Buch des Jägers

Vorwort

Ich grüße Sie, werter Leser!

Mein Name ist Nettesheim und der Umstand, dass Sie nun dieses Buch in Händen halten, ist ein Beweis dafür, dass die vielen Jahre unseres harten und oft auch undankbaren Kampfes für das Weiterbestehen der Menschheit nicht umsonst waren.

Dieses Buch ist gleichermaßen eine Erinnerung an die Taten derer, die ihre Leben der Verteidigung der Unwissenden widmeten, als auch eine Anleitung und Sammlung an Informationen, welche zukünftigen Generationen das Beschreiten des entbehrungsreichen Pfads eines Jägers erleichtern soll.

Da ich mir an dieser Stelle jedoch durchaus bewusst bin, dass Sie, werter Leser, entweder in Ermangelung größerer Erfahrungen mit dem vermeintlich Übernatürlichen überaus verwirrt sein mögen oder im Zuge Ihrer jüngsten Erfahrungen mit selbigem augenrollend meine Floskeln auf der Suche nach hilfreichen Informationen überlesen werden, will ich an dieser Stelle gar nicht weiter ausschweifen und werde zunächst mit einigen grundlegenden Dingen beginnen.

Zum Autor

Um dieses Werk und seine Inhalte besser einordnen zu können, will ich zunächst einige Worte zu meiner bescheidenen Person verlieren. Mein vollständiger Name lautet Albrecht Cornelius Nettesheim und die Worte sind gleichermaßen mein Beruf wie auch meine Berufung. Verdinge ich mich doch als Händler antiker Bücher wie auch als Verfasser von Werken, die hoffentlich einstmals ebenfalls den Status jener Klassiker erreichen werden, deren Verkauf mir den Lebensunterhalt ermöglicht. Nun werden Sie sich sicher fragen, wie die Worte eine Buchhändlers Ihnen auf Ihrer Suche nach dem Licht in einer so plötzlich finster gewordenen Welt helfen mögen. Doch lassen Sie sich nicht täuschen. Die erste Lektion, die ein jeder Jäger zu lernen hat, besteht darin, dass das wahre Wesen der Dinge gemeinhin nicht dem entspricht, was wir in unserem Alltag wahrnehmen. Und so verbirgt sich eben auch hinter der biederen Fassade des vermeintlichen Händlers etwas anderes.

Als mein Geist und Körper gleichermaßen noch vor Energie und unbändigem Tatendrang strotzten, habe ich mich den Geheimnissen des Kosmos gewidmet, welche in den finstersten und gefährlichsten Winkeln dieser (und anderer) Welten verborgen lagen. Ich reiste in unbekannte Länder, kämpfte mit abscheulichen Kreaturen und sah Dinge, die selbst ein Jäger niemals zu Gesicht bekommen sollte. Die Jahre dieses Lebens haben mich vieles gelehrt, doch letztlich forderten sie irgendwann ihren Tribut. Und so widmete ich mich in den späteren Jahren meines Lebens vorrangig der Suche nach Erkenntnis. Den Kampf an der Front zwischen der Menschheit und den Abscheulichkeiten, die unser aller Existenz bedrohen, habe ich an eine neue Generation vielversprechender junger Frauen und Männer weitergegeben. Über eben jene will ich an anderer Stelle sprechen. Waren es doch eben ihre Erfahrungen, welche in diesem Buch zusammengetragen wurden und aus denen Sie, werter Leser, nun Ihre Schlüsse und Lehren ziehen sollen.

Zunächst müssen wir jedoch einige grundlegende Dinge besprechend, die den Rahmen unserer Tätigkeit betreffen und ohne deren Kenntnis jede Form tiefer gehenden Verständnisses bezüglich der eigentlichen Jagd unmöglich ist.

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Der Schleier

Die erst Sache, die jeder von uns in seinem Leben lernen muss, besteht darin, dass die Dinge oft nicht so sind, wie sie scheinen. Das gilt gleichermaßen für die gemeinen Menschen wie auch für die Jäger – stärker noch jedoch für letztere, da sie sich nicht nur mit zusammenbrechenden Vorurteilen als vielmehr mit dem kompletten Auseinanderbrechen ihrer einst so vertrauten Alltagswelt konfrontiert sehen.

Jene Sicht auf die Welt, die uns von unseren Mitmenschen, den Medien und den Autoritäten tagtäglich referenziert wird, entspricht nicht dem wahren Wesen der Welt. Es handelt sich vielmehr um einen Schleier, der vor langer Zeit von findigen Marionettenspielern erschaffen wurde und nun brav von jenen weiter gestrickt wird, die sich über die Existenz desselben gar nicht im Klaren sind. Aber halt! Ich will eben jenen Schleier nicht diskreditieren, denn seine Existenz hat eine Berechtigung und ist vermutlich die eine Sache, die das Überleben unserer Spezies seit vielen Jahrhunderten abgesichert hat. Den Schleier für die breite Masse zu lüften, dass würde unser aller Ende bedeuten. Doch ich schweife ab. Kehren wir zurück zu den Grundlagen.

Erinnern Sie sich an all die Märchen, Legenden und Mythen, mit denen Sie in Ihrem Leben konfrontiert wurden; an die Sie in Kindheitstagen glaubten nur um dann im Erwachsenenalter wieder deren Nichtexistenz erlernen zu müssen? Vergessen Sie letzteres. Die meisten Geschichten sind tatsächlich wahr und die vermeintlich erwachsene und rationale Sicht auf die Welt, welche uns in unseren Leben aufgezwungen wird, ist nichts anderes als der Schleier, der über die von Natur aus begabteren Augen eines Kindes gelegt wird. Für die Allgemeinheit hat dieser Schleier seinen Sinn. Er ermöglicht den Menschen ein Leben abgekoppelt von einer grausamen und chaotischen Realität. Der alte Spruch, dass Ignoranz ein Segen sei, ist in diesem Kontext durchaus zutreffend.

Doch Sie, werter Leser, qualifizieren sich durch das Lesen eben dieses Buches als jemand, welcher außerhalb dieser Blase seliger Ignoranz existiert. Sie müssen lernen, das Konzept des Schleiers zu verstehen, ohne von diesem geblendet zu werden. Fürs Erste genügt jedoch die Einsicht, dass Feen, Gespenster, Magie und all dergleichen Dinge durchaus real sind, wenngleich nicht unbedingt immer genau jenen Eigenschaften entsprechen, welche die Überlieferungen ihnen zusprechen. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie sich nicht in das kuschelige Nest geistiger Umnachtung legen können und dass die Küken, welche darin ruhen, gemeinhin sehr erbost und verunsichert auf ihre Taten reagieren werden. Dennoch hält das Leben für Sie durchaus nicht nur Schmerz und Verantwortung bereit. Der Schleier macht die Welt greifbarer, einfacher und beherrschbarer. Doch er nimmt ihr auch sehr viel ihres natürlichen Glanzes. Jenseits des Schleiers liegen Dinge, die ihr jetziges Vorstellungsvermögen gänzlich übersteigen. Doch wenn Sie einmal mit den Feen tanzten, in den fantastischen Reichen der Träume umher wandelten und durch die Macht der Magie die Realität selbst beugten (und bei alledem überlebten), dann werden Sie gar nicht mehr das Bedürfnis haben, in den Schutz des Schleiers zurückkehren zu wollen. Ich spreche an dieser Stelle durchaus aus Erfahrung. Oder um es mit den Worten Vincent van Goghs zu sagen:

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“

Die grundlegenden Kategorien

Nachdem ich Sie zunächst mit fantasiereichen Bildern gelockt habe, muss ich an dieser Stelle leider eine theoretische Angelegenheit einschieben, welche zwar nicht unbedingt für einen angehenden Jäger sehr aufregend sein mag, für das grundlegende Verständnis des weiteren Werkes jedoch unumgänglich und aufgrund seiner erläuternden Natur durchaus auch lehrreich sein mag.

Wie Sie in obigem Segment lernten, besteht die Realität gewissermaßen aus dreierlei Segmenten. Der profanen Alltagswelt und der eigentlichen, fantastischen Realität dahinter. Beide werden durch den Schleier voneinander getrennt, so dass die eine Seite gewissermaßen nicht die andere beeinflussen kann. Nun unterteilen wir jedoch nicht die Realität in eben jene Segmente, denn technisch gesehen gibt es eben nur eine Realität. Die Frage ist lediglich, welchen Zugriff wir auf diese habe. Die Einteilung betrifft entsprechend die agierenden Entitäten und ihren Zugriff auf die Welt respektive ihre Herkunft.

Die größte Gruppe machen jene Menschen aus, denen Sie in Ihrem Alltag begegnen und denen nie ein Blick hinter den Schleier vergönnt wurde. Wir bezeichnen sie als Weltliche, da ihre beschränkte Sicht tatsächlich das ausmacht, was man als Perspektive der Menschheit auf die Welt definiert. Sie sind gleichermaßen Ihre Schutzbefohlenen wie auch Ihre Bürde. Im Zuge Ihrer Arbeit sollte es immer Ihr Anliegen sein, Weltliche vor den Gefahren von Jenseits des Schleiers zu beschützen. Dabei wird Ihre Arbeit neben den offensichtlichen Gefahren jedoch dadurch erschwert, dass sich die Weltlichen in ihrer eigenen Blase bewegen. Die Tatsache, dass sie blind für die Wahrheit sind, bedeutet nicht, dass sie für einen angehenden Jäger ungefährlich wären. Die Pistole in den Händen eines Ganoven mag profan sein – doch ist sie durchaus eine reale Gefahr; insbesondere, da es Ihnen mehr Ärger als Nutzen bringen kann, einen solchen Angreifer mit Mitteln von Jenseits des Schleiers unschädlich zu machen (dazu jedoch später mehr). Vereinfacht kann man an dieser Stelle nur sagen, dass Sie neben ihrer Tätigkeit als Jäger auch durchaus dazu fähig sein müssen, die Rolle eines Weltlichen zu spielen und sich innerhalb der juristischen und sozialen Systeme der profanen Welt zu bewegen.

Die nächste Kategorie betrifft Sie selbst. Sie bezeichnet jene, welche der weltlichen Ebene entstammen, die jedoch die Existenz des Schleiers erkannten und hinter dessen Illusion geblickt haben. Man nennt Sie gemeinhin Grenzgänger oder in einigen schöngeistigen Kreisen auch Schleiertänzer. Ihr Dasein zwischen den Welten ist gleichermaßen Ihre Bürde als auch Ihre große Macht. Zwar mögen Sie zu keiner Seite wirklich dazugehören und beide werden Ihnen oft genug Ärger bereiten, doch besitzen Sie Verständnis für die Mechanismen zwischen diesen und können im Zweifelsfall zwischen ihnen vermitteln. Der Begriff des Grenzgängers ist dabei weit gefasst und beinhaltet zwar durchaus die Jäger aber beschränkt sich nicht auf diese. In der Interaktion mit anderen Grenzgängern werden Sie sich vermutlich am wohlsten fühlen, da ein gleiches Schicksal durchaus zusammenzuschweißen weiß. Doch sollten Sie nicht zu vertrauensselig sein. Gibt es unter den Grenzgängern doch mehr als genug Individuen, welche ihre neu gewonnenen Einsichten ausschließlich für den persönlichen Gewinn nutzen. Auch ist bereits mehr als ein Mensch durch die schockierenden Einsichten eines fallenden Schleiers dem Wahnsinn verfallen.

Die nächste und vermutlich komplexeste Gruppe bei Ihrer Arbeit stellen die Überweltlichen dar. Früher bediente man sich eher des Begriffes der Übernatürlichen, doch wird dieser von vielen als zu anthropozentrisch interpretiert, da er den betreffenden Entitäten unterstellt, nicht natürlich zu sein. Die meisten ziehen die Abtrennung vom Weltlichen, d.h. der beschränkten menschlichen Perspektive vor und so einigte man sich auf den Terminus „überweltlich“. Bei Ihrer Arbeit mag Sie diese Unterscheidung zunächst verwirren. Doch wenn Sie genau auf die Zeichen achten, können Sie diese auch zu einem wichtigen Mittel der Recherche machen. Da der Begriff „überweltlich“ im profanen Sprachgebrauch nicht üblich ist, macht sich jeder, der ihn nutzt, direkt verdächtig. Genauso entpuppt sich ein vermeintlicher Geisterjäger, der von „übernatürlichen“ Dingen spricht, als Scharlatan. Unter den Grenzgängern wird hier sehr auf die Begriffe geachtet.

Nach diesem langen Exkurs werden Sie sich nun jedoch fragen, was die Überweltlichen nun eigentlich sind und ich muss Ihnen sagen, dass diese Kategorie schwer fassbar ist. Allgemein beinhaltet sie all jene Wesen, welche außerhalb der weltlichen Sphäre existieren – in vielen Fällen auch gar keinen Kontakt mit den Weltlichen haben oder wünschen – die aber durchaus noch Teil unserer Welt sind. Der Begriff Welt ist hierbei jedoch ebenfalls sehr weit gefasst und beinhaltet neben unserem physischen Planeten Erde auch diverse Taschendimensionen, welche in unserem dreidimensionalen Raum verborgen liegen. Generell zeichnen sich die Überweltlichen einerseits dadurch aus, sich den Gesetzmäßigkeiten unserer Welt unterwerfen zu müssen. Weiterhin ist den meisten von ihnen ein gehöriges Maß an Arroganz eigen. Interpretieren sie das „Über-“ in „Überweltlich“ doch durchaus wertend. So blicken die meisten, wenn auch nicht alle von ihnen, auf die zerbrechlichen, schwachen und kurzlebigen Menschen in ihrer kleinen Realitätsblase doch recht geringschätzig herab. Tatsächlich behaupten einige von ihnen, dass sie die Ignoranz der Weltlichen auf eine sinnliche Weise wahrnehmen können, wodurch deren Gegenwart für sie sehr unangenehm sei. Ob dies jedoch der Wahrheit entspricht oder nicht doch bloß eine Scheinbegründung für ihre Ressentiments darstellt, kann ich nicht sagen. Dieses eigentümliche Verhalten weist jedoch auf die grundlegende Eigenschaft der Überweltlichen hin. Sie besitzen einen irdischen Intellekt, d.h. ihr Denken ist zumindest im Ansatz menschlich oder tierisch (man mag jetzt argumentieren, beides sei deckungsgleich, doch darum soll es hier nicht gehen). Das mag für Sie, werter Leser, jetzt etwas seltsam anmuten, da Sie bislang ausschließlich mit Entitäten dieser Welt zu tun hatten. Bei den folgenden Gruppen ist diese Eigenschaft jedoch nicht mehr gegeben.

Zunächst will ich in diesem Zusammenhang auf die so genannten Fremdweltlichen eingehen. Innerhalb der Menschheitsgeschichte ist Xenophobie eine der großen Konstanten und die bloße Zuordnung der Eigenschaft als „Fremder“ kann in vielen Regionen und Zeiten zu Anfeindung und Verfolgung führen. Bedenkt man jedoch die beschränkte Perspektive der Weltlichen, welche sich mit ihrer Furcht vor dem vermeintlich Fremden eigentlich nur konstant in den eigenen Schwanz beißen, sieht das bei den Fremdweltlichen doch etwas anders aus. Hier ist eine gehörige Portion an Vorsicht durchaus angebracht.

Die Fremdweltlichen sind eine offene Kategorie, in die all jene Entitäten fallen, die durchaus einer Form von irgendwie gearteten Naturgesetzen unterliegen, jedoch nicht den uns vertrauten. Es ist schwer nachzuvollziehen, woher viele dieser Entitäten stammen. Doch in den meisten Fällen handelt es sich um fremdartige Paralleluniversen oder -dimensionen. Die Fremdweltlichen und ihre Heimatwelten stellen in der Grenzgängerforschung eine Büchse der Pandora dar. Viele Forscher wurden von der Versprechung gänzlich neuartiger Erkenntnisse gelockt und fanden dabei ein unrühmliches Ende. Die Gefahr, die von diesen Wesen ausgeht, kann man erst nachvollziehen, wenn man ihnen einmal gegenüber stand. Sie besitzen keinen menschenähnlichen Verstand und sie funktionieren auf Basis fremdartiger Regeln. So ist es überaus schwierig, mit ihnen zu kommunizieren, sie einzuschätzen oder sie zu bekämpfen. Sie wissen jedoch, dass die Fremdweltlichen eine Gefahr darstellen, da die deutlich empfindlicheren Überweltlichen ihre bloße Gegenwart als überaus beunruhigend empfinden. Sollten Sie tatsächlich auf Fremdweltliche treffen, dann sollten Sie diese, so schnell es geht, wieder dahin schicken, woher sie kamen. Bedenken Sie bei dem Versuch, dass die Fremdweltlichen trotz ihrer bizarren Natur durchaus Gesetzen folgen. Versuchen Sie diese Gesetze zu verstehen, so kurios sie Ihnen auch erscheinen mögen. Dann haben Sie vielleicht eine Chance.

Und nun muss ich noch die letzte und mit Abstand am schwersten zu fassende Kategorie ansprechen. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich es verantworten kann, so offen über jene Entitäten zu sprechen. Da Unwissenheit jedoch ein Luxus ist, an dem ein Jäger sich nicht laben darf, will ich einige Worte zu ihnen verlieren, wenngleich es über sie eigentlich nicht viel zu sagen gibt.

Bedenken Sie noch einmal die Fremdartigkeit und potentielle Gefahr, welche die Fremdweltlichen darstellen, obwohl diese noch Regeln folgen müssen. Leider gibt es durchaus auch Entitäten, welche sich gänzlich außerhalb der Sphäre von irgendwie gearteten Regeln bewegen. Möglicherweise folgen sie auch irgendwelchen Regeln, doch werden wir jene niemals verstehen. Die Entitäten dieser Kategorie bezeichnet man als Außerweltliche. Sie entstammen einem Ort jenseits des unendlichen Multiversums. Vermutlich wird Sie der bloße Versuch, einen solchen Ort zu visualisieren schon ziemlich aus der Balance bringen. Deshalb empfehle ich Ihnen, nicht über diese Wesen, ihre Herkunft und ihre Eigenschaften nachzudenken. Jeder Versuch wird letztlich nur Ihren Verstand belasten, ohne dass Sie hoffen können, zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen. Halten Sie es mit Kant: Nehmen Sie die Existenz der Kategorie dieser Wesen hin, ohne sie zu analysieren.

Der lange Pfad der Menschheit hat jedoch bereits mehrfach die Wege dieser Dinger gekreuzt und so ist es durchaus möglich, dass Sie sich einstmals in der bemitleidenswerten Position befinden werden, sich einem Außerweltlichen gegenüber zu sehen. Generell kann ich Ihnen hierfür nur zwei Ratschläge geben. Der erste liegt im Gebot des Unverständnisses. Versuchen Sie, wie bereits erwähnt, nicht, diese Wesen oder ihre Logik zu verstehen. Nehmen Sie Informationen, die Sie über sie sammeln als gegeben. Lernen Sie auswendig, ohne verstehen zu wollen.

Einige dieser Wesen bereiten sich scheinbar einen Spaß mit der menschlichen Neugier. Sie tragen Masken mit dem bloßen Zweck, uns dazu zu verleiten, hinter diese sehen zu wollen. Spielen Sie ihr Spiel mit. Akzeptieren Sie die Maske als Wahrheit. Versuchen Sie NICHT dahinter zu blicken. Der zweite Hinweis betrifft ein potentielles Schlupfloch, dass sich in der Interaktion mit diesen Wesen (zumindest aus theoretischer Perspektive ergibt). Da unsere Spezies noch existiert, scheinen diese Wesen kein dediziertes Interesse an unserer Auslöschung zu besitzen. Vermutlich nehmen sie uns kaum wahr. Sollte dennoch ein Außerweltlicher zu einer Gefahr für die Menschheit werden, dann vermutlich, weil ein sehr diesseitiger Wille dahintersteht. Versuchen Sie deshalb nicht die Außerweltlichen als solche zu verstehen. Decken Sie jene auf, die diese in unsere Sphären rufen wollen. Denn diese Individuen mögen skrupellos und extrem gefährlich sein – doch man kann sie verstehen und man kann sie bekämpfen.

Magische Traditionen

Nach diesem doch eher theoretischen Exkurs in einige grundlegende Kategorien wollen wir uns nun mit einem konkreten Handwerkszeug Ihrer zukünftigen Arbeit beschäftigen – der Magie. Ja, Magie ist real und allgegenwärtig. Vergessen Sie allerdings die Bilder von bärtigen Männern mit spitzen Hüten und Stöcken. Diese gehören doch eher in den Bereich der Fiktion oder der Rollenspiele und wir beschäftigen uns hier mit harten Fakten. Was Sie zunächst verstehen müssen, ist der Umstand, dass Magie durchaus keine exklusive Fähigkeit ist, wie eben erwähnte Dinge sie oft darstellen. Magie ist ein natürlicher Teil unserer Welt. Sie impliziert die bewusste Manipulation natürlicher Energie, um einen gewünschten Effekt hervorzurufen. Ein überaus verschrobener Mensch sagte einst: „Magie ist Physik durch wollen!“ Und auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass die betreffende Person keinen Zugang zur echten Magie hatte, so ist diese Beschreibung in der Tat recht zutreffend. Magie bedeutet die bewusste Manipulation ätherischer Energien durch den eigenen Willen zum Zwecke der Veränderung bestimmter physischer (oder ätherischer) Begebenheiten. Der Äther ist ein natürlicher Teil der Welt und alle Wesen dieser Welt haben potentiell Zugriff darauf. Das schließt auch die Weltlichen ein, die üblicherweise nicht für ihr magisches Talent bekannt sind. Der Knackpunkt der Magie besteht im bewussten Manipulieren der Energien. Dieser Prozess ist stark mit dem menschlichen Denken und Fühlen verbunden. Wer Magie nutzen will, muss erst einmal davon überzeugt sein, dass sie wirkt. Die Weltlichen verpassen sich durch den Schleier gewissermaßen einen Maulkorb, der ihnen Zugang zu diesem Mittel verwehrt. Allerdings genügt die bloße Überzeugung über ihre Wirkung auch wieder nicht, um sie anzuwenden. Auch bedarf Magie nicht zwingend eines Verständnisses ihrer Mechaniken. Sie kann auch auf intuitiver Eben wirken. Es geht weniger um den Glauben an den Zauber als vielmehr an den Glauben an den gewünschten Effekt.

Die Magie ist in unseren Kreisen ein breites Forschungsfeld, dass trotz seines langen Bestehens recht wenige konkrete Erkenntnisse zutage förderte. Lediglich einige generelle Tendenzen ließen sich im Zuge der Anwendung von Magie aufdecken. Es wird vermutet, dass die Befähigung zum Wirken sehr stark vom Weltbild eines Individuums abhängig ist. Wir Menschen beginnen unser Leben als Weltliche und müssen die Existenz der Magie in vielen Fällen erst wieder erlernen, gewissermaßen die Stolpersteine beseitigen. Die einfachste Art, dies zu bewerkstelligen, liegt im Umgehen der Hindernisse respektive im Bauen von Brücken über diese hinweg.

Der bekannteste Ansatz besteht in der intellektuellen Herangehensweise, d.h. in der klassischen Beobachtung von Ursache und Wirkung und der Anwendung von Formeln, Gesten, Worten und physischen Hilfsmitteln. Diese hermetische Magie lässt sich grundsätzlich einfach erlernen, wenngleich sie mit harter Arbeit verbunden ist. Muss man sie doch wirklich in einer schulischen Weise erlernen. Sie bietet sich vor allem für logisch-analytische Geister an, die gleichermaßen Freude am Experimentieren wie am Studieren haben.

Der zweite Ansatz betrifft Emotionen und wird häufig als Seelenmagie bezeichnet. Magie kann durch starke Gefühle ausgelöst werden, wobei hierbei die Prämisse der bewussten Kontrolle insofern gewahrt bleibt, dass der Anwender sich sehr gezielt in eben jenen emotionalen Zustand hineinsteigert, der für die Anwendung dieser Magie notwendig ist. Dieser Ansatz kann ausgesprochen mächtig sein, jedoch auch leicht außer Kontrolle geraten, da die Grenzen zwischen einem bewussten und unbewussten Gefühlsausbruch leicht verschwimmen können. Insgesamt gesehen eignet sich diese Form der Magie vor allem für impulsive Individuen, die lieber erst handeln, statt viel nachzudenken. Um sie zu erlernen, bedarf es eines geschickten Lehrers, der die Gefühle seines Schülers sehr direkt in die gewünschten Bahnen zu lenken versteht.

Der dritte Ansatz wird in der magischen Forschung gern übersehen, begegnet uns auf niedrigen Stufen aber tatsächlich sogar im Alltag. Aufgrund der Heterogenität der Anwendungspraxen hat man sich bis heute auf keinen passenden Begriff geeinigt – insgesamt gesehen kann man aber von künstlerischer Magie sprechen. Sie beinhaltet die Manipulation des Äthers durch visuelle und akustische Mittel. Tatsächlich sind viele weltliche Künstler fähig, sehr subtile Veränderungen des Äthers zu bewirken, ohne dies wirklich zu beabsichtigen. Diese genügen nicht, um einen sichtbaren Effekt hervorzurufen; doch zeigen diese Beispiele, wie mächtig die Kunst ist. Am verbreitetsten ist die Musik, da Schall einen recht direkten Effekt auf den Äther zu haben scheint. Auch der Tanz kann ein mächtiges Vehikel sein. Am subtilsten wirken die Malerei und Bildhauerei, die zwar am zeitaufwändigsten aber dafür am beständigsten sind. Dennoch gilt diese Form der Magie als exotisch und wird nur von wenigen Individuen genutzt, da sie gleichermaßen ein großes Verständnis ätherischer Effekte als auch weltlicher Kunstfertigkeit erfordert.

Ansatz Nummer Vier ist die so genannte intuitive Magie. Sie ist unter den Überweltlichen die mit Abstand verbreitetste Form, bei Menschen findet sie sich jedoch recht selten. Sie kann nicht wirklich erlernt werden, sondern man wird mit ihr geboren. In der Forschung herrscht jedoch Uneinigkeit, ob die Wirkung dieser Magie tatsächlich auf der Blutlinie und bestimmter in dieser anzutreffender Eigenschaften beruht oder ob es nicht einfach die Abwesenheit des Schleiers ist, die diese Magie ermöglicht. So argumentieren einige Forscher, dass der Mensch von Natur aus zur intuitiven Magie fähig ist und erst durch die geistige Blockade des Schleiers den Zugriff darauf verliert. Intuitive Magie zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine Hilfsmittel braucht. Reiner Wille erzeugt hier eine Wirkung, ohne dass ein tiefer gehendes Verständnis für die eigentliche dahinterliegende Mechanik nötig ist. Wenn Sie über diese Form der Magie verfügen, dann wissen Sie bereits Bescheid – sie war schon immer da und wird Sie Ihr Leben lang begleiten. Andernfalls werden Sie niemals Zugriff darauf haben. Stellenweise denken Menschen, dass sie durch einen Patron in den Besitz intuitiver Magie geraten sind, doch handelt es sich in diesem Fall um die nächste Gruppe.

Es geht hier, bei Nummer Fünf, um die okkulte Magie. Diese Gruppe ist sehr uneinheitlich und kann sich aller oben genannten Mittel bedienen. Sie definiert sich jedoch dadurch, dass der Magier die Magie nicht allein aus sich selbst heraus wirkt, sondern durch einen Patron Unterstützung erfährt. Üblicherweise handelt es sich bei diesem um ein überweltliches Wesen, mit dem ein Pakt geschlossen wird. Der Magier erhält Zugriff auf magische Fähigkeiten und der Patron fordert eine irgendwie geartete Bezahlung dafür. Oft ist das Eingehen jenes Pakts eine sehr formelle Angelegenheit; in seltenen Fällen wird ein solcher aber auch auf eine unbewusste Weise geschlossen. Auch sind Pakte mit fremdweltlichen oder gar außerweltlichen Entitäten denkbar, aufgrund deren Natur und der damit verbundenen Implikationen einer entsprechenden Bezahlung jedoch eine recht verstörende Vorstellung. Okkulte Magie ist die am einfachsten zu erlernende Form der Magie, jedoch auch eine der gefährlichsten. Ging in der Geschichte der Menschheit doch schon mancher Magier an dem horrenden Preis zugrunde, den er seinem Patron schuldig war. Manchmal erhält die Beziehung zwischen Magier und Patron auch verehrende Züge. Dann ist die Unterscheidung zur nächsten magischen Kategorie nicht mehr ganz einfach.

Die sechste Kategorie wird in der magischen Forschung allgemein nicht anerkannt und die damit verbundenen Wirkungen werden irgendwie den oben genannten Traditionen zugeordnet. Ich persönlich will sie hier jedoch erwähnen, wenn sie auch schwer zu fassen ist. Es handelt sich um die Magie des Glaubens. Üblicherweise ist diese in irgendeiner Weise mit religiösen Elementen verbunden, jedoch ist dies auf theoretischer Ebene nicht zwingend nötig. Die Magie des Glaubens ähnelt damit stark der intuitiven Magie. Die eigentliche Trennung basiert nun jedoch auf der Frage, woher der Magier seine Energie erhält. Der intuitive Magier wirkt den Zauber allein durch sich selbst. Beim Glaubensmagier kommt der Effekt von außen – aus Sicht des Magiers meist von göttlichen Wesen. Das eigentliche Problem besteht nun darin, dass die Existenz irgendwie gearteter Götter auch heute noch ein Mysterium darstellt. Die meisten Forscher lehnen die Existenz göttlicher Wesen ab, da diese sich nicht auf Basis wissenschaftlicher Methoden erfassen lassen. Es gibt auch den etwas exotischeren Ansatz, die religiöse Magie der okkulten gleichzusetzen, da der Gläubige und seine Götter durch einen Verhaltenskodex verbunden sind, den man als eine Art Opfergabe ansehen kann. Mir selbst soll es an dieser Stelle jedoch weniger um die Theorie gehen. In meinem langen Leben habe ich einige Dinge erleben dürfen, die man am ehesten noch als „Wunder“ bezeichnen kann. Und auch wenn ich selbst an keine Götter glaube, so weiß ich doch durchaus zu respektieren, wozu wahre Gläubige stellenweise imstande sind.

Die genannten Kategorien sind die häufigsten magischen Traditionen, jedoch nicht die einzigen. Die Magie ist grenzenlos wie die geistigen Welten der Menschheit. Die obigen Kategorien versuchen Gemeinsamkeiten bestimmter Traditionen aufzuzeigen und bieten einem Einsteiger erst einmal eine Hilfestellung. Dennoch kann ich Ihnen nur empfehlen, sich nicht zu sehr an diesen Begrifflichkeiten festzukrallen und neuen Eindrücken immer offenen Geists zu begegnen.

Magische Praxis

Nachdem wir uns dieser theoretischen Einleitung in die magischen Traditionen gewidmet haben, kommen wir nun zu dem Punkt, auf den Sie vermutlich gespannt gewartet haben: Der Frage, was man mit Magie eigentlich bewirken kann. Diese Frage lässt sich recht einfach beantworten mit „alles und nichts“. Die Grenzen des magisch Möglichen ergeben sich aus einer magischen Tradition und dem geistigen Vermögen ihres Anwenders. Grundsätzlich ist alles erst einmal eine Möglichkeit. Wenn Ihnen der Sinn danach steht, die Nachbarschaft mit einem Feuerball in Brand zu stecken (ich rate an dieser Stelle dringend davon ab), dann ist das grundsätzlich auch möglich. Tatsächlich verbinden die meisten Menschen mit dem Begriff der Magie auch genau jene spektakulären Effekte, wie sie sich in solch elementaren Zaubern entfesseln. Viele Magier bedienen sich der Magie jedoch, um deutlich subtilere Effekte hervorzurufen, die zwar weniger theatralisch dabei aber ebenfalls nicht alltäglich sind. Einige nutzen Magie, um eine Verbindung mit anderen Seelen einzugehen. Einige steigern ihre körperlichen Fertigkeiten auf ein deutlich übermenschliches Niveau. Einige erweitern ihre Sinne, bedienen sich der Präkognition oder bewegen Objekte. Ja manche Magier vollbringen sogar die Verschmelzung von Magie und Technik. Die Möglichkeiten sind endlos. Doch jeder Magier muss den einen individuellen Weg für sich entdecken, denn Magie ist trotz aller Schulen und Traditionen kein Lehrstück – sie ist so einzigartig wie ihr Anwender.

Einige Konstanten sind jedoch mit der Magie verbunden. So hinterlässt ihr Anwendung in jedem Fall Spuren, welche von anderen Magieanwendern und entsprechend empfindsamen Wesen wahrgenommen werden können. Selbst wenn Sie sich stark darum bemühen, die sichtbaren Effekte Ihrer Zauber zu minimieren, können die Spuren dennoch nachverfolgt werden. Viele Magier verfügen über eine erweiterte Wahrnehmung der Welt und sie sind dazu fähig, Dinge zu erkennen, die vor dem weltlichen Auge verborgen bleiben. Das ist gleichermaßen ein Vorteil wie auch ein Nachteil. Viele überweltliche Wesen lassen sich durch Magier leichter aufspüren, doch beruht diese Wahrnehmung auf Gegenseitigkeit. Da es nicht sehr klug ist, die Höhle des Löwen strahlend wie ein ätherischer Weihnachtsbaum zu betreten, erlernen viele Magieanwender Techniken, um ihren ätherischen Fußabdruck zu unterdrücken oder zu verschleiern. Es ist allerdings durchaus schwierig, gleichzeitig Energie in einen Zauber zu bündeln und die Spuren zu verwischen. Darum sind zumeist nur sehr gut ausgebildete oder erfahrene Individuen dazu fähig, sich auf der ätherischen Ebene zu tarnen. Und sollten Sie, werter Leser, gar kein Anwender von Magie sein und diesen Teil des Buches aus reinem Interesse lesen, kann ich Ihnen zumindest sagen, dass Sie gegenüber Ihren blitzwerfenden Kollegen den Vorteil genießen, für die Überweltlichen deutlich schwerer wahrnehmbar zu sein. Tatsächlich ist Magie in vielerlei Hinsicht nicht nur ein mächtiges Werkzeug, sondern immer auch eine Bürde respektive eine Gefahr. Der Magier öffnet sich dem wahren Wesen der Welt und wird dadurch gleichermaßen leichter aufspürbar und auch angreifbar. Ignoranz kann gegen viele der subtileren magischen Effekte durchaus ein Bollwerk darstellen. Gleichzeitig läuft man bei Anwendung weniger subtiler Zauber auch stets Gefahr, der breiten Masse einen kleinen Einblick in das wahre Wesen der Welt zu offenbaren und damit den Schleier zu zerreißen. Und genau das führt uns zum nächsten Punkt, der für Ihr zukünftiges Überleben essentiell werden wird.

Die Wächter

Wie bereits eingangs erwähnt, wird die Menschheit durch den Schleier gegenüber dem wahren Wesen der Welt blind gehalten. Ihre Aufgabe als Jäger besteht darin, die Weltlichen zu beschützen, ohne dabei den Schleier zu zerreißen. Denn ein solches Vorgehen bedeutet gleichermaßen für Sie wie auch für Ihre Schützlinge eine große Gefahr. Letztere sehen sich mit Dingen konfrontiert, die ihrer bisher so vertrauten Weltsicht widersprechen. Da kann es schnell passieren, dass sie den Verstand verlieren und sich selbst oder anderen etwas Dummes antun. Und selbst wenn sie den Kontakt mit dem Überweltlichen gut überstehen, so kann eine gesteigerte Neugier auch sehr schnell der sprichwörtlichen Katze Tod sein. Versuchen Sie, wann immer dies möglich ist, die Ignoranz der Masse aufrecht zu erhalten. In Einzelfällen wird es sich aber nicht vermeiden lassen, Weltliche zumindest teilweise in das Wesen des Überweltlichen einzuweihen. Gehen Sie hierbei behutsam vor und achten Sie darauf, dass Ihr neuer Schützling nicht auf die unkluge Idee kommt, in der Öffentlichkeit darüber sprechen zu wollen. Denn wenn der Schleier zu zerreißen droht, dann erscheinen die Wächter, die schnell und effizient dafür sorgen, dass eventuelle Unruhestifter sehr schnell vom Angesicht der Erde verschwinden.

Ich nenne sie „die Wächter“ aber tatsächlich kenne ich ihren wahren Namen nicht. Im Laufe der Jahre konnte ich eine Handvoll an Informationen über diese schweigsame Gruppierung zusammentragen, mit der Sie früher oder später einmal aufeinandertreffen werden. Da diese aber nur wenige grundlegende Dinge betreffen und genauere Auskunft mich als Autor selbst auf die Abschussliste dieser Gesellschaft setzen würde, verrate ich Ihnen an dieser Stelle vor allem die Grundlagen.

Erstens: Sie bewachen den Schleier. Wenn Gefahr droht, dass die Allgemeinheit etwas über die Wahrheit erfährt, sorgen sie dafür, dass Quellen verschwinden und Zeugen beseitigt oder zumindest diskreditiert werden. Das betrifft gleichermaßen Weltliche, wie Grenzgänger und Überweltliche.

Zweitens: Sie sind keine Polizei. Solange der Schleier in seiner Gesamtheit nicht bedroht wird, handeln sie nicht. Kollateralschäden werden hingenommen, solange Informationen sich nicht verbreiten.

Drittens: Sie schätzen Diskretion. Die Wächter stören sich nicht an der Existenz von Grenzgängern. Sie stellen ja gewissermaßen selbst welche dar. Wenn einzelne hinter den Schleier blicken, dann ist das kein Problem, solange diese sich nicht zu einer Gefahr für den Schleier entwickeln.

Viertens: Man kann mit ihnen kooperieren. Nicht selten heuern die Wächter externe Jäger an, um unliebsame Überweltliche verschwinden zu lassen. Allerdings sind sie von diesen nicht abhängig. Ich habe bereits Kommandoeinheiten der Wächter erleben dürfen, die mit bemerkenswerter Effizienz gegen mögliche Gefahren vorgegangen sind. Vermutlich sind die Ressourcen der Grund, warum sie sich nicht um jeden Fall persönlich kümmern.

Fünftens: Sie sind skrupellos. Zur Bewahrung des Schleiers werden sie jedes Mittel anwenden, unabhängig von Name, Rang oder Alter eines möglichen Unruhestifters. Sollten Sie durch Ihr Handeln selbst den Schleier bedroht haben, dann versuchen Sie gar nicht erst mit Ihnen zu verhandeln. Sorgen Sie dafür, dass Sie selbst die Spuren wieder verschwinden lassen. Dann werden sie sich zu gegebener Zeit zurückziehen.

Wenn Sie oben genannte Punkte beachten, sollten Sie bei Ihrer Arbeit keine Probleme mit jenen eigentümlichen Wächtern bekommen. Die meisten Grenzgänger geraten jedoch häufig mit dieser Geheimgesellschaft aneinander, weil sie deren wirkliches Ziel nicht verstehen. Tatsächlich ist auch mir das ultimative Ziel dieser Gruppierung nicht bekannt. Jedoch habe ich gelernt, dass ihre Regeln gleichermaßen für Menschen wie auch für Überweltliche gelten. Solange letztere sich diskret verhalten und keine große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können sie brav weiter Jagd auf unseresgleichen machen. Das geht sogar so weit, dass sich in einzelnen Überweltlichen Subkulturen eigene Regelsysteme entwickelt haben, welche letztlich dazu dienen, die Aufmerksamkeit der Wächter zu vermeiden. Aus diesem seltsamen System der Maskerade hat sich im Laufe der Zeit eine Art eigene gesellschaftliche Ebene entwickelt, über die ich im Folgenden sprechen möchte.

Die Zwischenwelt

So wie es innerhalb der auf juristischen Systemen aufgebauten menschlichen Gesellschaft immer auch eine Unterwelt gibt, deren Mitglieder zwar das übergeordnete System ablehnen, jedoch untereinander nach einem Kodex leben, gibt es auch eine eigene Gesellschaftsschicht aus Grenzgängern und den zivilisierteren Überweltlichen, welche man in unseren Breiten gemeinhin als „Zwischenwelt“ bezeichnet. Hier bewegen sich jene, die aus dem einen oder anderen Grund Kontakt zu den Weltlichen wünschen, sei es aus Vergnügen oder aus deutlich archaischeren Antrieben, die jedoch nicht direkt unter diesen leben. In der Zwischenwelt wird Diskretion groß geschrieben, da jede Form auffälligen Verhaltens die Wächter auf den Plan ruft. Tatsächlich kann man sagen, dass die Zwischenwelt ein recht inkohärentes soziales Netz aus Verbündeten der Wächter darstellt. Ihre Mitglieder bemühen sich, den Schleier aufrecht zu erhalten, dafür erhalten sie das Privileg, ihren eigenen, oftmals moralisch ambivalenten Pfaden zu folgen.

Tatsächlich geht diese inoffizielle Verbindung so weit, dass sich innerhalb der Zwischenwelt eine eigene Währung verbreitet hat, die man üblicherweise als PAX bezeichnet. Meinen Nachforschungen zufolge dienten diese Münzen ursprünglich als eine Art Geste der Dankbarkeit, seitens der Wächter, für eine vergangene Kooperation. Modern gesprochen waren es gewissermaßen Kredite respektive Gefallen, die der Besitzer gegenüber den Wächtern einfordern konnte. Im Laufe der Geschichte kamen zusehends mehr PAX-Münzen in Umlauf, so dass diese heute als eine Art eigener Währung gehandelt werden.

Wenn Sie mit Mitgliedern der Zwischenwelt interagieren, werden diese für ihre Dienst üblicherweise PAX-Münzen verlangen, da weltliche Währung hier keine wirkliche Bedeutung hat. Dies hat vor allem mit deren ursprünglicher Bedeutung als Gefallen der Wächter zu tun. Diese wiederum sind sich der neuen Funktion ihrer Münzen durchaus bewusst, unternehmen jedoch nichts gegen deren offenen Handel. Hierbei ist nicht klar, ob ihre Passivität daher rührt, dass ihnen dieser Zwischenweltmarkt in die Hände spielt oder ob sie gar nicht dazu imstande wären, dies zu unterbinden. Ich tippe auf eine Vermischung aus beidem. Was für Sie als Wächter von Bedeutung ist: PAX bedeuten potentiellen Einfluss in der Zwischenwelt und auch Einfluss gegenüber den Wächtern.

Auch dient diese Währung einer harten Trennung gegenüber weltlichen Belangen. PAX haben nichts in den weltlichen Sphären verloren und ein Tausch der einen in die andere Währung wird nicht toleriert. Und machen Sie sich gar nicht erst die Mühe, die Münzen fälschen zu wollen. Ich erinnere mich an einen Fälscher, der 34 der physischen und ätherischen Marker kopieren konnte. Und dennoch wurde er schnell geschnappt und natürlich nie wieder gesehen. Ein Versuch PAX zu fälschen wird als direkter Angriff auf die Wächter verstanden und endet in jedem Fall tödlich.

Neben diesen wirtschaftlichen Belangen der Zwischenwelt kann ich Ihnen vor allem einen Rat mit auf den Weg geben: Wenngleich Sie vermutlich häufiger mit diesem eigentümlichen Klientel verkehren werden, bedenken Sie stets, wen Sie da vor sich haben. Man arbeitet aus Eigennutz mit Ihnen zusammen, nicht aus Freundlichkeit. Viele Mitglieder der Zwischenwelt würden Sie vermutlich bei erster Gelegenheit zerreißen, wenn sie damit ungeschoren davon kämen. Neben den PAX sind hier vor allem Gefallen von Bedeutung. Wenn Sie es schaffen, ein Netzwerk von Individuen aufzubauen, die Ihnen etwas schuldig sind, dann leben Sie hier deutlich länger. Dabei müssen Sie allerdings stets das Wesen Ihres Gegenübers bedenken. Die meisten überweltlichen Bewohner der Zwischenwelt lassen sich sehr stark durch Verträge, Handel oder über ihr Ehrgefühl binden. Das gilt jedoch nicht für alle. Gerade Grenzgänger sind in dieser Hinsicht schwer einzuschätzen. Eine gehöriges Maß an Menschenkenntnis ist für Ihre Arbeit eben auch unumgänglich.

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Mit diesen Ausführungen will ich das Einleitungssegment dieses Buches beenden. Beherzigen Sie die Dinge, die ich Ihnen hier erläutert habe, doch krallen Sie sich nicht daran fest. Die wichtigsten Eigenschaften eines Jägers neben seinem „handwerklichen“ Geschick sind ein offener Geist und eine schnelle Auffassungsgabe.

In den folgenden Segmenten des Buches soll es nun um konkrete Erfahrungen gehen. Dabei möchte ich zunächst eben jene neue Generation von Jägern vorstellen, welche mir so eifrig ihre Erlebnisse an der Front schilderte. Dem folgt ein Abriss ihrer Abenteuer, aus denen Sie vielleicht einige praktische Lehren ziehen können. Das Endsegment bietet eine Sammlung von Sachinformationen zu Kreaturen, Magie oder ungewöhnlichen Artefakten.

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