Im Wald der Stille

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Nur schemenhaft erscheinen die Umrisse jenes Objektes im dichten Nebel des Waldes, die der Graf als ein Haus zu erkennen scheint. Die Schritte sind beschwerlich, der Hunger nagt an ihm seit Tagen. Doch kein Laut der Klage dringt über seine Lippen. Schweigen umhüllt ihn, gleich jenem dichten Nebel, der die Welt verschwinden lässt, gleich dem Sinn den er einst in ihr zu sehen glaubte. Nur das stapfende Geräusch der eigenen Schritte dringt an sein Ohr, kaum mehr wahrgenommen, da die Sinne langsam den Dienst versagen… Die lange Reise hat ihre Spuren hinterlassen, die Haut vom Winterhauch blau gefärbt, Nächte ohne Schlaf unterlegten die geröteten Augen mit tiefen Schatten. Mehr schleppend als gehend bewegt er sich mit lethargisch ausdrucksloser Miene voran. Längst spürt er nicht mehr den Schmerz der halb erfrorenen Glieder. Die ganze Zeit, wandelte er ohne Rast, aus Angst, die Häscher könnten ihn finden und erneut einsperren, doch diesmal ohne Möglichkeit zur Flucht. Lieber ersehnte er den Tod als wieder einer solchen Schmach anheim zu fallen und in einer Anstalt zu verrotten. Doch nun, da die Kräfte ihn fast gänzlich verlassen zu drohen, sieht auch er ein, dass seine Reise ein Ende finden muss. Jenes Haus, das sein leerer Blick unablässig fixiert, soll über sein Schicksal entscheiden. Eher instinktiv als bei klarem Verstand schleppt er sich zur Tür des Hauses, dass seine Augen nun bereits nicht mehr fixieren können. Zitternd vor Schwäche erhebt er die Hand um anzuklopfen, doch die Tür ist nicht verschlossen und schwingt unter der Handbewegung langsam quietschend auf. Mit letzter Kraft betritt er das Haus, doch kaum treten seine Füße auf den knarrenden Boden, verlassen ihn auch seine letzten Kräfte. Den Blick von Schwärze erfüllt stürzt er zu Boden…

Langsam öffnet er die Augen und es dauert einen Augenblick, bis seine Augen die Welt wieder klar sehen können. Er findet sich am Boden liegend. Langsam erhebt er sich, bemerkt dann jedoch einen Korb neben sich. Verwundert untersucht er ihn und findet einen Leib Brot darin. Nicht weiter darüber nachdenkend, woher selbiges wohl stammt, schlingt er gierig einige Bissen hinunter, bis sein Magen fürs erste beruhigt ist. Noch immer schwach steht er im Anschluss auf und blickt sich ein wenig um. Es scheint, dass er sich in einer Küche befindet. Allerlei Kochutensilien liegen auf den Arbeitsflächen und einige hängen an der Wand. Neben der Tür befindet sich eine Kochstelle. Doch es scheint, dass schon lang niemand mehr die Küche betreten hat, denn Staub liegt auf Möbeln und Gegenständen. Magnus nimmt das Brot und beschließt ein wenig das Gebäude zu erkunden. So tritt er durch eine Tür aus der Küche hinaus in eine kleine Halle. Zu seiner rechten führt eine Treppe nach oben, vor ihm jedoch liegt Schnee. Als er sich umschaut bemerkt er, dass in der Decke ein großes Loch ist, welches sich über die ihm gegenüberliegende Hausseite erstreckt. Er tritt in den Raum und bemerkt zu seiner linken eine schwere doppelflügelige Tür, welche wohl der Haupteingang ist. Eine Türhälfte fehlt jedoch. Bei näherer Betrachtung bemerkt Magnus, dass sie unter dem Schnee begraben am Boden liegt. Auf der anderen Raumseite befindet sich eine weitere Treppe, die jedoch schwer beschädigt ist und nicht mehr genutzt werden kann. Am oberen Ende der Treppe befindet sich eine Empore, zu deren beiden Seiten Türen in die beiden Hälften des Hauses führen. Unter der Empore liegt, zentral zwischen den Treppen eine weitere Tür, durch die der Graf in eine Art Esszimmer gelangt. Sofort bemerkt er einen seltsamen Geruch in der Luft, gleich einem feinen Hauch von Ruß und verbranntem Holz. Im Zentrum des Raumes steht ein länglicher Esstisch, mit Stühlen für sechs Personen. Darauf liegt ein ehemals weißes Tischtuch, welches durch den Staub langer Zeiten nun jedoch eher grau wirkt. Im Zentrum steht eine einzelne einfache Vase in welcher sich eine einzelne verwelkt Rose befindet. Der Graf tritt fasziniert an den Tisch heran, dabei den alten Holzboden unter seinen Füßen knarren lassend, und berührt die Rose zaghaft, woraufhin selbige jedoch sofort zu Staub zerfällt. Schwere Möbel gefüllt mit Geschirr, Büchern und belanglosen Habseligkeiten füllen den Raum. Die zwei von Dreck verkrusteten Fenster werden von schwere grauen Vorhängen flankiert. Nur wenig Licht dringt durch selbige herein und bescheint den

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Tanz des aufgewirbelten Staubes. Nichts von Interesse erblickend, kehrt Magnus in die Eingangshalle zurück und geht nach oben. Vorsichtig versucht er die Empore zu überqueren, doch lässt das plötzlich unter seinen Füßen nachgebende Holz ihn zurückschrecken. Nur knapp kann er es vermeiden hinabzustürzen. Aufgeschreckt beginnt sein Herz zu rasen, doch schnell erfüllt ihn wieder der Erkundungsdrang und er tritt durch die hinter im liegende Tür. Er findet sich in einem Privatzimmer wieder. Ein kleines Fenster lässt ein wenig Licht in den Raum dringen. Auf der linken Seite des Raumes befindet sich ein Schreibtisch, auf dem unter einer dicken Staubschicht begraben Schreibutensilien und diverse Bücher und Manuskripte liegen. Flankiert wird selbiger von zwei schweren Bücherregalen. Auf der rechten Seite des Raumes steht ein kleines Bett mit Decke und Kissen. Beim Anblick des selbigen erfüllt ihn wieder die alte Müdigkeit die nun auch den Erkundungsdrang verjagt. Er schließt die Tür und findet einen kleinen Schlüssel an selbiger. Aus Angst vor ungebetenen Gästen nutzt er diese Möglichkeit des Schutzes und schüttelt im Anschluss Decke und Kopfkissen aus. Die Bewegungen fallen ihm schwer und so legt er sich schlafen, in der Hoffnung nach einigem Ausruhen wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

Zu später Stunde erwacht der Graf aus einem erholsamen Schlaf. Nun da er wieder Herr seiner Sinne ist, bemerkt er, welchen Schaden die Reise angerichtet hat. Zehen und Finger schmerzen nach der langen Tortur der Unterkühlung, die Haut ist an vielen Stellen aufgerissen und verunziert den Grafen mit brennenden Wunden. Die Schritte sind noch etwas unsicher, doch weit kraftvoller als zuvor. Es ist dunkel im Raum denn der Tag endete längst. Umso erstaunter ist er, als er ein schwaches Licht, welches von draußen herein scheint, bemerkt. Vorsichtig tritt er ans Fenster und wischt einigen Dreck mit seinem Ärmel weg, um etwas erkennen zu können. Noch immer liegt der Nebel über dem Wald und die Erinnerung an den Menschenfresser kehrt in das verunsicherte Herz des Grafen zurück. Wohl wissend, dass er die Tür verschlossen hat, fühlt er sich im Augenblick jedoch sicher und so versucht er die Quelle des seltsamen Lichtes zu erkennen. Doch durch den Nebel ist kaum irgend etwas zu erkennen. Die Schatten der Bäume, die sich vor dem Licht abzeichnen, deuten jedoch darauf hin, dass sich das Licht in einiger Entfernung befindet. Kalt und weiß ist es und es scheint zu flackern oder sich zu bewegen, da seine Intensität langsam aber konstant variiert. Wie gebannt starrt der Graf hinaus in die dunkle Nacht. Ein unangenehmes Gefühl macht sich in seiner Brust breit und erschwert das atmen. Er sucht nach Möglichkeiten, was dieses Licht erzeugen könnte. Seine Farbe schließt Feuer als Ursprung aus. Auch liegt in jener Richtung keine Stadt oder Siedlung… nur die leere Wildnis, durch die er die letzten Tage streifte. Was auch immer dort mitten im Wald ist, er will es eigentlich gar nicht wissen. Ein leises Knarren des Holzes lässt ihn aufgeschreckt herum fahren. Panisch blickt er sich im dunklen Zimmer um, kaum etwas erkennend. Kalter Schweiß macht sich auf seiner Stirn breit, als er vorsichtig tastend durch das Zimmer geht. Etwas Erleichterung wird ihm erst zuteil, als er bemerkt, dass seine eigenen Schritte das Holz zum knarren brachten. Vorerst davon ausgehend, dass er wohl der einzige im Zimmer ist, wendet er sich wieder dem Licht zu. Es hat sich jedoch nicht verändert. Noch immer pulsiert es gleichmäßig in der Ferne des nebligen Waldes. Die Angst greift immer mehr nach seinem Verstand. Kaum ist er mehr imstande dagegen an zu kämpfen. Doch dann kommt ihm der erlösende Gedanke: Die Tortur der Reise hat ihm wohl mehr zugesetzt als erwartet und so bildet er sich nun schon Lichter ein, wo keine sein sollten. So beschließt er sich zu Bett zu begeben und die Gegend am nächsten Tag zu erkunden.

Der neue Tag hat sich bereits erhoben als der Graf durch das Licht der Sonne, welches durch das in der vorherigen Nacht freigewischte Fleck im Fenster scheint, geweckt wird. Ein altbekanntes Gefühl dringt in sein Herz und lässt ihn voller Elan aufstehen, doch schnell weicht es der Ernüchterung und der Erkenntnis, dass die Ereignisse der letzten Zeit real waren und kein Traum, wie er es erhoffte. Langsam geht er zum Fenster und spät nach dem Licht, welches ihn letzte Nacht mit Furcht erfüllte, doch es ist nichts zu erkennen. Er bemerkt jedoch, dass sich der Nebel gelichtet hat und der Himmel blau ist. Eine weit angenehmere Stimmung als bei seiner Ankunft erfüllt ihn

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und so beschließt er, nachdem er einige Bissen von dem mysteriöser Weise aufgetauchten Brotleib genommen hat, ein wenig den Wald zu erkunden. Die Sonne erfüllt seine Haut mit einer angenehmen Wärme, trotz des Wintertags. Sich umschauend bemerkt der Graf, dass der Wald an jenem schönen Morgen doch recht idyllisch wirkt. Sollte er die Quelle des seltsamen Lichtes ausmachen können, so wäre dieser Ort sicherlich als Versteck geeignet, zumal ohnehin wohl keiner mehr Anspruch auf das Haus zu haben scheint. Bei diesem Gedanken blickt er auf das Haus und mustert es. Erst jetzt bemerkt er, dass die Nordseite des Hauses durch ein Feuer zerstört wurde. Das Dach fehlt gänzlich und die Wände sind verrußt, die Fenster gesprungen. Seltsamerweise befinden sich im Erdgeschoss des zerstörten Bereiches keine Fenster und somit muss die Erkundung wohl vorerst warten. Mit entschlossenem Schritt macht sich der Graf auf Richtung Süden, wo er letzte Nacht das seltsame Licht ausgemacht hatte. Die Suche könnte jedoch beschwerlich werden, da er die Entfernung der Lichtquelle nicht ausmachen konnte. Dennoch hoffend, etwas finden zu können begibt er sich auf die Reise.

Stille beherrscht den Wald, kein Tier ist zu hören. Trotz des guten Wetters sind keine Vögel zu hören. Nicht einmal Wind fegt durch den Wald. Nur das Geräusch der Schritte des Grafen im Schnee erschallt.

„Ein Wald ist dies, wie mir scheint. Die Bäume weisen darauf hin. Allein wo im Wald für gewöhnlich Leben herrscht, ist hier nur Totenstille. Wär‘ es nicht Winter, ich dächt‘ die Bäume selbst wären längst verstorben. Oh, bist so tot, du Wald, so leer, des Lebens fremd. Fast meint‘ ich, du wärst das Innere meines Herzens…“

Nachdenklich versunken in finsteren Gedanken an die Vergangenheit setzt der Graf schweigend seine Reise fort. Doch als die Sonne im Zenit steht, erreicht er eine Lichtung. Große Steinblöcke, welche mit allerlei fremdartigen Zeichen verziert sind, bilden einen Kreis, gleich einem Außenrand der Lichtung, als wollten sie sagen: Bis hier hin Natur, doch nicht weiter. Ein seltsames Gefühl erfasst Magnus, als er das innere des Kreises betritt, ein Gefühl von Kälte die ihn durchdringt und ihn erschaudern lässt, ähnlich der letzten Nacht, als er das Licht betrachtete. Im Zentrum befindet sich eine Art archaischer Altar in Form eines flachen schlecht zugehauenen Steines. Der Graf tritt an den Altar heran und wischt den Schnee hinunter. Er ist mit einer bräunlich roten Farbe verunreinigt. Als er gerade um den Altar herum geht, stolpert er plötzlich über etwas. Bei genauer Betrachtung bemerkt er, dass sich im Schnee hinter dem Altar etwas befindet. Um zu erkennen, worum es sich handelt, wischt er auch hier den Schnee beiseite und findet eine große runde Metallplatte im Boden. Auch auf dieser sind dem Grafen unbekannte Zeichen eingraviert. An den Seiten befinden sich vier schwere Schlösser, die es unmöglich machen, die Platte anzuheben. Über eines davon stolperte er auch zuvor. Danach erhebt sich Magnus wieder und bemerkt, dass sich zwischen den Umrandungssteinen in gleichem Abstand zueinander fünf größere Steine befinden. Von diesen befindet sich in jenem der im Süden steht im oberen Bereich ein Loch. Sich umblickend fragt er sich, ob das Licht der letzten Nacht wohl hier seinen Ursprung hatte. Womöglich feierten einige Menschen hier ein heidnisches Ritual. In tiefen Wäldern soll die Huldigung der Natur noch immer erfolgen. Dann jedoch bemerkt er, dass sich im Schnee keinerlei Spuren befinden, außer seinen eigenen. Somit wäre die Theorie über die heidnische Feier wohl ausgeschlossen. Allerdings kann die Quelle des Lichtes auch nicht weiter weg sein. Wäre sie in Anbetracht der Entfernung doch bereits immens, wenn sie hier läge. Deprimiert darüber, die Quelle des Lichtes nicht gefunden zu haben, lehnt sich Magnus an den Altar und blickt in den leeren Wald. Plötzlich bemerkt er eine Bewegung in seinen Augenwinkeln. Er wendet seinen Blick nach links und kann erkennen, wie in einiger Entfernung eine Gestalt hinter einem Baum in Deckung geht. Verunsichert versucht er genaueres zu erkennen. Doch die Gestalt scheint zu wissen, dass sie entdeckt wurde. Nichts ist zu erkennen. Da kommt dem Grafen der Gedanke in den Sinn, dass dies wohl einer der Häscher sei, welche ihn jagen mussten. Selbst in jener abgeschiedenen Gegend scheint keine Sicherheit vor ihnen zu herrschen. Langsamen Schrittes geht er, den Blick stetig jener Stelle zugewandt, an der zuvor die Gestalt zu sehen war, Richtung Haus zurück. Die Angst, gefasst zu werden, kehrt in

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seinen Geist zurück. Der Gedanke, womöglich wieder in jener kalten Anstalt verweilen zu müssen, wo sich Stück für Stück sein eigenes Bewusstsein auflöste, lässt seine Schritte stetig schneller werden, bis er schließlich von Panik ergriffen in schnellstmöglicher Weise durch den Wald eilt. Er wagt es nicht sich umzusehen. Doch es scheint ihm als könnte er den kalten Atem seiner Verfolger im Nacken spüren, als würde es ihm nur knapp gelingen ihren schnappenden Händen zu entgehen. Bereits nach kurzer Strecke versagt sein Körper langsam seinen Dienst und nur mit größter Mühe schaffte er es, den Weg in jenem Tempo fortzusetzen. Das Geräusch der Schritte hinter ihm wird in seinen Ohren stetig lauter, schneller und zahlreicher. Fast scheint es ihm, als sei eine ganze Armee hinter ihm her. Um so weniger wagt er, sich umzusehen. Schweiß rinnt über das rote, angstverzerrte Gesicht, dessen Augen stetig die Ferne im Blick haben, hoffend endlich das schützende Haus zu erblicken. Es scheint ihm fast, als sei der Weg endlos und als könne er den Häschern nicht entrinnen, da taucht plötzlich in der Ferne das sehnlichst erhoffte Gebäude auf. Mit letzter Kraft stürmt er durch die Vordertür und die Treppe hinauf, dabei fast auf den Stufen stolpernd, hinein in sein Zimmer. Zitternd umfasst die kraftlose Hand den Schlüssel und dreht ihn im Schloss als letzte Tat der Verzweiflung. Dann jedoch hüllt Schwärze seinen Blick ein…

Langsam kehrt das Leben wieder in den Grafen, der sich auf dem staubigen Boden seines Zimmers liegend vorfindet. Die Erschöpfung führte wohl zu seiner Ohnmacht. Ein leichter Schmerz an seinem Hinterkopf dringt in seinen Sinn. Danach tastend, bemerkt er, dass sein Haar an jener Stelle leicht klebrig feucht ist. Verwundert blickt er auf seine Hand und bemerkt Blut. Als er zu Boden stürzte, hatte er sich wohl den Kopf angeschlagen. Doch die Wunde scheint nicht ernst zu sein. Langsam wird ihm wieder gewahr, was zuvor geschehen ist. Vorsichtig tritt er an das Fenster und schaut hinaus, ob die Jäger wohl noch auf ihre Beute lauern. Doch niemand ist zu sehen. Stille liegt über dem in das sanfte Orange des Abendrots getauchten Wald. Erleichtert darüber den Häschern entgangen zu sein, setzt er sich auf das Bett und isst hastig ein paar Bissen des Brotes, welches langsam fester wird. Nachdem er seinen Magen mit Brot besänftigt hat, erfüllt ihn ein unsäglicher Durst. Da er jedoch keinerlei Getränke in seinem schützenden Versteck hat, sieht er sich genötigt, das Haus zu verlassen und etwas Schnee zu trinken. Langsam dreht er den Schlüssel im Schloss, als wolle er keinen Lärm verursachen, der ihn verraten könnte. Unsicheren Schrittes geht er hinaus. Vor dem Haus sucht sein Auge zunächst den Wald nach Spuren von Leben ab, doch zu seiner Beruhigung ist nichts zu sehen. Durstig nimmt er eine Hand voll sauberem Schnee und will das Wasser schlucken, als die unsägliche Kälte den Leib erzittern lässt. Feststellend, dass dies wohl nicht der richtige Weg sei, geht er in die Küche und schnappt sich einen großen Suppentopf. Jenen säubert er zunächst im Schnee und füllt ihn schließlich. Der Topf ist fast ganz gefüllt, als ihn ein grausiges Gefühl erfasst, gleich einem Hauch des kalten Nordwinds, der über seinen Nacken streicht. Dann bemerkt er, dass die Sonne bereits im Begriff ist, gänzlich hinter dem Horizont zu verschwinden. Bereits mit der absonderlichen Natur des Waldes vertraut, beschließt er schnell mit seinem Topf in das sichere Zimmer zurückzukehren. Er verriegelt die Tür und prüft mehrfach, ob sie denn auch wirklich verschlossen sei. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sie zu öffnen, gibt er schließlich zufrieden auf. Sein Blick fällt nun nachdenklich auf den Topf. Zwar hatte er nun ein Behältnis, doch nichts um den Schnee zu schmelzen. Frustriert nimmt er noch eine Hand der kalten Flüssigkeit und geht dann zum Fenster, den Wald nach verdächtiger Aktivität ausspähend. Die Sicht ist getrübt vom langsam aufziehenden Nebel. Beim immer undeutlicher werdenden Anblick des Waldes, erinnert er sich wieder an jene Kreatur, der er im Haus seiner Familie begegnete, die sein Leben verheerte und ihm die letzte Hoffnung nahm. Er erinnert sich an den Schwur den er einst in seinem Tagebuch verfasste, welches er in der Anstalt zurück ließ. Stärke wollte er erlangen und nun sitzt er erneut wie ein verängstigtes Kaninchen in seinem Versteck, hoffend, dass niemand kommt, ihn zu schlachten. Finsternis hüllt seine Gedanken ein und wieder sitzt jenes Wesen in klarer Art in seinem Geist, gleich einem verfluchten Bild, dass den Verdammten auf ewig mit seinem durchdringenden Blick martert. Doch die Angst vor dem Wesen ist gewichen, zu vertraut das Bild des grausigen Antlitzes. Vielmehr erfüllt Hass nun seine Seele, der Wunsch nach Vergeltung. Das

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Raubtier soll fallen, durch seine Hand…

Gerade wendet er sich vom Fenster ab und geht einige Schritte Richtung Bett, da dringt ein markerschütternder Schrei von draußen in sein Ohr, ihn lähmend vor Angst. Minuten vergehen bevor er wieder zu Bewegung fähig ist. Schweiß rinnt an seinem Gesicht herab, ein kaltes Zeichen der Angst. Die Frage nach dem Quell jenes grausigen Geräusches dringt in seinen Geist. Es schien als wäre die Quelle des Schreis weit entfernt und dennoch durchzog ihn selbiger wie tausend Dolche aus Eis. Es war ein Geräusch, welches nur zwei Arten von Menschen je im Leben vernehmen: Mörder und ihre Opfer. Es ist jener letzte Klang einer Existenz, das Aufbäumen des Lebens gegen die Knochenhand des Todes, der es lächelnd anstarrt um es hinüber in das Reich der Schatten zu holen. Oh, kein reines Herz soll je den Schrei vergehenden Lebens vernehmen oder es gefriert zu kaltem Eis! Mit grausig aufgerissenen Augen stolpert der Graf, da seine Beine noch immer nicht Recht dem Willen folgen wollen, zum Fenster hinüber. Entsetzen erfasst ihn, als er erneut jenes unheimliche, weiße Licht im fast undurchdringlichen Nebel wabern sieht. Doch jene Panik, die ihn beim Anblick des selbigen ergreift ist diesmal weit stärker, als in der letzten Nacht. Langsam sinkt er auf die Knie, da ihn die Kräfte verlassen. Die Kehle schnürt sich ihm zu und das Atmen fällt mit jedem Atemzug schwerer. Doch wenngleich der Anblick des Lichtes den Grafen seinen nahen Tod fühlen lässt, so ist er außer Stande, den Blick abzuwenden. Die Welt vor seinen Augen beginnt sich zu drehen, schneller und schneller… bis erneut Schwärze seinen Blick gänzlich einhüllt…

Als der neue Tag hereingebrochen und die unheimlichen Ereignisse beendet sind, erwacht der Graf langsam auf dem Boden vor dem Fenster.

„Wo bin ich? Und was geschah? Bin ich näher dem Leben oder dem Tod?“

Sich erhebend erblickt er das vertraute Zimmer und erinnert sich der Ereignisse der letzten Nacht.

„Des Lebens Feuer brennt längst nicht mehr in meiner Brust und doch so scheint’s will Gevatter Tod mich auch nicht haben. Wie schmerzt mir doch der Leib, als hätt‘ man mir die Knochen entreißen wollen.“

Nachdenklich blickt er aus dem Fenster, den Wald betrachtend, der nun wieder in der alten Stille den Blick ausfüllt.

„Ein seltsamer Ort ist dies… Am Tage herrscht die trügerische Stille… Des Nachts da herrscht der Tod. Noch einmal jenes Licht zu sehen… Nein, dies könnt‘ ich nicht ertragen. Ich muss hier fort!“

Mit jenem Gedanken stürzt der Graf zur Tür und versucht sie aufzureißen. Als dies jedoch nicht gelingt, erinnert er sich, dass er sie verriegelte und dreht mit einem leichten Seufzer den Schlüssel im Schloss. Als er hinaus tritt in das helle Licht des sonnigen Tages, sind seine Augen zunächst geblendet und es braucht einen kurzen Moment um sich daran zu gewöhnen. Als seine Sehkraft jedoch wieder zurückkehrt kann er die Umrisse einer Gestalt erkennen die eilig davon läuft. Doch sie ist bereits zu weit entfernt um genaueres zu sehen. Lediglich das lange rote Haar lässt auf eine Frau schließen.

„Erneut wurde ich gefunden. Die Jagd findet wohl nie ein Ende. Am Tag die Häscher, des Nachts das Licht. Verlassen bin ich Narr, schon ewig, und merke es erst jetzt. Ihr Götter, deren Namen viele sind, warum habt ihr mich verlassen… Ich muss entfliehen.“

Schnell eilt Magnus davon, dann jedoch mit gläsernem Blick bleibt er stehen, versunken in Gedanken, leise mit sich selbst sprechend.

„Was tue ich hier? Erneut will ich fliehen… so wie ich es im Leben zuvor doch immer tat. Immer nur davonlaufen, hoffend, dass meine Beine mich an einen Ort der Ruhe tragen mögen. Doch nun, da alles leer ist und ich nicht weiß, warum ich mich an’s Leben so lange schon klammere, nun da die letzte Ruhe mich verließ… nun ist es mir erlaubt zu sehen. Was schwor ich einst in jenen Tagen, da die Gedanken leer wurden in der Anstalt in Brennbach? Fliehen wollte ich und kämpfen lernen. Geflohen bin ich, nun muss das zweite folgen! An Flucht ist nicht mehr zu denken! Die Welt ist kein Ort der Ruhe… nein… sie ist ein dunkles Tal voll Unrat der versucht die Hänge zu erklimmen.

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Und oben stehen die Tyrannen, lachend und höhnend dem Wunsch der Erhebung… Herniederspuckend auf die Niederen, hoffend dass sie fallen und sich nie mehr erheben mögen… Wer nicht kriechen will in des Tales Schlamm, muss hinauf und sie stürzen, die alten Tyrannen, und ihre Leiber zerreißen, auf dass sich keiner mehr erheben möge… Zu lange schon kroch ich und floh, von Angst genährt, von Schmerz zerfressen… Ich bin es Leid… Nein, nun ist die Zeit gekommen sich zu erheben über der Tyrannen Joch! Die Welt ist kein Hort der Ruhe, nur ein gottloses, dunkles Tal… Und wo die Götter verstarben sei der Mensch sich noch sein eigener Herr!“

Laut brüllt er in den Wald, als würde er jemanden ansprechen, dessen Position ihm nicht bekannt ist:
„Oh hört ihr mich ihr Jäger des Tags und ihr Wesen der Nacht! Nie mehr will ich vor euren gierigen Pranken fliehen! Eher noch reiße ich uns alle ins Grab, als dass ich mich vor euch ergebe! Ihr werdet den Tag verfluchen, als Schwarzherz in euer Leben trat!“

Zorn färbt sein Gesicht rot, welches, verzerrt von Hass, ein Spiegel seiner Seele ist. Doch kaum hat er seine Ansprache an den Unsichtbaren beendet, kehrt Frieden in die Gesichtszüge des Grafen zurück. Ein kurzer Seufzer dringt über seine Lippen, dann wendet er sich wieder dem Haus zu.

„So wird der Gejagte zum Jäger. Doch wer jagen will, braucht der Waffen viele. In diesem Haus muss es doch etwas geben, was mir behilflich sein kann…“

Mit diesem Gedanken geht er ruhigen Schrittes wieder zurück und um das Haus herum, dabei die seltsame Nordseite des Gebäudes auf Eingänge untersuchend. Doch schnell kommt er zu dem Schluss, dass es wohl nur zwei Wege hinein zu geben scheint: das Loch im Dach oder ein Weg durch das innere des Hauses. Da er keine Möglichkeit sieht, dass Dach zu erreichen, beschließt er seine Untersuchung im Inneren des Hauses fortzusetzen. In der Eingangshalle angekommen, kommt ihm gleich wieder in den Sinn, dass die Empore beschädigt ist und damit das Erreichen jener Tür, die in die Nordseite zu führen scheint, nur schwer möglich sein wird. Nachdenklich geht er nach oben und betrachtet das Loch. Ein trainierter Mensch könnte es sicher mit entsprechendem Anlauf überspringen, doch der Graf ist sich sicher, bei diesem Versuch nur eine unnötige Verletzung zu riskieren. So denkt er nach, wie er denn hinüber käme. Schnell wird ihm klar, dass er etwas zum hinüberklettern benötigt und so beginnt er in den Räumen des Hauses nach einem geeigneten Hilfsmittel zu suchen. In einer kleinen Abstellkammer der Küche findet er schließlich eine Leiter, welche gerade lang genug zu sein scheint, um sie als Brücke verwenden zu können. Er nimmt sie mit und trägt sie zum Loch. Vorsichtig legt er sie als Brücke über den Abgrund und betrachtet etwas skeptisch sein Werk, da die Leiter doch schon recht alt zu sein scheint und möglicherweise brechen könnte. Doch etwas anderes konnte er nicht finden. Somit muss die Leiter als Brücke genügen. Etwas unsicher klettert er auf allen Vieren über die Leiter, erreicht jedoch ohne Probleme die andere Seite. Erfreut darüber, diese Hürde genommen zu haben, blickt er noch einmal zurück und wendet sich dann der vor ihm liegenden Tür zu. Vorsichtig öffnet er sie. Zunächst dringt ihm der bekannte Rußgeruch in die Nase, doch schnell bemerkt er selbigen nicht mehr. Der Raum erstreckt sich über zwei Etagen und so muss der Graf zunächst eine kleine Leiter hinab steigen. Jener Raum ist geformt gleich einer Kugelhälfte. Der Großteil ist jedoch schwarz und durch ein Feuer zerstört worden. Allerlei Regale stehen an den Wänden, mehrere Tische mitten im Raum. Erstaunt betrachtet der Graf die runde Decke, denn an jenen Stellen, die nicht verbrannt sind, sind Zeichnungen aus Linien und Punkten zu erkennen. Im Zentrum befindet sich eine seltsame Maschinerie mit einem Stuhl, die bis zur Decke und scheinbar auch hindurch reicht. Von der Maschine aus, durchzieht eine Art langer Spalt die Decke, von der Mitte bis zum Rand. An einigen Stellen befinden sich runde Öffnungen in der Kuppel. Hinter selbigen erkennt er Fenster. Jene sind von außen zu erkennen und lassen genügend Licht herein scheinen, doch von außen ist nichts von der seltsamen Konstruktion zu erkennen. Verwundert bemerkt der Graf, dass die Decke zwar verbrannt, aber ansonsten unbeschädigt ist. Von außen jedoch, fehlte ein Großteil des Daches. Auch scheint der Raum von innen niedriger zu sein, als das Gebäude von außen erscheint. Wer auch immer hier residierte, wollte jenen Raum verstecken, wenngleich dem Grafen nicht wirklich

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ersichtlich wird, wozu er dient. Er untersucht die Tische, die übersät sind mit verkohltem Papier und seltsamen Geräten. Dennoch sind auch einige unbeschädigte Papiere inmitten des Durcheinanders zu finden. Darauf geschrieben sind Worte in dem Grafen unbekannten Sprachen und Zeichnungen, deren Sinn sich ihm ebenso entzieht. Nur bei einigen sind kleine Anmerkungen zu finden, die darauf hinweisen, dass jemand hier wohl Forschungen betrieb. Dann wendet sich der Graf der komischen Maschine zu. Zunächst betrachtet er misstrauisch das metallene Ungetüm, doch schnell überkommt ihn die Neugier und er nimmt in dem daran installierten Sitz Platz. Eine feines Rohr befindet sich auf Augenhöhe. Vor ihm entdeckt er allerlei Hebel und Räder. Mit einiger Kraft bewegt er einen der Hebel, woraufhin ein lautes Quietschen durch die Maschine geht. Erschrocken bemerkt er, dass sich die Konstruktion zu bewegen scheint. Bei genauerer Betrachtung erkennt er, dass der Hebel den Teil der Maschine in der Decke innerhalb des Spaltes bewegt. Im Anschluss dreht er an einem Rad. Doch wenngleich Geräusche darauf hinweisen, dass in der Maschine etwas geschieht, so ist ihm doch nicht klar, was genau. Dann nimmt er das Rohr in Augenschein. Es scheint durch ein Stück Glas verschlossen zu sein. Jedoch ist nichts zu erkennen, da ein grelles Licht hindurch scheint. Magnus erhebt sich nun von dem Sitz und schaut sich erneut im Raum um. Da bemerkt er eine Falltür in einer Ecke des Raumes.

„Wenn derlei hier oben ist, wer weiß welche Kuriositäten mich dort unten erwarten.“

Es kostet ihn einige Kraft die schwere Falltür anzuheben, doch es gelingt ihm und er klettert über eine kleine Leiter nach unten. Nur wenig Licht von oben scheint herunter und so ist es dem Grafen kaum möglich etwas zu erkennen. Neben ihm steht jedoch ein Tisch, mit einigen Schubfächern. Auf selbigem steht eine Öllampe in der auch noch etwas Öl zu sein scheint. Die Schubkästen sind leer, doch in einem liegt ein einzelnes Feuerzeug. Verwundert derlei hier zu finden nimmt er es heraus und entzündet die Lampe. Ein sanftes Licht erhellt nun den Raum, welcher sich direkt unter dem obrigen befindet. Vor dem Grafen erstreckt sich eine gewaltige Maschinerie aus metallenen ineinandergreifenden Zahnrädern. Davor befindet sich ein großes Rad aus Metall, daneben ein seltsamer Plan mit einem Rad in der Mitte und einigen Zeichen am Rand. Auf dem Metallrad befindet sich ein farbiger roter Strich der nach oben zeigt. An dem Rad auf dem Plan befinden sich sehr viele Striche. An jedem stehen verschiedene Daten. Lediglich am obersten Strich steht zusätzlich „Ausgang“. Um herauszufinden, wozu jene Gerätschaft dient, versucht der Graf das Rad zu drehen, doch es rührt sich nicht. Er überlegt kurz und versucht es erneut, nun jedoch mit mehr Kraft. Langsam dreht sich das Rad und bringt die Maschinerie in Bewegung. Erschrocken blickt er nach oben und stellt fest, dass sich die Decke dreht. Auch dringt kein Licht mehr durch die Falltür. Schnell stellt der Graf fest, dass dieser Mechanismus dazu dient, den Raum zu drehen. So dreht er das Rad wieder in seine Ausgangsposition zurück und Licht dringt wieder schwach durch die Luke. Äußerst aufgeregt über seine Entdeckung, steckt er das Feuerzeug ein und löscht dann die Lampe, die er ebenfalls mit nach oben nimmt. Im Anschluss untersucht er die Regale, in der Hoffnung, einige unversehrte Bücher zu entdecken. Es dauert Stunden, bis er alles Lesbare zusamengesammelt und in sein kleines Zimmer getragen hat. Die Leiter verwahrt er vorsichtshalber ebenfalls dort. Die Sonne steht bereits tief. Hungrig von der Arbeit isst der Graf noch etwas von dem Brot und trinkt ein wenig von dem nun endlich geschmolzenen Schnee in seinem Topf. Dann geht er zum Fenster hinüber und blickt misstrauisch in den Wald, um zu sehen, ob jemand sein Treiben bemerkte. Und tatsächlich sieht er eine Bewegung zwischen den Bäumen. Da ihm nicht mehr der Sinn nach Verstecken steht, geht er hinaus, hoffend den Herumschleichenden endlich stellen zu können.

„Wohlan, wer auch immer sich dort hinter dem Baum zu verstecken versucht, er trete hervor. Eure Tarnung ist aufgeflogen, ihr wurdet erkannt. Nun stellt euch mir!“

Doch keine Reaktion ist zu vernehmen. So eilt der Graf zu jenem Baum, hinter dem er den Versteckten sah. Jener versucht, als er den Grafen bemerkt zu entfliehen, doch gelingt es Magnus ihn am Arm zu packen.

„Nun habe ich dich, elender Spion. Jetzt zeige dein Gesicht.“

Zunächst bleibt die Gestalt dem Grafen abgewandt, den Kopf unter einer Kapuze verbergend. Dann

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jedoch wendet sie sich ihm zu, nimmt die Kapuze herunter und entblößt langes rotes Haar.

Erschrocken sucht Magnus nach Worten, als er bemerkt, dass der vermeintliche Spion eine junge Frau ist. Eine edle Blässe erfüllt ihre Haut, ihr Antlitz ist von feinster Symmetrie. Gleich zwei Eiskristallen blicken die hellblauen Augen den Betrachter an. Ein Künstler würde meinen, sie sei eine herausragende aber keusch anmutende Schönheit. Schrecken und Furcht überzieht ihr Gesicht und sie wagt es kaum den Grafen anzuschauen.

„Verzeiht mein Herr. Es war dreist und unangemessen euch zu beobachten.“

„Hast du mich auch gestern und heute morgen beobachtet?“

„Ja, mein Herr, es tut mir Leid.“

Erleichterung macht sich im Herzen des Grafen breit, als ihm gewahr wird, dass nicht die Häscher ihn jagten, sondern dies Mädchen ihn beobachtete. Er lässt von ihrem Arm ab, da sie wohl nun nicht mehr flüchten würde, und spricht beruhigend zu ihr.

„Fürchte dich nicht. Es liegt mir fern, dir Leid zuzufügen. Doch sprich, wer bist du und woher kommst du und was führt dich an diesen abgelegenen Ort?“

„Meine Name ist Marie, mein Herr, und ich lebe mit meinen Eltern auf einer Farm, nicht all zu weit von hier entfernt. Ich komme lediglich hier her, da mich eure Anwesenheit hier verwunderte. Alle anderen meiden den Wald der Stille für gewöhnlich.“

„Meine Anwesenheit hier verwunderte dich? Wann hast du mich denn hier zum ersten mal bemerkt?“

„Nun, als ich euch bewusstlos in der Küche liegen sah. Erst dachte ich, ihr wärt tot, doch als ich näher heran ging, bemerkte ich, dass ihr noch geatmet habt. Eurer Erscheinung zufolge hattet ihr eine lange Reise hinter euch. Ich wollte euch helfen, doch fürchtete ich, ihr könntet womöglich gefährlich sein. So ließ ich euch den Brotleib da und floh schnell nach Hause.“

„Du hast mir das Brot gebracht? Ich stehe tief in deiner Schuld, du rettetest mir damit das Leben.“

„Das ist doch selbstverständlich mein Herr…“

„Nun, werte Marie, da ich euren Namen kenne, gebietet die Höflichkeit euch den meinen zu nennen. So sollt ihr mich als… Magnus kennen.“

Die Unsicherheit verlässt das Mädchen, als sie bemerkt, dass der Graf ihr nichts tun will. Mit einem leichten Lächeln blickt sie auf. Ihre blauen Augen treffen auf des Grafen Blick, welcher ein gänzlich ungewohntes Gefühl in sich verspürt, als er sich in deren Tiefe verliert.

„Es freut mich sehr eure Bekanntschaft zu machen, Herr Magnus.“

„Wenn dich dein Weg erneut hier her führt, so wäre es schön, wenn du dich direkt zeigen würdest. Versteckspiele bereiten mir momentan… leichtes Unbehagen.“

„Ich würde euch gern erneut besuchen, Herr Magnus. Ich würde so gern hören, was euch an diesen Ort führte. Ich bringe euch dann auch wieder etwas zu essen mit. Doch nun muss ich entschwinden. Die Eltern warten sicher schon und sind sehr streng…“

Den langsam beginnenden Sonnenuntergang betrachtend sagt der Graf:
„Ja, das scheint mir im Moment als die beste Option. Los, eile, werte Marie, und lass die Eltern nicht warten.“

Im Anschluss eilt das Mädchen mit einem Lächeln davon, bleibt nach einigen Metern kurz stehen, und wendet sich dem Grafen noch einmal winkend zu.

„Bis morgen, Herr Magnus!“

Dann entschwindet sie. Der Graf deutet eine kurze Handbewegung an, verliert sich jedoch schnell wieder in der Verwunderung über die Situation. Dann kehrt er in sein Zimmer zurück und widmet sich den neu entdeckten Dokumenten und Büchern. Als er jedoch bemerkt, dass die Sonne im Begriff ist, unterzugehen, verkriecht er sich in seinem Bett mit dem Gedanken, nicht vor Sonnenaufgang auf die Dinge außerhalb des Hauses zu achten. Schnell entschwindet er in das Reich der Träume.

Ein neuer Tag erwacht, den Wald in ein heilig goldenes Licht tauchend. Der Graf verbrachte eine

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angenehme Nacht und fühlt sich nun zu Genüge gestärkt um den neuen Tag zu begehen. Euphorisch tritt er an das Fenster und blickt hinaus auf das morgendliche Spektakel.

„Schau an, so garstig kalt das Licht gewesen sein mag, seine Macht zieht es aus Beachtung. Solange ich ihm selbige nicht schenke, soll es mir, so scheint es, nicht schaden können. Ich sollte zu gegebener Zeit die Fenster die nach Süden zeigen mit irgendetwas verdecken. Doch nun erwartet mich Lektüre! So viel Wissen, nur darauf wartend, mir Erleuchtung zu schenken, liegt hier ausgebreitet vor mir. Doch zur Lektüre bedarf es der rechten Umgebung. Dies stickige Zimmer lässt keinen Raum für freie Geister.“

Mit diesem Gedanken geht der Graf hinab in das Esszimmer und befindet es als geeigneten Raum für seine Studien. Allein der Zustand, in dem es sich noch befindet, ist der Tätigkeit nicht angemessen. Zunächst öffnet er die alten Fenster, auf das der verbrannte Geruch alter Zeiten hinaus wehe. Erfrischend dringt die frische Morgenbrise in seine Nase, belebend und erquickend zugleich.

Voll Freude ruft er in den Wald:

„Oh lieblich gold’ner Morgen! Frohlocken lässt du jeden, der deine Heiligkeit erkennen mag! Oh höre, dass Graf Magnus dir danken will für die Freude deines Anblicks!“

Einige Minuten noch blickt der Graf frohen Mutes hinaus in den jungen Wintertag. Dann wendet er sich vom Fenster ab und geht nachdenklich hinauf zu seinem Zimmer.

„Graf Magnus… Wohlan, ich war ein Graf und war’s doch nicht. Der Graf, er war ein and’rer, er starb in jener Schicksalsnacht. Von nun an bin ich frei. Frei von Namen und Verpflichtungen… so soll der Graf in Frieden ruhen. Und wenn ich wieder dienen will, dann dien‘ ich wohl der Sonne, die der Welt solch einen Morgen schenkt.“

Zufrieden lachend nimmt er einige der Manuskripte und Bücher aus seiner Sammlung und trägt sie hinab auf den alten Esstisch. Es scheint, dass sie alle mit der seltsamen Maschine, die er am Vortag entdeckte, zu tun haben und so widmet er sich umgehend dem Studium der selbigen, hoffend, endlich herausfinden zu können, wozu der Nordteil des Hauses dient. Die Stunden verrinnen, von Magnus unbemerkt. Zunächst sind die Aufzeichnungen verwirrend, doch im Zusammenhang betrachtet, wandelt sich langsam das Gemälde der Erkenntnis von einer groben Skizze immer mehr zu einem farbigen Abbild der Welt. Dann endlich, als die Sonne dem hohen Stand des Mittags entgegen geht, blickt er auf und sagt nur:

„Bemerkenswert…“

Da bemerkt er plötzlich eine Stimme, welche von draußen zu kommen scheint und welche seinen Namen ruft. Verwundert horcht er auf. Doch schnell erinnert er sich seiner Bekanntschaft vom Vortag.

„Sollte sie es sein? Mir scheint’s so. Dass sie sich erneut hier her wagt… Doch ich will sie nicht warten lassen.“

So erhebt sich der Graf von seinem Stuhl und tritt hinaus, wo ihn bereits Marie mit einem Korb, welcher von einem Tuch bedeckt ist erwartet. Freudig winkt sie ihm zu.

„Da seid ihr ja, Herr Magnus. Fast schien es, als wärt ihr schon entschwunden.“

„Ich war vertieft in Studien und muss gestehen, ich dachte nicht, dass du wirklich zurückkommen würdest. Doch um so mehr ehrt mich dein Besuch.“

Höflich verbeugt sich Magnus vor seinem Gast, doch Marie blickt nur verlegen zu Boden.

„Ach ach… Ihr seid wahrlich der erste, der meine Anwesenheit als Ehre empfindet.“

„Die Anwesenheit meiner Retterin sollte doch Grund für derlei sein. Ich würde dich ja gern herein bitten, allein, die Tür hängt ja ohnehin nur noch zum Teil in den Angeln. Auch sieht es mit der Bewirtung recht mager aus. So muss ich um Verzeihung bitten.“

Marie jedoch kichert nur und erwidert:

„Ihr müsst euch nicht entschuldigen. Mir scheint, es ist ja nicht mal euer Haus. Und um die Bewirtung kümmere ich mich.“

Ein lautes Knurren dringt auffällig aus Magnus Magen. Marie muss laut los lachen. Zunächst ist der Graf über die Unbeherrschtheit seines Magens verlegen, doch dann stimmt er in das Gelächter mit

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ein. Dann gehen beide in das Esszimmer und setzen sich an den Tisch.

Der Graf ist recht ausgehungert und so in Anbetracht der auf dem Tisch ausgebreiteten Speisen nicht wirklich in der Lage, sich auf irgendwelche Erklärungen zu konzentrieren. Schweigend verzehrt er die Dinge, die Marie ihm mitgebracht hat. Sie jedoch sitzt nur vergnügt lächelnd mit auf dem Tisch aufgestützten Armen daneben und beobachtet Magnus, der einem hungrigen Wolf gleich die Nahrung herunterschlingt. Nachdem er seinen Appetit gestillt hat, bemerkt er sein nicht sonderlich angebrachtes Verhalten und entschuldigt sich bei seinem Gast. Doch Marie lacht nur vergnügt.

„Sagen sie, Herr Magnus, was genau studierten sie denn, als ich sie vorhin rief.“

„Wenn ich ehrlich bin, so kann ich das selbst nicht so recht sagen. Es handelt sich um Aufzeichnungen, welche ich in diesem Haus hier fand und welche aufgrund ihres mysteriösen Wesens eine gewisse Anziehungskraft auf mich ausüben.“

Erst jetzt bemerkt Marie den Stapel mit Papieren und Büchern, der neben dem Grafen steht. Neugierig nimmt sie ein Blatt und betrachtet die absonderlichen Linien. Langsam wendet sie das Blatt nach links, dann nach rechts, stellt es auf den Kopf und muss dann seufzend bemerken:
„Ach, von solchen Dingen verstehe ich nichts und hätte wohl auch nicht die Nerven die enthaltenen Weisheiten zu entziffern. Doch bin ich ja nur ein armes Bauernmädchen…“

Belehrend bemerkt der Graf:

„Du solltest nie zu früh solche Aussage treffen, denn zumeist ergründet der Mensch sein Wesen und seine Fertigkeiten erst im Angesicht jener Situation in der er, das Alte hinter sich lassend, seiner wahren Stärke bedarf. Anbei bemerkt meine Liebe, ist niemand, wozu er geboren ward.“

Verwundert blickt Marie den Grafen an, die Hände unsicher in den Schoß gelegt.

„Das letztere müsst ihr mir erklären, Herr Magnus.“

Nachdenklich blickt der Graf nun hinüber zum Fenster und scheinbar hinaus, doch sein Blick gilt Dingen fern der körperlichen Welt.

„Die Gelehrten tun oft weise, predigend, dass ein jeder durch göttliche Fügung seine Bestimmung im Leben erhalten und somit sich den damit verbundenen Rechten und Pflichten unterwerfen müsse. Es mag sein, dass einst in frühen Zeitaltern, da die Menschen eins mit sich und der Welt waren, dies durchaus zutraf. Doch die Welt hat sich verändert und die Menschen mit ihr. Die Götter haben längst uns schon verlassen… Und wenn die Götter fern sind, ist letztlich nur das wahllose Zusammenfügen, das Chaos, der Vater aller Dinge. Es fügt ohne Sinn, ohne Verstand… doch es macht frei. In der Welt in der die natürliche Fügung keine Legitimität mehr besitzt, ist ein jeder seines eig’nen Glückes Schmied.“

Marie jedoch verstand nur einen Teil und blickt den Grafen nun verwundert an.

„Ihr drückt euch recht verwirrend aus, Herr Magnus…“

Der Geist des Grafen kehrt in das Esszimmer des alten Hauses zurück. Lächelnd blickt er Marie an und gibt zur Antwort:

„Du bist, wozu du dich machst. Und du kannst gewissermaßen alles sein.“

Verträumt blickt Marie, die Hände an die Brust gelegt zum Fenster.

„Ach, wenn es doch wäre, wie ihr es sagt. Wenn ich sein könnte, was ich ersehnte, ich wäre wohl eine Prinzessin wie in den vergangenen Tagen. Obwohl… Ach, es genügte mir ja auch weniger… Ein Leben als Gräfin vielleicht…“

Ein wenig erschrocken entgegnet Magnus schnell:

„Ach, die Menschen sehen das Leben eines Grafen als weit romantischer als es ist. Es gibt sicherlich weit angenehmere Lebensweisen…“

Mit leuchtenden Augen blickt Marie ihn an. Eine gewisse Beunruhigung dringt nun in sein Gemüt.

„Was ist mit euch? Warum… starrt ihr mich so an?“

Doch Marie bringt nur stammelnd hinaus:

„Ihr… ihr…“

Schweiß rinnt langsam, aus Angst enttarnt zu sein, seinen Hals hinab. Doch da sammelt sich Marie

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und fragt:

„Ihr kennt einen Grafen?“

Merklich erleichtert bemerkt Magnus:

„Nun, sagen wir, ich kannte einen solchen. Doch ich habe ihn seit einiger Zeit nicht mehr gesehen…“

„Bitte verzeiht, doch es verwundert mich ja doch, dass ihr einen echten Grafen kennt. Es wirkt irgendwie befremdlich. Doch was mein Gemüt eigentlich bewegt, Herr Magnus, ist eure Geschichte. Es ist ja doch verwunderlich hier jemanden zu finden und dann noch in solch einem Zustand. Ich möchte nicht dreist erscheinen, doch es würde mich wirklich sehr interessieren.“

Die Frage nach seiner Vergangenheit macht den Grafen recht betroffen. Trübsinnig versucht er ihrem erwartungsvollen Blick auszuweichen. Um sie jedoch nicht zu grämen, erklärt er:
„Bitte verzeih, doch diese Geschichte kann ich dir nicht berichten. Sie ist voll unschöner Begebenheiten, welche wahrlich nicht für das Ohr eines Fräuleins geeignet scheinen. Doch wenn die Zeit einst reif dafür sein soll, frage mich erneut. Ich will dir alles erzählen.“

Enttäuscht blickt Marie zur Seite, seufzt leise und sagt dann:

„Ach ach, Herr Magnus. Das finde ich ja sehr schade und auch betrüblich. Euch müssen große Greuel widerfahren sein.“

Kaum hat sie diese Worte beendet, wendet sie sich jedoch wieder voll Inbrunst Magnus zu, welcher recht überrascht über ihre schnelle Bewegung ist. Sie kniet sich vor ihn und umschließt sein Hände mit den ihren. Euphorisch spricht sie:

„Fürchtet euch nicht, Herr Magnus! Ich bleibe bei euch und werde acht geben, dass euch nicht erneut solch Leid widerfährt!“

„Aber… Ich habe doch gar nichts erzählt… Woher willst du denn Wissen, dass ich Schutz bedarf? Ich könnte auch ein aus einer Anstalt entflohener Verrückter sein…“

Heftig schüttelt sie ihren Kopf und blickt tief in seine Augen:

„Nein, ihr seid kein böser Mensch. Ich spüre so etwas und ich kann es in euren Augen sehen. Sie sind recht sonderbar, das gebe ich zu. Sie glänzen violett gleich zwei Amethysten. Und doch liegt in ihnen viel Güte und viel vergangener Schmerz. Und auch etwas Verborgenes, was ihr nicht preisgeben könnt… oder wollt, da ihr es selbst noch nicht wisst.“

Beunruhigt durch ihre treffende Aussage, versucht der Graf ihrem Blick auszuweichen und mit sanften Worten ihre Sorgen zu beschwichtigen.

„Sorge dich nicht, werte Marie. Wir kennen uns ja kaum. Und wenn, so müsste doch ich auf dich acht geben, nachdem du mein Leben gerettet hast.“

Marie hat wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen und erklärt:

„Ach, das war eher eine Sache des Zufalls. Für gewöhnlich bin ich in diesem Wald nicht unterwegs, er liegt ja recht abseits. An jenem Tag, da war ich gerade auf dem Weg nach Kolo im Norden, um eine Freundin zu besuchen. Mitten auf der Straße tauchte plötzlich ein seltsamer Mann mit langem weißem Haar auf, der meinte, dass an der alten Villa im Wald der Stille jemand dringend Hilfe braucht. Ich bin sofort losgerannt… Als ich ankam, habe ich erst vorsichtig gespäht, da ich nichts erkennen konnte. Mir kam erst da in den Sinn, dass dies womöglich eine Fall sein könnte. Immerhin war es ja doch recht seltsam, dass der seltsame Mann mich hier her schickte, statt selbst zu helfen. Auch wirkte er seltsam ruhig… im Vergleich zu mir… Oh, wie schlug mein Herz, als ich euch plötzlich im Eingang der Küche liegen sah.“

Verwundert antwortet der Graf:

„Das ist wahrlich eine seltsame Begebenheit. Doch wer sollte derlei tun? War es womöglich jemand, den ich kannte, der jedoch den Kontakt zu mir scheute…?“

Nachdenklich mustert der Graf den Tisch, als würde die Antwort auf seine Frage irgendwo zwischen den Papieren liegen. Dann wendet er sich jedoch wieder Marie zu.

„Nein… Mir ist nicht bekannt, wer dies gewesen sein könnte. Doch, warum hast du dich erst so spät meinen Augen gezeigt?“

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Verlegen blickt Marie nun zur Seite und versucht zu erklären:

„Ach… Der Gedanke, ihr könntet wohl doch gefährlich sein, spukte lange in meinem Kopf herum. Ich war hin und her gerissen… wollte euch helfen… doch ich fürchtete mich. So beschloss ich, euch den Korb da zu lassen, mich selbst aber zu verstecken.“

Verständnisvoll entgegnet der Graf:

„Nun, mir scheint, dies war durchaus wohl durchdacht. Ich muss gestehen, in deiner Situation wäre wohl die Furcht mein allein’ges Leitmotiv gewesen… wie all die Zeit zuvor… Doch Sorge dich nicht. Du sollst es nicht bereuen, deine Furcht vor mir überwunden zu haben.“

Zur Antwort lächelt Marie den Grafen nur verlegen an. Dieser schaut noch einmal zum Fenster und hinaus in die Welt. Die Sonne steht noch hoch am Himmel. Es bleibt folglich noch einige Zeit. Magnus beginnt nun Marie ein wenig zu ihrer Person zu befragen. Sie erklärt, dass ihre Eltern einen Hof in der Nähe besitzen und in einem bescheidenen Wohlstand leben. Die meiste Arbeit, die anfällt, erledigen angeworbene Tagelöhner. Doch die Eltern sind sehr streng und bestrafen sie bereits für Kleinigkeiten. Auch muss sie bei der Arbeit helfen, obwohl diese auch problemlos durch die Arbeiter erledigt werden könnte. Eigentlich ist es ihr nicht erlaubt den Hof zu verlassen. Sie hat jedoch auch eine jüngere Schwester, welche von den Eltern bevorzugt wird. Dennoch neigt diese dazu, gern einmal heimlich nach Einbruch der Dunkelheit zu verschwinden. Marie beobachtete sie einmal dabei. Da ihre Schwester jedoch nicht zulassen konnte, dass die Eltern davon erfahren, schlug sie Marie einen Handel vor. So würde sie, wenn sie denn einmal am Tag fortging, den Eltern sagen, dass sie Marie mitnehmen wollte. Dann gehen sie ein Stück gemeinsam, solange sie in Sichtweite sind und gehen dann getrennte Wege. Des Abends trifft man sich in sicherer Entfernung und kehrt wieder zurück. Auf diese Weise ist Marie zumindest ein wenig Freiheit vergönnt. Auch wenn diese nur auf Erpressung beruht. Magnus lauscht ihren Worten still mit einer gewissen Betroffenheit. Dann berichtet sie von allerlei Begebenheiten aus dem Alltag, denen der Graf noch immer voll Interesse lauscht.

Die Zeit verrinnt und Magnus bemerkt, dass das Licht der Sonne seine Farbe verändert hat. Nachdenklich blickt er hinaus. Marie bemerkt seine Anspannung und tut es ihm gleich.

„Oh je, wie schnell doch die Zeit verinnt. Die Sonne wird wohl bald untergehen… Ich werde mich also wieder auf den Heimweg machen müssen, denn die Schwester muss vor Sonnenuntergang wieder daheim sein und ich folglich auch.“

Magnus nickt ihr leicht zu.

„Ja, das scheint das beste zu sein. Die Sonne wird wohl bald Bruder Mond das Feld überlassen und dunkle Wälder sind wahrlich nicht der rechte Ort für einen Spaziergang.“

So nimmt Marie ihren Korb, verabschiedet sich und geht. Der Graf schaut ihr noch nach, bis sie dem Blick entschwunden ist. Dann kommt ihm wieder in den Sinn, dass er noch etwas vor Einbruch der Dunkelheit tun muss. So begibt er sich wieder in das Haus. Er durchsucht einige Schränke und findet letztlich ein altes Laken. Mit selbigem geht er zurück in das kleine Zimmer und hängt das Fenster zu. Anhand der Dunkelheit im Raum stellt er zufrieden fest, dass er wohl nun vor den Lichtern des Waldes geschützt ist. Anschließend geht er nach unten und sammelt die Schriften ein. Dabei bemerkt er, dass es wohl sinnvoll wäre, die Haustür zu reparieren, bzw. zu verschließen. Dann müsste er nicht mehr Angst vor nächtlichen Gästen haben. In seinem Zimmer platziert er die Schriften auf dem Schreibtisch, nimmt jene hervor, die er vor Maries Ankunft studierte und widmet sich selbiger noch ein wenig im warmen Licht der Lampe. Dann überkommt ihn die Müdigkeit und er begibt sich zu Bett.

Der Graf schläft tief, doch unruhig. Ein finsterer Traum martert seinen Geist. Er befindet sich inmitten eines Flammenmeers, Blut klebt an Händen und Kleidung, der Boden ist übersät mit unzähligen Leichen. Eine leise Stimme scheint ihn zu rufen… fremd und unverständlich… doch er weiß, dass ihre Botschaft von Zerstörung handelt… Plötzlich steht Marie vor ihm, ihre Augen sind voll Entsetzen aufgerissen, sie fleht ihn an, sie zu verschonen… Er stürmt voll Mordlust auf sie zu… Doch plötzlich schallt eine ohrenbetäubende Stimme in seinem Kopf: Erwache!

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Schweißgebadet erwacht der Graf in seinem Bett und blickt sich erschrocken um. Als er bemerkt, dass dies alles nur ein Traum war, lässt er sich erschöpft zurückfallen. Diese Stimme kam ihm sehr vertraut vor… Es schien, als hätte Lady Creanna, seine gute Freundin aus früheren Zeiten, gerufen.

„Welch finst’rer Mar suchte mich heim… Oh, wie mir scheint, war dies mehr als nur die dunklen Gelüste nächtlicher Kreaturen nach menschlicher Pein. Wie’s scheint, war’s mehr Vorahnung als Traum…“

Langsam erhebt er sich nun von seinem Lager und isst einen Bissen zur Stärkung. Anschließend sammelt er unter dem Einfluss eines Gefühles tiefer Unruhe, welches der Traum in sein Herz brannte, die Schriften, die er zu studieren wünscht, zusammen und begibt sich wieder nach unten in das Esszimmer. Voll Inbrunst vertieft er sich erneut in die Schriften, doch noch immer sind sie mehr Mysterium als Quell der Weisheit. Doch wie es scheint, besteht zwischen ihnen allen ein Zusammenhang. Die Stunden verrinnen, während des Grafen Geist sich in den Geheimnissen der Schriften verliert. Erst als eine Hand sanft auf seine Schulter tippt, kehrt er in das gegenwärtige Sein zurück. Langsam wendet er den Kopf zur Seite und erblickt Marie die lächelnd neben ihm steht. Sie hat wieder einige Leckereien in ihrem Korb mitgebracht, welche auch sogleich bei einem Tischgespräch verzehrt werden.

Die Tage vergehen, meist nach dem selben Muster. Magnus widmet sich gänzlich den Schriften. Lediglich die Unterhaltungen mit Marie, welche ihn nun fast täglich besucht, scheinen ihn außer selbigen noch zu faszinieren. Die Nächte sind ruhig. Weder das Licht noch weitere böse Träume martern den Grafen. Marie beginnt im Haus und speziell in der Küche Ordnung zu schaffen, welche der Graf seit seiner Ankunft weiter vermodern ließ. Nach etwa einer Woche ist das Haus wieder in einem einigermaßen annehmbaren Zustand. Die Eingangstür verschließt Magnus durch eine notdürftige Befestigung des fehlenden Türflügels, welche jedoch eine weitere Nutzung des selbigen verhindert. Somit ist das Haus nun nur noch über die Küche zu betreten. Glücklicherweise besitzt die Küchentür einen Schlüssel. Der Graf genießt den Umstand, nicht mehr allabendlich die Schriften wieder in sein Schlafgemach tragen zu müssen. Lediglich das Loch im Vorraum des Hauses ist irreparabel, doch ist selbiges durch das ruhige Winterwetter nicht weiter tragisch.

Nach einigen Wochen des Studiums erkennt der Graf ein gewisses System in den Schriften. Auch ergründet er das Geheimnis der seltsamen Konstruktion im Nordteil des Hauses. So handelt es sich dabei um eine Sternwarte, welche sich je nach Datum ausrichten lässt. Die meisten der Zeichnungen beschreiben Sternenkonstellationen. Mit seinem neuen Wissen gewappnet verbringt er nun immer mehr Zeit im Observatorium um auch den Zweck jener Beobachtungen ergründen zu können. Die Tagen vergehen einheitlich… bis zu jenem Tag, da der Himmel plötzlich von dunklen Wolken verhangen ist. Der Winter zeigt sein grausames eisiges Antlitz.

Knisternd erfüllt das Feuer im großen Kachelofen des Esszimmers den Raum mit Wärme. Wie all die Tage zuvor sitzt Magnus wieder über die Schriften gebeugt am Tisch. Er hebt langsam den Kopf und blickt mit sorgenvoller Miene durch das geputzte aber heute geschlossene Fenster. Bereits vor Stunden begann es zu schneien und es wird stetig schlimmer. Nachdenklich erhebt er sich und begibt sich in die Küche um nach Marie zu schauen. Diese ist gerade damit beschäftigt eine Suppe zuzubereiten. Wenngleich nur eine einfache Gemüsesuppe, so verfällt der geschundene Graf angesichts des den Raum ausfüllenden Geruches in freudige Erwartung. Marie summt vor sich hin und bemerkt den in der Tür stehenden Magnus nicht. Erst als dieser zu ihr geht und ihre Hand ergreift, wendet sie sich ihm erschrocken zu.

„Oh, ihr seid es. Wie habt ihr mich doch erschreckt.“

Magnus nimmt ihre Hand sanft in die seinen und beginnt mit sorgenvollem Blick zu sprechen.

„Werte Marie, ich genieße deine Anwesenheit hier wahrlich und weiß auch noch nicht recht, wie ich dir all die Güte, die du einem geschundenen Landstreicher wie mir zuteil werden lässt, jemals zurückzahlen kann. Allein, das Wetter sorgt mich sehr. Der Schneefall wird stetig stärker und ich

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würde es nicht erlauben dich in einem eis’gen Sturm gen Heimat zu schicken. So muss ich darauf hinweisen, dass es wohl angebracht wäre, wenn du heute einmal früher die Heimreise antreten solltest.“

Marie blickt mit ihren blauen Augen zum Fenster und bemerkt nun auch das Schneetreiben. Dann wendet sie sich jedoch wieder dem Grafen zu und blickt verlegen auf ihre von Magnus umfasste Hand.

„Ja, ihr habt Recht. Es schneit wirklich. Aber ich denke, zu gegebener Zeit wird sich das Wetter beruhigen. Oder wollt ihr lediglich, dass ich gehe, und schiebt das weiße Flockenspiel als Begründung vor…?“

„Mitnichten, meine Teure. Doch nach den Dingen, die du von deine Eltern zu berichten wusstest, mache ich mir ernsthafte Sorgen, was geschehen würde, wenn du dich dem Sturm aussetzen müsstest oder wenn deine Heimkehr Verzögerung fände.“

Schweigend, versucht blickt sie weiter auf ihre Hand, hebt dann jedoch den Kopf und lächelt den Grafen an.

„Es ist schön, dass ihr euch um mich sorgt. Doch ich bin aus freien Stücken hier und für mich selbst verantwortlich. Ihr könnt mir das Recht meiner Anwesenheit hier verwehren, jedoch nicht den Bann auf mich legen, der mich nach Hause führt.“

Magnus lässt die zarte Hand los und bemerkt ruhig:

„Das Recht auf Anwesenheit in diesen vier Wänden werde ich dir sicher nicht entziehen. So überlasse ich die Entscheidung über den rechten Zeitpunkt der Heimreise dir und kehre nun an meine Studien zurück.“

Dies gesagt habend geht der Graf zurück ins Esszimmer, während Marie lächelnd hinter ihm her schaut.

Die Suppe ist fertig und Marie diniert mit dem Grafen. Dieser beobachtet nebenbei das Schneetreiben, was weit davon entfernt zu sein scheint wieder abzuklingen. Vielmehr wird es von Minute zu Minute stärker. Im Vorraum hat bereits eine beträchtliche Menge des weißen Niederschlags seinen Weg hinein gefunden. Sanft lächelnd rührt Marie in ihrer Suppe herum und bemerkt:

„Ach Herr Magnus… Eigentlich sollte mir das Wetter Sorgen bereiten, doch ich muss gestehen, dass ich es genieße, hier mit euch im warmen Zimmer zu sitzen.“

„Auch mir ist deine Anwesenheit eine Freude. Ich fürchte jedoch, dass der Sturm nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit abflauen wird. Du wirst wohl hier bleiben müssen… Es schmerzt mich, dir das Verlassen des Hauses zu verbieten, doch es wäre zu gefährlich.“

Die Stunden vergehen und die Sonne verschwindet hinter dem Horizont, doch der Sturm fegt noch immer durch den Wald. Der Graf hat Marie sein Bett überlassen, in welchem sie, erschöpft durch die Arbeit des Tages auch schnell einschläft. Er mustert noch einmal das Laken am Fenster, doch kein Spalt ist offen. Marie in Sicherheit wähnend blickt der Graf noch einmal in ihr friedliches, porzellangleiches Gesicht.

„Es ist wahrlich eine seltsame Begebenheit. Sie ist geschunden durch das ihr aufgebürdete Leben, doch wenn ich ihr Antlitz betrachte, so scheint’s eine wahrhaft’ge Prinzessin ruht dort… Nun denn, mich ruft das papierne Wissen.“

Mit der Öllampe in der Hand geht er wieder hinunter und betrachtet noch einmal nachdenklich den recht ansehnlichen Schneehaufen im Vorraum. Dann kehrt er wieder an die Arbeit zurück. Erst nach Mitternacht beendet er die selbige, auf dem Tisch einschlafend.

Maries zarte Hand auf seinem Rücken lässt den Graf erst am nächsten Morgen dem Land der Träume entfliehen. Der Sturm hat sich gelegt und es schneit nur noch ein wenig. So macht sich das Mädchen nach dem gemeinsamen Frühstück auch gleich auf den Heimweg, hoffend, dass die Eltern Verständnis aufbringen würden. Magnus spürt jedoch etwas seltsames. Ein dunkle Vorahnung befällt ihn, als er ihr nachschaut. Um sich abzulenken versucht er den Schneehaufen im Inneren des

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Hauses abzutragen. Nach einigen Eimern Schnee bemerkt er jedoch, dass der Schneefall seine Arbeit wohl schon bald wieder bedeutungslos machen würde. Ein tiefer Seufzer bricht aus ihm heraus. Dann weicht seine Trübsal jedoch einer Faszination für das Gebäude, welches trotz des rauen Wetters keinerlei weitere Schäden erlitt. Es scheint ohnehin, dass selbst das Loch im Dach seine Ursache in einem Unfall im Haus hatte. Er beschließt nur den Weg zur Treppe etwas frei zu räumen und sich dann wieder an die Schriften zu setzen.

Der Graf steht am heutigen Tag vor einem weiteren Durchbruch in seinen Untersuchungen. So scheinen die Sternenkarten nicht allein astronomischen Zwecken zu dienen. Sie dienen eher der Bestimmung von Daten die für mystische Arbeiten von großer Bedeutung sind. Die eigentlichen Bücher dazu kann er jedoch nicht entziffern, da sie in einer ihm nicht verständlichen aber durchaus bekannten Sprache verfasst sind, dem gemarischen, der alten Sprache der menschlichen Stämme, aus der Zeit vor der Gründung des Kaiserreichs Shaseria durch Sigismund Silvenex. Er wird einige Übersetzungen benötigen um sie verstehen zu können. Danach sinnend, wo er selbige finden könnte, lehnt er sich zurück und blickt hinaus in den weißen Wald. Es scheint ihm, als hätte er bereits ein Buch über die alte Sprache gesehen… Doch wo? Er entsinnt sich, dass im kaiserlichen Museum in Shasa-Stadt sicher etwas zu finden wäre. Doch wäre es eine fast unmögliche Aufgabe unerkannt in das Feindesland zu reisen und mit den Büchern zurückzukehren. Auch war er nie dort, folglich musste er die Erinnerung an das Buch über die alte Sprache von einem anderen Ort haben. Krampfhaft versucht er sich zu erinnern, doch es scheint, sein Verstand ist blockiert. Verärgert steht er auf und geht im Zimmer hin und her, doch es ist zwecklos. Die Erinnerung bleibt im Dunkeln.

„Mit den alten Zeiten wollte ich abschließen.. Und schau her, wie prächtig es mir doch gelang; entsinne mich nicht mehr an Dinge, die ich jedoch kenne… oder kannte. Welch Ironie, dass der erfüllte Wunsch meine weitere Arbeit behindern soll. Ich muss meinem Kopf wohl etwas Freiraum gönnen… Ein kleiner Spaziergang wäre sicher hilfreich.“

In der Hoffnung, dass ein wenig Erkundung des Waldes seinem Geist zu altem Glanz verhelfen möge, begibt sich der Graf nach draußen. Er muss jedoch schnell feststellen, dass die Temperaturen gefallen sind und seine zerschlissene Kleidung keinen angemessenen Schutz mehr gegen die Kälte bietet. So kehrt er in das Haus zurück und wühlt noch einmal in jenem Schrank, in dem er einst das Laken fand. Er entdeckt einige zerfetzte Lumpen, alte Laken mit Löchern, abgetragene Kleidung und einen braunen Stoffmantel, dem der Aufenthalt in diesem Haus auch nicht sonderlich zuträglich war. Die einzelnen Teile sind nutzlos wie sie unansehnlich sind, doch aus der Gesamtheit der gefundenen Stoffe bildet der Graf sich eine Flickenburg der Wärme. Zufrieden über seine Kreation tritt er erneut nach draußen, dabei den muffigen Geruch des Stoffes einfach ignorierend. Sanft gleiten die weißen Flocken zu Boden. Wie friedlich wirkt der Wald doch nun im Gegensatz zum gestrigen Tag. Noch etwas unschlüssig blickt sich der Graf um. Dann jedoch wendet er sich nach Norden und beschließt die nähere Umgebung in jener Richtung zu erkunden. Es herrscht Stille, wie eh und je. Nur das Knarzen des Schnees unter des Grafen Schritten ertönt. Der Blick fällt auf Bäume und Schnee. Leicht gelangweilt durch die eintönige Umgebung wandert der Graf weiter, bis nach einigem Marschieren endlich ein Geräusch an sein Ohr dringt. Es scheint ein leises Rauschen zu sein, welches mit jedem nach Norden gerichteten Schritt lauter wird. Nach einigen Minuten weiteren Marsches erreicht Magnus letztlich den Quell des selben und findet sich am Ufer eines kleinen Flusses wieder. Kristallnes Wasser kräuselt sich sanft über einem steinigen Flussbett. Erfreut über seine Entdeckung setzt er sich auf den Stamm eines umgestürzten Baumes und blickt in das rauschende Nass. Nur der äußerste Rand des Gewässers ist gefroren, denn das Wasser fließt zu schnell. Verträumt lässt Magnus seine Gedanken schweifen. Wo entspringt der Fluss wohl…? Wo fließt er hin? Ein tiefer Frieden legt sich auf die alten Wunden seiner Seele.

„Fließe kleines Silberwasser, nimm die Welt nur mit dir fort. Fern dem Aug‘ liegt deine Quelle, dein Zielpunkt ist ein fremder Ort. Bist wie die Zeit, reißt alles mit. Und doch liegt in dir sanftmüt’ger Friede, der des Betrachters Aug‘ erquicklich trifft. Schau, da fällt ein kleines Ästlein herab aus dem Gehölz ins nasse Grab. Und doch scheint’s so zufrieden, wie’s sanft über glitzend‘ Wellen gleitet.

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Mir scheint der Unfriede, der dem Flusse innewohnt, liegt außerhalb des selb’gen Wesens. Wann ist er denn dem Menschen Pein? Wenn er sich sträubt… Ich denke, wir müssen erst unser Wesen wässrig machen; stetig wandelnd und wirbelnd, hindurch durch stein’ge Ströme fließen, bis letztlich im flachen Spiegelwasser des Flusses Friede wird erkannt…“

Plötzlich bemerkt der Graf eine Bewegung am anderen Ufer. Erschrocken fährt er hoch, ist er doch dergleichen nicht mehr gewöhnt. Doch mit einem Lächeln quittiert er, dass der Grund seines Schreckens, nicht zum Fürchten ist. Ein Vöglein springt aus dem laublosen Gesträuch hervor und betrachtet verwundert seinen Beobachter, dann fliegt es davon. Der Graf blickt dem kleinen Tier sehnsüchtig hinterher.

„Ob jener Fluss der selbe ist, über den sich die Brücke spannt, an der Marie dem Fremden begegnete? Möglich wär’s… Doch ich vergas die Zeit. Die Wolkendecke verhindert der Sonne Stand zu schauen. Ich sollte wohl lieber wieder den Heimweg antreten.“

So wendet der Graf den Blick wieder gen Süden und kehrt zum Haus zurück. Die Entscheidung zur Rückkehr war angemessen, denn kurz nach seiner Ankunft nimmt die Helligkeit deutlich ab; die Nacht bricht herein. Nach einem kleinen Mal begibt sich der Graf, ermüdet von dem ungewohnten Spaziergang, zu Bett.

Im Traum erklingt erneut das Rauschen des Flusses… Magnus findet sich am Ufer unter einem Baum sitzend wieder. Er sitzt auf einer großen Decke, zu seiner linken eine weibliche Gestalt, deren Gesicht er jedoch infolge der ihn blendenden Sonne nicht erkennen kann. Ein Mann steht am Fluss und blickt in das Wasser. Der Himmel ist gänzlich blau, Vögel zwitschern im Geäst. Eine warme Sommerbrise fährt über das Land und bewegt sachte das hohe grüne Gras. Magnus blickt sich um und entdeckt in der Ferne eine Stadt auf die der Fluss zufließt. Da spricht mit einer sanften Stimme die Frau an seiner Seite zu ihm:

„Hey kleiner Magnus… Sieh wer sich da nach deiner Aufmerksamkeit sehnt.“

Magnus bemerkt etwas, das seine Hand berührt. Als er sich herumwendet sieht er eine kleine schwarz-grau getigerte Katze die an seiner Hand schnuppert. Glücklich streicht er ihr über das Köpfchen und nimmt sie in den Arm.

„Mirabel, wie fehltest du mir…“, seufzt er leise, als er beginnt, ihr über das weiche Fell zu streicheln. Dann richtet er den Blick auf das andere Ufer, wo eine Weide ihr Äste geschmeidig im Wind wiegt. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt er eine Gestalt, welche neben dem Stamm zu stehen scheint… Sie blickt zu ihm herüber, doch zu unklar ist das Bild, als dass er mehr erkennen könnte… Dann verschwimmt die gesamte Umgebung… der Traum endet.

Entspannt, jedoch von einem Gefühl der Wehmut ergriffen, erwacht der Graf in seinem Bett. Er geht hinunter in die Küche und nimmt etwas Wasser und Brot. Lustlos auf dem Brot herumkauend sitzt er dann im Esszimmer und denkt über das nächtliche Erlebnis nach.

„Was war das für ein Traum? Mir schien die Szenerie so wohl vertraut… Es war keine Fiktion… eher Erinnerung… ein Schattenbild vergang’ner Tage…“

Es schneit wieder; oder noch immer? Man kann es nicht sagen. Der Winter hat vollends die Macht über das Land errungen. Doch es weht kein Wind. Friedlich wie am Vortag rieseln die weißen Flocken sanft zu Boden. Gedankenversunken bewundert Magnus das Spiel der Flocken.

„Ja… Mir scheint, mir erschien im Traum der eine Tag, dessen Bild ich vor nicht allzulanger Zeit entdeckte… Ich machte mit Mutter und Vater einen Ausflug zur Ebene nördlich von Liberheim… Das Rauschen des Flusses am gestrigen Tag muss alte Erinnerungen in meinem Geist erweckt haben. Ach ja, dies waren die ungetrübten Zeiten… Der Vater stand am Wasser und suchte nach Fischen… und die Mutter passte auf, dass ich keinen Unfug trieb… Ich erinnere mich gar nicht mehr an ihr Antlitz… Jedoch, der Fremde unter der Weide… An ihn erinnere ich mich nicht. Mir schien, wir waren allein.“

Durstig leert der Graf den Becher und erinnert sich an ein altes Lied, welches seine Mutter ihm

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damals vorgesungen hat. Unbewusst fängt er leise an zu singen:

Es fließt ein schönes Silberwasser, nimmt die Welt weit mit sich fort.

Fern deinem Aug‘ liegt seine Quelle, sein Zielpunkt ist ein fremder Ort.

Ist ewig wie die alte Zeit, fließt sanft im Tal dahin.

Das fröhlich Plätschern, der Fische Spiel, gibt ihm den ganzen Sinn.

Im Wasser funkelt Silberglanz, solang der Mond nur scheinet.

Und wenn die Sonn‘ ihr Haupt erhebt, ist Gold im Fluss vereinet.

Es kommt die Zeit, da schwimmst du mit zu Ufern unbekannt.

Siehst fremde Städte, neue Menschen und nie geseh’nes Land.

Und hast du erst das Ziel erreicht, wo Flüsse nicht mehr fließen,

kannst Silber, Gold und größ’re Schätze ganz allein genießen…“

Ein leiser Seufzer folgt dem Lied, dann blickt er zum Papierchaos, dass sich auf dem Tisch ausbreitet. In der Hoffnung endlich die gewünschte Erinnerung wiederzuerlangen kleidet sich Magnus wieder in seine Eigenkreation und begibt sich auf einen Spaziergang. Diesmal wendet er sich nach Osten. Der Weg ist eintönig, wie zuvor. Nach mehreren Stunden des Weges macht er Rast inmitten einer kleinen Gruppe umgestürzter Bäume. Suchend schweift sein Blick durch die Weite des Waldes. Doch nichts von Interesse ist zu sehen. Bei genauerer Betrachtung bemerkt er jedoch, dass die Sichtweite gesunken ist. Langsam beginnt Nebel herauf zu ziehen.

„Nichts entdecke ich hier, außer dem Schleier der das Auge trübt. Wie wird mir plötzlich? Huschte da nicht eben etwas durchs Gesträuch?“

Erschrocken springt Magnus von seinem Sitzplatz auf und versucht zu erkennen, was sich im Nebel bewegte. Aus Angst vor einem Angriff geht er langsam rückwärts. Erschrocken fährt er herum, als er etwas in seinem Rücken spürt.

„Was war das?! Ein Baum… Welch Glück, doch womöglich steht der Jäger nun direkt hinter mir!“

Panisch wendet er sich wieder in die andere Richtung, doch nichts ist zu sehen. Doch da, im Augenwinkel, so scheint es, bewegt sich etwas! Ein Rascheln… ist es ein Tier…oder sind es Schritte? Die Furcht durchzieht den Grafen nun ganz. Er schnappt sich einen Ast vom Boden und haut wild in den nun dicker gewordenen Nebel. Ab und an trifft sein Schlag ein Hindernis, doch sind es nur die Bäume. Wer auch immer da lauert, er ist schnell; er ist geschickt…

„Ze… zeig dich, Unhold!“

Die Befähigung klar zu sprechen geht dem mit zitterndem Blick umherschauenden Grafen nun gänzlich verloren. Er versucht einen klaren Gedanken zu fassen. Der Angreifer ist zu schnell und er nicht vorbereitet. Es wäre wohl besser zu flüchten. Und so beginnt er panisch wieder Richtung Haus zu spurten. Nach einigen hundert Metern stolpert er jedoch über eine unglücklich postierte Wurzel und stürzt hart zu Boden. Kurz benebelt erhebt er sich auf alle Vier. Ein kurzer Blick zurück zeigt, dass nichts zu sehen ist. Doch bei diesem Nebel muss das nichts heißen. Schnell erhebt er sich wieder und rast weiter. Sein Ohren versuchen verräterische Geräusche zu erfassen, doch nur Schritte im Schnee sind zu hören. Doch von wie vielen Personen? In größter Eile stürmt er weiter durch den Wald, dabei fast noch einmal über eine Wurzel stürzend. Soll er es wagen und zurückschauen? Ein kurzer Blick muss genügen; nichts zu sehen. Doch diese Unvorsichtigkeit beschert dem Graf einen engen Kontakt mit einem Baum, den er mit der linken Körperseite erwischt. Hart getroffen stürzt er erneut. Die Welt um ihn herum dreht sich, verschwimmt und verdunkelt sich… Es vergeht wohl eine halbe Stunde, bis Magnus wieder erwacht. Langsam öffnet er die Augen. Er erblickt nur Schnee, denn er liegt am Boden. Behäbig erhebt er sich. Seine Arme und Beine kann er nicht mehr spüren; die Kälte drang bereits zu tief in seinen Körper. Als er sich umsieht, bemerkt er jedoch, dass er sich bereits nah am Haus befindet und schleppt sich dorthin zurück.

Dort angekommen, versucht er zitternd ein Feuer im Ofen zu entzünden. Die Flammen lodern und

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er schließt zufrieden die Ofentür und setzt sich auf einen Stuhl direkt daneben, in der Hoffnung sich mit Hilfe seines Kälteschutzes schneller wieder aufzuwärmen. Wärme dringt langsam wieder in seinen Körper; das Gefühl kehrt zurück, doch es bringt Schmerzen mit sich. Sein rechtes Bein durchzieht ein Stechen, der linke Arm verursacht bei jeder Bewegung Qualen. Vorsicht tastet er über das Bein und bemerkt mehrere nasse Stellen an seiner Hose, welche sich von der Schneenässe unterscheiden. Um sich genauer untersuchen zu können legt er nun seine Flickenkutte ab. Schnell erkennt er den Grund für die Schmerzen im Bein. Mehrere blutende Wunden sind an selbigem zu finden. Glücklicherweise sind sie jedoch nicht gefährlich. Er stürzte wohl auf einen Stein oder einen Ast. Um die Wunden zu reinigen geht er in den Vorraum und befeuchtet einen Stofffetzen, welcher weniger verdreckt zu sein scheint, als die anderen. Die Berührung brennt, doch die Kälte betäubt den Schmerz schnell. Der linke Arme macht ihm jedoch mehr Sorgen. Er ist angeschwollen und lässt sich nicht ohne Schmerz bewegen.

„Gebrochen…“, bemerkt der Graf mit finsterer Miene. Notdürftig befestigt er den verletzten Arm in einer Stoffschlinge und setzt sich erschöpft wieder auf den Stuhl neben dem Ofen um noch ein wenig von der wohligen Wärme zu genießen. Langsam schließt er die Augen und versucht sich zu entspannen. „Wenigstens…“, denkt er bei sich, „bin ich ihnen entronnen…“ Der restliche Tag vergeht ohne besondere Ereignisse. Als die Dunkelheit hereinbricht geht Magnus matt zu Bett und entflieht schnell in das Reich der Träume.

Ein Feuer knistert im Ofen, wohlige Wärme erfüllt den Raum. Er sitzt an einem gedeckten Tisch, doch der Perspektive nach, ist er noch Kind… zu seiner Linken sitzt der Vater und blickt mit sorgenvollem Miene auf den Teller. Ihm Gegenüber sitzt wieder jene Frau, doch eine Lampe im Hintergrund verhindert mit ihrem grellen Licht, dass er ihr Gesicht erkennen kann. Etwas unwillig stochert er in seinem Essen herum, als die Frau ihn zurechtweist:

„Aber Magnus, man spielt nicht mit seinem Essen. Sei ein braver Junge.“

Er beugt sich und isst, da bemerkt er etwas an seinem Bein. Er hebt vorsichtig das Tischtuch um nachzusehen und entdeckt Mirabel, die sein Bein mit ihrer Tatze anstubbst und wohl ihren Anteil an der Mahlzeit einfordert.

„Ich darf nicht…“, flüstert er leise der Katze zu. Diese schaut ihn jedoch nur verständnislos an und maunzt empört. Da spricht der Vater:

„Sitzt etwa wieder die Katze unter dem Tisch? Magnus, das kommt davon, wenn du sie immer bei Tisch fütterst.“

Die Tür schwingt auf und ein Bediensteter betritt den Raum. Er entschuldigt sich mit tiefer Sorge in seinem Blick und bemerkt dann, dass ein gewisser Herr eingetroffen sei. Der Vater blickt zu der schemenhaften Frau hinüber, diese nickt nur, worauf er hinaus geht. Als die Eltern nicht hinsehen, schnappt sich Magnus ein kleines Stück Fleisch vom Teller und hält es unter den Tisch. Deutlich spürt er die rauer Zunge der Katze die zunächst den Geschmack des angebotenen Geschenks prüft, dann jedoch damit zufrieden zu sein scheint und es genüsslich verzehrt. Da tritt der Vater wieder herein. Doch er hält eine kleine Phiole mit einer dunklen Flüssigkeit in der Hand. Er geht zu der Frau und reicht sie ihr, dabei traurig zu Magnus schauend. Die blauen Augen des Vaters sind das letzte Bild, welches Magnus vor Augen hat, bevor er erwacht.

Langsam öffnet der Graf die Augen. Ein neuer Tag ist angebrochen. Er blickt sich verwundert um; als er aber den Arm in der Schlinge sieht, weiß er wieder, wo er ist und was am Vortag geschah.

„Es ist doch bemerkenswert, wie kleine Begebenheiten vergangene Ereignisse wachzurütteln imstande sind.“

In der Hoffnung ein wenig produktiver zu sein, als am Vortag erhebt er sich. Doch bereits die Treppe zeigt ihm, dass die Wunden am Bein noch beim Laufen schmerzen und an eine Exkursion wie an den Vortagen nicht zu denken ist. Nach einem kleinen Frühstück begibt er sich wieder leicht humpelnd an seine Papiere. Das Bedürfnis einmal wieder in der Sternwarte zu forschen brennt in

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ihm, doch mit einem schmerzenden Bein und einem gebrochenen Arm will er sich den Weg über die Leiter nicht zumuten. So hofft er, vielleicht doch noch einige Erkenntnisse mit Hilfe der Bücher und Notizen machen zu können. Wieder und wieder überschaut er die Aufzeichnungen, die Bücher, die Skizzen, doch nichts wirklich neues fällt ihm ins Auge. Lediglich eine erneute Verwunderung über die Wahl der Sprache keimt in ihm auf. Wer auch immer in diesem Haus forschte, er wollte wohl nicht, dass jemand ohne weiteres den Sinn seines Strebens erkennen kann. Sein Blick fällt zur Seite und auf den Stuhl, auf dem Marie immer zu sitzen pflegt. Er denkt darüber nach, ob es ihr denn gut geht, ob die Eltern ihr Verschwinden nicht zu hart bestraften und ob sie denn womöglich am Vortag da war, jedoch wieder von dannen zog, als sie die Leere des Hauses bemerkte.

„Das Harren und Warten auf Ungewisse Ereignisse ist mir Pein. Ich ertrage die Enge des staubigen Käfigs nicht… Nicht allein… Mich zieht der freie Geist hinaus.“

Trotz seiner Blessuren hüllt der Graf sich erneut in seinen Flickenmantel und tritt hinaus, diesmal seinen Blick nach Westen gerichtet. Humpelnd bahnt er sich seinen Weg durch den Wald. Der Schneefall hat wieder zugenommen und ein eisiger Wind weht ihm entgegen. Der Natur zum Trotz denkt er jedoch nicht daran wieder in das Haus zurückzukehren. Eine tiefe Sehnsucht in seinem Herzen treibt ihn weiter, gleich einem stechenden Feuer, dass ihm die Seele erwärmt und zugleich verbrennt. Doch was nährt das Feuer? Der Graf ist sich dessen selbst nicht bewusst. Der Wunsch sich an das Buch zu erinnern kreist unablässig in seinem Kopf, doch ab und an durchbricht der Gedanke an das unschuldige Lächeln Maries den Sturm blockierter Erinnerung und er muss sich zusammenreißen um nicht ganz die Orientierung zu verlieren. Nach knapp zwei Stunden des Weges, welchen er in besserer Verfassung wohl auch in einer Stunde hinter sich gebracht hätte, wird der Wald plötzlich lichter und gibt den Blick, soweit der Schnee dies zulässt, auf eine Ebene frei. Erfreut über den ungewohnten Anblick hält er kurz im Laufen inne um sich an baumfreier Umgebung satt zu sehen. Als jedoch die Kälte infolge des Stehens langsam in seinen Leib kriecht, beschließt er den Weg fortzusetzen. Nach einigen Metern bemerkt er eine Veränderung beim Laufen, der Boden scheint unter dem Schnee härter zu sein. Etwas Schnee mit dem Fuß beiseite schiebend, bemerkt er, dass er auf einer befestigten Straße steht. Schwere asymmetrische Pflastersteine bilden die selbige und erinnern ihn daran, dass er durch die Provinz streift. Er blickt dann nach rechts; nichts zu erkennen; dann nach links. Es scheint ihm, als würde er in einiger Entfernung etwas erkennen. Die Umrisse mehrerer Gebäude zeichnen sich im Weiß des Schneetreibens ab. So zieht er weiter in die Richtung seiner Entdeckung, seit langem wieder eine Straße unter den Füßen habend. Es dauert seine Zeit, bis der humpelnde Graf sein Ziel erreicht. Beim Näherkommen erkennt er, dass das, was er anfangs für eine kleine Siedlung hielt, ein großer Hof ist. Die Felder sind jedoch unter der dicken Schneeschicht nicht zu erkennen.

„Sollte dies die Heimat der holden Marie sein..?“

Unsicher, ob er sich nähern soll oder wieder umkehren, steht er auf der leeren Straße. Dann scheint es ihm jedoch, als würde ein Mädchen mit rotem Haar aus einem Fenster unter dem Dach des größten Hauses zu ihm herüber schauen. Die Neugier über Maries Befinden obsiegt und so schleppt er sich weiter. Kein Zaun grenzt den Hof von seiner Umgebung ab. Der nächste Nachbar scheint ohnehin weit entfernt zu sein. Unbeholfen nähert sich der Graf einem kleineren Seitengebäude und späht um dessen Ecke auf den Hof den das zentrale Herrenhaus und die kleineren Gebäude, in denen wohl das Gesinde lebt, bilden. Er sieht einige Kinder in einfacher Kleidung, welche sich einen Spaß aus dem eisigen Wetter machen und sich mit Schneebällen bewerfen. Zwei Kinder versuchen einen Schneemann zu errichten, werden jedoch durch Querschläger, der neben ihnen tobenden Schlacht des öfteren davon abgehalten. Am Rand stehen zwei Frauen die sich unterhalten. Wahrscheinlich sollen sie auf die Kinder acht geben, doch sie sind gänzlich in ihre Tratscherei vertieft. Um einen besseren Blick auf das Haupthaus zu haben, versucht er sich ein wenig mehr um die Ecke zu lehnen, doch unter seinem linken Bein, auf dass er sich stützen muss, gibt der frische Schnee nach und er stürzt aus seinem Versteck hervor in den Schnee. Die Kinder fahren erschrocken herum und starren ihn an. Vorsichtig versucht er sich wieder vom Boden zu erheben, da

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ruft eines der Kinder:

„Ein Bettler! Ein Bettler! Der will uns bestehlen!“

Ein anderes Kind ruft daraufhin alle dazu auf, ihn zu verjagen. Alle die sich zuvor gegenseitig den kugelförmigen Schnee um die Ohren warfen, wenden sich nun Magnus zu und erkennen ihn als neuen Feind an. Kaum auf den Beinen treffen ihn die ersten Schneebälle. Die Treffer gegen den Körper beeindrucken ihn nicht, doch jeder Wurf gegen den unter dem Flickenmantel versteckten linken Arm rauben ihm den Atem. Als die Kinder seine Schwäche bemerken, nähern sie sich, dabei weiter werfend. Eine Schneekugel trifft ihn in das schmerzverzerrte Gesicht. Humpelnd versucht er rückwärts die Flucht anzutreten, doch das Laufen im tiefen Schnee fällt ihm schwer.

„Seht, er humpelt! Der ist bestimmt krank und will uns anstecken!“

Plötzlich bemerken die zwei Kinder am Schneemann, was vor sich geht und gehen zu den Frauen, auf das sie einschreiten mögen. Diese wenden sich verwundert dem Pulk zu, welchen sie zuvor scheinbar gänzlich vergessen hatten. Schnell eilen sie auf die Kinder zu. Der Junge, der den Angriff begann, beginnt im Schnee zu wühlen und zieht aus selbigem einen faustgroßen Stein hervor. Die eine Frau beginnt die anderen Kinder zurecht zu weisen, die andere erkennt den Plan des Jungen und will ihn aufhalten, doch es ist bereits zu spät. Kurz bevor sie ihn zu fassen bekommt, segelt der Stein bereits durch die Luft und trifft den Grafen über dem linken Auge. Benommen beugt er sich nach vorn, die Stirn mit der rechten Hand halten. Er hört nur noch, wie der Junge eine Ohrfeige erhält und zurechtgewiesen wird. Doch er will die Chance nutzen und entschwindet so schnell es ihm möglich ist. Sein Blick ist unablässig auf den Boden gerichtet, doch das leiser werdende Weinen des Kindes verrät ihm, dass er sich entfernt. Nachdem nichts mehr zu hören ist, setzt er sich an einen Baum; der Kopf schmerzt höllisch. Er nimmt etwas Schnee und versucht die Stirn zu kühlen. Als er jedoch den Schnee in seiner Hand betrachtet, sieht er die Farbe roten Lebens, welche sich tief hinein gesogen hat. Erst jetzt bemerkt er auch das Blut an der Hand und auf der Kleidung. Es fällt ihm schwer neuen Schnee vom Boden zu nehmen, denn der Arm wiegt plötzlich unsäglich schwer. Schlaff lässt er ihn zu Boden sinken, als eine tiefe Müdigkeit Besitz von ihm ergreift. Langsam schließt er die Augen, wohl wissend, dass dies bei diesem Wetter tödlich enden wird, doch die Kraft hat ihn verlassen… Schwärze umgibt ihn, nur das Rauschen des Windes vernimmt er noch…

„Soll dies mein Ende sein…? Soll Graf Magnus Schwarzherz so enden; erfroren im Schnee, niedergestreckt durch den Steinwurf eines Kindes…“

Doch da… Der Klang von Schritten im Schnee erklingt, stetig lauter werdend. Neben dem Grafen verstummen sie. Nur leise bringt dieser hervor:

„Wer… ist da…?“

Doch die Stimme reagiert gar nicht auf seine Frage, sondern stellt etwas in den Schnee. Metallische Geräusche erklingen; ein vertrautes Geräusch. Es gleicht jenem, welches er hörte, als der Medikus auf der Suche nach dem richtigen Behandlungswerkzeug in seiner Tasche herumwühlte. Eine kratzige unangenehme Stimme beginnt zu sprechen.

„Dummer Junge, wie oft soll ich dich denn noch zusammenflicken.“

Etwas sticht Magnus über dem Auge in die Haut, doch er bemerkt den Schmerz kaum.

„Erst verrückt spielen, dass sie dich wegsperren und dann einfach flüchten. Ich habe dem Meister immer gesagt, dass du nicht geeignet bist, zu aufmüpfig, zu schwierig; aber auf mich hört ja keiner… Nein, wenn Spider spricht, dann hört man weg… Spider mach‘ dies, Spider mach‘ jenes, rette den Menschen, bau diese Kreatur zusammen… Aber wenn ich mal jemandem meine Meinung sagen will, dann sind sie alle taub…“

Der Fremde sticht weiter in des Grafen Haut.

„Jaja, wenn dieser Nichtsnutz redet, dann hört er hin… Dabei tut der ja nicht mal etwas sinnvolles… Aber er ist eben des Meisters Liebling… Tse… Wenigstens hat er einmal für dein Überleben gesorgt, als ich… verhindert war.“

Magnus bemerkt, wie der Fremde seinen gebrochenen Arm aus den Stofffetzen befreit.

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„Was tust du eigentlich den ganzen Tag? Du bist ja in einem furchtbaren Zustand.“

Ein schleimiges Räuspern erklingt, gefolgt von einem Spucken.

„Wäh, ich hasse das… Naja, ich denke, ich bekomme dich wieder zusammen. Wäre sie damals nicht plötzlich gestorben, dann wäre alles gut verlaufen und ich müsste nicht durch den Schnee rennen und dich wieder in einen lebensfähigen Zustand versetzen. Na, ich will dir mal lieber noch eine Ladung verpassen…“

Das metallene Taschenwühlen ist wieder zu hören. Als es erlischt, erklingt ein feines hohes „Pling“. Plötzlich dringt ein Stechen in Magnus‘ Hals, von dem aus sich ein Brennen durch seinen ganzen Körper ausbreitet. Er verliert nun ganz das Bewusstsein.

Nur langsam kehrt er in die diesseitige Welt zurück. Sanft streichelt eine Hand über seine Wange. Als er gewahr wird, dass er wieder wach ist, springt er aufgeregt mit weit aufgerissenen Augen auf und blickt sich um.

„Wo bin ich?! Was ist geschehen?!“

Der Graf schaut sich um und erblickt dann die verwundert neben ihm stehende Marie.

„Werte Marie! Du hier?“

Unwillkürlich geht der Graf auf sie zu und schließt sie zärtlich in seine Arme. Vollkommen überrascht weiß diese gar nicht, was sie tun soll. Ihr Gesicht verfärbt sich von einer eleganten Blässe zu einem auffälligen Rot. Als Magnus ihre Verlegenheit und seine Handlung bemerkt, lässt er schnell von ihr ab und versucht sich zu erklären.

„Bitte verzeih… Ich, freue mich nur dich zu sehen. Ich gedachte bereits schlimmer Dinge, welche dir geschehen sein mochten.“

Marie antwortet nur leise:

„Ach, ihr müsst euch nicht entschuldigen, Herr Magnus. Ich freue mich ja auch.“

„Sag, sahst du einen Fremden hier?“

„Nein, nur euch, wie ihr schlafend am Baum lehntet.“

„Wie seltsam… War’s wohl ein Fiebertraum? Nein, die Wunde ward genäht. Doch sprich werte Marie, was widerfuhr dir… dein Gesicht…“

Erst jetzt bemerkt er die blauen Flecken und die aufgeplatzte Lippe des Mädchens. Marie wendet sich etwas beschämt ab.

„Ich sagte ja, meine Eltern sind streng. Doch nun müssen wir gehen. Meine Flucht blieb sicher nicht unbemerkt.“

Magnus nickt ihr zu und beide eilen durch den Wald zum Haus. Erst jetzt bemerkt er, dass sowohl das Bein, als auch der Arm nicht mehr schmerzen. Doch ist dies momentan eher nebensächlich. Während des Laufens berühren sich ihre Hände, sanft umschließt Maries zarte Hand die seine. Eine fremdartige Wärme durchströmt den Grafen sogleich, als sei die Hand des Mädchens deren Quelle. Ein kurzes vertrautes Lächeln werfen sie einander zu und eilen dann weiter. Als bereits die Dunkelheit im Begriff ist, herein zu brechen, erreichen sie endlich das Versteck.

Wieder in Sicherheit setzen sich die beiden in das Esszimmer und suchen Kraft in der Wärme des im Ofen lodernden Feuers.

„Nun, da wir in Sicherheit sind, schildere mir doch, was dir widerfuhr, werte Marie.“

„Ach, ach… ihr könnt es euch sicher denken… Als ich wieder in der Heimat einkehrte, wussten die Eltern längst Bescheid, da die Schwester noch am Vortag wieder daheim war und sich erklären musste. Der Vater wurde sehr zornig, schrie herum und… ließ den Worten Schläge folgen…“

Verschüchtert blickt Marie zur Seite. Um sie zu beruhigen legt der Graf seine Hand auf ihre auf dem Tisch verschlungen Hände. Etwas erschrocken wendet sie sich erneut dem Grafen zu und lächelt dann sanft.

„Ihr fehltet mir, Herr Magnus… Ich wollte euch wieder besuchen, doch nun, da die Tarnung aufgeflogen war, ließ er mich nicht mehr hinaus. Da die Arbeit aufgrund des Winters zum Großteil ruht, sperrte man mich in meinem Zimmer ein… Die ganze Zeit blickte ich hinaus und beobachtete

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den Tanz der Schneeflocken, unablässig prüfend, ob ihr nicht plötzlich aus dem Flockenspiel hervortreten würdet. Ach, ich gestand mir die Dummheit meiner Gedanken ja schon ein… Warum solltet ihr auch mir folgen… Doch da erkannte ich plötzlich jemand, der die Straße herabgelaufen kam… Obwohl ich euch nicht erkennen konnte, so war mir doch klar, dass ihr es seid. Es zerriss mich innerlich, als die Kinder euch plagten. Die Sorge war nicht mehr zu ertragen, so nutzte ich einen Augenblick, als die Mutter mir erlaubte, etwas über das Feld zu wandern und entfloh, als sie sich gerade dem jungen Stallburschen zuwandte, der vom Haus herangelaufen kam. Als ich entfloh, hatten sie meine Abwesenheit noch nicht entdeckt; doch was wird nur geschehen, wenn sie mich finden?“

Verzweifelt legt sie das Gesicht in die Hände und schluchzt leise. Magnus versucht sie sogleich zu beruhigen.

„Sorge dich nicht. Du kannst dich hier verstecken, solange du es begehrst. Ich werde dafür sorgen, dass sie dir kein Leid zufügen werden.“

Etwas verwundert senkt sie ihr Hände.

„Wirklich?“

Der Graf nickt zur Antwort lächelnd.

„Und… wenn ich euch sagen würde, dass ich sehr gern gänzlich hier verweilen würde…? Bei euch, meine ich, nicht in diesem Haus…“

„Euch verdanke ich mein Leben. Es ist das mindeste, was ich tun kann. Allein ihr müsst euch mit der wenig ansehnlichen Einrichtung arrangieren… und ihr dürft nie nach Einbruch der Dunkelheit das Haus verlassen oder durch eines der nach Süden gerichteten Fenster sehen…“

Ohne die seltsamen Anweisungen des Grafen zu hinterfragen nickt Marie nur und verspricht, es immer so halten zu wollen. Da erinnert sich der Graf an die Fenster der Küche. Nachdenklich blickt er hinaus. Ein wenig Tageslicht erhellt noch die Welt und so beschließt er, schnell die Küchenfenster zuzuhängen, bevor ein Unglück geschieht. Als er in das Esszimmer zurückkehrt, liegt vor Marie ein Geldsäckchen auf dem Tisch. Diese erklärt, dass darin ihre Ersparnisse seien und man damit sicher eine Weile über die Runden käme, wenn man denn keine zu hohen Ansprüche an das Leben stellt. Der Graf versichert, dass er ihr das Geld zu gegebener Zeit ersetzen werde. Marie muss plötzlich laut gähnen, woraufhin der Graf erklärt, dass sie oben im Bett schlafen könne. Er selbst würde es sich neben dem Ofen gemütlich machen. So geht sie auch sogleich nach oben, ihm zuvor noch eine angenehme Nachtruhe wünschend.

Als er sicher ist, dass er allein ist, untersucht der Graf das Bein und den Arm, die so wundersam verheilten. Der Arm ist gänzlich blau angelaufen, doch nicht mehr angeschwollen, am Bein sind nur einige Narben zu sehen. Kopfschüttelnd nimmt er seinen Flickenmantel, löscht die Lampe, setzt sich auf den Boden neben den warmen Ofen und deckt sich mit den muffigen Stoffen zu. Im Dunkel des Zimmers übermannt ihn schnell die Müdigkeit und er entschlummert sanft in Morpheus Arme.

„Magnus, du sollst doch nicht an Vaters Bücherregal herumspielen.“

Erschrocken dreht sich der kleine Magnus um und erblickt die schemenhaften Umrisse jener Frau, welche bereits in den letzten Träumen ihr seltsames Unwesen trieb. Doch wieder ist sie mehr Schatten als Person. Er erkennt den Ort als das Arbeitszimmer seines Vaters. Im Kamin knistert ein Feuer, welches den Raum in ein schattenhaftes, flackerndes Licht taucht. Ein kalter Schauer ergreift den Grafen, als er bemerkt, wie ähnlich die Stimmung doch jener in der Nacht ist, in welcher er das Wesen traf. Die Frau nimmt ihn an der Hand und will ihn vom offenen Bücherschrank wegführen, da betritt der Vater mit einem Buch in der Hand den Raum. Die Frau weist ihn zurecht, dass er den Schrank schließen soll, wenn er nicht im Raum sei. Dieser blickt sie jedoch nur mit einer Mischung aus Abneigung und finsterer Verzweiflung an und stellt das Buch wieder in den Schrank. Kurz verweilt er vor dem Schrank, dann geht er hinüber zum Schreibtisch. Mit den Händen auf den selbigen gestützt bemerkt er zu der schemenhaften Figur, dass er sich mit ihr unterhalten müsse. Sie solle doch schon einmal in das Schlafzimmer gehen. Die Frau nickt und verlässt den Raum. Finster

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drein blickend schaut ihr der Vater nach. Dann, als er sicher ist, dass sie weg ist, bemerkt Magnus, dass er etwas aus einer Schublade herausholt. Doch mehr als ein silbernes Funkeln kann er nicht erkennen. Dann streicht der Vater ihm noch einmal über den Kopf und geht hinaus, hinter sich die Tür schließend. Magnus wendet sich nun wieder dem offenstehenden Bücherschrank zu und sucht nach dem Buch, welches der Vater hineinstellte. Es ist grün und abggegriffen und steht im mittleren Fach. Neugierig versucht er, das Buch herauszuziehen. Mit der Fingerspitze erreicht er knapp das obere Ende des Buches und beginnt es heraus zu bewegen. Jedoch bemerkt er nicht, dass die anderen Bücher, aufgrund der Enge, auch langsam nach vorn wandern. Ehe er sich versieht, stürzen ihm mehrere schwere Bücher auf den Kopf. Bewusstlos geht er zu Boden. Dann erwacht er plötzlich und erkennt, dass er am Schreibtisch sitzt. Auch ist er kein Kind mehr… Er erhebt sich und geht zum Bücherregal um zu prüfen, ob das grüne Buch noch dort steht. Und er findet es tatsächlich. Auf dem Einband steht: Abhandlung zur alten Sprache Gemar. Plötzlich ertönt vom Raum zu seiner Rechten ein Geräusch, welches Schritten am ähnlichsten zu sein scheint. Instinktiv schnappt er sich das Buch und will durch die mittlere Tür fliehen, da bemerkt er erst, dass diese Szene, jener Nacht entspricht. Wohl wissend, das das Wesen durch die mittlere Tür kommen würde, geht er nun zur anderen, hinter der die Schritte zu hören sind. Hastig öffnet er sie, dann steht das Wesen vor ihm. Schwach leuchtet etwas Licht, welches die Laternen durch die Fenster hereinwerfen auf sein verunstaltetes Gesicht. Hämisch grinst es den Grafen an und bemerkt:
„Aber aber… Zweimal der selbe Fehler…“

Dann stürzt es sich auf ihn.

Voller Schreck erwacht der Graf. Als er sich umschaut wird ihm jedoch bewusst, dass alles nur ein Traum war. Ein leiser Seufzer der Erleichterung dringt aus seinem Mund. Dann jedoch erkennt er die Tragweite des Traums.

„Natürlich, wo auch sonst? Nie betrat ich eine andere Bibliothek als jene des Vaters. Es konnte nur dort sein… Wie blind ich doch bin. Doch nun ist das neue Ziel klar am Horizont meines Strebens erhellt worden, gleich einem Leuchtturm, der mich über die Ozeane aller Handlungsoptionen leiten soll.“

Er will sich gerade voll Tatendrang erheben, da wird ihm erst gewahr, dass etwas schwer auf seiner Seite lastet. Verwundert wendet er den Kopf zur Linken, als weiches Haar seine Wange berührt. Marie liegt neben ihm, sanft angekuschelt seinen linken Arm haltend und ihr Haupt auf seiner Schulter bettend. Durch die Bewegung des Grafen erwacht sie langsam, setzt sich nun aufrecht hin und muss laut gähnen. Langsam wendet sie müden Blickes ihr Gesicht nach rechts und fährt erschrocken zurück, als Magnus sie voll Verwunderung anstarrt. Sogleich errötet sie, mehr noch, als es ihr sonst schon eigen ist, und erklärt, dass sie des Nachts allein im Zimmer ein gewisses Unbehagen verspürte und so zu ihm herunter kam. Magnus entgegnet, dass dies nicht schlimm sei und erklärt, er habe Pläne für die nächste Zeit. Doch da es sich mit einem leeren Magen schlecht erzählen lässt, bereiten die beiden zunächst das Frühstück und nehmen selbiges im Esszimmer zu sich. Im goldenen Licht der aufgehenden Sonne, beschreibt Magnus ihr die Ereignisse der letzten Tage und bemerkt, dass er eine Reise nach Liberheim unternehmen müsse um ein Buch aus der Bibliothek der Familie einzusehen.. Lediglich ein direkter Plan, wie dies in der gegenwärtigen Lage möglich sei, muss noch erstellt werden. Marie schweigt zunächst, wendet sich ihm dann jedoch mit der Bitte zu, ihn begleiten zu dürfen. Der Graf wägt einige Minuten das Risiko ab, das ihre Anwesenheit bringen würde. Dann entschließt er sich jedoch dazu einzuwilligen. Er fügt jedoch hinzu, dass sie diese Reise auf eigene Verantwortung antreten muss. Sie nickt heftig und lächelt ihn an. Plötzlich muss sie jedoch gestehen, dass ihr gar nicht bekannt ist, wo Liberheim denn läge. Der Graf trinkt einen Schluck seines Tees und beginnt zu erklären.

„Liberheim ist die Hauptstadt der westlichsten Grafschaft im Einflussgebiet Fürst van Drakens. Die Stadt ist von Schloss Drakenhof südwestlich gelegen. Benannt ist sie nach dem Liber, einem kleineren Fluss, welcher vom Norden her durch sie hindurch zum Meer fließt. Die Stadt ist nur von

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durchschnittlicher Größe und eigentlich, aufgrund ihrer Lage, auch ohne Bedeutung. Ich denke, die Reise wird einige Tage beanspruchen… Ich muss ein paar Dinge mitnehmen… Des weiteren ist es so, dass ich inkognito zu reisen genötigt bin. Ich bin in jener Stadt nicht mehr willkommen und würde dort nicht ein notwendig einzusehendes Werk ruhen; ich würde die Rückkehr tunlichst vermeiden. “

Ein tiefer Seufzer bricht aus dem Grafen hervor. Dann bemerkt er jedoch eine plötzliche Wandlung in Maries Gesicht. Ernst blickt sie aus dem Fenster. Als Magnus sich nach ihrem Befinden erkundigt, erklärt sie, dass sie doch einige Angst verspüre, denn eine Reise gen Westen nötigt dazu, den elterlichen Hof zu passieren, da es in den nördlicheren Gebieten keinen Weg nach Westen gibt. Auch könne man eine Kutsche, die wohl benötigt wird, in der Nähe nur in Kolo anmieten. Nachdenklich streicht der Graf über sein Kinn. Doch schnell kommt ihm ein Plan in den Sinn.

„Sage mir, wie weit ist jenes Kolo entfernt?“

„Es liegt wohl zwei Stunden Fußmarsch vom elterlichen Hof entfernt. Man muss lediglich der Straße nach Norden folgen und kann es nicht verfehlen.“

„Ich habe eine Aufgabe für dich, werte Marie. Packe einige Dinge, welche wir auf unserer Reise benötigen werden, zusammen. Danach begib dich etwa dann, wenn die Sonne im Zenit steht, damit nach Westen zu Straße. Ich werde mich zunächst zum Hof deiner Eltern begeben und mit ihnen sprechen. Danach reise ich nach Kolo und miete eine Kutsche an. Ich werde dich dann an der Straße treffen und wir brechen sogleich gen Liberheim auf. Und… bitte bringe die Schriften und Bücher von hier nach oben in das Zimmer und verschließe es… Ich will es nicht hoffen, doch wer weiß, welche Unholde dies Haus finden mögen, wenn wir nicht anwesend sind.“

Freudig nickt sie ihm zu. Sogleich kleidet sich der Graf in seinen Kälteschutz und tritt aus dem Esszimmer heraus, um sich auf den Weg zu machen. Doch kurz bevor Marie die Küchentür hören kann, scheint es ihr, als würde sie ein metallenes Geräusch aus der Küche vernehmen. Doch den Plan im Kopf, misst sie dem keine Bedeutung zu und macht sich eilig an die Aufgaben, die der Graf ihr aufgetragen hat. Die Zeit vergeht schnell, wenn man sich der Tätigkeit zuwendet und so steht die Sonne gerade im Zenit, als Marie ihre Aufgaben vollendet hat. Zufrieden nimmt sie das Bündel, in dem sie etwas Wegzehrung verstaut hat und tritt hinaus. Warmes Sonnenlicht dringt trotz des Wintertages auf ihre Haut. Vorsichtig schließt sie hinter sich die Tür und begibt sich fröhlich zur Straße im Westen. Endlich wird sie einmal neue Eindrücke sammeln können. Nach etwa einer Stunde erreicht sie das Ende des Waldes. Auf der Straße steht bereits eine offene recht einfach gebaute Kutsche, vor die ein braunes Pferd gespannt ist. Magnus steht neben dem Pferd und streicht ihm über die lange Mähne. Als er Schritte hinter sich bemerkt dreht er sich um und sieht die glücklich lächelnde Marie auf sich zukommen.

„Da bin ich, Herr Magnus. Ich tat, was ihr mir aufgetragen habt. Ich dachte ein wenig Wegzehrung würde genügen.“

Der Graf nickt ihr nur lächelnd zu und legt das Bündel auf den hinteren Bereich der Kutsche, auf dem sich eine Bank für Fahrgäste befindet. Dann hilft er Marie dabei, hinauf zu steigen und setzt sich selbst nach vorn. Mit den Zügeln gibt er dem Pferd den Befehl, dass es losgeht, welches sich auch sofort mit sanftem Schritt in Bewegung setzt. Während die Kutsche sich in Bewegung setzt, zieht der Graf schnell eine Kapuze über den Kopf, welche er am Mantel befestigt hat und versteckt sein Gesicht hinter einem Tuch. Marie wird von ihrer Neugier übermannt und fragt Magnus, wie ihre Eltern denn reagiert haben. Dieser entgegnet, dass es ihnen gleich war, wo ihre ungewünschte Tochter sei. Sie solle gehen, wohin es ihr beliebt, doch sollte sie es nie wagen zurückzukehren. Trotz der harten Worte steht ihr der Sinn nach Heiterkeit. Lächelnd lässt sie den Blick über die verschneiten Felder schweifen. Die Luft ist klar am heutigen Tag und in der Ferne erblickt sie sogar hoch aufragend Schloss Drakenhof auf dem Drakenfels. Die beiden Reisenden nähern sich dem Hof. Mit einer gewissen Beklommenheit blickt das Mädchen zu den Häusern, hoffend, dass man sie nicht sehen möge. Doch voll Verwunderung stellt sie fest, dass niemand draußen zu sehen ist.

„Wie still es doch ist…“, bemerkt sie.

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Ohne sich umzuwenden sagt Magnus nur ruhig:

„Bedenke die Zeit. Sie ruhen wohl. Da fällt mir ein. Unter der Bank liegt eine Decke die du nehmen kannst.“

Sogleich greift Marie unter ihren Sitzplatz und findet eine dicke Wohldecke in der sie sich sogleich, Schutz und Wärme suchend, einwickelt.

„Ach wie angenehm… Aber irgendwie scheint es mir, als würde ich diese Kutsche kennen.“

„Nun, das ist auch nicht schwer, wie mir scheint. Denn, so musst du wohl gestehen, ist die Kutsche recht einfach konstruiert und auch wenig individuell.“

„Ja, da habt ihr wohl Recht…“

Langsam schließt das Mädchen die Augen, während die Kutsche leicht holpernd die Straße entlang rollt.