Das beste Erlebnis eures Lebens

1

Ich lief auf dem überfüllten Hauptweg eines Freizeitparks, neugierig und offen, mir erst alles anzuschauen, bevor ich mich für ein Fahrgeschäft entscheide, als mich eine als Fee verkleidete Frau am Arm fasste und mir zuraunte: „Kommen Sie mit! Ich zeige Ihnen etwas, das müssen Sie unbedingt erleben…“ und schon zog sie mich freundlich aber bestimmt links in eine Seitengasse, die weit weniger frequentiert war, als der Hauptweg. Es waren vielleicht nur 50 m, dann standen wir vor einer großen, bunten Fassade, verziert mit orientalisch anmutenden Bauten und Kuppeln, hinter der sich alles verbergen konnte: „Vielleicht eine getarnte Geisterbahn, oder ein Mysteryhaus“, schoss es mir durch den Kopf, doch viel Zeit zur Spekulation blieb mir nicht. Ich wurde von der Fee vor das recht unscheinbare Eingangstor, welches in die Fassade eingelassen war, geschoben und angewiesen, nach oben auf den Torbogen zu schauen, in dem zwei kleine Spots eingelassen waren. Sie blinkten einmal kurz auf und leuchteten mir dabei direkt in die Augen. Sofort danach gingen wir durch das Tor und ich bekam ein zügiges Tutorial. Überraschender Weise war die Fassade tatsächlich nur eine Fassade und dahinter war nichts, als ein Hof mit ein paar Mülltonnen und Gerümpel und der Außenbereich des Parks, doch die Fee redete munter drauf los, ohne mir Gelegenheit für Fragen zu geben: „Sie befinden sich jetzt an einem Ort, der für Sie alles realisiert, was Sie sich wünschen. Dabei brauchen Sie den Wunsch nur zu denken und er wird wahr. Denken Sie jetzt zum Beispiel an ein Harem, das ihnen alle sexuellen Phantasien erfüllt…“ und schon standen wir in einem mit roten Tüchern und großen Sitzkissen und Matratzen gefüllten Raum, in dem sich nackte Menschen räkelten; so, wie ich mir just in dem Moment einen Harem vorgestellt hatte und mein Traum wurde luzide. Ich ging zu einer gelben Vase auf einem Beistelltischchen, nahm sie in die Hand und bewunderte ihre leuchtende Farbe, während meine Begleitung weiter redete: „… bauen Sie neue Häuser oder reißen Sie alte ein, reisen Sie in die Vergangenheit, oder die Zukunft, gestalten Sie die Welt, wie es ihnen gefällt….“ und ich war so euphorisch, wie ich es von Klarträumen kenne und bemerkte mit Begeisterung, dass ich alles anfassen und als real erleben konnte, doch als die Fee sagte: „…oder verwandeln Sie sich einfach!“ stieß ich mich mit den Füßen vom Boden ab und flog senkrecht in die Höhe. Sie schloss ihr Tutorial, indem sie mir hinterherrief: „…erleben Sie, was Sie wollen und mit wem Sie wollen, doch bedenken Sie, Ihre Zeit ist begrenzt!“ Fliegen war überhaupt nicht anstrengend und meine Flügel kinderleicht zu benutzen. Ich umkreiste einmal den gesamten Freizeitpark und genoss die Perspektive. Ich sah den Hauptweg, in dem ich gerade mal 5 Minuten zuvor selbst inmitten dichten Getümmels steckte und bedauerte alle an den Boden gefesselten Lebewesen. Mir fiel auf, dass die Seitengasse mit „dem besten Angebot aller Zeiten“ nahezu verwaist und leer war und der Menschenmasse auf dem Hauptweg gar nicht in den Sinn kam, nach links zu schauen. Ihr erging es wie mir. Ich wäre ohne die „Fee“ auch einfach daran vorbeigelaufen und ich beschloss spontan, so viele Menschen, wie möglich glücklich zu machen, meine Freude zu teilen und den Betreibern zu helfen und ihnen etwas zurückzugeben. Ich nahm Kurs auf den Hauptweg kurz vor der Abbiegung, setzte mit den Füßen jedoch nicht auf dem Boden auf, sondern flog in Kopfhöhe weiter. Ich umfasste willkürlich eine kleine Gruppe Menschen von hinten und tat es der Fee gleich. Ich lenkte sie alle Richtung Seitengasse mit den Worten „Das müsst ihr unbedingt erleben!“ Niemand wunderte sich groß darüber, dass ich flog und auch niemand erhob Einspruch, also nahm ich mir die nächste Gruppe vom Hauptweg vor und wurde zum Marktschreier: „Hier wartet das beste Erlebnis eures Lebens! Gehen Sie bitte alle links rein!“ Ein Mädchen war etwas zurückhaltend und ängstlich und sah mir direkt in die Augen. „Vertrau mir! Du wirst es nicht bereuen!“, versicherte ich ihr und auch sie ließ sich wie ein Schäfchen in Richtung Tor führen. Ich erhob mich wieder in die Höhe und war zufrieden mit meinem Ergebnis: Vor dem Tor hatte sich eine Schlange gebildet und immer mehr Menschen wurden auf die bunte Fassade aufmerksam und folgten ihrer Neugier.

2

Ich drehte ein paar Saltos in der Luft und wollte gerade mein eigenes, unbegrenztes Abenteuer beginnen, als ich an dich denken musste. In der nächsten Szene sah man bloß, wie ich dich von der Straße pflückte und an meinem rechten Arm mit in schwindelnde Höhen zog und in Richtung Freizeitpark beförderte. Mir war es ziemlich gleichgültig, aus welcher Aktivität ich dich gerade gerissen hatte, aber mir war vollkommen klar, dass du mir nie verziehen hättest, wenn ich dich nicht abgeholt hätte. Wir flogen also – ich mit Flügeln und du an meiner Hand – und währenddessen plapperte ich kurz und bündig, worum es ging und setzte dich dreist und ohne Umschweife direkt vor dem Tor ab, ohne die Schlange zu respektieren. „Schau ins Licht und geh da durch!“ war meine knappe Anweisung und schon war ich wieder weit über allen Dächern, um zu beobachten, wie du durch das Tor gehst und dich selber vom Boden abstößt, um mir geflügelt Gesellschaft zu leisten. Wir jubelten laut und ausgelassen und flatterten herum und trennten uns dann, jeder auf dem Weg in seine persönliche Traumwelt.

Doch urplötzlich flog ich wieder auf dem Hauptweg des Freizeitparks in Kopfhöhe der Menschen und die Szenerie hatte sich drastisch verändert: Eine mittelalterliche Stadt mit Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäusern, deren Dächer brannten. Direkt neben mir wurden einem Mann die Kleider vom Leib gerissen und er mit einer Axt enthauptet. Blut spritzte und Menschen schrien und liefen durcheinander und der Henker wirbelte herum und traf brutal und tödlich alle um ihn herum.

Ich wurde wütend, dass meiner Euphorie solch ein Dämpfer verpasst wurde und brüllte laut in die Leere gen Himmel, in der Hoffnung, dass mich die Betreiber hören: „Hey, was soll das? Das hab ich mir wohl kaum gewünscht….!“ doch der Henker versuchte meine Beine zu fassen, während ich aufgeregt in diesem Inferno umherflatterte und keine Höhe gewann. Mir war klar, dass er mich zerstückeln würde, bekäme er mich zu fassen und ich steigerte meine Anstrengung und Wut. Als er mich dann an einem Bein festhielt weigerte ich mich, zu glauben, was ich erlebte und mir fiel ein Wunsch ein, in den ich vollstes Vertrauen setzte, dass er mir erfüllt werden würde: „Wie funktioniert das hier? Ich will sofort wissen, wie das geht!“

Nun schwebte ich senkrecht hinter der Fassade mit dem Tor, in etwa 3 m in der Luft über den Mülltonnen und dem Gerümpel. Um mich herum war eine graue Zeltplane gespannt, die von dem Trubel abschirmte. Meine Flügel spielten keine Rolle mehr, ich stand einfach, ohne Boden unter den Füßen. Es erschienen drei Männer mit mir unter der Zeltplane, die ebenso flügellos in der Luft standen und einer begann das Gespräch mit mir: „Guten Tag, wir sind die Programmierer Ihres Abenteuers. Früher haben wir Adventurespiele für den Computer programmiert, heute programmieren wir Träume. Als Sie von dem Licht geblendet wurden, haben wir Sie in einen luziden Traum versetzt, Sie schlafen also gerade. Der Grund, warum Sie diese Illusion nicht von der Realität unterscheiden können, ist unsere Traumarchitektur, die Nachlässigkeiten des Träumers korrigiert und fehlende Details, wo die Phantasie des Einzelnen versagt, hinzufügt. Wir sind gerade mit ihrem Traum verbunden und achten darauf, dass ihre Wünsche ihre eigene Vorstellungskraft übertreffen und noch Überraschungen für Sie bereithalten.“ Ich fühlte mich auf einen Schlag entblößt und in meiner Privatsphäre verletzt, doch führte ich schnell ein kurzes Vernunftgespräch mit mir selbst, in der Hoffnung, dass die Geschwindigkeit ermöglichen könnte, dass meine Gedanken „unter mir“ bleiben würden und die drei nichts davon mitbekämen: „Mich haben die Bedingungen doch gar nicht interessiert. Ich bin selber schuld. Ich war von Anbeginn euphorisch, ohne zu wissen, worauf ich mich einließ. Es nützt nichts mehr, sich hinterher zu beschweren.“ Und laut fragte ich: „Woher wissen Sie denn, was mich positiv überraschen würde….?“ und mir war ein wenig bange vor der Antwort. „Wir scannen ihre Gedanken permanent und wir kennen auch ihre Vorlieben seit ihrer Geburt. Das, was wir unseren Kunden bieten, ist so fesselnd, dass niemand freiwillig daraus aufwachen würde, darum ist der Henkeralbtraum unsere einzige Chance. Der Traum ist auf reale 10 Minuten angelegt, was in der Traumzeit eine ausreichend lange Zeitspanne ist, um sich sämtliche Wünsche zu erfüllen. Leider ist unser Weckruf geschäftsschädigend, aber unvermeidlich. Sie haben ihn jetzt einmal übersprungen und bekommen daher weitere Bonustraumzeit. Bedenken Sie jedoch, er kommt alle 10 Minuten erneut. Viel Spaß.“ Damit verschwanden sie und die graue Zeltplane, und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Ich hatte Unzählige in einen Albtraum geschickt! Doch vielleicht ließ sich das ja ändern.

3

Ich wünschte mir, das ändern zu können und sah sofort das zweifelnde Mädchen, welches mir vertraut hatte, inmitten des blutigen Infernos schreiend und weinend die Hände in den Himmel streckend, als wolle sie von Gott persönlich herausgeholt und gerettet werden und ich rief ihr zu : „Das ist bloß ein Traum, der kann dir nichts anhaben. Denke einfach an was Schönes und wünsche es dir!…“ Doch sie wurde bereits erfasst und vom Henker in Stücke geschlagen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken: „Ich fühle gar nichts. Es ist mir egal. Sie hatte doch ihren Spaß und jetzt wird sie bloß geweckt.“ Und in dem Moment erkannte ich, dass ich den Cheat entdeckt hatte, mit dem ich den Weckruf jedes mal aufs neue überwinden konnte. Von neuer Euphorie gepackt, schoss ich senkrecht in die Höhe und freute mich aufs Fliegen. Dann wachte ich auf .