kann er sich nicht mehr gegen Morpheus Umarmung erwehren und fällt in einen tiefen Schlaf…

In dieser Nacht träumt Ignatz einen dunklen Traum… Einen Traum voller Feuer und Schmerz… Er sieht Grenada in Flammen stehen… Die Bewohner abgeschlachtet… Er sieht die Umrisse einer jungen Frau, fast denkt er es ist Nila, doch aus dem dunklen Schatten leuchten zwei rote Augen hervor… Sie steht an dem Bett eines Kindes, selbiges wiegt sie in ihren Armen behutsam hin und her… Dann tritt ein Mann zu ihr, ein Fürst in dunkler Kleidung und beide blicken sich tief in die Augen… Dann verschwindet das Bild, Finsternis umhüllt ihn… Einsam wandelt er durch das Nichts… Er ist allein… Er hat Angst… Denn niemand ist mehr da…. Er läuft weiter, in der Hoffnung aus dieser Finsternis entkommen zu können… Dann hört er plötzlich die Stimme eines Mädchens… Ein Bild entsteht in der Finsternis… Er sieht eine junge Schwarzorkin… doch das Bild ist verschwommen… dann verschwindet sie wieder… Er eilt wieder durch die Finsternis… Doch auf einmal bleibt er stehen… Er dreht sich herum und erblickt eine Gestalt, die auf ihn zugeht… Ein finstere Gestalt in einer schwarzen Rüstung, verziert mit allerlei Stacheln und Klingen…. Fast sieht er aus wie ein Mensch, doch er ist blass wie der Tod und seine roten Augen scheinen direkt in Ignatz Seele zu blicken… Angst umfängt Ignatz und er versucht zu flüchten, doch so sehr er sich auch bemüht, immer wenn er zurück schaut, ist die dunkle Gestalt wieder ein Stück näher gekommen. Schnell hat der Dunkle ihn erreicht… er zieht sein Schwert…

Doch hier endet der Traum und Ignatz erwacht schweißgebadet in seinem Bett. Verstört blickt er sich um, doch von der finsteren Gestalt ist keine Spur zu sehen. Durch das Fenster

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dringen die ersten Strahlen der Sonne die über die Festungsmauer scheinen. Schnell kleidet er sich an. Verwirrt eilt er im Zimmer hin und her, stetig spürt er den Blick des Dunklen auf sich, so real wirkte der Traum auf ihn. Er muss sich ablenken und so beschließt er zur Schmiede des Vaters zu gehen. Schnell eilt er aus dem Haus und die Straße hinunter zur Schmiede, die in der Nähe des Stadttores liegt. Mit schnellem Schritt erreicht er sein Ziel schon nach wenigen Minuten. Er legt seine Arbeitskleidung an und entfacht die Flammen.

Als der Vater einige Zeit später die Schmiede betritt, staunt er, als er seinen Sohn in selbiger arbeiten sieht. Ein kleines Lächeln liegt auf seinen Lippen und erneut hofft er, dass sein Sohn wohl noch einmal den rechten Weg finden möge. Ignatz bemerkt seinen Vater jedoch nicht, denn in Gedanken ist er immer noch bei seinem Traum… und bei Nila.

So arbeitet Ignatz unablässig in der väterlichen Schmiede. Selbst als die Sonne schon imstande ist, sich wieder hinter den Horizont zu verziehen und der Vater ihn ermahnt, doch endlich die Arbeit ruhen zu lassen, kann Ignatz nicht von seiner Arbeit lassen. Es ist fast so, als würde ihn eine fremde Macht zu diesem Werk verleiten. In Gedanken ist er jedoch nicht bei seiner Schmiedekunst und so weiß er eigentlich auch gar nicht so recht, was er denn eigentlich schmiedet. Doch ist es ihm auch recht egal, denn er will nur dem Traum entfliehen. Doch auch als der Mond schon hoch am Himmel steht, kann er sein fieberhaftes Treiben nicht stoppen. Mit jeder Minute, die er hier schmiedet, scheint sein Geist immer weiter der Realität zu entgleiten und nur sein Traum und das magische Bild der schönen Nila sind noch in seinem Geist. Willenlos schmiedet er eine Waffe; wozu, er kann es nicht sagen.

Am nächsten Morgen findet der Vater seinen Sohn noch immer in der Schmiede vor. Schweißüberströhmt steht dieser noch immer an seiner Arbeit und lässt sich durch Worte nicht davon abbringen. Dann versucht der Vater ihn zur Räson zu bringen und berührt ihn an der Schulter. Diese Berührung scheint die Wahrnehmung des wahnsinnigen Ignatz kurz zurück in die Gefilde der Realität zu holen, doch der Vater erstarrt als ihn der leere Blick seines Sohnes durchbohrt. Vielmehr scheint es ihm, als würde dort nicht mehr sein eigen Fleisch und Blut stehen, sondern etwas anderes… Doch kaum ist der Vater zurück gewichen, macht sich Ignatz wieder daran das Schwert zu schmieden. Der Vater ergibt sich seinem Schicksal und lässt seinen Sohn weiterarbeiten.

So arbeitet Ignatz sieben Tage und Nächte ununterbrochen in einem fiebergleichen Zustand in der Schmiede, nur den Traum als Realität wahrnehmend. Als der Vater am nächsten Morgen die Schmiede betritt, findet er seinen Sohn bewusstlos auf dem Boden liegen, neben ihm eine kunstvolle geschmiedete Klinge, das Werk der letzten sieben Tage…

“Nein, geh fort! Geh fort du Unhold!”

Der dunkle Ritter schreitet auf Ignatz zu, so wie er es immer und immer wieder getan hat. Ignatz versucht zu flüchten, doch er schafft es nicht. So schnell er auch in das Dunkel rennt, welches ihn umgibt, der Dunkle kommt unablässig näher. Doch dann hört er eine ihm vertraute Stimme…

“Ignatz… Ignatz, wach auf.”

Es ist… die Stimme… seiner Mutter.

Langsam öffnet Ignatz die Augen, nur verschwommen seine Umgebung wahrnehmend. Als sich sein Blick wieder geschärft hat, erkennt er, dass er in seinem Bett liegt, wärend neben ihm seine Mutter auf der Bettkante sitzt. Sie war es, die ihn rief.

“Was… Was ist passiert?”

Nur schwach dringen die Worte aus seinen Lippen.

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“Nachdem du sieben Tage ohne Pause in der Schmiede gearbeitet hast, fand dich dein Vater bewusstlos dort liegen. Du hast weitere sieben Tage hier geschlafen. Der Medikus wusste nicht was dir fehlte und wir dachten schon, dass du nicht mehr erwachen wirst. Du hast jedoch im Schlaf geredet. Mir schien du hattest einen Alptraum.”

“Ja… Es war alles so… real…”

Die Mutter erhebt sich.

“Nun ruhe dich noch ein wenig aus, ich will deinem Vater sagen, dass du endlich erwacht bist. Er wird sich sehr freuen.”

Dann macht sie kehrt und verlässt das Zimmer. Ignatz blickt nur verwirrt umher. Verwundert darüber, dass er sich an nichts anderes erinnern kann, starrt er an die Decke. Sein Kopf schmerzt, als hätte man ihn mit etwas Hartem geschlagen. Dann blickt er nach rechts zu seinem Schreibtisch, an dem er schon so vielen Damen romantische Zeilen verfasste. Doch diesmal befinden sich nicht Tinte und Papier darauf… Diesmal liegt dort ein Schwert.

“Was das wohl für ein Schwert ist…?”

Langsam hebt er seinen Oberkörper, um im Sitzen die Waffe besser begutachten zu können. Der Griff ist filigran und gewunden, und scheint in einer Art Metallkreis zu sein, der wohl Schläge gegen die Hande abwehren soll. Die Klinge funkelt silbern und Ignatz ist erstaunt über ihren Glanz. Doch der Schmerz in seinem Kopf bringt ihn dazu, sich schnell wieder hinzulegen. Er schließt die Augen und versucht den Schmerz zu ignorieren… Nach einigen Minuten bemerkt er das leise Knarren einer Tür und Schritte. Er öffnet seine Augen und sieht den Vater neben seinem Bett stehen.

“Sohn, endlich bist du erwacht. Doch was hast du dir eigentlich dabei gedacht?”

“Ich mir dabei gedacht? Ich weiß nicht einmal mehr, was vorgefallen ist. Ich weiß nur, dass mir der Kopf schmerzt.”

“Du… Kannst dich nicht erinnern? Das ist aber seltsam…”

“Ich weiß nur noch, dass ich in die Schmiede ging… Danach ist alles weg. Und was ist das eigentlich für ein Schwert dort auf dem Tisch?”

Der Vater dreht sich herum und geht zum Schreibtisch um die Klinge zu holen. Vorsicht nimmt er sie und bringt sie seinem Sohn.

“Nun mein Sohn, ich fand sie neben dir und ich denke, dass du dieses Meisterwerk geschmiedet hast. Ich habe ab und an beobachtet, was du da eigentlich getrieben hast, wenngleich du mich nicht zu bemerken schienst. Doch ich bin mir sehr sicher, dass dies Schwert durch deine Hand entstanden ist.”

Ignatz setzt sich erneut aufrecht hin und nimmt das Schwert in seine Hände. Er betrachtet es fasziniert, als wäre es eine seltene Kostbarkeit.

“Es ist… wunderschön.”

“Das ist wohl wahr.”, entgegnet der Vater, “Ich bin stolz auf dich Sohn. Du hast mit dieser Arbeit mein Können bei weitem übertroffen, wenngleich ich nicht mehr damit gerechnet habe, dass du überhaupt einmal ein einfaches Messer schmieden könntest.”

Wärend die beiden so das Schwert betrachten, öffnet sich langsam die Tür und die Mutter tritt herein.

“Ignatz, ein junges Fräulein, welches sich als Nila vorstellte, möchte zu dir. Soll ich sie hereinlassen?”

Verwundert starrt Ignatz nun seine Mutter an.

“Nila?!”, denkt er, ”was tut sie denn hier?”

Ein kurzes Schweigen, doch dann siegt das Interesse über die Verwunderung und Ignatz sagt seiner Mutter, dass er doch gern mit ihr reden würde.

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“Nun mein Sohn, dann will ich euch in Ruhe reden lassen. Gib mir das Schwert, ich will ihm einen Ehrenplatz zuweisen.”

So nimmt der Vater das Schwert wieder an sich und tritt aus dem Zimmer. Kurz nach ihm tritt Nila herein, gekleidet in ein samtenes Kleid in weinroter Farbe.

“Fräulein Nila, wie komme ich zu der Ehre eures Besuchs? Ich bin doch sehr verwundert darüber, speziell, da wir doch noch nicht ein Wort miteinander wechselten.”

Langsam schreitet sie durch den Raum und setzt sich auf die Kante des Bettes.

“Nun…”, beginnt sie zaghaft zu sprechen, dabei nur auf ihre Hände schauend, “als ihr des einen Abends mit euren Freunden vor meinem Haus standet… Da habe ich euch gesehen und… irgendwie… habt ihr mich fasziniert. Ich hätte gern länger hinaus geschaut, doch mein Vater rief mich zum Essen und so musste ich wieder gehen. Ich wusste ja nicht, wer ihr seid, und so habe ich oft über den Fremden nachgedacht, der von dort unten herauf schaute…. Doch verzeiht… ich rede zu offen.”

Verlegen starrt sie wie gebannt nach unten. Ignatz bemerkt ihre Verlegenheit und übernimmt das Wort:

“Ja, wisst ihr… Als ich dort hinauf schaute… Da… Nun ich konnte meinen Blick nicht von euch abwenden. Es wirkte, als hätte mich euer Zauber getroffen. Ich spreche offen… So tut es mir doch gleich.”

Ein kurzes Schweigen macht sich breit, doch dann schauen sich beide tief in die Augen und Nila spricht weiter.

“Ja… Ich… Wollte euch gerne kennenlernen. Doch wusste ich ja nicht wer ihr seid. Doch eines Morgens hatte ich Glück und ich traf eure beiden Kumpanen auf dem Markt. Ich unterhielt mich mit ihnen und sie verrieten mir, wer ihr denn nun eigentlich seid… und sie verrieten mir auch davon, dass ihr bewusstlos gefunden wurdet und seitdem tagelang schlaft. Ich wollte einmal nach euch sehen, doch wie ihr seht, seit ihr genau heute wieder erwacht. Welch Glück….”

“Ja, da habt ihr Recht, wenngleich ich mich an nichts von dem erinnern kann, was eigentlich geschehen ist.”

Das ist wahrlich seltsam… Doch solange ihr wohlauf seid, ist das ja nicht von Belang. Nun, es tut mir Leid… Doch, ich muss euch schon wieder verlassen. Mein Vater weiß nicht, dass ich hier bei euch bin, ich erzählte ihm, ich wolle nur einen Spaziergang machen und so sollte ich mich wieder auf den Heimweg machen. Solltet ihr morgen wieder in guter Verfassung sein, so würde ich mich freuen, wenn wir noch ein wenig reden könnten. Kommt am späten Nachmittag, wenn die Sonne bereits hinter der Mauer entschwunden ist, zum Feenteich… Ich werde euch dort erwarten. Doch nun bitte ich um Verzeihung, ich muss mich sputen.”

Kaum hat sie ihre Worte beendet, ist sie auch schon zur Zimmertür hinaus und so bleibt Ignatz nicht einmal mehr die Gelegenheit noch darauf zu antworten. Zufrieden und sich auf den nächsten Abend freuend legt sich Ignatz wieder hin und schließt die Augen. Rasch entschwindet er in Morpheus Arme… Diesmal jedoch ohne einen Mar nebem dem Bett….

Den Rest des Tages nutzt Ignatz um sich zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen. Doch noch immer verfolgt ihn der Traum den er hatte, fast als wollte ihm dieser etwas sagen. Doch die Botschaft erschließt sich ihm einfach nicht. Und warum schmiedete er das Schwert? Etwas seltsames ist im Gange. Soviel scheint gewiss, doch Ignatz, welcher nicht für seine Gottesfürchtigkeit bekannt ist, versucht die Gedanken über höhere Mächte schnell zu verdrängen und konzentriert sich darauf, sich auszuruhen.

Am nächsten Morgen erwacht er aus einem friedlichen Traum und ist wieder bester Dinge. So beschließt er nach dem Frühstück einmal seine Freunde Ren und Nero zu besuchen. Mit

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irgendwem musste er ja einmal über die letzten Begebenheiten reden. So kleidet er sich wieder in sein edles Gewandt und macht sich auf den Weg zu dem Platz, an dem die beiden für gewöhnlich anzutreffen sind. Der Platz ist eine Eiche auf einer Wiese die eine Erholungsfläche für die Bewohner sein soll. Diese befindet sich in der Nähe der Ostwand. Schon nach wenigen Minuten erreicht Ignatz den ihm vertrauten Platz und nimmt auf einer Bank unter der Eiche Platz. So schaut er sich um, doch alles was er sehen kann sind die Häuser, welche eine Art Wall um die Wiese bilden und den Ort doch irgendwie recht einsam wirken lassen. Doch von den beiden keine Spur. Wenn er nicht selbst wüsste, dass dies nicht möglich ist, hätte er ja bereits gedacht, dass die beiden einmal einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen. Doch das durfte Ignatz in all den Jahren noch nicht miterleben. So beschließt er noch ein wenig zu warten.

Die Minuten verstreichen langsam… Ab und an dringt das Geräusch des Windes in den Blättern der alten Eiche an das Ohr von Ignatz. Doch die beiden erwarteten Personen erscheinen nicht.

Nachdem er eine Stunde dort herum saß, beschließt er einmal nachzusehen, ob sie denn nicht daheim sind. Zuerst macht er sich auf den Weg zu Neros Haus. Er wohnt in der Nähe, sein Vater ist bei der Stadtwache und so bietet es sich für ihn an, nahe der Kaserne zu leben. Ignatz erhebt sich und geht durch eine Gasse rechts von sich. Die Gasse ist kurz und eng und trifft schon nach etwa fünfzehn Metern wieder auf eine Straße. Direkt gegenüber dem Ausgang der Gasse befindet sich das Haus von Neros Familie. Ignatz schaut erst kurz und ist verwundert darüber, dass die Vorhänge aller Fenster geschlossen sind. Doch wer weiß was da wieder vor sich geht. So geht er über die Straße, vorbei an allerlei Menschen und klopft an die Tür.

Keine Reaktion…

Er klopft erneut, doch diesmal enthusiastischer.

Immer noch keine Reaktion….

Verwundert geht er einige Schritte zurück und schaut noch einmal hinauf zu den Fenstern. Da sich aber im Hause nichts tut, beschließt er seinen Freund Ren zu besuchen. Ren wohnt in der Nähe des Zentrums. So macht sich Ignatz auf den Weg. Er läuft die Straße hinunter und biegt dann links in eine Seitenstraße ein. Rechts von ihm ist das Haus von Rens Familie und so hofft er, diesmal mehr Glück zu haben. Er klopft an die Tür.

Keine Reaktion…

Er klopft erneut, diesmal mit mehr Gewalt.

Wieder keine Reaktion…

Doch da öffnet ein Nachbar sein Fenster und erblickt den verzweifelt an die Haustür klopfenden Ignatz.

“Hey Junge, da kannst du klopfen bis du schwarz wirst. Die wohnen nicht mehr da. Sie haben gestern wohl die Stadt verlassen.”

Erstaunt dreht sich Ignatz zu dem Mann um und entgegnet:

“Die Stadt verlassen? Das glaube ich aber nicht. Warum sollten sie dies tun?”

“Nun, ich weiß auch nicht warum, aber gestern Nacht sah ich im Schein der Laternen einen Wagen vor dem Haus auf den allerlei Säcke gepackt wurden. Einen solchen Wagen sieht man hier nur, wenn jemand wegzieht… oder wenn der Totengräber seiner Arbeit nachgeht. Hahahaha.”

Lachend verschwindet der Mann wieder im Haus und schließt das Fenster. Ignatz ist verwirrt. Warum sollten sie denn so plötzlich die Stadt verlassen? Rens Vater besitzt viele Häuser in der Stadt und es geht der Familie sehr gut. Nie hätten sie die Stadt ohne einen wichtigen Grund verlassen. Doch das was der Mann zum Schluss erwähnte, beunruhigt Ignatz. Denn

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warum sollten sie einen einfachen Wagen verwenden, wenn sie denn wirklich von hier fort gingen. Die Familie hatte genug Geld um sich eine Kutsche zu mieten…. Mit einem unguten Gefühl im Magen macht sich Ignatz wieder auf den Weg nach Hause. Es ist bereits Mittag und ein leichtes Gefühl der Schwäche holt ihn wieder ein. So will er sich daheim noch ein wenig ausruhen, bis er Nila am Feenteich trifft.

Endlich ist die Zeit gekommen. Die Sonne verschwindet im Westen und der Schatten der Festungsmauer erstreckt sich über die Häuser der Stadt. Ignatz macht sich bereit um Fräulein Nila zu treffen. In seinem besten Ausgehgewandt macht er sich auf den Weg zum Feenteich. Er tritt aus dem Haus und begibt sich zum Westtor der Stadt. Des Feenteich befindet sich nordwestlich von Grenada am Fuße des Rotfelses, eines Berges dessen Name von finsteren Ritualen herrührt die hier einst durchgeführt wurden. Der Feenteich selbst ist ein wunderschöner See inmitten eines kleinen Wäldchens. Sein kristallklares Wasser hat schon viele Menschen erstaunt und angeblich sollen sich hier Menschen mit reinem Herzen die Feen, die Kinder der Natur, zeigen.

Langsam tritt Ignatz aus dem kleinen Wäldchen heraus auf die Lichtung des Feenteiches. Er schaut sich um und erblickt die Lichtung im goldenen Licht der untergehenden Sonne leuchten. Vögel zwitschern und eine sanfte Briese weht durch die Bäume, dabei sanft ihre Zweige hin und her wiegend. Auf einem Stein am Feenteich erblickt er Fräulein Nila sitzen. Sie trägt ein weinrotes Kleid mit festlichem Schnitt. Ihre ebenso roten Schuhe stehen neben ihr. Sie blickt nur vertäumt in den Teich und spielt mit ihren Füßen im Wasser . Sanft breiten sich die Wellen im Teich aus und verebben dann wieder. Es herrscht Friede hier und Ignatz fragt sich, warum ein solcher Ort genau am Fuße eines Berges wie des Rotfelses liegen kann. Doch im Moment ist ihm das Treffen mit Fräulein Nila bei weitem wichtiger als die Ergründung seiner Frage. Leicht unsicher tritt er zu ihr hinüber. Es ist ein seltsamer Anblick, hatte ihn doch noch nie der Mut in Gegenwart einer Frau verlassen. Doch diesmal scheint es anders zu sein. Nila bemerkt das leise Rascheln seiner Tritte im Gras und schaut auf. Erst erschrocken, doch dann erkennend wer sich da nähert. Schnell erhebt sie sich und eilt noch ohne Schuhe zu ihm herüber um ihn heftig zu umarmen. Ignatz ist schon fast erschrocken über die Vertrautheit, die sie ihm bereits jetzt entgegen bringt. Doch nach einem kurzen Moment der Unsicherheit legt auch er seine Arme um sie. Vorsichtig schmiegt sie ihren Kopf an seine Brust und spricht leise:

“Endlich seid ihr hier, ich dachte schon, ihre würdet nicht mehr kommen…”

Mit sanfter Stimme entgegnet er:

“Nie hätte ich euch warten lassen…”, und drückt sie an sich.

Es ist komisch, nie fühlte er so etwas. Stellte er den Damen doch schon so lange nach, doch keiner brachte er solche Gefühle entgegen.

“Sollte dies….”, denkt er in sich hinein, doch sein Gedanke wird je durch Nila unterbrochen, welche ihn nun an der rechten Hand zum Teich hin zieht. Sie setzt sich wieder auf ihren alten Platz, noch immer seine Hand haltend.

“Kommt, setzt euch.”

Vorsichtig setzt sich Ignatz, in der Hoffnung sich nicht auf einen spitzen Stein zu setzen. Kaum hat er neben ihr Platz genommen, greift Nila nach seinem Arm und lehnt ihren Kopf auf seine Schulter.

“Seht nur wie schön der Teich um diese Zeit funkelt…”, spricht sie leise.

Ignatz sagt nichts und schaut nur gedankenversunken auf das glitzernde Lichtspiel des Feenteiches. Die Welt wirkt in diesem Moment bedeutungslos auf ihn, nur Nila ist wichtig.

Auf einmal dreht sie sich zu ihm und lacht.

“Was ist los?”, fragt er verwundert.

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“Nun, eigentlich wollten wir uns doch erst einmal etwas unterhalten und nun seht euch das an. Man könnte meinen wir kennen uns schon lang….”

“Ja, das ist wahr.”, entgegnet er und muss nun auch lachen.

So sitzen sie am Teich und unterhalten sich über dies und das, die Welt, die Menschen und das Leben. Sie verstehen sich prächtig und Ignatz ist dem Gedanken nah, dass es so etwas wie Vorhersehung geben muss, denn sonst hätte er diese bezaubernde junge Dame nie kennen gelernt. Erst als der Mond schon wieder im Begriff ist das Szepter des Firmaments an die Sonne weiterzureichen trennen sich die beiden und begeben sich nach Hause. Doch in dem Moment als sie sich nach einem innigen Kuss trennen ist klar, dass sie nun zusammen gehören. Die nächsten Wochen erlebt Ignatz ein nicht gekanntes Glück und auch seine Familie scheint zufrieden. So arbeitet er bereitwillig in der Schmiede des Vaters, wenngleich es ihm auch unter den besten Worten des Vaters nicht gelingt, noch einmal ein solch kunstvolles Schwert zu schmieden, wie er es einst im Rausch tat. Es scheint als würden die Fürsten des Westens etwas planen und so haben Ignatz und sein Vater allerhand in der Schmiede zu tun. Im Laufe der Zeit beginnt Ignatz keine Schwerter mehr zu schmieden, sondern er erlernt die Kunst des Armbrustbauens und so hat er nun auch einen eigenen Weg gefunden. Doch jeden Abend sitzt er mit seiner geliebten Nila am Feenteich und genießt es am Leben sein zu dürfen.

Doch das Glück wird schon bald wieder von einem dunklen Schatten getrübt, welcher in sein Leben eindringt…

Eines Nachmittags besucht er seinen Freund Ben der im Gasthaus seines Vaters dem “Rote Rose” arbeitet. Ben, ein herzensguter und etwas dicker Mensch, kennt allerlei Gerüchte, da er diese zwangsläufig bei der Arbeit im Gasthaus aufschnappt. Ignatz ist oftmals sehr amüsiert darüber und so plaudern die beiden oft über Grenada und seine Einwohner. Doch diesmal sind die Gerüchte nicht wirklich lustig. Ben berichtet Ignatz davon, dass einmal ein paar Soldaten der Stadtwache im Gasthaus speisten und sich leise unterhielten. Die Tatsache, dass sie nicht offen sprachen und sich nach einigen Sätzen immer umschauten, hatten Ben neugierig gemacht und so belauschte er die beiden. Er konnte nicht alles verstehen, was sie sagten, doch sie erzählten irgend etwas von verschwundenen Wachen und von ermordeten Stadtbewohnern, welche man mit Bisswunden am Hals vorfand…

Doch in diesem Moment kehrt die Erinnerung an Ren und Nero in Ignatz’ Kopf zurück, denn auch sie scheinen seit langer Zeit spurlos verschwunden. Das Glück, welches er empfand als er mit Nila zusammen war, hatte seine Gedanken an die treuen Freunde vollkommen ausgelöscht. Fast unheimlich mutet ihm dies an, als es ihm bewusst wird. Doch er bemerkt, dass Ben recht nervös zu sein scheint. Womöglich schenkt er den Geschichten über einen Teufel, der des Nachts umgeht, Glauben und so vermeidet Ignatz es, noch das Verschwinden seiner beiden Freunde zu erwähnen. Er verabschiedet sich von Ben und sagt ihm, dass er nicht alles glauben soll, was die Menschen erzählen und geht.

Ignatz tritt nach draußen. Es ist Nachmittag und der Himmel ist grau und wolkenschwer. Fast wirkt es, als hätte er sich verdunkelt wie seine Gedanken. Nun da die Gedanken an seine verschwundenen Freunde wieder in sein Bewusstsein geholt waren, lassen sie ihn nicht mehr los. Etwas muss passiert sein, da ist er sich sicher… Und so beschließt er dem Haus von Nero einen erneuten Besuch abzustatten.

Als er vor dem Haus ankommt, bemerkt er, dass die Vorhänge noch immer zugezogen sind, so wie sie es schon bei seinem letzten Besuch hier waren. Dies genügt um Ignatz zu der Annahme zu bringen, dass etwas schlimmes passiert sein muss und so überlegt er, wie es ihm möglich ist, unauffällig in das Haus zu gelangen. Würde er zuviel Gewalt anwenden, würden

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die anderen Menschen noch denken, er sei ein Einbrecher. Langsam frischt der Wind auf, es wird wohl bald Regen geben. Nach einer Weile des Überlegens kommt Ignatz zu dem Schluss, dass er am besten versucht, über die Rückseite in das Haus hinein zu kommen. So geht er durch eine schmale Gasse, welche auf eine Art Hinterhof führt. Hier sollte ihn keiner bei seinen Einbruchsversuchen entdecken. Sich vorsichtig umblickend geht Ignatz zur Hintertür des Hauses herüber und untersucht sie. Dabei stellt er erstaunt fest, dass sie offen ist. Für gewöhnlich war die Familie nicht unvorsichtig. Des Nachts ist doch der ein oder andere Dieb in Grenada unterwegs und diesem würden sie die Arbeit doch nicht bewusst so leicht machen. Folglich musste etwas geschehen sein. Doch genauere Antworten auf seine Fragen kann er nur im Inneren des Hauses finden und so tritt er vorsichtig ein. Es kann ja sein, dass doch noch jemand anwesend ist. Leise schließt er hinter sich wieder die Tür und blickt sich in der Küche, von der aus man auf den Hinterhof kommt, um. Es ist dunkel und still, doch kann Ignatz nichts Verdächtiges entdecken. Nach einer Weile wundert er sich jedoch über den seltsamen Geruch in der Küche. Er tritt hinüber zu einem Topf der auf der Feuerstelle steht. Als er hinein blickt erkennt der die Ursache des Geruches. Maden wimmeln im Topf umher, denn das Essen darin ist längst verdorben. Es scheint, als wäre die Familie schon länger nicht mehr hier gewesen. Darauf weist auch die Staubschicht hin, die sich über alle Möbel erstreckt. Da er hier nichts besonderes entdecken kann, schleicht Ignatz weiter durch die Tür in den Flur. Es ist recht dunkel hier. Durch ein kleines Fenster neben der Tür würde Licht dringen, doch der Vorhang wurde zugezogen. Vorsichtig geht Ignatz durch den Flur zum Fenster, doch auf einmal trifft sein Tritt ein Objekt das am Boden liegt. Er erschrickt und geht ängstlich umher schauend weiter zum Fenster. Dort angekommen öffnet er erst einmal den Vorhang und lässt etwas von dem grauen Tag herein. Er schaut wieder in den Flur und sieht erst einmal nur den aufgewirbelten Staub im Licht umher fliegen. Dann bemerkt er, was er denn mit seinem Fuß getroffen hat. Es war eine zerbrochene Vase. Daneben steht ein Schränkchen. Doch warum liegt sie dort? Als er genauer den Boden betrachtet, fällt ihm ein komisches Muster auf selbigem auf. Etwas dunkles asymmetrisches schlängelt sich von der Haustür in die Tür auf der linken Seite. Es sieht aus als hätte jemand eine dunkle Flüssigkeit verschüttet. Was auch immer es ist, hinter der Tür würde er es wohl erfahren. Vorsichtig öffnet er die Tür einen Spalt und schaut in den dahinter liegenden Raum, doch es ist so dunkel, dass er nichts erkennen kann. So tritt er herein und tastet sich seinen Weg an den Möbeln vorbei zum Fenster um auch hier den Vorhang zu öffnen und etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Im Zimmer herrscht Chaos, der Stoff des in der Mitte stehenden Sofas ist zerfetzt, der Tisch der wohl davor stand liegt zertrümmert am Boden. Allerlei Bücher und andere Gegenstände aus einem Schrank gegenüber liegen verstreut am Boden. Und überall sind die dunklen Flecken, die auch im Flur auf dem Boden sind. Bei genauerer Betrachtung erkennt er, dass das was dort überall vergossen wurde eine dunkle rotbraune Farbe hat. Er wundert sich, was dies denn sein könnte. Da steigt ihm etwas Staub in die Nase und er muss niesen. Erschrocken lauscht er, ob er jemanden hören kann. Denn wenn noch jemand im Haus ist, dann weiß er zumindest jetzt, dass er nicht allein ist. Doch es regt sich nichts. Erleichtert zieht Ignatz ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. Doch bei genauerer Betrachtung stellt er fest, dass auch dort solch seltsame Flecken drauf sind. Er überlegt woher dieser Fleck kommt. Doch da erinnert er sich, dass er vor geraumer Zeit einmal Bekanntschaft mit einer Schranktür machte und deshalb Nasenbluten hatte.

Mit Entsetzen starrt er auf das Taschentuch, dann wieder auf das dunkle Muster im Raum. Es ist… Blut, getrocknetes Blut. Was auch immer hier geschehen ist, es wurde gekämpft und eine Partei hat diesen Kampf verloren. Ignatz kann sich auch schon denken wer… Voller Furcht hat er nur noch einen Gedanken. Er muss das Haus verlassen. So schleicht er sich den

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selben Weg hinaus den er hinein kam. Draußen angekommen atmet er erst einmal tief durch. Ihm kommt wieder das Gerücht über den Teufel, der des Nachts umgeht, in den Sinn. Sollte Bens Angst berechtigt sein? Was auch immer hier geschehen ist, er muss es herausfinden. Er beschließt erst einmal niemandem davon zu berichten. Man würde sonst meinen er wäre der Mörder. Womöglich könnte ihm aber eh keiner helfen. Doch die Aufklärung des Falls muss warten, denn da kommt ihm in den Sinn, dass er sich mit Nila treffen wollte. So eilt er schnell zu ihrem Haus um sie abzuholen.

Schnell kommt er bei Nilas Haus an, Nila wartet bereits auf ihn und steht mit hinter den rücken verschränkten Armen vorm dem Haus. Als sie Ignatz erblickt, eilt sie schnell zu ihm und fällt ihm um den Hals.

“Geliebter, endlich bist du da.”, seufzt sie zufrieden als sie sich an ihn schmiegt.

“Ja, verzeih dass ich so spät komme… ich hatte noch… zu tun….”

“Es ist ja nicht schlimm, los, wir laufen ein wenig durch die Stadt. Zum Teich gehen wir lieber nicht, denn mir scheint es wird bald regnen und wir wollen ja nicht nass werden.”

“Ja, da hast du wohl Recht. Lass uns gehen.”

So wandeln beide Hand in Hand durch die Stadt, doch Ignatz kann es nicht wirklich genießen mit Nila zusammen zu sein. Sie schaut ihn mehrfach lächelnd von der Seite an, doch es scheint, als würde er es nicht bemerken. Als sie an der alten Eiche ankommen, hält Nila ihn an und fragt, was denn mit ihm los sei. Er wirke irgendwie abwesend. Ignatz entgegnet es ginge ihm nicht so gut, doch sie solle sich darüber keine Gedanken machen. Und so gehen sie weiter. Nach einer Weile erreichen sie Neros Haus. Ignatz versucht bewusst nicht hin zu sehen, doch aus den Augenwinkeln bemerkt er, dass Nila zum Wohnzimmerfenster schaut.

“Was ist los?”, fragt er verwundert.

Nila scheint fast erschrocken und antwortet:

“Oh, es ist nichts. Dort wohnt doch dein Freund Nero. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Weißt du wo er ist?”

“Ich glaube er wollte seine Großeltern besuchen. Sie wohnen in einem kleinen Dorf nordöstlich von hier, doch ist mir der Name entfallen.”

“Oh, na dann ist es ja kein Wunder, dass ich ihn schon seit einer Weile nicht sah.”

So gehen sie weiter und erreichen nach einer Weile Ignatz Haus. Nila meint, dass sie nun wieder nach Hause muss, es sei schon spät und der Vater warte schon auf sie. So verabschieden sie sich mit einem Kuss und Nila eilt davon. Ignatz ist in Gedanken jedoch noch immer bei seiner Entdeckung und begibt sich schweigend auf sein Zimmer. Er schließt die Tür hinter sich und wirft sich auf sein Bett. Dort atmet er erst einmal tief ein und schließt seine Augen. Seine Vorstellung will ihm immer zeigen, was sich dort wohl abgespielt haben mag, doch er versucht die dunklen Gedanken zu verdrängen. Dann erinnert er sich wieder daran, wie der Alte bei Rens Haus meinte, dass die Familie entweder umgezogen ist oder aber tot sei. Sollte es vielleicht ein Leichenwagen gewesen sein….? Doch der Tag war anstrengend und so schlummert Ignatz ein, ohne dies wirklich zu wollen…

“Er träumt wieder von den schaurigen Bildern in Neros Haus…. er träumte davon wie ein Schatten Rens Familie ermordet…. überall… Blut…

Und schließlich träumt er von einem dritten Haus… von seinem Haus, von seinen Eltern… Doch plötzlich hört er eine Stimme die mit bedeutsamen Klang zu ihm spricht:

“Erwache, es gibt noch viel zu tun.”

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Die Stimme bringt ihn wieder zu Bewusstsein und er erwacht. Als er sich umblickt bemerkt er, dass es draußen schon dunkel ist. In seinem Zimmer flackert nur das gemütliche Licht der Öllampe die auf dem Schreibtisch steht. Die Mutter muss sie wohl angezündet haben, als er schlief. Mit einem lauten Gähnen erhebt er sich und streckt sich erst einmal. Er bemerkt, dass Regen gegen sein Fenster prasselt. Als er hinaus schaut kann er die Blitze des draußen tobenden Sturmes sehen.

“Was für ein Wetter.”, denkt er sich und ist froh heute nicht zum Feenteich gegangen zu sein. Doch wieder holen ihn die Gedanken ein, die er vor seinem Nickerchen hatte. Plötzlich klopft es an seiner Tür. Es ist die Mutter die ihm Bescheid gibt, dass das Abendessen angerichtet ist. So begibt er sich nach unten, in der Hoffnung, vielleicht beim Essen auf andere Gedanken zu kommen.

Nach dem Essen geht es ihm jedoch auch nicht viel besser. Er beschließt Nilas Vater einen Besuch abzustatten, denn dieser soll ja Totengräber sein. Und somit müsste er ja wissen, wer in dieser Stadt alles verstorben ist. Er begibt sich erneut in sein Zimmer um einen braunen Ledermantel anzuziehen. Er wühlt ihn aus seinem Schrank und betrachtet ihn. Schon lang trug er ihn nicht mehr. Er ist so schlicht in braun gehalten, mit allerlei Innentaschen. Praktisch ist er sicherlich, doch nicht geeignet um die Damenwelt zu beeindrucken und so lagerte er eine recht lange Zeit hier im Schrank. Doch bei diesem Wetter sollte er beste Dienste leisten. So zieht er ihn an und schließt ihn ordentlich, denn der Regen soll ja keinen Weg nach innen finden. Da er nicht das Bedürfnis hat, seinen Eltern alles zu erklären macht er sich heimlich auf den Weg zu Nilas Haus…

Schon nach wenigen Minuten ist er vollkommen durchnässt, der Sturm erschwert selbst im Schutze der Festungsmauern das Laufen. Doch nach einigen Minuten ist es ihm möglich, Nilas Haus zu erreichen. Im Schatten der Nacht erreicht es, doch als er ankommt, wünscht er sich, nie den Gedanken gefasst zu haben, hier her zu kommen. Die Haustür ist offen. Nila steht draußen… mit einem anderen Mann. Die beiden küssen sich innig und reden dann noch miteinander. Doch das Prasseln des Regens ist zu laut und Ignatz kann es nicht verstehen. Wahrscheinlich will er das auch gar nicht. Dann will der Fremde gehen. Ignatz steht still, damit man ihn nicht sieht. Als der Mann schon einige Schritte gegangen ist, bleibt er plötzlich stehen und dreht sich zu Nila um. Mit einem schamlosen Grinsen ruft er noch:

“Wir sehen uns dann wieder morgen Nacht in der Höhle am Feenteich.”

Dann verschwindet er in der Dunkelheit der Nacht.

Ignatz steht da wie versteinert und starrt wie gebannt auf die bereits wieder verschlossene Haustür. Seine Hände krampfen sich zusammen bei dem Gedanken an das, was sie wohl mit dem Fremden tat. Er zittert am ganzen Leib… und im Regen fallen auch die Tränen nicht auf, die er vergießt… So steht er dort wohl zehn Minuten… ins Nichts starrend. Doch dann tritt neben Trauer und Wut, die sich ihren Weg in seinen Geist suchen, noch Verwunderung. Wenn sie denn einen anderen hat, vielleicht waren es ja noch mehr als nur dieser eine dort. Doch warum hat sie sich dann immer so um ihn bemüht? Er wendet sich von Nilas Haus ab und schaut Richtung Westtor. Etwas Seltsames ist im Gange, soviel ist ihm klar. Und erst jetzt bemerkt er, dass all die seltsamen Ereignisse begannen, als Nila in die Stadt kam. Erst der Traum, dann das Schwert und schließlich das Verschwinden der Leute… Er muss Antworten finden. Und er ist sich sicher, dass er sie am Feenteich finden wird. Wenngleich das Wetter es kaum zulässt, beschließt er sich dennoch auf den Weg dorthin zu machen. Das Westtor ist noch geöffnet und so kann er die Stadt verlassen. Außerhalb der schützenden Mauern Grenadas ist der Sturm jedoch ein weitaus größeres Hindernis als zuvor und so muss Ignatz wahrlich kämpfen, um überhaupt vorran zu kommen. Am Himmel zucken die Blitze als wollten sie ihm den Weg leuchten und das Grollen des Donners scheint auf ein großes

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Übel hin zu weisen. Erschöpft erreicht Ignatz dennoch den Feenteich. Das Wasser des Teiches schlägt Wellen unter der Macht des Sturmes. Es wirkt finster und kalt hier. Dabei ist dieser Ort bei Tage doch so freundlich… Was ihn jedoch verwundert ist die Tatsache, dass der Mann eine Höhle erwähnte. Ihm ist jedoch keine Höhle hier bekannt, doch wenn eine hier sein sollte, dann dürfte es nicht schwer sein sie zu finden, denn der Bereich des Rotfels, der an den Feenteich angrenzt, ist klein. Wenngleich der Sturm das Vorankommen erschwert, so leisten die Blitze doch wunderbare Arbeit bei der Erhellung des Geländes und es gelingt Ignatz schließlich die Höhle zu finden. Vollkommen durchnässt tritt er hinein. Doch es ist finster und er muss vorsichtig gehen. Im Dunkeln kann er jedoch am Boden etwas glimmen sehen. Es scheint als wäre dort eine Feuerstelle. So tritt er an diese heran und versucht durch vorsichtiges Pusten das Feuer neu zu entfachen. Es gelingt ihm tatsächlich das Feuer wieder etwas anzufachen, doch braucht es neues Brennmaterial. Nur wenige Meter neben der Feuerstelle findet er glücklicherweise etwas trockenes Brennholz, welches hier wohl jemand angesammelt hatte. Er wirft es aufs Feuer und entfacht es wieder soweit, dass er etwas im Umkreis erkennen kann. Einige Meter von der Feuerstelle entfernt entdeckt er einige auf dem Boden ausgebreitete Lammfelle. Nun hat er seine Gewissheit, was Nila wohl immer tat, wenn sie angeblich wegen dem Vater früh nach Hause musste…. Betrübt blickt er in die Flammen an denen er sich aufwärmt. Dann jedoch überlegt er ein wenig… Wieso kannte er diese Höhle nicht, obwohl es kaum möglich ist sie zu verfehlen. Er war ja zuvor schon oft hier unterwegs, doch eine Höhle hat er nie gesehen. Er erinnert sich jedoch an eine Stelle in der Felswand, welche recht unnatürlich anmutet. Als hätte jemand vor sehr langer Zeit eine Höhle zugeschüttet. Doch warum sollte Nila dann dort drin sein, bzw. wie sollte sie sie geöffnet haben? Er muss weiter hinein gehen, soviel ist klar. So nimmt er einen Holzscheit von dem Brennholzstapel und zündet ihn an, um mit ihm den Weg zu erleuchten. Er bemerkt nach einigen Metern wieder die gleichen Spuren, wie er sie auch in Neros Haus vor fand. Ein ungutes Gefühl macht sich in seinem Magen breit, doch er geht weiter, denn er will endlich wissen, was es mitNila auf sich hat. So schreitet er immer weiter ins Finster der Höhle, bis er schließlich etwas in der Ferne entdecken kann. Als er sich nähert gefriert ihm das Blut in den Adern… Menschen liegen nebeneinander aufgereiht, die Hände auf dem Bauch gefaltet… Es wirkt fast, als würden sie schlafen, doch Blutflecken und Schnittwunden an ihren Körpern bringen Ignatz zu der Annahme, dass sie alle tot sind. Von ihnen muss die Blutspur sein. Und um sich Gewissheit zu verschaffen, überwindet er seine Furcht und schreitet durch die Reihen der Toten um Nero und Ren zu suchen. Nach kurzem Suchen findet er die beiden und ihre Familien. Sie bilden die erste Reihe in diesem Schlafsaal der Ewigkeit. Hinter ihnen steht eine Art Thron auf dem ein Skelett in einer dunkelroten Rüstung sitzt. Vor dem Thron steckt ein großes viel zu breites Schwert. Wer auch immer der Tote auf dem Thron ist, es war wohl einst sein Schwert. Die Höhle endet jedoch noch nicht sondern geht noch weiter in den Berg hinein. Doch als Ignatz gerade dabei ist, das Schwert zu untersuchen, bemerkt er neben dem Knistern seines Holzscheites noch ein anderes Geräusch. Er lässt vom Schwert ab und versucht zu erkennen, woher es kommt. Langsam geht er einige Schritte zurück, denn es scheint, als kämen die Geräusche direkt aus der Höhle vor ihm. Die Angst kehrt zurück in ihn und er achtet nicht auf die Toten. So stolpert er schließlich und lässt den Holzscheit zu Boden fallen. Nun kann er erkennen, wie ein Schatten hinter dem Thron hervor gekrochen kommt. Es scheint, als wäre es ein Mensch. Der Schatten bewegt sich recht langsam und so geht Ignatz davon aus, dass er vielleicht verletzt ist. Er erhebt sich und nimmt wieder das Holzstück auf und leuchtet nach dem Herankriechenden. Doch als das Licht die Gestalt erhellt, muss er erkennen, dass es wohl kein Mensch ist…. vielleicht jedoch einst einer war. Denn das Wesen wirkt doch recht menschlich, es kriecht auf allen Vieren voran und trägt

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eine zerschlissene Braune Hose. Der Oberkörper ist nackt und furchtbar abgemagert, so dass man deutlich die Rippen hervortreten sieht. Narben überziehen das deformierte Gesicht und eine platte Nase sitzt zwischen den schwarzen Augen des Wesens. Doch eigentlich liegt Ignatz nicht viel daran, das Wesen genauer zu betrachten und so rennt er, so schnell es ihm möglich ist, davon. Das Wesen macht keinerlei Anstalten ihm schnell zu folgen und so ist er ihm schon nach wenigen Metern entkommen. Als er am Ausgang der Höhle ankommt, stellt er fest, dass er statt Antworten nur noch mehr Fragen gefunden hat. Doch hier will er nicht länger verweilen und so eilt er, die Höhle hinter sich lassend, wieder Richtung Grenada. Der Sturm scheint seinen Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben und es wirkt nun fast doppelt so schwer gegen den Wind anzukommen als zuvor. Was ihn jedoch verwundert ist, dass der Wind stets von vorn kommt, denn zuvor lief er in die entgegengesetzte Richtung und auch dann blies der Wind von vorn. Doch während der Regen wie eine Schar aus Peitschen auf ihn einschlägt, hat er nicht wirklich das Bedürfnis darüber nachzudenken und eilt so schnell es geht wieder zum elterlichen Haus.

Auch wenn es erneut ein Kampf war, durch den Sturm zu gehen, so kommt er schließlich doch wieder in Grenada an. Eine umgefallene Laterne begrüßt in mit polterndem Lärm. Als er jedoch an seinem Haus ankommt, erschrickt er, denn vor der Tür steht ein Wagen. Er ist aus Holz und besitzt vorn zwei Griffe, so dass man ihn ziehen kann. Bei genauerer Untersuchung stellt Ignatz fest, dass sich außer ein paar Decken nichts darauf befindet. Dann überlegt er kurz… Ein Wagen… In der Nacht bevor Rens Familie verschwand, soll auch einer vor dem Haus gestanden haben. Sollte etwa….?

Schnell eilt Ignatz ins Haus. Zunächst tritt er in die Küche. Sie ist vollkommen zerwühlt. Stühle liegen herum, Geschirrscherben sind auf dem Boden verteilt. Nun wird ihm bewusst, dass hier wohl das selbe am Werk ist, wie bei Nero und Ren. Kaum hat er diesen Gedanken beendet, hört er eine Stimme aus dem benachbarten Wohnzimmer. Es ist die Stimme einer Frau… es ist… Nilas Stimme! Schnell eilt er in das Wohnzimmer und findet es ihm selben Zustand wie die Küche vor. Er sieht Nila und einen großen Mann mit schwarzen Haaren mit dem Rücken zu ihm vor dem Sofa stehen. Auf dem Sofa erblickt er seine Eltern.

“Wo ist er?! Ich frage nicht noch einmal!”, schreit Nila den Vater an.

Ihre Stimme klingt schroff und grausam, fort ist der liebliche Honig der einst in ihrer Stimme schwang.

“Ich weiß es nicht… Ich weiß es doch nicht… Er muss sich vorhin aus dem Haus geschlichen haben.”, antwortet der Vater.

“Arggghh! Ich habe genug von euch! Vater, töte sie!”

Mit diesen Worten dreht sich Nila angeekelt von den beiden Weg. Nun sieht Ignatz, wie der Mann eine Axt von einem Schrank nimmt. Sie ist bereits vollkommen blutig. Die Eltern schreien jämmerlich und bitten sie doch zu verschonen. Ignatz will helfen, doch er ist gelähmt vor Angst und steht regungslos in der Tür. Der Mann schlägt zwei mal mit der Axt zu, dann ist es still…

Die Kräfte verlassen den jungen Mann und er sinkt weinend auf die Knie.

“Nein….”, wimmert er leise.

Dies vernimmt Nila und wendet sich ihm zu.

“Ahhh, schau an, wen haben wir denn da? Ich hatte schon Angst, du würdest mir entkommen und dann noch etwas ausplaudern.”

Ignatz erhebt sich wieder vom Boden und schaut sie an. Es ist nicht mehr das nette junge Fräulein, was ihn da anblickt, ihre Augen funkeln in eine unheimlichen Rot und ihr Blick durchbohrt sein Herz wie ein Eiszapfen.

“Nun, dann bringen wir es doch zu Ende. Vater, töte auch ihn.”

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Auf ihr Wort bewegt sich der Schwarzhaarige auf Ignatz zu. Als dieser in das bleiche Gesicht des Mannes schaut, blickt er in milchige Augen, die ihn eigentlich gar nicht ansehen. Es sieht aus als wäre er tot! Mit wankenden Schritten bewegt er sich auf Ignatz zu. Dieser geht langsam Schritt um Schritt zurück, bis er schließlich die Wand des Flures im Rücken hat. Als er schon denkt, dass es nun aus ist, bemerkt er Schritte neben sich. Er schaut nach rechts und sieht einen Mann mit langen weißen Haaren von draußen herein treten. Auf seiner Schulter sitzt ein Rabe und er besitzt ein rotes und ein blaues Auge.

Mit sanfter Stimme spricht er:

“Fürchte dich nicht, ich bin hier, um dir zu helfen.”

Der schwarzhaarige Mann steht mittlerweile im Flur. Der Fremde starrt diesen an und rezitiert Worte in einer Ignatz vollkommen unbekannten Sprache. Doch wirken sie melodisch und irgendwie beruhigend auf ihn. Als der Fremde damit fertig ist, hält der Schwarzhaarige an, lässt die Axt fallen und sinkt schließlich kraftlos zu Boden. Daraufhin geht der Fremde in das Wohnzimmer. Ignatz folgt ihm.

“Tritt nur herein junger Freund.”, spricht er, “Du musst hier noch etwas erledigen.”

Daraufhin zieht er das mysteriöse Schwert, was Ignatz geschmiedet haben soll, aus seinem dunklen Mantel hervor.

“Hier, nimm…”, sagt er und wirft es zu Ignatz herüber. Dieser kann es nur knapp fangen.

“Doch, warum ich?”, spricht dieser.

“Nun mein junger Freund, ich kann die Fäden der Puppe zerschneiden, doch den Puppenspieler darf ich nicht anrühren. Es wäre zu kompliziert das jetzt zu erklären. Nun töte sie. Töte den Blutsauger!”

Ignatz nimmt das Schwert fest in beide Hände. Nila starrt ihn nur lachend an.

“Komm schon her mein Schatz.”, höhnt sie.

Ignatz tut wie ihm geheißen und durchbohrt sie mit dem Schwert. Nila faucht unter Schmerzen und entblößt dabei ihre spitzen Eckzähne.

“Nein, was ist das?!”, faucht sie, “dieser Schmerz….”

Da beginnt der Fremde zu lachen.

“Mit einer geweihten Klinge hast du wohl nicht gerechnet, Blutsauger. Hahaha!”

“Elender! Sei verflucht!”, faucht Nila ihn an, das Gesicht von Schmerz verzerrt.

“Wenn du wüsstest Blutsauger… Dein Fluch, er ist doch nicht einmal ansatzweise so schlimm wie mein Schicksal.”

Doch da meldet sich Ignatz zu Wort.

“Bevor ich es beende, erkläre, was du eigentlich vor hattest. Ich habe die Höhle gesehen.”

“Dann hast du auch ihn gesehen… Den Roten… Einst vergoss er im Wahn das Blut der Unschuldigen… Bis die Menschen ihn fingen und ihn in dieser Höhle einschlossen…. Er starb darin… Doch sein Geist fand keine Ruhe…. Ich wollte ihn erwecken mit den Seelen der Menschen Grenadas… So wie mein Ehemann es mir auftrug…”

“Hmm… Dann kann ich nur von Glück reden, dass dein Werk nun beendet ist…”

Nila antwortet nun mit der gewohnten freundlichen Stimme:

“Ignatz… Mein Schatz… Du kannst…. mich doch nicht… töten… Lass mich frei… Wir können zusammen glücklich werden…”

Doch Ignatz schaut sie nur mit leerem Blick an. Er gibt dem Schwert einen Ruck, wodurch es sich weiter durch ihren Leib bohrt und letztlich beendet er es, indem er die Klinge in ihrem Leib dreht.

Ein letzter Schrei dringt aus ihrem Mund… dann verlässt die Kraft ihren Körper. Ignatz zieht das Schwert aus ihrem Leib und blickt sich an. Besudelt mit dem Blut seiner einstigen Geliebten steht er da, neben ihm seine ermordeten Eltern. Er will sich gerade bei dem

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Fremden bedanken, doch als er sich umschaut, ist dieser weg. Er schaut wieder zu Nila… Nun, da sie tot ist, erfüllt wieder der alte liebliche Gesichtsausdruck ihr Antlitz. Schweigend und mit Trauer im Herzen tritt er nach draußen, wo ihn bereits einige Nachbarn und die Stadtwache erwarten.

“Es ist vorbei…”, sind die einzige Worte die noch über seine Lippen dringen… Dann wird es schwarz um ihn…

Nachdem er sich von den Strapazen der letzten Nacht im Gasthaus von Bens Vater erholt hat, überlegt er, was er denn nun tun soll. Doch der Schmerz über die Geschehnisse lässt ihn nicht los.

“Ich will fort von hier…”, das ist sein einziger Gedanke.

Die Stadtwache berichtet, dass die Höhle nicht auffindbar ist. Doch Ignatz ist dies eigentlich recht egal. So tritt er mit dem Gedanken, ein neues Leben zu beginnen, noch einmal in das Elternhaus. Sein Mantel wurde vom Blut gereinigt, doch die letzte Nacht zeigte ihm, dass er auf einer langen Reise eine Kopfbedeckung braucht. So wühlt er in den Sachen seines Vaters und findet schließlich einen alten Krempenhut. Dieser mag zwar nicht der hübscheste sein, doch er würde seine Sache gut machen. Danach begibt er sich zur Schmiede und deckt sich mit allerlei Bolzen und einer Ambrust ein, die er einmal als Experiment entworfen hatte. Diese Amrbrust besitzt verschiedene Halterungen wodurch es möglich ist Bolzen verschiedener Art einzuspannen. Noch einmal geht er zu Ben, dem letzten den er in dieser Stadt noch hat und verabschiedet sich von ihm. Dieser entgegnet, dass er Ignatz Namen immer Ehren werde, denn er habe die Hexe getötet, die Unheil über Grenada bringen wollte. Und wenn er einmal das Gasthaus des Vaters übernimmt, so will er ihm auch einen gebührenden Namen geben. Ignatz wendet sich herum und will gehen, doch kurz vor der Tür bleibt er ein letztes Mal stehen und spricht ohne sich zu Ben zu drehen.

“Ignatz ist tot. Er starb letzte Nacht mit den anderen. Ich bin… Ignatius…”

Dann verlässt er Grenada, mit dem Schwert im Gepäck. Von nun an, will er sein Leben darauf verwenden die Diener der Schatten zu jagen und zu töten, die sein Leben zerstörten.