Ignatius 3 – Feuer und Stahl

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Das seltsame Pferd reitet schneller als ein gewöhnliches Ross und so gelingt es den beiden Reisenden schon nach wenigen Stunden ihr Ziel zu erreichen. Der Wald nimmt ein Ende und auf dem freien Land vor ihnen erstreckt sich der Schutzwall einer gewaltigen Festungsstadt. Errichtet aus einem speziellen weißen Marmor der nicht nur optisch wertvoll ist, sondern auch Schutz gegen Angreifer bietet. Inmitten der Mauern erhebt sich die Burg um die im Verlauf der Zeit die Stadt Grenada errichtet wurde. An den Ecken der Festung befinden sich vier große Wachtürme auf denen allerlei Truppen und sogar Kriegsmaschinen ihren Platz finden. Im Zentrum der Burg ragt ein weiterer Turm der die anderen an Höhe noch überbietet in die Höhe. Die ist die letzte Bastion gegen Angreifer und der Sitz des über Grenada herrschenden Fürsten. Die Wachposten auf den Mauern wirken winzig im Vergleich zu den Bollwerken über die sie marschieren.

Das Tier stoppt am Rand des Waldes. Scheinbar fürchtet es die Menschen und will nicht entdeckt werden. So steigen die beiden Reisenden von ihrem Reittier ab. Mina streicht dem Tier noch einmal durch die grüne Mähne, bevor es sich wieder auf den Weg zurück in den Wald macht. Mit stetem Schritt gehe die beiden Reisenden auf die Tore Grenadas zu. Eine gepflasterte Handelsstraße führt von Osten in die Stadt hinein. In der dicken Festungswand befinden sich zwei schwere Gittertore, welche für gewöhnlich immer offen stehen und nur im Falle eines Angriffs geschlossen werden. Die beiden nähern sich und können schon das Gewirr aus Menschen sehen, welches dort unterwegs ist. Es ist kein besonderer Tag in Grenada, doch in der Stadt, die die mächtigste Bastion gegen die abtrünnigen Fürsten des Westens darstellt, kehrt niemals Ruhe ein. Grenada wurde ursprünglich als pure Festungsstadt errichtet. Später siedelten sich Händler und Handwerker um die Burg an und die Wirtschaft, die die steigende Zahl der Soldaten ernähren musste, führte letztlich dazu, dass Grenada nun dies Zentrum des gesellschaftlichen Lebens im Westen des Reiches ist.

Sie passieren die gewaltigen Tore der Stadt und treten hinein in den Strom aus Menschen der in alle Richtungen gleichzeitig zu fließen scheint. Der Hexenjäger bemerkt auch viele leicht andersartig aussehende Menschen in der Masse. Mina verwirrt dies und so erklärt Ignatius, dass in Grenada sehr viele Halbblute leben, da die Menschen hier nur einen erklärten Feind haben, die Fürsten des Westens und ihnen gleich ist, wer sie im Kampf gegen eben diese unterstützt. Man sieht kein fremdes Volk in den Straßen, doch einige besonders ausgeprägte Eckzähne oder etwas spitzere Ohren lassen viel Raum für Vermutungen.

Wenn die Reise von Hidog nach Grenada schon nicht anstrengend war, so war es die Nacht zuvor umso mehr und der Hexenjäger beginnt ein Gasthaus zu suchen, in welchem sie rasten können. Mina wirft ihm nur mürrische Blicke zu.

„Wir müssen Bedek finden! Wer weiß, was er anstellt.“

Doch ohne sich zu ihr zu wenden erklärt er.

„Ich bin müde und sollte es zu einem Kampf kommen, so könnte ich nicht viel ausrichten. Überstürztes Handeln kann einen Sieg schnell in eine Niederlage verwandeln.“

Mina schweigt, sieht sie doch das Selbe, ist sie doch auch erschöpft, doch der Gedanke, dass ihr lange vermisster Bruder hier sein soll, lässt ihr keine Ruhe.

Es scheint, alle Menschen würden den beiden nur entgegengehen und so ist es schon eine anstrengende Angelegenheit für die beiden sich einen Weg durch die Massen zu Bahnen. Vor einem kleinen Fachwerkhaus an der Hauptstraße, welche nach Westen zur Burg führt, bleibt der Hexenjäger stehen. Er mustert das Holzschild über der Tür,

„Zum Hexenjäger…“

Ignatius grinst nur und tritt dann herein. Mina ist noch unentschlossen, da ihr die einfache Bauweise des Gebäudes gar nicht zusagt, doch als sie Ignatius einfach darin verschwinden sieht, eilt sie ihm nach. Mit wuchtigem Schritt betritt der Hexenjäger den Gasthof, der seinen Titel trägt, und schaut sich erst einmal in dem kleinen menschenleeren Raum um. Er mustert die einfachen Holztische und die kleinen Hocker, die statt Stühlen um sie herum stehen. Er mustert die Holztheke, die schon

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allerlei Spuren rabiater Behandlung trägt, und die schon etwas vergilbten Gardinen, welche vor den kleinen sauberen Fenstern hängen.

„Nichts hat sich verändert…“

Er geht zur Theke herüber und schlägt mit der Faust auf selbige, während Mina nur zögerlich ins Innere des Gasthofs tritt und noch nicht so recht weiß, was sie von selbigem halten soll. Eine raue Stimme ertönt aus der offenen Tür hinter der Theke.

„Jaja, ich komme schon…“

Dann tritt ein dicker Mann mit einer Halbglatze, braunem Haar, einem Vollbart und dicken Augenbrauen aus der Tür. Über seinem Bauch spannt die weiße Schürze, auf der einige Flecken sind. Ungläubig bleibt er in der Tür stehen und schaut wer ihn denn da aus der Küche herausorderte.

„Ich fasse es nicht! Ignatius bist du’s?!“

Der Hexenjäger hebt seinen Hut ein wenig und grinst den dicken Wirt an.

„DU bist es, oh man! Dass du noch mal herkommst, das hätte ich nie gedacht! Komm her alter Freund.“

Da geht der Wirt mit ausgebreiteten Armen auf den Hexenjäger zu und umarmt ihn heftig.

„Was hast du all die Zeit getrieben? Wie geht’s dir? Ach, komm, setz‘ dich erst mal.“

Da weißt der Wirt Ignatius zu einem der Tische und beide nehmen Platz. Mina steht noch unsicher an der Tür und weiß nicht so recht worum es gerade geht. Erst jetzt bemerkt der Wirt die Orkdame und blickt sie verwundert an. Ignatius wirft jedoch sofort etwas ein.

„Sie gehört zu mir. Mina heißt sie und begleitet mich nun schon seit geraumer Zeit auf meinen Reisen.“

Der Wirt erhebt sich erneut um Mina einen Stuhl anzubieten. Diese setzt sich und lauscht, was die beiden zu bereden haben. Der Wirt geht zur Theke und holt eine Flasche und zwei Gläser und stellt sie auf den Tisch. Dann geht er erneut zur Theke und füllt ein Glas mit Wasser und reicht es Mina. Dann nimmt er wieder Platz und schenkt sich und Ignatius etwas von dem gelben Getränk aus der Flasche ein.

„Nun mein Freund, was führt dich hier her nach Grenada? Ich kann mir wahrhaft nicht vorstellen, dass du nur zum Spaß hier bist. Es scheint etwas ernstes zu sein.“

„Nun…“

Der Hexenjäger unterbricht seine Aussage gleich, um einen Schluck zu nehmen, in der Hoffnung das Getränk würde ihm ein wenig über die Gedanken an die Vergangenheit helfen.

„… ursprünglich wollte ich wieder hier her kommen um endlich mit den vergangenen Geschehnissen abzuschließen… Doch die Umstände haben sich auf der Reise hier her geändert und nun gibt es etwas wichtiges hier, was getan werden muss.“

Er nimmt noch einen tiefen Schluck aus dem Glas. Der Wirt tut es ihm gleich und beginnt zu sprechen.

„Du meinst sicher die Blutarmut, die sich hier unter der Bevölkerung breit macht.“

„Blutarmut?!“

„Ach hier passieren schon komische Dinge in letzter Zeit. Der Kaiser führte einen Angriff gegen die verräterischen Fürsten des Westens und die Garde ist recht weit ins Feindesland vorgedrungen. Ich weiß, da war noch ein Hauptmann mit dem Zeichen des Kaisers aus der Hauptstadt. So ein Kerl mit braunen langen Haaren. Ich fand ja er ist etwas jung für einen Hauptmann, aber er war wirklich einer. Hat hier übernachtet, was mir sagt, dass er Geschmack hat, hahaha. Naja, er reiste vor ein paar Tagen ab, nachdem er meinte hier sei alles sicher. Gestern kamen die Truppen aus dem Westen wieder zurück… oder zumindest das, was von ihnen übrig war. Ich sag dir, die haben Sachen erzählt. Meinten so ein Irrer habe ihren Hauptmann gehäutet. Wirklich furchtbar, aber denen da drüben trau ich ja alles zu. Und kurz nach der Abreise des Hauptmanns begann hier noch so eine Blutarmut in der Bevölkerung auszubrechen… Und vor wenigen Minuten standest plötzlich du in meiner Tür. Hier gehen Sachen vor sich… Ich glaub da kommt was schlimmes auf uns zu.“

Der Wirt leert sein Glas mit einem Zug, seine Aufregung kann er kaum verbergen.

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Ignatius schaut nachdenklich den Wirt an, obwohl er eigentlich eher durch ihn hindurch schaut. Dann beginnt der Wirt mit sorgenvoller Miene zu sprechen.

„Ich weiß, wie vor fünfzehn Jahren…“

“Lassen wir das… darüber können wir ein andermal sprechen…“

Dann kehrt wieder Leben in den Blick des Hexenjägers zurück.

„Nein, mich führte ein anderes Anliegen her. Der Bruder meiner Begleitung soll sich hier aufhalten und wie es scheint, führt er Böses im Schilde.“

„Der Bruder? Ja, ich hörte da so ein Gerücht, es hätte sich ein Schwarzork hier her verirrt. Soll angeblich zur Kathedrale gegangen sein. Aber hier sind so viele Gestalten unterwegs, dass mich so was eigentlich wenig interessiert. Aber wenn du sagst, er hat etwas Schlimmes vor…“

„Ja, vermutlich. Dennoch brauchen wir erst etwas Ruhe… Wir hatten einige.. Probleme auf der Reise hier her… Ich hoffe du hast noch ein Zimmer für uns frei.“

„Ja natürlich. Nur wenige verirren sich noch in mein Gasthaus… Aber was soll’s, es reicht zum Überleben. Folgt mir, ich bringe euch zu meinem besten Zimmer. Einem alten Freund werde ich natürlich auch keine Gebühren berechnen.“

Die drei erheben sich und folgen dem dicken Wirt durch eine Tür in einen engen Flur mit vielen Türen. Dann gehen sie eine knarrende Holztreppe herauf und bleiben vor einer Holztür mit einer goldenen Fünfzehn stehen.

„Hier könnt ihr euch ausruhen.“

Dann dringt eine Stimme von unten herauf.

„Oh, wie es scheint habe ich neue Gäste. Erholt euch gut. Ich muss wieder nach unten. Wenn ihr etwas braucht, dann kommt zu mir.“

Mit polternden Schritten läuft der Wirt die Treppe herab. Die beiden Reisenden treten in das nett eingerichtete Zimmer und einer jeder wirft sich auf eines der beiden Betten. Dem Hexenjäger bleibt kaum Zeit viel über die vergangenen Ereignisse nachzudenken. Er spürt noch immer ein wenig Schmerz in seinem Kopf, Schmerz der noch von den Ereignissen in Hidog zeugt… doch schnell versinkt er in einen tiefen Schlaf.

Er träumt von den Dingen die vor fünfzehn Jahren geschahen… Von seiner einstigen Liebe… Von all den Toten… Von all den Schmerzen… Und nur ein Name ist in seinen Gedanken… Nila…

Ein lautes hölzernes Pochen weckt den Hexenjäger aus seinen Träumen. Nur mühsam kann er sich vom Bett erheben. Er schaut sich um. Von draußen dringt nur das Licht der Laternen herein, demzufolge ist es bereits Nacht. Dann schaut er zu dem anderen Bett, doch es ist leer. Nur der Rucksack liegt noch darauf. Doch seine Verwunderung wird rasch durch ein erneutes Klopfen unterbrochen. Er bemerkt dass es von der Tür kommt und er öffnet sie. Sein Freund der Wirt steht vor ihm und versucht mit aufgeregtem Tonfall etwa zu erzählen.

„Ignatius! Sie haben ihn! Sie haben den Verantwortlichen für die Blutarmut festgesetzt!“

„Wo… Wo ist Mina… meine Begleitung?“

„Was? Oh, ich glaube sie verließ das Haus vor einer Stunde.“

Der Wirt zuckt nur mit den Schultern.

„Du musst schnell zur Burg! Die schicken immer neue Männer rein und keiner kam wieder raus! Ich glaube die haben echt keine Ahnung gegen was sie da kämpfen. Ich weiß, du kannst das Monster besiegen… so wie einst.“

Der Hexenjäger ist unsicher. Ihm ist bewusst wohin sich Mina verdrückt hat. Mit Sicherheit ist sie allein zur Kathedrale gegangen um ihren Bruder zu stellen. Wer weiß wozu er in der Lage ist. Womöglich würde er ihre Naivität ausnutzen. Womöglich würde ihr etwas passieren, wenn er sie nicht rettet. Doch wenn er nicht zur Burg geht, würde dies das Leben vieler tapferer Soldaten kosten. Schweigen befällt ihn zunächst… dann fällt er eine Entscheidung.

„Ich werde mich auf den Weg machen.“

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Der Hexenjäger nimmt den Rucksack vom Bett und schultert ihn. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren geht er am Wirt vorbei, doch ihre Blicke treffen sich noch einmal und es scheint als würde jeder genau wissen was der andere denkt. Dann eilt er aus dem Gasthof.

Er kann nicht ewig auf Mina aufpassen, er ist nicht ihr Kindermädchen. Wenn sie sich dafür entscheidet, allein ihren Bruder zu stellen, so ist dies ihre Entscheidung. Nun heißt es erst einmal das zum Kampf zu stellen, was in der Burg Grenada lauert. Und der Hexenjäger weiß genau, welcher Bestie er sich nun stellen wird…

Er schlägt die Eingangstür hinter sich zu und tritt auf die Straße. Sie ist gefüllt mit vielen Menschen und es scheinen kaum weniger zu sein als am Tage. Sie wandeln durch die Nacht und scheinen die Gefahr, die in ihrer eigenen Stadt umgeht, nicht wahr zu nehmen. Doch eine Person fällt in der Menge besonders auf. Ein junges Fräulein mit langem blonden Haar sitzt nur wenige Meter von ihm entfernt auf einem Pferd und scheint auf jemanden zu warten. Sie ist wahrhaft eine Schönheit, grazil, elegant und gut gebaut. Sie trägt ein elegantes rotes Kleid und die Blässe ihrer Haut scheint nicht von dieser Welt. Doch als sie zu ihm herüberschaut erschaudert er, denn ihre Augen sind weiß… Dann tritt ein junger Mann mit dunkelblondem Haar aus dem Haus, vor dem sie steht, und steigt auf sein Pferd. Er scheint wie die Frau von adligem Blute zu sein, denn er trägt einen feinen schwarzen Anzug. Die Frau scheint etwas zu ihm zu sagen, doch es geht im Gewirr der Stimmen unter. Dann reiten die beiden am Hexenjäger vorbei und es scheint, als würden sie ihn mustern, wie er sie mustert. Erst jetzt bemerkt er die violetten Augen des jungen Mannes. Doch schnell sind die beiden seltsamen Gestalten an ihm vorbei. Er wendet seinen Blick in die andere Richtung der Straße der Burg entgegen und macht sich mit entschlossener Miene auf den Weg dorthin. Er weiß, dass dieser Kampf nicht leicht werden wird und ob er ihn überhaupt überlebt… es ist nicht gewiss. Wenngleich kein sicherer Beweis dafür vorliegt, dass es ein Blutsauger ist, so weiß es der Hexenjäger doch. Seit den Dingen die ihn von hier fortgehen ließen, scheint sich in ihm ein Gespür für solcherlei Dinge ausgebildet zu haben.

Die Nacht ist kühl und als der Hexenjäger all die Menschen betrachtet, die an ihm vorbeiwandeln, so ist er doch wieder erstaunt, wie einfach es die einen und wie schwer es die anderen haben. Während die Bewohner Grenadas nur ihren Zerstreuungen nachgehen, lebt er ein Leben voller Gefahr und ohne Dank. Doch wie es scheint, hält das Schicksal einem jeden seinen eigenen Weg offen. Und der Hexenjäger schwor sich den seinen mit Stolz zu gehen, sollte er auch noch so viele Widrigkeiten für ihn bereithalten. Unter einem sternenklaren Nachthimmel geht er im Scheine der Laternen und der Lichter aus den Häusern seiner Bestimmung entgegen. Es wirkt alles so unwirklich und doch weiß er nur zu gut, wie real das ganze ist.

In der Nähe der Burg verdichten sich die Menschenmassen. Sie scheinen sich in der Hoffnung etwas spannendes zu sehen hier zu sammeln. Doch die Wachen lassen sie nicht näher an die Burg heran. Nur mühsam gelingt es dem Hexenjäger, sich einen Weg durch all die Menschen zu bahnen, die keinerlei Anstalten machen, ihm den Weg hindurch zu erleichtern. Der Vorplatz der Burg ist gefüllt mit den Elitegardisten der Stadt. Für gewöhnlich stehen sie nur bei großer Gefahr, wie einer feindlichen Invasion, unter Waffen. Nun ist sich Ignatius endgültig sicher, mit wem er es hier zu tun hat. Endlich erreicht er die erste Reihe, doch die Wachen lassen auch ihn nicht passieren und versperren ihm mit ihren Hellebarden den Weg. Nach einigen Minuten öffnet sich das Haupttor der Burg. Es ist dem Hexenjäger nur schwer möglich etwas zu erkennen, doch er macht einen Soldaten der schwer verwundet zu sein scheint, aus. Er tritt zu einem Gardisten mit einem Umhang heran und ringt keuchend nach Worten. Seine entsetzten Schilderungen dringen bis zu Ignatius Ohr, doch die Menge ist zu laut, als dass er etwas genaues verstehen kann. Nur so viel kann er vernehmen. Das was dort lauert, sitzt im Turm des Fürsten von Grenada und es scheint Jagd auf eben diesen zu machen. Als der Mann seine Ausführungen beendet hat, stürzt er zu Boden und regt sich nicht mehr. Die Menge strebt nach vorn und es ist den Wachen nur noch schwer möglich, die gaffende Bevölkerung zurückzuhalten. Der Mann mit dem Umhang, welcher ein Hauptmann zu sein scheint, ist erbost über das Verhalten des Volkes und er tritt zu den Menschen herüber. Er blickt voller

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Verachtung in die Menge,

„Was ist mit euch geschehen Bürger von Grenada? Einst waren alle hier stolze Krieger und nun seht euch an! Ihr seid dekadent geworden und interessiert euch mehr für eure persönliche Unterhaltung als für das Wohl des Reiches! Steht hier und schaut anstatt zu handeln! Gafft die Männer an, die in ihr Verderben rennen, statt selbst zu kämpfen! Nun sage ich, ich lasse jeden passieren, der sich unserem Kampf anschließt, doch der Rest geht umgehend nach Hause und verkriecht sich in seinem Bett!“

Schweigen macht sich unter den Menschen breit. Regungslos und fassungslos stehen sie da und schauen den Hauptmann an.

„Ich werde einen jeden exekutieren lassen, der sich nicht an das Gesagte hält!“

Durch diese Drohung beginnt das Volk nun zurück zu streben. Nur eine einzelne Gestalt bleibt in vorderster Reihe stehen. Ein Mann mit einem Krempenhut und einem Rucksack. Ignatius ist der einzige der sich nicht durch die Drohung verjagen ließ. Die gaffende Menge hat sich schnell zerstreut. Der Hauptmann sieht sich seufzend um, doch dann fällt ihm der Hexenjäger ins Auge. Misstrauisch betrachtet er ihn und tritt dann näher an ihn heran, um mit ihm zu sprechen.

„Ihr wollt also mit uns gegen den Eindringling kämpfen?“

„So ist es.“

„Ich bewundere euren Mut, doch ihr seht wahrhaft nicht wie ein Kämpfer aus.“

„Ihr habt recht, ein Kämpfer bin ich wirklich nicht. Ich bin nur ein einfacher Hexenjäger und es ist mein Beruf mich mit solcherlei Dingen abzugeben, wie dem, welches sich in eurer Burg verschanzt hat.“

„Ihr meint den feindlichen Assasinen, den die Fürsten des Westens entsandten?“

„Seid nicht so naiv! Glaubt ihr denn ein einfacher Mörder könnte so viele eurer Männer niederstrecken? Nein, das was dort auf uns lauert ist kein Mensch…“

„Was wollt ihr damit sagen?“

Verwunderung liegt im Blick des Hauptmanns.

„Ich hörte Gerüchte über eine Blutarmut die in der Bevölkerung grassiert. Ich denke ihr wisst worauf das hinaus läuft.“

Der Hauptmann winkt ab und lacht.

„Bitte, ihr glaubt wirklich an so etwas. Das sind Märchen die man kleinen Kindern erzählt.“

Wieder einmal zeigt sich Ignatius, wie verblendet die Menschen im Kaiserreich doch sind. Doch ihm soll es egal sein. Er wirft dem Hauptmann noch einen finsteren Blick entgegen und geht dann schweigend an ihm vorbei zum Tor. Der Hauptmann eilt ihm jedoch nach.

„Was glaubt ihr eigentlich wer ihr seid?“

„Scheinbar der einzige der in diesem Falle helfen kann.“

„Ihr seid verrückt. Ich werde nun mit meinen Männern hinein gehen und den Eindringling stellen. Die besten Gardisten kann er gar nicht im Kampf besiegen. Er sitzt in der Falle und es ist nur eine Frage der Zeit bis wir ihn haben.“

„Nicht er sitzt in der Falle, sondern ihr wenn ihr hinein geht. Er versteckt sich nicht dort oben, sondern er wartet dort auf euch. In den Gängen des Turmes, in denen ein Einzelner einer Gruppe überlegen ist. Wenn er wollte könnte er die Burg einfach durch eines der Fenster verlassen. Nun lasst mich durch. Wenn ihr eure Männer opfern wollt, ist das eure Sache, doch es ist mein Beruf solche Kreaturen dahin zurückzuschicken, woher sie kommen.“

Wieder will Ignatius zum Tor, doch der Hauptmann hält ihn an der Schulter.

„Ihr könnt gerne hinein, doch nur in unserer Begleitung. Ihr scheint nicht von hier zu sein und auch wenn ihr einer dieser kaiserlichen Scharlatane seid, seid ihr hier in Grenada nicht willkommen. Wenn ihr euer Leben riskieren wollt, dann will ich euch nicht daran hindern, doch ihr werdet dort drin auch kein Unheil anstellen. Ihr könntet ja ebenso ein Spion sein.“

„Mir ist gleich was ihr denkt. Wir sollten nun hinein gehen und das Monster stellen.“

Der Hauptmann nimmt sich seinen Helm von einem der Soldaten und setzt ihn auf. Es ist ein

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eiserner Vollhelm mit einem Sichtschlitz für die Augen. Zu beiden Seiten sind Flügel in den Helm graviert um den Hauptmann als Mitglied der Armee von Shaseria zu zeigen. Er zieht sein Schwert und gibt seinen Männern den Marschbefehl.

Zwei der Soldaten öffnen das schwere Eisentor und so treten alle herein. Schnell schließen sie es wieder und der Hauptmann bringt ein schweres Schloss am Riegel der Tür an, um die Flucht des Eindringlings zu verhindern. Sie stehen nun in der Einganshalle der Burg. Zur Linken und Rechten führen Gänge in den Kasernenbereich der Burg. Vor ihnen liegt ein Weg zum Inneren, wo sich Rüstkammer und Trainingsräume befinden. Darüber befindet sich eine Art Balkon der über eine steinerne Treppe auf der linken und rechten Seite betreten werden kann. Von ihm hängt Die Flagge der Stadt Grenada herab. Ein rotes Tuch mit einer Mauer darauf. Dies weißt auf den ursprünglichen Zweck der Stadt als Bollwerk gegen den Feind des Westens hin. Wieder schießt ihm der Gedanke an Mina durch den Kopf. Ob sie wohlauf ist? Doch wie so oft, gibt es für spontane Gedanken keine Zeit, den wichtiges muss vollbracht werden. So geht er mit den Soldaten tiefer in die Burg, immer den Todbringer erwartend, der da schon auf ihn wartet…

Es ist bereits dunkel geworden und die Laternen der Stadt werfen ein warmes licht auf die aus hellem Stein errichtete Kathedrale. Ein gewaltiges Bauwerk erhebt sich vor ihr, welches in der Stadt nur noch vom zentralen Turm überragt wird. Allerlei Verzierungen sind an den Wänden angebracht und eine Armee aus steinernen Gestalten blickt mit leerem Blick in die Welt. Doch sie ist nicht hier, um sich die Baukunst Grenadas zu betrachten. Sie muss Bedek aufhalten und dafür sorgen, dass er nicht ein großes Unheil begeht. Sie tritt an das schwere Holztor der Kathedrale. Ihre rechte Hand wandert noch einmal an ihren rechten Stiefel, in dem sie ihr Messer versteckt hat. Es ist genau da, wo sie es zuvor plaziert hat. Mit zitternder Hand zieht sie es heraus und betrachtet die glänzende Klinge. Sie will ihrem Bruder kein Leid zufügen, doch wie sie erkennen musste, sind die Mächte der Schatten tückisch und sie muss tun, was notwendig ist. So öffnet sie nun den rechten Flügel des Tores. Wenngleich nicht verschlossen, stellt es doch eine Schwierigkeit für die junge Orkin dar. Mit aller Kraft stemmt sie sich dagegen und es gelingt ihr tatsächlich den Flügel ein Stück zu öffnen , so dass sie hineintreten kann. Was würde hier auf sie warten? Bisher war es keine Schwierigkeit in die Kathedrale einzudringen. Doch wer weiß schon, was in dem ehrwürdigen Gebäude auf sie warten würde. Sie zwängt sich durch den engen Spalt und blickt sich erst einmal um. Ein riesige Halle erhebt sich vor ihr, die Decke ein gewaltiges Kunstwerk, welches den Kampf zwischen Licht und Schatten darstellt. Jene wird von gewaltigen Säulen gehalten, die den Weg entlang des Ganges zum Altar flankieren. Zu ihrer Linken und Rechten erstrecken sich wahrlich viele Bankreihen. Es sieht eigentlich aus, wie die Kirche in Hidog, lediglich viel größer und prächtiger. Am Altar kann sie eine Gestalt erkennen, die selbigen zu verschieben scheint. Vorsichtig pirscht sie sich an, um nicht von irgendwelchen bösen Überraschungen erwischt zu werden. Sie wundert sich, wo wohl all die Geistlichen der Kathedrale hin sind, denn außer der Gestalt ist kein lebendes Wesen zu sehen. Nun erreicht sie den Kreuzungsbereich der beiden Schiffe. In beiden Einbuchtungen liegen Stapel aus leblosen Körpern. Über dieses Massengrab erschrocken, fährt ihr plötzlich ein Geräusch des Schrecks über die Lippen. Nun stoppt die Gestalt am Altar ihre Tätigkeit und wendet sich herum. Mina kann kaum etwas erkennen, denn in der Kathedrale selbst ist kein einziges Licht entzündet. Nur das schwache Licht, das von draußen durch die gewaltigen Fenster scheint, macht aus der Halle eine unwirklich wirkende bunte Kulisse. Die Gestalt beginnt auf sie zu zu kommen und dabei erkennt sie nun, dass sie eine Kutte mit einer Kapuze trägt. Fast könnte man meinen, ein Mönche käme auf sie zu. Doch ihr ist nur all zu bewusst, wer da auf sie zu schreitet.

Es muss einfach Bedek sein, denn wer sonst, sollte so etwas anrichten…

“Bedek! Bleib stehen! Ich weiß, dass du es bist! Und du machst mir keine Angst!”

Es scheint als würde Minas Befehl Wirkung erzielen, denn die Gestalt bleibt tatsächlich stehen. Doch es wirkt nicht, als würde sie sich ergeben wollen. Ein leises Gelächter beginnt zu ertönen, welches immer lauter wird und in der Halle unheimlich schallt.

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“Hast du mich also… Schwesterlein…”

Mina weicht vor Schreck darüber, dass Bedek sie so schnell erkennen konnte, zurück. Zu viele Jahre haben sie sich schon nicht mehr gesehen, somit dürfte er nicht wirklich wissen wie sie nun aussieht. Vielmehr schien er schon zu wissen, dass sie auftauchen würde. Mina ist unfähig zu sprechen.

“Ja, du hast richtige gehört… Ich weiß wer du bist.”

Die Stimme Bedeks klingt nicht anders als die eines gewöhnlichen jungen Mannes, dennoch schwingt etwas unheimliches in ihr. Nun schreitet er wieder auf Mina zu, in ruhiger selbstsicherer Weise, die Hände vor dem Körper verschränkt.

“Du fürchtest dich, nicht wahr kleine Schwester? Ja, ich kann es dir wirklich nicht verdenken. Man trifft ja nicht alle Tage seinen scheinbar verschollenen Bruder wieder. Ihr habt mich immer verlacht, habt immer gesagt, unser Schicksal sei es, zu büßen. Zu büßen eine ewige Zeit für das was Kesvan Atla und Abyss angetan hat. Doch ich wusste es. Das ist alles nur ein Irrglaube. Vor der großen Göttin Ilindura sind wir alle gleich, sofern wir weise genug sind, unseren eigenen Wert zu erkennen. Ich habe es gesehen! Das Paradies der Glückseligkeit! Nur ein kleiner Schritt muss noch getan werden, dann ist unser Werk vollbracht… Und du kannst mich nicht aufhalten…”

Nachdem er seine Ausführungen beendet hat, wendet er sich wieder von Mina ab und schreitet zu dem steinernen Altar zurück. Erneut beginnt er gegen selbigen zu drücken, in der Hoffnung, dass er sich zur Seite bewegen möge. Nach einigen gescheiterten Versuchen lässt er von dem Altar ab und spricht erneut.

“Ja, du willst wissen was ich hier tue. Nun ich will es dir sagen kleine Schwester. Unter diesem Steinblock liegt die alte Gruft des heiligen Marcus. Mein Herr befahl mir die Gebeine zu segnen, doch er verriet mir nicht, wie man diesen Klotz zur Seite bewegen kann.”

Langsam kehrt die Fähigkeit der Bewegung zurück zu Mina. In Bedeks verzweifelten Versuchen, den Altar zu bewegen, sieht sie eine Chance und schleicht sich vorsichtig an, um ihn zu überwältigen. Nach einigen lautlosen Schritten fährt Bedeks Kopf plötzlich mit einer ruckhaften Bewegung herum.

“Bleib wo du bist, kleine Schwester! Ich will dir nichts tun und werde es auch nicht, solange du mir nicht in die Quere kommst!”

Vor Schreck will Mina wieder einen Schritt zurück machen, rutscht jedoch aus und fällt zu Boden.

“Du wunderst dich sicher warum ich alles weiß, was du vorhast. Ja ich kann sehen was du denkst. Mein Meister hat mich mit dieser Macht gesegnet, um mir den Weg hier her zu erleichtern. Nun denn… Wenn sich der Altar so nicht bewegen lässt, dann muss ich ihn eben zerschmettern. Es ist zwar Schade um das gute Stück, doch was ist schon ein Altar im Vergleich zur Erlösung…”

Bedek postiert sich direkt vor dem Altar und hebt seine Hände nach oben, mit Blick Richtung Decke beginnt er eine geheimnisvolle Sprach zu rezitieren…

Forc te lum!

Co to te serve!

Destro te wek!”

Kaum hat er das letzte Wort beendet, beginnen seine Hände in einem unnatürlichen Licht zu glühen. Er schmettert sie auf den Altar, welcher daraufhin in tausend Teile zerbirst.

“So Schwesterlein, wird es dir auch ergehen, wenn du weiterhin versuchst mich zu stoppen… Und nun will ich die Gebeine des heiligen Marcus erneut segnen, auf das seine Macht einen Wall gegen die Finsternis bringt!”

“Du bist ein Narr Bedek! Du bringst keine Erlösung, du dienst nicht einmal dem Licht der Menschen! Du dienst ihrem ärgsten Feind, den Schatten! Und du Idiot merkst es nicht einmal!”

Bedek scheint verunsichert und wendet sich erneut Mina zu.

“Meinst du…. Du denkst also ich würde etwas schlechtes tun… Deine Gedanken sagen mir, ich

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würde Vernichtung bringen. Doch was weißt du schon! Du folgst ja noch immer den Lehren der Verfluchten!”

“Ich habe Dinge gesehen, die mein Bild der Welt verändert haben. Ich reiste umher und ich sah die Schatten, die das Leben bedrohen. Sie lauern überall und zumeist genau dort, wo man sie nicht vermutet. Dein Meister ist tot! Vernichtet durch sein eigenes Werk!”

Zweifel machen sich in Bedek breit…

“Der Meister ist tot…? Nein das ist ein Trick!”

“Du sagtest du könntest meine Gedanken lesen, dann müsstest du doch die Schrecken sehen, die dein Meister begangen hat!”

Er kann die Gedanken sehen die in Minas Kopf herum spuken, all die grausamen Erlebnisse in Hidog und auch das Monster, welches Vernichtung über die Welt bringen sollte.

“Ich bringe den Tod…? Alles war vergebens…?”

Leere macht sich in Bedeks Geist breit, er erkennt was er tun wollte. Er erkennt die Vernichtung die im Kielwasser seiner Taten folgt. Doch der Ork, der vor Mina steht ist nicht mehr nur ihr Bruder, etwas anderes sitzt tief in seinem Geist und es beginnt, die sich ausbreitende Leere in seinem Geist zu füllen. Schnell ist alles, was von dem jungen Ork noch übrig war, verschwunden. Mit starren Bewegungen geht er auf Mina zu. Sie erkennt, dass es nun keinen Ausweg mehr gibt und bereitet sich darauf vor, ihn mit der Kraft des Stahls zu stoppen…

Ignatius und die Soldaten sind bereits tief in die Gemäuer eingedrungen. Auf ihrem Weg fand sich überall das selbe Bild: Zerfetzte Leiber, Blut und Spuren eines Kampfes… Die Moral der Soldaten sinkt langsam gen Null, je mehr der gefallenen Kameraden sie erblicken. Doch sie folgen mit festem Schritt ihrem Hauptmann der mit ernstem Blick voranschreitet. Der Hexenjäger ist bereits für den bevorstehenden Kampf gewappnet, in die Armbrust hat er einen Bolzen aus heiligem Silber gespannt, denn seine Macht könnte den Eindringling mit einem Schlag vernichten. Doch er muss gut zielen, hat er doch nur einen einzigen. Im Notfall müsste er sich mit all den anderen Werkzeugen gegen ihn erwehren, doch Ignatius ist bewusst, dass er sein Leben verwirkt hat, wenn er nicht trifft. Angespannt späht er immer hin und her, jeden Moment einen Schatten erwartend der aus der Dunkelheit springt. Doch nichts geschieht. Schweigend säumen die Toten den Weg, ihre Gesichter verzerrt vor Schmerzen, als Zeugnis der Schrecken, die hier geschahen. Ohne größere Probleme erreichen sie die große Wendeltreppe, die den Turm des Fürsten hinauf führt. Ein wundervoller roter Teppich liegt auf den Stufen und allerlei Gemälde und Lampen sind an den Wänden angebracht. Vorsichtig steigen die Soldaten die breite Treppe hinauf. Der Weg hinauf ist anstrengend und es wirkt als wollten die Stufen keine Ende nehmen. Doch letztlich erreichen sie die Gemächer die im oberen Teil des Turms sind. Vor ihnen erstreckt sich ein breiter Flur mit allerlei Türen auf der linken und rechten Seite, dazwischen Bilder und Schränkchen auf denen Pflanzen und allerlei anderes Zierwerk verteilt wurden. Alles steht noch in perfekter Ordnung. In einiger Entfernung endet der Flur in einem bogenförmigen Durchgang, der in das Arbeitszimmer führt. Die Kerzen und Lampen bieten nur wenig Licht und man kaum etwas erkennen, doch es scheint als würde eine Gestalt in dem Durchgang stehen und auf die Soldaten warten.

Der Hauptmann stoppt seine Männer und ruft der Gestalt etwas zu.

“Ergib dich Eindringling und dir wird ein schneller Tod gewährt!”

Die Gestalt regt sich nicht und kichert nur vor sich hin. Der Hauptmann ist sichtlich verärgert und stellt die nächste Forderung.

“Lass auf der Stelle den Fürsten frei!”

Die Gestalt kichert immer noch und scheint etwas vom Boden zu seiner Rechten zu heben. Dann wirft er es dem Hauptmann vor die Füße.

“Da habt ihr ihn…”

Der Hauptmann beschaut sich das, was der Eindringling da vor ihn warf und sieht nicht mehr als ein blutiges Stück Fleisch. Als er es jedoch mit dem Fuß herum rollt, erkennt er, dass es sich um den

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Kopf des Gouverneurs handelt, an welchem noch ein Teil des Oberkörpers hängt.

“Dafür wirst du zahlen! Angriff Männer!”

Doch die Soldaten rühren sich nicht. Sie sind vom Anblick des Gouverneurs gebannt und fürchten, dass sie nun genauso enden werden. Der Hauptmann ist außer sich vor Wut und enthauptet einen der Soldaten. Die anderen erwachen durch den Schreck wieder zum Leben und beginnen auf den Eindringling loszustürmen. Doch kaum sind sie einige Meter mit gezogenen Waffen auf den Fremden zugelaufen, ist dieser auch verschwunden. Misstrauisch beobachtet Ignatius das Spiel.

“Er will uns eine Falle stellen Hauptmann.”

“Schweigt Fremder, ich weiß was ich tue! Männer, durchsucht das Arbeitszimmer!”

Der Hauptmann geht nun selbst Richtung Durchgang, doch Ignatius macht keine Anstalten sich vom Platz zu rühren.

“Fremder, ihr kommt mit mir. Oder ihr werdet auch mein Schwert spüren!”

Nun bewegen sich beide zu den Soldaten ins Arbeitszimmer. In der Mitte des Raumes steht ein großer schwerer Schreibtisch, auf dem eine einzelne Kerze etwas Licht spendet. Der Raum ist halb rund und auf der runden Seite befinden sich viele Fenster und eine gläserne Tür, welche auf einen Balkon führt, der rings um den Turm gebaut wurde. An den Wänden stehen allerlei Schränke mit Büchern und Dokumenten und einige Kerzenhalter spenden neben der kleinen Kerze noch zusätzliches Licht. Ein edler roter Teppich schmückt den Boden. Die Soldaten schauen sich vorsichtig im Raum um, doch es scheint als wäre der Fremde verschwunden. Der Hauptmann äußert die Vermutung, dass er wohl auf den Balkon geflüchtet sein muss und tritt mit Ignatius und zwei der Soldaten nach draußen. Der Hauptmann beginnt mit Ignatius eine Runde um den Turm zu machen. Doch der Turm ist groß und so dauert es einige Minuten, bis sie wieder zurück sind. Doch als sie wieder an der Tür ankommen, sind alle Soldaten bereits niedergemetzelt. Der Hauptmann ist verwundert und schreit in den Raum, dass der Fremde sich zeigen soll. Dieser nimmt sich dies sogleich zu Herzen und tritt aus einem Schatten heraus vor den Schreibtisch.

“Da bin ich, wie kann ich euch helfen…?”

Ignatius mustert die Gestalt. Es scheint der Stimme nach ein Mann zu sein, doch sein Gesicht ist von Brandwunden übersät und vernarbt. Er trägt eine edle dunkle Rüstung, wie er sie schon oft in den westlich Ländern gesehen hat. Um seinen Hals hat er einen Umhang gebunden, doch etwas stimmt mit selbigem nicht. Es ist kein gewöhnlicher Umhang… Es wirkt vielmehr, als hätte er sich die Haut eines Menschen als Umhang erkoren.

“Nun stirb!”

Der Hauptmann hebt sein Schwert und stürmt auf den Eindringling los, dieser weicht dem Schlag mit einer eleganten Drehung aus und steht nun hinter dem Hauptmann. Schnell greift er nach dem Kopf des Selbigen und dreht ihn in einem Ruck nach rechts. Ein deutliches Knacken verkündet Ignatius, dass er nun allein gegen den Eindringling kämpfen muss. Der Fremde beginnt mit einem finsteren Lächeln auf den Lippen zu sprechen.

“Nun, jetzt sind nur noch wir beide da. Glaubt ihr ihr könnt mich besiegen?”

Ignatius nimmt seine Armbrust in beide Hände und antwortet in ruhigem Ton.

“Wer kann das schon sagen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Alles was ich hierzu anbringen kann ist, dass ich schon einige eurer Gattung vernichtet habe.”

“So, ein Mann mit Erfahrung wie ich sehe. Sehr nett. Vielleicht wird es ja interessant…”

Der Fremde beginnt mit erhobenen Händen auf Ignatius zu zu laufen, doch dieser hat nur auf diesen Moment gewartet und feuert blitzschnell den Bolzen auf den Fremden ab. Der Silberbolzen trifft sein Ziel und bohrt sich durch die recht Brust des Angreifers. Getroffen wird er langsamer und fällt einen Meter vor Ignatius auf den Boden, Blut strömt aus der Wunde und verteilt sich auf dem Teppich, der das meiste davon aufsaugt. Verwunderung macht sich in Ignatius breit und er weicht einige Schritte zurück, bis er mit dem Rücken am Geländer des Balkons steht. Er steckt die Armbrust beiseite und zieht seinen Hammer. Der Getroffene stützt sich auf seine Arme. Sie zittern heftig, doch er schafft es, sich mit aller Kraft zu erheben. Mit der linken Hand greift er nach dem

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Bolzen und will ihn herausziehen, doch allein die Berührung schmerzt ihn und er lässt ihn stecken.

“Argh! Dieser Schmerz! Ich habe lange keinen Schmerz mehr gefühlt…”

“Doch ihr seid noch nicht zerfallen. Ihr seid kein Blutsauger, denn ein solcher hätte den Treffer nicht überstanden.”

“Ja, ihr habt Recht, ein ganzer bin ich nicht, doch strömt auch in mir das Blut jenen Geschlechts und so schmerzt euer Bolzen nur zu sehr. Doch habt ihr auch so keine Chance gegen meine Kräfte….”

Der Fremde geht mit schweren Schritten auf Ignatius zu. Dieser festigt den Griff um den Hammer, bereit im richtigen Moment zuzuschlagen. Der Fremde steht kurz vor dem Hexenjäger und dieser nutzt die Situation um mit einem schnelle Schlag auf den Kopf, den Fremden niederzustrecken. Dieser Taumelt zurück und stürzt erneut zu Boden. Doch nach einigen Sekunden des hoffens erhebt er sich wieder und dem Hexenjäger wird klar, dass dieser Kampf wohl doch nicht so leicht werden würde.

“Ihr seid schnell, man merkt euch die Kampferfahrung an, doch ihr könnt mich nicht vernichten. Zu stark ist das Blut meiner Mutter in meinen Adern….”

Ignatius lässt sich nun nicht mehr auf eine Konversation ein und zieht ein kleines Röhrchen aus seinem Rucksack… Er stubbst den Deckel mit dem Daumen herunter und wirft es gegen den Fremden. Die Bombe explodiert und schleudert diesen tiefer in den Raum hinein, während Möbel und Teppich Feuer fangen. Der Hexenjäger konnte der Explosion zwar entgehen, doch die heißen Dämpfe lassen auch ihn sein Gesicht abwenden. Misstrauisch mustert er den Raum, doch es scheint als wäre der Eindringling besiegt. Als sich langsam der Rauch verzieht, dringt ein seltsames Grollen in sein Ohr. Es scheint jedoch seinen Ursprung hinter ihm zu haben und so dreht er sich herum, um zu schauen, was da vor sich geht. Jenseits der Stadtmauern sieht er ein Meer aus Lichtern, welche sich auf die Stadt zu bewegen. Verwundert betrachtet er das Lichtermeer, kann sich aber noch keinen Reim darauf machen. Doch dann nähert sich eine große fliegende Gestalt, welche tief genug über der Stadt kreist, damit die Laternen in den Straßen einen wagen Blick darauf geben. Als der Hexenjäger erkennt, welch Ungetüm da nun fliegt, ist er entsetzt. Das fliegende Etwas speit einen glühenden Flammenstrahl in die Stadt und zündet einige der Häuser an. Nun erst wird dem Hexenjäger bewusst, was da im Gange ist… ein Angriff. Er wendet seinen Blick zur Kathedrale. Mina springt ihm wieder in den Sinn und er beschließt ihr zu Hilfe zu eilen. Schnell wendet er sich dem Rückweg zu und will wieder aus dem Turm eilen, doch der Fremde steht mit einem toten Soldaten in der Hand vor ihm und versperrt somit den einzigen Ausweg. Er beißt tief in den Hals des Soldaten und trinkt von seinem Blut. Dann lässt er ihn fallen und es scheint, als wären seine Wunden geheilt. Den silbernen Bolzen sieht Ignatius am Boden liegen.

“Nun geht das Spiel weiter…”

Ignatius nimmt wieder seinen Hammer in beide Hände und weicht zurück… Während sich der Fremde langsamen Schrittes nähert bemerkt er den Schatten eines der fliegenden Ungetüme. Ein Strahl glühenden Feuers trifft die andere Seite des Turmes und Flammen schießen durch die Gänge…

Bedek schreitet langsam auf Mina zu: Nur schwach vermag sie das Gesicht ihres Bruders zu erkennen, doch auf einmal dringt ein heller Schein von draußen herein und es ist ihr vergönnt, einen einzigen Blick auf ihn zu werfen. Seine Haut ist grau und tiefe Augenringe zeugen von all den durchwachten Nächten, in denen er die vermeintlich heiligen Schriften nach der Erlösung durchsuchte. Doch seine Augen, sie sind Leer. Nun wird ihr klar, dass sie ihren Bruder endgültig verloren hat. Mit dem gezogenen Messer stürmt sie auf ihn los, doch kaum hat sie ihn erreicht, fegt er sie mit einer Bewegung seines rechten Armes zur Seite. Durch die unnatürliche Macht, die in ihm fließt, wird sie in einen Leichenstapel geschleudert und landet somit weich. Als sie sich erheben will bemerkt sie jedoch einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Der Schlag muss ihr mindestens eine Rippe zertrümmert haben. Sie schmeckt Blut in ihrem Mund, doch so leicht lässt sie sich nicht

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stoppen und stürmt mit den verbleibenden Kräften auf Bedek los. Sie stößt zu und das Messer bohrt sich in Bedeks Brust, doch dieser zeigt keine Regung und wischt sie mit der Hand einfach wieder von den Beinen. Sie schlägt hart auf den kalten Boden und ist kurz benommen. Bedek wankt weiter auf sie zu. Sie versucht aufzustehen, spürt jedoch ihr linkes Bein nicht mehr und fällt unweigerlich wieder zu Boden. Mit letzter Kraft versucht sie weg zu kriechen. Dann rieselt plötzlich Staub herab. Bedek hält in seiner Bewegung inne und hebt langsam den Kopf zur Decke. Stückweise lösen sich Teile des Deckengemäldes und schmettern auf den Boden, Mina kriecht schutzsuchend unter eine der Bänke. Dann beginnt die komplette Decke aufzureißen und eine großes Stück stürzt herab und zerschmettert den mit leerem Blick heraufschauenden Bedek. Die Kirchenbänke zersplittern, als die tonnenschwere Steinplatte auf ihnen landet. Mina späht vorsichtig unter den Bänken durch und sieht nur, wie eine Blutlache unter der Platte hervor strömt. Säulen beginnen um zu stürzen und ein Feuerball schmettert dorthin, wo einst der Altar stand…

Dies soll die letzte Nacht Grenadas sein…

Schon wenn sich die Sonne das nächste Mal über den Horizont heben wird, wird die stolze Stadt nur noch eine rauchende Ruine sein…