Der Ätherum-Exo

1823

Die Arbeiter ächzten, als sie die unheilvolle Konstruktion so vorsichtig wie möglich von dem schweren Wagen hoben. So ein seltsames Ding hatten sie in ihrem Leben noch nie gesehen. Doch waren sie daran gewöhnt, die kuriosesten Konstruktionen für die Ingenieure der Akademie von Brennbach durch die Gegend zu wuchten. Und so wunderten sie sich zwar noch, wofür die komischen Geräte gut waren, doch sie hinterfragten nicht. Zumeist beschränkte sich die Erklärung der Konstrukteure ohnehin nur auf ein knappes:

„Wissenschaft! Aber das versteht ihr ohnehin nicht.“

Die Ingenieure und Wissenschaftler der Akademie waren für ihr hochmütiges und exzentrisches Verhalten gegenüber der einfachen Bevölkerung gleichermaßen berühmt wie auch berüchtigt. In den meisten Fällen waren die einfachen Leute jedoch tatsächlich nicht dazu imstande, ihren Ausführungen zu folgen. Und da die Akademie im Verhältnis mehr Nutzen brachte, als Schaden anrichtete – wenngleich dieser im Zuge ihrer seltsamen Experimente durchaus ein ums andere Mal entstand – begnügte man sich damit, mit den Schultern zu zucken, den Forschern ihre eigentümlichen Verhaltensweisen nachzusehen und im Zweifelsfall die Schäden zu beseitigen.

Das schwere Metallgerüst, das sie heute Richtung Steinbruch transportiert hatten, war aber selbst unter den metallenen Ausgeburten der Akademie ein Kuriosum. Die Arbeiter hatten bemerkt, dass es eine grobe menschliche Form hatte und an den Gestellen, die den Armen entsprachen, waren Werkzeuge befestigt – ein Bohrer an der linken Seite und ein Greifer an der rechten. Man spekulierte schon, ob es sich um einen Golem handelte, der im Steinbruch arbeiten sollte. Die vielen leuchtenden Kristalle, welche im Rücken des Gestells verarbeitet waren, ließen so etwas vermuten. Allerdings war die Konstruktion für einen Golem dann doch etwas zu luftig und zu technisch.

„Schneller! Schneller! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“,

bellte Geraldine Smithson, nachdem sie endlich den Ort des Experiments erreicht hatte. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und der Gründung Neu-Thoras war sie aus ihrer Heimat Ezbithia nach Brennbach gezogen, da die wissenschaftliche Forschung im Imperium in den letzten Jahren immense Fortschritte gemachte hatte und den restlichen Gebieten des ehemaligen Shaserias komplett davon rannte. Smithson entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu eine Koryphäe praktischer Anwendungsmöglichkeiten des Ätherum.

Kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen den Drakonieren und der Kabale hatten Forscher aus Brennbach und Liberheim entdeckt, dass die weit verbreiteten und bis dahin wertlosen Tabula-Rasa-Kristalle mit ätherischer Energie geladen werden konnten. Nach wenigen Jahren der Forschung war man fähig, die ursprünglich instabilen Ätherum-Kristalle so weit zu stabilisieren, dass sie als Energielieferanten für komplexere Maschinen dienen konnten. Zumindest in der Theorie, denn eine praktische Anwendung des Ätherums gab es bislang außerhalb der Ätherum-Feuerwaffen, die auf dessen instabiler Natur aufbauten, nicht. Auch entwickelten sich in dieser Zeit einige Animositäten zwischen Brennbachs und Liberheims Forschern, da letzteren oft vorgeworfen wurde, sie würden über deutlich mehr Wissen verfügen, welches sie jedoch nicht zu teilen bereit waren.

Mit viel Mühe und einigem Ächzen hatten die Arbeiter es endlich geschafft, das schwere Metallgerüst von dem Wagen zu heben. Eine Menschenmasse sammelte sich um die abgeladene Konstruktion, als Smithson einige Worte zu ihrem Assistenten sprach. Dieser nickte und stellte sich mit angespanntem Gesicht neben das Gerät. Dann wandte sich die Ingenieurin ihrem Publikum zu, welches eine seltsame Mischung aus staubverschmierten Arbeitern des Steinbruchs, bekittelten Kollegen der Akademie und edel gekleideten Mitgliedern der Adelsschicht darstellte.

„Meine Damen und Herren! Werte Arbeiter! Heute schreiben wir Geschichte! Sehen Sie hier die neue Stufe imperialer Arbeit – den Ätherum-Exo!“

Ein Raunen ging durch die Menge. Der Name klang für die meisten spannend, allein abgesehen von den Kollegen der Akademie verstand niemand, was er bedeutete. Etwas frustriert ob der mangelnden Begeisterung ihres Publikums räusperte sich Smithson und rückte ihre Brille zurecht.

Nun gut… Bilder sprechen bekanntlich mehr als tausend Worte. Darum wollen wir direkt zur Präsentation fortfahren. Ingo, wenn ich bitten darf!“

Mit erhobenen Armen richtete sie die Aufmerksamkeit auf ihren Assistenten, der schwer schluckte und sich dann daran machte, in das seltsame Metallgestell zu klettern. Nach einigem Rutschen hatte er die richtige Position erreicht und plötzlich machte die seltsame Form des Dings Sinn. Es handelte sich nicht einfach um einen Golem, sondern eher um eine Art Rüstungsgestell, in das ein Mensch schlüpfen konnte. Arme und Beine wurde von sich schließenden Schnallen gehalten und die Hände umschlossen zwei Hebel in den werkzeugbewehrten Armstücken. So weit, so gut – doch das Ding machte keine Anstalten sich zu bewegen.

Smithson stemmte die Hände in die Hüften und begann unruhig mit einem Fuß zu wippen. Entnervt sprach sie zu ihrem Assistenten:

Ingo! Der Hebel!“

Daraufhin schluckte der in dem Gestell befestigte Assistent erneut, nun sichtlich erbleicht, löste einen Arm aus der rechten Armschiene und betätigte einen Hebel, der an der geschlossenen Rückenkonstruktion befestigt war. Plötzlich erwachte das Gerät zum Leben, die Ätherumkristalle im Rückenmodul begannen grell zu Leuchten, Kolben und Zahnräder begannen zu Arbeiten und ein großes Brummen und Hämmern fuhr aus der Maschine. Doch das Gerät bewegte sich nicht. Ingo hing wie erstarrt in dem Gerüst, als Smithson das Gebaren des Konstrukts mit einer gehobenen Augenbraue beobachtete.

Blitze in wirren Farben begannen einen der Kristalle zu umspielen, wurden stärker und sprangen von diesem in den Boden über, die Erde dabei verbrennend und verglasend.

Abschalten Ingo!“

Der Assistent erschrak fürchterlich und bemühte sich, den Hebel wieder in die Ausgangsposition zurück zu bewegen. Doch es funktionierte nicht. Weitere bunte Blitze entfuhren dem Kristall und dann verstummte dieser, das Leuchten schwand und mit einem lauten Knacken erschienen tiefe Risse in dem jetzt farblosen, mattweißen Kristall.

Ingo erstarrte in der Bewegung, befürchtend, dass das Knacken einem gebrochenen Teil seines Körpers entfahren war. Die Menge wurde indes unruhig. Die Forscher begannen eifrig Dinge auf Klemmbrettern niederzuschreiben, die Adligen amüsierten sich ob des kuriosen Schauspiels und die Arbeiter zuckten verwirrt mit den Schultern.

Einen Moment bitte. Dies ist nur ein kleiner Zwischenfall. Es geht gleich weiter. Die Kiste!“

Daraufhin winkte sie die Arbeiter heran, die das Gerät abgeladen hatten. Diese schleppten nun eine Holzkiste heran, in der fein säuberlich aufgereiht mehrere leuchtende Ätherumkristalle lagen. Schnell schnappte sich die Ingenieurin einen derselben und eilte zu ihrer Maschine.

Ingo war gerade im Begriff, die Halterungen zu lösen und sich aus dem Gerät zu befreien, als Smithson vor ihn sprang, ihm einen Zeigefinger auf die Nase drückte und sprach:

Du bleibst da drin! Wir starten einen neuen Versuch!“

Dann versetzte sie dem Starthebel einen gepflegten Tritt, woraufhin dieser in die Ausgangsstellung zurückkehrte. Das Publikum war sich unsicher, ob es warten oder gehen sollte, als die Forscherin den gebrochenen Kristall aus dem Rückenmodul löste und durch das neue Exemplar ersetzte.

Einen Moment noch… So…. Jetzt!“

Mit einem lauten Klacken verankerte sich der Kristall in dem bizarren Metallgestell.Enthusiastisch rief sie:

Und nun auf ein Neues!“

Zitternd bewegte Ingo seine Hand Richtung Starthebel, doch seine Vorgesetzte kam ihm zuvor und ließ diesen mit einem gezielten Faustschlag hinunter fahren, nur um dann mit flinken Sätzen Distanz zu dem Gerät aufzubauen. Erneut begann die Maschinerie zu röhren, die Kristalle glühten, leichte Blitze umspielten diese und Kolben und Zahnräder beginnen zu rotieren.

Das Publikum war nach dem ersten Versuch nun vorsichtiger und wich einige Schritte zurück. Das Heulen der Maschine wurde in gleichem Maße lauter, wie der Pilot in ihrem Inneren beständig blasser und verschwitzter wurde. Die Umstehenden – und Ingo – gingen davon aus, dass das Ding in Anbetracht seiner anschwellenden Lautstärke wohl gleich explodieren würde und wichen noch weiter zurück, sich dabei zunehmend zerstreuend. Dennoch siegte die Neugier und sie beobachteten weiter, was geschehen würde.

Dann heulte der Ätherum-Motor im Rücken des Geräts noch einmal in ohrenbetäubender Lautstärke auf. Entgegen aller Erwartungen gab es diesmal jedoch kein Unglück. Die Maschine beruhigte sich und begann in einem gleichmäßigen Rattern zu verharren.

Smithson sprang einige Schritte nach vorn, klatschte in die Hände und rief:

Es funktioniert! Treten Sie näher! Wir wollen die Präsentation beginnen.“

Das Publikum blieb jedoch erst einmal in sicherer Distanz stehen. Ingo, der langsam realisierte, dass die Maschine tatsächlich auf Eingaben zu warten schien, beruhigte sich, zog ein kleines Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Dann blickte er kurz zu Smithson, nickte und ließ den Arm wieder in die Armhalterung gleiten.

Und dann geschah es – das Metallgerüst begann sich zu bewegen. Mit lauten Stampfern bewegte sich der Assistent in dem Gerät durch den staubigen Steinbruch, lief erst einige Schritte nach links, dann nach rechts, drehte sich einmal um sich selbst und nähert sich dann einem großen Felsen, der in seiner Nähe lag. Ingo drückte einen Knopf im Inneren der Armhalterung und der schwere Bohrer am linken Arm begann zu röhren, als er diesen dem erstaunten Publikum präsentierte. Die Menschen näherten sich nun vorsichtig der Maschine und beobachteten fasziniert, wie Ingo den Stein mit dem Bohrer bearbeitete und nach wenigen Augenblicken zerbrechen ließ. Die Arbeiter des Steinbruchs schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Mehrere Männer hätte ein Stunde gebraucht, das Ding zu zertrümmern.

Dann ergriff Ingo mit der Klaue des rechten Arms einen der ansehnlicheren Steinbrocken, hob diesen ohne jede Mühe vom Boden und transportierte in zu einem nahen Wagen. Smithson wurde regelrecht ekstatisch und rief:

Sehen Sie hier die Zukunft der imperialen Industrie – den Ätherum-Exo! Ein durch Ätherumenergie betriebenes Metallskelett, dass die Körperkraft jedes Arbeiters um ein Vielfaches steigert und einen einzelnen wie zehn Männer arbeiten lässt. Neben den jetzt installierten Werkzeugen können nach Bedarf auch andere Aufsätze wie Hämmer oder Schleifer verwendet werden.“

Die Menge flüsterte, die Forscher hielten mit dem Schreiben inne. Einer der Arbeiter betrachtete den Vorschlaghammer, auf den er sich bisher gestützt hatte, blickte dann hinüber zu dem röhrenden Gerät, das in Sekunden robuste Steinbrocken zerkleinerte und schmiss das alte Ding weg. Die Menge brach in tosenden Applaus aus, als ein sichtlich motivierter Ingo durch den Steinbruch rotierte.

Smithson streckte die Hände in Richtung des Exos aus und sprach:

Das Gerät ist robust, bedarf weniger Wartung und die Bedienung ist einfach. Mit dieser Technologie werden wir das Imperium zur führenden Nation des Kontinents machen!“

Chroniken des Umbruchs