Die Heimatlosen

1818

Knisternde Lagerfeuer und vereinzeltes Gemurmel waren alles, was man abseits der polternden Schritte der wachsam patrouillierenden Soldaten im Lager der Geflüchteten vernehmen konnte. Der Krieg hatte sein Ende gefunden, doch das wahre Elend, dass dieser über die Menschen brachte, sollte sich erst jetzt, fernab der brennenden Flammen und der verwesenden Leiber, die die früheren Schlachtfelder säumten, offenbaren.

Ein jeder Bürger der thoranischen Provinzen wurde auf die ein oder andere Weise vom offenen Kampf der Drakonier und der Kabale getroffen. Leben und Habe und Heimat der einfachen Bürger waren es, die als Preis im Ringen der Großen um die Macht gehandelt und in so vielen Fällen verloren wurden. Und so zogen die Entwurzelten aus den Ruinen ihrer einstigen Städte und Dörfer hinaus, um in der Ferne mit dem Wenigen, was ihnen von ihren alten Leben geblieben war, den Grundstein einer neuen Zukunft zu legen.

Nachdenklich ließ Hauptmann Gertrud Brenner den Blick über die Silhouette der Zelte streifen, welche im flackernden Schein vereinzelter Lagerfeuer tanzte – Inseln aus Licht um die sich jene scharten, die in jener Nacht, wie so oft, keine Ruhe fanden. Von Träumen vergangener Grausamkeiten verfolgte Seelen, die nun im Dunkel auf den Anbruch eines neuen Tages und damit des Lichtes und einer neuen Hoffnung harrten. Doch auch wenn das Schicksal der verzweifelten Heimatlosen das Herz der Soldatin, die den Krieg nur mit einigen wenigen körperlichen Narben überstanden hatte, zutiefst berührten, so galt ihre Aufmerksamkeit in jenem Moment nicht jenen, die nur einen Moment der Ruhe ersehnten. Vielmehr suchte ihr wachsames Auge verdächtige Gestalten, die den arglosen Ruhenden im Schutze der Nacht und der Gruppe auflauerten.

Bedrohungen von außen waren für den Treck aus Flüchtlingen eher eine theoretische Gefahr. Banditen ignorierten ihn, da es bei den entwurzelten aber gut bewachten Habenichtsen außer einer blutigen Nase nichts zu holen gab. Die Gewalt der Gruppen uneinsichtiger drakonischer Soldaten, welche noch immer die Lande durchstreiften, richtete sich wiederum nicht gegen Zivilisten sondern ausschließlich gegen die Truppen und Führer der siegreichen Kabale. Die Fauna dieser Ländereien, die einem Menschen an sich durchaus gefährlich werden konnte, zog es vor, sich auf einzelne Opfer zu stürzen und wagte es nicht, sich den brennenden Feuern und den glänzenden Hellebarden zu nähern.

In den Wirren der Nachkriegszeit hatte jedoch eine neue Gefahr die Umrisse ihrer grausamen Fratze entblößt. Wenn in den frühen Stunden des Tages die Menschen das Lager abbrachen, ihre wenige Habe verstauten und sich zum Weiterziehen bereitmachten, fand man immer häufiger noch aufgeschlagene Zelte, deren Besitzer bei näherer Untersuchung kalt und regungslos in ihren Schlafstätten lagen. Bei genauerem Hinsehen fand man bei allen so gemeuchelten ausgeprägte Würgemale, allein einen Schuldigen fand man nie. Doch wer oder was auch immer sich des Nachts raubtierhaft an den Schwachen und Unschuldigen vergriff – einstmals würde Hauptmann Brenner ihn ergreifen und seiner gerechten Strafe zuführen.

Die Müdigkeit nahm langsam Besitz von der Frau, die in ihrem Bestreben, andere zu beschützen, kaum noch auf sich selbst achtete. Nacht um Nacht wachte sie eigenständig über das Lager, unfähig die Verantwortung für die Leben der Ruhenden an ihre Truppen zu übergeben. Die Ruhe und Ereignislosigkeit der Nacht taten ihr Übriges und so fiel es ihr zusehends schwer, ihrem Wachdienst die gebotene Aufmerksamkeit zu schenken. Wieder und wieder schien es ihr, als würde sich etwas in den Schatten bewegen. Doch wenn sie, aufgebracht durch die vermeintliche Gefahr, genauer hinsah, so entpuppten sich die Bewegungen als bloße Einbildung.

Und so geschah es auch in jenem Moment, da sie abseits der patrouillierenden Wachen eine Bewegung nahe einem der Zelte bemerkte. Diesmal jedoch verpuffte das Schattenspiel nicht bei genauerer Betrachtung. Vielmehr verstärkte es sich, was Brenner zum Anlass nahm, ihren Posten zu verlassen und die Angelegenheit aus der Nähe zu prüfen. Als sie sich der Quelle des ungewöhnlichen Gebarens näherte, konnte sie gerade noch erkennen, wie eine Gestalt in einer für einen Flüchtling ungewöhnlichen Weise überaus elegant und lautlos in einem der Zelte verschwand. Hastigen Schrittes und doch so leise, wie es ihr möglich war, näherte sie sich dem Ort der eigentümlichen Bewegung, in der Hoffnung, den potentiellen Übeltäter auf frischer Tat ertappen zu können. Leise Geräusche drangen aus dem Zelt: ein Wühlen, ein Wimmern und letztlich das Klappern eines umgestoßenen Kruges.

Mit einem schnellen Ruck warf sie die Plane des Zeltes zur Seite, das Schwert in Bereitschaft hinter sich haltend. Im schwachen Licht der Lagerfeuer, das seinen Weg durch den Zeltstoff fand, erkannte sie drei Gestalten. Eine lag regungslos auf ihrem Schlafplatz, während die zweite Gestalt eine dritte auf den Boden drückte, dabei irgendetwas fest in Händen haltend. Das Wimmern der zu Boden gedrückten Figur und die energischen Bewegungen des auf ihr hockenden Schattens machten Brenner schnell klar, dass hier offensichtlich jemandem Gewalt angetan wurde. So schnell sie es vermochte, packte sie den vermeintlichen Angreifer und zerrte ihn aus dem Zelt in das Licht der Flammen. Mit aller Kraft schleuderte sie den Übeltäter zu Boden, aus voller Kehle die anderen Wachen herbeirufend. Im Zelt befreite sich die misshandelte Person von jenem Objekt, dass ihr gleichermaßen den Mund verschloss als auch den Hals abschnürte, und japste erschöpft.

Aufruhr machte sich im Lager breit. Soldaten eilten mit klappernden Rüstungen herbei, Menschen krochen verwirrt aus ihren Zelten und die Schlaflosen an den Feuern wandten sich erschrocken um. Hauptmann Brenner richtete ihre Waffe auf die Gestalt, die keine Anstalten machte, zu flüchten.

Im Licht der Flammen zeichnete sich vor ihr das Bild eines bösartig grinsenden Mannes ab, welcher abseits seiner entgleisenden Mimik jedoch bemerkenswert normal erschien. Seinem Anblick nach schien er nur ein weiterer Heimatloser zu sein, doch sein Handeln ließ etwas anderes vermuten.

Außer sich, keifte Brenner den vermeintlichen Mörder an, während die Soldaten die Szene umstellten.

Endlich habe ich dich, elende Kreatur! Du wirst niemandem mehr ein Leid zufügen!“

Doch der Mann war unbeeindruckt von ihren Worten und der auf ihn zielenden Waffe. Als die anderen Soldaten ihre Hellebarden auf ihn richteten und die sich versammelte Menschenmasse zu tuscheln begann, lachte er nur und hob in ruhigem Ton an zu sprechen.

Mich mögt ihr geschnappt haben. Doch was bedeutet schon mein kleines Leben im Vergleich zum finsteren Glanz meiner Herrin Nah’khil, der Sense, die die Welt richten wird? Ja, meine Hände habt ihr gestoppt und sie werden nie wieder das süße Leben aus einem warmen Leib pressen. Doch wir haben endlos viele Hände, denn wir sind viele.“

Der Schurke erhob sich, reckte die Hände gen Himmel und schrie:

Schneide nun auch das Feld meines Lebens, finstere Herrin! Akra Nah’khil!“

Daraufhin beendete er sein eigenes Leben, indem er sich schreiend in das Schwert des Hauptmanns stürzte. Die Umstehenden verharrten in Schock und Fassungslosigkeit.

Chroniken des Umbruchs