Die schönen Toten von Khizrai

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Gebeugt und schwerfällig sucht der alte Wächter Cato seinen Weg durch die finsteren Gänge des einstigen Anwesens. Fest umschließt die rechte Hand den knorrigen, alten Stab, ohne den er schon längst nicht mehr zu gehen imstande ist. Die Linke indes führt die verrußte Laterne, die ihm in den ersten Stunden der hereinbrechenden Nacht einen hauch wohligen Lichts zu spenden weiß.

Wieder einmal hat die Sonne das weite Firmament verlassen und die Welt in einer Blase der Dunkelheit zurückgelassen. Und wieder einmal beginnt so die niemals endende Pflicht des Wächters, seine Runden zu drehen und jene, die auf ewig ihre Ruhe in diesen Wänden fanden, vor der Grässlichkeit des Vergessens zu bewahren. Langsam suchen die Füße des Alten vorsichtig ihren Weg, während das Hämmern des Stocks auf den holzigen Boden jedes noch so kleine Vorankommen quittiert.

Eine scheinbar undurchdringliche Schicht aus Staub hat die alten Flure und Zimmer längst gänzlich in seinen Besitz gebracht, denn auf Sauberkeit legt hier schon lange niemand mehr Wert. Nur die lange Robe des Wächters, die mit jedem Schritt über den Boden schleift, zieht lange Bahnen in die verlassenen Flure, deren monotone Stille nur vom geistlosen Spiel der Schatten längst heruntergebrannter Kerzen im Licht der Laterne unterbrochen werden.

Nacht um Nacht macht er sich auf seinen beschwerlichen Weg durch das alte Haus, wohl wissend, dass niemand je von seinem Dienst erfahren oder ihm gar danken würde. Und doch erhebt er sich stetig aufs Neue, wenn die Sonne am fernen Horizont verschwindet, von seinem Ruheort in der kleinen Alchemistenstube im finsteren Keller. Einst, als Khizrai noch ein Reich des Nebels, die weiten Ebenen grün und sein Körper deutlich weniger zerschunden war, eilte er schnellen Schritts auch bei Tage auf dem Pfad seiner täglichen Pflichten. Doch diese Zeit ist lange schon vorbei. Als der Nebel ging und die grelle Sonne auf das Land hernieder schien und Leib und Augen Catos verbrannte, wurde er in die Nacht verbannt.

Seither dreht er in der Dunkelheit seine Runden und so lange schon währt dieses Schicksal, dass er längst nicht mehr fähig ist, sich die so vertrauten Räume anders als im Licht der Laterne und der Kerzen vorzustellen. Zu Beginn krallte er sich noch an das verlorene Licht des Tages. Und so schmückte er Flure und Räume großzügig mit Kerzen, deren warmer, flackernder Schein ihm zumindest ein kleiner Trost war. Als die Jahre jedoch ins Land zogen und der Vorrat der kleinen Lichtspender sichtbar zu schrumpfen begann, konzentrierte er den Einsatz selbiger auf das Notwendigste. Darum muss ihm heute die treue Laterne dienen, die seinen trüben Blick auf die Welt zumindest etwas zu erhellen vermag. Denn die Kerzen sind nun für sie bestimmt, seine Schützlinge – die schönen Toten.

Behäbigen Schritts tritt der Wächter in das erste der Zimmer, die nun das Zentrum seines ganzen Daseins sind. Früher war dies ein Gästezimmer. Doch seine neuen Bewohner würden nie mehr gehen. Vorsichtig hebt Cato die Laterne und beleuchtet das verstaubte Interieur, aus dem ein einzelnes Objekt in fast bizarrer Weise hervorsticht. Ein großes Himmelbett bar jeden Staubs und in bestem Zustand löst sich aus dem grauen Einerlei der restlichen Möblierung. Darauf ruhend scheinen zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, in tiefstem Schlummer verharrend nur auf den ersten Schrei des Hahns zu warten, um ihrer heimeligen Bettstatt zu entsteigen. Doch Cato weiß, dass dieser Schein trügt und dass die beiden, die einst auf die Namen Castello und Adriella hörten und nun zugewandten Blicks und Hand in Hand ruhend dort lagen, sich auch im Choral aller Hähne dieser Welt nicht erheben würden.

Die Laterne lässt er auf einem Tischlein ruhen, zieht zitternd einen Holzstab aus einer seiner vielen Manteltaschen und beginnt, die Kerzen zu entzünden, die er auf den Nachttischen angebracht hatte. Das Unterfangen braucht seine Zeit, denn Cato ist kaum mehr imstande, sich noch zu bewegen. Doch körperliche Gebrechen können ihn nicht abhalten. Er selbst hat längst vergessen, wie viele Sonnenauf- und untergänge er erlebt hat, wie viele Jahre seit damals ins Land gezogen sind. Auch seine Erscheinung kann er nur anhand seiner knochigen, dürren Hände erahnen. Denn die Spiegel hat er schon vor sehr langer Zeit alle entfernt. Dies war eines der ersten Dinge, die er nach dem Ende tat. Denn wenn seine Erscheinung ihn auch einst von den Anderen trennte, so wollte er

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zumindest in seiner Ewigkeit nicht beständig daran erinnert werden. Jedes schwach reflektierende Objekt wurde von ihm fein säuberlich verborgen, so dass er nie mehr der Schande seines Daseins gewahr werden muss. Und doch verfolgen ihn die Erinnerungen auch heute noch, wenn auch viel diffuser, fast wie ein Traum.

Damals war Khizrai ein blühendes Land, reich an Gütern und reich an Menschen. Und das Leben war leicht… wenn man denn einer der Schönen war. Denn in Khizrai war die Schönheit das Maß aller Dinge. Wessen Antlitz die Gemeinschaft erfreute, der genoss Ansehen und Rechte. Wer jedoch entstellt die Straßen beschritt, der wurde zum Sklaven der schönen Herren. Um dem gesellschaftlichen Absturz zu entgehen, suchten jene, die durch Unfall oder Krankheit entstellt wurden, oft ihr Heil in einem schnellen Ende ihres Lebens. Doch jene, die von Geburt an das Los des Ausgestoßenen tragen mussten, ordneten sich unter und bildeten so im Laufe der Zeit die schuftenden Rücken auf denen Khizrais Wohlstand errichtet wurde. Cato war einer der letzteren und wie es üblich war, ertrug er sein Schicksal. Denn auch wenn er unter der alten Ordnung litt, so war er doch ihren Idealen verhaftet und die schönen Wesen, denen er diente, waren in seinen Augen höhere Wesen – wenn auch oftmals von grausamer Natur.

Die Kerzen sind entzündet und die bleichen Toten erstrahlen friedlich ruhend in ihrem Schein. Gedankenverloren zieht Cato eine kleine Bürste aus seiner Tasche und beginnt mit sanften Strichen die beiden Ruhenden von ersten Anzeichen sich absetzenden Staubs zu befreien. Zufrieden mit seinen Bemühungen für diese Nacht zupft er die edle Kleidung, in der sie einst hinüber gingen, zurecht, damit auch ja kein Makel den Anblick trübt. Dabei ist er stets darauf bedacht, nichts an der ursprünglichen Pose zu verändern. Denn wenn er auch dieses Kunstwerk pflegt, steht es ihm doch nicht zu, daran zu arbeiten. Sanft hebt er die verschränkten Hände, um eine Fussel zu entfernen, die sich im Zuge eines verirrten Windhauchs in die perfekte Komposition gemischt hat. Dabei wird ihm wieder gewahr, dass er zwar fähig ist, die Toten zu berühren und er auch aus früheren Tagen noch weiß, wie stark die Kälte der Haut mit der makellosen Schönheit kontrastiert. Doch das Gefühl hat seinen Leib schon vor langer Zeit verlassen. Nachdenklich betrachtet er seine eingefallene Hand, bevor er wieder zur stoischen Verrichtung seiner nächtlichen Aufgaben zurückkehrt.

Viele Räume gilt es auch in dieser Nacht erneut zu besuchen und die Hüllen derer, die ihn allein in dieser Welt zurückließen, zu pflegen. Nach all den Jahren geht ihm die Arbeit fast gänzlich automatisch von der Hand und ohne viel darüber nachzudenken, macht er sich daran, die Kerzen zu entzünden, die Schlafstätten zu ordnen und zu säubern. Nur ab und an zieht eine Unregelmäßigkeit seinen Blick auf sich, worauf Cato sich, ohne es zu bemerken, in Bildern seines alten Lebens verliert. So auch hier, in jenem Zimmer, in dem ein junger Mann, den man einst Cestores nannte, statt auf einem Bett seine Ruhe auf einem großen Esstisch gefunden hatte.

Jung waren sie alle gewesen, die schönen Toten, als sie einst dem Leben entsagten und auf eine Reise ohne Wiederkehr gingen. Doch bevor sie aufbrachen wollte ein jeder in solcher Weise seine Ruhe finden, wie er sein Leben gelebt hatte. Und Cestores, der Feinschmecker, lebte für das Essen. Darum war es nur naheliegend, dass er genau an jenem Ort seine Ruhestätte fand. Die Speisen von einst, die als Dekoration und Grabbeigabe zu seiner Seite standen, sind längst jedoch schon Staub geworden. Und so hat der Alte schon vor langer Zeit, um dem Wesen des Kunstwerks gerecht zu werden, zu einer Notlösung gegriffen und ein Arrangement aus künstlichem Obst, welches ein Kunsthandwerker einst aus Stein herstellte, zur Zierde jenes Bilds gemacht. Diese Improvisation war ein notwendiges Übel, doch Cato war sich sicher, dass man ihm verzeihen würde. Denn die Alternative wäre wesentlich unappetitlicher gewesen. Und frische Nahrung gab es in diesen Landen schon so lang nicht mehr. Tatsächlich war das Essen eines der ersten Dinge, die der Wächter einstmals aufgegeben hatte. Sein Körper gehorcht schon lange nicht mehr den Gesetzen der Natur und es ist letztlich nur das Elixier, das ihn im Dasein hält.

Ein falscher Apfel, den der Wächter mit seinen steifen Bewegungen ins Rollen versetzt, entflieht

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ungesehen dem trüben Blick des Alten und erst das Scheppern beim Aufprall auf den hölzernen Boden gibt Kunde von dessen ungeplantem Exkurs. Betrübt hebt Cato den flüchtigen Betrüger aus seinem Exil und bemerkt eine Schramme in dessen Hülle. Er würde ihn erneut reparieren müssen. Vorsichtig lässt er den Apfel in eine seiner Taschen gleiten. Diese Arbeit muss jedoch vorerst warten, denn noch so viele andere müssen für die Nacht hergerichtet werden. So greift der Alte nach dem Stock und der Laterne und setzt seinen behäbigen Rundgang fort.

Beschwerlich ist seine nächtliche Runde und die Vielzahl der Pflichten, die seit so langer Zeit sein Dasein bestimmen. Dies jedoch war dereinst kein wirklicher Wandel für den einfachen Diener, denn Plackerei war schon immer das Zentrum seines Lebens. Früher diente er den Lebenden und nun den Toten. Und manchmal scheint es ihm gar, dass die Arbeit seit dem Ende deutlich leichter geworden ist. Denn Leid verliert seine Bedeutung, wenn die Hoffnung dem Geist und das Gefühl dem Leib entfloh. Nur manchmal wünscht er sich, sein Körper würde noch ein wenig besser funktionieren.

Es gab damals einen Moment, als er noch im Licht des Tages wandeln konnte, als er darüber nachsann, seinen Dienst an diesem trostlosen Ort aufzugeben und einfach zu gehen. Doch schnell wurde ihm die Einfalt dieses Gedankens bewusst. Denn wohin wollte er gehen? Außer ihm konnte es keine anderen mehr geben.

Khizrai war in der Zeit seiner Blüte hoch entwickelt, sowohl in den Künsten als auch in den Wissenschaften. Doch so viele Wunder dieses Land auch vollbringen konnte, so waren es doch zwei Dinge, an denen sie bis zum Letzten scheiterten.

Einerseits war man bestrebt, ein Mittel zu entwickeln, das die Menschen unsterblich machen konnte. Denn wenn die Menschen von Khizrai auch die Welt als solche bezwungen hatten, so konnten sie doch dem Altern und dem Tod nicht entfliehen. Als die Suche nach einer Quelle des Lebens in den frühesten Tagen begonnen wurde, war es vor allem der Tod, den man so zu besiegen suchte. In dieser einfältigen Zeit, so hieß es, haben die Ahnen das Leben selbst verehrt und nicht die Schönheit. Oft hatte Cato dereinst von jenen Geschichten gehört. Denn sein Großvater, ein angesehener Alchemist, hatte im Geheimen bis zu seinem letzten Tage versucht, diese mythische Essenz zu entdecken. Doch den Gedanken an eine Zeit, in der das Leben aller gleich galt, fand Cato immer hochgradig bizarr. Und so waren die Erzählungen des Großvaters eben immer nur eines für ihn: Geschichten – unterhaltsam aber bedeutungslos.

Die alchemistische Forschung hatte zu jener Zeit nämlich längst ihr Ende gefunden. Hatte man doch längst im Zuge der Forschung nach dem ewigen Leben die wirklich bedeutsame Essenz entdeckt. Man nannte sie Mercurius und sie war fähig, die Schönheit der Menschen auf ewig zu bewahren. Dass sie hochgiftig war und den Nutzer innerhalb weniger Augenblicke tötete, hatte keine Bedeutung für die Menschen von Khizrai, die sich an der Idee ergötzten, nun für immer makellos zu sein. Und so wurde es schnell zum Brauch, dass die Menschen, bevor das Alter sie unwiederbringlich entstellte, an einem Tag ihrer Blüte durch die Macht des Mercurius aus dem ewigen Prozess des Welkens zu schieden.

Das zweite große Scheitern wiederum lag in der steten Suche nach anderen Ländern, weit jenseits des Eilands von Khizrai. Denn egal wie viele Expeditionen hinaus in den Nebel gesandt wurden, kam doch nie jemand lebend zurück. Nur ab und an fand man Teile von Wracks und ertrunkene Seeleute, die die Flut an die Strände spülte. So gab man mit der alchemistischen Forschung auch die Erkundung der Meere auf und erkannte an, dass jenseits dieses paradiesischen Landes keine bewohnbare Welt existierten konnte.

Wankend bahnt sich der Alte seinen Weg durch den breiten Flur im zweiten Stock, welcher ihn zum letzten der Räume führen würde, der ihm zugleich auch der wichtigste ist.

Die Laterne ist kaum imstande, die weite Leere des alten Ballsaals mit Licht zu erfüllen und erst als der Wächter in mühevoller Kleinarbeit das Meer der Kerzen entzündet hat, wird der Blick des Betrachters auf ein fast überirdisches Spektakel aus tanzenden Lichtern, die auf goldverzierten,

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spiegelbewehrten Wänden reflektieren, freigegeben. Dem besonderen Wert des Ortes angemessen ist er hier nicht nur darum bemüht, die Ruhestatt zu reinigen, als vielmehr den Raum in seiner Gesamtheit als Kunstwerk zu erhalten. Denn hier ruht sie – Alphariel, die Schönste unter den Schönen, ein Ebenbild irdischer Göttlichkeit. Liegend in einem offenen Sarg aus edlen Metallen und unbezahlbaren Edelsteinen schläft auch sie den ewigen Schlaf, für immer ein seliges Lächeln auf ihren Lippen tragend. Vorsichtig schreitet der Wächter hinüber zu jenem Totenbett und beginnt die Sträuße und Kränze aus Blumen und Farnen zu überprüfen, welcher er seit dem Ende stetig frisch, fast liebevoll um den prunkvollen Sarg arrangiert.

Einst war Khizrai ein grünes Land und Blumen fand man überall. Doch als die Sonne kam, wurde das Land verbrannt und so blieben nur wenige verborgene Winkel übrig, in denen das zarte Grün noch gedeihen konnte. Die Pflege dieser Gestecke ist mit Abstand die aufwendigste aller Pflichten, denen der Alte nachgeht, und doch ist sie ihm eine der liebsten, denn er tut sie für sie.

Im Leben war Alphariel die Tochter des letzten Regenten von Khizrai und zugleich Catos Herrin. Wenn dies auch ein Leben der Arbeit für ihn bedeutete, so empfand Cato sein Schicksal als gütig. Die anderen Menschen am königlichen Hof sahen in Cato oftmals nicht mehr als ein Monstrum, denn selbst unter Seinesgleichen galt er als entstellt. Entsprechend machte man ihm das Leben so schwer es nur irgend ging. Doch er wusste dieses Los zu ertragen, konnte er doch Alphariel nah sein, diesem überirdischen Wesen, das schon früh zum Zentrum seines Universums geworden war. Entgegen ihrer gehobenen Stellung, selbst unter den Herrschenden, wusste sie dem Entstellten jedoch mit einer Freundlichkeit zu begegnen, die in Khizrai einzigartig war. Fast konnte man meinen, sie seien einander in einer Form der Liebe verbunden – wenn auch beileibe nicht einer solchen zwischen zwei Menschen als vielmehr jener zwischen einem Hund und seinem Herrn. Doch eben jenes Daseins war für Cato das Höchste und wenn das Leben Abseits ihres Blicks ihn auch täglich schmerzte, schätzte er sich glücklich. Doch alles änderte sich mit jenem Tag, an dem die Kunde von einer unbekannten Seuche den Hof erreichte.

Zunächst gab es nur Gerüchte über eine Krankheit, die an der Küste in der Kaste der Diener wütete. Man sprach davon, dass alle Erkrankten auch daran starben. Doch die Regenten kümmerten sich nicht um die Befindlichkeiten ihrer Vasallen. Und so wurde die Krankheit erst bedeutsam, als die ersten Mitglieder der schönen Herrscher betroffen waren. Unzählige Mitglieder der Dienerschaft waren damals schon daran gestorben, denn ihre von ärmlichen Lebensverhältnissen ausgezehrten Körper konnten dem unsichtbaren Tod nichts entgegensetzen.

Als die ersten Regenten sich mit der Krankheit infizierten, konnten die Ärzte schnell eine effektive Heilung entwickeln. Doch auch an ihnen ging die Seuche nicht spurlos vorbei. Denn wenngleich sie daran nicht starben, ging mit der Krankheit zunächst ein furchtbarer Ausschlag einher, der letztlich zu entstellenden Narben führte.

Es war diese Erkenntnis, nicht die unzähligen Toten, die unter den Schönen Menschen von Khizrai zu einer großen Panik führte. Unzählige suchten ihr Heil im Mercurius-Elixier, um nur ja nicht von den Narben entstellt zu werden. Ganze Familien gingen in einen freiwilligen Tod, während die Diener, die sich so sehr ans Leben klammerten, letztlich zugrunde gehen mussten. Die gesamte gesellschaftliche Ordnung brach mit dem Wegfall der arbeitenden Dienerschaft gänzlich zusammen und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Versorgung mit dem Nötigsten knapp wurde. Selbst das so wichtige Mercurius-Elixier konnte nicht mehr gebraut werden.

So gut es ihm noch möglich ist, beginnt der Alte, die verwelkten Überreste des reichhaltigen Blumenschmucks zu entfernen. Früher hätte er nicht zugelassen, dass auch nur ein einziges welkes Blatt den Anblick dieses Arrangements trübt. Doch Blumen sind selten geworden und sein Körper macht ihm die beschwerliche Reise zu den letzten versteckten Winkeln lebenden Grüns nicht leichter. Darum erledigt er nur noch jene Handgriffe, die ihm bis zum Aufgang der brennenden Sonne möglich sind. Wenn der Verfall auch langsam vonstatten geht, so ist ihm doch wohl bewusst,

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dass die Arbeit, die er in jeder Nacht bewältigen kann, stetig weniger wird. Und eines Tages wird sein Körper seinen Dienst gar nicht mehr verrichten und das Haus nach und nach verfallen. Wie anders es hier doch ausgesehen hatte, als noch Leben in den alten Mauern herrschte.

Kurz nachdem die Kunde über die umgehende Seuche die Gesellschaft ins Wanken gebracht hatte, befahl der letzte Herrscher, dass Alphariel sich auf den Landsitz der Familie zurückziehen sollte. Dort, so die Hoffnung, könnte sie das Wüten der Seuche überstehen. Denn auch wenn es durchaus üblich war, sein Ende durch das Mercurius zu finden, so waren Eltern auch in Khizrai um ihre Kinder besorgt. Keine Mutter und kein Vater hätten leichtfertig mitansehen können, wie ihr eigenes Fleisch und Blut den Preis der ewigen Schönheit zahlte.

So reiste Alphariel mit ihren engsten Freunden in das alte Anwesen, in welchem sie schon viele Sommer zuvor erlebte. Auch ein Teil der Dienerschaft begleitete die jungen Menschen, unter ihnen Cato, der seiner Herrin in jeden Winkel der Welt gefolgt wäre. Tatsächlich war dieser damals recht optimistisch gestimmt. Hoffte er doch, abseits der großen Städte gemeinsam mit seiner Herrin dem schleichenden Tod entkommen zu können.

Die Zeit im Anwesen war im Zuge das nahenden Endes bemerkenswert unbeschwert und oft musste man sich fragen, ob der Eskapismus der Gruppe der Verdrängung diente oder die Gefahr wirklich nicht gesehen wurde. Einige Wochen hielt man noch über Kuriere Kontakt mit dem königlichen Hof, doch die Nachrichten wurden stetig seltener, bis eines Tages der Bote gar nicht zurückkehrte. Man schickte nun einen weiteren Diener nach dem anderen zurück in die alte Heimat, auf dass sie herausfinden mochten, was vor sich ging. Doch niemand kehrte je zurück.

Dann kam der verheißungsvolle Tag, an dem Cato, dem letzten verbleibenden Diener, das Los zufiel, die Reise zum königlichen Hof anzutreten. Doch entgegen der vehementen Forderung der restlichen Gemeinschaft war es Alphariel, die Cato vor diesem Marsch in das Verderben bewahrte. Die Freude Catos über die offen gezeigte Zuneigung seiner Herrin verflüchtigte sich jedoch schnell, als diese ihre wahren Pläne offenbarte. Voller Freude enthüllte sie ein bisher gut gehütetes Geheimnis. Ein Objekt, das bislang vor aller Augen verborgen blieb und nun endlich feierlich präsentiert werden sollte.

Noch sehr genau erinnerte sich Cato an jenen Tag, als er in eben jenem Ballsaal, in dem er nun harrt, unter den erstaunten Augen der Anwesenden das Tuch von dem Geheimnis zog und einen prunkvollen Sarg enthüllte. Die Gruppe war zutiefst erstaunt und entzückt ob des exquisiten Handwerks und der feinen Materialien des Totenbetts. Nur Cato war zutiefst entsetzt, denn ihm wurde direkt die Bedeutung dieser Enthüllung gewahr.

Seine Herrin kannte die Herkunft ihres Dieners und war sich darüber im Klaren, dass dieser eine Ausbildung in alchemistischen Grundlagen besaß. Und wenn er auch kein Meister war, so würde er die Rezeptur des Mercurius schon zustande bringen. Die notwendigen Gerätschaften befanden sich in einer alten Stube im Keller des Hauses, die schon lange nicht mehr genutzt wurden, aber durchaus noch ihren Zweck erfüllen würden.

In dieser Nacht muss der Wächter besonders viele der schönen Blumen aus den Gestecken entfernen. Fast scheint es ihm, dass die Pracht der Ruhestatt seiner Herrin mit jedem Tag, der an seinem Körper zehrt, in gleichem Maße weiter abnimmt. Langsam legt er die abgestorbenen Pflanzen in einen weite Innentasche seines Mantels. Dabei stoßen seine Finger auf ein kleines, rundes Objekt, welches sich in den falschen Winkel des Stoffes verirrt hat. Vorsichtig zieht er es hinaus und erkennt das kalte Glas des verfluchten kleinen Fläschchens von einst.

Die Tage in dem kalten Keller erinnerten Cato an die Zeit seiner Kindheit. Bildlich sah er seinen Großvater vor sich, wie dieser seinen Hirngespinsten nachjagte, beständig darum bemüht, das Mercurius mit seinem Gegenstück zu verbinden. Und auch, wenn er die Geschichten des Alten immer nur als Märchen abtat, so hatten sich die Abläufe des Mischens doch sehr deutlich in seinen

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Geist gebrannt. Ein wenig dies, drei Löffel das, ein wenig erhitzen – die Herstellung der Elixiere war keine Kunst, wenn man wusste, auf welche Dinge man zu achten hatte und welche Verhältnisse einzuhalten waren. Und wie er da saß und Essenzen vermischte, wurde es ihm schlagartig bewusst: Das Rezept des Schwesterelixiers. Auch wenn es in Khizrai schon lange nicht mehr gebraut wurde, so kannte sein Großvater doch den Weg, das Sulphurus zu mischen. Und auf diesem Wege schlich sich das alte Wissen in den noch kindlichen Geist des jungen Cato.

Sulphurus war wahrlich das exakte Gegenstück des edlen Mercurius. Wo letzteres silbrig glitzernd und wohl riechend den Körper bewahrte und einen sicheren Tod brachte, verhinderte das gelbe, stinkende erstere den Tod. Allein der Verfall des Leibes wurde zwar verlangsamt aber nicht gestoppt. Einst hatten die Ahnen und später auch sein Großvater versucht, beide Substanzen zu verbinden. Doch in jedem Fall hatte die Mischung eine katastrophale Wirkung und nur die negativen Effekte wurden vereint – Tod und Verfall.

Ohne wirklich zu wissen, warum er dies tat, mischte Cato das Sulphurus und begab sich nach Abschluss seiner Pflichten wieder hinauf zu seiner Herrin. Diese fand er inmitten der Gemeinschaft im Ballsaal, wo sie ausgelassen tanzend sich frohen Mutes auf ihr Ende freute – ja diesem regelrecht entgegen zu fiebern schien. Endlich konnte sie ihre Makellosigkeit auf ewig bewahren und nie mehr würde jemand ihren Status als Schönste von ganz Khizrai herausfordern können.

Auch wenn Cato schon oft die feierliche Einnahme des Mercurius miterlebt hatte, so empfand er die Stimmung in jenem Moment doch als gespenstisch. Mit bedrückter Miene präsentierte er das Kästchen, in dem fein säuberlich aufgereiht die Mercurius-Phiolen thronten. Glücklich wurden die Elixiere verteilt, doch als das Kästchen leer war, begann Cato, der sich sonst um Zurückhaltung bemühte, zu sprechen.

Er zog aus seinem Mantel eine Phiole des gelben Sulphurus hervor und erklärte, dass dieses einen Ausweg darstellte – Schutz vor der Seuche und wenn auch keine Bewahrung der Schönheit so doch zumindest ein langes Leben. Die Gemeinschaft war erst entsetzt und begann dann zu lachen. Am lautesten unter ihnen Alphariel, die den missgestalteten Cato bemitleidete, dessen einfacher Geist die wahre Tragweite der Bewahrung der eigenen Schönheit nicht nachvollziehen konnte.

Und so ging es dem Ende entgegen. In einem letzten Anfall ästhetischen Wahnsinns beschloss man in Form von künstlerischen Bildern aus dem Leben zu scheiden, repräsentativ für das, was einem am meisten am Herzen lag. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, versammelte man sich für einen letzten Toast und verteilte sich dann auf die einzelnen Zimmer. Cato harrte in diesen letzten Minuten an der Seite seiner Herrin. Er half ihr beim Betreten ihres letzten Bettes, reichte ihr die Phiole und beobachte, wie sich die Schönste der Schönen mit einem Lächeln zur Ruhe begab. Kurze Zeit noch hob sich die Brust in dem teuren Kleid, doch bald schon kehrte Stille ein.

Noch einmal betrachtete Cato die Sulphurus-Phiole und musste lachen über die Einfalt seines früheren Vorschlags. Natürlich konnte er nicht verstehen, welchen Wert die Schönheit einnahm. Denn er war nur ein Diener und auch der Tod seiner Herrin würde daran nichts ändern. So öffnete er das gläserne Behältnis und leerte es in einem Zug.

Wie die kleine Flasche in diese Tasche gelangt ist, weiß der Alte nicht mehr. Kurz dreht er die Phiole in seiner Hand und lässt sie dann in einem anderen Winkel seines Mantels verschwinden. Da seine Arbeit für diese Nacht getan ist, greift er den Stock und die Laterne, kann jedoch nicht umhin, ein weiteres Mal das Antlitz im Sarg zu betrachten.

Manchmal, wenn er die schönen Toten so anschaut, kommt es ihm wirklich vor, als wären sie nur in einem tiefen Schlummer gefangen. Und er fragt sich, was wohl auf der anderen Seite wartet, zu der sie hinüber gingen. Vielleicht ist das Leben selbst ja nur ein Traum und er der Letzte, dem es nicht vergönnt ist, zu erwachen.

Doch was weiß er schon von solchen Dingen? Er ist ein Diener und das wird er für immer bleiben.

So zieht der alte Wächter gebeugt und schwerfällig unter dem Poltern des Stockes von dannen.