Der große Knall

1818

Müdigkeit war alles, was Vlad van Draken in jenen letzten Stunden noch fühlte. Fern waren der Stolz auf den großen Krieg und die Wut auf die Verräter der Kabale, die sich gegen die Seinen aufgelehnt und die Niederwerfung des Kaisers verhindert hatten. Die Verbündeten waren tot oder geflohen, ganze Städte zerstört und sein eigener Regierungssitz Drakenberg von Feinden umstellt. Wenn er auch wusste, dass die Feinde den ätherischen Schild nicht durchdringen konnten, der seine Heimat beschützte, war ihm dennoch bewusst, dass dieser das Ende nur hinauszögerte. Was nutzte seine Sicherheit, nun da die thoranischen Provinzen in Trümmern lagen? Und so wartete er hier, gleich einer Maus in einer Sackgasse, darauf harrend, dass die Katze ihn irgendwann schnappte.

Mehrfach hatte er im Verlauf dieses Bürgerkriegs darüber nachgedacht, sich der Kabale zu beugen, um die Leben der Thoraner zu schonen. Als ein Großteil seiner Truppen beim Ausbruch des Krieges durch eine List der Kabale erst im östlichen Grenada eingeschlossen und dann verschüttet wurden, war dies ein herber Schlag. Doch sein Kampfesmut war stark und er bereit, die Verräter für diese Tat bezahlen zu lassen. Als sich die Berichte bestätigten, dass einige seiner vermeintlich engsten Verbündeten, Graf Schwarzherz und die Dame Sanguina, führende Mitglieder der Kabale waren, war er zutiefst betroffen. Doch sein Kampfgeist war ungebrochen. Aber als die Monate vergingen und die Berichte über ganze Kompanien und Städte, die ausgelöscht wurden, sich häuften, da verließ ihn zusehends der Mut.

Vielleicht, so dachte er, hätte er mit der Kabale verhandeln können. Wenn es ihnen nur um Macht oder Geld ging, so hätte er sich sicher mit ihnen arrangieren können. Doch die Kabale verweigerte jede Form der Diplomatie und forderte eine direkte Unterwerfung aller drakonischen Streitkräfte unter ihr Kommando. Nein, das ganze Vorgehen dieser Verräter machte für ihn keinen Sinn. Mehrfach dachte er daran, dass die Aufständischen von fremden Mächten, ja womöglich von Kaiser Sendrack selbst gesteuert wurden. Doch keine äußeren Parteien mischten sich in diesen Krieg ein und so schien auch diese Erklärung zusehends unwahrscheinlich.

Letztlich war es jedoch egal, warum sie gegen ihn kämpften. Wichtig war nur, dass er diese Rebellen besiegte, Ordnung schaffte und die Schäden des Krieges, so gut er es vermochte, heilte.

In jenen stillen Augenblicken jedoch schien eine bloße Niederwerfung der Kabale unwahrscheinlich. Das große Werk, der Krieg für den wahren Glauben, den sein Großvater Voral vor einhundert Jahren gegen die kaiserlichen Provinzen entfesselte, war im Begriff endgültig zu scheitern. Der dunkle Herr Vortex schien Vlad und den Seinen endgültig seine Gunst entzogen zu haben. Und so schlich er nun im flackernden Dämmerlicht des Äthernarums herum, jener geheimnisvollen, uralten Maschine, welche den schützenden Schild um seine Heimat legte.

Seit das Haus van Draken vor vielen hundert Jahren auf Basis der Wunder dieses Geräts seine Vorherrschaft in der Region festigte, waren Magier und Forscher gleichermaßen bestrebt, die Geheimnisse dieser uralten Apparatur aufzudecken. Doch auch nach dieser langen Zeit wusste niemand genau, wie das Gerät, dessen Stäbe, Metallscheiben und Kristalle beständig in einem endlosen Tanz umeinander wirbelten, wirklich funktionierte. Lediglich die grobe Steuerung konnten die Gelehrten offenbaren, wenngleich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vollständig. Man wusste, dass das Äthernarum ätherische Energie manipulieren konnte. Dies konnte zum einen genutzt werden, um einen Schild über die nähere Umgebung zu legen, der es angreifenden Truppen unmöglich machte, sich der Stadt Drakenberg zu nähern oder diese aus der Distanz zu beschießen. Es gab jedoch auch Theorien, dass man die rohe Energie auch ausfließen lassen konnte. Das hätte jedoch mit größter Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen für alles Leben in einem großen Radius gehabt. Entsprechend beließ man es in dieser Hinsicht bei der theoretischen Betrachtung und hatte nie wirklich die Absicht, eben jenen Effekt bewusst auszulösen.

Erschöpft blickte van Draken auf die flimmernden Lichter der alten Maschine, die seinem Haus einstmals zum Aufstieg verhalf. Er erinnerte sich an die Folge von Drehungen und zu drückenden Knöpfen, die nötig war, um den vermutlich kataklysmischen Effekt auszulösen, den die Forscher aus der Logik des Geräts abgeleitet hatten. Er erinnerte sich an den kleinen Kristall, der gleich einem Schlüssel in das Schaltpult eingesetzt werden musste und den er immer an seinem Körper trug, seit er diesen von seinem Vater mit den Worten erhielt, dieses letzte Mittel nur zu nutzen, wenn das Haus van Draken im Begriff war, unterzugehen. Seit Generationen wurde jenes Geheimnis innerhalb seiner Familie weitergegeben. Doch niemals hätte er gedacht, dass genau er es sein würde, der dieser alten Blutlinie damit einen effektvollen Untergang bereiten würde.

Viele Tage hatte er mit sich gehadert, ob er dies wirklich tun sollte. Vielleicht gab es noch einen Ausweg, vielleicht hätte er sich einfach der Kabale ergeben sollen. Doch als die Feinde Drakenberg umstellten und jede Form eines Ausbruchs unmöglich machten, da wurde ihm klar, dass der Moment der Wahrheit gekommen war. Die vielen Leben, die dies vermutlich auf beiden Seiten fordern würde, waren ihm nun gleichgültig geworden. Er war müde und wollte nur, dass alles ein Ende finden würde. Und im Angedenken an seine Vorfahren würde es mit einem großen Knall enden, auf dass niemand das Haus van Draken je vergessen würde.

Er ließ den kleinen Kristall durch seine Finger gleiten und war fasziniert, dass dieses unscheinbare Ding dazu fähig war, solche Zerstörung zu bringen. Zumindest in der Theorie, denn niemand hatte den ätherischen Ausfluss je getestet. Doch genug der Warterei und der Skrupel; es war an ihm, den letzten Schritt zu gehen.

Mit festem Griff umklammerte er den Kristall, der bei der Annäherung an das Schaltpult zum Leben erwachte und in einem sanften Farbenspiel zu leuchten begann.

Nanana, wer wird denn da so voreilig handeln?“

Van Draken erschrak furchtbar, ließ den Kristall fast fallen, als die fremde, männliche Stimme durch die Halle des Äthernarums hallte. Außer ihm dürfte niemand hier sein. Die Wachen hatten den Raum umstellt, doch es war ihnen nicht erlaubt, einzutreten. Ein Angreifer wäre aber niemals unbemerkt durch die Verteidigung gebrochen. Verunsichert ließ Vlad den Blick zur Tür wandern. Die schweren metallenen Flügel waren noch immer verschlossen. Und einen anderen Eingang gab es nicht.

Wer ist da? Wer verspottet mich mit seiner Gegenwart? Keine lebende Seele ist fähig, hier unbemerkt einzudringen!“

Da hallte erneut die fremde Stimme durch den Raum. Ihr Ursprung war jedoch nicht bestimmbar.

In dieser Hinsicht habt Ihr tatsächlich recht. Glücklicherweise entspreche ich erwähnten Eigenschaften nicht.“

Vlad war unsicher, ob seine Sinne ihm einen Streich spielten oder ob tatsächlich jemand es vollbracht hatte, hier unbemerkt einzudringen. Doch er wollte nun, in jenem letzten Moment kein Risiko mehr eingehen und ließ den Schlüsselkristall wieder in der Sicherheit seiner Kleidung verschwinden. Dann forderte er von der fremden Stimme:

Zeig dich, Schurke, der du mein Dasein quälst! Keine lebende Seele willst du sein? Bist du mein schlechtes Gewissen, dass sich nun Bahnen bricht? Oder sind es die Geister der Vergangenheit, die mich in jener letzten Stunde heimsuchen?“

Da lachte die Stimme.

Geist ist tatsächlich ein gutes Stichwort. Und mit Eurer Vergangenheit bin ich durchaus verbunden. Nun denn, genug der Spiele. Schaut her, wer Euer Haus besucht.“

Während das Echo die fremde Stimme durch die Halle trug, schälte sich im flimmernden Zwielicht der Maschine eine Gestalt aus den Schatten. In Anbetracht ihrer unnatürlich ruhigen Bewegungen, die keinerlei Schritte zeigten, dachte van Draken erst daran, dass es sich um einen meisterhaften Attentäter handeln musste, der ihn gestellt hatte. Als sich die Gestalt jedoch als ein Mann in einer schweren Rüstung offenbarte, der nicht aufgrund seiner Eleganz keine Schritte zeigte, sondern weil er tatsächlich nicht ging, sondern vielmehr einige Zentimeter über dem Boden schwebte, wich van Draken panisch einige Meter von der Maschine zurück.

Die schwebende Gestalt trug keinen Helm, zeigte das wohlgeformte, leicht feminine Antlitz eines Mannes mit ausgesprochen langen blonden Haaren, welche unter natürlichen Umständen fast den Boden berührt hätten, nun jedoch auf ausgesprochen verstörende Weise in der Luft tanzten. Er hätte als schön gelten können, wären da nicht die Totenblässe und das wahnsinnige Grinsen gewesen, die das sonst so wohlgeformte Gesicht verzerrten. Seine fiebrig roten Augen, die gleich zwei Kohlen in der Dunkelheit glühten, fixierten van Draken und er hob erneut an zu sprechen.

Seht mich an. Erblickt jenen, den Eure Linie gerichtet hat.“

Gleichermaßen erschüttert und verdutzt musterte van Draken die geisterhafte Gestalt. So schrecklich ihr Anblick auch war, so sehr verwirrten ihn die Worte derselben. Er erkannte den blonden Mann nicht. Von Drakens Unwissen ärgerte den Geist und er fauchte:

Seht mich an! Hat man meinen Namen etwa schon vergessen?! Ich war einst einer Eurer größten Krieger!“

Erneut musterte van Draken die Gestalt. Doch er war sich sicher, dass er diesen dort nie in seinem Heer gesehen hatte. Eine so auffällige Erscheinung hätte er nicht vergessen. Allein irgendetwas Vertrautes hatte er doch an sich. Der Geist war sichtlich frustriert. Das Grinsen verzog sich zu einer bestiengleichen Miene und er schwebte einige Meter auf den Alten zu, die Hand nach dessen Kehle ausstreckend.

Beim Anblick eben jenes verzierten, gepanzerten Handschuhs, welcher auf ihn zu schnellte und der der Pranke eines Löwen glich, erwachte eine ferne, alte Erinnerung in seinem Geist. Er war wieder ein Kind, ging mit seinem Vater durch eine der Galerien des Schlosses und betrachtete die großen Gemälde der Mitglieder des Hauses. Vor dem Bild eines besonders auffälligen Mannes mit langen blonden Haaren blieb er stehen, fragte, wer das denn sei. Sein Vater erklärte, dies sei Ragnaras Grimm, einer der größten Helden der drakonischen Armee. Er hatte vielen Feinden den Tod gebracht, doch letztlich hatte er die Seinen verraten.

Die Erinnerung verblasste und van Drakens Geist kehrte in das flimmernde Licht des Äthernarums zurück, wo die zornige Gestalt gerade im Begriff war, sich auf ihn zu stürzen.

Grimm. Ihr seid Ragnaras Grimm – der Löwe mit der blutigen Pranke.“

Der Geist hielt unvermittelt in seinem Sturm inne und schien sich zu sammeln. Die wütende Grimasse erhellte sich wieder zu dem wahnsinnigen, kaum weniger fürchterlichen Grinsen.

Seht Ihr, es geht doch. War doch gar nicht so schwer.“

Da erhob der Alte seinen Arm anklagend gegen den Geist und schrie:

Was tut Ihr hier, elender Geist?! Ihr seid ein Verräter am ganzen Haus van Draken! Hinfort mit Euch!“

Der Geist kicherte vergnügt und rieb sich die gepanzerten Hände.

Verrat ist aus dem Mund eines van Draken immer ein besonders amüsantes Wort. Hat Eure ganze Linie den Verrat ja fast erfunden.“

Erbost erwiderte der Alte:

Schweigt, Geist! Es steht Euch nicht zu, den Namen unseres glorreichen Hauses in den Mund zu nehmen!“

Der Alte hatte seinen Satz noch nicht beendet, da schwebte Grimm im Bruchteil einer Sekunde zu ihm herüber, ohne seinen Körper auch nur leicht zu bewegen, lehnte den Kopf nah an van Drakens Gesicht und sprach mit einer sanften Stimme.

Erst hat Eure Linie den Kaiser verraten, dann den Glauben, dann die thoranischen Herrscher, die nicht bereit waren, sich eurem irrsinnigen Aufstand anzuschließen… und letztlich dankte man mir, der Eurem Großvater all jene vom Hals gehalten hatte, die seinen Herrschaftsanspruch über die thoranischen Provinzen angefechtet hatten, mit einem Dolch an meiner Kehle.“

Daraufhin schob der Geist den bislang seinen Hals verdeckenden Umhang zur Seite und entblößte eine weite Schnittwunde, die sich quer über seine Kehle zog. Als er selbige wieder verdeckt hatte, bewegte er sich einige Zentimeter von seinem Opfer weg und sprach weiter:

Doch ich will ehrlich sein. Kümmern mich die ersten Dinge doch recht wenig. Letzteres nehme ich aber sehr persönlich. Das Wort ‚Verrat‘ hat aus dem Mund eines van Draken aber eben wenig Gewicht.“

Vlad reagierte erbost, hob dem Geist eine Faust entgegen und rief:

Verrat? Voral hat Euch nicht verraten! Er hat Euch aufgehalten! Ihr wart wahnsinnig! Habt unschuldige Menschen ermordet!“

Da verdrehte der Geist die Augen, schwebt erst nach links und dann nach einer Drehung nach rechts.

Schuldig, unschuldig… Unsinnige Kategorien mit denen die Menschen ihre Gelüste maskieren. Wenn ich im Krieg die Feinde töte, nennt man mich einen Helden. Wenn ich dann daheim aus Freude töte, ist es plötzlich Mord.“

Van Draken wurde zornig.

Ihr habt Menschen hintergangen, Familien ermordet! Ja, Ihr habt sogar eure eigene Familie heimtückisch umgebracht!“

Der Geist winkte ab und bemerkte:

Ach bitte. Die Soldaten, die ich im Krieg erschlug, hatten ebenso Familien, kämpften für eine für sie gerechte Sache und fühlten sich durch unseren Angriff ebenfalls hintergangen. Meine Frau hat mir bei unserer Hochzeit geschworen, ihr Herz würde mir gehören und das habe ich dann eben wörtlich genommen. Und bei den Kindern gilt, dass ich sie erschaffen hatte. Also warum sollte ich sie nicht auch wieder vernichten? Ist es nicht genau das, was des Menschen Leben zusammenfasst? Wir erschaffen etwas und dann reißen wir es wieder ein, wie Kinder in einem Sandkasten. Ich bevorzuge statt Sand nur eben Fleisch und Blut.“

Der Geist wandte sich mit dem altbekannten abscheulichen Grinsen auf den Lippen wieder van Draken zu. Dieser schüttelte nur den Kopf.

Die Worte einer solch abscheulichen Kreatur haben für mich keine Bedeutung. Warum wandelt Ihr noch auf Erden? Und wie habt Ihr es überhaupt geschafft, euch aus dem Bann zu lösen, den man über Eurer Anwesen gelegt hatte?“

Der Geist legte den Kopf auf die Seite und zuckte mit den Schultern.

Ich gebe zu, diese kleine Episode mit dem Dolch in meiner Kehle war ärgerlich. Aber mir stand noch nicht der Sinn danach, ins Zwielicht hinüberzutreten. Warum es mir vergönnt war, weiter auf Erden zu wandeln – wenngleich deutlich leichtfüßiger als zuvor – kann ich Euch nicht sagen. Aber tatsächlich ist diese Form in vielerlei Hinsicht deutlich nützlicher. Man leidet nicht mehr am Menschsein: Kein Hunger, keine Müdigkeit, keine Skrupel – so kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren: das warme, lebendige Fleisch.“

Bei diesen Worten bekam der Geist einen glasigen, regelrecht lüsternen Blick. Doch schnell fokussierte er wieder den Alten. Dieser blickte sich um, prüfte, ob er die Tür erreichen konnte. Er war nicht mehr der Schnellste, aber mit einem kleinen Spurt, wäre es möglich. Es würde vielleicht genügen, um die Wachen zu alarmieren. Doch er musste ihn noch ein wenig hinhalten.

Das erklärt nicht, warum Ihr hier seid und nicht in Eurer einstigen Heimat.“

Da hob Grimm seine Hand an sein Kinn und blickte nachdenklich in die finsteren Winkel des Raums.

Ja, das ist natürlich richtig. Nachdem man mich ermordet hatte, konnte man es ja nicht dabei belassen. Um mir auch in dieser Form den Spaß zu verderben, habt ihr diesen elenden Bann über mein Haus gelegt, der es mir unmöglich machte, selbiges zu verlassen. Fast einhundert Jahre war ich dort eingesperrt und abgesehen von einigen dreisten Dieben, die nicht an die örtlichen Geistergeschichten glauben wollten, hatte ich dort nie Besuch. Ich habe mich – verzeiht das Wortspiel – zu Tode gelangweilt.“

Der Geist kicherte ob seiner rhetorischen Extravaganz, bemerkte nicht, dass van Draken sich langsam auf die Türen zubewegte und sprach weiter:

Nun, zumindest war das mein Schicksal, bis diese netten Menschen von der – wie nannten sie sich gleich? Achja, bis diese Menschen von der Kabale erschienen und den Bann unter der Bedingung brachen, dass ich ihnen in ihrem Krieg helfen würde. Ich gebe zu, die Aussicht mich an Eurer Linie rächen zu können war verführerisch. Aber es war eher die Aussicht auf Freiheit, die mich dazu brachte, mich vorerst ihrer Sache anzuschließen. Leider haben sie mein impulsives Wesen bedacht und mir nach meiner Befreiung eine andere Art von Kette angelegt, durch die ich mich nicht gegen sie wenden konnte – und ja, ich hätte sie andernfalls sofort nach meiner Befreiung in Fetzen gerissen. Allein manchmal muss man sich einfach für das kleinere Übel entscheiden, was in diesem Fall die längere Leine bedeutete. Auch waren sie so frei mich über die Begebenheiten der letzten hundert Jahre aufzuklären. Überaus interessant.“

Van Draken hatte die Tür fast erreicht. Nur wenige Schritten fehlten noch.

Aber warum haben sie Euch hierher geschickt? Waren sie zu feige, um selbst zu kämpfen?“

Die Hände hinter dem Rücken verschränkend erklärte Grimm weiter:

Nun, ich denke, wenn sie gekonnt hätten, wären sie auch selbst erschienen. Aber dieses nette Spielzeug hier verhindert leider unangemeldete Besuche. Da sie aber von den Möglichkeiten dieses Dings Kenntnis hatten und auch ahnten, dass ihr in der Stunde der Niederlage etwas Dummes versuchen würdet, wurde ich geschickt. Eine weitere praktische Eigenschaft meines Daseins besteht nämlich darin, dass der Wall hinter dem Ihr Euch versteckt, für mich nur wenig Bedeutung hat. Obwohl ich gestehen muss, dass die Durchquerung durchaus ein wenig gekribbelt hat.“

Endlich hatte er es geschafft. Die Tür war in Reichweite. Mit einem beherzten Spurt stürzte van Draken zu den schweren Metallflügeln und zerrte diese nach Leibeskräften auf. Die auf der anderen Seite postierten Wachen schauten erst verdutzt, warum sich die Tür öffnete. Als sie jedoch die klagende Stimme ihres Herrn hörten, drückten sie die Flügel so schnell sie konnten auf.

Erschöpft schnappte der Alte nach Luft und wies auf den Geist.

Ein Eindringling! Vernichtet ihn!“

Verwundert betrachteten die Wachen den Geist, blickten einander an, verwirrt ob der Anwesenheit eines Fremden in diesem geschützten Raum, und stürzten dann mit erhobenen Hellebarden auf diesen los.

Ragnaras, der dieses seltsame Schauspiel ruhig beobachtet hatte, schwebte unbeeindruckt in der Luft. Die blitzenden Klingen der Stangenwaffen sausten durch die Luft, trafen seinen Körper und gingen wirkungslos durch diesen hindurch, um dann wuchtig auf den Boden zu hämmern. Gelangweilt kratzte er sich am Kinn und bemerkte trocken:

Geist, Ihr erinnert Euch? Aber genug der Spiele. Es ist Zeit für das große Finale.“

In wahnsinnigem Tempo schoss Grimm durch die erschrockenen Wachen und packte van Draken am Kragen, den zappelnden Mann mühelos durch die Luft tragend, als wäre er eine einfache Puppe.

Sie haben mich eigentlich geschickt, um Euer Spielzeug hier abzuschalten. Dann hätten sie hier einmarschieren können. Vermutlich hätten sie Euch gefangengenommen und vor Gericht gestellt, oder etwas dergleichen. Sie schienen genau so ein langweiliger Haufen zu sein. Aber dann hätte ich ja auf meine Rache verzichten müssen. Und vermutlich würden sie mich am Ende ja doch beseitigen. Darum machen wir es doch ein wenig spannender.“

So sehr er sich auch abmühte, er konnte sich nicht aus dem eisernen Griff des Geistes befreien, der ihn langsam zu der Maschine hinüber trug. Die Wachen waren mit der Situation überfordert und starrten nur, als ihr Herr ihnen befahl, ihn zu befreien. Mit dem Blick auf den Kern der Maschine gerichtet, hob Grimm den Alten empor.

Euer Großvater liegt außerhalb meiner Reichweite. Darum begnüge ich mich mit Euch. Die Einsicht, dass Eure ganze Linie damit ein Ende finden wird, soll mir genügen. Ich bin ja schließlich nicht so nachtragend.“

Keuchend erwiderte Vlad van Draken:

Ich werde Euch nie verraten, wie man die Maschine abschaltet, elende Kreatur!“

Doch der Geist lächelte nur und bemerkte:

Ach, das ist auch gar nicht nötig. Meine Befreier wollten nur, dass ich die Maschine abschalte. Sie haben nie gesagt, wie genau ich das tun soll. Und ich habe einige interessante Sachen über dieses Ding gelernt, die ich jetzt gern einmal ausprobieren möchte.“

Daraufhin schleuderte Grimm den Alten in den blitzenden, funkenden Kern der Maschine. Als er in der Maschinerie aufschlug, begann der kleine Schlüsselkristall in einem grellen Licht zu leuchten, welches so hell war, dass es durch die vielen Lagen des Stoffs hindurch zu strahlen begann. Rohe ätherische Energie strömte durch den zitternden Leib des Alten, als die Wachen ihr Heil in der Flucht suchten und Hals über Kopf aus dem Raum stürzten. Blitze zuckten in allen Farben des Regenbogens durch den Raum, Stangen verbogen sich und schmolzen, Linsen brachen, Kristalle zerbarsten und dann war da nur noch ein grelles Licht.

Die unnatürliche Form des Geistes erzitterte im grellen Ausbruch der ätherischen Energie und die ferne Erinnerung an das Gefühl des Schmerzes durchzog sein verdrehtes Bewusstsein. Dann herrschte Dunkelheit im erloschenen Äthernarum.

Ragnaras Grimm lächelte zufrieden.

Und so beginnt es.“

Chroniken des Umbruchs