Die Grenze der Welt

1818

Bedächtigen Schrittes spazierten die beiden Gläubigen durch die Gärten des Klosters von Imratel, jenem alten Zentrum des Glaubens inmitten des Ozeans, dass vor Jahrhunderten von Missionaren der Kirche des Lichts in diesen südlichen und heidnischen Gefilden gegründet wurde.

Wenngleich im Glauben an die große Göttin Ilindura Loyalität und Hingabe die wichtigsten Tugenden waren und Missionierung in der eigentlichen Glaubenslehre gar nicht vorgesehen war – wurden Andersgläubige doch einfach erschlagen und nicht überzeugt – so war einer kleinen Gruppe hingebungsvoller Priester daran gelegen, die Botschaft von der ewigen Wacht der Engel über die Menschheit in die Welt hinaus zu tragen. Darum zogen sie einstmals aus in die Welt über die gefährlichen Weiten der Meere, mit nicht mehr als ihrem Glauben ausgestattet, der ihnen der Kompass in jenen unbekannten Teilen der Welt sein sollte.

Die meisten der Priester starben auf hoher See, verschlungenen durch die Gewalt von Sturm und Wasser oder hinabgezogen in die Tiefe von Kreaturen, die in den lichtlosen Abgründen des Ozeans ihre Heimat hatten. Die wenigen, die durch Glück oder göttliche Fügung doch letztlich auf neue Länder stießen, mussten mit Schrecken feststellen, dass man ihrer frohen Kunde im besten Falle mit Gleichmut, im schlechtesten mit offenem Hass begegnete. Nur vereinzelt vermochten die Gläubigen es, in abgelegenen Ländereien die Herzen der Einheimischen zu erreichen. Und so wurden in den verstecktesten Winkeln der Welt Klöster und Tempel zu Ehren der großen Ilindura gegründet.

Aufgrund der immensen Entfernung zwischen jenen Siedlungen und der alten Heimat Shaseria waren die Priesterinnen und Priester in jenen entlegenen Landen gänzlich auf sich allein gestellt. Briefe fanden nur mit sehr viel Glück ihren Weg über den halben Globus und wenn sie denn ihr Ziel erreichten, waren sie um Monate oder gar Jahre veraltet. Auf direkte Unterstützung konnte man gar nicht bauen. Tatsächlich galten die Missionare selbst innerhalb der Kirche als Kuriosum und Jahrhunderte nach ihrer Abreise wussten nur einige wenige Archivare von den Tempeln, die dort in der Ferne das Licht priesen.

Doch die Gläubigen überlebten, errichteten ihre Siedlungen und Gotteshäuser und im Verlaufe der Jahre vermischten sich die Shaserianer mit der einheimischen Bevölkerung und nach einigen Hundert Jahren erinnerte sich kaum mehr jemand an die einstige Ankunft der Fremden. Nein, das Kloster Imratel es stand schon immer hier, so wie auch die Gläubigen schon immer hier lebten. Der Glaube war ewig, so ewig wie auch der Mahlstrom, die gewaltige Sturmwand, welche jede Reise jenseits dieser Lande gänzlich unmöglich machte. Gleich einem schrecklichen, grauen Titan erhob sich die gewaltige Sturmwand viele Kilometer südlich von den tosenden Tiefen des Ozeans empor in die blitzgesäumten, hohen Himmel, jedem Reisenden, der sich zu weit in den Süden wagte, bedeutend, dass jeder Versuch, weiter zu reisen und die Sturmwand zu durchdringen, kompletter Wahnsinn war.

Selbst hier im Kloster war der Effekt des titanischen Sturms zu spüren. Fegten doch tagein tagaus schwerer Wind und Regen über die Heimstatt der Gläubigen. Doch so gewaltig und undurchdringlich der Sturm auch war, so sehr schlug er jeden Betrachter als Inkarnation der Urgewalt der Natur doch in seinen Bann. So wirkmächtig war der bloße Anblick des Mahlstroms, dass die Gläubigen von Imratel seiner Existenz im Laufe der Zeit eine religiöse Bedeutung beimaßen. Der Mahlstrom, sagten sie, war eine physische Manifestation der Grenzen, die der Glaube dem Menschen auferlegte. Es führte zur Verdammnis, über die geistigen Grenzen der Erkenntnis hinausstreben zu wollen, so wie auch jeder Versuch, in die vermeintlichen Länder jenseits des Sturms vordringen zu wollen, letztlich zur physischen Auslöschung führen würde. Jenseits des Sturms, da waren sie sich sicher, wartete nichts auf die Menschen, denn dies war das Ende der Welt.

Wenn dies jedoch das Ende darstellt, so frage ich mich dennoch, was dahinter liegen mag.“

Der Blick von Schwester Uzani richtete sich gen Süden, gedankenverloren und fast schon sehnsüchtig. Wenngleich sie diese Unterhaltung schon so oft geführt hatten, konnte Bruder Nakai doch nicht umhin, jedes Mal aufs Neue erst die Augen zu verdrehen um dann in ruhigem Tonfall auf die immer gleichen Fragen zu reagieren.

Der Mahlstrom ist das Ende. Nichts liegt hinter ihm, denn sonst wäre er kein Ende, vielmehr eine bloße Grenze. Es gibt einige Stimmen, die Letzteres behaupten, doch sind sie allesamt Ketzer. Mit deiner Faszination bewegst du dich langsam in Sphären, die ich nicht mehr gutheißen kann.“

Nakai richtete seine Robe und zog die Schnürung nach, die verhinderte, dass ihm im ewigen Wind die Kapuze davonflog. Kaum hatte er seine Robe gerichtet, wandte sich Uzani ihm zu und legte ihre Hand auf seine Schulter.

Mein Glaube ist so rein wie der deine, denn ich zweifle nicht daran, dass der Sturm das letzte Ende ist, welches wir nicht überschreiten dürfen. Erst im Überschreiten des göttlichen Rahmens wenden wir uns vom Licht ab. Meine Frage ist eher theoretischer Natur.“

Sie deutete auf die dichten Hecken, die den alten Garten umrahmten.

Was ist ein Ende anderes als eine besondere Grenze? Diese Hecken sind selbst eine Ende. Sie umschließen diesen Garten und so können wir sagen, dass sie die letzte Grenze desselben darstellen und es mag uns angeraten sein, eben jene Grenze nicht zu überschreiten. Ja, wenn die Tore verschlossen wurden, können wir gar nicht anders. Und doch befindet sich etwas jenseits der grünen Barriere, wenn es auch eine andere Qualität hat.“

Nakai schüttelte verständnislos den Kopf, wusste aber, dass bloßes Abwiegeln hier nichts brachte. So lauschte er seiner Freundin, in der Hoffnung, das sich Ergehen in blanker Theorie würde ihre eigentümliche Neugier schon irgendwann befriedigen.

Der Sturm ist das Ende unserer Welt, so wie die Hecke den Garten umschließt. Er bildet einen Rahmen für jene Einheit von Qualitäten, die wir als Welt bezeichnen. Daran zweifle ich nicht. Auch würde ich nie auf den wahnwitzigen Gedanken kommen, den Sturm durchqueren zu wollen. Allein welche Einheit fremder Qualitäten wartet jenseits dieses Endes? Ob es gar die Göttin selbst ist, die jenseits des Sturmes mit ihren himmlischen Heerscharen über uns wacht?“

Wehmütig blickte Uzani der tosenden Sturmwand entgegen. Nakai indes zuckte nur mit den Schultern und bemerkte:

Was auch dahinter liegen mag, wir werden es ja doch nie erkennen. So ist auch jede Frage nach dem Wesen des Jenseitigen bedeutungslos.“

Ohne den Blick von der grauen Wand abzuwenden, schwieg Uzani einen Moment und hob dann in ruhigem Ton an zu sprechen.

Und das Licht, dass wir vor zwei Tagen im Norden in den Himmel steigen sahen? Sollten wir das auch auf sich beruhen lassen, da wir ja doch nicht nach Norden reisen können, um einfach nachzusehen, was der Quell des Ganzen war?“

War er die vielen Frage über das Wesen des Mahlstroms bereits gewöhnt, so bereitete ihm die Erwähnung jenes seltsamen Himmelsspektakels, dass sich deutlich sichtbar im fernen Norden dem Betrachter feilbot, doch einiges an Unbehagen. Überstieg dieses doch alle Erklärungen, die die heiligen Schriften boten. Um Schwester Uzani jedoch zu beruhigen, bemühte er sich, sich seine Verunsicherung nicht ansehen zu lassen. So räusperte er sich, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sprach.

Wenn ich auch nicht weiß, was genau wir da gesehen haben, so bin ich mir doch sicher, dass es ein gutes Zeichen war. Denn welches Übel kann ein solch reines Licht, das Symbol unserer Herrin, schon bedeuten? Nein, vermutlich ist es sogar ein gutes Omen. Eine frohe Kunde glücklicher zukünftiger Ereignisse. Sind wir doch die Kinder Ilinduras. Solange unser Glaube fest ist, würde sie nie zulassen, dass uns ein Leid geschieht.“

Während Nakai noch seine eigenen Worte bekräftigend nickte, blickte Uzani erst gen Boden, seufzte und blickte wieder nach Süden, leise sprechend.

Ja, solange unser Glaube fest ist… Denn die Grenzen meines Glauben bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Da schlug die Glocke im Turm des Tempels und kündete vom nahenden Mittagsgebet. Gerade war Uzani im Begriff sich abzuwenden und mit ihrem Freund in den Schutz der schweren Mauern des Gotteshauses zurückzukehren, als sie in der grauen Sturmwand eine Unregelmäßigkeit bemerkte.

Warte! Schau doch!“

Nakai, der schon im Begriff war, zu gehen, wurde unsanft von Schwester Uzani festgehalten. Irritiert schaute er sich um, um zu erkennen, was sie denn nun wieder entdeckt hatte. Da erkannte auch er, dass etwas mit dem Mahlstrom nicht stimmte.

In der Sturmwand waren sonst die Blitze die einzigen Strukturen, die sich in dem gleichmäßigen Dunkelgrau ausmachen ließen. Doch nun zogen sich vereinzelte Streifen durch die graue Wand, die sich erst langsam, dann immer schneller auszubreiten schienen. Selbst die Blitze schienen immer seltener durch den Himmel zu zucken.

Die Kunde von dem seltsamen Spektakel machte indes im ganzen Kloster seine Runde und immer mehr der Gläubigen strömten entgegen des Rufs zum Gebet nach draußen, um zu sehen, was vor sich ging.

Dies ist der Moment… Die Göttin wird sich uns endlich selbst offenbaren…“

Leise murmelte Schwester Uzani vor sich hin, als immer mehr der hellen Strukturen in der Sturmwand erschienen und diese förmlich zu durchdringen schienen. Licht begann sich seine Bahn durch das endlose Grau zu brechen und es war nun offensichtlich, dass das vermeintlich Unmögliche gerade im Begriff war, zu geschehen.

Das kann nicht sein! Der Mahlstrom ist die ewige Grenze unserer Welt, so wie der Glaube die ewige Grenze der Erkenntnis ist. Er kann nicht verschwinden!“

Verzweifelt fiel Bruder Nakai auf die Knie, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, als die Klostergemeinschaft mitansehen musste, wie der vermeintlich ewige Mahlstrom sich Stück um Stück auflöste und endlich den Blick frei gab, auf die Verheißungen oder die Verdammnis, die jenseits seiner Breiten lagen. Und so rissen alle weit die Augen auf, allen voran eine fast schon ekstatische Uzani, als es sich in der Ferne offenbarte – mehr Wasser.

Chroniken des Umbruchs