Ignatius 2 – Schatten der Vergangenheit

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Der Sturm beginnt sich zu legen und nur der Regen prasselt noch auf die Erde herab. Seit ihrer eiligen Flucht von dieser verdammten Farm ist Mina schweigsam. Ignatius scheint das Verhalten seiner Begleiterin nicht weiter zu beachten, doch schwingt es in seinen Gedanken hin und her. Die jüngsten Ereignisse zeigten ihr zum ersten Mal, was es heißt, die Kinder des Schattens zu jagen. Sie folgen einer breiten Straße, welche wohl eine Handelsroute zu sein scheint. Zwar ist sie nur aus Erde, aber doch recht groß und stabil und selbst im strömenden Regen ist das Vorankommen ein Leichtes. Ihr Weg führt sie nach Nordwesten, denn Grenada soll ihr nächstes Ziel sein.

Ignatius ist in Gedanken versunken und fragt sich noch immer, ob es wohl richtig ist, dies junge Geschöpf mit auf Reisen zu nehmen. Ein Windstoß zischt durch die Bäume, welche sich in geringer Zahl am Wegesrand befinden. Der Hexenjäger dreht seinen Kopf nach links um Mina zu betrachten. Ihr Haar ist vollkommen durchnässt und hängt in ihr Gesicht. Ein deprimierter Ausdruck liegt in ihren Augen und es scheint als wäre jeder Regentropfen eine Träne Minas. Sie ist doch noch so jung, sie ist ein Kind… Doch nein, sie wollte es so und es geht ihn nichts an ob sie ihr Leben auf’s Spiel setzen will oder nicht. Er wendet sich wieder von ihr ab und versucht die Zweifel zu verjagen, mit anderen Gedanken zu verdrängen.

Doch Mina beginnt unvermittelt zu sprechen.

„Ich… Ich verstehe das nicht. Bitte sage mir, was ist auf der Farm eigentlich genau vorgefallen. Du scheinst es ja zu wissen.“

Freudig nimmt Ignatius Minas Frage auf, denn sie ist das Tuch welches er über den Spiegel der Zweifel legen kann.

„Ich denke der Anfang des Übels war die Tatsache, dass Hagen und Tamara sich der Fleischeslust hingaben. Ivy erzählte mir, dass es wohl alle auf dem Hof wussten, außer Bjorn, Tamaras Mann. Naja, die beiden trafen sich wohl immer in der Scheune. Meine Theorie ist, dass Bjorn es eines Tages doch erkannte und Rat bei Ivy suchte, die ja so etwas wie eine Leidensgenossin war. Diese hat ihm wohl, als freischaffende Hexe, ein Mittelchen verkauft. Ich fand diverse Aufzeichnungen über animantische Magie. Sie wird ihm aber nicht verraten haben, was das Mittel wirklich bewirkt, denn er wollte seine Frau zurückgewinnen und sie nicht umbringen. Dann ging er in die Scheune um auf sie zu warten und nahm das Zeug. Naja, es hat ihn in dieses Monster verwandelt und als Tamara dann in die Scheune ging, wo sie eigentlich auf Hagen wartete, fand sie wohl ihren verwandelten Ehemann. Sie hat sich erschreckt und rannte davon. Hagen war ebenfalls auf dem Weg zur Scheune und fand auch das Monster. Ich nehme an es hegte Groll gegen ihn und attackierte ihn. Daraufhin trommelte er die Männer der Farm zusammen und belagerte mit ihnen die Scheune. Bjorn war verunsichert, was er nun tun solle. Er wollte sicher nicht seine Freunde attackieren und so versteckte er sich erst. Als er aber sah, dass man ihn angriff, siegte wohl das Tier. Hagen wurde äußerst schmerzhaft getötet, Igor fand einen schnellen schmerzlosen Tod. Ivy erkannte, dass ihr Plan, ihre Rivalin zu töten so nicht funktionieren würde und so beschloss sie es selbst in die Hand zu nehmen, denn Bjorn liebte sie noch immer und in seinem Herzen keimte nicht der Hass wie in ihrem. Sie brach in das Haus ein und ermordete sie mit dem Kriss. Ich nehme an Bjorn wollte sie aufhalten, kam aber zu spät. Deshalb griff er uns auch nicht an. Er wollte sich nur noch an der Hexe rächen.“

Mit staunenden Augen schaut Mina Ignatius an.

„Und woher weißt du das alles?“

Ignatius schaut nur weiter den Windungen des Weges hinterher und lächelt.

„Wissen tue ich nichts. Es ist alle Theorie. Verdammt ist der, dem zu viel Wissen zuteil wird, denn dies würde wohl seine Existenz erheblich beeinflussen, wenn nicht gar zerstören.“

Nun durch Ignatius Worte nachdenklich gestimmt, schaut Mina in die Luft als würde sie dort die Antworten auf ihre Fragen finden. Doch das einzige, was sie sehen kann, ist der graue Himmel aus dem sich unablässig der Regen ergießt. Grenada scheint endlos fern und sie werden wohl zuvor

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Rast machen müssen. So beschließt Ignatius an einer Wegkreuzung zunächst den Weg nach Norden einzuschlagen, wenngleich der direkte Weg kürzer ist. Der Weg ist schmaler und wohl nur zu Fuß zu passieren. Die Bäume werden zahlreicher und es ist zu erkennen, dass die beiden nun die Wiesenlandschaft verlassen um erneut in einem Wald ihre Reise fortzusetzen. Doch nur wenige Laubbäume säumen den Weg. Fast ausschließlich Tannen und Fichten umringen sie. Am Boden erstrecken sich viele kleinere Kräuter und Büsche und der Weg scheint direkt in das Herz des Waldes zu führen. Er wird schmaler und viele Steine erschweren nun das Laufen; nicht groß, doch senken sie den Komfort des Weges auf ein Minimum. Über ihnen ist nun das Dach des Waldes und durch die voll belaubten Nadelbäume dringt nur wenig Licht, was diesen trüben Tag nur noch düsterer erscheinen lässt. Mina lässt ihren Blick durch das Geäst links und rechts des Weges schweifen, als würde sie eine Gefahr erwarten, welche sie unvermittelt attackieren wollte. Ignatius bemerkt die Unruhe seiner Begleitung und versucht sie zu beruhigen.

„Fürchte dich nicht. Hier wird man uns wohl nicht attackieren. Kaum ein Dieb wagt sich hier herein und auch Tiere gibt es in diesem Wald nicht viele. Wären wir in den Wäldern des Fürsten van Draken unterwegs, dann sollten wir vorsichtig sein.“

Doch Ignatius Worte beruhigen Mina in keinster Weise, nein, sie weiß dass es einen Grund dafür geben muss, dass sich hier kein Dieb herein wagt und so lässt sie ihren Blick nur noch emsiger hin und her schweifen. Doch nur Geäst und Blätter dringen in ihr Sichtfeld. Doch wenngleich sie nichts erkennen kann, scheint es ihr doch so als würde man sie beobachten, als wäre etwas Unsichtbares da im Geäst und würde nur auf seine Gelegenheit warten. Und manchmal scheint es ihr so, als könnte sie doch das ein oder andere Geschöpf in den Bäumen erkennen. Verängstigt drängt sie an Ignatius heran und hält sich an seinem linken Arm fest. Dieser beginnt in einem ruhigen Tonfall zu sprechen.

„Du musst wissen es gibt viele Wesen in diesen Wäldern. Es ist ihr Reich und sie beobachten uns unentwegt, denn sie strafen jeden, der einen Frevel gegen ihre Heimat verübt. Sie mögen seltsam sein und dir vielleicht Angst machen, doch fürchte sie nicht. Es sind die Geister des Waldes. Sie tun uns nichts, wenn wir ihnen keinen Schaden zufügen. Doch sie sind scheu und den zivilisierten Völkern gegenüber misstrauisch, so versuchen sie nicht gesehen zu werden.“

Mina versucht sie zu beruhigen und schaut nun genauer in den Wald in der Hoffnung etwas zu erkennen, wenngleich sie noch immer an Ignatius Arm hängt. Dieser lächelt innerlich darüber und man könnte fast meinen er fände es schön. So mustert Mina alles genau bis ihr Blick auf einen Baum fällt der nur etwa zwei Meter von ihr entfernt steht. Etwas ist seltsam und sie bleibt stehen. Ignatius, welcher noch immer nicht seine Freiheit zurückerlangt hat, bleibt auch unfreiwillig stehen und schaut zu dem Stamm hinüber, den die junge Orkin so interessiert anschaut. Ein scheinbar gewöhnlicher Stamm. Die Rinde ist leicht mitgenommen und der Baum scheint noch recht jung. Doch in der Musterung der Rinde ist ein Fehler. Mina erschrickt, als sie zwei kleine gelbe Augen erblickt, die sie unentwegt anstarren. Es scheint fast als würde eine Katze aus dem Dunkel blicken. Doch dann eine Bewegung, die Augen drehen sich nach rechts, dann nach links und wieder nach rechts. Und bei genauem Hinschauen erkennt sie nun auch die Umrisse des Wesens das dort sitzt. Ein kleines Tier scheint in der Rinde zu sitzen, sein Fell perfekt an das Muster des Hintergrunds angepasst. Kleine spitze Ohren ragen aus dem Kopf der sich immer auf die eine und dann auf die andere Seite dreht. Fast scheint es als wäre das Tier, das da am Baum hängt, genauso von Mina fasziniert, wie sie von ihm. Sie fast Mut und beschließt einen Schritt nach vorn zu machen, doch da verschwindet das kleine Pelzknäuel in den Weiten des Geästs. Nun ist auch zu erkennen, dass es auf einem Baumpilz saß, welcher an der Rinde wächst. Ignatius lacht, als er Minas verdutzten Gesichtsausdruck bemerkt.

„Ich sagte doch sie sind scheu. Ich glaube, das war ein Rindenkobold. Sie sind harmlos und extrem neugierig. Putzige Viecher. Aber weil sie so niedlich sind, machen einige auch Jagd auf sie. Ich habe auf dem Markt in Shasa-Stadt mal einen Händler getroffen, der solch ein Tier im Angebot hatte…“

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Er schüttelt den Kopf und geht weiter, die an ihm hängende Mina dabei mitziehend. Wenngleich sie nun keine Angst mehr hat, fällt es ihr nicht im Traum ein, von Ignatius Arm abzulassen. Dieser nimmt die Gefangenschaft seiner Linken gelassen hin. Langsam versiegt auch der Regen, der die beiden schon die ganze Zeit durchnässte. So ziehen sie weiter nach Norden, wo der Ort liegt, den Ignatius als Zwischenstation plant. Mina geht mit geschlossenen Augen und lässt sich nur von Ignatius führen, doch ein plötzliches Stoppen des selbigen lässt sie aus ihren Träumereien erwachen. Vor ihnen erstreckt sich ein äußerst seltsamer Baum. Er ist gänzlich frei von Grün und seine grauen Äste winden sich in den skurrilsten Formen um den dicken Stamm. Der Baum ist nicht sehr groß und man könnte ihn einfach passieren, doch etwas beunruhigt den Hexenjäger.

„Was ist los Ignatius, warum gehen wir nicht weiter?“

„Wir müssen einen Bogen um diesen Baum machen.“

„Warum? Er blockiert doch gar nicht den Weg.“

„Ja, er scheint harmlos und ohne Bedeutung, doch ist er verflucht.“

Ignatius Blick ist finster und auf den Baum gerichtet. Mina versucht etwas Gefährliches an dem Gewächs zu erkennen, doch ohne Erfolg.

„Dort wo dieser Baum nun steht, fand einst ein sterbliches Wesen ein grausames Ende. Die Seele konnte den Ort des Todes nicht verlassen und wurde eins mit dem Wald. Dieses Ding entstand dadurch und es ist beseelt vom Geist des Verstorbenen, von all dem Hass und der Wut den er ihm Herzen trug, als sein Leben endete.“

„Was tut dieser Baum? Ist er gefährlich?“

„Man könnte sagen er lebt und doch ist er tot. Unfähig Erlösung zu finden, versucht er jeden Sterblichen mit ins Verderben zu reißen der ihm zu nah kommt. Wir sollten einen Bogen um ihn machen… Das ist der einzige Weg…“

Ignatius beginnt mit raschem Schritt in den Wald hinein zu gehen um den Blutbaum möglichst schnell zu passieren. Er ängstigt ihn und auch Mina spürt die Unruhe des Hexenjägers. Immerzu schaut er herüber zu dem grauen Gebilde, prüfend ob er denn noch da steht, wo er zuvor noch stand. Etwas seltsames liegt in der Luft und Mina meint eine Stimme zu hören die sie ruft.

„Tritt näher…“

Süß säuselnd, fast hypnotisch dringt sie in ihr Ohr und sie kann nicht widerstehen dem Ruf zu folgen, doch Ignatius hält sie am rechten Arm und rät ihr davon ab zu dem Baum zu gehen. Die beiden ziehen einen großen Bogen um den Baum, welcher jedoch immer in Sichtweite bleibt. Unablässig schweift Ignatius Blick zwischen dem Baum und dem Strauchwerk, durch das sie klettern. Mina verfängt sich in einem Dornenbusch und hat Mühe sich zu befreien. Ignatius wendet sich ihr zu und befreit sie. Dann kehrt sein Blick wieder zum Baum zurück. Doch… Es scheint als wäre er näher als zuvor. Mit einem kühlen Blick in dem jedoch auch Panik sitzt, starrt der Hexenjäger zu dem Baum. Mina versucht seinem Blick zu folgen und fragt:

„Was schaust du? Er ist doch weit weg.“

Leise beginnt Ignatius zu flüstern.

„Sei still, ich glaube er hat uns entdeckt…“

„Aber es ist doch ein Baum, der kommt doch da nicht weg.“

„Meinst du? Schau genau hin, er ist näher gekommen.“

Mina konzentriert sich und tatsächlich, irgendwie wirkt er nun näher, nicht viel, doch wie kann sich ein Baum bewegen? Dann erklingt das leise Geräusch von knackendem Holz welches aus dem Gesträuch zu kommen scheint.

„Vorsicht!“

Mit einem lauten Schrei zerrt Ignatius Mina zur Seite, diese sieht nur wie ein dornenbewehrter Ast unter ihrer alten Position aus dem Boden schießt. Die Orkin noch in den Armen wendet Ignatius seinen Blick wieder dem Baum zu, welcher nun vielleicht noch zwanzig Meter entfernt zu sein scheint.

„Nein! Renn Mina!“

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Mit diesen Worten dreht er sich und stürmt von dem Baum weg, wieder schräg auf den Waldweg zu. Springend passiert er das Gesträuch auf dem Boden und sein Mantel verheddert sich des öfteren in den Ästen der Büsche. Mina jedoch passiert die Pflanzenwelt ohne Probleme. Ein weiteres Geräusch gesellt sich zum Gekeuche der beiden Abenteurer, das Geräusch von knackendem Holz.

„Lauf schneller Mina! Er verfolgt uns!“

Mina rennt in wilder Eile hinter dem Hexenjäger her. Als sie einige Meter hinter sich gebracht haben erreichen sie eine kleine Brücke aus Stein, die einen Bach überbrückt. Dieser ist nicht tief und reicht gerade einmal bis zu den Knöcheln. Ignatius hat die Brücke schon passiert als Mina über einen schiefen Stein auf der Brücke stolpert. Sie fällt nach vorn und schlägt hart mit der Hand auf der Brücke auf. Dabei reißt sie sich den Arm auf, welcher zu bluten beginnt. Sie dreht sich auf den Rücken, um der Gefahr ins Auge zu Blicken. Und tatsächlich, der Baum verfolgt sie. Unablässig zieht sich das schwere Gebilde mit seinen Wurzeln voran, dabei peitschen seine Äste wild um sich und erst jetzt erkennt Mina eine Art Einhöhlung im Stamm des Blutbaumes in dem unzählige Schädel angehäuft sind. Das nackte Grauen steht in ihren Augen, während sie diese Perversion der Natur beobachtet. Ignatius jedoch bleibt geistesgegenwärtig und zieht Mina an den Armen rückwärts über die Brücke, am anderen Ende stoppt er.

„Schnell renn weiter. Lass mich hier.“

Verzweiflung liegt in Minas Stimme, doch Ignatius antwortet ruhig:

„Warte ab…“

Der Baum prescht weiter den Weg entlang und schleudert allerlei Dreck umher, doch am Beginn der Brücke bleibt er stehen, als hätte er einen Befehl von einem unbekannten Meister erhalten. Nun sind sie nur drei Meter voneinander entfernt und es scheint als wären die beiden verloren, doch das Monstrum rührt sich nicht. Es verweilt kurz und seine Äste beginnen wieder still zu stehen. Dann schleppt er sich langsam wieder in die Weiten des Waldes auf der anderen Seite des Baches. Mit geöffnetem Mund starrt Mina dem Ungetüm hinterher. Ignatius hilft ihr wieder auf die Beine und beginnt zu erklären.

„Das Wasser… Eine verlorene Seele kann niemals über fließendes Wasser treten, denn es ist ein Symbol des Lebens. Die Toten können die Mauern des Lebens nicht überschreiten und so hat sich diese gequälte Seele zurückgezogen.“

Ignatius nimmt einen alten Stofffetzen aus dem Rucksack und verbindet Mina den Arm.

„Können alle von diesen Bäumen so umher wandern?“

„Nun, so weit ich weiß, ist ein jeder Blutbaum anders, je nachdem von wessen Seele er besetzt ist. So gesehen sind sie alle einzigartig.“

„Wirklich?“

„Ja, es gibt sogar eine Legende von einem Drachen, der einen Pakt mit einem Menschen schloss und von diesem hintergangen wurde. Der Mensch griff den Drachen an und tötete ihn um ihm ein wertvolles Schwert zu entreißen. Angeblich konnte die Seele des Drachen keine Ruhe finden und so entstand ein besonders gewaltiger Blutbaum. Später soll er den Verräter vernichtet haben um so wieder an sein Schwert zu kommen. So fertig…“

Ignatius hat Minas Arm fertig verbunden und die beiden setzen ihren Weg fort.

Es beginnt zu dämmern, ein gefahrvoller Tag neigt sich endlich dem Ende zu. Ignatius nimmt die zunehmende Dunkelheit mit gemischten Gefühlen wahr. Einerseits froh den Tag überlebt zu haben, andererseits sich jedoch dessen bewusst, dass die Dinge die des Nachts durch den Wald wandeln, nicht die freundlichsten sind. So ermahnt er Mina, schneller zu gehen, denn das Dorf muss schnell erreicht werden. Der Ort den der Hexenjäger meint, ist Hidog, ein eigentlich unbedeutender Ort der vor langer Zeit wohl von Holzfällern gegründet wurde. Nur selten verirrt sich ein Händler dorthin und so versorgen sich die Einwohner fast ausschließlich selbst. Lediglich der Glaube an die Göttin Ilindura verbindet das Dorf mit dem Reich Shaseria, denn das Dorf ist von allen Steuern befreit. Der Kaiser war es Leid in regelmäßigen Abständen neue Steuereintreiber einstellen zu müssen… Doch man kann dort rasten, denn die Reise nach Grenada würde wohl noch recht anstrengend werden und

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vielleicht gibt es auch einige Münzen zu verdienen. Die ganze Angelegenheit kommt Mina recht seltsam vor, denn wer würde in solch einem Wald ein Dorf gründen, aber da Ignatius die Route bestimmt und eine Pause unabdingbar ist, nimmt sie die Tatsache, in einem Wald der tausend Schrecken zu schlafen, recht gelassen hin.

Endlich erreicht die Reisegruppe den Eingang des Dorfes. Es wurde in einer größeren Lichtung errichtet und dichter Wald ist ringsherum, bedrohlich und finster, als könnte er die ahnungslosen Dörfler einfach verschlingen, wenn er dies wollte. Doch Mina geht davon aus, dass dies auf diesen Wald womöglich zutreffen könnte… Das ganze Dorf wird von einer Kirche dominiert welche am anderen Ende auf einem Hügel errichtet wurde. Die Wohnhäuser sind in einem Halbkreis um den Hügel errichtet worden, doch der Hügel selbst scheint nur Gelände der Kirche zu sein. Schemenhaft sind die Grabsteine zu erkennen welche rings um die Kirche aufgebaut wurden. Still stehen sie da, Wächtern gleich die einen jeden attackieren wollen, der dumm genug ist, den Hügel zu betreten. Die Häuser selbst sind klein und schäbig, Fachwerk ist die einzige Verzierung, doch der Zahn der Zeit hat den alten Mauern nicht gut getan. Das einzige was das Dorf dem Wald gegenüber sympathischer macht, sind die mit unförmigen Steinen gepflasterten Straßen, auf denen die Menschen des Tags umherwandeln. Die Sonne steht tief am Himmel und färbt die wenigen Löcher in der Wolkendecke orange. Die beiden treten nun auf die befestigten Straßen des Dorfes und werden von den wenigen Menschen, die noch auf den Straßen umherwandern, misstrauisch gemustert. Es sind seltsame Gestalten, unschön anzuschauen, gehüllt in einfachste Kleidung. Fehlende Zuwanderung ließ nur die Option des verheiraten innerhalb der Dorfgemeinschaft und so sind die Bewohner nun vom Inzest zu degenerierten Kreaturen gebrandmarkt. Dennoch sind es immer noch Menschen, wenn auch nicht die schönsten. Ignatius beachtet sie nicht weiter, Mina jedoch scheint die Gegenwart dieser Leute zu beunruhigen und sie weiß nicht ob sie einfach nur fasziniert starren oder sich vor Ekel abwenden soll. Doch bald schon wird ihr die Entscheidung abgenommen, denn die Dörfler scheinen bemüht sich möglichst schnell im Schutze ihrer Häuser zu verkriechen. Ignatius führt Mina die Straße entlang bis zu einem kleinen Platz in dessen Mitte sich ein Brunnen befindet. Dahinter ist ein großes rostiges Eisentor im Zaun der den Hügel und damit das Gelände der Kirche vor Eindringlingen schützt. Auf der Linken ist ein größeres zweistöckiges Gebäude. Die Fenster sind erhellt und es wirkt im Vergleich zum Rest des Dorfes recht einladend. Sie treten an die Tür heran. Über dieser hängt eine Holztafel mit einer Sonne, darunter der Name des Gasthauses: Sonnenschein. Man kann fast meinen dies soll eine Art moralischer Beistand in dieser trostlosen Gegend sein oder aber einfach nur ein schlechter Scherz, denn Sonnenschein ist hier nicht wirklich zu sehen. Die Tür öffnet sich und die erschöpften Abenteurer treten in den Hauptraum in dem allerlei Volk seinen Platz hat. Direkt links von der Tür führt eine Treppe nach oben, wo sich die Gästezimmer befinden. Dahinter befindet sich eine Einbuchtung in der Wand, welche durch einen Tresen geschlossen ist. Auf der rechten Seite des Raumes befinden sich die Tische, an denen jedoch keinerlei Platz mehr frei zu sein scheint. Ignatius lässt den Blick schweifen und erkennt am gegenüberliegenden Ende des Raums den Grund der starken Zimmerfüllung. Fünf Musikanten erfreuen die Gäste auf einer kleinen Holzbühne. Sind tragen feine Anzüge und Gehröcke, einer trägt einen Zylinder. Inmitten der Musikanten steht eine junge Sängerin mit einer langen feuerroten Lockenpracht. Einer sitzt auf einem Stuhl und spielt auf einem Cello, einer begeistert die Menge mit einer Klarinette, der dritte lässt seine Finger auf einer Klampfe tanzen, der vierte bläst eine Oboe und der fünfte sitzt an einem Cembalo. Als Ignatius und Mina den Raum betreten, spielen die Fremden ein ruhiges sehnsüchtiges Lied. Mina ist sofort von der Musik verzaubert und starrt wie gebannt zu der Bühne. Ignatius schaut nur beiläufig hin und erkennt an der Kleidung der Musiker, dass sie wohl aus Tempruss kommen, dort wo viele Wohlhabende ihren Wohnsitz haben. Ganz nah am Tempel der Göttin. Er geht zum Wirt der hinter dem Tresen steht und auch den Musikanten lauscht. Erfreut begrüßt dieser ihn und verhandelt einen guten Preis für ein Doppelzimmer. Dann bestellt er noch ein Essen für Mina und sich und nimmt mit dieser an einem kleinen Tisch für zwei Personen an der Fensterfront rechts Platz. Mina nimmt auf dem zur Bühne

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zeigenden Stuhl platz um die Musiker beobachten zu können. Ignatius widmet sich jedoch vollkommen seinem Essen. Nachdem er sein Mahl beendet hat, schaut er einmal durch den Raum um zu sehen, was für Gestalten denn anwesend sind. Da fällt ihm ein Mann mit einer Glatze auf, der in ein weißes Gewand der Kirche der Ilindura gehüllt ist, dabei jedoch auch einen Eisenpanzer trägt. Auf seinem Haupt trägt er einen silbernen verzierten Reif. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch in das er emsig etwas schreibt. Schnell ist Ignatius klar, dass es sich dabei um einen Inquisitor handelt und wenn solch eine Gestalt hier anwesend ist, dann muss etwas im Gange sein. Der Hexenjäger betrachtet auch die beiden anderen die am Tisch des Inquisitors sitzen. Der eine trägt ein weites mit Silber verziertes weißes Hemd. Er hat kurzes braunes Haar und einen Vollbart. Der andere trägt eine lange rote Robe mit weißer Verzierung. Er hat ein Halbglatze und etwas längeres dunkelblondes Haar. Fast sieht er aus wie ein Mönch. Dies müssen des Inquisitors Vasallen sein. Wenn er gleich solche Gestalten mitbringt, dann scheint schon etwas Ernstes im Gange zu sein. Womöglich befindet er sich aber auch einfach auf der Durchreise, was seinen Aufenthalt im Gasthof erklärt. Draußen ist die Nacht herein gebrochen und der Mond schaut durch die nun spärlichen Wolken am Himmel und wirft ein unheimliches Licht auf den Hügel und die Kirche. Ignatius schaut aus dem Fenster zu seiner Linken und betrachtet den Hügel auf der anderen Straßenseite. Er kann die Schatten von Fledermäusen erkennen die nun auf Beutefang sind. Und plötzlich dringt noch etwas in sein Blickfeld. Hinter einem der Grabsteine scheint eine Frau zu stehen und zu ihm herüber zu schauen. Er kann nicht viel erkennen, doch der Mond lässt sie bleich erscheinen. Sie wirkt traurig. Ein plötzliches Geräusch lässt Ignatius herumfahren, doch als dieses sich als heruntergefallener Bierkrug am Nachbartisch entpuppt, wendet er sich wieder dem Friedhof zu. Doch nichts ist mehr zu sehen, keine Spur von der Frau, die ihn eben noch so durchdringend anstarrte. Nur das Licht des Mondes. Auf dem Friedhof steht keine Pflanze, nur eine große Eiche steht vor den Pforten der Kirche. Doch sie scheint tot zu sein, denn sie trägt kein Laub. Ignatius sieht keinen Grund noch länger zu verweilen und zieht sich auf das Zimmer zurück. Mina würde zwar gern noch den Musikern lauschen, doch gefällt ihr der Gedanke, allein zwischen diesen Gestalten zu sitzen, auch nicht und so folgt sie Ignatius. Das Zimmer ist klein und spartanisch eingerichtet. Zwei einzelne Betten, ein Tisch mit zwei Stühlen und ein kleiner Ofen. Ein Fenster lässt etwas Licht herein. Doch was will man für diesen Preis erwarten… Und so begeben sich die beiden nach einem anstrengenden Tag zur Ruhe.

Der nächste Morgen beginnt schon recht früh, als Ignatius durch das erste graue Licht, welches durch das Fenster scheint erwacht. Kaum auf den Beinen weckt er auch Mina, welche sich recht mürrisch ob dieser Störung gibt. Doch die Zeit ist knapp und sie wollen ja bald in Grenada sein, also müssen sie sich schon früh auf den Weg machen. So packen sie ihre Sachen zusammen, nehmen noch ein Frühstück zu sich und treten dann hinaus in das Licht des Tages. Ein grauer Morgen, der ganze Himmel nur ein Meer aus Wolken. Auf dem Dorfplatz erspähen sie den Inquisitor und seine Lakaien. Sie stehen im Kreis um eine zerzauste junge Frau, welche auf dem Boden kniet. Nachdenklich und schweigend schaut Mina Ignatius an. Ohne Worte fragt sie ihn, was da vor sich geht. Es versammeln sich langsam Menschen um die kleine Gruppe inmitten des Hauptplatzes, denn das Dorfvolk erfreut sich an jeglicher Aufruhr. Dann treten auch Ignatius und Mina näher an das Geschehen und sie können nun verstehen worum es geht. Der Inquisitor schreit die Frau an und bezichtigt sie, Anhängerin der Schatten zu sein. Die Frau ist verzweifelt, da sie sich ihres Schicksals bewusst ist. Sie fleht die drei an sie doch gehen zu lassen. Sie sei keine Hexe. Mina ergreift die Initiative und spricht den Inquisitor an.

„Was hat diese Frau verbrochen? Ihr müsst doch Beweise für eure Anschuldigungen haben!“

Der Inquisitor lauscht woher denn die Stimme kommt und dreht sich dann zu Mina. Mittlerweile ist der Dorfplatz mit Menschen angefüllt. Die Augen des Inquisitors mustern Mina und mit einem abwertenden Blick schallt er ihr entgegen:

„Schweig Ork! Dies geht dich nichts an. Du solltest wieder zu deinem Besitzer zurückkehren, er

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wundert sich sicher schon wo sein Sklave ist.“

Der Dorfplatz beginnt zu lachen. Nun erkennt Mina, wie die Menschen des Reiches wirklich sind. Das Lachen des Dorfes scheint die Stimme des ganzen Reiches zu sein. Eingeschüchtert lässt sie ihren Blick zu Boden sinken. Dann tritt jedoch Ignatius an sie heran. Und spricht den Inquisitor an.„Sie hat Recht. Zeigt die Beweise, Inquisitor!“

Dieser wendet sich Ignatius zu. Auch ihn mustert er und es scheint als würde er ihn erkennen.

„Seid ihr der Besitzer dieses Orks? Ihr solltet ihn besser zurückhalten.“

„Nein, sie ist meine Begleitung. Auch wenn ihr mir im Rang überlegen seid, so müsst ihr euch doch vor mir rechtfertigen! Und nun zeigt mir eure Beweise.“

„Ich muss mich vor euch rechtfertigen?“

Ignatius zieht ein kleines Amulett aus seiner Tasche, ein goldenes Rundes Objekt auf dessen Mitte ein Engel mit einem Schwert und einem Buch eingeprägt ist. Nachdenklich beschaut der Vertreter des Kaisers das Amulett.

„Ihr seid auch einer derjenigen, die den Willen des Kaisers durchsetzen. Doch tragt ihr nicht die Gewandung eines solchen.“

Nachdem das Amulett seine Wirkung gezeigt hat, lässt der Hexenjäger es schnell wieder in seiner Tasche verschwinden, so als wäre er nicht sehr stolz darauf.

„Ich lehnte es ab einer der euren zu werden, doch der Kaiser ernannte mich zum Hexenjäger. Das bedeutet, auch wenn ich nicht eure Gewandung trage, müsst ihr euch vor mir rechtfertigen.“

„Nun gut, dies ist kein Problem. Cassus, zeig es ihm…“

Er wendet sich dem einen mit dem Bart zu. Dieser öffnet einen kleinen Sack aus Silberfaden, den er in der Hand hält. Er zieht etwas heraus und zeigt es Ignatius. Es ist der abgeschlagene Kopf eines Menschen, Die Augen sind herausgenommen und vernäht, die Ohren wurden abgeschnitten, ebenso die Nase. Die Wunden an Hals, Nase und Ohren wurden erst ausgebrannt und dann zugenäht. Der Kopf scheint schon eine Weile nicht mehr am Körper des alten Besitzers zu sein und so macht sich schnell ein übler Geruch breit. Entsetzt weicht der Pöbel zurück. Ignatius begutachtet den Kopf und bemerkt, dass mit einem Messer allerlei Schriftzeichen in den Kopf geritzt wurden.

„Ihr seht, dies ist ein Nest der Häresie. Und diese hier ist nur eine von vielen.“

Drohend schaut der Inquisitor in die Menge.

Ignatius tritt zurück und schweigt. Der Inquisitor wendet sich wieder der Frau zu.

„Wenngleich dieses Ritual zum einfangen einer Seele einfach nur lächerlicher Aberglaube ist, seid ihr doch des Mordes schuldig und der Ketzerei. Hiermit verurteile ich euch zum Tode durch die Klinge des Glaubens!“

Der Mann mit der Halbglatze tritt der Frau in den Rücken, woraufhin sie auf alle vier fällt. Daraufhin zieht der Inquisitor eine zweischneidige reich verzierte Silberaxt, hebt sie in die Luft und schwingt sie gegen den Hals der Ketzerin, die Schneide gleitet sanft durch den Hals, wie durch Butter und trennt den Kopf vom Körper. Schnell wendet sich Mina ab, die Menge johlt. Mina schaut auf den Boden, bemerkt aber Blut das an ihrer Hose klebt. Nach getaner Arbeit wendet sich der Inquisitor wieder Ignatius zu.

„Verzeiht, ich stellte mich noch nicht vor. Ich bin Inquisitor Markus Badique. Dies sind meine Pilger Cassus und Aristus.“

„Mich nennt man Ignatius und meine Begleitung heißt Mina.“

„Erfreut euch kennen zu lernen, doch verzeiht, ich muss mich wieder meiner Arbeit zuwenden. Womöglich findet ihr hier ja auch etwas Arbeit.“

Dann zieht der Inquisitor durch eine sich bildende Gasse in der Menschenmenge von dannen.

Das Volk verweilt noch am Ort des Schauspiels. Aus dem Gewimmel von Personen tritt ein gut gekleideter älterer Herr mit Vollbart. Seine Jacke ist aus rotem Samt und auch sein dicke Juwelenkette zeigt sehr deutlich, dass es sich hier um einen reichen bürgerlichen handelt. Wenngleich solcherlei Menschen hier in Hidog so passend sind wie ein Behemoth im Engelsreich. Der Mann stellt sich als Uther Sandros vor und bittet den Hexenjäger und seine Begleitung ihm zu

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folgen, er wolle etwas unter vier Augen mit ihnen besprechen. Ignatius kann das Gold in den Taschen des Fremden schon hören und so folgt er ihm bereitwillig. Der Mann führt die beiden die östliche Bogenstraße entlang zu einer kleinen Seitengasse die durch die Häuser führt. Sie ist so eng, dass es wohl möglich ist, etwas zwischen den Fenstern der flankierenden Häuser hin und her zu reichen. Die Pflastersteine sind nass und es riecht nach Fäkalien. Die Bewohner kippten entsprechende wohl in primitivster Weise aus dem Fenster. Dies lockte jedoch Ratten an, welche nun auf der Suche nach Nahrung emsig im Unrat an den Häuserwänden herumklettern und die beiden Fremden mit ihren schwarzen Knopfaugen anschauen, hoffend dass eben diese vielleicht etwas für sie fallen lassen. Ignatius ist verwundert warum in dieser Uther ihn an solch einen Ort führt. Hier wohnt wahrlich kein reicher Bürger, es scheint vielmehr ein Hinterhalt zu sein. Doch die Gasse endet wieder und der Blick auf das etwas abseits vom Dorf stehende Haus macht Ignatius Zweifel sofort wieder zunichte. Schweigend weißt er auf das Haus, welches in einem wunderschönen Weiß angestrichen ist. Fachwerk aus bestem Holz schmückt die Fassade und die Blumen auf den Fensterbänken bilden einen letzten Quell der Freude in dieser Einöde des Wahnsinns. Der Bürger tritt an die Tür und öffnet diese mit einem kleinen goldenen Schlüssel. Ohne einen Laut öffnet er sie und bittet die beiden einzutreten. Dann folgt auch er und verschließt die Tür wieder hinter sich. Er verschnauft erleichtert und findet das scheinbar verlorene Wort wieder.

„Verzeiht, euch kam mein Verhalten sicher seltsam vor, doch die Wände des Dorfes haben Ohren. Doch lasst uns ins Besuchszimmer gehen. Dort kann man sich besser unterhalten. Der Eingangsflur ist klein und mit einigen rustikalen Schränken, welche mit allerlei Dingen gefüllt sind, ausgestattet und bietet dem geneigten Besucher schon direkt nach dem Betreten des Hauses ein Fest für die Augen. Mina bewundert gerade eine kleine Goldstatue in einem der Schränke, als Ignatius ihr bedeutet doch bitte in den Raum am linken Enden des Flures zu folgen. Uther kniet vor einem Kamin und entfacht Feuer darin, um die bereits sehr angenehme Atmosphäre dieses kleinen Gesprächszimmers noch zu steigern. Dann nimmt er auf einem Polsterstuhl an einem Eichenholztisch platz und bittet seine Gäste, es ihm doch gleich zu tun. Auf einigen kleinen Dekortischen an den Wänden vertreiben Öllampen den grauen wehmütigen Schimmer des Tages, der durch die Fenster scheint, mit ihrem goldenen Licht. Dann nimmt der Gastgeber eine Kristallflasche, die auf dem Tisch steht, und schenkt sich etwas Wein in ein Glas. Ignatius und Mina lehnen dankend ab, als er ihnen selbiges anbietet.

„Nun Herr Sandros, sie wollen doch sicher nicht einfach nur eine Plauderstunde mit uns veranstalten. Was wollen sie?“

Der Gesichtsausdruck Uthers wird finster und er nimmt einen tiefen Zug von seinem Wein.

„Ihr seid doch Ignatius der Hexenjäger, der Mann der für bare Münze das Böse jagt, nicht wahr?“

„In der Tat, das bin ich. Ich scheine den Menschen ja nicht unbekannt zu sein.“

Der Hexenjäger verschränkt die Arme und lehnt sich wartend zurück.

„Ihr wisst ja wie das mit den Geschichten über große Taten ist, werter Herr Ignatius. Doch ich will euch nicht langweilen. Um es kurz zu machen: Ich habe einen Auftrag für euch.“

„Einen Auftrag, so… Nun erklärt worum es geht und ich werde darüber nachdenken.“

„Wie ihr auf dem Marktplatz feststellen durftet, liegt hier in Hidog doch einiges im Argen. Wie der Inquisitor bereits richtig erwähnte, ist Hidog schon seit einiger Zeit ein Nest der Häresie. Zumindest vermute ich dies, geschehen hier doch immer seltsamere Dinge.“

„Warum wendet ihr euch dann nicht an den Inquisitor?“

„Der Inquisitor ist ein frommer Mann und ich will nicht an ihm zweifeln, doch ihm liegt nur daran das Böse von hier zu vertreiben. Ich benötige jedoch jemanden, der mir in etwas… sagen wir privateren Angelegenheiten hilft. Des weiteren scheinen er und seine beiden Pilger diesen Ort nicht zu kennen. Er geht viel zu offen vor und versucht die Menge mit bloßer Gewalt einzuschüchtern. Doch die wahren Übeltäter stehen nur daneben und lachen. Ihm fehlt das Feingefühl das hier in diesem Dorf, wo man nicht weiß, wem man wirklich trauen kann, von Nöten ist.“

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Mina welche angespannt auf ihrem Stuhl sitzt, hoffend dass dies dem edlen Hause entspricht, wagt es nun auch einmal das Wort zu erheben.

„Herr Sandros, wenn ich fragen darf, wie verdient ihr euer Geld.“

Der Gastgeber schaut erst etwas verwundert, wechselt jedoch schnell zu einer freundlichen Miene und erklärt.

„Ja, es ist sicher verwunderlich jemanden wie mich an einem Ort wie Hidog zu finden. Ich bin Kaufmann, ich kaufe Waren in den großen Städten wie Grenada, Shasa-Stadt oder Tempruss und verkaufe sie dann hier in Hidog. Das Dorf ist sehr abgeschnitten und die Bewohner können sich einen gewissen Luxus nicht selbst erarbeiten. Ich ermögliche ihnen hier ein angenehmes Leben zu führen, indem ich ihnen das verkaufe, was sie hier nicht kriegen können.“

Ignatius kann der Art des netten Kaufmanns jedoch nichts abgewinnen und wendet etwas ein.

„Nun Herr Kaufmann, so sieht es hier aber nicht aus. Ich gehe vielmehr davon aus, dass ihr die Waren zu solch teuren Preisen verkauft, dass sich nur wenige entsprechende leisten können… Aber es soll mir egal sein. Erklärt nun, worum es genau geht, ich benötige Anhaltspunkte für meine Arbeit.“

„Sicher Herr Hexenjäger… Nun es betrifft direkt mein Geschäft. Mein Lagerarbeiter Bedek ist seit einer Woche verschwunden und ich mache mir Sorgen, dass er womöglich das Opfer eines ketzerischen Aktes wurde. Ich würde selbst nachschauen, doch ich habe zu viel Angst, mir könnte es ähnlich ergehen. Er ist jedoch nicht der einzige. Durch meine Kunden höre ich oft die neusten Gerüchte des Dorfes und es verschwinden in letzter Zeit immer mehr der Menschen aus Hidog.“

„Ihr wollt doch nicht ernsthaft sagen, dass ich euren Lagerarbeiter suchen soll?“

Mina fällt Ignatius ins Wort.

„Ignatius… Bitte… Lass ihn uns suchen. Ich kenne ihn… Bedek… Skyte… Er ist mein großer Bruder.“

„In der Tat, dass ist sein Name und er ist auch ein Schwarzork.“

“Er ging zu den Menschen um dort das große Glück zu finden. Aber wie es scheint, hat er es wohl nicht gefunden… Ignatius bitte, ich will wissen was mit ihm geschehen ist.“

„Nun gut… Was zahlt ihr, Kaufmann?“

„Sagen wir 200 Goldmünzen fürs erste. Sollten sich weitere Schwierigkeiten ergeben, dann bin ich auch bereit euch mehr zu zahlen. Des weiteren biete ich euch mein Gästezimmer für die Zeit, die ihr für eure Ermittlungen braucht.“

Ein Grinsen macht sich im Gesicht des Hexenjägers breit. Er beugt sich nach vorn und streckt Uther seine Rechte entgegen. Dieser schlägt freudig ein und Ignatius beginnt energisch die Hand des Kaufmanns zu schütteln.

„Er wohnt im Haus Nummer 10 in der Drudengasse. Das war die Gasse durch die wir kamen. Ich wünsche euch viel Glück und bitte bringt ihn mir zurück.“

„Wir werden unser Bestes geben. Und deshalb werden wir uns gleich einmal die Wohnung des Guten anschauen.“

Der Kaufmann nickt zufrieden und Mina und Ignatius verlassen das Haus, um zu der Gasse zurückzugehen und Licht in das Dunkel Hidogs zu bringen.

Der Blick des Hexenjägers wandert nachdenklich die verdreckte Wand des Hauses mit der Nummer zehn hinauf. Wenn hier tatsächlich der Arbeiter des Kaufmanns lebt, so ist dieser noch widerlicher als all die geldgierigen Händler in Shasa-Stadt. Vorsichtig wandert seine rechte Hand auf die Klinke der Haustür. Sie ist schmierig und er will besser gar nicht wissen, was wohl schon alles einmal seine Griffel hieran hatte. Mit einem lauten Knarren schwingt die Tür auf und gibt den Blick in ein schlecht beleuchtetes Treppenhaus frei. Ignatius geht voran und Mina folgt dicht auf. Schon nach wenigen Schritten stoppt der Hexenjäger und untersucht einen Textilhaufen der in den Schatten der Ecke gegenüber einer alten Holztreppe liegt. Er schiebt einige Stofffetzen beiseite und erkennt nur schwach das Gesicht eines Mannes. Es ist wahrlich gezeichnet durch das Leben hier. Die Haut ist

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verkrustet und ein Gemisch aus Blut und Erbrochenem bahnte sich seinen Weg aus seinem Mund. Er starb wohl erst vor kurzer Zeit, denn kein Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Ohne den Mann weiter zu beachten steigt Ignatius die Treppe in die erste Etage empor. Mina schaut nur kurz hin und starrt dann verkrampft auf die Treppe vor sich, doch ein kalter Schauer läuft ihr den Rücken herab, als sie aus Versehen mit ihrem linken Schuh die Hand des Toten berührt.

Ein Gang führt ins innere des Gebäudes, an seinem Ende lässt ein kleines verdrecktes Fenster etwas Licht hinein. Ein Gestalt steht davor und schaut wohl hinaus. Der Hexenjäger tritt näher heran und fragt, wo ein gewisser Bedek wohne. Da wendet sich die Gestalt ihm zu und entpuppt sich als alte Frau, gehüllt in zerfetzte Stoffe, die sie einer Zwiebel gleich in mehreren Schichten auf der Haut trägt. Ihr Gesicht ist faltig und ihr Blick ist ernst, strahlt jedoch etwas freundliches aus. Die Frau erklärt dass Bedek am Anfang des Flures wohnt. Doch sie warnt Ignatius auch, sich nicht zu sehr in all die Schrecken hinein zu wagen, die hier in Hidog lauern, sonst könnte er enden wie ihr Sohn. Bei diesen Worten wirft sie einen traurigen Blick den Gang hinab und der Hexenjäger spürt, dass sie wohl den Toten im Erdgeschoss meint. Dann wendet sie sich wieder zum Fenster und wirft ihren Blick durch das fast undurchsichtige Glas des Fensters. Mina und Ignatius gehen zur ersten Tür des Ganges und klopfen. Keine Reaktion, so beschließt der Hexenjäger sie zu öffnen. Doch sie scheint verschlossen zu sein. Doch wenn es einen Hinweis auf Bedeks Verschwinden geben kann, dann wohl nur dort drin. Da zieht er ein kleines Metallstäbchen aus seiner Tasche und beginnt im Schloss der Tür herumzuwerkeln. Und es gelingt ihm tatsächlich das selbige damit zu öffnen.

Die beiden treten ein und Mina beginnt sofort das Zimmer zu mustern in dem sich ihr Bruder wohl lange aufhielt. Im Gegensatz zum Rest des Hauses ist es sauber und aufgeräumt und es liegt nicht der Geruch von Urin in der Luft. Es ist klein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Links von der Tür steht ein Bett vor einem kleinen Fenster. Gegenüber steht ein schon fast zu ordentlicher Schreibtisch. Auf der rechten Seite steht ein Schrank der mit allerlei Büchern vollgestopft ist. Mina wandert suchend umher, selbst nicht wissend, wonach sie genau sucht. Der Schreibtisch weckt Ignatius Neugierde, speziell ein dickes Buch in einem weißen Einband. Es liegt perfekt in der Mitte des Tisches. Auf seiner Frontseite ist ein Engel mit silberner Farbe aufgemalt. Schnell erkennt der Hexenjäger, dass dies das Liber Luminae ist, das heilige Buch der shaserianischen Kirche. Er blättert ein wenig darin herum und findet einen Zettel mit einem Tintenbild das ein Schwert flankiert von zwei Flügel zeigt. Darunter eine kurze Notiz.

Reinkarnation der Göttin, Seite 265, Phrase 8

Muss Gaston danach fragen…“

Nachdem er den Zettel eingesteckt hat prüft er die Seite in der er steckte. Es ist Seite 265 und er sucht den achten Satz um zu prüfen was Minas Bruder da so interessierte. Er liest den Satz laut, so dass Mina mithören kann.

„Und als ihre Kinder ihr zeigten, wie sehr sie sie liebten und ihre Existenz gaben, erschufen sie ihre Mutter neu, auf dass alles erlöst werde.

Dein Bruder ist Anhänger der Shaserianischen Kirche. Ich dachte, die Kesvan Deikshu hätten ihre eigene Religion.“

Mina steht nun neben Ignatius und zieht das Buch zu sich herüber, um es zu mustern.

„Ja, wir verehren die beiden Alten, Abyss und Atla… Doch Bedek war schon immer ein Querkopf. Obwohl die Menschen uns verachteten und verhöhnten, hegte er doch große Sympathien für sie und ihren Glauben. Er meinte immer, wir müssen unseren alten Glauben ablegen und uns zur Kirche der Ilindura bekennen, denn vor der Göttin sind alle Gleich und sie wird all ihre Kinder erlösen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Deshalb ging er ins Reich der Menschen… Er wollte es nie wahr haben, dass es für uns nur das Leben am Rand der Existenz gibt…“

„Nun über das Thema müssen wir später noch einmal sprechen. Doch ich habe nun einen Namen.

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Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wer dieser Gaston ist. Lass uns gehen, ich glaube nicht, dass es hier noch etwa gibt. Die Bücher im Schrank sind alles kirchliche Schriften. Dein Bruder hat wohl sein Aufgabe im Leben gefunden…“

Mit festem Schritt verlässt Ignatius den Raum. Mina verweilt noch kurz und lässt ihren Blick schweifen, doch es ist nichts von ihrem Bruder hier. Wer weiß ob je etwas da war. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen folgt sie Ignatius.

Sie kehren zurück zu Uther und berichten was sie fanden. Dieser äußert starke Bedenken und verweist darauf, dass Gaston der Bischof und Verwalter der alten Kirche ist. Er kann es nicht beweisen, doch er vermutet, der Bischof hat Dreck am Stecken. Diese Information ist Genug damit Ignatius weiter ermitteln kann. So verlässt er mit Mina wieder das Haus, um sich zur Mittagszeit einmal diese Kirche und den Bischof anzusehen. Mina ist verwundert darüber, dass ausgerechnet der Bischof, bei dem ihr Bruder wohl Zuflucht suchte, etwas Böses im Schilde führen könnte. Doch Ignatius beruhigt sie, der Bischof würde den Menschen wohl ohne Gegenleistung helfen und dies wäre schlecht für die Geschäfte des Kaufmanns. Vielleicht sei die ganze Angelegenheit mit dem verschwundenen Bedek ja sogar nur inszeniert, um dem Bischof Ärger zu machen. Mina meint, dies klänge ja wie aus einem Roman, doch Ignatius berichtigt sie, denn so etwas sei schon des öfteren passiert.

Nur wenige Menschen sind auf den Straßen zu sehen, die meisten vergnügten sich wohl nun beim Mittag, welches wohl ihre einzige Freude ist. Der Himmel ist noch immer grau, doch im Licht des Tages sieht die Kirche nicht mehr so unheimlich aus wie im Licht des Mondes. Fast wirkt sie wie eine letzte Bastion des Lichtes, dort oben auf ihrem Hügel. Das Eisentor steht offen und die beiden wandern den gepflasterten Hauptpfad, der zur Kirche hinauf führt, entlang. Links und rechts erstreckt sich ein Meer aus Grabsteinen, doch kein Pflänzlein blüht auf den Gräbern. Dieser Friedhof wirkt wahrlich noch düsterer als jeder andere, welchen die Menschen ohnehin schon meiden. Von der Hügelkuppe dringt Gesang aus der Kirche. Es scheint als würde ein eingespielter Chor etwas singen.

Die beiden treten zum Portal der Kirche und öffnen vorsichtig eine kleine Tür darin, um hineinzutreten. Vor ihnen erstreckt sich eine große Halle, auf der linken und rechten Seite befinden sich Reihen aus Bänken, welche allesamt mit Bewohnern des Dorfes angefüllt sind. Wie es scheint ist dieser finstere Ort doch nicht so finster, wie er erscheinen mag. Einige der Gäste beäugen die beiden schon und um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, nehmen sie auf einer leeren Bank der hinteren linken Seite Platz. Am Ende des Weges den die Bänke flankieren steht ein Altar auf einer leicht erhöhten Ebene. Auf beiden Seiten kann man über einige Stufen hinauf gelangen. Hinter dem steinernen Altar steht ein Mann in ein weißes Gewandt gehüllt, welches mit allerlei silbernem Zierwerk versehen ist. Vor der erhöhten Plattform steht ein Chor aus etwa zwanzig Männern die allesamt in ungewöhnlich düstre Roben gehüllt sind. Aus ihren Mündern schallen allerlei Gesänge über das Himmelreich Ilinduras, über die Dämonen und den ewigen Kampf den sie führen. Die Wände sind aus grauem schweren Felsgestein erbaut worden, doch was ihnen an Glanz fehlt machen die wunderschönen bunten Spitzbogenfenster zu allen Seiten wieder wett. Sie zeigen allerlei heilig Gestalten aus vergangenen Zeiten. Über dem Altar prangt ein besonders großes Fenster auf dem eine Frauengestalt in silberner Rüstung mit einem leuchtende Schwert abgebildet ist. Es ist die Darstellung der Göttin selbst. Bei Betrachtung des Fensters bemerkt der Hexenjäger jedoch einen äußerst seltsamen Faktor dieser Kirche. Die Kirchen werden für gewöhnlich mit einer Ausrichtung nach Süden errichtet, so dass die Sonne im höchsten Stand zur Mittagsstunde genau durch das Fenster der Göttin scheint. Doch wie es scheint waren die Erbauer dieses Hauses nicht gerade die schlausten Menschen und ihnen war wohl nicht bekannt, wo die Sonne ihre Bahnen zieht. Nun verstummt der Gesang des Chores und der Mann hinter dem Altar öffnet ein großes Buch aus dem er zu lesen beginnt. Mit bestimmtem Ton beginnt er zu sprechen:

„Und als ihre Kinder ihr zeigten, wie sehr sie sie liebten und ihre Existenz gaben, erschufen sie ihre Mutter neu, auf dass alles erlöst werde.

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So steht es geschrieben im heiligen Buche! So meine Freunde, handelt stets in solcher Weise, dass es unsre große Göttin gut heißen würde, ja dass sie mit Stolz auf ihre Kinder schauen kann. Begeht euren Pfad mit bestimmtem Schritte und weichet nie, egal welch‘ Opfer zu bringen euch das Leben zwingen mag! So sei es meine Freunde!

Nun kehret zurück in euer Heim und verrichtet euer Werk wie es euch von der Göttin ward gegeben…“

Als der Alte seine Rede beendet hat, macht sich Unruhe im Saal breit und die Menschen beginnen die Kirche zu verlassen. Schon nach wenigen Minuten ist die Kirche leer. Lediglich die beiden Fremden sitzen noch in der letzten Reihe. Der Alte tritt vom Podest herunter und vor den Chor der jungen Männer und beginnt mit ihnen zu sprechen. Doch er spricht so leise, dass Ignatius es nicht vermag, etwas zu verstehen. Einer der Sänger bemerkt die beiden auf der letzten Bank und weißt den Alten darauf hin, welcher sich dann verwundert herum wendet. Er schaut erst und bedeutet die beiden dann, nach vorn zu treten. So erheben sich Ignatius und Mina und treten nach vorn, um mit dem Alten zu sprechen. Ignatius Blick ist starr auf den Alten gerichtet, der Minas jedoch wandert unruhig zwischen den Sängern hin und her, hoffend ihren Bruder zu erspähen, doch er ist nicht dabei, es sind allesamt Menschen. Der ernste Gesichtsausdruck des Alten wandelt sich zu einem freundlichen Lächeln und er stellt sich als Bischof Gaston vor. Fast wirkt er wie der nette alte Opa der seinen Enkeln des Abends vor dem Kamin Geschichten von früher erzählt. Doch etwas seltsames liegt in seinem Blick, etwas Verbissenes. Der Hexenjäger reicht ihm die Hand und beginnt seinen Besuch zu erklären:

„Werter Bischof, man nennt mich Ignatius, ich bin ein reisender Hexenjäger und dies ist meine Begleiterin Mina. Wir ersuchen um euren Rat da wir einen verschwundenen jungen Mann suchen.“

Der Alte schaut verwundert, doch immer noch freundlich.

„Ihr sucht einen jungen Mann? Welch seltsames Anliegen einen solchen hier zu suchen, wenngleich ich doch einige hier habe. Hahaha.“

„Seine Name ist Bedek… Bedek Skyte, wie es scheint der Bruder meiner Begleiterin. Wir fanden Hinweise auf kirchliche Aktivitäten und einen Zettel auf dem euer Name verzeichnet ist. Doch seht selbst.“
Der Hexenjäger zieht den kleinen Zettel aus Bedeks Wohnung aus seiner Tasche und reicht sie dem Bischof. Dieser liest sie kurz und antwortet dann in ruhigem Ton.

„Ah, Bedek. Ja, er ist ein wahrhaft emsiges Mitglied der Kirche der Ilindura und immer darum bestrebt seine Wissen um die heilige Schrift zu erweitern. Er brach vor Kurzem zu einer Pilgerreise nach Grenada auf. Ich sandte ihn dorthin, damit er sich einmal mit dem dortigen Bischof zum Thema „Rückkehr der Göttin“ austauschen kann.“

„Oh wie schade.“

Ignatius wendet sich Mina zu, deren Gemüt sich wieder etwas beruhigt hat, jetzt da sie weiß, dass ihr Bruder lebt.

„Wir wollen ja selbst dorthin, vielleicht treffen wir ihn dann da.“

Mina nickt nur lächelnd ohne ein Wort zu erwidern.

Die Angelegenheit hat sich für Ignatius eigentlich schon erledigt, da schaut er in den rechten Seitenflügel der Kirche und entdeckt etwas rotbraunes vor einer Holztür, die vermutlich in die Krypta führt. Den Fleck näher betrachten wollend tritt er zur Tür und beugt sich herunter. Es ist… Blut. Getrocknetes Blut. Je klarer ihm der Gedanke seines Fundes wird, umso mehr weiten sich seine Augen. Sein Herz beginnt zu rasen. Er erhebt sich langsam wieder.

Dann spürt er nur noch einen Schlag auf seinen Hinterkopf und Schwärze füllt sein Sichtfeld…

Ein leises Piepsen…

Nur verschwommen kann der Hexenjäger seine Umgebung wahrnehmen. Als sein Blick schärfer wird, erkennt er eine Ratte vor seinem Gesicht, die seinen auf dem Boden liegenden Hut auf Futtergehalt prüft. Das Geräusch von auf die Erde prasselndem Regen erfüllt den Raum. Der

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Geruch von Moder und altem Stroh liegt in der Luft. Vorsichtig setzt er sich auf, doch noch immer schmerzt der Kopf. Er schaut sich um und die Gitterstäbe zu seiner Rechten verraten ihm, dass man ihn in einen Kerker warf. Er beschaut die Kerkerzelle. Sie ist leer, nur etwas altes Stroh liegt auf dem Boden verstreut. Im oberen Bereich der Wand zu seiner Linken ist ein kleines vergittertes Fenster. Endlich wieder etwas gesammelt nimmt es sich seinen Hut und tritt an das Fenster heran. Die Ratte nun ihrer Beschäftigung beraubt, macht sich aus dem Staub. Er hält sich an den Gitterstäben fest und zieht sich nach oben um einen Blick hinaus zu riskieren. Es ist dunkel und es regnet. Ab und an erhellt ein Blitz die Landschaft und nur schemenhaft gelingt es ihm etwas zu erkennen. Ein lautes Grollen verrät, dass das Gewitter scheinbar mitten über Hidog liegt. Wieder ein Blitz und nun gelingt es ihm etwas zu erkennen. Ein buntes Fenster… Die Kirche! Er muss noch immer in der Nähe der Kirche sein. Er lässt sich wieder zu Boden sinken und versucht einen Weg zu finden, diese Zelle zu verlassen. Doch nichts ist da, außer das Stroh. Wer immer ihn hier her brachte, hat auch seine Ausrüstung. Der Gang vor seiner Zelle wird nur durch ein paar Fackeln erhellt. Er tritt näher an die Stäbe, in der Hoffnung irgend etwas nützliches sehen zu können. Da bemerkt er eine Gestalt, die in der Zelle gegenüber liegt. Es ist Mina. Ignatius versucht sie durch Zurufe zu wecken, doch die bewusstlose Mina zeigt keine Reaktion. Dann hört er das Geräusch eines Schlüssels, der eine Zellentür öffnet. Es scheint rechts von ihm zu sein.

Er kann einen Mann hören der sehr verzweifelt klingt und den, der ihn holen will, wohl anfleht. Er wird lauter. Dann erklingt ein Schlag, als wenn jemand gegen Gitterstäbe prallt, und Schritte die sich Ignatius nähern. Sie sind schnell, als würde jemand wegrennen. Dann erscheint unvermittelt die Gestalt des Bärtigen, der dem Inquisitor folgte. Doch etwas stimmt nicht. Er stoppt vor Ignatius Zelle und fleht ihn an ihm zu helfen. Unablässig schaut er nach rechts nur um sich dann wieder mit angstverzerrter Miene Ignatius zuzuwenden.

„Der Bischof! Er hat den Inquisitor…! Sein Kopf…! Es war furchtbar…!“

Dann sinkt er kraftlos zu Boden. Erst jetzt bemerkt der Hexenjäger mit entsetztem Gesicht, dass dem Mann der rechte Arm fehlt. Langsam nähern sich Schritte und ein komisches schleifendes Geräusch. Der Mann scheint durch Schmerz und Erschöpfung bewusstlos zu sein. Keine Regung mehr in dem eben noch so lebendigen Körper. Immer lauter werden die Schritte und der Hexenjäger geht vorsichtig zurück, nicht wissend was gleich passieren wird. Als die Schritte schon fast vor der Zelle zu sein scheinen, öffnet der Mann noch einmal die Augen und wirft dem Hexenjäger etwas in die Zelle.

„Nimm das… Räche uns…“

Kaum hat der Mann das letzte Wort beendet zischt ein schweres Beil durch die Luft und enthauptet ihn. Eine Gestalt in einer dunklen Kutte hat selbiges geschwungen. Diese nimmt den Kopf des Toten und den verbliebenen Arm und zieht den Fremden fort. Im Vorübergehen wendet er sich noch einmal dem Hexenjäger zu. Dieser bemerkt, dass die Gestalt eine silberne Maske trägt in die nur zwei Öffnungen für die Augen gemacht sind. Drohend schaut der Maskierte zu Ignatius herüber, als wollte er ihm sagen, dass es ihm wohl bald ähnlich ergehen wird. Dann zieht er, den Körper hinter sich her zerrend von dannen. Erst als der Hexenjäger das Knallen einer schweren Tür hört, beginnt er nach dem Objekt zu suchen, dass ihm der Mann zuwarf. Er findet ein kleines Metallstück, welches sich bei näherer Betrachtung als primitiver Dietrich herausstellt. Sehr über dieses letzte Geschenk des Toten erfreut, macht er sich sogleich daran am Schloss der Zellentür herumzuwerkeln. Doch von innen ist es eine scheinbar unmöglich Aufgabe das Schloss mit diesem Ding zu öffnen. Schon nach kurzer Zeit, lässt ihn das Geräusch einer quietschenden Tür in seiner Arbeit einhalten. Schnell zieht er sich in eine dunkle Ecke seiner Zelle zurück und wartet ab. Da erscheint ein zweiter Maskierter und öffnet Minas Zelle. Er wirft sich den zierlichen Leib der Schwarzorkin über die Schulter und verschwindet mit ihr. Ignatius beobachtet das Spiel mit einem äußerst unguten Gefühl in der Magengegend. Doch nun ist seine Chance gekommen. Sollte er es nicht schaffen aus dieser Zelle zu fliehen bevor man ihn holt, dann wäre er eh verloren. So beginnt er erneut mit dem behelfsmäßigen Dietrich im Schloss herumzusticheln.

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Nach einigen Minuten gelingt es ihm tatsächlich, das Schloss zu öffnen und die Gittertür schwingt quietschend auf. Vorsichtig tritt er hinaus und späht erst den Gang zu beiden Seiten entlang. Zu seiner Linken befinden sich nur noch zwei Zellen und dann endet der Gang. Zu seiner Rechten befindet sich eine schwere Holztür. Doch sollte ihm einer der Maskierten begegnen, und dies scheint mehr als wahrscheinlich, so müsse er etwas zum kämpfen bei sich tragen. Glücklicherweise vergaß der erste seine Beil. Der Hexenjäger beugt sich herab und nimmt das blutbesudelte Beil aus der Lache am Boden. Es ist ein schweres Kriegsbeil und nur mit beiden Händen kann er es sicher führen. Erneut blickt er den Gang entlang und mustert die Blutspur, die der enthauptete Körper hinterließ. Somit wird es zumindest nicht schwer ihnen zu folgen. Mit entschlossenem Blick geht er den Gang entlang, zu seinen Seiten weitere Zellen, doch sie sind alle leer. Er lehnt seinen Kopf gegen die Tür um zu lauschen. Doch lediglich das leise Plätschern von Wasser dringt von der anderen Seite herüber. Hoffend, nicht schon jetzt einem Feind gegenüber treten zu müssen, öffnet er vorsichtig die Tür und begutachtet den Raum auf der anderen Seite. Zu seiner Rechten erhellt eine Fackel, die im kalten Luftzug, der ihm entgegen weht, unruhig herumflackert, den kleinen Vorraum. Vor ihm führt eine Treppe nach oben und das Geräusch des Wassers entstammt dem Regenwasser welches sich die Treppe herab ergießt um dann in einer kleinen Öffnung im Boden zu Verschwinden. Er erklimmt die wenigen Stufen und findet sich auf dem Friedhof wieder. Ein Gewittersturm tobt über Hidog und ein wahrhaft ungutes Gefühl macht sich in ihm breit Es ist nur schwerlich etwas zu erkennen und so arbeitet er sich langsam vorwärts, immer wieder gegen einen der Grabsteine rennend. Plötzlich ein Schatten zu seiner Rechten… Doch als er sich herumwendet ist er verschwunden. Was war das? Mühsam versucht er etwas zu erkennen, da fällt ihm mitten im strömenden Regen ein Licht auf, ein buntes Licht… Es muss aus der Kirche kommen. So geht er darauf zu. Er muss Mina retten… hoffentlich ist es nicht zu spät. Und es gelingt ihm auch unbeschadet vor dem Haupttor anzukommen. Zu seiner Rechten steht stumm der Baum, und er bewegt sich nicht einmal in diesem Sturm. Wahrhaft seltsam. Es muss wohl am bereits toten Holz liegen… Dann wendet er sich wieder dem Portal zu, doch da steht jemand vor der Tür. Im dichten Regen kann er die Gestalt nur schwer ausmachen, doch es scheint als würde da eine Frau stehen. Er will näher treten um mit ihr zu sprechen, da dringt eine wispernde Stimme in sein Ohr.

„Geh…“

Ignatius ist verwundert und tritt näher. Da wird der Ton der Stimme aggressiver.

„Geh…!“

Doch auch dies lässt ihn nicht zurückweichen. Es ist wohl ein Trick, den sich dieser Bischof einfallen ließ. Nach zwei weiteren Schritten steht er der Gestalt gegenüber und erkennt die schemenhafte Gestalt einer traurig aussehenden Frau. Ihr Gesicht ist fahl und ihr regennasses Haar hängt schlaff herab. Auch ihr zerfetztes Kleid, das frappierende Ähnlichkeit mit einem Leichentuch hat, ist vom Regen durchtränkt.

„Was tut ihr hier?“

Die Frau schweigt nur und schaut ihn traurig an.

„Bitte geht zur Seite, ich muss hinein.“

Wieder keine Reaktion. Da beschließt der Hexenjäger sie einfach beiseite zu schieben. Doch seine Hand hat sie noch nicht erreicht da packt sie ihn bei den Schultern, kreischt ihn in einer wahrhaft abartigen Weise an und starrt ihn mit weit aufgerissenen fiebrigen Augen an. Der Hexenjäger versucht in Deckung zu gehen und springt zurück, doch auf dem nassen Stein des Weges rutscht er aus und fliegt zur Seite in den Schlamm. Dies ist zu viel und er richtet sich auf, um diesem Weibsbild mit dem Beil den Gar auszumachen. Er kann kaum etwas erkennen und zielt nur in etwa auf das Hauptportal. Mit einem wütenden Schlag lässt er das Beil senkrecht herabfahren. Die Klinge trifft auf etwas. Als er versucht das Beil wieder zu lösen, bemerkt er jedoch mit Erstaunen, dass er einen der Maskierten getroffen hat, der wohl gerade herausgetreten ist. Egal, ein besserer Treffer als die Irre, an dessen Existenz der Hexenjäger jetzt schon zweifelt. Wahrscheinlich spielte ihm sein Kopf einen Streich, denn er spürt noch immer den Schmerz des Schlages der ihn

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niederstreckte. Mit einem beherzten Tritt befreit er das Beil aus dem Toten und geht langsam zur nun offenen kleinen Tür herüber. Die Kirche ist hell erleuchtet. Allerlei Kerzen, die rund um den Altar aufgebaut sind, tauchen die Halle in ein teuflisches Licht. Die Jünger stehen in einem Kreis um den Altar, hinter selbigem steht der Bischof und scheint an etwas, das auf dem Altar liegt, herum zu hantieren. Leise schleicht sich der Hexenjäger herein und pirscht sich auf der linken Seite im Schutze der Bänke langsam nach vorn. Bei näherer Betrachtung erkennt er, dass der Bischof an einem Toten herumschneidet, bzw. ihn zerteilt. Der Blick des Hexenjägers wird starr. Sollte es Mina sein? Er schaut genau hin… doch es ist eine männliche Gestalt… vermutlich der enthauptete Vasall des Inquisitors. Während der Bischof seiner Arbeit nachgeht, rezitiert er allerlei seltsame Texte die er aus einem neben dem Toten liegenden Buch liest.

Eine tiefe Demut macht sich im Herzen des Hexenjägers breit. Demut darüber, dass die Mächte des Dunkels selbst an einem solch heiligen Ort ihr teuflisches Werk verüben. Doch was auch immer sie planen, sie müssen gestoppt werden. Womöglich würde Mina dem Opfer auf dem Altar folgen. Mit dem Mut der Verzweiflung erhebt sich Ignatius aus seiner Deckung, das Beil fest in beiden Händen.

„Nun werde ich eurer Ketzerei ein Ende bereiten!“

Erstaunt blicken der Bischof und seinen Vasallen zu der Bank, hinter der der Hexenjäger steht.

„Wie konnte er entkommen?!“

Ärger liegt in der Stimme des Bischofs, und doch scheint es ihn nicht weiter zu berühren, dass da nun jemand versucht sein Werk zu stören.

„Vernichtet ihn meine Brüder. Dieser einfältige Narr soll uns nicht aufhalten. Die Göttin muss auferstehen!“

Vom Befehl des Bischofs angetrieben bewegen sich die Vasallen auf den Hexenjäger zu, doch es wirkt seltsam. Wie im Gleichschritt marschieren sie auf den Hexenjäger zu. Nacheinander beginnen sie ihre Waffen zu ziehen. Ein jeder trägt einen kleinen Dolch mit einem künstlerisch verzierten goldenen Griff. Zwar ist das Beil um einiges größer, doch wie sollte sich der Hexenjäger gegen die ihm zahlenmäßig überlegenen Angreifer behaupten?

Vorsichtig schreitet er den Gang zwischen den Bänken rückwärts entlang. Das Beil gespannt vor dem Körper haltend und darauf harrend, wann der erste versucht ihn zu attackieren. Doch die Jünger bleiben schon nach wenigen Schritten stehen. Sie wollen ihn nicht zwingend töten, nein, sie wollen ihn lediglich vom Bischof fernhalten. So bauen sie sich am Beginn des Ganges in einer undurchdringlichen Reihe auf. Damit hat der Hexenjäger nicht gerechnet und sinnt darüber nach, was er denn nur tun könne. Nervös schaut er sich um, doch nichts scheint ihm in dieser misslichen Lage hilfreich zu sein. Doch er entdeckt den Rucksack und seine Armbrust auf einem Stuhl liegen, dieser jedoch steht hinter den Jüngern und ist somit nicht erreichbar.

„Bischof! Warum attackieren mich eure Männer nicht?! Sind sie gar zu feige?!“

Der Bischof schaut auf als hätte er sein Werk vollendet und beginnt in einem ruhigen Ton zu antworten.

„Warum sollten sie euch attackieren? Ich hasse Gewalt, verzichten wir also auf dies sinnlose Blutvergießen…“

Welch Hohn, hatte er doch kurz zuvor noch an dem Toten auf dem Altar herumgeschnitten.

„Ich könnte fliehen und dem Kaiser von eurer Ketzerei berichten!“

Der Bischof beginnt zu lachen, was Ignatius verunsichert.

„Wahrlich, ihr könntet es versuchen, doch ihr würdet es wohl kaum schaffen… Diese hier sind nicht die einzigen Jünger meiner Sache. Nein, fast ganz Hidog steht hinter mir… Schon in diesem Moment müssten sich diese degenerierten Kreaturen um den Friedhofshügel sammeln und die Ankunft der Göttin erwarten. Sie sind dumm… und hässlich… und ich empfinde sie eigentlich nur als abstoßend, doch die Mächte der Finsternis laben sich auch an ihren Seelen und ihr Fleisch scheint genug für die Erweckung der Göttin zu sein. Wenngleich dieser Inquisitor ein wahrhaftes Geschenk war…“

Wenn es wahr ist, was er sagt, so ist dies Spiel schon beendet und Ignatius‘ Reise würde wohl hier

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sein Ende finden. Doch was wenn er nur blufft… Warten hat nun keinen Wert und so stürmt Ignatius heraus in die Nacht. Der Regen hat sich gelegt und der Himmel ist sternenklar. Ein wahrhaft wundersamer Anblick… ein klarer Himmel über diesem vom Licht wohl doch verlassenen Ort. Schnell beendet der Hexenjäger seinen Fluchtversuch, als er eine Unmenge an Lichtern am Fuße des Hügels sieht. Der Bischof sagte die Wahrheit. Es scheint als würde das ganze Dorf da unten stehen. Somit ist ihm auch dieser Weg verwehrt.

So kehrt er wieder in die Kirche zurück, hoffend doch noch einen Ausweg zu finden.

„Ah, da seid ihr ja wieder. Ist es euch dort draußen etwa zu kalt, werter Hexenjäger?“

Die Stimme des Bischofs ist voll Hohn und es macht Ignatius wahnsinnig, nichts gegen diesen Häretiker tun zu können.

„Nun werter Hexenjäger, nehmt doch Platz. Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis das Spektakel losbricht.

„Bischof, erklärt mir was hier vor sich geht!“

„Nun, ihr könnt es ja eh nicht verhindern, so will ich euch auch erzählen was hier gleich geschehen wird. In wenigen Minuten werden die Planeten richtig stehen. Dann wird die Göttin auferstehen aus dem Fleisch all derer, die ich in ihrem Namen opferte. Sie wird hier erscheinen und sich an den Seelen all der Menschen von Hidog laben. Wenn sie dann stark genug ist, wird sie nach Grenada ziehen und die Gebeine des heiligen Markus fressen und so seine ewige Macht in sich aufnehmen! Und in diesem Moment müsste Bedek schon fast an seinem Ziel angekommen sein, um alle nötigen Vorkehrungen zu treffen, auf dass das heilige Schild der Stadt fallen soll!“

„Welches Schild?! Wovon sprecht ihr?! Lediglich Tempruss ist durch einen solchen vor dunklen Mächten geschützt!“

„Nicht ganz… Wahrlich, der Schild von Tempruss ist tausend mal stärker. Doch allein die Präsenz des Markus entsendet eine Aura des Lichts die unsere Herrin aufhalten könnte… Und so muss Bedek erst noch ein paar Kleinigkeiten dort regeln…“

„Bedek…?“

Minas Stimme hallt durch den Raum und schreckt Ignatius auf. Sie lebt! In der ersten Reihe erhebt sich Mina von einer der Bänke. Der Bischof wendet sich zu ihr.

„Ahhh, ein weiterer Gast für unser Schauspiel.“

„Mina! Du lebst?!“

Ungläubig schaut Ignatius zur ersten Bank auf der die noch etwas benommene Mina sitzt. Doch diese ist noch nicht gänzlich Herrin ihrer Sinne und so spricht erneut der Bischof.

„Ja sie lebt. Sie wäre kein passendes Opfer für unsre Göttin gewesen, denn in ihr pulsiert noch immer etwas vom Blute Borkars, des ersten aller Orks und somit auch die Macht von Abyss und Atla… Unsre Göttin labt sich jedoch nur an dem was ihr die Menschen zu bieten haben… und somit Hexenjäger, werdet ihr eine ganz besondere Freude für unsre Herrin sein!“

Langsam beginnt ein unheimliches rotes Licht durch das große Fenster hinter dem Altar herein zu scheinen. Dies scheint der Moment zu sein, den der Bischof herbeigesehnt hat, und er wendet sich sogleich wieder seinem Buch zu und beginnt in einer Sprache zu lesen, die dem Hexenjäger noch nie zu Ohren kam. Nun stehen die Planeten günstig und Noktisama der schwarze Monde wirft sein unheimliches Licht herab auf Erden. Nun wird es Ignatius klar, warum die Kirche scheinbar verkehrt herum errichtet wurde. Nicht das Licht der Sonne sollte herein dringen, sondern die böse Energie des Schattenmondes.

«Ununma, madre daemonicas!

Saver de mort dar terra!

Gif ta anc lum !

Et tes wek !   

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Armade tes here !

Apere a ta grun des noct ! « 

Was auch immer dies bedeuten mag, es zeigt Wirkung und dem toten Fleisch auf dem Altar scheint neues Leben eingehaucht. Unter dem freudigen Blick des Bischofs hebt es sich in die Luft und beginnt drehend im Raum zu schweben. Mit einem lauten Knall schwingt die Tür auf, vor der Ignatius einst das Blut fand, welches ihm den Weg in den Kerker einbrachte. Aus den Tiefen der Kirche entsteigt das Fleisch all der Opfer, die der Bischof in diesen Mauern ermordete. Von den Opfern die er wohl dort unten in der Krypta aufbewahrte, rührte wohl auch das Blut an der Tür. Der widerliche Geruch der Verwesung dringt in jeden Winkel des Raumes. Mina muss sich ein Tuch vor den Mund halten, um nicht sofort ihren Unmut darüber bildhaft zu machen. Die fliegenden Kadaverreste sammeln sich und bilden eine Form im roten Licht des Mondes. Langsam macht sich eine fast menschenähnliche Form erkennbar. Doch das, was sich da bildet, ist wahrhaft unmenschlicher Natur. Lange Arme und Beine sammeln sich an einem dürren unablässig pulsierenden Leib.

Nach wenigen Minuten ist das, was der Bischof Göttin zu nennen pflegt, vollendet. Eine blutige riesenhafte Kreatur steht inmitten der Halle und atmet in tiefen Zügen Luft durch ein Loch in seinem Kopf. Darüber starrt ein fiebrig glänzendes Auge auf die Menschen herab und darunter prangt ein seitlich verdrehter Mund in dem sich links und rechts spitzeste Zähne aus den Knochen der Toten bildeten.

Freudig schreitet der Bischof zu der Monstrosität und wirft sich ihr zu Füßen.

„Oh große Göttin Ununma! Endlich seid ihr zurückgekehrt! So lange harrten wir auf diesen Augenblick!“

Langsam wendet die Kreatur den sehnigen Oberkörper herum ohne jedoch die Beine in irgendeiner Weise zu rühren. Das Auge fixiert den Bischof und dann krallt sich das Monster den Bischof und hebt ihn auf Kopfhöhe. Als die Kreatur zu sprechen beginnt erschüttern ihre Worte die Wände der Kirche.

„Duuuuu…. Unwürdiger… Mein Leib… minderwertig… suchtest Macht über mich… dafür Strafe… Nun… stirb…“

Die Augen des Bischofs weiten sich voll Entsetzen, als er erkennt, dass sein Plan am scheitern ist und die Göttin sich nun auch gegen ihn wendet. Doch nur kurz ist der Augenblick des Schrecks, da hat das Monster ihn auch schon verschlungen. Dann wendet es sich wieder herum und schnappt sich nacheinander die Jünger, die noch immer in einer Reihe das Ende des Ganges bewachten. Verängstigt sitzt Mina zusammengekauert auf der Bank und beobachtet wie die Hand des Monsters einen nach dem anderen greift und dann in das dornenbewehrte Maul stopft. Ignatius nutzt den Augenblick, in dem sich das Monster den Jüngern zuwendet, und versteckt sich unter einer Bank. Und es funktioniert. Ununma hat ihn nicht bemerkt und stampft nach beendeter Mahlzeit auf das Hauptportal der Kirche zu. Es hebt die Arme und schlägt gegen die schweren Eisenflügel welche mitsamt der Wand um sie herum nach außen fliegen. Dann schreitet es durch die Trümmer nach draußen den nächsten Opfern entgegen.

Erste Steine stürzen von der Decke zu Erden, als Ignatius wieder langsam unter der Kirchenbank hervor kriecht. Der Verlust der Frontwand bedeutete das Ende der Baufestigkeit dieser Mauern und es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis das ganze Bauwerk zusammenstürzt. Geistesgegenwärtig stürmt er zu seiner Ausrüstung und ruft Mina zu, sie solle zu ihm kommen. So schnell es geht, sammeln sie ihre Ausrüstung zusammen. Von draußen dringen die Schreie der Dörfler, die mit der Erscheinung ihrer Göttin wohl gar nicht einverstanden sind… und mit ihren Essgewohnheiten. Doch dieser Ort interessiert den Hexenjäger nicht mehr, soll er doch vernichtet werden… Nun heißt es erst einmal fort von hier. Schnell eilen die beiden zu dem Ort an dem einst das Hauptportal gestanden. Von hier oben können sie gut das Spektakel beobachten, welches sich in der Stadt abspielt. Überall rennen Menschen umher und versuchen Schutz in den Häusern zu finden,

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doch die Kreatur schlägt sie einfach zu Trümmern und krallt sich einen nach dem andren. Doch eine Unstimmigkeit ist dem Hexenjäger erkennbar. Einige der Häuser brennen lichterloh, doch befinden sie sich am Rande des Dorfes. Das heißt die Kreatur konnte sie nicht entfacht haben. Somit scheint jemand von außen einzugreifen…

„Sollte es sein…“

Ungläubig mustert der Hexenjäger den Wald vor der Stadt. Und dann erkennt er auch das, was er zu finden hoffte. Ein Licht steigt in die Lüfte, ein Feuerball wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt, und schmettert in eines der Häuser.

„Mina! Wir müssen dahin wo dieser Feuerball herkam!“

„Aber warum…?“

„Keine Zeit für Erklärungen, folge mir!“

Ohne weitere Worte zu verlieren schnappt sich Ignatius Minas Hand und zerrt sie hinter sich her. Die beiden stürmen den Weg zum Dorf hinab, mitten in das Herz des Getümmels hinein. Am Tor stoppt Ignatius. Die Kreatur greift wahllos nach allem was sich ihr nähert und sie steht mitten im Weg. Doch da macht sich ein Licht erkennbar, welches sich aus dem Wald zu nähern scheint. Es sind Ritter in silbernen Rüstungen, welche im Licht der Fackeln, die sie bei sich tragen glänzen. Sie reiten auf Rössern die einen Harnisch tragen und sind allesamt mit Lanzen oder Speeren bewaffnet. An ihrer Spitze reitet ein Mann ohne Helm. Er hat eine Glatze und trägt einen silbernen Reif auf dem Haupt. In seiner rechten führt er einen wunderschönen filigran geschmiedeten Speer. Ignatius ist sich sofort im Klaren darüber, dass dies die Garde der Silbernen Lanze ist. Ein besonderer Ritterorden der allein darin geschult ist gegen die Mächte der Schatten vorzugehen und ihre Diener niederzustrecken. Zumeist werden sie von den größten der Inquisitoren angeführt. Einst führte auch der große Markus die Silberne Lanze an. Bis ihn der Dämonenlord Nocthurn in einer Schlacht tötete. Schnell umzingeln die Ritter die wütend um sich schlagende Bestie. Allerlei Gebäude gehen unter ihren Attacken zu Bruch, doch die Ritter weichen in graziler Weise jeglichen Attacken aus. Da setzt der Inquisitor zum Angriff an und sticht den Speer in das rechte Bein der Kreatur. Als die Silberspitze das Fleisch des Monster berührt, beginnt es heftig zu zischen, als würde es verbrennen. Ein lauter Schrei erschüttert den Boden und macht unmissverständlich klar, dass die Attacke Wirkung zeigt. Schnell zieht der Inquisitor den Speer zurück und reitet zur Seite. Hinter ihm donnern die Arme des Ungetüms in die Erde. Das Monster konzentriert sich nun auf den Peiniger mit dem Silberreif und dies nutzt jener um seinen Rittern einen Befehl zu zu rufen.

„Kreis der Strafe!“

Die mit Lanzen bewehrten Ritter richten ihre Waffen nach vorn und stürmen auf die Beine des Monsters los. Die Lanzen bohren sich durch die Beine der Bestie und auch um sie beginnt es zu zischen und das Fleisch des Monsters beginnt Blasen zu bilden. Das Monster ist gelähmt vor Schmerz und wedelt nur wütend mit den Armen umher.

„Speer der Göttin!“

Ein Zischen, dann bohrt sich das silberne Geschoss einer Speerschleuder durch den Oberkörper Ununmas. Bei genauerer Betrachtung sind viele eingravierte Segnungen erkennbar. Das Monster jault noch einmal laut und fällt dann mit einem widerlichen Geräusch zu Boden. Ignatius erkennt nun seine Chance zur Flucht, schnappt sich wieder Minas Hand und stürmt mit ihr über den Kampfplatz. Der Inquisitor schaut den beiden irritiert hinterher. Die Häuser am Rande Hidogs brennen lichterloh und ein Strom aus Flüchtlingen strömt über die Straße nach draußen. Doch Ignatius stoppt plötzlich. Mina schaut ihn verwundert an, doch dieser zeigt nur auf die Menschen.

„Schau…“

Kaum hat er dies gesagt wird die erste Reihe der Flüchtlinge von einer Pfeilsalve niedergemäht. Die folgenden Menschen sehen dies und versuchen in Panik wieder die Richtung zu wechseln. Doch wieder fallen viele im Hagel der Pfeile. Ignatius zieht Mina schnell in eine dunkle Seitengasse und beobachtet von dort das Geschehen auf der Straße. Das plötzliche Trappeln von Hufen nähert sich und eine weitere Einheit von Rittern stürmt in die Stadt, doch sie beginnen mit ihren Speeren die

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um ihr Leben rennenden Menschen niederzumachen. Kaum hat er dies Gemetzel beobachtet, sieht er wie auf dem Platz vor dem Friedhofshügel wieder Aufruhr herrscht. Das am Boden liegende Ungetüm ist noch nicht tot und hat sich einige Dörfler geschnappt die an ihm vorbeirannten und sie sogleich verzehrt. Dies bewirkt eine Regeneration der ganzen Kreatur und somit geht der Kampf in eine neue Runde. Das Biest erhebt sich und zieht sich die Lanzen aus den Beinen und den Bolzen aus dem Körper. Diesen schleudert es gegen einen der Ritter welcher davon durchbohrt zu Boden geht. Diese fanatischen Anhänger des Glaubens würden wohl keinen Unterschied zwischen den gemeinen Dörflern und dem Hexenjäger machen. Somit müssen sie einen anderen Weg aus dem Dorf finden. Zwar ist es nicht umzäunt, doch ist es schon eine recht riskante Sache, mitten durch den Wald zu wandern. Man weiß nie was dort auf einen Sterblichen lauert… besonders nicht in einer Nacht wie dieser. Vorerst heißt es warten und Ignatius beobachtet weiter das Gemetzel auf dem Vorplatz. Bereits drei weitere Ritter der Lanze wurden von dem Monster zerschmettert und einen vierten zerreißt es gerade in der Luft. Doch dies scheint die Überlebenden nicht im geringsten zu beeindrucken. Weiter umkreisen sie die Bestie und warten auf den richtigen Augenblick, um erneut zu attackieren. Doch das Monster passt nun besser auf und wendet sich stetig umher, so dass es nicht möglich ist, es anzuvisieren. Da bemerkt Ignatius hinter dem Kampfplatz erneut die Gestalt dieser Frau die vor dem Kirchenportal stand. War sie doch keine Einbildung? Fast unmenschlich wirkt es, wie sie da steht, so vollkommen unbeeindruckt vom Kampf und den Hexenjäger anstarrt. Auf einmal fliegt einer der Ritter dicht an Ignatius vorbei und schmettert in die Hauswand. Erschrocken springt dieser nach hinten. Dann kehrt er vorsichtig auf seinen Beobachtungsposten zurück und hält nach der Frau Ausschau. Doch sie ist weg.

„Hier entlang…“

Eine Stimme säuselt in sein Ohr. Als er sich umdreht ist er wahrhaft erstaunt als die Frau vor ihm steht. Sie bedeutet ihm zu folgen. Dann schwebt sie langsam die Gasse entlang. Jetzt ist Ignatius bewusst, dass sie kein sterbliches Wesen sein kann. Doch sein Gefühl sagt ihm, dass sie wohl die einzige in dieser Nacht ist, die ihm keinen Schaden zufügen will. Sie führt die beiden durch viele finstere Gassen. Nur stellenweise wird der Weg erleuchtet von einigen Laternen und den Bränden, die sich stetig ausbreiten. Dann endet das Gassengewirr. Ignatius und Mina finden sich vor dem Friedhofszaun wieder, jedoch am Westende des Dorfes. Ein Baum der wohl von einem deplazierten Katapultschuss getroffen wurde, liegt brennend über einem umgestürzten Segment des Zaunes. Die Frau verweilt kurz. Als sie bemerkt, dass ihr die beiden weiter folgen, schwebt sie weiter den Hügel hinauf. Sie führt die beiden zu der toten Eiche, die vor der Kirche steht und setzt sich vor ihr auf die Erde. Mina wendet sich wieder dem Spektakel zu welches am Fuße des Hügels stattfindet. Ignatius tritt an die Frau heran die da auf dem Boden kauert und weint. Er hockt sich neben sie und fragt:

„Warum weinst du?“

„…“

„Dich scheint etwas zu bedrücken. Sage mir was, oh Geist.“

Die Frau hebt ihren Kopf und schaut den Hexenjäger an. Dann wandert ihr Blick an ihm vorbei und sie schaut wehmütig die Eiche an. Ihr Arm hebt sich und sie zeigt mit einem tief betroffenen Blick in die Krone des alten Holzes. Dem Hexenjäger kommt in den Sinn, dass sie wohl nicht mehr mit ihm reden würde und so beschließt er den Baum heraufzusteigen. Er versucht heraufzuklettern, doch es ist schwer für ihn, am nassen Holz Halt zu finden. Während zu seiner Seite unzählige ihr Ende im Kampf mit der Bestie oder auf der Flucht ihr Leben lassen und das Feuer allmählich das ganze Dorf verschlingt, steigt der Hexenjäger den Baum empor. Oft rutscht er ab und stürzt zur Erde. Doch aller Schmerz kann ihn nicht stoppen und er beschließt immer wieder, einen neuen Versuch zu unternehmen. Dann endlich erreicht er den Punkt des Stammes aus dem all die Äste sprießen. Er mustert das Holz und bemerkt einen Dolch der darin steckt… es ist ein Kriss, ähnlich dem der Hexe Ivy. Der goldne Griff ragt senkrecht aus dem Holz. Wie es scheint, hat dies den Geist in solche Aufruhr gebracht. Er zieht den Opferdolch aus dem Holz und wirft ihn zu Boden. Als die Klinge auf den harten gepflasterten Weg neben dem Baum trifft zerbricht sie. Ein roter Nebel

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entweicht aus dem Dolch und verteilt sich schnell in alle Winde. Vorsichtig steigt Ignatius wieder den Baum herab. Als er den Boden wieder erreicht hat, bemerkt er eine wundersame Wandlung des Geistes. Mit geschlossenen Augen und gekreuzten Armen beginnt sie in einem braunen Licht zu glühen. Langsam kehren in die grauen Züge des Geistes Farben zurück. Ihr Haar erhält eine braune Maserung, als wäre es Holz, ihr Kleid erstrahlt in einem Muster feinster Erdtöne. Ihre Haut wird bleich wie ein Edelstein, ihre Augen rot wie zwei Rubine. Auf ihrer Stirn trägt sie eine diamantene Krone. Nur langsam dringt in Ignatius Geist, was da gerade vor seinen Augen geschieht. Mina, die dem Kampf nun nichts mehr abgewinnen kann, dreht sich um und staunt in maximaler Weise, als sie plötzlich die braune Gestalt vor sich schweben sieht. Der Geist schaut Ignatius an und beginnt zu kichern, doch in einer anderen, kindlichen Stimme. Dann wendet er sich dem Geschehen vor dem Friedhofshügel zu und schwebt den Pfad herab.

Vor dem Friedhofstor ist der Inquisitor der letzte Überlebende der Monsterjäger. Mit geschickten Hieben schlitzt er die Hände der Bestie auf, die stetig versucht ihn zu packen. Im Hintergrund der Bestie bemerkt er die braune Aura, die den Pfad herabschwebt. Sollte nun noch ein Feind angreifen? Nein, das ist zuviel und er beschließt den Rückzug anzutreten. Er macht kehrt, doch in einigen Metern Entfernung verweilt er noch einmal um zurückzuschauen…

Ignatius und Mina folgen dem Geist den Friedhofspfad herab. Am Horizont ist bereits das Licht der aufgehenden Sonne zu sehen. Die Bestie wendet sich herum, um nun den Kampf mit dem Geist zu suchen. Dieser hebt beide Arme in die Lüfte und beginnt in einer dem Hexenjäger vollkommen unbekannten Sprache zu sprechen. Selbst Worte kann er nicht direkt ausmachen. Dann beginnt die Erde zu Beben und Mina hat Probleme mit dem schweren Rucksack zu stehen. Die Erde unter dem Monster, welches sich ebenfalls durch das Beben irritiert umschaut, beginnt sich zu bewegen, als würde sich etwas heraus wühlen. Und von einem Moment auf den nächsten brechen drei baumstammdicke Dornenranken aus dem Boden und durchbohren das Monster. Kreischend wird es von den Ranken, die tief in seinem Fleisch stecken, empor gehoben. Es zappelt wild und versucht sich zu befreien, doch vergebens. Schon nach kurzer Zeit enden die Bewegungen des Monsters. Noch einen Ausruf hängt der Geist an seine Beschwörungen an, ein Schrei der durch alle Winkel des Waldes dringt. Dann beginnt sich das tote Monster zu verfärben, sein Fleisch wird braun und rieselt auf die Erde. Der Geist hat das Monster selbst in solche verwandelt. Der Inquisitor betrachtet das ganze nur mit weit aufgerissenen Augen. Die Ranken, die zuvor noch das Monster in die Lüfte hielten, beginnen nun Blüten zu bilden. Die Ranken sind plötzlich voller roter Blüten. Vorsichtig schwebt der Geist an diese heran und riecht an einer der selbigen. Dabei bemerkt er den Inquisitor, der immer noch nicht fassen kann, was da gerade passiert ist. Er lächelt ihn an und kichert wieder in der kindlichen Manier, die auch Ignatius schon verwirrte.

„Ketzerei! Hexenwerk!“

Das ist das letzte, was der Mann mit dem Silberreif noch in den anbrechenden Morgen ruft. Dann reitet er davon. Die ersten goldenen Strahlen der Sonne erstrecken sich über die noch rauchenden Trümmer von Hidog.

„Von den Ketzern wird wohl keiner überlebt haben. Nun gehört diese Lichtung wieder den Bewohnern des Waldes. Lass uns gehen Mina…“

Diese jedoch schaut zu der Eiche, welche nun wieder voller Leben auf dem Hügel steht und ihr Laubwerk sanft im Wind hin und her wiegt. Dann tritt sie zu Ignatius und die beiden beginnen ihre Reise Richtung Grenada fortzusetzen. Doch da schwebt ihnen noch einmal der Geist in den Weg und schaut sie mit freundlicher Miene an. Er ruft etwas in den Wald hinaus… Stille… doch dann ertönt das Galoppieren von Hufen. Unter den erstaunten Blicken von Mina und Ignatius reitet ein massiges grünes Pferd mit einem Hirschgeweih aus dem Wald. Der Geist schwebt zu ihm herüber und flüstert ihm etwas ins Ohr. Dann schwebt er wieder zu den blühenden Dornenranken.

„Wie es scheint will sich da jemand bedanken. Wie nett.“

Der Hexenjäger zieht noch einmal seinen Hut zurecht und platziert sich dann auf dem Rücken des

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seltsamen Wesens.

„Nach Grenada…“ ,flüstert er ihm ins Ohr, woraufhin sich das grüne Tier sofort auf den Weg macht.

Schon bald sollen sie ihr Ziel erreichen…