Das letzte Gefecht

1818

Eine Woche war bereits vergangen, seit die bizarre Lichtsäule aus der Richtung Drakenbergs in die Lüfte emporschoss und den Himmel in wirren Farben erstrahlen ließ. Nach Wochen der Jagd hatte Hauptmann Erhardts Einheit es gerade geschafft, die verhassten Rebellen der Nordmark zu stellen, die durch geschickte Bewegungen versuchten, einen Weg hinter die drakonischen Linien zu finden. Doch gerade als die Drakonier im Begriff waren, die schnellen Plänkler einzukreisen, fuhr jene Welle aus bunten Farben über das Schlachtfeld und versetzte Freund wie Feind gleichermaßen in Panik. Soldaten ließen ihre Waffen fallen, Pferde gingen durch und in wildem Geschrei stoben die so vorsichtig geschlossenen Reihen hektisch auseinander. Die Geistesgegenwart der Rebellen reichte in jenem Moment gerade noch aus, um den Moment des Schreckens zur Flucht zu nutzen.

Als der von seinem Ross geschleuderte Erhardt sich erhob, musste er feststellen, dass der Feind geflüchtet und große Teile seiner Einheit verschwunden oder bewusstlos waren. Die beiden Magier, welche ihn begleiteten, wurden jedoch am schwersten getroffen. Heiler Paul Hutten kroch auf allen Vieren umher, sich wild übergebend, bis er letztlich entkräftet zusammenbrach. Magierin Nine Feuersturm setzte, unfähig ihre Kräfte unter Kontrolle zu halten, erst sich selbst und dann die Soldaten in ihrer Umgebung in Brand, bevor sie innerlich zu kochen begann und gleich einer menschlichen Wurst explodierte, die Umgebung in Blut und Fleisch badend. Es dauerte Stunden, bis der Hauptmann die Überreste seiner Einheit gesammelt und wieder marschbereit gemacht hatte.

Seither hatte er keinerlei Meldung mehr aus Drakenberg erhalten und wenngleich ihm durchaus bewusst war, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein musste, so hielt er sich doch an seine letzte Order: „Die Truppen der Nordmark aufspüren und ausschalten“. Er war schließlich Soldat – die Entscheidungen trafen andere.

Ein Jahr lang kämpften sie nun schon gegen die Rebellen der Kabale und ein Ende schien nicht in Sicht zu sein. Die Lichtsäule über Drakenberg, der Kernstadt der Drakonier, hatte die ohnehin schon angeschlagene Moral endgültig an einen Tiefpunkt gebracht. Mit steten Appellen an ihr Pflichtgefühl als Soldaten bemühte sich Wolfgang Erhardt, seine Truppen beisammen zu halten.

„Ein guter Soldat folgt seinen Befehlen bis zum bitteren Ende! Unser Pflichtgefühl ist es, an dem die Nachwelt uns messen wird!“

Wenn die Jagd jedoch noch lange dauerte, das war ihm klar, würden auch kühne Worte nicht mehr helfen. Und dann endlich, als die Suche schon fast als gescheitert galt, meldeten die Kundschafter, das Lager der Feinde endlich gefunden zu haben. Ein umgestoßene Laterne hatte ein Zelt in Brand gesetzt und so weithin die Position der Rebellen verraten. Erhardt erkannte, dass seine Truppen für eine Einkreisung nicht mehr ausreichten und entschloss sich deshalb für einen Frontalangriff auf die noch immer verwirrten und unorganisierten Feinde. Hier würden seine Soldaten nun siegen oder endgültig fallen. Die Truppen begaben sich in Formation, doch als sie das Lager im Morgengrauen erreichten, hatten die Rebellen sich bereits in eine defensive Position begeben. Auch sie waren zahlenmäßig angeschlagen, doch die elitären Soldaten der Nordmark waren daran gewöhnt, auch in ausweglosen Situationen noch zu funktionieren. So harrten beide Seiten schweigend auf eben jene Bewegung, die das Blutbad einleiten würde. Erhardt war gerade im Begriff den Befehl zum Angriff zu geben, als das Getrappel von Hufen an sein Ohr drang. Aus der Ferne näherten sich zwei Reiter in schnellem Galopp, beide das Banner einer der kämpfenden Fraktionen tragend. Erhardt erkannte in dem sich nähernden Reiter den Späher Gunther Stein, mit dem er schon früher Seite an Seite kämpfte. Dieser bemühte sich, den Truppen schon aus großer Entfernung etwas zuzurufen, doch es dauerte einen Moment, bis sie ihn verstanden.

„Der Krieg ist vorbei! Der Krieg ist vorbei!“

Als ihm der Inhalt dieser Nachricht gänzlich bewusst wurde, befahl Erhardt seinen Truppen, die Waffen zu senken. Endlich hatte der vom vielen Schreien entkräftete Stein die Front erreicht, öffnete seine Ledertasche und warf Erhardt aus dieser eine Schriftrolle zu. Schnell entrollte der Hauptmann das Schriftstück und erkannte einen Befehl, der erklärte, dass sich die drakonischen Truppen ergeben hatten und dass nun alle Waffen niederzulegen seien. Er trug alle offiziellen Siegel und schien echt zu sein. Da wandte sich Erhard seinen Truppen zu und begann lautstark die neuen Befehle zu verlesen. Der Gedanke an eine Kapitulation verwirrte viele der Soldaten, doch waren die meisten auch erleichtert, dass der Kampf nun ein Ende gefunden hatte. Als Erhardt jedoch gerade die letzten Worte verlesen hatte und im Begriff war, das Papier wieder einzurollen, bemerkte er wie ein einzelner Schütze wutentbrannt seine Armbrust anhob und daran war, auf die Reihen der Rebellen zu feuern.

„Ich werde mich nicht ergeben! Ich bin ein guter Soldat und die Verräter werden fallen!“

Mit entsetztem Blick verfolgten die Soldaten den Bolzen, der aus der Waffe schoss und sich in die Schulter des Hauptmanns bohrte, welcher sich in einer schnellen Bewegung in die Schussbahn des Schützen geworfen hatte. So schnell sie konnten, überwältigten die anderen Soldaten ihren Kameraden, doch der Schaden war schon angerichtet. Als das Blut langsam aus der Wunde hervorquoll, begann Hauptmann Wolfgang Erhardt zu sprechen.

„Ein guter Soldat folgt seinen Befehlen… bis zum bitteren Ende…“

Die Chroniken des Umbruchs