Der Überfall

1825

Nur mit Mühe konnte sich Hendrik aus den Trümmern des Bauernhauses befreien. Das ihm bislang unbekannte Aroma des Krieges, jene eindringliche Mischung aus Rauch, Blut und verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase und benebelte ihm die Sinne. Eben noch saß er mit Freunden und Familie gemeinsam zu Tisch, um den Geburtstag seiner liebsten Merle zu feiern. Eben noch lachten sie, tranken und aßen. Eben noch war die Welt in Ordnung. Und dann, von einem Augenblick auf den anderen, waren Tod und Wahnsinn in sein bisher so unbeschwertes Leben getreten.

Aus der Ferne konnten sie schon seit einer ganzen Weile den eigentümlichen Lärm vernehmen, das Donnern und das Quietschen. Doch niemand wusste, was es damit auf sich hatte. Waren die Menschen hier doch einfache Bauern, deren Wissen über die Welt über die Freuden und Anstrengungen des Lebens auf dem Land nicht wirklich hinausreichte. Sie hatten Geschichten gehört, dass weit im Westen der Republik Nieuwaarde Kämpfe ausgebrochen waren. Und wenngleich sie wussten, dass Krieg eine schlimme Sache war, waren sie doch nur einfache Bauern. Die Feldarbeit war ihr Leben, nicht das Kriegshandwerk. Und es war durchaus nicht das erste Mal, dass ein aggressiver Nachbar seine gierigen Krallen nach dem Land ausstreckte, das ihre Vorfahren dem Meer abgetrotzt hatten. Die Plünderer des Nordens, die Thoraner und selbst das Kaiserreich hatten versucht, sie ihrer Freiheit und ihres Reichtums zu berauben. Doch wurden sie allesamt wieder dorthin gejagt, woher sie kamen.

Auch diesmal, da es eine aufstrebende Nation aus dem Nordwesten war, die ihr Kriegsglück an diesen Landen versuchte, würden die vereinten Armeen unter Führung des Bundesrats die Feinde erneut für ihre Übergriffe büßen lassen. Zumindest dachten sie dies, bis das seltsame Rumpeln aus der Ferne erschallte, das, beständig lauter werdend, die Bauern überforderte. Da sie nicht wussten, was dessen Quelle war oder wie sie darauf reagieren sollten, gingen sie stoisch ihrem Tagwerk nach, in vollstem Vertrauen, dass die Armee sie schon beschützen würde. Und so hatten sich Hendrik, Merle und die ganze Familie versammelt, um gemeinsam zu feiern.

Gerade war seine Frau im Begriff, die Kerzen auf dem Kuchen auszublasen, als eine ungesehene Macht ein Loch in die Hauswand riss und Splitter und Steine durch den ganzen Raum stoben. Hendrik hatte kaum die Möglichkeit, die Situation zu erfassen, da platzten weitere Löcher durch die Hauswand und zerrissen die Unglücklichen, die sich in der Bahn der unheimlichen Macht befanden, die das Haus durchbohrte. Er selbst konnte dem Hexenwerk entgehen, musste jedoch mitansehen, wie seine Liebsten, in blutige Fetzen gerissen, zu Boden gingen. Der Raum glich einem Schlachtfest, als die zerlöcherten Wände nicht mehr imstande waren, aufrecht zu stehen und das ganze Haus seine Bewohner unter sich begrub.

Mühsam befreite es sich aus den Balken und dem Geröll, die auf seinen Körper drückten und gleichermaßen die Trümmer seines Hauses als auch seiner alten Existenz darstellten. Langsam erhob er sich, wischte sich den Staub aus den Augen und begann zu realisieren, was um ihn herum geschah.

In der Ferne durch die im vollen Korn stehenden Felder marschierten Menschen in eigentümlichen, grauen Kleidern, die bleichen Gesichter hinter Halbmasken versteckend. Viele von ihnen waren mit ungewöhnlichen Schwertern und Schilden bewaffnet. Einige trugen bizarre Geräte, deren Sinn sich ihm jedoch nicht erschloss. Und dann erkannte er den Ursprung der teuflischen Macht, die sein Haus zerstört hatte.

Ein großer Eisenkasten wälzte sich quietschend auf zwei platten Bändern voran durch die weiche Erde. Blitze zuckten um das bizarre Ding, während es ein höllisches Kreischen von sich gab und aus zwei langen Rohren an seinen Seiten eine unheilige Macht entfesselte, die zunächst die Ähren auf den Feldern auseinander stoben ließ und dann mit einem fürchterlichen Scheppern ein Loch in das Haus seiner Nachbarn riss. Wenngleich er nicht erkannte, was genau das Ding entfesselte, so zeigte ihm die Wirkung doch, dass er davon nicht getroffen werden durfte.

Im Zeichen der Gefahr übernahm der Instinkt die Kontrolle und ohne wirklich darüber nachzudenken, eilte er über den Dorfplatz, auf der Suche nach einem Versteck. Das hölzerne Toilettenhäuschen, das dem Dorfvorsteher gehörte, erregte seine Aufmerksamkeit und so stürzte er, so schnell seine Beine ihn trugen, hinüber zu jenem vermeintlichen Hort der Sicherheit. Als er jedoch die Hand an den Griff der Tür legte und versuchte, sich Zutritt zu verschaffen, bemerkte er einen Widerstand. Jemand hielt die Tür verschlossen und bedeutete ihm mit garstigen Worten, das Weite zu suchen. Dieser Ort sei schon besetzt.

Gerade war er im Begriff, sich umzuwenden und nach einem anderen Versteck zu suchen, als das kleine Häuschen krachend auseinandergerissen wurde und ihm ein Nebel aus Holz, Späne und Blut ins Gesicht stob. Mit dem Griff in der Hand suchte er das Weite, während mehr und mehr der Häuser unter ihrer eigenen Last zusammenbrachen. Die feindlichen Soldaten hatten indes die Grenzen des Dorfes erreicht und ließen ihren Zorn auf die unbewaffnete Bevölkerung herniederfahren.

Hendrik musste mitansehen, wie seine Freunde und Nachbarn, um Gnade winselnd von den grausamen, bleichen Gestalten niedergemetzelt wurden. Einzelne Bauern versuchten direkt in die Felder zu fliehen. Doch sobald sie die Deckung der Häuser verlassen hatten, zuckten Blitze durch die Luft und verbrannten die Unglückseligen kreischend zu einem verkohlten Überrest.

In seiner Verwirrung und Überforderung dachte Hendrik daran, dass sich nun auch das Wetter gegen die Seinen gestellt hatte. Doch schnell wurde ihm wieder bewusst, dass keine einzige Wolke am Himmel zu sehen war. Nein, nicht der Himmel war der Ursprung jenes knisternden Zorns sondern die bizarren Geräte, die einige der Angreifer mit sich führten. Im Dorf würden ihn die unsichtbaren Geschosse und die feindlichen Soldaten zerfetzen und auf den Feldern würden ihn jene furchtbaren Herren der Blitze verbrennen. Die Situation war ausweglos. Geistesabwesend stolperte Hendrik zurück, während sein Leben langsam an ihm vorüberzuziehen begann.

Unvermittelt ging sein Tritt ins Leere und ließ ihn in den kleinen Graben des Baches stürzen, der die nach Osten führende Straße unterbrach. Der Aufprall benebelte ihm die Sinne, doch das Adrenalin in seinem Körper verhinderte, dass er bewusstlos wurde. Am Boden liegend richtete sich sein Blick auf die kleine Brücke, die über den Bach gebaut wurde, damit die Wagen den Graben besser passieren konnten. Viel Platz bot sie nicht, doch ein einzelner Mensch konnte sich unter dem kleinen Konstrukt verstecken. Eilige drehte er sich auf den Bauch und kroch, so schnell es ihm möglich war, durch das kühle Nass in die verheißungsvolle Deckung.

Seit er sich aus den Ruinen seines Hauses befreit hatte waren vielleicht zehn Minuten vergangen, da hatten die Angreifer das Dorf bereits überrollt. Vereinzelt hörte er noch Schreie. Langsam begann der Lärm jedoch zu verstummen. Aus seinem Versteck war es ihm nicht möglich, einen Blick auf den Platz zu werfen, doch konnte er die Schritte der Soldaten im Schlamm und das Gepolter ihrer Waffen vernehmen. Ab und an konnte er einige Wortfetzen aufschnappen und es schien, dass die Angreifer sich ebenfalls der Gemeinsprache bedienten, dabei aber einen eigentümlichen Dialekt hineinmischten, den er noch nie gehört hatte.

Als er das Pochen von Schritten auf der kleinen Brücke über sich hörte, erschrak er fürchterlich und verfiel sofort in Schockstarre, um ja keinen Mucks von sich zu geben. Da sprach eine männliche, blechern und hohl klingende Stimme.

Watt ein Jammer. Für das Bauernjesocks hätt’mer doch eine bessere Verwendung jehabt als nur draufzuballern. Aber jut. So is det halt.“

Die Kombination aus dem fremdartigen Dialekt und den wohl durch die Masken verzerrten Stimmen machten Hendrik das Zuhören deutlich schwerer. Im Zuge der Gefahr schärfen sich jedoch die Sinne eines Menschen und so konnte er zumindest im Ansatz verstehen, was diese Bestien von sich gaben.

Ein schweres Atmen war zu hören, dann hob eine rasselnde Frauenstimme an zu sprechen.

Ja, echt’n Jammer. Da war’n ja doch ’n paar Schnuckelchen unter dem Jesindel. Mit denen hätt ich schon was anzufang‘ jewusst, bevor se ins Lager jekommen wär’n.“

Die männliche Stimme lachte polternd und erwiderte.

Watt willst’n mit den schmutzichen Ackerratten? Binsch dir etwa nich‘ hübsch jenug? Wenn’s dich nur nach ’n bisschen Spaß jelüstet…“

Ein dumpfer Schlag traf auf Metall und die weibliche Stimme entgegnete erst erbost, doch dann ruhig.

Dämlack! Is‘ doch auch egal. De Generalität hat jesacht, wir sollen hier keine Jefangenen nehmen. Keine Kapazitäten um se zu versorgen. Würde nur den Krieg jefährden. Denn de Frau Sturmfoier hat jesacht ’schnell rüber un nach Ost’n‘. Und was de Frau Sturmfoier will, dass kricht se auch. Und nu jenuch jeschwätzt. Sach den an’ern, dass mer weiterzieh’n. De Thoraner wer’n schon seh’n, was se davon ham, Thules Anjebot ausjeschlach’n zu ham.“

Daraufhin machte sich wieder Lärm breit. Gleichmäßige Schritte, das Poltern von Waffen und das entfernte Quietschen der Eisenkästen vereinten sich wieder zu einem gemeinsamen Lied, welches nun eilig weiter nach Osten zog.

Chroniken des Umbruchs