Saphire und Rubine

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Funkelnd prangte das feingesprenkelte Sternenmeer vor meinen Augen, da ich, das Ziel unserer Reise endlich erreicht habend, den Blick über die nächtliche Welt streifen ließ. Schon oft durfte ich dieses Spektakel bewundern, allein, mein Blick schien weit schärfer, als es diesem zu jener späten Stunde gewöhnlich eigen war. Dabei schien nichts ungewöhnlich zu sein. War es doch eine jener vielen Nächte, da eine furchtbare Unruhe meine Seele ergriffen hatte, welche mich, unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu tun, hinaus in die finsteren Winkel stiller Gassen trieb, wo sie, wie so oft zuvor, schon auf mich zu warten schien. Schweigend richtete sie ihre funkelnden, blauen Augen auf mich, bedeutete mir zu folgen und ohne es zu hinterfragen ließ ich mich von ihr leiten. Wann ich sie das erste Mal traf, hatte ich längst vergessen und auch wer sie war oder woher sie kam, war mir noch immer ein großes Rätsel. Allein ihr überirdisches Wesen, verraten durch die bleiche Haut, unter der kein Blut mehr rinnen wollte, war mir, wenn auch unausgesprochen, doch stets bewusst.

Zu Beginn war es die Neugier, die mich bereitwillig ihrem Ruf folgen ließ, das Versprechen auf eine Erfahrung weit jenseits der Welt einfältiger menschlicher Geister. Doch nun, da wir schon unzählige Male durch die Finsternis gestreift waren, war es die Sucht, die mich in ihre Arme trieb. Denn schnell hatte ich gelernt, dass bei jeder unserer nächtlichen Reisen, auf der sie mir die Schönheit der Dunkelheit näher brachte, mein Blick auf unnatürliche Weise geschärft wurde und es mir in gleichem Maße leichter fiel, die vielen Facetten der nächtlichen Natur zu erkennen, wie es mir in umgekehrter Weise stetig schwerer fiel, die Welt des Tages zu ertragen. Letztlich kam ich nicht umhin, die verhasste grelle Welt zu meiden und sehnsüchtig auf jenen verheißungsvollen Moment zu warten, da mich ihr lautloser Ruf hinaus in die Stadt eilen ließ.

Doch nun schienen wir das Ziel unserer Reise erreicht zu haben: Die Überreste eines alten Gemäuers am Rande der Stadt, deren Existenz mir, trotz ihrer relativen Nähe zum Leben der gewöhnlichen Menschen, bislang gänzlich verborgen geblieben war und es hätte mich nicht verwundert, hätte sie die alten Mauern nur zum Spaß für uns erscheinen lassen.

Zufrieden entfloh sie mir und begann heiter durch die steinigen Überreste zu wandern, indes meine Sinne, vom Lockruf dieses Wesens befreit, sich auf die uns umgebende Welt zu richten und meinen Geist mit einer süßen Flut neuartiger Erfahrungen zu umspülen begannen. Feinste Geräusche, ungekannte Gerüche und Einsichten in die finstersten Winkel, die einem Menschen auf natürlichem Wege nicht zustanden, strömten auf mich ein. Und da lag es vor mir, das Sternenmeer, in einer Schärfe und Komplexität, deren Wahrnehmung gemeinhin die Zuhilfenahme astronomischer Geräte bedurfte. Indes spürte ich die Präsenz der Wesen, die um mich her in der Finsternis lauerten, jedoch bei weitem von meiner Begleiterin überstrahlt wurden – und eine weitere eigentümliche Aura, die ich nicht zuordnen konnte und deren Präsenz ich auf die Überforderung meiner menschlichen Sinne schob.

In einem ekstatischen Zustand der sinnlichen Überflutung wankte ich ziellos umher, möglichst viel von der Welt in mich aufnehmen wollend. Nachdem ich mich in einem kurzen Moment der Klarheit, verwundert über den Verbleib meiner Begleitung, umzuschauen begann, erblickte ich sie, wie sie verstohlen hinter einem Torbogen hervor schaute und verschmitzt lächelte. Sie schien sichtlich erheitert ob meines Zustands und fixierte mich mit ihren durchdringenden, blauen Augen, wie sie es schon so oft zuvor getan. Und es war eben jener Blick, der mich gleichermaßen anzog, wie er mich auch erschaudern ließ. Wollte sich mir doch nicht erschließen, warum sie mich Nacht um Nacht mit auf ihre Reisen nahm, ob sie in mir einen Freund sah oder vielmehr, einer Katze gleich, das Spiel mit ihrer Beute liebte und nun ihre Augen auf die einfältige Maus gerichtet, den finalen Angriff plante. Und doch hatte ich längst den Punkt der Umkehr überschritten und musste dieses Risiko in Kauf nehmen, wollte ich den Zugang zu diesem nächtlichen Zauber nicht verlieren.

Als sie bemerkte, dass ich ihren Blick erwiderte, löste sie sich gänzlich unvermittelt von dem alten Gemäuer, an das sie sich zuvor geschmiegt, und eilte so ungestüm auf mich zu, dass ich ahnte, nun sei mein Leben verwirkt. Doch kein mörderisches Raubtier erreichte mich. Vielmehr ergriff sie in

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einem Moment der Überraschung meine Hände und zog mich mit überirdischer Stärke mit sich fort. So wirbelten und tanzten wir unter dem glitzernden Himmelszelt und ihr Lachen zeugte von großer Freude, während ich kaum fähig war, ihren Bewegungen zu folgen oder mich auf den Beinen zu halten. Und so endete unser Reigen in eben jener Weise, wie er musste und wir segelten, gelöst durch meine fehlende Balance, durch die Luft und landeten im weichen Gras. Einige Sekunden vergingen, bis meine Sinne sich nach diesem Aufschlag wieder gesammelt hatten und es mir möglich war, mich zu erheben. Es waren Momenten wie eben jener, die mich stetig daran erinnerten, dass ich, trotz der neuen sinnlichen Wahrnehmung, dir mir zuteil geworden war, letztlich doch nur die Physis eines Menschen besaß.

Meiner Begleiterin schien dies jedoch nicht bewusst oder sogar vollkommen egal zu sein. Langsam schritt ich zu der noch immer zufrieden im Gras Sitzenden und reichte ihr meine Hand – eine symbolische Geste, war sie mir doch an Kräften bei weitem überlegen – doch anstatt eben jene zu ergreifen lächelte sie nur schweigend und erneut sah ich mich außerstande, meinen Blick von dem ihren zu lösen. Gleich einem Ozean wurde ich hinabgezogen in die unirdischen Tiefen ihres Wesens und so stand ich und starrte mit ausgestreckter Hand, unfähig mich zu rühren. Da erhob sie sich unvermittelt auf ihre Knie, schlang die bleichen Arme um meinen Leib und schmiegte sanft ihren Kopf an meine Seite.

Nur langsam wurde ich wieder Herr meiner Sinne und blickte verwundert an mir herab, als sie sich mit einem schnellen Ruck von mir löste, mich fast von sich stieß und halb abgewandt zum Stehen kam. Mit fast beschämter Stimme sprach sie, dass dies nicht rechtens sei – es stünde ihr nicht zu, denn sie gehörte nur ihrem dunklen Gefährten. Indes bemerkte ich in ihrem sonst so bleichen Gesicht einen ungewohnten Farbspritzer. Einige feine rote Tropfen umspielten ihren Mundwinkel und sie war in solcher Weise bestrebt, eben jene vor mir zu verbergen, dass es schien, sie sei zutiefst beschämt.

Erst jetzt bemerkte ich ein seltsames Gefühl der Wärme, dass meinen Leib hinab zu rinnen schien und als ich nach der Ursache desselben suchte, musste ich einen Riss in meiner Kleidung bemerken, unter dem aus zwei klaffenden Löchern der rote Lebenssaft meines Leibes rann. Panik ergriff mich und mit zitternden Händen suchte ich die Wunde zu verschließen, aus der mit großem Druck mein Leben floss. Unter dem abgewandten Blick meiner Begleiterin floh ich, hinein in das alte Mauerwerk, in der Hoffnung, mein Leben retten zu können und die fürchterlich blutende Wunde zu verschließen. Doch schnell zeichnete sich ab, dass sich hier keine Hilfe finden würde. So sank ich auf eine alte Treppe und bemühte mich, gänzlich ratlos, die Wunde mit bloßen Händen zu verschließen.

Von meinem stillen Posten konnte ich meine Begleiterin sehen, die schon nicht mehr an mich zu denken schien und erneut die Schönheit der Nacht auskostend über die finstere Wiese tanzte. So voller Lebensfreude waren ihre Bewegungen, dass es überaus ironisch schien, dass das Leben schon längst aus ihren blassen Wangen gewichen war. In jenem Augenblick dachte ich erneut darüber nach, ob sie nur mit mir spielte und wenn sie dies tat, ob es aus Bosheit geschah oder aber ihrem Wesen geschuldet war, dass sich weit jenseits sterblicher Moral bewegte. Und da ich sie ihre vergnügten Pirouetten drehen sah, wurde mir bewusst, dass ich, wenn ich diese Nacht denn überlebte, doch schon Morgen wieder als Sklave dieser neuen Leidenschaft ihrem Ruf folgen würde.

Seufzend nahm ich mein Schicksal in Kauf – denn die Nacht hatte mich gänzlich der Welt der Lebenden entrissen. Da bemerkte ich eine Gestalt, die sich unweit von mir aus dem Dunkel der Nacht zu schälen begann. Eine seltsame Eingebung sagte mir, dass dies der Gefährte meiner nächtlichen Begleiterin war. Zumindest schien auch ihn die gleiche überirdische Aura zu umgeben, die ich zuvor bei ihr bemerkte. Doch Furcht packte mein armes Herz, als der Fremde ins fahle Licht der fernen Stadt getreten, denn kein menschliches Antlitz zierte sein Haupt. Eher das grimmige Abbild einer Fledermaus trug er auf seinen Schultern und wutentbrannt schritt er mit rot glühenden Augen auf die Tanzende zu, den Griff fest um ein eigentümlich geformtes Schwert geschlossen. Ich

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war verwirrt ob dieses Anblicks, doch mit Schrecken wurde mir gewahr, dass eben jener Fremde die Quelle jener seltsamen Präsenz war, die ich Nacht um Nacht spüren konnte, deren Ursprung sich mir doch stets entzog.

Schon lange musste er das Treiben seiner Gefährtin beobachtet haben und was er sah, gefiel ihm offensichtlich nicht. Entgegen aller Vernunft sprang ich von meinem Posten auf und stürmte auf ihn zu, nicht mehr an die Verletzung in meiner Seite denkend. Da blieb er stehen und wandte sich in einer schnellen Drehung mir zu. Mit hasserfüllten Augen fixierte er mich, bleckte die spitzen Zähne und hob die Klinge herausfordernd in meine Richtung. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass dieser Angriff zum Scheitern veurteilt war. Denn was wollte ich gegen solch eine Kreatur schon ausrichten. Doch Zeit zur Umkehr blieb mir nicht, denn mit übernatürlicher Gewandtheit schoss der Fremde auf mich zu und versetzte mir mit seiner Klinge einige wohl platzierte, feine Schnitte, aus denen sogleich die Reste meines Blutes quollen, die ich nicht zuvor schon lassen musste. Erst dachte ich, er hätte mich verfehlt, doch als er sich wieder abwandte, verstand ich, dass diese Treffer sehr bewusst platziert wurden, denn statt eines gnadenvollen schnellen Todes, hatte er ein langsames, qualvolles Ende für mich im Sinn. Schmerz und Verzweiflung erfüllten meinen Geist und es viel mir schwer mich auf den Beinen zu halten.

Meine Begleiterin schien mein Wimmern bemerkt zu haben und hielt in ihren Drehungen inne, als auch schon ihr Gefährte bedrohlich vor ihr stand. Zunächst schien sie über sein Erscheinen erfreut zu sein, doch schnell erfüllte Furcht das schöne Gesicht, als die Bestie die Klinge blitzend in die Höhe hob. Gänzlich unfähig, etwas zu tun, musste ich mit ansehen, wie das blanke Metall den Kopf in einem sauberen Schnitt von den Schultern trennte, woraufhin er unter dem dumpfen Rascheln des Grases nebem dem zusammensackenden Körper zu Boden fiel. Die Bestie betrachtete wild schnaufend ihr Werk, verharrte einen Augenblick und ließ den Blick gen Boden sinken. Da warf sie die Klinge zur Seite, schritt einige Meter scheinbar ziellos davon und ließ unvermittelt einen höllischen Schrei in tiefe Nacht fahren. Ob dies ein Zeichen des Sieges war oder die Verzweiflung in der dem Zorn folgenden Klarheit über die Natur der eigenen Tat, vermochte ich nicht zu sagen.

Doch derweil war ein letztes verzweifeltes Aufbäumen meines Lebensfunkes durch meinen geschwächten Leib gefahren, das es mir erlaubte, mich zu erheben und langsamen Schrittes zur Stätte jener Gräueltat zu wanken, ungesehen von dem Schlächter, der mich jämmerlichen Menschen nicht mehr beachtete.

Mein Geist war benebelt und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, außer zu jenem, des elenden Schwertes habhaft zu werden, dass dort vor mir lag. Endlich hatte ich es erreicht, ergriff das kalte Metall mit meinen Händen. Doch das höllengeschmiedete Ding, dass der Fremde mit solcher Leichtigkeit schwang, war für Menschenhände viel zu schwer, so dass es mir mit beiden Händen nicht gelingen wollte, es auch nur leicht vom Boden zu heben.

Da meinem Körper zunehmend die Kräfte schwanden, sank ich zunächst zu Boden und ließ den Blick zur Seite schweifen, wo leblos der zerteilte Leib meiner Begleiterin den ewigen Schlaf aller Dinge schlief. Wenn sie mich auch zuvor fast selbst getötet hatte, so war ich doch nicht bereit, dass Dahinschlachten dieses wundervollen Wesens, dass mir so viel Freude gebracht, einfach hinzunehmen. Und in einem letzten Anfall des Zorns fuhr die Kraft der Verzweiflung in meine Arme und erlaubte es mir, die höllische Klinge erst vom Boden zu hieven und anschließend mit einer schnelle Bewegung auf meiner Schulter zum Ruhen zu bringen. Das Gewicht der Klinge drückte mich sichtlich zu Boden, doch ich wusste, dass alles gleich sein Ende finden würde. Nur eine einzige Tat war noch vonnöten.

So schleppte ich mich dahin, Schritt um Schritt, hoffend, dass der Fremde nicht doch plötzlich von seinem Anfall gelöst mir seine Aufmerksamkeit zuwandte. Doch er konnte oder er wollte mich nicht bemerken und so erreichte ich endlich den Zerstörer all dessen, was für mich in diesem Leben noch von Wert gewesen war. Mit einem gewaltigen Hieb fuhr die Klinge auf Fremden nieder und gerade so vermochte ich es, seinen Hals zu treffen. Doch mein Schlag war unsauber und kraftlos, so dass die Klinge den Kopf des Untiers weniger abschnitt als vielmehr abriss und dann, meinen

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blutverklebten Händen entgleitend, in hohem Bogen davon flog. Die Wirkung jedoch war die gleiche und der Zerstörer stürzte vernichtet zu Boden.

Nun da mein letztes Werk getan, schleppte ich mich zum zerschmetterten Leib meiner Begleiterin und sank kraftlos in das weiche Gras. Vorsichtig hob ich das Haupt der Schönen auf und drückte es an meine blutende Brust. Noch immer funkelten ihre wundervollen Augen gleich zwei Saphiren, allein, es gesellten sich nun erst einige, dann immer mehr Rubine meines Körpers zu ihnen. Erst stieg die Kälte in meine Glieder, dann die Taubheit, als das bleiche Gesicht zunehmend in meinem Blut ertrank. Mir war bewusst, dass das Ende nahte, doch nun war es mir gleich. Denn ein Dasein ohne jenes überirdische Wesen, dass mir die Pforte zu jener neuen Welt eröffnet hatte, konnte ich ohnehin nicht ertragen.

Und dann kam das Dunkel und mit ihm die Stille.

Ich fragte mich, ob dies die Brücke war und ob der Finsternis etwas neues folgen würde. Doch nichts geschah und ich erkannte, dass jener dunkle, einsame Ort bereits das Ende war und ihm kein Himmelreich folgen würde. Und so ergab ich mich der Leere, mit dem letzten Gedanken an jene wundervollen blauen Augen…

Nachdem ich scheinbar endlose Zeit durch die Finsternis getrieben war, bemerkte ich unvermittelt eine Veränderung. Mit einem fürchterlichen Ruck schien mich etwas aus der Leere zu zerren und langsam kehrte das Gefühl zurück und verschommen offenbarte sich mir die Welt. Ich blickte erneut in die wundervollen Saphire inmitten des rubinroten Antlitzes, doch schnell wurde mir bewusst, dass es nicht mehr in meinen Armen ruhte, sondern wieder seinen angestammten Platz auf den bleichen Schultern eingenommen hatte und mich sanft anlächelte. Als ich meinen Körper und die um meinen Hals geschlungenen Arme fühlte, wurde mir bewusst, dass ich dem Tod entronnen war – allein das Leben war nicht in mich zurückgekehrt.

Dies jedoch war mir gleich, denn ich konnte mich erneut in den wundervollen Saphiren verlieren… und diesmal funkelten sie für mich.