Piratenjagd

1823

Ein starker Wind blähte die Segel der Thora Prima auf und ließ das imperiale Schlachtschiff gen Süden brausen. Kapitän Hilda Gardefurt beäugte misstrauisch die fernen Inseln am blauen Horizont, hinter denen sie jederzeit die Silhouetten der verhassten Principe-Schiffe erwartete. Indes ging die Crew stoisch ihrer Arbeit nach, richtete die Segel aus, prüfte den Kurs und ließ sich generell wenig von den Fremden und den neu installierten Geschützen aus den Schmieden Brennbachs beeindrucken.

Erst vor kurzem hatte die Thora Prima die Werften Brennbachs verlassen. Und schon befand sie sich auf direktem Kurs in einen Einsatz, den die meisten als Selbstmordmission angesehen hatten. Es handelte sich um eines der üblichen „Experimente“ der Akademie der Wissenschaften, bei dem die Zuverlässigkeit und Kampfkraft der neu entwickelten Ätherum-Schiffsgeschütze ermittelt werden sollte. Da man es sich nicht leisten konnte, bei einem eventuellen Fehlschlag eine ganze Flotte zu verlieren – das Imperium verfügte ohnehin nur über sehr wenige Kriegsschiffe – wurde dieser Prototyp nach neusten Erkenntnissen der Schifffahrt und mit den modernsten Waffen ausgestattet.

Solch ein Schiff bedurfte jedoch einer sehr erfahrenen Crew, welche auch im Zuge größter Unwägbarkeiten noch fähig war, das Gefährt zu steuern und auf Kurs zu halten. Deshalb hatte man Admiral Gardefurt und ihre Mannschaft rekrutiert, die bereits unter der Herrschaft der Drakonier ihren Wert auf See bewiesen hatten. Im Verlaufe des Bürgerkriegs hatten sie ihren alten Herren, die der Seefahrt keinen großen Wert beimaßen, schnell den Rücken gekehrt und sich der Kabale angeschlossen, die mit ihrem Imperium einen großen Ausbau der Marine plante. Heute waren die ogrische Hünin Gardefurt und ihre Crew, die bemerkenswert viele Andersmenschen beinhaltete, im noch jungen Imperium eine Legende.

Wenngleich der Verlauf der Mission ungewiss war, war die Kapitänin zuversichtlich. Das Schiff würden ihre Leute schon auf den Wellen tanzen lassen. Lediglich die eigentümliche Bewaffnung und die Fremdlinge, die diese bedienten, bereiteten ihr leichtes Unbehagen.

Professor Karl Gustav Drillinger bemühte sich sichtlich, sich seine ausgeprägte Seekrankheit nicht ansehen zu lassen, als er auf die Schulter eines Assistenten gestützt über das Schiff wankte. Er war gerade dabei, noch einmal persönlich die korrekte Installation und Einstellung der Geschütze zu prüfen, welche er selbst entwickelt hatte, als sein aufgebrachter Magen seinen Tribut forderte. Schnell hastete der Professor zu einer Reling und entleerte sich in den schwachen Wellengang des Ozeans.

Kapitänin Gardefurt rümpfte beim Anblick dieser Landratten nur die Nase. Die Forscher konnten auf dem Schiff kaum aufrecht gehen und doch waren sie letztlich für das Gelingen der Mission und das Überleben der ganzen Crew verantwortlich. Plötzlich gab es einen Knall und einige der Forscher, welche eines der seitlichen Geschütze umringt hatten, purzelten auf ihren Hintern. Funken schlugen aus der metallenen Maschinerie und Gardefurt war gerade im Begriff die Crew zum Löschen zu rufen, als Peter Schmidt, der Xyn-Priester, welcher die Forscher begleitete, an das blitzende Ding herantrat. In ausschweifenden Gebärden ließ er seinen Stab, an dessen Ende ein Zahnrad prangte, in der Luft kreisen, dabei einen eigentümlich sakralen Singsang von sich gebend. Und plötzlich verschwanden die Entladungen von dem Gerät, woraufhin die Forscher sich sofort daran machten, den Schaden zu reparieren.

Die Gegenwart des Geistlichen, der den ganzen Tag über das Schiff wetzte, Geschütze segnete und das heilige Xyn pries, hatte die Kapitänin schon einige Nerven gekostet. Tatsächlich schien seine Gegenwart aber größere Unfälle mit den widerspenstigen Gerätschaften zu verhindern. Ein brennendes Schiff war ein größeres Übel als eine laute religiöse Weihe, weshalb sie lernte, die Gegenwart des übereifrigen Geistlichen zu tolerieren.

Doch von den Macken der Ätherum-Waffen abgesehen war es ruhig. Ja es war viel zu ruhig, wenn man bedachte, dass die Thora Prima längst das Seegebiet der Principe betreten hatte. Dieses quasi-anarchistische Konglomerat aus Kriegsherren und Fürsten, welche die Inseln südlich des Imperiums bewohnten, hatte bereits den Händlern des Kaiserreichs das Leben schwer gemacht. Offiziell waren die Principe, deren Name aus einem alten Itani Dialekt stammte, keine Feinde der nördlichen Reiche. Tatsächlich handelten viele der ihren sehr freimütig mit ihren überseeischen Nachbarn. Händler, welche versuchten, ihr Inselreich zu durchqueren, hatten jedoch eine starke Tendenz spurlos zu verschwinden. Ein Umsegeln des Principe-Reichs war aufgrund der gefährlichen Natur des Ozeans jedoch in vielen Fällen keine Option. Das junge Imperium brauchte dieses ozeanische Tor zu den südlichen Kontinenten, durch das man geschützt vor den Kreaturen der Tiefsee und den zerstörerischen Stürmen der hohen See die Nachbarkontinente erreichen konnte.

Nur das Problem der Principe galt es zu beseitigen. Diese konnten sich ihre Vormachtstellung in der Region gleichermaßen durch moderne Waffen als auch durch ihr loses Bündnis bewahren. Vor vielen Jahren hatten mutige Seefahrer den Fürsten der See das Geheimnis des Schwarzpulvers aus dem fernen Osten gebracht. So wurden die mit Kanonen und Raketen bestückten Principe-Schiffe schnell zu einem Gegner, gegen den die kaiserlichen Schiffe mit ihren archaischen Speerschleudern und Katapulten keinen Sieg erringen konnten. Und wenn einmal jemand einen Überfall der Principe überlebte, konnte man nicht geschlossen gegen diese vorgehen, da man nicht nachvollziehen konnte, welcher regionale Herrscher einen eigentlich überfallen hatte.

Wenngleich sie alle diesen Titel führten, waren die Principe untereinander uneins und zerstritten. Neben dem Titel war es nur ein allgemeiner Kodex, an den sich alle jener Banditen und Halsabschneider hielten. Dieser regelte einerseits Streitigkeiten untereinander und sorgte andererseits dafür, dass man in Zeiten der Not respektive einer Bedrohung von außen zusammenhielt. Ein unbedachter Angriff hätte den Zorn der gesamten Inselwelt auf sich gezogen und den Handel gänzlich zum Erliegen gebracht. Bislang war es besser, einen solchen Zusammenschluss zu vermeiden, da die Principe gleichermaßen Fremde als auch einander überfielen. Diese internen Kämpfe waren auch der Grund, warum sich aus den regionalen Fürstentümern nie eine geschlossene Nation entwickelte.

Wenngleich die Principe keine offenen Kriegserklärungen tolerierten, so besagte ihr Kodex jedoch, dass es einem Schiff freistand, sich gegen Aggressoren zu verteidigen. Bisher war Widerstand keine wirkliche Option. Wenn die neuen Geschütze jedoch die versprochene Wirkung erzielten, sah das Imperium einer profitablen Zukunft des Überseehandels entgegen.

Es entstand Aufruhr in den Höhen des Schiffs. Der Ausguck im Krähennest begann aufgeregt zu rufen und sprach zu einem in der Takelage hängenden Sanuri-Matrosen, welcher nickte und mit animalischer Eleganz die Seile hinabkletterte und zum Kapitän eilte. Die Katzenaugen des Sanuri waren vor Aufregung ganz geweitet und er sprach:

Kapitän! Vor uns wurden vier Schiffe gesichtet. Vermutlich Principe. Diese steuern jedoch aufeinander zu. Vielleicht kämpfen sie miteinander.“

Mit einem Grunzen nickte Gardefurt dem Sanuri zu, der ein gurrendes Geräusch von sich gab und wieder in der Takelage verschwand. Mit einer behänden Bewegung zog sie das neue Fernglas, das die Akademie ihr vor der Mission übereignet hatte, aus dem Gürtel und betrachtete den Horizont. Zunächst war sie über die Klarheit und Reichweite des Geräts erstaunt, doch schnell sammelte sie sich und suchte den Horizont ab. Und tatsächlich waren dort vier Schiffe, zwei Pärchen, welche aufeinander zuhielten. Die Principe waren wohl wieder einmal dabei, auf ihre eigene Weise Streitigkeiten zu regeln. Sie befahl der Crew, sich langsam zu nähern, aber noch nicht volle Segel zu setzen. Warum sollte sie sich mit vier Schiffen anlegen, wenn sie auch einfach warten konnte, um die Waffen dann an den Überresten zu erproben?

Einige Minuten vergingen. Die Schiffe der Principe umkreisten einander, feuerten einige Schüsse aufeinander, jedoch ohne sichtbare Treffer. Dann plötzlich verstummte der Beschuss und alle vier Schiffe der Freibeuter drehten in Richtung der Thora Prima.

Verdammt!“,

knurrte die Kapitänin und klappte das Fernrohr wieder zusammen.

Sie haben uns entdeckt.“

Schnell eilte sie zu ihrem Steuermann und begann Befehle zu brüllen.

Vor uns sind vier übermütige Principe-Schiffe, die denken, wir wären leichte Beute. Denen werden wir jetzt zeigen, dass ihre Herrschaft über die See ein Ende gefunden hat. Volle Fahrt voraus! Es ist Zeit die Geschütze zu testen!“

Als die Stimme der Kapitänin verstummte, begann die Crew zu johlen und sprang behände auf ihre Posten. Die Forscher schienen ob der ernsten Lage jedoch sichtlich beunruhigt. Professor Drillinger trat mit einem Tuch vor dem Mund zur Kapitänin.

Dann ist es nun wohl so weit. Ich wäre aufgeregt, wenn mein Magen mir nicht einen Strich durch die Rechnung machen würde.“

Der Kapitän musterte weiter die sich am Horizont nähernden Schiffe und sprach.

Jetzt gilt es. Ich hoffe, die komischen Blechbüchsen funktionieren.“

Der Professor ließ das Tuch in eine Tasche gleiten und erwiderte:

Wenn Sie sich um jemanden sorgen wollen, dann sorgen Sie sich um unsere Feinde, Kapitän.“

Daraufhin kehrte er kichernd zu seinen Leuten zurück. Kapitän Gardefurt war sich in jenem Moment durchaus nicht sicher, ob die gute Laune des Forschers der Zuversicht entsprang oder nicht doch das Zeichen fortschreitenden Wahnsinns war, der vielen Mitgliedern der Akademie durchaus nicht selten nachgesagt wurde.

Die Forscher erhielten letzte Instruktionen, nickten dann und verteilten sich auf die einzelnen Geschütze. Professor Drillinger wandte sich wieder Gardefurt zu.

Wir sind bereit Kapitän. Sagen Sie uns einfach, wen wir unter Feuer nehmen sollen.“

Gardefurt nickte und bemühte sich, einen Schlachtplan zu entwickeln. In Anbetracht der modernen Bewaffnung waren klassische Vorgehensweisen hier nicht von Nutzen. Sie musste die eigentümlichen Reichweiten und Feuerwinkel der brennbach’schen Maschinerie beachten. Für Zweifel war es nun jedoch zu spät. Es war Zeit, zu tun, wofür sie aufgebrochen waren.

Sie gab dem Professor den Befehl, das große Geschütz, welches auf einer drehbaren Plattform auf dem Bug des Schiffs installiert war, auf das vorderste Schiff abzufeuern. Die Principe näherten sich indes in einer Pfeilformation. Gardefurt wusste, dass diese sich erst in jener Formation näherten, um auf lange Distanz ihre Raketen abzufeuern, die das Ziel in Brand steckten. Dann würde sie sich in zwei Reihen auffächern und das in Aufruhr befindliche Schiff zwischen sich einkeilen und mit ihren seitlichen Batterien zerstören. Die kaiserlichen Schiffe konnte dagegen nichts unternehmen, außer sich frühzeitig zu ergeben und zu hoffen, dass die Principe ihre weiße Flagge akzeptierten. Diesmal würden es die Freibeuter aber nicht so leicht haben.

Der Professor gab durch Handzeichen und Schrift die Befehle an seine Assistenten weiter, welche begannen, an dem Räderwerk zu kurbeln, das das Geschütz auf den Feind ausrichtete. Sie hatten deutliche Mühe, den Feind ins Visier zu nehmen. Konnten sie zwar durchaus den idealen Feuerwinkel berechnen, doch ließ das beständige Schwanken des Schiffs das Ziel stetig aus dem Zielkreuz wandern. Die Crew, welche zuvor über die grobe Funktionsweise der Waffen instruiert wurde, bemühte sich indessen, das Schiff so ruhig wie möglich zu halten.

Dann endlich, in einer Pause zwischen zwei kräftigen Wellen, war das Ziel im Visier und der Schütze nutzte seine Chance. Mit einem lauten Knall zerbarst die Ätherum-Treibladung im hinteren Teil des Geschützes und ließ mit einem heftigen Ruck die übergroße Eisenkugel in Richtung der Feinde schnellen. Die Lautstärke des Knalls sorgte dafür, dass einige der Matrosen, welche in der Nähe des Geschützes arbeiteten und die sich nicht, wie die Forscher zuvor, die Ohren verschlossen hatten, betäubt zu Boden gingen. Zugleich wurde das Schiff durch den immensen Rückstoß des Schusses komplett aus seiner Bahn und entgegen der Schussrichtung geworfen. Einige der Sanuri purzelten aus der Takelage, Fracht schepperte im Laderaum und der Kapitän selbst hatte Mühe, nicht zu stolpern. Schnell krallte sie sich jedoch an der Reling fest und versuchte den Flug der Kugel zu beobachten.

Wie man ein Ziel auf diese Distanz treffen wollte, war ihr schleierhaft. Doch irgendwie hatten die Forscher es geschafft. Das Projektil traf sein Ziel leicht seitlich im Rumpf und ließ das massive Holz wie ein Spielzeug auseinanderplatzen. Das Schiff wurde heftigst zur Seite gerissen und durch den Einschlag fast in zwei Teile getrennt. Einen Moment noch taumelte es unkontrolliert umher, dann löste sich die beschädigte Front und stürzte ins Meer, woraufhin das aufgerissene Schiffe schnell zu sinken begann.

Langsam erhob sich die betäubte Crew vom Deck, sammelte sich und versuchte zu verstehen, was da gerade geschehen war. Ein Matrose gestikulierte zu seinem Kameraden, versuchte ihm verständlich zu machen, dass er nichts mehr hören konnte. Dieser starrte jedoch nur auf die Überreste des getroffenen Principe-Schiffs, verfiel erst in einen Anfall des Schreckens und begann, als ihm bewusst wurde, dass der Feind unterging, in Jubel auszubrechen. Die Crew johlte in Anbetracht des erfolgreichen Schusses. Kapitän Gardefurt senkte das Fernglas, erst jetzt das Zittern ihrer Hand bemerkend und zog einen kleinen Flachmann aus ihrer Uniform, aus dem sie hastig einen Zug nahm.

Was für eine Höllenmaschine. Zerstört mit einem Schuss…“

Sie sammelte sich kurz und gab dann den Befehl, das nächste Schiff unter Beschuss zu nehmen. Doch etwas stimmte nicht. Die Forscher bemühten sich nach Leibeskräften, das Geschütz auszurichten, doch es passierte nichts. Der Rückstoß hatte die metallenen Teile der Plattform verbogen und nun saß sie fest. Enttäuscht öffneten die Forscher wieder ihre Ohren.

Im Gegensatz dazu diktierte der Professor seinem Assistenten in ruhigem Tonfall und ohne größere Betroffenheit einige Gedanken darüber, dass die Mechanik der Plattform deutlich verstärkt werden müsse. Dieser nickte nur und schrieb eifrig alles auf einem Klemmbrett nieder. Dann kehrte Drillinger zum Kapitän zurück, tupfte die Stirn mit einem Tuch ab und erklärte:

Das Geschütz kann theoretisch noch feuern. Doch wir können es nicht mehr drehen. Und in seiner jetzigen Position ist es in Anbetracht der Situation eher nutzlos. Wir sollten die anderen Waffen einsetzen.“

Kapitän Gardefurt betrachtete das Geschütz, das komplett nach Steuerbord gedreht war und keine Anstalten machte, diese Ausrichtung wieder verlassen zu wollen. Die anderen Waffen waren jedoch zur Seite ausgerichtet. Um sie einsetzen zu können, mussten sie sich dem Feind nähern. Das jedoch bedeutete, dass sie zunächst den Raketenhagel der Principe überstehen mussten.

Sie erinnerte sich an die Worte des Priesters, als dieser das Schiff mit einer seltsamen Kiste in seinen Händen betrat. Er sprach davon, dass er das Schiff in Zeiten der Not beschützen würde. Sie wusste nicht, was genau er damit meinte, doch jetzt war wohl der beste Augenblick für seine Hilfe gekommen. Mit lauter Stimme rief sie über das Deck:

Die Principe werden uns bald mit ihren Raketen unter Beschuss nehmen! Priester, wenn Ihr irgendwas tun könnt, um uns zu beschützen, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen!“

Da sprang der Xyn-Priester auf und eilte in den Lagerraum. Gardefurt war misstrauisch, was genau er vorhatte. Die Principe näherten sich weiter und durch das Fernglas konnte der Kapitän nun sehen, wie sie die am Bug befestigten Raketenrampen bestückten. Trotz ihrer modernen Bewaffnung würde ein Volltreffer seitens der Principe dennoch ein schnelles Ende der Reise bedeuten.

Außer Atem stürzte der Priester mit seiner kleinen Kiste aus dem Lagerraum und platzierte sie auf der Bugseite des Decks, nahe des derzeit unbrauchbaren Geschützes. Er öffnete das Behältnis, in dem sich ein eigentümlicher Mechanismus aus metallenen Streben und leuchtenden Kristallen befand. Nach einigen schnellen Handgriffen des Priesters, begann das Innenleben der Box zum Leben zu erwachen und sich zu drehen wie eine bizarre Spieluhr. Daraufhin erhob sich der Priester, hob seinen Stab in die Luft und sprach feierlich:

Wir sind die Boten Xyns! Im Namen der Menschheit und des Fortschritts soll dieses Schiff vor Schaden bewahrt sein!“

Neugierig betrachtete die Crew den Priester und seine leuchtende Kiste. Doch nichts geschah. Was auch immer der Priester im Sinn hatte, war vermutlich gescheitert. Doch es war bereits zu spät. Mit einem hellen Strahl erhoben sich die Geschosse von den feindlichen Schiffen und zischten in einem hohen Bogen durch den blauen Himmel direkt auf die Thora Prima zu. Glücklicherweise waren diese Waffen so ungenau, wie sie zerstörerisch waren, und so landete der Hagel der Raketen der beiden seitlichen Principe-Schiffe wirkungslos links und rechts des Schiffes im Ozean. Die Salve des zentralen Schiffes war jedoch gut ausgerichtet und rauschte zielgerichtete auf das Deck der Imperialen zu. Die Crew suchte instinktiv Deckung und auch Kapitän Gardefurt machte sich auf das Schlimmste gefasst. Der Priester schien jedoch unbeeindruckt und ließ seinen Stab durch die Luft kreisen.

Für den Fortschritt! Für die Menschheit! Wir sind Xyn!“

Die Raketen hatten das Deck fast erreicht, da passierte etwas Unerwartetes. Statt das ganze Schiff in Brand zu setzen, explodierten die Geschosse einige Meter über dem Schiff, als seien sie gegen eine unsichtbare Barriere gestoßen. Als die Flammen auseinander stoben war einen kurzen Augenblick eine schwach leuchtende, kugelförmige Wand zu sehen, die im Zentrum die kleine Kiste zu haben schien.

Xyn ist mit uns!“,

rief der Priester aufgeregt, als er die wirkungslose Flammendecke über dem Schiff betrachtete. Langsam löste sich das Feuer in Rauch auf, der sich nun in der Luft verteilte und verschwand. Indes versagte die kleine Kiste ihren Dienst. Die Kristalle verdunkelten sich und der Mechanismus stoppte die Bewegung. Peter Schmidt wandte sich dem Kapitän zu.

Ich tat mein Möglichstes. Nun ist es wieder an Euch.“

Gardefurt nickte, nahm einen erneuten Zug aus dem Flachmann, erstaunt darüber, wieder dem Tod entronnen zu sein, und bewertete die Lage. Die Principe näherten sich weiter in der altbewährten Keilformation. Sie wusste jedoch, dass sie sich bald auffächern würden, um die Thora Prima von beiden Seiten unter Beschuss zu nehmen. Sie musste ihre Formation stören, was in Anbetracht der aufbrausenden Natur der Freibeuter nicht allzu schwer sein dürfte.

Sie betrachtete genau, was auf den feindlichen Schiffen vor sich ging. Zwei der Schiffe bewegten sich bei voller Fahrt auseinander, während das dritte, zentrale Schiff langsam die Segel einholte, um die Fahrt zu verringern. Das war die Gelegenheit, um zuzuschlagen. Sie befahl dem Steuermann halb nach Backbord zu drehen. So konnten sie den Feind schon bald mit den Flammenkanonen unter Beschuss nehmen. Auch mussten die Principe ihren Kurs anpassen, um die Thora Prima flankieren zu können.

Waren die Freibeuter zuvor noch fähig, die Keilformation zu halten, so zeigte sich jetzt, dass die Schiffe zu zwei verschiedenen Parteien gehörten. Die äußeren Schiffe strebten auseinander, unfähig sich auf einen neuen Anfahrtswinkel zu einigen, während das dritte Schiffe eilig wieder die Segel setzte und versuchte, seinem Partner zu folgen.

Das einzelne Schiffe löste sich aus der Formation und preschte nun mit voller Fahrt auf die Thora Prima los. Der feindliche Kapitän war offensichtlich sehr bestrebt, sein verlorenes Schiff zu rächen und er hatte wohl wenig Interesse daran, sich erst umständlich wieder der Formation seiner Rivalen anzuschließen.

Nach wenigen Minuten war das Draufgängerschiff deutlich vor seinen Verbündeten, die bemüht waren, sich in einem weiten Bogen wieder in der Flankierposition auf die Thora Prima zuzubewegen. Der Kapitän gab den Forschern den Befehl, den Einzelgänger unter Beschuss zu nehmen.

Hastig eilten die Brennbacher zu dem nach Steuerbord voraus gerichteten Geschütz. Die Waffe erinnerte entfernt an eine der Principe Kanonen, war jedoch deutlich größer und wirkte mit seinen vielen Schlitzen und Gittern eher an einen übergroßen Ofen. Geschickt bedienten die Forscher die Hebel an der Seite des Geräts, woraufhin die Ätherumkristalle, die in dessen Rückseite installiert waren, zum Leben erwachten und leichte Funken schlugen. Drillinger beobachtete, kratzte sich am Kinn und nickte dann. Langsam begann die Luft um die Öffnung des Geschützes herum zu flimmern.

Distanzschuss-Modus aktivieren!“,

befahl der Professor seinen Leuten, die einige weitere Hebel verstellten. Andere betrachteten den Gegner durch bizarre Fernrohre und Messinstrumente und kommunizierten mit ihren Kollegen in einer seltsamen Abfolge von Zahlen und Worten, welche die Schiffscrew nicht einmal ansatzweise verstand.

Feuer!“

Der Professor kicherte kurz ob seiner Worte, als ein einzelner breiter Hebel nach unten gezogen wurde, woraufhin das Innere der Waffe anfing zu glühen. Heiße Luft strömte aus den Lüftungsschlitzen und Flammen begannen aus der Mündung zu züngeln, während die Ätherum-Maschinerie im Inneren aufheulte. Dann zischte ein leuchtender Feuerball genau in Richtung des Principe-Schiffs und die Crew wartete gespannt auf dessen Aufschlag. Das Geschoss erinnerte in seiner Runden Form entfernt an eine Kanonenkugel, bewegte sich jedoch deutlich langsamer, weshalb eine genaue Berechnung des Feuerwinkels vonnöten war.

Der Feind versuchte dem Geschoss, dass gleich einer kleinen Sonne mit tanzenden Flammen auf seiner Oberfläche weiter auf ihn zuflog, auszuweichen und drehte hart zur Seite ab. Doch es war zu spät. Der Feuerball traf das Deck und zerbarst in einem Meer aus Flammen, das Schiff in ein höllisches Inferno verwandelnd. In Brand gesetzte Matrosen rannten schreiend umher und stürzten sich ins Meer. Die Flammen leckten über das Deck, steckten die Segel an und verteilten sich langsam auch unter Deck. Das Schiff kreiste einen Moment um sich selbst, bis das Feuer das Pulverlager erreicht hatte. In einem gewaltigen Knall zerbarst das Zentrum des Principe-Schiffs, die nähere Umgebung mit einem Regen aus Trümmern, Glut und Rauch bedeckend.

Zwei Feinde waren versenkt. Doch zwei näherten sich noch immer und waren nicht mehr weit entfernt. In einer direkte Konfrontation hätte die Thora Prima beide Gegner unter Beschuss nehmen können. Das Gegenfeuer der Principe hätte jedoch immense Schäden verursacht. Kapitän Gardefurt durfte sich nicht auf das Spiel der Piraten einlassen.

Sie betrachtete die in perfekter Formation fahrenden Schiffe. Diese beiden gehörten zusammen und würde sich durch einfache Änderungen des Kurses nicht aus der Fassung bringen lassen. Ein anderer Plan musste her. Sie betrachte die Flammenkanone, welche abkühlte, während Forscher emsig an ihren Hebeln herumwerkelten und Notizen machten. Dann wanderte ihr Blick zu dem Geschütz, dass nutzlos Richtung Steuerbord zeigte. Sie erinnerte sich an die verheerende Wirkung, die dieses Ding gleichermaßen auf den Feind wie auch auf das eigene Schiff hatte. Und dann kam ihr eine Idee.

Sie rief den Professor zu sich, der verschwitzt zu ihr hinüber stolperte. Man beriet sich kurz, blickte kurz zum Bug, nickte ein paar mal. Dann eilte Drillinger wieder zu seinen Leuten und gab die Befehle weiter. Indes gab Gardefurt neue Befehle an den Steuermann.

„Leicht Steuerbord!“

Wie zu erwarten war, reagierten die Principe sofort und passten ihren Kurs an die veränderten Bedingungen an. Sie würden die Thora Prima nicht entkommen lassen. Die Crew blickte stoisch dem unausweichlichen Nahkampf entgegen. Indes verteilten sich die Forscher auf die Steuerbord-Flammenkanone und das große Geschütz. Einige sprachen mit einem Teil der Crew und eilten unter Deck, wo die Batterie aus Ätherum-Werfern installiert war.

Diese Waffen waren trotz ihrer kanonenartigen Erscheinung in ihrer Wirkungsweise bemerkenswert primitiv. Es handelte sich tatsächlich nur um Schleudern, welche instabile Ätherumladungen auf den Feind warfen. Diese explodierten bei Kontakt und zerrissen den Gegner. Doch trotz ihrer Einfachheit besaßen auch diese Waffen einen modernisierten Anstrich in Form einen Automatik, die es ermöglichte, die Waffe mit wenigen Handgriffen zu laden, auszurichten und abzufeuern, so dass ein einzelner Mensch eines jener Geräte bedienen konnte. Wenngleich ihre theoretische Feuerkraft bemerkenswert war, war ihre Reichweite aufgrund der fehlenden Treibladung jedoch sehr beschränkt.

Die Principe waren nun sehr nah und in wenigen Augenblicken würde die Hölle auf der Thora Prima losbrechen. Da schrie der Kapitän:

Jetzt! Feuer!“

Da feuerten die Brennbacher das große Geschütz am Bug ab, dessen Projektil irgendwo abseits der Schlacht im Ozean verschwand. Der immense Rückstoß der Waffe tat jedoch sein Übriges und ließ das gesamte Schiff in die entgegengesetzte Richtung fliegen. Gleichzeitig wurde die Flammenkanonen abgefeuert, die nun statt eines Projektils einen breiten Flammenstrahl über die volle Breite des Schiffs spie. Die Crewmitglieder, welche nicht eingeweiht waren und sich an den Waffen festkrallten, flogen über Deck. Kapitän Gardefurt war vorbereitet, hatte jedoch dennoch große Schwierigkeiten, nicht den Halt zu verlieren. Man brauchte einen Moment, um sich wieder zu sammeln.

Die Flammen vor dem Schiff hatten sich derweil in eine große Rauchwolke aufgelöst, die den Blick auf den Feind verbarg. Dieser Sichtschutz funktionierte jedoch in beide Richtungen und so blieben die ahnungslosen Freibeuter weiter auf Kurs, während die Thora Prima sich in diesem brutalen Stoß quer zu ihnen gestellt hatte. Als der Rauch sich verzog, waren die beiden Feinde in Schussreichweite.

Sogleich begannen die Werfer-Batterien unter Deck den Gegner mit einem Hagel aus Ätherum-Ladungen zu bedecken. Die leuchten Kugeln rasten durch die Luft und explodierten bei Kontakt mit dem Bug des Feindes in einem wirren Spiel aus bunten Blitzen und Feuer. Jedes Geschoss riss große Stück aus dem Rumpf der Ziele und so dauerte es nur wenige Augenblicke, bis die Principe-Schiffe mit Wasser vollliefen und versanken.

Die Crew jubelte ob des großen Erfolgs. Matrosen sprangen einander in die Arme, die Forscher begannen hektisch Notizen zu machen und Priester Schmidt ließ euphorisch seinen Stab durch die Luft kreisen.

Kapitän Gardefurt zog ein Tuch aus einer Tasche und wischte sich den Schweiß ab. Ihre Irrsinnsidee hatte tatsächlich funktioniert. Und die neuen brennbacher Waffen hatten ihre Effizienz unter Beweise gestellt. Die Principe würde in Zukunft keine Chance mehr gegen die imperiale Marine haben.

Da gab es ein lautes Knarzen von unter Deck. Ein Matrose eilte nach draußen und rief, dass Wasser in das Schiff eindrang. Schnell machte man sich daran, Wasser zu schöpfen und die Schäden zu sichten.

Wenngleich die Principe nicht dazu kamen, die Thora Prima zu beschießen, so hatte der immense Rückstoß des Buggeschützes jedoch großen Druck auf den Schiffsrumpf ausgeübt, was einige Risse in diesem entstehen ließ. Die Schäden wurden durch die erfahrene Crew jedoch schnell repariert.

Hmm, daran müssen wir wohl noch arbeiten.“,

bemerkte Drillinger, während er die Matrosen beobachtete.

Chroniken des Umbruchs