Nekromantik

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Frustration machte sich breit und Cal Braddock steckte sich eine weitere Zigarette an. Eine verirrter Falter zog seine Kreise im Licht der Schreibtischlampe, die nur notdürftig den chaotischen Wust aus Fotos erhellte, über dem der Ermittler brütete. Er nahm einen tiefen Zug, fingerte angespannt an der halb zerknitterten Zigarettenschachtel herum.

Eigentlich war die Sache ganz einfach: zehn Fotos, zehn vermisste Frauen und – das war ihm völlig bewusst – zehn Opfer. Zehn Opfer und eine Verdächtige schwirrten in seinem Kopf herum, gleich mentalen Fliegen, die das Hirn kitzelten. Zehn Fotos, zehn Opfer, zehnmal hatte er versagt. Doch nun hatte er eine Spur, einen entscheidenden Hinweis, eine Verdächtige. Ein elftes Mal durfte es nicht geben.

Sein Ziel hieß Viktoria Franke-Stein. Die Recherche ergab, dass sie die Tochter neureicher Eltern war – Vater Arzt, Mutter Physikerin, 20 Jahre alt, Studentin an der von-Liebwitz-Universität. Zu viel Zeit, zu viel Geld, zu viele Möglichkeiten – das war oftmals eine fatale Mischung. Besonders wenn man durch unglückliche Fügung hinter den Schleier geblickt hatte.

Sie hatte eine Verbindung zu allen Opfern. Sie war verdächtig. Doch zunächst ergab sich die älteste aller Fragen: Warum? Warum jemanden verschwinden lassen? Aus purer Langeweile? Mit ihrem Vermögen hätte sie einfacher Zerstreuung finden können. Und warum gab es keine offensichtlichen Spuren der Opfer?

Einige Zeit dachte Braddock, er sei paranoid, würde Verbindungen sehen, wo keine waren. In dieser Stadt geschahen so viele seltsame Dinge. Vielleicht hatten ja doch alle Opfer nur Pech. Doch dann prüfte er ihre Studienfächer, einen seltsamen Wust aus Geschichte, Geisteswissenschaften und obskuren Physikbereichen. Bingo! Er kannte die Zeichen, die Verschleierung. Er wusste was an der Universität vor sich ging: Okkulte Studien in versteckten Räumen, das Zerreißen des Schleiers für einige wenige, große Macht für kleine Geister. Offen konnte man derlei Dinge nicht kommunizieren. Die Wächter hätten die Universität längst dem Erdboden gleichgemacht. Darum verschleierte man, nutzte Codes. Doch er kannte sie.

In jungen Jahren hatte er selbst hier studiert. Seine Eltern waren aus den USA nach Deutschland gekommen, damit ihr „begabter“ Sohn an der renommierten Abraham-von-Liebwitz-Universität studieren konnte. „Begabt“ war so ein Wort, dass er nicht mehr ohne Zynismus aussprechen konnte. „Verflucht“ hätte es oft besser getroffen. Aber man konnte sich sein Schicksal nicht aussuchen. Die einen lebten ein normales ruhiges Leben als Weltliche… und die anderen erhielten ihren Eintritt in die Zwischenwelt in jenem Moment, da sie an ihrem sechsten Geburtstag das Feuer der Kerzen auf der Torte durch die Wohnung fliegen lassen und die ganze Küche in Brand stecken.

Heute konnte er über diese Episode lachen, da niemand verletzt wurde. Als seine christlichen Eltern jedoch Zeuge dieser „teuflischen Kräfte“ wurden, war das weniger lustig. Es folgte ein langer Kampf zwischen religiösen Überzeugungen und der Liebe zu ihrem Kind. Glücklicherweise siegte am Ende die Familie. Viele seltsame Begriffe geisterten damals durch die Wohnung. „Intuitiver Magier“ hieß es. Er verstand den Sinn noch nicht, doch er lernte schnell, dass dies den Abschied aus der Heimat bedeutete. Er erinnerte sich noch an den Tag der Abreise, an die Ankunft in Deutschland… genug der Nostalgie. Er musste sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

Braddock drückte die heruntergebrannte Zigarette in den Aschenbecher und fummelte sogleich den nächsten Glimmstängel aus der lädierten Packung. Ja, die Magie hatte sein Leben bestimmt. Sie war eine große Gefahr, besonders in unbedarften Händen, doch – wo war nur das verdammte Feuerzeug? Mit der Kippe im Mund durchwühlte er die Fotos, klopfte seine Hosentaschen ab. Mit einem schnellen Griff öffnete er das oberste Schubfach des Schreibtischs, doch hier ruhte nur die treue alte Desert Eagle, frisch geölt und bereit einige Bastarden den Tag zu versauen.

Braddock seufzte, ließ den Blick nach links und rechts fahren. „Was soll’s?“, dachte er sich. Er war ja eh allein. Mit einer beiläufigen Geste hob er die Hand gen Zigarette und streckte den Daumen aus, woraufhin eine kleine blaue Flamme aus der Spitze schoss und sanft in seinem Atem hin und

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her wogte. Magie war gefährlich, aber manchmal – er steckte sich die Zigarette an – eben auch ziemlich praktisch. Er nahm einen tiefen Zug, ließ die Flamme im sich ausbreitenden Rauch verspielt über seine Finger tanzen. Dann ließ er sie erlöschen, konzentrierte sich wieder. Magie war besonders dann gefährlich, wenn man sie den falschen Leuten beibrachte – schwachen, selbstsüchtigen Geistern. Eigentlich stand die Universität in der Pflicht, genau zu prüfen, wen sie da ausbildeten. Doch wenn genug Kohle im Spiel war, nahm man es nicht so genau bei der Auswahl. Braddock rutschte angespannt auf dem quietschenden Bürostuhl umher. Genau wegen dieser Scheinheiligkeit hatte er die Universität verlassen. Die Weißkittel waren darüber sehr betrübt.

„Buhu, intuitive Magie ist bei Menschen so selten! Sie dürfen nicht gehen! Wir haben noch so viele Fragen!“ Manchmal fühlte er sich mehr wie eine Labormaus als wie ein Student – ein weiterer Grund um zu gehen. „Danke für die Grundausbildung! Bin dann mal weg! Tschüssikowskie!“

Er aschte die Zigarette ab und griff nach seinem Glas mit dem nun lauwarmen Krümeltee. Ein Schluck dieses wunderbar süßen Gesöffs würde ihn wieder ein wenig erfrischen. Irgendwas musste man ja trinken. Wasser war zu geschmacklos, Kaffee zu bitter und für Tee war es zu warm. Der Alkohol war wiederum eine sehr kurze Episode in seinem Leben, die mit der Erkenntnis endete, dass betrunken sein und intuitive Magie eine ganz schlechte Mischung waren. Das Getränk glitt über seine Zunge, süß und künstlich – so mochte er es am liebsten.

Eigentlich musste man sagen: Magier sind gefährlich. Magie war nur ein Werkzeug. Dennoch gab man einem Kleinkind keine Kreissäge, nur weil diese nicht böse ist. Leider gab es auf der Welt zu viele dieser Kreissägenkinder, welche den Umgang leider so gut gelernt hatten, dass sie anderen Leuten ins Bein sägten. In dieser Stadt sorgte zumindest er dafür, dass im okkulten Garten regelmäßig das Unkraut gejätet wurde.

Bei seinem Kampf waren ihm seine eigenen magischen Kräfte durchaus nützlich, doch die beste Waffe gegen einen durchgeknallten Hexer war immer noch eine Kugel zwischen die Augen – bevorzugt großkalibrig, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Braddock griff nach der Pistole, legte sie neben die Fotos auf den Tisch. Bald würde sie wieder zum Einsatz kommen. Er schob die Fotos der verschwundenen Frauen zur Seite und zerrte zwei neue aus einer Ledermappe.

Seine Ermittlungen hatten ergeben, dass Viktoria ihr Auge auf eine Kommilitonin geworfen hatte, eine Jezebel Crane – 20 Jahre alt, studierte Philosophie und Geschichte, lebte mit Eltern und einer jüngeren Schwester in der Altstadt. Viktoria wollte ihre neue Freundin mit zum Club Nachtmahr in Tuganfurt nehmen, dem angesagtesten Club der Stadt… den keiner je von innen gesehen hatte. Dieser Plan allein war für Braddock eine starke Bestätigung seines Verdachts. Der Nachtmahr war ein Club der Überweltlichen und Grenzgänger. Kein normaler Menschen würde dort einfach hingehen – geschweige denn fähig sein, ihn je zu erreichen.

Er suchte nach seinem Portemonnaie, blickte in die traurigen Überreste seine Budgets. Er musste einigen Leuten ein Date mit seiner guten Freundin Euro verschaffen, um an die relevanten Informationen zu gelangen. Aber es hatte sich gelohnt; die Spur war heiß. Er würde den beiden am Nachtmahr auflauern und schauen, wohin Viktoria ihr potentielles Opfer danach führte.

Zu Beginn der Ermittlungen hatte Braddock lange darüber gegrübelt, warum es keinerlei Spuren der verschwundenen Frauen gab. Die Polizei mochte ja wenig motiviert sein, doch so inkompetent war sie dann doch nicht. Das Ganze ließ nur zwei Schlüsse zu. Entweder der oder die Tatorte lagen weit außerhalb der Stadt… oder sie befanden sich an einem Ort, den die Polizei nicht betreten konnte.

Er hatte sich schon mehrfach amüsiert, als ein Streifenwagen mit Blaulicht von der Altstadt in den Süden preschte, nur um an der Grenze zu Tuganfurt plötzlich die Sirene abzuschalten und umzudrehen. An dem Tag, an dem der Schutzzauber zusammenbrach, würde in Anbetracht der Entdeckungen dort sicher Chaos ausbrechen. Doch noch war dieser Tag nicht gekommen.

Wenn Viktoria Franke-Stein wirklich war, was er vermutete, dann wäre Tuganfurt der ideale Ort für ein Versteck – kurze Wege, Sicherheit und keine Fragen seitens der Nachbarn. Er drückte die Zigarette in den Aschenbecher und leerte sein Glas. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er sich auf den Weg machen musste. Showtime!

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Die Nacht war warm und der Himmel klar – ideales Wetter um um die Häuser zu ziehen… oder einen Mord zu begehen? Einige Meter vom Eingang des Clubs legte sich Braddock in einem dunklen Hauseingang auf die Lauer. Innerhalb der Feiernden, die emsig auf den Club zuströmten fiel er nicht sonderlich auf. Hier war er nur eine weitere verlorene Seele auf der Suche nach ein wenig Zerstreuung. Aus dem Inneren des alten Gebäudes hörte man bereits den Bass hämmern, an den überfüllten Toren gaben sich die Türsteher die größte Mühe, Störenfriede auszusortieren. Er hoffte, dass seine Ziele den direkten Weg aus der Altstadt nahmen. Ansonsten würde es schwer werden, sie in der Menge zu erkennen.

Genervt zog er die lädierte Zigarettenschachtel aus der Jackentasche, schüttelte sie fragend. Er hatte vergessen, eine neue Packung zu kaufen. Zumindest eine Kippe war noch da. Zufrieden klemmte er sich den Glimmstängel zwischen die Lippen und entzündete sie – diesmal jedoch mit dem Sturmfeuerzeug, das er in seiner Küche wiedergefunden hatte. Ein leichtes Glühen erhellte den Eingang, dann stieg eine Rauchschwade in den Nachthimmel auf. Noch keine Spur der beiden.

„Hey, hast du auch eine für mich?“ Die sanfte Frauenstimme, die aus dem Dunkel zu ihm sprach, erschrak ihn, doch er gab sich größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Es war eine Sache, sich in Tuganfurt überraschen zu lassen und eine andere, das auch offen zu zeigen. Immer cool bleiben, zeigen, dass man die Kontrolle hatte.

„Ist meine letzte.“ Ihm war klar, dass es hier nicht um Zigaretten ging. In Tuganfurt geht es nie um das Offensichtliche. „Sorry.“

„Ach ist auch nicht so wichtig. Bist mir gleich aufgefallen. So ein schöner Mann so ganz allein heute Nacht…“

Aus der Finsternis schälte sich die Silhouette einer ausgesprochen attraktiven, rothaarigen Frau. Wenn nicht klar gewesen wäre, dass hier etwas nicht stimmte, er hätte durchaus Interesse gehabt. Schöner Mann, aufgefallen… hier im dunkelsten Eingang den man finden konnte – alles klar. Da ihm nicht daran gelegen war, zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, spielte er cool, rauchte weiter, hielt Ausschau.

Die Fremde strich ihm sanft über die Wange, schmiegte sich an ihn und gurrte ihn an: „Hey, wollen wir nicht woanders hingehen? Hier ist es so laut. Würde dich gern näher kennenlernen.“

Braddock nahm einen letzten Zug und schnippste den Stummel in ein Abwassergitter. Ohne sich umzuwenden antwortete er: „Weißt du, ich bin altmodisch. Ich muss immer erst ein bisschen Händchen halten, bevor ich mit einer Frau mitgehen kann.“

Die Fremde verdrehte ihre funkelnden Augen, kuschelte sich eng an ihn und griff seine Hand.

„Na gut, wenn du drauf stehst…“

Er spürte ihre Haut, seidig weich. Ein Kribbeln stieg seinen Arm empor. Doch da war noch etwas, was die meisten Menschen nicht bemerkt hätten, geblendet vom Gefühl ihrer Samtigkeit – die Hand war kalt.

„War ja klar…“, murmelte er und packte ihre Hand nun deutlich entschlossener. Ein Moment verging, dann wich die Langeweile der Fremden einer deutlichen Angespanntheit und letztlich Panik. Der Geruch verbrannten Fleisches breitete sich aus, als sie sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Griff löste und keuchend ihre schmerzende Hand betrachtete. Im Zwielicht konnte er ihr von Schmerz und Wut verzerrtes Gesicht erkennen, nun nicht mehr so sanft und schön. Rote Augen glühten in der Finsternis.

Sie fauchte: „Das wirst du büßen, Blutbeutel!“, woraufhin sie ihre Hand haltend erbost aus dem dunklen Eingang auf den Fußweg schoss. Dabei rannte sie fast in einen gut gekleideten Mann, der gerade des Weges kam. Dieser wandte sich mit einem interessierten Blick der rothaarigen Dame zu und wandte sich kurz um, um ihr nachzuschauen. Dann wandte er sich um, richtete mit einer erhobenen Augenbraue seine gelben Augen auf Braddock und marschierte dann weiter Richtung Club.

Das ging noch mal glimpflich aus, hätte auch leicht eskalieren können. Noch einmal ließ er den

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Blick über die Passanten streifen. Er stand bereits kurz davor, den Club zu betreten, aus Angst sie verpasst zu haben, da erblickte er zwei Frauen – eine blond, eine schwarzhaarig – die vertraut, Arm in Arm auf den Club zugingen – Viktoria und Jezebel! Er machte einen Schritt zurück in die Dunkelheit und wartete. Als sie gänzlich ahnungslos sein Versteck passiert hatten, schlüpfte er aus dem Eingang und mischte sich unter die Passanten, den beiden unauffällig folgend.

Das war geschafft. Jetzt folgte das nächste Hindernis: die Türsteher. Braddock war im Nachtmahr nicht sehr beliebt, hatte dafür gesorgt, dass einige Stammgäste nicht mehr zum Feiern erschienen. Glücklicherweise war er optisch eher von der unauffälligen Sorte. Sofern nicht gerade Steckbriefe aufgehangen wurden, sollte alles gutgehen.

Stockend schritt die Schlange voran, ab und an einzelne Segmente verlierend, die abgewiesen wurden. Dann der Moment der Wahrheit – Braddock war an der Reihe. Der dunkelhäutige Hüne von einem Türsteher richtete seinen Blick auf ihn, hob eine Augenbraue über die breite Sonnenbrille, beugte sich zu ihm herunter, so dass sein weißer Anzug unter den Muskeln fast zu bersten schien. Die Leute wurden durch die Verzögerung unruhig. Die riesige Pranke des Türstehers wanderte auf sein Gesicht zu. Man hatte ihn erkannt – alles vorbei.

Er schloss die Augen, bereitet sich auf den Einschlag vor. Dann spürte er, wie man etwas von seiner Schulter pflückte. Verwirrt öffnete er die Augen, sah die Hand, die er gefürchtet hatte, mit einem kleinen Käfer zwischen zwei Fingern.

„Nanana, was haben wir denn da? Ein Grabkäfer!“, sprach der Riese mit tiefer, stark akzentuierter Stimme. Ein Grabkäfer? Der musste von der Blutsaugerin sein. Er war so auf seine Ziele fokussiert, dass er nicht bemerkte, wie sie ihm den unterschob. Mit dem Ding hätte sie seine Bewegungen verfolgen, ihm jederzeit auflauern können – sehr gefährlich. Der Riese ließ den Käfer auf den Boden fallen, zerstampfte ihn mit seinen Designerschuhen und wandte sich süffisant lächelnd dem Jäger zu. „Sie sollten besser auf sich achtgeben. Und denken Sie daran: Keine Kämpfe im Club, Mr. Braddock.“

Ein einzelner Schweißtropfen bildete sich auf Braddocks Stirn, glitt langsam kribbelnd über sein Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass der Türsteher durch seine Sonnenbrille exakt jener Stelle betrachtete, an der seine Desert Eagle ruhte.

Eine genervte Frauenstimme aus Richtung der Kasse unterbrach die Anspannung.

„Jaja, sehr beeindruckend Ayodele. Jetzt lass ihn endlich durch. Du hältst den ganzen Betrieb auf.“

Grinsend machte der Riese einen Schritt zur Seite und winkte Braddock mit einer theatralischen Geste durch.

„Zehn Euro!“, ertönte es zu Braddocks Seite.

Nein! Der Eintritt! Er hatte vergessen, dass man bezahlen musste. Hektisch kramte er sein Portemonnaie hervor. Darin lachten ihn einige Münzen an, doch die Scheine waren aus. Deprimiert pickte er Münze um Münze hervor, dabei förmlich das Augenrollen der Kassiererin hören könnend. Doch endlich war es geschafft. Die nächste Packung Zigaretten musste aber erst mal auf sich warten lassen.

Er reckte ihr die Hand entgegen, ließ die Münzen in ihre gut manikürten Finger fallen. Gerade war er im Begriff, sie wieder zurückzuziehen, da japste die Kassiererin. „Nah!“ Braddock erstarrte. Verwirrt sah er mit an, wie sie ein kleines Stempelchen erst auf ein Stempelkissen, dann auf seine Hand drückte. Sie nickte. Während er ins Innere schritt, betrachtete er seinen Handrücken – ein Pferd, wie lustig.

Braddock durchquerte einen dunklen Gang und erreichte endlich das innere Heiligtum dieses schwarzen Tanzpalasts. Mit seinen altertümlichen Säulen, den großen, bizarren Rüstungen und einem kompletten Deckenfresko von Füsslis Nachtmahr mutete der Club wie eine bizarre alte Kirche an, in der ein äußerst geschmackloser Innenarchitekt mit einem Fass voll schwarzer Farbe ausrutschte, das Elend dann mit reichhaltigem Golddekor abrundend.

Braddock ließ den Blick durch den Saal schweifen, auf der Suche nach seinen Zielen. Zur Linken

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sah er die Bühne und vor ihr bis ins Zentrum des Saals erstreckte sich die gut gefüllte Tanzfläche. Zur Rechten war die Bar. In den Ecken befanden sich freie Tische und eingelassene Alkoven. In der zweiten Etage vergnügten sich, verborgen hinter schweren Vorhängen, die VIPs in ihren separierten Lounges.

Der schwere elektronische Bass der Soundanlage ließ die Luft vibrieren. Hinter dem DJ-Pult verharrte eine Gestalt in einer glänzenden, schwarzen Uniform aus Lack und Leder, das Gesicht unter einer Gasmaske verborgen. Die Leute nannten ihn nur den Oberst. Ab und an bediente er die Regler des Pults, verharrte dann wieder Ehrfurcht gebietend, nur um kurz darauf die tanzende Menge mit militärisch-präzisen Gesten über die Tanzfläche zu dirigieren. Und zwischen den Tänzern sah er sie, Viktoria und Jezebel, so eng umschlungen, dass zwischen ihnen definitiv kein heiliger Geist mehr Platz hatte.

Da die beiden nicht aussahen, als würden sie die Tanzfläche so schnell verlassen, suchte Braddock sich einen leeren Tisch zur Rechten des Eingangs. Von hier hatte er alles im Blick. Jetzt hieß es wieder mal warten. Ganz automatisch griff er in eine seiner Jackentaschen, zog die zerknüllte Zigarettenpackung heraus. Da wurde ihm bewusst, dass man hier nicht rauchen durfte. War aber auch egal, denn aus der Pappschachtel lachten ihn nur noch ein paar Krümel Tabak an. Seufzend steckte er die Schachtel wieder weg.

Recht schnell wurde ihm bewusst, dass er eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zog. Hatte man ihn erkannt und sann auf Rache? Selbst wenn, wäre dies nicht der richtige Ort dafür. Im Nachtmahr waren Kämpfe verboten. Bei Zuwiderhandlung wurde es sehr ungemütlich. Er hatte vor Jahren mal die Überreste einer solchen Auseinandersetzung gesehen. Sein damaliges Ziel suchte mit seiner Clique Zuflucht im Nachtmahr. Und irgendwann haben sie Dummheiten angestellt. Wie genau die Sache geregelt wurde, wusste er nicht. Man hatte ihm nie Genaueres verraten. Doch er erinnerte sich noch sehr genau an das Blutbad, Körper die wie ein roter Hefeteig durch den ganzen Raum gehangen haben… ekelhaft.

Er bemühte sich das Bild in seinem Kopf abzustreifen, suchte Ablenkung. Sein Blick wanderte durch den Saal. Aus dem Zwielicht eines nahen Alkoven fokussierten ihn einige leuchtend grüne Augen mit geschlitzten Pupillen, deren Besitzer er nicht wirklich genauer sehen wollte. Am Nachbartisch war ein Pärchen – sie auf seinem Schoss sitzend – dabei, zu ergründen, wie tief sie einander ihr Zungen in den Rachen bohren konnten. Zumindest dachte er das, bevor diese den Blick des Jägers auf sich bemerkten, ihr Spiel unterbrachen und sich ihm zuwandten. Grinsend entblößten sie Reihen langer, spitzer Zähne, blutverschmiert und druchsetzt mit fleischigen Fetzen, die beide mit einem roten, feuchten Klumpen verband, über dessen Ursprung er nicht weiter nachdenken wollte.

Ja, man beobachtete ihn. Allerdings nicht als Cal Braddock den Jäger, sondern eher als generischer Mensch 537, Vorspeise. Im Nachtmahr hatte „vernascht werden“ noch eine etwas andere, sehr wörtliche Bedeutung. Sein Blick wanderte zur Bar.

Er sah eine junge, rotbelockte Frau, die hinter der Bar stehend ein Glas polierte. Sie unterhielt sich mit einem Mann in einem schicken Anzug, der bei einer Drehung des Kopfes gelbe Augen entblößte. Braddock erinnerte sich an ihn. Er war es, der fast von seiner „Verehrerin“ umgerannt wurde. Daneben saß eine dunkelhäutige Frau mit einem grellen punkigen Outfit und blauen Haaren, die immer mal einen Schluck aus ihrer Flasche nahm und ansonsten nur schweigend die Barfrau beobachtete. Vermutlich kannten sie sich. War aber auch egal.

Im Hintergrund dominierte das gut gefüllte Regal mit all seinen bizarren Flaschen und Phiolen die Bar. Hier konnte man so ziemlich alle weltlichen, überweltlichen und fragwürdigen Getränken und Substanzen erwerben – vorausgesetzt, man kannte die entsprechenden Codenamen. Man hatte dann doch noch genug Respekt vor dem Schleier nicht offen Blut auf der Getränkeliste zu führen. Seine Kehle war trocken. Ob sie auch Krümeltee verkauften? Aus der Jackeninnentasche gemahnte ihn das leere Portemonnaie, Gedanken an weitere Ausgaben zu unterlassen. Er musste auch bald neue Munition bei der Hammerfaust kaufen. Genervt ließ er sich in seinem Stuhl sinken, den Blick zur

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Decke gerichtet.

Die Zeit verging. Zwischendurch holten sich die beiden Frauen ein Getränk von der Bar, kehrten dann zurück auf die Tanzfläche. Die beiden ergingen sich wieder in ihrem verschwitzten Balztanz, als ein Typ sich ihnen langsam näherte und sie mit einem gierigen Blick antanzte.

Der kam Braddock bekannt vor: geschmackloser Anzug, schmierige Haare, vernarbtes, unrasiertes Gesicht und ein Blick der sagte: „Lass mich nicht allein mit Frauen und Kindern in einem Raum“ – Michael Hochleben, der abgebrannteste Magier Schwarzburgs. Er beherrschte das absolute Minimum, um diesen Teil der Stadt betreten zu können, verkaufte seine Dienste an ziemlich dubiose Gruppen, um den Lohn dann für ziemlich weltliche Drogen auf den Kopf zu hauen. Braddock ist schon mehrfach im Verlauf seiner Fälle mit ihm aneinander geraten. Hochleben war so eine Gestalt, die zu unwichtig war, um ihr einfach das Licht auszublasen – speziell da einige Gruppen durchaus Interesse an seinem Überleben hatten – aber doch verdorben genug, dass man ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Scheiße aus dem Leib prügeln wollte.

Braddock erinnerte sich daran, wie er ihm einige seiner Narben verpasst hatte. Er lächelte kurz. Dann wurde ihm jedoch bewusst, dass der Idiot seine Ermittlung behindern konnte. Indessen hatten die Frauen aufgehört zu tanzen. Viktoria keifte den Schleimbolzen an und – das suggerierten ihre Gesten – bot ihm höflich an, seine Narbensammlung zu erweitern. Doch wenn Hochleben über eine Fähigkeit verfügte, dann war es Penetranz. Dümmlich grinsend packte er Viktoria. Sie verpasste ihm eine Ohrfeige und kurz schien es, dass eine schwaches Leuchten durch ihre Hand glitt, das jedoch schnell wieder abklang. Bingo! Das war definitiv Magie. Vermutlich konnte Hochleben froh sein, dass hier keine offenen Kämpfe erlaubt waren, sonst wäre das sicher böse ausgegangen. Derweil hatte der Oberst von der Bühne seinen Blick auf die Gruppe gerichtet. Er hob den rechten Arm, zeigte auf sie, woraufhin die Menge ihren euphorischen Tanz unterbrach und sich zu den drei umdrehte. Man kannte Hochleben und wusste, dass es mal wieder Zeit für die übliche Behandlung war. Einige bullige Gestalten packten den protestierenden Schmierling und zerrten ihn in eine dunkle Ecke. Er würde die Nacht überleben, aber vermutlich einige Tage nicht mehr aufrecht gehen können. Braddock seufzte erleichtert – Glück gehabt.

Die Menge widmete sich wieder dem Feiern. Jezebel bemühte sich, die sichtlich erboste Viktoria zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Nach einer kurzen Diskussion griff die blonde Frau Jezebel und zog sie eiligen Schrittes aus dem Saal. Das war der Moment, auf den er gewartet hatte. Er erhob sich von seinem Stuhl und begann den beiden unauffällig zu folgen.

Die Verfolgung führte durch die nächtlichen Straßen Tuganfurts. Wenn man nicht wusste, was hier wirklich vor sich ging, hätte man es für ein generisches Segment einer deutschen Kleinstadt halten können. Ab und an fuhr ein Auto vorbei; im Licht der Straßenlampen sah man eine Gruppe Feiernder mit Flaschen in der Hand. In den alten Fachwerkhäusern brannte vereinzelt Licht. Weder die beiden Frauen noch Braddock zogen jedoch Aufmerksamkeit auf sich. Die Bewohner des Stadtteils waren entweder nicht hungrig oder schon andernorts zugange.

Nach einigen Abzweigungen in diverse Seitenstraßen und Gassen endete die Reise in einer Sackgasse. Die beiden Frauen stoppten vor einem recht schäbigen Haus. Jezebel wirkte irritiert. Doch Viktoria nahm sie an ihren Händen, schaute ihr tief in die Augen und küsste sie zärtlich. Das schien ihre Zweifel zu zerstreuen. Während die beiden im Hauseingang verschwanden, seufzte Braddock genervt. Psychopathen waren immer die, auf die die meisten Menschen reinfielen.

Mit schnellen Schritten näherte er sich dem Haus drückte sich gegen die Wand. Über sich bemerkte er, wie in einigen Fenstern das Licht anging. Er griff in seine Jacke, zog die Waffe hervor – jetzt würde er sie brauchen. Durch den Hauseingang würde er nicht kommen, da er keinen Schlüssel hatte und das Aufbrechen der Tür zu laut wäre. Darum schlich er um das Haus durch ein offenes, verrostetes Eisentor in einen verwilderten, kleinen Hof.

Da das Licht der letzten traurigen Straßenlampe in dieser verlassenen Sackgasse seinen Weg nicht bis in den Hof fand, musste Braddock selbst Abhilfe schaffen. Er hob die linke Hand in die Luft,

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ballte sie zur Faust, öffnete sie wieder. Aus seiner Handfläche entstieg ein kleines, blaues Flämmchen, das sich in die Luft erhob und ihm fortan folgte. Früher hatte er Taschenlampen benutzt. Doch die waren zu unpraktisch: brauchten Batterien, waren unhandlich und man konnte sie nicht schnell genug abschalten. Darum hatte er diesen Trick mit dem Irrlicht entwickelt. Das brauchte keine Energie, folgte ihm automatisch und er konnte die Helligkeit nach Bedarf regeln. Ja, Magie konnte sehr nützlich sein. Er dachte an die beiden Frauen im Haus, an das, was Jezebel wohl bevorstand. Magie war aber auch sehr gefährlich.

Schnellen Schrittes tänzelte er um die im blauen Licht auftauchenden Eisenabfälle, die jemand in den Hof gekippt hatte. Irgendwie musste man doch in das Haus kommen. Einige weitere schnelle Sprünge und eine Drehung – da! An der Seite der Hauswand führte eine kleine Treppe zu einer Kellertür. Leise und unauffällig huschte er hinunter, berührte vorsichtig die alte Tür. Sie war offen – ein Versäumnis oder eine Falle? Er hatte nicht viele Optionen, darum nutzte er die Möglichkeit, die sich ihm bot.

Unverputzte, beschädigte Backsteinwände erwarteten ihn im Inneren. Ein enger Flur führte tiefer ins Gebäude, zu den Seiten kleine Kellerräume. Mit der Waffe im Anschlag schlich er vorsichtig voran, ließ das Licht mal hierin, mal dorthin fliegen, um die Lage zu prüfen. Sehr zu seiner Verwunderung gab es hier nicht die Spuren, die er erwartet hatte. Keine Toten, keine komischen Gerüche. Lediglich Staub und ein wenig Moder lagen in der Luft. In den Seitenräumen harrten ein paar zerstörte Holzkisten und Ziegelsteine der Ewigkeit.

Doch da erregte etwas am Boden seine Aufmerksamkeit, kaum sichtbar, von einer dicken Staubschicht bedeckt – ein Siegel. Er studierte die Linien, die Zeichen – definitiv magisch, vermutlich eine Falle. Allerdings war es schlampig gezeichnet, der Farbe nach mit Kreide oder – was naheliegender war – mit Knochenmehl.

Er lächelte, hockte sich vor das Zeichen, holte Luft und blies vorsichtig ein Stück des Außenkreises weg. Es gab Gründe, warum man Siegel mit Blut zeichnete. Oftmals ging es nicht mal um besondere Energien oder Opfergaben. Blut ließ sich einfach ausgesprochen schlecht wegwischen. Ein guter Edding tat es zur Not aber auch.

Magie war mächtig, aber sie erforderte viele Formalitäten; sie war gewissermaßen die kosmische Bürokratie, sehr deutsch in ihrem Wesen. Du zeichnetest ein Siegel der Vernichtung – sehr mächtig. Doch eine einzelne Linie saß nicht richtig und schon war das Ding nur noch ein besseres Graffiti.

Er ging weiter, verließ die Kellerräume und erreichte den Flur mit seinem Treppenhaus. Vorsichtig erklomm er die Stufen, um ja nicht das alte Klischee von der knarzenden Holztreppe zu beschwören. Im Erdgeschoss war eine einzelne, verschlossene Tür.

Als er sich dagegen lehnte, hörte er leise Stimmen, Gekicher, von der anderen Seite. Da drin waren sie, doch so einfach würde es nicht werden. Die Tür sah seltsam aus, unpassend neu und wuchtig für diese Ruine. Als er die Hand auf das Holz legte, spürte er sogleich ein starkes Kribbeln, das seinen Arm hinauf wanderte. Er zog die Hand zurück – Schutzmagie. Es wäre sicher möglich gewesen, den Raum zu stürmen. Das hätte aber Chaos und unvorhersehbare Folgen nach sich gezogen. Und er wusste nicht, wie mächtig seine Gegnerin war. Darum wollte er seine Erkundung fortsetzen, in der Hoffnung erst einmal Beweise zu finden, vielleicht einen Ritualraum – ein perfekter Ort für einen Hinterhalt.

Vorsichtig schlich er in die erste Etage. Ein weiterer Eingang erwartete ihn, diesmal jedoch ohne Tür. Dahinter lagen die baufälligen Räume einer verlassenen Wohnung, eine handvolle vermoderte Möbel, viel Staub und Schutt – nichts von Interesse. Aber da lag etwas in der Luft, ein ekelhaft-süßer Geruch – Verwesung. Der Gestank war in der Nähe eines Lochs in der Decke am stärksten, schien von oben zu kommen.

Er kehrte in den Flur zurück, ging in die zweite Etage. Ja, hier oben war er richtig. Ein großer Raum breitete sich vor ihm aus – der Dachboden. Der Raum war groß, zu groß um etwas zu erkennen. Darum ließ er die Flamme etwas stärker aufleuchten, wollte es aber nicht übertreiben. Man wusste ja nie.

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Am einen Ende des Raums fand er einen eigentümlichen Tisch, auf dem etwas unter einem Laken ruhte. Ein Altar? Er betrachtete die nahen Schränke, fand darin allerlei Werkzeuge, Flaschen, Gläser mit darin schwimmenden Organen, Ritualgegenstände… und ein teures Parfüm? Es war kein Altar, eher eine Werkbank. An der Seite stand eine große Pinnwand. Darauf befanden sich Fotos von Frauen, daneben Anmerkungen zu Körperteilen und ritualistische Details, Charaktereigenschaften. Einige Fotos hingen abseits, wurden durchgestrichen und gemeinsam mit einem Pin befestigt. In der Mitte jedoch starrten Braddock vertraute Gesichter an – die verschwundenen Frauen und Jezebel.

Er hatte es ja bereits geahnt. Dennoch war es noch einmal etwas anderes, einen Verdacht so hart bestätigt zu sehen. Er wandte sich dem Tisch zu, zog das Laken herunter. Er zuckte kurz zusammen, sammelte sich aber schnell wieder. Vor ihm ruhte eine nackte, menschliche Gestalt, eine Frau, mit groben Nähten zwischen einzelnen Körperteilen, gleich einer lebensgroßen, überaus verstörenden Puppe. Sie war offensichtlich aber noch nicht fertig, denn der Bauchraum war noch offen und auf dem Rumpf prangte kein Kopf. „Jezebel!“, dachte Braddock beunruhigt.

Ein seltsamer Geruch ging von der Figur aus, krautig und süß zugleich? Nicht das, was er von unten roch. Ja, die Gerüche passten nicht einmal zusammen. Sich an die Dinge im Schrank erinnernd, schloss er, dass es sich um Balsamierungsflüssigkeit und Parfüm handelte – das eine praktischer und das andere vermutlich sentimentaler Natur. Tatsächlich befand sich der Körper vor ihm in ausgesprochen gutem Zustand, sah von der grauen Farbe abgesehen bemerkenswert lebendig aus.

Von hier ging der Verwesungsgeruch also offensichtlich nicht aus. Er suchte weiter, bemerkte rotbraune Spuren am Boden, die in die andere Hälfte des Dachbodens führten. Der Geruch wurde stetig stärker. Er atmete durch den Mund. Da erschienen Umrisse am Rand des Lichtes – Arme, Beine, Torsi. Umringt von Leichenteilen hockte er sich hin, untersuchte die verwesenden Körper, die sich in ausgesprochen unterschiedlichen Stadien des Verfalls befanden: einige fast mumifiziert, einige noch recht frisch. Das waren wohl die Teile, für die Viktoria keine Verwendung hatte. Nun wusste er alles. Er musste eingreifen, damit Jezebel nicht als Krönung jener Abscheulichkeit auf dem Tisch endete.

Betroffen schüttelte er den Kopf und erhob sich wieder, wandte sich um, um zu gehen. Irgendwas war an diesen Körper jedoch seltsam. Sie waren zerteilt und offensichtlich verwest. Dennoch gab es hier keine Insekten. Stirnrunzelnd versuchte er das fehlende Teil zu finden. Er hatte das schon mal gesehen. Da fuhr ihm die Antwort mit Schrecken ins Gehirn: Totenbeschwörer präparierten ihre lebenden Toten gern in einer Weise, dass sie Insekten abstießen, die den Körper beschädigten und den Magier störten!

Hinter ihm polterte und scharrte es. In einer wilden Drehung richtete er die Waffe auf den Leichenstapel, als eine vertrocknete Mumie ohne Arme auf ihn zu stapfte und in einer ungelenken Bewegung nach ihm biss. Glücklicherweise war die Kreatur kaum imstande sich zu bewegen, so dass Braddock dem Angriff mit einer schnellen Bewegung ausweichen konnte. Die Mumie biss ins Leere und stürzte polternd zu Boden.

Eine einzelne Hand ohne Fingerspitzen näherte sich ihm von links, von rechts kam die blutverkrustete Leiche einer Frau ohne Unterkiefer. Im Hintergrund konnte er erkennen, wie alle Toten sich bewegten und, sofern sie dazu noch imstande waren, sich erhoben. Man griff, schlug und biss nach ihm und es wurde zusehends schwerer den Angriffen auszuweichen.

Als der aufgerissene Schlund einer Toten vor seinem Gesicht erschien, ergriff ihn die Panik und er schoss. Die Kugel zerfetzte den verwesten Kopf, verteilte weiträumig Knochensplitter und Schleim. Das war ein dummer Anfängerfehler – der Körper wankte kurz, griff dann erneut an – ein ganz dummer Anfängerfehler. Die lebenden Toten ließen sich nicht durch bloße Gewalt aufhalten. War das tote Fleisch einmal erweckt, dann musste man es komplett zerstören oder die Magie entziehen.

Ein beinloser Torso, der sich über den Boden zog, griff nach seinen Knöcheln. Als Braddock versuchte sich zu befreien, nutzte eine andere Tote die Gelegenheit und packte seinen Arm, ließ die verwesenden Zähne mit einem knackenden Kiefer durch den Stoff der Kleidung in sein Fleisch fahren. Die lebenden Toten hatten immense Kräfte. Sie spürten keinen Schmerz und so konnten sie

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die gesamte physikalisch mögliche Kraft in jede Bewegung legen, auch wenn sie dabei ihren Körper beschädigten. Und ein Biss war ganz schlecht. Auch wenn diese Toten nicht wie in der Popkultur gern vorgegeben einen Untoten-Virus auf ihn übertrugen, so war der Biss einer Leiche doch extrem giftig, entzündete sich nach kürzester Zeit.

Das Adrenalin hielt den Schmerz zurück. Dieser Zustand würde aber nicht lang anhalten. Da er sich nicht aus dem Griff der Toten befreien konnte, nutzte er den aufgebrachten Zustand seines Körpers, sammelte seine Wut. Es bildete sich eine Aura blauen Feuers einen Zentimeter über seiner Haut, wurde greller und wilder und entlud sich letztlich in eine flammenden Druckwelle. Die Leichen wurden in Brand gesteckt und in alle Ecken des Raums geschleudert.

Keuchend versuchte er seine Kräfte zu sammeln. Das leitende Feuer war zu einem feinen Glimmen verkommen, als er mit hängendem linken Arm wieder nach unten gehen wollte. Gehen fiel ihm schwer; er musste sich konzentrieren. Ein Schritt, dann noch ein Schritt – alles war gut. Er musste Jezebel helfen. Noch ein Schritt und noch einer – er konnte Viktoria nicht gewinnen lassen. Einfach runtergehen und ihr eine Kugel verpassen. Der nächste Schritt ging ins Leere.

Im Fallen dachte er an das Loch, das er vorher gesehen hatte. Er stürzte in die untere Etage, zerbrach durch seine Wucht splitternd den Boden und schlug mit einem lauten Scheppern in einer kleinen Küche auf. Seine Sicht verschwamm unter den Schmerzen. Er sah Viktoria, die panisch in den Raum stürmte, erst ihn anschaute, dann nach oben blickte und hinaus stürzte – dann Schwärze.

Eine penetrante Musik weckte ihn. Er sah das schwache Tageslicht, das sich seinen Weg durch die schlierigen Dachfenster bahnte. Wie lang war er weggetreten? Ein höllischer Schmerz fuhr durch seinen linken Arm. Als er ihn betrachten wollte, bemerkte er jedoch, dass er sich nicht regen konnte. Man hatte ihn an einen Stuhl gefesselt. Er blickte sich um, sah Viktoria, die mit Nadel und Faden an ihrer Schöpfung herumwerkelte, dabei fröhlich mit den stupiden Klängen mitsingend, die aus dem Smartphone auf der Theke dröhnten. Neben dem Schallerzeuger lagen seine Jacke, seine Waffe und sein Portemonnaie.

Er blickte zur anderen Seite des Raumes, wo seine Ermittlungen durch seine eigene Dummheit eine unangenehme Wendung genommen hatten. Im Zentrum prangte ein schwarzer Fleck, in den Ecken lagen verkohlte Überreste. Es roch nach verbranntem Holz… und nach Blut, frischem Blut. Neben der Werkbank lag ein nackter, blutiger Körper ohne Kopf. Diese Wahnsinnige hatte sich nicht mal mehr die Mühe gemacht, die Überreste wegzuräumen.

Gleichermaßen aus Schmerz wie auch aus Frustration entwich ihm ein lauter Seufzer. Diesen bemerkte Viktoria. Sie schaute auf, lächelte und tippte auf das Smartphone, woraufhin zumindest diese entnervende Musik ein Ende fand.

„Ah, du bist endlich wach, Herr Braddock. Hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Deine kleine Aktion mit dem Sprengsatz hier oben hätte fast mein ganzes Projekt ruiniert. Zum Glück konnte ich die Flammen noch schnell genug löschen.“

Sprengsatz? Ihr war nicht bewusst, dass er ein Magier war. Hatte vermutlich nicht das zweite Gesicht. Das könnte seine Chance sein. Doch er musste erst wieder zu Kräften kommen. Er lächelte.

Da verwandelte sich ihr fröhliches Lächeln in eine bösartige Fratze. Sie schnappte sich ein Skalpell, stürmte zu ihm herüber, packte ihn an den Haaren und drückte die Klinge gegen seine Kehle.

„Was gibt es da so dumm zu grinsen?! Du hast hier nicht dumm zu grinsen! Das ist meine Party und du bist nicht eingeladen! Wer hat dich auf mich angesetzt?! Rede!“

Die Klinge verletzte seine Haut; ein Blutstropfen rann seine Kehle hinab. Plötzlich klingelte ihr Telefon. Sie wandte sich kurz um, fauchte dann wieder Braddock an: „Ist auch egal wer dich geschickt hat. Du hast eh nicht mehr lange.“ Daraufhin rammte sie ihm mit einem schnellen Stoß das Skalpell in den verletzten Arm. Seine Sicht verschwamm erneut. Er keuchte.

Viktoria eilte beschwingten Schrittes zum Smartphone, blickte mit einer erhobenen Augenbraue auf das Display und nahm dann ab.

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„Hi Pappi! Ja, mir geht es gut. Hab es gestern nicht mehr nach Hause geschafft. Ja! Ich bin bei meinem Anatomiekurs. Ja! Ich kommen bald Heim. Bist der Beste! Ciao-i!“

Genervt haute sie das Smartphone auf die Theke, nahm wieder Nadel und Faden und arbeitete weiter. Braddock spürte die Klinge, das warme Blut das aus der Wunde seinen Arm hinab rann. Gute Nacht…

Ein fester Schlag in sein Gesicht ließ ihn aus seinem Delirium erwachen.

„Wach auf, Fleischsack! Es ist Zeit!“

Kerzenlicht erfüllte den Raum, auf dem Boden lag der zusammengenähte Körper, der durch Jezebels Kopf komplettiert wurde, in einem großen magischen Kreis – genauer in zwei Kreisen. Braddock betrachtete die Zeichnungen. Der innere Zirkel diente der Belebung, der äußere mit seinen Runen der Kontrolle. Er lachte, denn sie hatte wieder mit ihrem weißen Puder gemalt. Er wandte sich der Hexe zu.

„Warum?“

Verwirrt blickte sie von ihrem Buch auf.

„Warum was?“

Er deutete den Schwenk seines Kopfes an.

„Das alles. Soviel Elend… Wofür?“

Sie blätterte weiter.

„Wofür? Ist doch offensichtlich. Für die Liebe! Aber ein Kerl versteht sowas natürlich nicht.“

Er runzelte die Stirn.

„Willst du mich verarschen? Ich bin halb tot aber nicht dämlich. Hier muss es um mehr gehen. Rufst du irgendeinen alten Gott in die Welt, erweckst eine alte Macht?“

Sie kicherte, hielt das Buch mit der Linken vor sich.

„Alter Gott… Wobei man schon von einer Göttin sprechen könnte! Vor dir siehst du meine zukünftige Freundin, meine absolute Traumfrau – zusammengesetzt aus den besten körperlichen und charakterlichen Eigenschaften. Ist sie nicht wunderschön? Und am besten ist, dass sie mir absolut treu sein wird!“

Sie machte eine Drehung um sich selbst. Es ging um Kinderreihen, nicht mal etwas ernstes.

„Und warum lebe ich noch? Willst du deinen Narzissmus befriedigen, indem ich zuschauen darf? Stichst du mich danach ab?“

Ohne von ihrem Buch aufzublicken, bemerkte sie: „Nein. Sie wird hungrig sein, wenn sie erwacht. Du bist ihre erste Mahlzeit.“

Die Situationen, in denen man ihn fressen wollte, häuften sich in letzter Zeit auf unangenehme Weise. Glücklicherweise hatte sie ihm einen Premium-Sitzplatz verschafft – exakt neben dem Zirkel.

Viktoria begann die Rezitation ihres Zaubers. Das Buch in der Linken und die Rechte flach in Richtung des Körpers erhoben, sprach sie Silbe um Silbe ihres verdorbenen Zaubers. Braddock bemerkte die stickig, verwesende Aura der schwarzen Magie, die sich im Raum breitmachte.

Als der Spruch seinen Höhepunkt erreicht hatte, bildete sich über ihrer Hand eine kleine, schwarze Flamme, die in der Luft schwebte. Jetzt war sie abgelenkt. Mit einer schnellen Bewegung seines Fußes verwischte er eine kleine Ecke eines Zeichens, welches er gerade so mit der Schuhspitze erreichen konnte – Graffiti.

Die kleine Flamme war indes gewachsen, löste sich mit den letzten Worten des Spruchs aus ihrer Hand und glitt wabernd zu dem toten Körper hinüber, verschwand langsam in dessen Brust. Es zeigte sich ein leichtes Zucken, erst in den Fingern, dann in den Beinen. Plötzlich bäumte sich der ganze Körper in einem wahnsinnigen Krampf brückenhaft vom Boden auf, einen markerschütternden Schrei aus seiner Kehle pressend und einen Luftstoß durch den Raum sendend, der alle Kerzen löschte.

Viktoria hatte offensichtlich nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet und wich, das Buch

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umklammernd, einige Schritte zurück. Die Kreatur entspannt sich, bewegte die Arme und die Beine, setzte sich aufrecht hin. Mit verwirrtem, traurigen Blick schaute sie sich um, rieb sich die Augen, gleich einem Kind, das man unsanft und plötzlich seiner Wiege entrissen hatte.

Braddock hatte schon gesehen, wie jemand die Toten erweckte. Doch das hier war anders. Das Gesicht der Kreatur wirkte viel zu menschlich, von Schmerz erfüllt. Die Wahnsinnige musste es geschafft haben, nicht nur den Körper zu beleben, sondern auch eine Seele aus der ewigen Ruhe zu reißen und in diese leblose Hülle zu stopfen. Der Schmerz in den Augen des Monsters machte plötzlich Sinn, doch Braddock wollte nicht zu sehr darüber nachdenken, wie es sich wohl anfühlte, aus dem Jenseits herausgerissen zu werden.

Viktoria hatte das Buch beiseite gelegt, schritt nun vorsichtig auf ihre Schöpfung zu und streckte ihr die Hand entgegen.

„Na komm. Alles ist gut.“

Das Monster griff vorsichtig ihre Hand, erhob sich vom Boden. Unsicher blickte es sich um, während Viktoria es sanft in ihre Arme schloss, zärtlich über die schwarzen Haare strich.

„Fast! Nur noch ein bisschen!“, dachte Braddock, der die ganze Zeit seine letzten Kräfte sammelte, um endlich das verdammte Seil durchbrennen zu können. Erste Funken bildeten sich zwischen dem Seil und seiner Hand.

Das Wesen hatte sich beruhigt, blickte nun mit milchigen Augen in Viktorias liebevoll lächelndes Gesicht. Die Hexe strich ihrer Schöpfung sanft über die Wange.“

„Jetzt werden wir immer zusammen sein.“

Viktoria schloss die Augen, näherte sich dem Gesicht des Wesens und küsste es zärtlich. Das Wesen erwiderte die Geste. Derweil kämpfte Braddock mit seinen Kräften, fühlte sich wie ein Feuerzeug, das man einfach nicht vernünftig entzünden konnte – schnipp, schnipp, schnipp. Das Bild der Hexe, die ihre Zunge in ihrer Leichenfreundin versenkte, war auch nicht gerade hilfreich.

Plötzlich packte das Monster die Hexe sehr energisch. Sie tat es ihm gleich. Doch dann riss sie die Augen auf; ein erstickter Schrei entstieg ihrer Kehle. Blut rann aus ihrem Mund, während sie versuchte, sich zu befreien – erfolglos. Das Monster hatte sich in ihrer Zunge verbissen, zerrte an ihr, so dass sich langsam Fleisch und Sehnen aus der kreischenden Frau lösten. Blut sprudelte aus ihrer Kehle, die Augen verdrehten sich und sie wurde bewusstlos, als die Kreatur mit einem kräftigen Ruck ihre Beute aus dem Körper riss. Die Hexe brach in ihrer eigenen Blutlache zusammen, als die Kreatur begann ihre Zunge zu verspeisen. Dann ging sie auf die Knie und widmete sich den Resten. Zerriss die Kleidung, zerfetzte die Bauchhöhle und zerrte die warmen Eingeweide heraus.

Das war jetzt der Moment, an dem Braddock sich endlich befreien musste. Irgendwann wäre er der nächste auf dem Speiseplan gewesen. Er blickte seinen Schoß an, um sich beim Anblick das Massakers nicht übergeben zu müssen. Und endlich schaffte er es, eine Flammen zu erzeugen. Während im Hintergrund die Kreatur schmatzte, stieg ihm der Geruch des verbrannten Seils in die Nase. Der Strick löste sich, fiel zu Boden und erlaubte ihm wieder eine freie Bewegung. Als er aufsprang bemerkte er jedoch, dass er nur noch wenig Kraft in seinem geschundenen Körper hatte. Er stürzte zu Boden, musste sich sammeln. Dann erhob er sich langsam, humpelte zu seiner Ausrüstung herüber.

Die Kreatur hatte den Lärm bemerkt und beobachtete ihn kauend – zu seiner Verwunderung jedoch eher neugierig als aggressiv. Er zog die Jacke an, steckte Pistole und Portemonnaie ein. Jetzt blieb nur noch eine Sache zu tun. Die Kreatur musste zerstört werden. Langsam schritt er auf sie zu, während sie ihn aus ihren hellen Augen beobachtete und sich weiter ihrer Mahlzeit widmete. Er fokussierte seine letzten Kräfte, ließ seinen rechten Arm in blauem Feuer aufgehen.

Das Monster schien verwirrt, drehte den Kopf auf die Seite. Er erinnerte sich an das Buch, ergriff es mit der Rechten, woraufhin das finster Machwerk in Flammen aufging und den Tisch in Brand steckte. Plötzlich wurde die Kreatur von einem Ruck der Erkenntnis erfasst. Mit weit aufgerissenen Augen begann sie schreiend auf allen Vieren rückwärts in eine Zimmerecke zu kriechen.

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„Angst vor Feuer – ein Klassiker.“, dachte sich Braddock und schritt zu der Kreatur hinüber. Diese kauerte wimmernd in ihrer Ecke, die Arme schützen um ihre Knie gewunden. Sie starrte den brennenden Tisch an. Seinen Arm beachtete sie nicht. Musste wohl an der Farbe liegen. Er machte sich bereit sie zu erlösen, betrachtet das verängstigte Ding. Er sah in Jezebels angstverzerrtes Gesicht und zögerte. Für die ersten Opfer kam er zu spät. Doch sie hätte er retten können. Sie starb durch seine Unfähigkeit. Hatte er jetzt, da sie eine zweite Chance erhalten hatte, das Recht, ihr diese zu nehmen? Er blickte die zerfetzten Überreste der Hexe an und seufzte: „Zu viel Zeit, zu viel Geld, zu viele Möglichkeiten – fatale Mischung.“ Das Feuer auf seinem Arm erlosch. Kopfschüttelnd dreht er sich um und floh aus dem Haus, das zunehmend vom Rauch des sich ausbreitenden Feuers gefüllt wurde.

Er stürmte aus der Haustür, bemerkte jetzt, dass er seinen linken Arm nicht mehr spürte. Dann hörte er das Splittern eines Fensters von der anderen Seite des Hauses. Vielleicht verlief ihr zweites Leben einfacher. Wem machte er etwas vor? Es war nie einfach – vor allem nicht in Schwarzburg.


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