Fremde Gestirne

1818

So sehr sie es auch abstritten und an ihrer geistigen Gesundheit zweifelten, es machte keinen Unterschied. Still und starr ragte das Teleskop in den Nachthimmel und zeigte den Sternenkundlern das immer gleiche Bild. Wo ein einziger Mond prangen sollte, waren es nun drei. Wo Dunkelheit herrschen sollte, schmückte nun ein funkelnder Nebel den Nachthimmel.

Die Stimmung an der Akademie der Wissenschaften war euphorisch. Vor einer Woche hatten die Truppen der Kabale die Drakonier in der finalen Schlacht um Drakenberg besiegt. Und obwohl der Krieg viele Leben gefordert hatte und Elend und Zerstörung über das Land brachte, so wusste man hier, im vom Krieg kaum berührten Brennbach, dass nun eine neue Zeit angebrochen war. Alle würden mit anpacken und das Land wieder aufbauen – größer, moderner und prächtiger als je zuvor würden die Städte sein. Das eigentümliche Licht, was im Zuge der letzten Tage des Krieges in den Himmel emporschoss, und die mit diesem einhergehenden Phänomene, hatten das Interesse anderer Fakultäten auf sich gezogen. Doch hier in der Sternwarte des Himmelsauges, dem modernsten Teleskop der thoranischen Provinzen, welches weit über dem Smog der Fabriken und Schmieden gelegen in den Nachthimmel ragte, blieb man unbeeindruckt.

Die Gestirne am Himmel zogen in ihren immer gleichen Bahnen und würden sich durch das Handeln der Menschen nicht verändern. Zumindest dachten sie dies, während sie in altbekannter Routine den Nachthimmel kartierten. Kleinere Veränderungen waren sie durchaus gewohnt. Zeigten einige Himmelskörper sich doch nur zu bestimmten Zeiten des Jahres oder erschienen in einem Jahr um erst Jahrzehnte später wieder am Himmel ihre Bahnen zu ziehen. Das Verhalten derartiger zyklischer Ereignisse konnten die Forscher recht gut nachvollziehen. Dabei halfen ihnen die umfangreichen Daten, die ihre Vorgänger seit Gründung der astronomischen Fakultät vor über einhundert Jahren zusammengetragen hatten.

So gingen sie zunächst auch von der Entdeckung eines weiteren zyklischen Objekts aus, als die erste Änderung sich knapp einen Tag nach dem großen Licht am Nachthimmel zeigte. Ein kleines rundes Objekt von blassgrauer Farbe zog, gleich einem winzigen Mond, am Himmel entlang.

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit schon Berichte über die Sichtung eines kleinen Objekts, das sich im Zuge eines günstigen Einfalls von Mond- oder Sonnenlicht am Himmel zeigte. Jedoch waren die Linsen der Teleskope bislang nicht gut genug, um ein scharfes Bild des Himmelskörpers zu erhaschen. Auch war es schwer das kleine Ding inmitten der Sterne schnell genug zu fokussieren. Bewegte es sich doch mit einer bemerkenswerten Geschwindigkeit über das Firmament und war oft nach einer Stunde schon wieder am Horizont verschwunden.

Es war die Kombination aus dem erst jüngst installierten neuen Teleskop und einer gehörigen Portion Glück, die eine genauere Betrachtung des kleinen Dings ermöglichte. Neben einem Satz der hochwertigsten Linsen, die ein Bild in bislang ungekannter Schärfe ermöglichten, verfügte das neue Teleskop über eine automatische Bewegungsvorrichtung, durch die ein sich bewegendes Objekt am Himmel fokussiert werden konnte. Es bedurfte eines guten Gefühls für die Geschwindigkeit des entsprechenden Ziels, ermöglichte aber die saubere Betrachtung eines sich gleichmäßig bewegenden Himmelskörpers ohne konstantes Nachjustieren. Ohne jene technische Innovation wäre es nie gelungen, den rasenden Zwerg genau in Augenschein zu nehmen. Huschte dieser doch maximal kurz durch das Blickfeld des Himmelsauges und ließ sich im Zuge der manuellen Neuausrichtung nicht verfolgen.

Nun jedoch war es gelungen und nach drei Nächten der Beobachtung waren sie sich sicher, einen neuen, wenn auch ausgesprochen kleinen Mond, in den Katalog der Gestirne aufnehmen zu können. Eifrig berechneten die Wissenschaftler die Bahn des rasenden Zwergs, um ihn nach Einbruch der Nacht so schnell es ging wieder in den Fokus des Teleskops nehmen zu können. Tatsächlich lernten sie auch, dass man das kleine Ding tatsächlich im Zuge der auf- oder untergehenden Sonne mit bloßem Auge erkennen konnte, sofern man wusste, wohin man schauen musste. Allein, der Laie sah darin nicht mehr als einen Stern, wenngleich einen der sich eigenartig schnell bewegte.

In der vierten Nacht hatte sich die Belegschaft der Sternwarte bereits freudig auf die Lauer gelegt. Im Zuge des letzten Schimmers der untergehenden Sonne genossen die Forscher die frische Abendluft und suchten am Horizont nach dem Erscheinen ihres kleinen, silbrig funkelnden Freundes, um nach Einbruch der Dunkelheit wieder das Teleskop auf selbigen ausrichten zu können. Da erblickten die Forscher weit im Süden des dämmernden Firmaments ein Schauspiel, das gleichermaßen schön wie auch surreal war.

Es schien, dass ein feiner Nebel glitzernden Staubs sich wie ein Tuch über die südlichen Sphären des Himmels gelegt hatte. Zunächst hielt man dies für eine weiteres temporäres Ereignis, gleich dem Licht, das vor einigen Tagen im Norden in den Nachthimmel stieg. Doch der funkelnde Nebel machte keine Anstalten, zu verschwinden. Die Zeit verrann, während die verdutzten Forscher in den Südhimmel starrten – Sekunden, Minuten, dann wohl eine ganze Stunde. Der neue Mond war indes schon längst über den Horizont hinausgeschossen, doch kümmerte dieser in jenem Moment niemanden mehr.

Der Nebel schien sich im Dunkel der Nacht zu verdichten und die vielen funkelnden Fragmente hoben sich erst jetzt gegen die Schwärze des Hintergrundes in ihrer vollen Stärke ab. Eine der Forscherinnen bemerkte, dass sie das Teleskop darauf ausrichten sollten. Der Winkel sollte gerade so genügen, um zumindest die Randpartien betrachten zu können. Und so stürzte die ganze Gemeinschaft in das Innere des Observatoriums.

Man drehte das Teleskop gen Süden und winkelte es so flach an, wie die Aufhängung dies erlaubte. Und tatsächlich war es ihnen möglich, das fremde Schauspiel so genauer zu betrachten. Der feine Nebel, so schien es, bestand aus vielen kleinen, funkelnden Partikeln unterschiedlicher Größe, die in feinen Bahnen langsam über den Himmel zogen. Erst machte sich Ratlosigkeit unter den Forschenden breit, denn darüber hatten sie keine Aufzeichnungen. Man versuchte die Bahnen zu verstehen, nahm Berechnungen vor und kam so schnell zu dem Schluss, dass die neu entdeckten Partikel wohl um den Planeten zogen. Es war unwahrscheinlich, wenn auch in Anbetracht der eigentümlichen Ereignisse der letzten Zeit nicht gänzlich unmöglich, dass selbige von einem Tag auf den anderen am Himmel erschienen sind.

Man suchte nach einer Erklärung für das kuriose Phänomen und nach einigem Nachsinnen wurde einer der Astronomen seltsam aufgeregt, schnipste mit den Fingern und begann in einer Ecke des Observatoriums in einigen besonders alten Bänden über theoretische Modelle der Himmelsmechanik herumzuwühlen. Die Anwesenden waren ob des eigentümlichen Gebarens ihres Kollegen sehr irritiert. Hatten diese Bücher doch keinen wirklichen wissenschaftlichen Wert mehr und wurden eher aus Gründen der Nostalgie noch hier aufbewahrt. Nach etwa zehn Minuten des Wühlens und Suchens kehrte der vermeintlich verwirrte Forscher mit einem alten Wälzer in der Hand und mehreren Lagen Staub auf der Kleidung zu seinen Kollegen zurück.

Sehen Sie! Ich wusste doch, dass ich schon einmal etwas hierüber gelesen habe!“

Dabei hob er das Buch in die Luft und wies auf den Titel „Über die Bewegung ferner Gestirne“ von Thomas von Brahelm. Es handelte sich bei diesem Werk um eine Kuriosität, da sie rein theoretischer Natur war und sich mit den vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten der Bewegung von Himmelskörpern beschäftigte, ohne sich dabei auf konkrete Beobachtungen zu stützen. Die meisten Astronomen sahen darin lediglich eine Art geistiger Gymnastik und so vermoderte der Titel sehr schnell in den Archiven.

In Anbetracht des Rufs jenes Werks waren die Umstehenden doch sehr erstaunt, als ihr Kollege jene Sammlung von Hirngespinsten in die Luft hielt.

Mir kam das doch direkt bekannt vor. Sehen Sie hier!“

Emsig begann der Forscher in dem Buch erst nach hinten, dann wieder einige Seiten nach vorn zu blättern. Dann stoppte er die Suche mit einem freudigen Seufzer und legte das Buch zur gemeinsamen Betrachtung auf einen Tisch. Fasziniert versammelte man sich um das aufgeschlagene Werk.

In diesem Kapitel beschreibt von Brahelm die Bewegung von Monden. Dabei beginnt er bei einem einzelnen und fügt stetig mehr Objekte hinzu. Nachdem er dies mehrfach getan hat, landen wir bei diesem Bild.“

Schnell blätterte er weiter und verwies auf die krude Zeichnung eines Planeten, um dessen Zentrum ein Ring von vielen kleinen Monden prangte.

Wie wir alle wissen, gibt es kein Beispiel für irgendeinen Himmelskörper, der über eine solche Vielzahl von Monden verfügt. Wenn wir nun aber annehmen, es handle sich nicht um Monde sondern lediglich kleine Fragmente, dann würde sich ein entsprechendes Ringsystem doch in etwa so am Himmel abzeichnen, wie wir dies dort im Süden sahen.“

Eine Diskussion begann unter den Forschenden. Von Brahelms bizarre Zeichnungen hatten keinen guten Ruf unter den Anwesenden. Dennoch konnte niemand bestreiten, dass die Theorie eines Ringes aus kleinen Fragmenten durchaus dem Gesehenen entsprach. Woher dieser Ring jedoch stammte und warum man ihn bislang noch nicht gesehen hatte, das konnte man an dieser Stelle noch nicht beantworten. Einige Stimmen wurden laut, dass der Ring womöglich in einem Zusammenhang mit jenem bizarren Sturm stehen könnte, der laut Aufzeichnungen über den Äquator fegte und der gemeinhin als „Mahlstrom“ bekannt war.

Gleichermaßen euphorisch und irritiert ober der Vielzahl ihrer neuen, unerwarteten Entdeckungen waren die nächsten Nächte von genaueren Beobachtungen der glitzernden Ringe bestimmt. Diese erschienen seit ihrer Entdeckung nun jede Nacht am südlichen Nachthimmel und konnten mit einem geübten Blick selbst schwach im Tageslicht ausgemacht werden. Schnell einigte man sich in der Sternwarte auf die Theorie des Ringsystems und versuchte nun durch genauere Beobachtung herauszufinden, woraus dieses bestand.

Die Stimmung strebsamer Arbeit hielt jedoch nur bis zur siebten Nacht nach dem seltsamen Licht. Man war gerade im Begriff, das Teleskop routiniert auf die südlichen Ringe auszurichten, als eine der Forscherinnen aufgeregt in den Raum platzte und die anderen aufforderte, nach draußen zu kommen. Es hätte sich ein weiteres Objekt am Himmel gezeigt.

Neugierig eilte man nach draußen und blickte in den so fremd gewordenen Nachthimmel. Der Mond Kahru prangte silbrig hell am Firmament, im Süden funkelnden die Ringe und irgendwo war vermutlich auch der kleine Zwerg unterwegs. Doch da, etwas Abseits des altbekannten Mondes, war ein schwach leuchtender Fleck zu erkennen, der dort eigentlich nicht hingehörte. Es war schwer den Punkt gegen das Mondlicht zu erkennen und so beschloss man, das Teleskop darauf auszurichten und zu warten, ob er sich in dunklere Regionen bewegen würde.

Das runde Ding in das Visier des Himmelsauges zu nehmen war nicht schwer, doch war eine konstante Nachjustierung nötig, um es nicht aus dem Blick zu verlieren. Wenn es sich auch recht langsam bewegte – besonders im Vergleich mit dem rasenden Zwerg – so nutzte die Automatik des Teleskops hier in keinster Weise. Nur das stetige manuelle Verfolgen des Punkts blieb als Möglichkeit. Wanderte dieser doch mal nach links, dann nach rechts und letztlich sogar oben aus dem Blickfeld der Linsen.

Die Schlussfolgerung aus dem bizarren Verhalten dieses Dings war gleichermaßen kurios wie verstörend: Es musste eine unregelmäßige Bahn haben. Doch welches Objekt am Nachthimmel konnte sich so scheinbar willkürlich bewegen? Dies widersprach allen Regeln der Himmelsmechanik. Auch zeigte der Punkt selbst bei der genauen Betrachtung durch die besten Linsen, die man in ganz Thora finden konnte, kaum Details. Er hatte eine kreisrunde Form, schimmerte in einem dunklen Violett und zeigte schwache, sich bewegenden Farbverläufe. Dem bloßen Augen zeigte er sich als eine Art kleiner, schwach scheinender, violetter Scheibe am Nachthimmel, die in ihrer Struktur eher der Sonne glich als dem Mond.

Diese Kombination kurioser visueller Eigenschaften gepaart mit der inkohärenten Bahn, die dieses Ding am Nachthimmel zog, lies die Forscher verzweifeln. Der kleine Zwerg und die Ringe waren zwar neu, doch ließen sie sich mit bekannten Theorien erklären. Doch dieses Ding stand außerhalb ihrer bisherigen Erkenntnisse.

Vielleicht sollten wir diesbezüglich doch lieber jemanden von den anderen Fakultäten befragen. Vielleicht jemanden von der Fakultät für Ätherformung… oder lieber doch einen Priester?“

Zitternd zog der Sprechende eine kleine Flasche aus seinem Kittel und nahm einen kräftigen Schluck, um seine Nerven zu beruhigen. Indes machten sich Ratlosigkeit und Getuschel unter den Umstehenden breit. Waren all diese Veränderungen normal? Drei Monde, wo einer sein sollte und Ringe in einem sonst finsteren Winkel des Nachthimmels? Waren dies lediglich Veränderungen innerhalb der Natur oder doch Zeichen für etwas Größeres? Ihre vertraute Sicht auf die Welt hatte sich innerhalb einer Woche gänzlich aufgelöst.

Da räusperte sich eine der Forscherinnen und hob an zu sprechen.

Wir haben in den letzten Tagen viele Veränderungen erlebt und für die meisten von uns dürfte dieser Einschnitt in unsere stellenweise recht monotone Arbeitsroutine doch recht beunruhigend sein. Aber wir sind Forscher. Es ist nicht unsere Aufgabe, immer gleiche Abläufe zu katalogisieren. Wir betrachten die Natur und versuchen ein Verständnis ihrer inneren Mechanismen zu erlangen. Etwas Fremdartiges zu erforschen sollte uns also nicht verunsichern. Nein, es sollte uns euphorisch stimmen! Denn wir haben ein weiteres Fragment im großen Bauplan des Universums aufgedeckt. Wir müssen nur noch genau verstehen, wohin es gehört. Entsprechend sollten wir an dieser Stelle nicht Trübsal blasen und nach Zauberern oder Priestern rufen. Vielmehr sollten wir darüber nachsinnen, wie wir unsere neuen Entdeckungen nennen wollen.“

Chroniken des Umbruchs