Das Ende der Vanderbilt Vandalen

1818

Zitternd nestelte Bernd Brauer an seiner Hüfte herum. Seine Kehle war nach den Ereignissen der letzten Stunden ausgetrocknet, brannte so sehr, dass er kaum mehr einen klaren Laut hervorbringen konnte. Emsig suchten die blutigen Finger nach dem Trinkschlauch, den er immer griffbereit an seinem Leib trug, doch fassten sie beständig ins Leere. Dabei war er sich sicher, dass er selbigen Tags zuvor in altbekannter Routine befüllt und an seinem Gürtel befestigt hatte – Tags zuvor, als er sich mit seinen Kameraden im nahen Lager auf den nächsten Raubzug vorbereitet hatte.

Die Stimmung war euphorisch – sahen sich die Banditen der Vanderbilt Vandalen im Krieg zwischen Drakoniern und Kabale doch als lachende Dritte, die im sich ausbreitenden Chaos ungestört die Menschen um ihre Habe – und oft auch ihr Leben – bringen konnten. Am Feuer sitzend hatten sie noch gescherzt, dass die Soldaten beider Seiten gute Waffen und Rüstungen trugen und damit eigentlich auch geeignete Ziele abgeben würden. Man trank, man aß und lachte herzhaft. Und dann verstummten alle, als die Wachen Alarm schlugen. Truppen der Nordmark waren auf direktem Weg mitten in das Lager. Als man sich auf die Verteidigung vorbereitete, machte sich eine allgemeine Verwunderung breit, wie zum Teufel ihr gut verstecktes Lager mitten im Wald unweit Drakenbergs überhaupt von denen gefunden werden konnte. Doch solche Fragen waren bedeutungslos. Waren die Truppen der Nordmark doch für ihre Loyalität und Unbestechlichkeit bekannt. Sie würden nicht mit ein paar Banditen verhandeln.

Es dauerte nicht lange und immer mehr der weiß gerüsteten Angreifer zeigten sich im grünen Dickicht. Sie bewegten sich langsam und ihre Waffen waren nicht gezogen. Skrupellosigkeit und ein scharfer Verstand waren es, die Catherine Vanderbilt zur Anführerin dieses gewalttätigen Haufens gemacht hatten. Und so war ihr klar, dass ihre Leute nur eine Chance hatten, wenn sie schnell und hart zuschlugen, solange die Soldaten noch ahnungslos waren. So gab sie den Befehl zum Angriff und ein Hagel aus Pfeilen zischte durch das dichte Gehölz.

Vollkommen verwirrt ob der plötzlichen Attacke wurde die erste Reihe der Soldaten niedergemäht. Nachdem diesen jedoch bewusst wurde, dass sie vermutlich in einen Hinterhalt der Drakonier marschiert waren, zogen sie die Waffen und stürmten voran. Die Fallen, welche geschickt von den Banditen im Unterholz verborgen wurden, taten ihr Übriges und forderten von den Angreifern einen hohen Blutzoll. Doch entgegen von Vanderbilts Einschätzung endete der Kampf nicht nach einem schnellen harten Schlag. Brachen doch stetig mehr der weißen Soldaten aus dem Unterholz hervor. An dieser Stelle wurde ihr bewusst, dass es sich hier nicht um eine versprengte Einheit der Armee sondern um eine große Streitmacht handeln musste. Doch diese Erkenntnis kam zu spät.

Als die Truppen der Nordmark die Linien der Banditen erreicht hatten, machten sie mit den Gesetzlosen kurzen Prozess. Bernd Brauer kämpfte an der Seite von Hauptmann Vanderbilt, als diese von einer Armbrustsalve getroffen tot zu Boden fiel. Er selbst überlebte nur aufgrund eines glücklichen Zufalls. Ein getöteter Kamerad stürzte von einem nahen Wachturm auf ihn und riss ihn zu Boden. Die Wucht des Aufschlags raubte ihm sofort das Bewusstsein.

Als er wieder erwachte, fand er sich unter dem blutigen Leib seines Kumpels Volker wieder. Das Lager war zerstört, übersät von den Leichen der kämpfenden Parteien. Die Nordmark indes schien in Eile weitergezogen zu sein, ohne ihre gefallenen Truppen zu bergen. Der Anblick der dahingeschlachteten Kameraden und die Einsicht, dass es ein bloßer Zufall war, der ihm das Leben rettete, versetzten Brauers geschundenen Geist in Panik. Ohne wirklich zu wissen, wohin er gehen sollte oder wollte, stürzte er wie ein Tier durch den Wald. So war er sich auch nicht sicher, ob die Lichtsäule, die plötzlich vom nahen Drakenberg in den Himmel schoss, real war oder nur eine Einbildung.

Und so endete er hier, abgehetzt und durstig, auf der Suche nach seinem Trinkschlauch. Endlich wurde ihm bewusst, dass er diesen wohl im Verlaufe des Gefechts verloren haben musste. Das Brennen in seinem Hals war nun unerträglich geworden und das nächste trinkbare Gewässer war die Quelle auf der anderen Seite des einstigen Lagers. So beschloss er, erneut den Anblick der vielen toten Freunde in Kauf zu nehmen. Waren ihm einige seelische Narben doch lieber als elend zu verdursten.

So schnell seine Füße ihn noch tragen konnten, machte er sich wieder auf den Weg zurück zu jenem Ort, an dem sein bisheriges Leben sein Ende gefunden hatte. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, als er die Überreste des Lagers endlich erreichte. Kaum ein Lichtstrahl drang mehr durch das dichte Gehölz. Mehrmals stolperte Brauer im Zwielicht über die vielen Hindernisse, die seinen Pfad pflasterten: Holz, Waffen und weiche Dinge, über die er lieber nicht zu viel nachdachte. Wenn ihm auch bewusste war, dass der Wald schon bald in Dunkelheit versinken würde und dass es entsprechend angeraten wäre, sich erst einmal eine Lichtquelle zu suchen oder zumindest ein Feuer zu entzünden, so war die Aussicht auf ein wenig kühlenden Nass‘ doch so verlockend, dass er sich direkt auf die Suche nach seinem Trinkschlauch begab.

Tatsächlich fand er diesen an exakt jener Stelle, an der er zu Boden gerissen wurde. Hastig öffnete er das Behältnis und stürzte den Inhalt gierig in seinen ausgetrockneten Schlund. Noch nie hatte ihm einfaches Wasser einen solchen Genuss bereitet. Nachdem jenes grundlegende Bedürfnis jedoch endlich erfüllt war, wurde ihm wieder bewusst, wo er sich aufhielt. Es wäre ihm lieber gewesen, die Nacht an einem anderen Ort zu verbringen. Doch war eine Wanderung durch den nächtlichen Wald mit all seinen vielen Gefahren, die dort in der Finsternis lauerten, keine Option. So begann er das alte Lagerfeuer neu zu bestücken. Als die Dunkelheit den Wald gänzlich verschlungen hatte, versuchte der erschöpfte und appetitlose Bandit einige Bissen trockenen Brotes herunterzuwürgen. Nur die flackernden Flammen sollten ihm noch Gesellschaft leisten.

Dann jedoch vernahm er leise Geräusche, zunächst kaum wahrnehmbar, die sich dann jedoch verstärkten und überall im Lager auftauchend gegen das Knistern des Feuers abhoben. Erst war es ein Rascheln, dann das Kratzen und Klappern von Metall und letztlich ein leises Stöhnen. Und plötzlich schien es, dass sich abseits des Feuers etwas in der Dunkelheit bewegte. Brauer wurde erst panisch, dann jedoch weiteten sich seine Augen voller Einsicht. Natürlich! Warum sollte er der Einzige sein, der den Kampf überlebt hatte? Es musste weitere Überlebende geben, die erst jetzt erwachten und vermutlich ähnlich verwirrt waren wie er, als er unter einem blutigen Leib wieder zu Bewusstsein kam. Dann dachte er daran, dass womöglich auch einige Soldaten der Nordmark überlebt hatten und so griff er sich zur Verteidigung eines der herumliegenden Schwerter. Man konnte ja nie wissen.

Die Geräusche im Lager verstärkten sich und näherten sich nun seinem Feuer. Freudig wandte er sich in Richtung der leisen Schritte, die sich ihm von hinten näherten.

Endlich seid ihr wieder wach. Das war eine harte Schlacht. Ich dachte schon, ich bin als einziger übrig.“

Sein Atem stockte, als er die Silhouette der sich nähernden Gestalt erkannte.

H-Hauptmann Vanderbilt…?“

Chroniken des Umbruchs